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Frühere "Süss&Sauer"

© Foto OnlineReports
Peter Achten, geboren 1939 in Basel, lebt und arbeitet in Peking (Beijing). Er ist seit 1967 journalistisch tätig. Seine Karriere begann er bei "National-Zeitung" und "Basler Nachrichten" als Lokalredaktor, arbeitete später als Radio-Korrespondent aus Madrid. 1974 wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er Produzent/Moderator der "Tagesschau" und Mitglied der Chefredaktion wurde. Mit Sitz in Beijing, Hanoi und Hongkong arbeitete Achten ab 1986 als Fernost-Korrespondent für Schweizer Radio DRS sowie verschiedene Schweizer Tageszeitungen. Zwischen 1990 und 1994 war er in Washington USA-Korrespondent für SF DRS. Seit 1997 ist Peter Achten Asienkorrespondent für SR DRS sowie für Ringier-Titel und Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "China International Business". Spektakulär waren seine Radio-Reportagen während des blutig niedergeschlagenen Volksaufstands im Frühjahr 1989 und des Massakers auf den Tiananmen-Platz in Beijing.
peter.achten@srdrs.org
(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.) |
Die Spiele
Es werden die grössten, besten, stressigsten, verrücktesten, grünsten, perfektesten, saubersten, schönsten, zivilisiertesten, sportlichsten, globalisiertesten, buntesten, rauchfreisten, glücklichsten, diszipliniertesten, umweltverträglichsten, schnellsten, billigsten, teuersten, mediatisiertesten, wärmsten, heissesten, umweltschmutzigsten, gedoptesten, werbewirksamsten, verkommerzialisiertesten und chinesischsten Olympischen Spiele sein, welche die Welt je gesehen hat.
Widersprüche? Merke: Asien und zumal China funktioniert nicht wie Europa nach dem Prinzip "Entweder-Oder", sondern eher nach dem flexiblen "Sowohl-Als-Auch".
Und überhaupt: China ist der Welt schliesslich etwas schuldig. Denen zeigen wir es - so heisst mehr oder weniger die Pekinger Devise, denn wenn China schon nicht die Olympischen Spiele erfunden hat - das waren ja die barbarischen Griechen - so wird China zumindest sämtliche Olympischen Spiele der letzten zweitausend Jahre übertrumpfen. Und zwar bei weitem. Punkt.
Schon jetzt, rund 400 Tage vor dem völlig überflüssigen Mega-Ereignis, hat man in Peking den Eindruck, dass die Eröffnung im Vogelnest-Stadion (Sie wissen schon: Herzog&deMeuron, und ohne Volksabstimmung) unmittelbar bevorsteht. Lange genug hat sich Peking, angeführt von der allmächtigen Kommunistischen Partei und im Schlepptau das Chinesische Olympische Komitee, untertänig für die Spiele beworben. Nach einer deftigen - wohlverstanden unverdienten - Niederlage gegen das australische Sydney 2000 hat es dann endlich geklappt. Die roten Mandarine haben das Blaue vom Pekinger Himmel versprochen und bei der letzten Inspektionstour des Internationalen Olympischen Komitees im winterlichen Peking vor der Vergabe der Spiele im Februar 2001 die Fabriken abgestellt (Luftverschmutzung) und die grauen Rasenflächen zwischen den Durchgangsstrassen mit grüner Farbe bespritzen lassen ("grüne Spiele"). Doch der Pekinger Himmel ist nur selten blau, zumal im schwül-heissen Sommer, sondern meist grau, gelb, vergilbt.
Im August 2008 freilich wird alles paletti sein. Blauer Himmel, frische Luft (Fabriken seit Wochen ferienhalber stillgelegt), grüne Spiele, Mitmachen ist wichtiger als siegen, doch siegen ist noch wichtiger als verlieren. Schon des Geldes wegen.
Genug der Häme. Nur noch dies: Die Pekinger Meteorologen, in der Regel sehr akkurat bei den Vorhersagen, haben bereits jetzt versprochen, während der Olympischen Sommerspiele täglich nicht nur das Wetter zu prognostizieren, sondern gleichzeitig den Athletinnen und Athleten auch eine Hitzschlag-Warnung mit auf den Sportplatz zu geben.
Wetterprognose mit Hitzschlag-Warnung, da könnte nicht mal Bucheli National - da in der Schweiz selten warm - auf SF1 helfen. Doch vielleicht könnte es der abtretende Fernsehdoktor auf SF2 richten?
red. - Mit dieser Kolumne endet nach 78 Folgen die "Süss&Sauer"-Serie. Nach der Sommerpause wird an gleicher Stelle eine Kolumne von Peter Achten unter neuem Titel erscheinen.
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Leserbrief-Regeln
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Ein Nachruf
Für einmal muss ich mich selbst zitieren. Am 6. Dezember 2004 hob eine "Das Rad" betitelte "Süss&Sauer"-Kolumne so an: "Die Sumerer schon haben 3'500 Jahre vor unserer Zeit das Rad erfunden. Für einmal waren es nicht die Chinesen. Doch das ist Anno Domini 2004 unerheblich". So war es vor zweieinhalb Jahren. Und so ist es heute, wir wir noch sehen werden, erst recht. Die Kolumne endete damals mit der Drohung: "So wird denn wohl, noch vor das laufende Jahrzehnt zur Neige geht, ein Nachruf auf den letzten Velofahrer fällig. In dieser Kolumne. Im Jahre 2008".
Aus triftigem Grund ist der Nachruf bereits jetzt fällig. In China nämlich geht eben alles ein wenig schneller. Jene, welche diese Kolumne regelmässig lesen, wissen, dass ich ein passionierter Radfahrer bin und täglich bei Regen, Sonne, Schnee, Wind, Kälte, Wärme oder sonst einem Hudelwetter in Peking unterwegs bin. Ich bin notabene nicht der nachzurufende letzte Velofahrer. Denn in Chinas Hauptstadt pedale ich noch immer mit Zig-Tausenden durch die Strassen. Doch zugegeben sei: Es wird jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche, ja täglich, stündlich schwieriger. Die schönen breiten Fahrradwege sind Vergangenheit, denn jetzt quillt die Autoflut in die Fahrrad-Domäne über. Kurz, die Velofahrer werden langsam aber sicher verdrängt. Obwohl, obwohl ... noch immer sind wir in Peking weit über sechs Millionen Velofahrer gegenüber knapp drei Millionen Autos. Aber eben, Autos brauchen mehr Platz und sind ganz einfach trendig. Und da unterscheiden sich Chinesen und Chinesinnen nicht sehr von den Europäern. Das Trendige muss her, koste es, was es wolle, und ohne Rücksicht auf Verlust. Verlust in diesem Falle vor allem von Velofahrern.
Da Peking für die Olympischen Spiele 2008 der Welt gut geordnete Verkehrsverhältnisse präsentieren will, müssen die Verantwortlichen natürlich durchgreifen. Beim Durchgreifen, wer wüsste es nicht, trifft es immer die Schwächeren. Und im Verkehr sind das nun mal die Velofahrer. Nur eben, im Unterschied zur Schweiz und Europa, wo das Fahrrad meist als Sport- und Spassgerät genutzt wird, brauchen es hier in China noch die meisten als Transportmittel. Dass die chinesische Verkehrspolizei das Velo jetzt als grosses Verkehrs-Hindernis bezeichnet, ist darum nun doch ein starkes Stück.
Ganz offensichtlich kennen die Genossen Polizisten weder die Geschichte des Fahrrads in China, noch sind sie fähig - wie es die Partei eigentlich fordert -, dialektisch zu denken. Nun ja, kein Wunder, führt doch die Partei das "kommunistisch" zwar immer noch im Namen, pflegt aber ansonsten Kapitalismus von der brutalsten Sorte.
Das Fahrrad in China war bis 1940 ein Gerät, das ausschliesslich von Ausländern und wohlhabenden Chinesen genutzt worden ist. 1930 beispielsweise gab es im "Paris des Ostens", Shanghai, bei 2,5 Millionen Einwohnern knapp 20'000 Fahrräder. Zwanzig Jahre später waren es bei rund vier Millionen Einwohnern dann knapp 200'000 Velos. Mit der Befreiung Chinas 1949 setzte der Fahrradboom erst so richtig ein. Die schönen, breiten Fahrradwege, die jetzt von überforderten Verkehrsplanern wieder aufgehoben werden, wurden damals in Chinas Städten Teil der Verkehrsplanung.
Der Velofahrer ist eine aussterbende Spezies, der Nachruf auf den letzten Velofahrer deshalb kaum verfrüht. Er ruhe in Frieden im Verkehrs-Dickicht der chinesischen Grossstädte! Die "fliegende Taube" mit Stängeli-Bremse, hand- und massgefertigtem Ledersattel sowie ohne Schaltung jedoch wird Pekings Strassen noch so lange unsicher machen, bis das Velofahren von der Polizei ausdrücklich verboten wird. Hätten doch nur nicht die Sumerer, sondern die Chinesen das Rad erfunden. Alles wäre anders gekommen ...
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"Bejing ist nicht China"
Wenn Kapitalismus von der brutalsten Sorte mal in die andere Richtung ausschlägt, kanns in China durchaus auch mal die "Stinker" treffen und so rauskommen wie in der zweitgrössten chinesischen (Festland-) Hafenstadt Ningbo. Hier wurde das benzingetriebene Zweirad vor drei Jahren in der City ganz einfach kurzerhand verboten. Gründe: Zu viele Unfälle und übelriechende Düfte. Dafür wurden durch die ganze Stadt hindurch breite Zweiradwege (autofahrspurbreit!) angelegt und das Elektrovelo- und -moped gefördert. Resultat: 100 Prozent saubere und leise Zweiräder mit ganz viel Platz drumherum, trotz vielen Autos.
Die Menschen und Fussgänger freuts, denn die relativ langsamen Elektromopeds und -velos bringen sowas wie eine Brise Ruhe und Gelassenheit in die sonst hektische Hafenstadt. Die Benutzer der Elektrozweiräder freuts ebenso: Elektromopeds sind hier schon ab umgerechnet 300 Franken zu haben und mit einer Ladung Energie, die für 30 bis 50 Kilometer reicht, bezahlt man gerade mal ein paar Rappen.
Für mich Exilbasler ist der Anblick von so vielen Elektrofahrzeugen fast so, als ob ich im nächsten Jahrtausend angelangt sei. In Basel sieht/sah man so ein "futuristisches" Fahrzeug ja allenfalls ein-oder zweimal im Monat - trotz Basler Fördersubventionen in Millionenhöhe! Da könnten sich unsere innovativen Basler Verkehrsförderer noch ein kräftiges Stück abschneiden.
Nebenbei bemerkt: Überirdisch parkieren darf man hier auch noch beim Bahnhof oder der Bussstation, trotz e weneli Chaos. Das hat hier nämlich durchaus auch seinen "innovativen" urbanen Charme.
"Solche Artikel sind Leckerbissen"
Peter Achtens Sendungen und Artikel sind Leckerbissen. Solche Artikel lesen, nachlesen oder wiederlesen zu können, macht Spass. Gut, ist Herr Achten vom Erasmusplatz ausgezogen, um uns das Anderswo zu beschreiben und mit seinen Einsichten zu bereichern. Herzlichen Dank, dass Sie diese Mümpfeli aufschalten.
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Vogelnest und Barfi
Hoch, höher, am höchsten. Der Wirtschaftsboom in Asien kennt, so scheint es, keine Grenzen. "Only the sky is the limit", flüsterte schon vor rund zehn Jahren der Basler Remo Riva mit glänzenden Augen ins Mikrophon angesichts des Bank-of-China-Wolkenkratzers in Macao. Den hat Riva entworfen, ebenso wie viele andere Hochhäuser von Peking bis Singapur und von Taipei, Hong Kong bis Shanghai.
Die asiatische Wachstumseuphorie, könnte man sagen, spiegelt sich modellhaft im Bau von möglichst hohen Monumenten wieder. Das höchste Haus der Welt steht schon längst nicht mehr im Eldorado des Kapitalismus, in Amerika. Seit drei Jahren hält Taipei, Hauptstadt des Tigerstaates Taiwan oder - je nach Leseart - Hauptort der abtrünnigen chinesischen Provinz Taiwan, diesen Rekord. Das Internationale Finanzzentrum, kurz Taipei 101 genannt, ragt 509 Meter in den Himmel. Damit wurden die Petronas-Türme in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur entthront, die es "nur" auf präzise 451,9 Meter bringen.
Das Rennen um hoch, höher, am höchsten geht weiter. Architekten von Projekten in Shanghai, Hong Kong, Jakarta oder Tokio träumen schon von tausend Meter hohen Monstergebäuden. Wohl mit Sauerstoffanschluss zuoberst in den teuersten Büros. Vorerst aber ist der Nahe Osten am Zug, denn dort in Dubai entsteht derzeit das Burj Dubai. Geplante Höhe: Rund 800 Meter.
Im Gegensatz zu Shanghai wird in Peking, da mehr Platz vorhanden, nicht nur, aber auch in die Höhe gebaut. Im Zentrum der Stadt sieht es bald aus wie in Manhattan. Das neue Zentrum des Nationalen Chinesischen Fernsehens beispielsweise wird zwar nur 250 Meter hoch, dafür formal kein Turm, sondern eine ganz wilde Skulptur (ohne Volksabstimmung!), entworfen vom holländischen Architekten Rem Koolhaas. Oder das Olympiastadion in Form eines Vogelnestes von Herzog & de Meuron (ohne Volksabstimmung!). Oder die Nationaloper beim Tiananmen in Form einer durchsichtigen Perle vom französischen Architekten Landreu (ohne Volksabstimmung ... ja, ja, ich weiss, China ist ein autoritärer Staat, manche sagen auch Diktatur). So was ist eben in China und zumal im chinesischen Kulturzentrum Peking möglich. Denn nur der Himmel ist die Grenze, auch kulturell, um Freund Remo Riva nochmals zu zitieren.
Damit sind wir in der Schweiz angekommen, genauer in Basel. Aber Nein, wo denken Sie, geneigter Leser, verehrte Leserin, auch hin. Nein und nochmals Nein, in den Abstimmungskampf ums neue Casino am Barfi (für Ausser-Basler: Barfüsserplatz im Stadtzentrum) will ich mich aus über 10'000 Kilometern Entfernung nun wirklich nicht einmischen. Es geht ja in dieser Kolumne um Hochhäuser, nicht wahr.
Also, das Basler Messeturm ist mit 105 Metern das höchste Haus der Schweiz. Es ist so hoch, wie das Wohnhaus in Peking, in dessen oberstem Stockwerk ich wohne. Aber schon kommen, eh, die Zürcher. Die nämlich wollen unique wie sie eben Downtown Switzerland einmal sind, einen "Prime Tower" bauen. Sage und schreibe 126 Meter hoch. Man stelle sich das in Basel nur einmal vor. Die Basler aber lassen sich nicht lumpen, denn sie können sich in extremis wie immer auf die Chemie verlassen. Der Roche-Turm nämlich, ob er nun kommt oder nicht, soll sagenhafte 163 Meter hoch werden. Wenn das mit den Wolkenkratzern zwischen Basel und Zürich so weiter geht - ähnlich wie im Fussball eben - dann sind wir bald soweit wie in China, wo Peking und Shanghai - im Fussball wie im Hochhäusle bauen - den Ton angeben.
Fazit: Weder in China noch in der Schweiz wachsen die Bäume in den Himmel, die Bauten aber manchmal schon. Mit oder ohne Abstimmung.
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Dschortsch Dubeljiu
Nichts ist mehr wie früher. Weder das Wetter noch die Wirtschaft, noch die Politik, noch der Terror, noch das Essen, noch die Liebe - you name it. Auch das Fliegen ist nicht mehr, was es mal war. Nicht wahr. Vom mondänen Schweben hoch über den Wolken ist es heute zum Massentransportmittel mutiert. Das hat seinen immer billiger werdenden Preis. Nur etwas ist teurer geworden. Die Sicherheit. Nicht die Sicherheit der Flugzeuge, sondern die Sicherheit vor den bösen Touristen ... Verzeihung Terroristen.
Und dieser Sicherheitswahn treibt seltsame Blüten. Jedermann ist natürlich das Nagelschärli oder Mini-Sackmesserli ein Begriff. Eingezogen wird solches Gerät, gnadenlos. An Bord isst man dann, wenige Minuten später, mit einer Metall-Gabel und einem richtigen Messer. Das nur als Beispiel für die zahlreichen total absurden Bestimmungen. Offenbar geben die lieben, entschieden den Terrorismus bekämpfenden Amerikaner den Ton an. Leider offenbar auch mit der Intelligenz ihres obersten Häuptlings George W. (Sie wissen schon: Dschortsch Dubeljiu). Das in Europa seit einiger Zeit obligatorische durchsichtige Päckli mit den maximal 1dl fassenden Fläschchen ist nur ein Beispiel. Das ist jetzt seit anfangs Mai auch in China, das die amerikansichen Freunde jenseits des Pazifik im Kampf gegen den Terrorismus mit der Waffe im Anschlag unterstützt, de rigueur. Völlig verzweifelte junge Mütter, schreiende Babies im Arm, versuchen - meist erfolglos, wie jüngst beobachtet - die Sicherheitsleute zu überzeugen, dass der kleine, in Windeln eingepackte Wicht mitnichten ein Terrorist sein kann.
Als häufiger Flugreisender fällt einem auch die unterschiedliche Art der Kontrolle auf. Mal streng, mal lax, mal höflich, mal sackgrob. Hier seien für einmal Noten ausgeteilt. Die Erfahrungen wurden in den letzten sieben Monaten gemacht an folgenden Flughäfen: Beijing, Kunming, Hanoi, Hue, Danang, Saigon, Bangkok, Siem Reap, Vientiane, Luong Prabang, Yangon, Mandalay, Pagan, Heho, Wien, Zürich, Sao Paulo, Buenos Aires, New York. Bei der einen Kontrolle musste man die Schuhe ausziehen, beim andern nicht die Schuhe aber den Gürtel, bei wieder andern musste der Laptop ausgepackt und gestartet werden, bei andern wiederum nicht. Undsoweiter undsofort. Ein übergreifendes Konzept war nirgends erkennbar, weder in Asien, Europa noch Amerika. Als vernünftiger Mensch denkt man eigentlich, dass so was möglich sein müsste. Aber Terroristen sind ja - nach Einschätzung der Sicherheitskräfte - auch nicht vernünftig. Warum sollen es denn Bürokraten sein?
Jetzt endlich zu den Noten. Das erstaunliche Resultat - New York schneidet in sämtlichen Belangen an erster Stelle ab. Höflich, kompetent, kurz, man hat Verständnis. An zweiter Stelle kommt bereits Zürich. Dort fällt vor allem auch im grössten Stress die Freundlichkeit der Sicherheitsbeamten auf. Die Wiener hingegen landen auf dieser Rangliste zusammen mit Heho (Burma) auf dem letzten Platz. Arrogant, rüppelhaft, überheblich, kurz: Eine Tortur.
Und die Moral der ganzen Gschicht? Die nächste Flugzeugentführung wird mit absoluter Sicherheit weder mit einer kleinen Nagelschere, noch mit dem Mini-Schweizer-Militärmesse oder einem Zigarren-Schneider und schon gar nicht mit einem 1,5 dl fassenden Plastikfläschchen gefüllt mit Anti-Moskito-Spray ihren Anfang nehmen. Vom Nestlé-Baby-Milch-Schoppen für den kleinen Wicht ganz zu schweigen. Aber wer weiss, vielleicht haben George W. und all jene in Europa und der Schweiz, welche die amerikanische Hirnlosigkeit mit einem untertänigen Diener abnicken, nur an eines gedacht: An die Schaffung von Arbeitsplätzen.
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Lexus, Porsche, Hummer
Um sechs Uhr abends auf Pekings Strassen. Staus so weit das Auge reicht. Es ist ein reines Vergnügen. Auf dem Velo wenigstens. Denn jene, welche die öffentlichen Verkehrsmittel benützen, leiden. Und jene, die ein Auto besitzen - und das sind mittlerweile viele - leiden auch. Die grosse Freiheit, von der so manche träumen, die ist derzeit in Chinas Grossstädten nur auf dem Fahrrad zu haben. Mit dem Fahrrad der Marke "Fliegende Taube" bin ich - wie lange noch? - König der Strasse.
Ich gebe es zu, es ist fies, aber einen Heidenspass machts trotzdem. Nämlich schneller zu sein als die Autos. Zumal wenn es Wagen grossen Kalibers sind. Mit vergnügtem Lächeln überhole ich deshalb die Cayenne Turbos, die schicken Lexus, Audis, Toyotas, Mercedes, Cadillacs, Jaguars und wie sie alle heissen. Aber es darf durchaus auch mal ein Bentley, Rolls-Royce, Porsche, Maserati, Lamborghini oder Ferrari sein. Die Gesichter der im Pekinger Stau komfortabel sitzenden Insassen sind der getönten Scheiben wegen nicht zu sehen. Sich leicht vorzustellen sind sie aber, die auf der Leiter der Karriere steil nach oben fahrenden Autobesitzer. Im besten Falle beissen sie beim Anblick der vorbeiflitzenden "Fliegenden Taube" vor Wut in einen Apfel, im schlimmsten Falle kauen sie total frustriert an ihren Fingernägeln und warten und warten und warten.
Weniger Freude macht dann aber das Überholen der öffentlichen Busse. Rappelvoll sind sie, die Menschen wie Sardinen eingepfercht. Und es geht nicht vorwärts. An den Busstationen Trauben von Leuten, die sich beim Halt eines Busses wild stossend mit Fäusten und Ellbogen ins bereits knallvolle Innere durchkämpfen. Der nächste Buss nämlich lässt lange auf sich warten. Die Basler wissen das ja, nicht wahr, Trämli, Trämli, Trämli, Trämli, uff di warti nämli. Oder so ähnlich ...
Das tägliche Verkehrschaos der chinesischen Grossstädte ruft geradezu nach dem öffentlichen Verkehr. Peking, Shanghai und Kanton gehen mit dem guten Beispiel voran. Aber eben spät. Aufholen braucht seine Zeit. Peking beispielsweise baut auf Teufel komm raus Kilometer um Kilometer Untergrundbahn. In nur sieben Jahren werden hundert Kilometer dazukommen. Hundert Kilometer - ob solchem Tempo erbleicht wohl jeder Schweizer Politiker.
Vorbildlich, ja geradezu ideal in Asien ist zum Beispiel Hong Kong. Auf einem dichten öffentlichen Netz mit Untergrundbahn, Bussen, Fähren, ja sogar einer Rolltreppe bewegt man sich fast von jedem Punkt der Stadt zu einem andern bequem, schnell und relativ billig. Natürlich gibt es in der chinesischen Sonderverwaltungszone auch Autos, teuere, schöne zumeist. Und weil das Netz öffentlicher Verkehrsmittel so dicht geknüpft ist, kann dann den Autofahrern für das Privileg, in die Stadt hineinfahren zu dürfen, auch was abgeknöpft werden. "Road pricing" heisst das auf Neudeutsch.
In meiner Rangliste der besten öffentlichen Verkehrsmittel dieser Welt kommt gleich nach Hong Kong und Singapur die Schweiz. Jawoll! Ja, ich höre bereits die gut schweizerischen Klagen. Aber die Schweiz als Ganzes und die Regionen und Städte im Einzelnen haben ihr System fast zur Perfektion getrieben. Nur wissen das die Schweizer nicht. Mein Lieblings Tram übrigens ist jenes in Bern - exgisi Trämli, Trämli, Trämli ...
Die These also lautet: Ohne einen gut funktionierenden und preisvernünftigen öffentlichen Verkehr wird Vekehrschaos eine Dauerplage bleiben. Jungen Chinesen und Chinesinnen das zu vermitteln, ist jedoch ziemlich schwierig. Zwar leiden sie jeden Tag manchmal Stunden in den vollgepackten Bussen, aber wenn das Geld vorhanden ist, muss ein Auto her. Selbst dann, wenn offensichtlich ist, dass mit dem Auto die Fahrt nicht weniger lang als im Buss dauern wird. Nun ja, wenigstens schön allein, sitzend, air-conditioned und einem Apfel für alle Wut-Notfälle in der Hand. Die jungen Chinesen träumen eben wie wir Schweizer auch den Traum von der grenzenlosen Bewegungsfreiheit.
Diesen Traum träume ich natürlich auch. Täglich in die Pedale meiner "Fliegenden Taube" tretend, holt mich immer und immer wieder der politisch total unkorrekte Wunschtraum ein. Anstatt auf dem handgefertigten Ledersattel meines Velos möchte ich - bsssssssst!!, nicht weitersagen - eigentlich lieber hinter dem Steuer eines Hummers sitzen. Die Taube mag Kult sein, ein Hummer aber - das ist Kultissimo.
PS: Für jene, die nicht wissen, was ein Hummer ist, nur so viel: Es ist nicht zum Essen sondern ein riesengrosses Auto, das - horribili dictu - ziemlich viel Benzin trinkt.
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Alpöhi oder Lanzarote?
Über 800 Millionen Menschen, so weist es die Statistik aus, reisen jetzt jährlich fürs Geschäft, vor allem aber zum Vergnügen in der Weltgeschichte herum. Zur Erholung? Gewiss, viele tun das oder versuchen es zumindest. Bei vielen - den meisten ? - aber ist selbst Ferien Stress. Fun muss ums Verworgen sein. Oder: Man will möglichst viel an kulturellen, geographischen und andern Sehenswürdigkeiten abhaken. Leistung also nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der Freizeit.
Es gibt noch andere Seiten der Tourismus-Diskussion. Neulich, als die Kassandrarufe als Folge der UNO-Klimaberichts Schlagzeilen machten, wurde von Umwelt-Fundamentalisten bis auf die zehnte Stelle hinter dem Komma den Millionen Flugreisenden vorgerechnet, wie viel der giftigen, umweltschädlichen Stoffe pro Person pro geflogener Kilometer in die Atmosphäre abgegeben wird. Die Fundis machen wohl Ferien am Katzensee oder in den Langen Erlen.
Aus der gleichen Ecke kommt übrigens immer wieder auch das Märchen vom schonenden, umweltverträglichen Öko-Tourismus. Andere Gruppen wiederum haben sich Länder mit autoritären bis diktatorischen Regimes ausgesucht, um all jene Touristen, die Boykottaufrufe nicht befolgen, zu Unrecht als Menschenfeinde zu verdammen.
Nun ist es schlicht eine Tatsache, dass immer weniger ferienhalber beim Alpöhi hoch oben in den Bergen Ruhe und Erholung gesucht wird. Leider. Aber schliesslich hat sich die Welt geöffnet. Ganz abgesehen davon, dass Ferien in Lanzarote billiger sind als auf der Lenk oder in Bali, günstiger als in Klosters. Warum sollen denn in der globalisierten Welt nur Waren und Dienstleistungen, nicht aber auch Menschen über Grenzen und Kontinente hinweg fliegen? Folge: Von Phuket bis ans Schwarze Meer, von der Adria bis auf die Kanaren und von Sylt bis ans Rote Meer, die Seychellen und die Balearen sind die Strände überfüllt, das Nachtleben lärmig, die Ruhe nirgends zu finden.
Doch auch jene, die Kultur suchen, sind unterdessen längst nicht mehr unter sich von Angkor Wat über Bagan und Borobadur bis hin zu den ägyptischen Pyramiden, den Wundern der Maya, Inka und Azteken in Südamerika oder dem Potala in Tibets Hauptstadt Lhasa. Selbst die Naturverliebten treffen sich mittlerweile äusserst zahlreich an geeigneten Orten - von der Antarktis über die Gletscher Patagoniens, die norwegischen Fjorde, Island, die Wüsten Sahara, Taklamakan und Gobi bis hin zu den Steppen der Mongolei oder den wunderschönen Bergen Nordkoreas. Vom Matterhorn ganz zu schweigen.
Wo immer Touristen, Reisende, Geschäftsleute, Journalisten oder Migranten auftauchen, verändern sie die Umwelt. Sozial, kulturell, wirtschaftlich und natürlich physisch. Selbst mit den besten Absichten. So bilden sich viele Rucksack-Touristen beispielsweise etwas darauf ein, wie "schonend" sie - meist in der Dritten Welt - sich in der fremden kulturellen Umgebung bewegen. Unsinn. Rucksacktouristen sind so steinreiche Fremdkörper wie jene Gruppenreisenden im Bus und Flugzeug. Oft noch schlimmer, denn Rucksack-Touristen handeln und feilschen auf lokalen Märkten die meist bitterarmen Einheimischen bis auf die Knochen runter.
Es gibt keine weissen Flecken mehr auf dieser Welt. Selbst Tibet hat sich mit dem Tourismus gewaltig verändert. Ein Mönch sagte mir einmal in Xigaze: "Was die Chinesen nicht erreicht haben, erreichen jetzt die ausländischen Touristen". Die Kultur ist in Gefahr, aber eben nicht nur in Tibet.
Als Schweizer müssten wir uns eigentlich fragen, was von jener Kultur in den Alpen - sagen wir um die Mitte des 19. Jahrhunderts - heute noch übrig geblieben ist. Damals waren es die Engländer. Und doch liesse sich für den Schweizer Fall etwas sagen, was heute für die ganze Welt Gültigkeit hat. Tourismus ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor geworden und hat doch hierzulande etwas bewirkt. Oder nicht?
Nur an einem zweifle ich, dass nämlich der Tourismus und mithin der Austausch von Millionen von Menschen Vorurteile abgebaut hat. Eher das Gegenteil ist der Fall. Wie oft kann man von ernst zu nehmenden Leuten in ernst zu nehmenden öffentlichen Diskussionen hören, der Chinese, der Kosovo-Albaner, der Amerikaner, der Inder, der Deutsche, der Franzose, der Basler, Berner oder Zürcher, der Jugoslawe sei so oder so. Vom Stammtisch ganz zu schweigen. Und immer mit dem schlagenden Argument: "Ich war ja dort, hab' es gesehen." Wenn auch nur für zehn, vierzehn Tage Ferien oder Business ...
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> ECHO
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"Wo ist die Aussage?"
Ich habe eigentlich Peter Achten als guten Journalisten in Erinnerung. Und jetzt dieser Aufsatz! Wo ist die Aussage? Wen will er da an den Pranger stellen? Wen will er verteidigen? Welche Chancen, welche Gefahren sieht er? Ich erkenne nur eine Aufzählung von Binsenwahrheiten mit wenig Zusammenhang. Es bleibt die Hoffnung, von Peter Achten wieder profundere Artikel zu lesen.
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Miglo
Waren das noch Zeiten. Mit kurzen Hosen und der Einkaufstasche unterm Arm durfte ich als Knirps, von meiner Mutter beauftragt, in den Konsi um die Ecke am Langen Loh "Kommissionen machen" (ja, so nannte man das damals). E Bälleli Angge, drei Liter Milch, ein Kilo Brot, Zucker, Omo und dergleichen standen auf der Einkaufszettel. Dem Fräulein (ja, so sagte man damals noch politisch korrekt) streckte ich das Büchlein entgegen, worauf sie mit spitzer Feder und violetter Tinte die einzelnen Einkaufsposten fein säuberlich ins Büchlein schrieb. Voller Stolz bin ich dann mit gefüllter Tasche nach Hause geeilt.
Ein gutes Jahrzehnt später kam dann das grosse Wehklagen über unser Land, s'Lädeli-Stärbe nämlich. Der Konsi expandierte und Duttis Migros (Gottlieb Duttweiler, Gründervater der Billig-Kette, daher der Name Migros im Gegensatz zu Engros) hatte eh schon die Nase vorn. Alles wurde nochmals einige Jahre später akzentuiert, als die Supermarkets die Schweiz eroberten. Heute haben sich fast alle daran gewöhnt, sogar an die neue, konsumentenfreundliche Mode der "Convenient Stores" - ja, so heisst das eben auf Neudeutsch - vor allem auf Autobahnen und Tankstellen.
Eine ähnliche Entwicklung bahnte sich vor zehn, fünfzehn Jahren in China an, und am Anfang des Jahrhunderts wurde auch Vietnam eingeholt. Eine knallharte Konkurrenz von einheimischen Ketten mit Beteiligung aller Grossen aus Amerika und Europa (wie Wal-Mart, Metro oder Carrefour, um nur wenige zu nennen) nahm seinen Lauf. Und - wen wundert's? - Lädeli um Lädeli kapitulierte, so, wie es der kapitalistische Markt selbst im noch immer real existierenden Sozialismus befahl.
Doch in Shanghai, Hanoi und vielen andern Städten freilich, zumal in den Hauptstädten Peking und Hanoi, sind die ganz kleinen Läden nicht unterzukriegen, sogar gegen die seit wenigen Jahren schnell aufholende Konkurrenz der "Convenient Stores" nationaler und internationaler Provenienz. Diese Kleinst-Lädeli haben (noch?) einen immensen Wettbewerbs-Vorteil: Sie sind nicht nur, da Familienbetriebe, wie die "Convenient Stores" praktisch rund um die Uhr geöffnet, sie bieten zudem persönlichen Service. Mit andern Worten: Man kennt sich. Das spielt selbst in der 15-Millionen-Metropole Peking noch immer eine Rolle. Sogar dort, wo Satelliten-Städte voller Wolkenkratzer entstanden sind, nisten sich diese Kleinst-Läden mit Erfolg ein.
Ich selbst kaufe oft in der Nähe des Jianguomen-Tors ein. Eben: Man kennt sich. Seit langen Jahren. Das gibt ein gutes Gefühl. Ob dieses Geschäftsmodell überleben wird, das freilich steht auf einem ganz andern Blatt. Doch Klagen übers Lädeli-Sterben sind bislang ausgeblieben. Liegt es daran, dass die Bevölkerung relativ jung ist? Mag sein.
Trotzdem haben die Schweizer Verhältnisse für Chinesen offenbar trotzdem etwas Vorbildliches. So lobte neulich eine chinesische Bekannte nach einer Reise durch Europa und die Schweiz expressis verbis: "Miglo und Coop, das haben wir in unserem fortgeschrittenen Vaterland tatsächlich noch nicht - diese Auswahl, dieser freundliche Service, diese Preise." Als aufrechter Basler (und Schweizer) habe ich selbstredend in keinem Punkt widersprochen.
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Im Hawaii-Hend,
pudelnass
Hier sei für einmal im weltweiten Chor der Untergangspanik die Stimme erhoben. Schliesslich gehört Asien auch zur Welt. Und erst recht Peking. Tatsächlich, auch hier sind die Winter nicht mehr das, was sie einmal waren. Schlittschuhlaufen kann ich nicht mehr während drei Monaten wie früher - Mitte der achtziger Jahre -, sondern nur noch während zwei. Dafür können hier die Genossen Wetterfrösche gelobt werden. Ihre Prognosen treffen zuverlässig (fast) Tag für Tag ein.
Das kann man natürlich weltweit - global warming hin, global warning her - nicht behaupten. Jedenfalls fällt mir bei raren Schweizer Aufenthalten auf, dass ich morgens nach genauem Studium der Meteo in Wort (am Radio), Schrift (in der Zeitung) und Bild (TV) frohgemut zum bunten Hawaii-Hemd greife, damit ich der Hitze adäquat gekleidet entgegentreten kann. Dann aber regnet's oder schneit's oder windet's, um nur wenige Möglichkeiten aufzuzählen. Und stehe natürlich wie das sprichwörtliche begossene Hawaii-Hemd da. Vermutlich fünfzig Jahre zu früh.
Doch auch in Asien, zugegeben, sind Wetterprognosen nicht immer akkurat. Gerade jetzt hat ein japanischer Wetterfrosch, der asiatische Bucheli sozusagen, schwer daneben gehauen. Die Ausgangslage war zwar klar, denn im Februar registrierte man in den meisten Regionen Japans zwei bis drei Grad wärmere Temperaturen als üblich. So weit, so gut. Nun aber liess sich der Wetterprognostiker aufgrund dieser Daten weit, sehr weit auf die Äste der Kirschbäume hinaus und prognostizierte das weltberühmte japanische Kirschblütenfest für den 18. März - wie sich jetzt herausstellt: eine geschlagene Woche zu früh.
Das Prognose-Desaster ist ungefähr so gross, wie wenn die Basler Version von Bucheli für die Fasnacht, die Zürcher Version von Bucheli für das Sechseleuten samt Böög und die Berner Version von Bucheli für den Ziibeli-Märit total falsches Wetter in Aussicht stellte. Bucheli National und seine lokalen Versionen würden im schlimmsten Fall die Schulter zucken, im besten Fall mild lächeln.
Nicht so der japanische Bucheli. Er nämlich trat vor die Kamera, verbeugte sich total zerknirscht und entschuldigte sich in aller Form. Zur Nachahmung auch in der Schweiz empfohlen, denn solcherlei vom Leutschenbach-Dach würde bestimmt ein Quoten-Renner.
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Moralische Qualität
Was ist gutes, was ist schlechtes Benehmen? Normalerweise gibt es darüber einen breiten Benimm-Konsens. Spucken zum Beispiel gilt in Europa mit Sicherheit als schlechtes Benehmen. Auch Rülpsen und Schlürfen gehört nicht zur feinen europäischen Lebensart, genauso wenig wie Drängeln und Schubsen beim Warten und beim Einstieg ins Trämli, in den Bus oder in die Eisenbahn.
Doch Benimm-Regeln sind meist kulturell bedingt. In China beispielsweise ist Spucken, Rülpsen und Drängeln an der Tagesordnung. Niemand regt sich darüber auf. Auch mit chinesischen Tischsitten würde man in jedem europäischen Restaurant - also z.B. in der "Kunsthalle", im "Casino", im "Gifthüttli", im "Brune Mutz" und selbst im "Mr. Wong" - unangenehm auffallen.
Doch damit soll zumindest in der chinesischen Hauptstadt jetzt Schluss sein. So soll verboten werden, Abfall auf Pekings Strassen achtlos wegzuwerfen. Im Notfall hagelts Strafen und damit Gesichtsverlust.
Sich den jeweils geltenden Sitten anpassen, heisst also die Devise. Mit etwas Übung fällt das meiner Erfahrung nach nicht allzu schwer. Was tun also, wenn fremde Gäste zu empfangen sind, die am gleichen Tisch essen, die die gleichen Busse, Trämli, Bahnen benützen? Genau mit dieser Frage setzen sich die Pekinger Stadtväter seit geraumer Zeit auseinander. Spucken und Drängeln sind international suspekt, und deshalb wird seit über vier Jahren erzieherisch gegen solch "unzivilisierte" Bräuche vorgegangen.
Der Erfolg allerdings ist gering. Mit verbundenen Augen könnte ich frühmorgens irgendwo unterwegs sein und wegen der chhh-, schdsch- oder pfttzzz-Lauge wüsste ich sofort wo ich bin - in China nämlich. Und auch das - übrigens völlig unaggressive - Drängeln können sich die Pekinger partout nicht abgewöhnen; klappt ja übrigens auch recht gut. Nach einem von der Pekinger Volksuniversität herausgegebenen Zivilisationsindex soll sich im vergangenen Jahr jedoch die Lage im Vergleich zum Vorjahr verbessert haben. In die Propaganda-Sprache übersetzt: Die Pelkinger haben ihre moralische Qualität angehoben.
Aber Olympia 2008 steht vor der Tür. Die Benimm-Situation muss schleunigst bereinigt werden. Erziehung und Aufklärung sollen intensiviert werden. Ziel der Pekinger Stadtväter: Die Schaffung einer "neuen sozialen Atmosphäre" und der Aufbau einer "moralischen Zivilistation". Bereits sind eine halbe Million Pekinger - vor allem Taxi-Fahrer, Buschauffeure, Polizisten, Verkäufer und weitere Beschäftigte des Dienstleistungsbereichs - in Kursen weitergebildet worden. Spucken ist ja schliesslich (seit SARS wissen wir das hier in Peking) unhygienisch. Bis im August 2008 zu Beginn der Spiele soll die 16-Millionen-Stadt zur spuckfreien Zone mutieren. Ob die olympischen Sportler, zumal die Fussballer, das wohl mitmachen werden?
Trotz Erziehungskampagnen ist der Erfolg ungewiss. Als langjähriger Bewohner dieser wundervollen Stadt wird bislang noch immer gespuckt und gerotzt, dass es seine Art hat. Das "Amt für den Aufbau der geistigen Zivilisation" rät zum Beispiel in ein Papiertaschentuch zu spucken und das Tuch in den Abfalleimer zu werfen. Sagte neulich ein Pekinger zu mir: "Wie unzivilisiert. Das ist ja wie bei Euch beim Schneuzen. Total unhygienisch, der ganze Rotz im Hosensack anstatt auf dem Strassenpflaster." Entrüstet über die neue Erziehungskampagne fügte er hinzu: "Wird von uns am Schluss wegen Olympia noch verlangt, dass wir die groben westlichen Tischmanieren übernehmen?" Auf die Nachfrage, was er damit meine, sagte er: "Ist doch klar. Ihr im Westen esst mit diesen klobigen, brutalen Geräten wie Messer, Gabel und Löffel. Stäbchen, das ist die ultimative Verfeinerung! Und das sollen wir aufgeben? Nie!!"
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Schwein gehabt?
Aberglaube ist ein Phänomen, das die meisten Westler mit einem überlegenen Lächeln bei Seite schieben. Wir doch nicht! - das ist die allgemeine, veröffentlichte Haltung. Bei näherem Zusehen freilich bleibt nicht mehr viel davon übrig. Astrologen, Heiler und andere Zauberer haben Hochkonjunktur. Die Hauspostille der Schweizer Cervelat-Prominenz, herausgegeben vom mächtigsten Verlag der Schweiz, serviert jedes Jahr von einer sog. Star-Astrologin ein Horoskop, dass die Balken krachen. So viel Schwachsinn auf wenigen Seiten ist kaum zu übertreffen. Und im Editorial wird der ganze Humbug noch ernst genommen. Sei's drum, das Volk - so die elitäre Haltung der Blattmacher - will es so.
Immerhin gibt es in europäischen und amerikanischen Hotels nach meiner Erfahrung durchaus die Nummer 13. Hat ja auch mit Aberglaube zu tun. In Asien und zumal in China ticken da die Uhren ganz anders. Und das, obwohl die Kommunistische Partei, allmächtig in China und Vietnam, Aberglauben nicht nur als nicht systemkonform, sondern auch als unwissenschaftlich und der mentalen Gesundheit des Volkes abträglich einstuft. Mit andern Worten: Aberglaube ist offiziell verboten.
Nach fast drei Jahrzehnten Wirtschaftsreform aber feiern die alten Bräuche wieder Urständ. In Hotels und Hochhäusern zum Beispiel ist die Zahl Vier tabu, weil die Vier ausgesprochen ganz ähnlich tönt wie Tod. Ich zum Beispiel wohne offiziell im 29. Stock, doch es gibt keinen 4., keinen 14. und keinen 24. Stock. Zusätzlich fehlt im über 100 Meter hohen Wohnturm auch der 13. Stock, womit meine Wohnung effektiv nur im 25. Stock zu liegen kommt. Aberglaube sicher, aber mit Wirkung.
Und jetzt, am 18. Februar, wird mit Neujahr (China) und Tet (Vietnam) das Jahr des Schweins eingeläutet. Und es bringt - was sonst? - Glück, viel Glück, obwohl ja das Schwein traditionsgemäss eher als dumm und faul gilt. Doch dieses neue Jahr hat es in sich, denn es ist nicht nur das Jahr des Schweins, sondern gar des Goldenen Schweins. Und das kommt nach alter Bauernregel nur alle 60 Jahre vor. Gold als eines der fünf Elemente neben Wasser, Feuer, Holz und Erde macht es möglich. Die Folge: Im laufenden Jahr des Hundes haben so viele Chinesen und Chinesinnen geheiratet wie schon lange nicht mehr. Alle wollen nämlich im Jahre des Goldenen Schweins ein Kind. Bereits jetzt liest man in Zeitungen von der kommenden Kinderschwemme.
Das alles also bewirkt der Rhythmus des Mondkalenders mit den zwölf Tierkreisen, den Schaltjahren und eben dem 60-Jahre-Zyklus. Obwohl Aberglaube in China und Vietnam illegal ist, schert sich niemand darum. Nicht einmal die Medien. Da hat man eher den Eindruck, dass da noch Öl ins Feuer gegossen wird. Nun ja, schliesslich ist das ja eine sozialistische Marktwirtschaft, und da zählt eben Geld, Geld und nochmals Geld. Und mit Aberglaube wird auch Auflage gebolzt.
Das nächste Mal im 13. Stock oder im Tram Nummer 13 - wenn möglich gar an einem Freitag - müssten sich auch Westler, Zürcher, Berner, Genfer oder Basler fragen: Schwein gehabt?
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Auf dem Podest
"Sport ist Mord" - das soll der Zigarren geniessende britische Premierminister Winston Churchill einst gelassen ausgesprochen und dabei mit Gusto Rauchwölkchen in die Luft gepafft haben. Der grosse Politiker hatte locker gesagt, was damals nicht nur erlaubt, sondern gänzlich unverfänglich war, heute aber in Zeiten weit verbreiteten Dopings politisch völlig inkorrekt ist.
Dem grossen Winston Churchill ist gewiss beizupflichten, wenn es um Zigarren geht, vor allem Havanna-Zigarren. Anänger des schon fast verbotenen Zigarren-Genusses wissen, dass eine "Churchill"-Havanna der wohl subtilste aller Raucher-Genüsse ist. Selbst dann, wenn auf der Zigarren-Kiste schwarz auf weiss unübersehbar steht, das Rauchen der Gesundheit abträglich ist - und das ist ja noch milde ausgedrückt.
Aber Sport ist eigentlich das Thema dieser Zeilen, und da ist dem Zigarren-Afficionado der britischen Inseln gar nicht beizupflichten. Als alter, aber aktiver Radfahrer und Jogger hat mich Sport schon immer interessiert. Auch als Journalist. Denn wer über fremde Länder berichtet und von Sport keine Ahnung hat, verpasst etwas Entscheidendes. Wer also in Bern noch nie einen Eishockeymatch live mitverfolgt hat, wird Bern nie wirklich richtig verstehen. Ähnliches lässt sich sagen von Washington (Redskin Football), Baltimore (Orioles Baseball), Buenos Aires (Boca Juniors Fussball), Hong Kong (Rugby Seven), Wimbledon (Tennis Open), Belgrad (Partizan Basketball), Tokio (Sumo Ringen). Und das sind nur einige wenige Beispiele. Basel darf natürlich nicht vergessen werden mit dem Joggeli und den Fussballkünsten des FCB.
"Nicht jeder, der nichts von Sport versteht oder Sport als Proleten-Aktivität gering schätzt, ist auch schon ein Intellektueller", sagte schon vor über dreissig Jahren mein journalistischer Übervater Oskar Reck.
Auch in China oder Vietnam oder Korea wird Sport ganz gross geschrieben. Das gilt jetzt vor allem für Peking, denn dort werden im August 2008 die Olympischen Spiele der Superlative ausgetragen. Eine Infrastruktur wird aufgebaut, wie sie die Welt wohl noch nie gesehen hat. Viel wichtiger aber ist natürlich die Vorbereitung auf sportlicher Ebene. Und da gilt nur das Beste vom Besten. Ein zweiter oder dritter Platz wird von der chinesischen Sportpresse nicht schön geredet. Denn das Einzige, was im Sport zählt, ist der Sieg. De Coubertins Diktum, dass Mitmachen wichtiger sei als Siegen, ist im Zeitalter des durchkommerzialisierten Sports längst ad absurdum geführt. War es übrigens, wenn man den Historikern glauben darf, schon in der Antike.
In der Schweiz aber hält in den Sportmedien derweil ein neues Wort Einzug: Podest. Wo früher Siege bejubelt wurden, begnügt man sich unterdessen mit einem Platz auf dem Podest. Wenn dann einer mal wirklich siegt, schmücken die Kollegen vom Sport die Schlagzeilen gerne aber falsch mit dem Beiwort "historisch".
Sei's drum. Doch der Unterschied von Podest und Sieg entspricht etwa dem zwischen (den meisten) Schweizer Sportlern und chinesischen Athleten. Also, von China lernen? Mitnichten: Von Federer lernen. Denn wenn sich Roger F. mental je mit Podest-Plätzen begnügt hätte, wäre er nie das geworden, was er heute ist. Ein Sieger.
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Schnüerlischrift
Dieser Text ist nicht handgeschrieben, natürlich, sondern an der Maschine - in diesem Falle am Laptop - verfasst. Die Schrift in meinen Texten ist immer - für meine Augen und mein ästhetisches Gefühl am lesbarsten, eine Arial, zwölf Punkt, schwarz auf weiss. Beschrieben ist das hier deshalb so ausführlich, weil das Schriftbild nicht unwesentlich auch zur Leichtigkeit des Lesens und mithin zur Bildung und Unterhaltung im weitesten Sinne beiträgt.
Wer verfasst denn heute noch Briefe mit Tinte und Feder? Computer-Texte und SMS auf dem Handy werden immer mehr die Norm. Das ist nicht eine zivilisationskritische Klage sondern eine wertfreie Feststellung. Denn auch Mönche im Kloster verwenden heute Laptops, statt wie im Mittelalter Pergament von Hand zu beschreiben.
Schönschreiben ist ähnlich vielleicht wie Kopfrechnen heute gewiss nicht mehr von hoher Priorität wie damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als ich meine ersten Schuljahre bei Fräulein Pototzka mit Freude und Gewinn absolvierte. Damals wurde nach dem ABC in Blockschrift mit Kreide auf Schiefertafeln dann bald einmal mit der Schnüerlischrift (1947 eingeführt) mit Feder, Tintenfass und Papier begonnen. "Schönschreiben" hiess das Fach. Disziplin und Ausdauer waren von Nöten. Im Unterschied zu den Nachbarsklassen aber, wo der Lehrer seine Schüler mit pfeffrigen "Tatzen" zum schöner schreiben prügelte, tat dies Fräulein Pototzka mit gutem Zureden, einem Lächeln und der Aufforderung, zu üben und zu üben und zu üben.
Das prägt fürs Leben. Jetzt wird, so lese ich auf dem Internet, da (Luzern) und dort (einige Schulen im Aargau und Kanton Bern) mit der Schulreform auch eine Schreibreform durchgeführt. Im schulreformerischen Klartext: Von der Schnüerlischrift zur Basisschrift. Sieht nicht schlecht aus, zugegeben. Statt Schönschreiben wird jetzt Lesbarkeit pädagogisch als Ziel gesetzt. Doch ob Basis oder Schnüerli, eines ist gewiss: Die Handschrift wird spätestens in der Mittelschule sehr persönlich bis hin zur Unleserlichkeit. Macht ja nichts. Weder früher noch insbesondere heute, wo eben immer mehr mit Maschinen aller Art geschrieben wird.
Nur eines stimmt - wenigstens nach meinen Erfahrungen mit dem Schönschreibeunterricht von Fräulein Pototzka - nicht. Dass nämlich, wie es junge Pädagogen heute zum Teil sehen, die schöne Schnüerlischrift Instrument subtiler Disziplinierung sei, welche die Unlust am Schreiben gar fördere. Was für ein gelehrter Schwachsinn!
Disziplin und Ausdauer braucht es mit Gewissheit auch heute. Lernen ist eben nicht nur und ausschliesslich Fun. Ein Lied davon singen können Chinas Primarschüler, wenn sie sich jahrelang die chinesischen Zeichen nicht nur mühsam einprägen, sondern auch noch schön schreiben müssen. Lehrerin Wang in der Grundschule an der Ritan Beilu in Peking will nicht subtil disziplinieren, sondern sie tut das, was Generationen von Lehrern vor ihr getan haben: Den Jungen die Schrift beibringen. Mit Tusche auf Papier. Schönschreiben hat eben in China Tradition. Mit Fräulein Pototzka wäre Wang Laoshi gewiss gut ausgekommen. Und der pädagogische Grundsatz war und ist akkurat auch derselbe: Schönschreiben. Und: Üben, üben und nochmals üben. Damit Form und Inhalt sich ergänzen.
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"Dankbar für die Kaligrafie"
Ich kenne Herrn Achten seit der Zeit bei der "National-Zeitung" und beim SF DRS. Er war der beste Journalist. Und jetzt trifft er wieder den Nagel auf den Kopf. Ich, Jahrgang 1931, bin froh und dankbar, in der Bezirksschule jede Woche eine Stunde Kaligrafie bekommen zu haben.
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Glaskugel
Die Versuchung ist gross. Es auch zu tun. Erster Tag nämlich des Jahres. Rückblick und Ausblick. Dieses Geschäft hat für Publizisten, Journalisten, Wahrsager, Hellseher und Astrologen über die Festtage am Jahresende jeweils Hochkonjunktur. Nicht zu vergessen die Politiker auf höchster Stufe, die Rück- und Ausblick halten, ihre "Verdienste" ohne rot zu werden hemmungslos hervorstreichen und der Nation und der Welt Frieden, Freude, Eierkuchen wünschen. Dazu kommt Urbi et Orbi aus Rom, ebenfalls jahraus, jahrein mit frommen Wünschen. Fehlt nur noch, dass uns Osama Bin-Laden im Namen von Al-Kaida über die Alltzeit-bereiten TV-Rund-um-die-Uhr-Sender Al-Jazira, CNN und BBC World ein explosives Jahr anwünscht. Allein die Wirtschaftsführer mit ihren unchristlichen Boni haben es (meist) begriffen: sie schweigen vornehm bis gelassen und lassen Es sich von Sankt Moooritz bis Rio de la Plata gut gehen.
Wie gesagt, die Versuchung ist gross, an dieser Stelle - Halleluja!! - ebenfalls in den Chor der Festtagsredner und Prognostiker einzustimmen. Allerdings sei das alte chinesische Sprichwort nicht vergessen: "Genug ist Genug." In der Tat, wer in den letzten zwei, drei Wochen Zeitungen, Zeitschriften und Magazine aufgeschlagen hat, wurde mit einem Wust von Bildern und gescheiten bis gespreizten Texten eingedeckt. Und das alle Jahre wieder. Give me a brake! Das immer Gleiche. Nicht weniger umtriebig sind die Fernsehanstalten mit Jahresrückblicken in laufenden Bildern. Boulevardesk - und das ist vielleicht das einzig Neue in den letzten paar Jahren - wird ausgiebig Vox populi zitiert. Wen wundert's, das Volk will das Gleiche wie angeblich die Reichen, Schönen, Gescheiten und hohen Politiker: Frieden, Frieden, und nochmals Frieden. Das heisst Frieden zwischen Nationen, Kulturen, Menschen, Klassen, Rassen undsoweiter undsofort.
Das alles klingt ziemlich zynisch. Ist es wohl auch. Gleichzeitig aber sollte es als Plädoyer für den Alltag gelesen und verstanden werden. Der Alltag ist zwar mühsam, doch der Frieden entsteht dort, und nur dort. Natürlich: Wer die Vergangenheit nicht kennt (Rückblick), hat auch wenig Chancen, die Zukunft (Ausblick) zu gestalten. Also doch Rück-Ausblick? Gewiss. Nicht aber in der Atemlosigkeit des Internet-Zeitalters und der sogenannten (neudeutsch) "breaking news". Mit Blick in die Glaskugel deshalb der Rat für 2007: Mehr lesen. Weniger Websites (ausser OnlineReports.ch natürlich ...), weniger Tageszeitungen, weniger TV, weniger Handy-Gequatsche, dafür mehr Bücher, Bücher, Bücher und natürlich Qualitäts-Radio.
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Etwas Gurkensalat
"Macht aus dem Staat Gurkensalat!" - das war einer der griffigen und auch lustigen Slogans, welche die bewegte Jugend in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auf Europas Strassen, und eben auch in Zürich oder Basels gegen das Establishment schmetterte. "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!" war ein anderer Slogan.
Keine zwanzig Jahre später wollten sich staatstragende bürgerliche Schweizer Parteien fast mit dem gleichen Slogan profilieren. "Weniger Staat!" hiess die Parole. Und noch heute kämpft jene im 19. Jahrhundert revolutionäre Partei zusammen mit der unterdessen stärksten bürgerlichen Partei in der selben Richtung. Gleichzeitig aber wird der Staat stärker und die selben bürgerlichen Anti-Staats-Politiker richten einen bürokratischen Gurkensalat von Richtlinien, Verordnungen, Vorschriften, Zonen-, Bau- und Sauordnungen sowie Gesetzen an, dass es seine Art hat. Unisono natürlich im eidgenössischen Gemauschel mit ehemaligen 68ern, die den Marsch durch die Institutionen bis hin auf die oberste Berner Ebene geschafft haben. Kurz und schlecht: Weder Gurkensalat noch weniger Staat. Sondern mehr.
China und Vietnam dagegen mit Wachstumsraten von rund zehn Prozent pflegen metaphorisch gesprochen den Gurkensalat. Nicht in der Politik natürlich - igitt, da sei Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und Deng vor. In China und Vietnam nämlich ist der Staat beziehungsweise die allmächtige Kommunistische Partei das Mass aller Dinge. In der "sozialistischen Marktwirtschaft" freilich, da herrschen, von der KP tatkräftig gefördert und unterstützt, Bedingungen annähernd wie weiland zu den goldenen Zeiten des Manchester-Kapitalismus. Anything goes - oder eben Gurkensalat. Zum Wohle der Wirtschaft.
Ein ganz klein wenig von diesem Gurkensalat der Deregulierung stünde in Zeiten der grossen Verunsicherung der Schweiz wohl an. Dabei muss man ja nicht gleich zum Ultraliberalen mutieren. Zu lernen wäre ein Paradox: So wenig Staat wie möglich, dort aber, wo nötig, massiv. Capito? Falls nicht, wäre ein Blick nach China oder Vietnam hilfreich. Nicht mit dem Blick der euphorischen Unternehmer oder der verängstigten Gewerkschafter, sondern dem nüchternen, unideologischen Blick des Realisten und Praktiker.
In Anlehnung an den grossen Revolutionär Ho-Chi-Minh müsste dann die derzeit grösste bürgerliche Partei im kommenden Wahljahr, anstatt mit dem abgegriffenen Slogan "Weniger Staat" mit dem Slogan "Blo-Blo-Blo-Blo-cher!" in die grösste politische Ausmarchung der Eidgenossenschaft steigen. Denn er hat das Paradox tatsächlich begriffen. Europa hin - Ausländer her.
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Dschingelbell, Dschingelbell!
Globalisierung - zur Abwechslung mal vom Alltag und nicht von der Ökonomie her betrachtet. Weihnachten breitete sich so schnell aus über den Erdball wie Direktinvestitionen. In Pekings Einkaufsmeile Wangfujing jedenfalls weihnachtet es sehr. Vor zehn, fünfzehn Jahren noch war das christlichste aller Feste in Asien praktisch unbekannt. Vietnam, einst kolonisiert von den Franzosen und heute mit immerhin zehn Prozent Christen, ist eine Ausnahme. Auch die Philippinen als ehemalige spanische Kolonie sind heute ganz katholisch und feiern natürlich seit langem die Geburt Jesu. Hongkong wiederum übernahm als britische Kolonie den christlichen Brauch schon vor Jahrzehnten.
Das südliche China von Shenzhen bis nach Kanton kurbelte in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach ersten Wirtschaftsreform-Erfolgen den Konsum an mit Christbaum, Nigginäggi und Weihnachtssternen. Shanghai folgte bald darauf. Peking schliesslich liess sich nicht bitten. Andere asiatische Grossstädte kennen das Weihnachts-Konsum-Phänomen. Exotik, Spass, Geld - aber keine Religion.
Locker also könnte man formulieren: Je gesünder die Wirtschaft und je steiler das Wachstum umso weiter und schneller verbreitet sich der Weihnachtsbrauch. Beijing ist heute was Zürich, Bern, Ostermundigen oder Basel, während Shanghai mit New York, Seattle oder Paris konkurrieren kann. Nicht nur in Sachen Weihnachten natürlich.
Damit wären wir vom weihnächtlichen Alltag kommend wieder bei der Wirtschaft. "It's the economy, stupid!" - so hat es schon US-Präsident Clinton 1992 vor seinem ersten Wahlsieg treffend formuliert. Doch nicht alles ist - Gott sei Dank - Wirtschaft. Weihnachten wird zwar vielerorts in Asien gefeiert, ähnlich wie bei uns Halloween oder, als neuester Trend und letzter Zwick an der Geisel des Trends, Chinesisch Neujahr oder Tet. Mit andern Worten, in der globalisierten Welt ist vieles austauschbar. An der Oberfläche. Jeans, T-Shirts, McDonalds, KFC, Pizza Hut, Autos, Lebensart, TV-Schrott und vielleicht bald auch Röschti gehören weltweit zum Standard. Aber man täusche sich nicht. Was Kulturpessimisten mit bewegten Worten anprangern und als Verwestlichung der Welt geisseln, ist nur einen hauchdünnen Firnis über jahrhundertealter Kultur. Multikulti als Mode weltweit sozusagen. Weihnachten als Kommerz und - um es Neudeutsch auszudrücken - Fun.
Die alte Kultur aber, die überlebt in Asien. Und wie! Trotz Dschingelbell, Dschingellbell ...!!
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"Neutral"
Die Schweizer Neutralität hat im Ausland und zumal in Asien noch immer einen hohen Stellenwert und einen guten Klang. So etwas zu äussern - ich habe es bei Diskussionen in der Schweiz immer wieder erlebt - ist politisch nicht mehr unbedingt korrekt.
Dass jetzt zumindest in Bundes-Bern die Debatte wieder angefacht worden ist und sogar ein parlamentarischer Kommissions-Bericht vorbereitet wird, war überfällig und kann nur positiv beurteilt werden. Das ist tatsächlich für einmal das Verdienst unserer rührigen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, selbst dann, wenn Auslandschweizer nicht selten die Vorsteherin des Departements für Auswärtige Angelegenheiten politisch zwar inkorrekt, aber faktisch oft nicht weit entfernt von den Tatsachen mit dem Namen "Calamity-Reisli" abqualifizieren.
Nun kann man ja über Schweizer Aussenpolitik und mithin über Calmy-Rey in guten Treuen geteilter Meinung sein. Eines allerdings kann man ihr bei allen wirklichen oder angedichteten Flops nicht vorwerfen, nämlich Kreativität und Mut. Oft übers Ziel, gewiss, aber mindestens hat unsere Aussenministerin noch Ziele.
Um es auf einen Nenner zu bringen: Calmy-Rey ist nicht neutral, sie bezieht vielmehr - bundespolitisch selten korrekt - Position. Chapeau, auch dann, wenn ich, besonders was Asien betrifft, oft anderer Meinung bin. Das alles hat jetzt immerhin zum grossen Nachdenken über die Neutralität geführt. Und das ist gut so. Denn die 1815 am Wiener Kongress von den Grossmächten zugestandene "ewige Neutralität" musste von der Schweiz im Laufe der Jahre nicht nur immer wieder neu definiert und, mit mehr oder weniger moralischem Mut, praktiziert werden. Wir Schweizer und Schweizerinnen mussten uns immer wieder neu erfinden. Gerade das wäre besonders heute wieder angezeigt.
Frau Calmy-Rey versucht das. Sami S. versucht das. Moritz L. versucht das. Christoph B. versucht das. Mr. Merz versucht das. Und seit neuestem versucht das auch Doris L. Last but not least versucht das auch Pascal C. Jeder und jede auf seine eigene Art, kontrovers zwar, dennoch am Ende positiv.
Ich will das Gerangel im Bundesrat aus der Ferne keineswegs schön schreiben. In einem demokratischen System jedoch, das letzlich vom und mit dem Kompromiss lebt und leben muss, ist der jetzige Bundesrat das beste, was der Schweiz passieren kann. Nämlich provozierend, kreativ, die interne und externe Auseinandersetzung nicht scheuend. Genau das braucht es in einer Zeit, in der sich die Schweiz lieber früher als später neu zu erfinden hat.
Ohne Häme und mit distanzierter Bewunderung: Vive Calmy-Reisli! Vive!
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"Mich nervt ihr Eintreten für die Osthilfe"
Peter Achten bewundert unsere Bundesrätin, Frau Calmy Rey. Gewiss, in vielen Punkten stimme ich seiner Beurteilung zu. Die Dame liefert im Grossen und Ganzen gute Arbeit ab. Wenn die Kräche im zerstrittenen Bundesrat beurteilt werden müssen, gewiss eine solide Leistung. Alle Achtung! Allerdings nervt mich ihr Eintreten für die Osthilfe, unter dem komischen Namen "Kohäsionsmilliarde" bekannt. Ich würde diese Moneten lieber Schmiergeld nennen oder Beruhigungspillen Richtung Brüssel. Eine Katastrophe wäre die Ablehnung für unser Land gewiss nicht, Brüssel würde wohl etwas hässig reagieren, dann zur Tagesordnung übergehen. Für Frau Calmy-Rey allerdings wäre die von mir gewünschte Ablehnung der Osthilfe gewiss eine mittlere Katastrophe, weil sie der EU Ostgeld voreilig versprochen hatte.
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Uniform?
Um es banal auszudrücken: Es gibt weiss Gott auf dieser Welt, in Asien und in der Schweiz, viele ernste Probleme. Das Ausländerproblem zum Beispiel verdient es gewiss, kontrovers, umfassend und dem Ernst und der Dringlichkeit des Themas entsprechend nicht nur kalt analytisch, sondern auch heiss emotional abgehandelt zu werden. Neben dem Ausländerproblem, das uns Schweizer und Schweizerinnen ja eng mit der Welt verbindet, gibt es sicher noch weitere Fragen, die einen öffentlichen, engagierten Diskurs wert sind.
Zu diesen Themen freilich zählt die unselige Diskussion um den Ladenschluss mit Sicherheit nicht. Die gewerkschaftlichen Gutmenschen werden jetzt schwer getroffen aufheulen und "ultraliberaler Reaktionär" rufen. Sei's drum, als alter Gewerkschafter kann ich da nur gelassen staunen. Das geltende Arbeitsgesetz genügt zur Bewältigung der weltbewegenden Ladenschluss-Frage vollauf. Der Rest besorgt - liebe Genossen in Carlo Marx und Adam Smith - nein, nicht der Markt, sondern vielmehr Menschen. Wie Du und ich.
Zum Beispiel dort, wo ich lebe. In China und andern asiatischen Ländern. Die Schweizer Diskussion über den Ladenschluss kommt meinen chinesischen, vietnamesischen, burmesischen oder indonesischen Bekannten reichlich exotisch vor. Vor allem jene sind erstaunt, die selbst ein eigenes Lädeli, einen Laden oder gar einen privaten Supermarkt führen. Nur wenige beklagen sich, und das sind - hört, hört - die Angestellten der staatlich betriebenen Geschäfte mit fixen Arbeitszeiten.
Noch viel exotischer freilich scheint mir jene so typische Schweizer Diskussion, die ich aus der Ferne mit wachsendem Befremden verfolge. Haben die, frage ich mich, denn wirklich keine andern Schwierigkeiten. Es geht um die mit zunehmender Lautstärke geführte Diskussion um die Schuluniform, beziehungsweise um die Einführung einer solchen. Mein Staunen ist grenzenlos. Was da alles an Kontra-Argumenten angeführt wird, ist meist von platterster Dummheit.
In Asien sind Schuluniformen Alltag, meist als eines der für einmal durchaus positiven Relikte der Kolonialzeit. Schuluniformen in Asien tragen Kommunisten (China, Vietnam), Kapitalisten (Hong Kong, Singapur), Reiche (Südkorea) und Arme (Burma).
Schuluniformen haben einen ziemlich praktischen Wert. Alle sind vor dem Lehrer gleich. Unterscheidungen lassen sich allenfalls noch mit einem gewagten Haarschnitt, einer Schultasche oder mit besondern auffälligen Schuhwerk erzielen. Ansonsten sind sich alle gleich. Das scheint im Zeitalter des Konsums und der Markengläubigkeit nicht ganz unwichtig.
In mausearmen Ländern wie Kambodscha, Burma oder Laos verleiht die Schuluniform auch eine gewisse Würde. Das wird natürlich die Schuluniform-Gegner in Seldwyla kaum beeindrucken. Schliesslich wollen ja die ans Herz gewachsenen Luxus-Probleme gehegt und gepflegt werden.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Alles Uniforme geht mir wider den Strich. Als Rekrut zum Beispiel habe ich das raue, grüne Uniformtuch nicht mit Stolz, sondern allenfalls aus patriotischen Pflichtbewusstsein - na ja, das war vor über 45 Jahren eben - getragen.
In der Schule in der Romandie trug ich jahrelang eine Schuluniform und hatte keinerlei Mühe damit. Im Gegenteil. Am Morgen war das Ankleide-Ritual in Rekordzeit erledigt. Keine Auswahl. Wie befreiend!
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"Die Zeit ist reif, die Schulen integral neu zu konzipieren"
Der Fernost-Korrespondent von OnlineReports bringts erfreulicherweise auf den Punkt. Jede Ecke dieser Welt kennt, schätzt die Vorteile der Schuluniform. Ob das wohl damit zu tun hat, dass ältere Kulturen die Weisheit haben, Kinder und Jugendliche durch Enthaltsamkeit optimal auf Erwerbs- und Familienpflichten, auf Freiheit, auf materielle und immaterielle Unabhängigkeit vorzubereiten? Ich denke schon.
Anders das rote Basel: Hier steht der SP-Sozialminister hin und leistet höchst persönlich, ohne Scham, den Offenbarungseid der jüngeren Basler Erziehungs- und Schulpolitik. Nach der totalen schulischen Freiheit der Schüler, nötigt ihn das faktische Ergebnis davon, Massnahmen zur beruflichen Zwangsintegration zu verkünden. Die Produkte der Basler Schulen, die jetzt Erwerb suchenden jungen Erwachsenen, stehen zunehmend vor dem Nichts. Aber, klar prioritär in Ralph Lewins Partei: Integriert sind sie. Wo und ob sie sich, ihre Kinder je selbst werden ernähren können, ist bei den Linken Basler Bildungspolitikern offenkundig von minderer Relevanz.
Doch genug des Ärgers. Packen wir es an. Die Zeit ist reif, die Schulen integral neu zu konzipieren. Zum Wohl der Jungen ist das tatsächliche, nicht das imaginäre, Potential jedes Schülers, den erbrachten Leistungen entsprechend, zu fördern. Andere, hier arrogant als arm bezeichnete Länder, machen es vor: Strenge in der Jugend, um die Fähigkeit zu fördern, das hohe Gut Freiheit zu verstehen und authentisch leben zu können ist, was Eltern und Staat dem Kind schulden. Nicht mehr, nicht weniger.
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Es werde Licht
Vom schweren chinesischen Fahrrad der Marke "Für Immer" war in dieser Kolumne schon verschiedentlich die Rede. Die klugen Leserinnen und Leser von "Süss&Sauer" erinnern sich: Das Velo mit den Stängelibremsen ohne Übersetzung und mit rund 20 Kilo Gewicht, der Panzer der Zweirad-Industrie sozusagen. Der Vorteil im Dschungel des chinesischen Grossstadverkehrs und der permanenten Staus ist zweifellos Geschwindigkeit. Jedenfalls im Stossverkehr der Stosszeiten. Da ist Genosse "Für Immer" stets schneller als Ferrari, Porsche, Maserati, Aston Martin und wie die Prestige-Sportwagen der Pekinger Neureichen alle heissen. Auch das ironisch-spöttisch-zynische Lächeln auf meinen Lippen habe ich bereits mit Gusto beschrieben.
Seit neuestem allerdings ist mir das Lächeln abhanden gekommen. Ächzend und leicht gekrümmt sitze ich vor dem Laptop im Büro und bringe diese Zeilen aufs elektronische Papier. Gestürzt bin ich, und habe mir zwei Rippen gebrochen. Das ironische Lächeln wäre wohl jetzt beim Sportwagenfahrer. Aber soweit ist es nicht gekommen. Der Sturz in hohem Bogen nämlich erfolgte in tiefer Nacht. Also in Dunkelheit. Und somit wären wir beim Thema.
Was in dieser Kolumne in der Abteilung Verkehr noch nie beschrieben worden ist - ganz offensichtlich, weil es bislang kein Anlass dazu gab - ist die Velo-Beleuchtung in der Nacht. Beziehungsweise der totale Mangel an jedem nächtlichen Fahrrad-Licht. Wenn das Thema bei Besuchen in Europa zur Sprache kommt, pflege ich seit zwanzig Jahren jeweils mild zu lächeln. Warum denn ums Himmels Willen auch Licht? Geht ja prima ohne. Geht es auch. Meistens jedenfalls.
Bis eben kürzlich als in einer dunklen Strasse bei starkem Regen das Unerwartete geschah. In flottem Tempo mit meinem schweren Velo-Panzer unterwegs, krachte es am Vorderrad, und ich wirbelte wild durch die Luft. Da früher Fallschirmspringer, rollte ich instinktiv auf dem nassen Asphalt - mehr oder weniger elegant - ab, erhob mich chinesisch fluchend, schüttelte mich kurz und begutachtete mein "Für Immer". Weil gute, schwere chinesische Qualität, war alles noch in Ordnung. Nach kurzem Abtasten: Auch Knie in Ordnung, Kopf in Ordnung, alles in Ordnung. Glaubte ich. Und flott wieder aufs Radl zur Weiterfahrt.
Das Erwachen am nächsten Morgen war dann buchstäblich schmerzhaft. Hallo wach! Zwei Rippen gebrochen, stellte der Röntgenarzt fest. Nun ja, weiter nicht schlimm. Schmerzt einfach höllisch. Vor allem dann, wenn mir beim Überholen der sich stauenden Autos zum ironisch-zynischen Lachen zumute ist. Denn Lachen und Husten ist - so der Arzt fein lächelnd - vier bis acht Wochen schmerzhaft. Auch mein Velomechaniker am Rand der Changan-Avenue, der alte Liu, ist kein Trost. Nein, Fahrradlampen führe er nicht im Sortiment. Für immer, sozusagen.
Und im übrigen, fügte Liu hinzu - und mithin Salz in meine Wunde reibend - hätten auch alle Lichter dieser Welt den Sturz nicht verhindern können. Wohl wahr! Auahhhh!
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"Ein Hinweis der Natur, dass man offensichtlich übertreibt"
Gebrochene Rippen, lieber Herr Achten, haben nichts mit China und Fahrrädern zu tun. Sondern mit einem selbst.
Ich bin 50 Jahre alt und bei 17 Brüchen. (Sonst habe ich noch nie was gebrochen.) Als Skirennfahrer, vom Töff fallend, beim Bobfahren, beim Fussball (ein jubelnder Mitspieler stürzte sich auf mich) und zwei Mal beim Reiten (gleich vier) habe ich mir schon Rippen gebrochen. Das letzte Mal allerdings einfach auf der Treppe zuhause. Lesebrille aufgehabt und die unterste Stufe der Treppe optisch falsch eingeschätzt. Ich rannte zum klingelnden Telefon.
Ich weiss also, wie höllisch es weh tut. Aber auch, dass das ein Hinweis der Natur ist, dass man offensichtlich übertreibt. Man wird durch Rippenbrüche voll eingebremst und bekommt Gelegenheit, sich ganz vorsichtig wieder an den Alltag heranzutasten. Wochenlang.
Man wird ganz bescheiden. Beim Lachen zum Beispiel. Und bei anderen ganzkörperlich erfreulichen Tätigkeiten sowieso.
Ich wünsche Ihnen gute Besserung.
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Grün, grüner, am grünsten
Es ist schon fast so, als ob die Olympischen Spiele 2008 in Peking kurz vor der Eröffnung stünden. Jedenfalls dann, wenn man die chinesischen Medien-Berichte zum Nennwert nimmt. Da wird zum Beispiel über Englisch-Kurse für Polizisten, freiwillige Olympia-Helfer, Taxi-Chauffeure oder Beamte ausführlich reportiert. In den Schulen gibt es überdies landauf landab Olympia-Unterricht. "Es werden", jubelt in den parteiamtlichen Presse-Erzeugnissen ein Primarschüler, "die grössten, grünsten, besten und schönsten Spiele der Geschichte". Und das knapp 22 Monate bevor die ersten - vielleicht gedopten -Athletinnen und Athleten in der dannzumal vielleicht endlich nicht mehr so verdreckten Pekinger Luft ihren ersten Wettbewerb bestreiten.
Der olympische Hype wird symbolisiert mit einer digitalen Uhr auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen. Die noch verbleibenden Tage, Stunden, ja Sekunden werden angezeigt, wie einst 1997 vor der Rückkehr Hong Kongs und 1999 der Rückkehr Macaos "in den Schoss des Mutterlandes". Mit andern Worten: Olympia als ultimativer Ausdruck des Patriotismus.
Für die Pekinger Stadtbehörden freilich ist mittlerweile trotz offiziell zur Schau gestelltem Optimismus und überschwänglichem Lob des Internationalen Olympischen Komitees IOC noch längst nicht alles paletti. Die Infrastruktur-Projekte - Strassen, Stadtautobahnen, Stadien, 100 Kilometer Untergrundbahn und vieles mehr - werden zwar in einem Tempo gebaut, das schweizerische Neat-Politiker und sämtliche Kantons- und Stadtregierungen vor Neid erblassen liesse. Dennoch: Das Verkehrschaos wird immer schlimmer.
Kein Wunder, werden doch täglich an die 1'500 neue Autos neu zugelassen. Und das seit Jahren. Es wiederholt sich mithin in Peking genauso gut wie in Shanghai, Kanton und anderen chinesischen Grossstädten eine Erfahrung, die schon die Industrieländer und also auch die Schweiz gemacht haben: Dass Strassen gar nicht so schnell gebaut werden können wie Motorfahrzeuge neu in den Verkehr gelangen. Der Traum von der grenzenlosen Mobilität ist - wider besseres Wissen sozusagen - ungebrochen.
Im Zentrum der 15-Millionen-Metropole Peking ist nur noch mobil, wer sich mit dem alten Fahrrad fortbewegt. Die Hauptverkehrsadern sind nämlich heillos verstopft. Ein Stau am Gotthard, am Basler Kannenfeld, am Berner Grauholz oder an den Nationalstrassen-Einfallstoren Zürichs, ganz zu schweigen von der permanenten Baustelle auf der A1 zwischen Kirchberg und Wangen an der Aare sind verglichen mit Peking geradezu Rennbahnen.
Als passionierter Velofahrer, unterwegs auf klassischem, schwerem Fahrrad englischen Stils mit Stängelibremsen und ohne Übersetzung, habe ich im Dickicht der chinesischen Hauptstadt für die Gläubigen der unbegrenzten Mobilität stets ein zynisch-ironisches Lächeln auf den Lippen. Über sieben Millionen Velos gegen etwas mehr als zweieinhalb Millionen Autos. Es lebe Olympia! Ein dreifaches Hoch den grünen Spielen 2008!
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Mehr Staat
Voller Bewunderung blicken europäische und mithin schweizerische Unternehmer nach Asien. Das fernöstliche Wirtschaftswunder wurde zum ersten Mal in den neunziger Jahren herbeigeredet - meist von uns Journalisten notabene -, nur um dann 1997 beim Beginn der asiatischen Finanz- und Wirtschaftskrise alsogleich wieder begraben zu werden.
Jetzt, knapp zehn Jahre später, ist das Wunder zurück. Die europäischen Unternehmer blicken wieder mit glänzenden Augen Richtung Ost, während die Journalisten fleissig Doomsday für die westliche Welt heraufbeschwören. Vor allem im deutschsprachigen Raum. Dort gibt es offenbar weniger begabte Wirtschafts-Journalisten als etwa in den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland.
Als Schweizer Journalist will ich natürlich nicht das eigene Nest beschmutzen, obwohl es einfach wäre; Beispiele aus Qualitätstiteln bis hin zum Boulevardblatt gibt es genug. Aber da in Deutschland die gleiche analytische Kurzsichtigkeit gepflegt wird wie hierzulande, kommen Zitate aus deutschen Medien zupass. Meister in der Voraussage des Jüngsten Wirtschafts-Gerichts für den Westen ist ohne Zweifel das Nachrichten-Magazin "Der "Spiegel", das sich gerne als Erfinder und Bewahrer des Qualitäts-Journalismus geriert. Neulich schwadronierten die professionellen Titel-Gestalter mit der von jedem ökonomischen Fachwissen unbeleckten Schlagzeile: "Angriff aus Fern-Ost", und setzen mit dem Untertitel "Weltkrieg um Wohlstand" noch eins drauf. Die Titel-Geschichte im Innern des mit Reklame vollgepflasterten Magazins war qualitativ nicht besser. Marktschreierisch eben. Der Auflage verpflichtet.
Solch ein Untergangs-Szenario ist fürwahr eine neue Sicht der Dinge. Damit hätte man nicht einmal die erste Zwischenprüfung an der Uni bestanden. Nur ein Semester Wirtschaftsgeschichte hätte allerdings genügt, um ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Dieses hätte jedoch nicht den gewünschten Antrieb für die Auflage geliefert.
Gewiss, China, Indien, Südkorea, Singapur, Hong Kong, Vietnam, Thailand und andere asiatische Länder sind für den Westen - und mit Westen meinen Wirtschafts-Journalisten meist auch Japan - ernstzunehmende Wettbewerber in der globalisierten Wirtschaft geworden. Richtig ist auch, dass Amerika, Europa und Japan sich in der Zukunft einiges einfallen lassen müssen. Aber Weltkrieg? Angriff? Was Not tut in West und Ost ist vielmehr Kooperation. Je mehr, desto besser. Und genau das vollzieht sich, wenn auch zuweilen mit Ach und Krach, in der internationalen Wirklichkeit.
Immerhin: Die "Weltkrieg"-Sicht einiger Autoren förderte auch Positives zutage, etwa den Hinweis, dass in den fernöstlichen Wirtschaftswunder-Ländern der Staat eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Wirtschaft und der Förderung des Wachstums spielt. Der Markt richtet zwar viel (Smith und Ricardo), aber nicht alles (Carlo Marx). Mit andern Worten also: Nicht weniger Staat, wie hierzulande Politiker unterschiedlichster Couleur es - besonders vor den Wahlen - zu fordern pflegen.
Da bekanntlich nächstes Jahr grosse Wahlen in der Schweiz anstehen, wäre der Slogan "Mehr Staat" sicher ein Wähler-Magnet. Für die SP, die SVP genauso gut wie für die FDP und vor allem die CVP. Jede Partei könnte das Schlagwort für sich zurechtbiegen, so wie es einige Wirtschafts-Journalisten mit der fernöstlichen Realität zu tun pflegen und es gewiefte Politiker eh schon immer geradezu meisterlich beherrschten.
Hier Auflage, dort Wählerstimmen. Die Windfahne is the Message, sozusagen.
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Gesetz ist Gesetz
Süss ist der Umgang mit Pekings Strassenpolizisten und Parkplatzwächtern. Die lassen nämlich hin und wieder und mit etwas Nachhilfe auch kleine Übertretungen mit einem Augenzwinkern durchgehen. So süss wie früher allerdings ist es auch nicht mehr. Schliesslich hat sich Peking in den letzten zwanzig Jahren von der Hauptstadt eines streng kommunistischen Staates zu einer hypermodernen Weltmetropole entwickelt. Mit andern Worten: Die sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung - vom Parteichinesisch in Klartext übersetzt: Kapitalismus - hat zur Annäherung an westliches Strafmass für Parksünder geführt.
Früher fragte man in den seltenen Fällen, in denen man wegen Falschparkierens oder zu schnellem Fahren angehalten wurde, direkt und mit einem unschuldigen Lächeln: "Wenn's geht, Genosse Polizist, eine Busse ohne Quittung". Damit halbierte sich die Busse. Heute sind diese Zeiten vorbei. Dennoch, eine milde Gabe kann die Busse beträchtlich vermindern. Mit Quittung, versteht sich, denn erstens ist China heute ein moderner Staat und zweitens muss der arme Polizist ja sein Monatssoll an Bussen erfüllen.
Daran habe ich neulich in den Sommerferien in der Schweiz gedacht. In einer Stadt nämlich, die sich selbstverliebt als Weltstadt porträtiert und deren Airport - schiint's - Unique sein soll, habe ich parkiert im blauen Feld. Als ich nach anderthalb Stunden zurückkam, war eben einer dieser rührigen zivilen Verteiler von Parkbussenzettel am Werk. Mit einem PDA*, wie sich das im digitalen Zeitalter gehört.
Strengen Blickes und mit schweizerisch-saurer Miene teilte mir der Zeit-Wächter mit, was ich ja ohnehin ahnte: "Sie haben die Parkzeit übertreten und werden gebüsst". Arglos fragte ich zurück: "Mit oder ohne Quittung?". Auf die Gegenfrage: "Wie meinen Sie das?", habe ich dann klugerweise vornehm geschwiegen. Eine Frage konnte ich dennoch nicht unterdrücken. In dieser Schweizer Weltstadt seien jetzt doch Sommerferien, und rundherum gebe es jede Menge freier Parkplätze. "Warum", fragte ich, "bekomme ich denn trotzdem eine Busse, wo doch meine Übertretung niemanden stört". Die Antwort kam umgehend und kristallklar: "Gesetz ist Gesetz".
Etwas benommen begann ich, mich innerlich über Bürokraten aufzuregen. Doch am selben Abend konnte mich ein Freund aus Kilchberg (ZH) umstimmen. Der Rechtsstaat fängt im Kleinen an, so seine Argumentation, vor allem aber muss jedermann und jederfrau klar sein, welche Regeln gelten. Und diese Regeln müssen dann durchgesetzt werden. Das muss im Kleinen - also zum Beispiel im Strassenverkehr - und im Grossen - zum Beispiel Rede- und Versammlungsfreiheit - gelten. Die Parallele zu China ist mithin schnell gezogen, das muss nicht mehr ausgedeutscht werden.
Trotzdem muss noch etwas angefügt werden. Auf den Schweizer Autobahnen gibt es seit Jahr und Tag der Bauerei wegen stets Geschwindigkeitsbeschränkungen. Das ist ja gut und recht. Nur: Ich bin meist der Einzige, der sich an die vorgeschriebenen Tempolimiten von 60, 80 oder 100 Kilometer pro Stunde hält. Lichtsignale und Stinkefinger sind - wiederum echt schweizerisch - das Resultat.
In der bereits erwähnten Weltstadt wurde ich dann - was ich Wochen später erfahre - vom automatischen Radar erfasst und geknipst. Ich bin innerorts sage und schreibe mit 53 Kilometern pro Stunde durch die Grossstadt geblocht. Die Busse im Gegenwert von ungefähr drei Cüpli in der "Kronenhalle"-Bar der erwähnten Weltmetropole habe ich umgehend per Telebanking bezahlt. Gesetz ist Gesetz, verglemmi! The Rule of Law reigns supreme!! Und das ist alles in allem gut so!!! Wirklich!!!!
*Ein PDA ist ein Personal Digital Assistant. Das ist ein Handy plus Agenda plus Adresse plus Internet-Zugang plus Photoapparat plus plus plus. Ein PDA-ähnliches Gerät wird heute z.B. von Kellnern in Restaurants zur Aufnahme der Bestellungen oder eben von Parkplatzueberwachern gebraucht.
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Sport ist Mord
Alle reden vom Spitzensport - Fussball natürlich, Tennis natürlich, Tour de France natürlich. Und Doping, natürlich. Wir aber wenden uns süss und sauer dem wirklich Wichtigen zu, dem Breitensport. Ich meine damit nicht die bierseligen Grümpeli landauf, landab im Wald und auf der Wiese, dem Obligatorischen, dem Sackgumpen oder - exgisi - dem Hornussen oder Schwingen. Wir reden da von Übungen, die im Effekt tatsächlich süss und sauer sind, weil Anstrengung zum Wohl des eigenen Körpers erfordernd. Erraten, das tägliche Work-out (früh....äh, eh..... nein, ich habe es versprochen, das magische Wort fällt nicht mehr) ist hier gemeint.
Ein urbaner upward Workaholic (schon wieder muss ich mir dieses Wort verkneifen) hat dafür sicher keine Zeit. Und wenn schon, dann im Fitness-Klub. Allenfalls auch Tennis oder Squasch, noch besser oder am besten Golf. Das Handicap beim Golf ist natürlich nicht das Handicap, sondern das Geld und deshalb - zumindest in der Schweiz - fast nur den Reichen und Schönen vorbehalten.
Hier aber ist - in etwas altertümlichem Polit-Chinesisch ausgedrückt - die Rede von den Massen, also von Menschen wie du und ich, mit andern Worten Massensport. Und der findet in China oder Vietnam frühmorgens auf den Strassen und in grünen Pärken statt. Im Sommer und im Winter. Schwertkampf und Tai Chi selbstverständlich, aber auch lauthals vorgetragener Operngesang, Gesellschaftstanz (Walzer, Foxtrott, Tango - jawoll), oder Joggen. Dann auch so etwas wie Aerobic für ältere Semester oder ganz gewöhnliche, altmodische, aber gesunde Freiübungen angeleitet von einem munteren, mindestens 70 Jahre alten Vorturner. Als Ausländer wird man immer freundlich gegrüsst, und wer bei den Freiübungen mitmachen will, ist herzlich eingeladen, aber in Reih und Glied und diszipliniert, bitteschön.
Auffallend ist, dass es kaum noch junge Leute hat. Die sind - nach Auskunft eines Pekinger Rentners, den ich jeden Morgen um sechs Uhr früh beim Joggen begrüsse - zu faul. Ich denke, vielleicht wegen der harten, kompetitiven Arbeit zu müde. Allenfalls aber - falls schon in der Mittelklasse angekommen - sind solche Leute eher im Fitness-Club anzutreffen. Und jene im Luxus-Auto, die ich jeden Morgen bei der Fahrt ins Büro im Zentrum mit meinem Fahrrad locker und lächelnd überhole, die spielen eh Golf.
Doch das Schlimmste ist zu befürchten. Die Luft am Morgen wird immer dicker, und doch ist die Luft dann verglichen mit später noch relativ frisch. Wie kann man da noch froh seine Runden drehen? Und wie wollen bei den als "grün" deklarierten Olympischen Spielen 2008 die Athleten und Athletinnen bei sommerlicher Augusthitze und dicker Luft überhaupt - zum Beispiel - einen Marathon laufen. Womit wir wieder - helas - bei Spitzensport wären.
Schon Churchill sah es wohl richtig: "Sport ist Mord", sagte er und zog an seiner dicken Havanna-Zigarre.
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Provinziell
Früh-English. Schon wieder. Oder doch nicht? Nun, eine kluge, charmante Leserin dieser Kolumne hat in einem E-Mail mit Takt aber nicht weniger dezidiert moniert, dass die ständigen Seitenhiebe aufs Früh-English langsam aber sicher langweilig werden. Und Journalisten fürchten nichts so sehr, als die Leser zu langweilen. Somit wird hier - Konfuzius sei mein Zeuge - zum allerletzten mal über das sprachliche Wohl unserer Kinderlein geschrieben.
Offenbar ist jetzt in der Schweiz alles entschieden. Schliesslich ist ja wissenschaftlich bewiesen, dass je früher desto besser, nicht wahr. Sei's drum. Trotzdem hier noch einmal - ich schwöre es, zum letzten Mal - ganz schüchtern ein Ceterum Censeo. Wissenschaftlich bewiesen ist nämlich auch, dass Denken ohne fortgeschrittene Kenntnisse der Muttersprache schwierig bis unmöglich ist. Warum also die Muttersprache - inklusive Dialekt, jawoll - in der Primarschule nicht besser pflegen und zwar mit Kreativität und Liebe?
Die wenigen Wochenstunden Früh-was-auch-immer nämlich bringen kaum etwas. Vor allem dann, wenn Primarlehrer unterrichten, die sich überfordert fühlen. Wenn man die Schweizer Presse liest und den Gewerkschaften Glauben schenken will, sind das nicht wenige. Selbst wenn die Primarlehrerschaft aber nicht überfordert sein sollte: Warum sollen denn die lieben Kinderlein, die ja im zarten Alter so schnell und so gut Sprachen lernen, unbedingt mit dem Accent "Français fédéral" oder Schwiizer-Dütsch-English einst ins kompetitive Berufsleben entlassen werden? Nichts gegen Schweizer Primarlehrer, aber selbst in Mittelschulen wird English, Französisch, Italienisch undsoweiter undsofort mit einem Accent vermittelt, der - Früh-English hin, Früh-Chinesisch her - zu schweren Ohrenschmerzen führt. Für früh-englishes "Shop", "OK", "Challenge" oder "Fuck" mag das ja noch hingehen. Für einen Dialog, und das ist doch wohl letztlich das Ziel, reicht das nimmer.
Warum also, statt die Überforderung der Primarlehrer wortreich zu beklagen, nicht etwas Neues wagen. Warum nicht, nur so zum Beispiel, Native Speakers einsetzen? Das wäre nicht nur relativ billig, verglichen mit Primarlehrer-Löhnen, das wäre auch für die lieben Kinderlein ein grosses Plus. Sie lernten dann nämlich ohne allzuviel Stress und Spass - Fun, das muss ja wohl heute so sein - die fremde Sprache. Spielerisch, sozusagen. Auch hier - Verzeihung - nochmals ein Ceterum Censeo. Leider ist es auch wissenschaftlich bewiesen und es schleckt keine Geiss weg: Ohne Anstrengung, Fleiss und Mühe ist letztlich kein seriöses Lernen möglich. Fun hin, Fun her. Die Kinderlein werden dadurch gewiss nicht überfordert, so wenig wie ihre Lehrer.
Zum Schluss noch einmal meine Position, dann schweige ich zu diesem Thema ein für allemal: Das Wichtigste ist die Muttersprache, also Dialekt und Hochdeutsch, denn damit denken wir. Als erste Fremdsprache kommt in der Schweiz eigentlich nur Französisch oder Italienisch in Frage. Aber wenn denn bünzlihaft und provinziell ums Verworgen Früh-English, warum dann nicht auch Früh-Chinesisch oder Früh-Spanisch, denn schliesslich sind das Sprachen, die von noch mehr Menschen gesprochen werden? Eben.
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"Chancengleichheit soll nicht geopfert werden"
Recht hat sie, jene "kluge, charmante" E-Mail-Schreiberin, die findet, dass das Thema Früh-Englisch ausgereizt ist. Alle haben sie Stellung bezogen: Die Gehirnforscher, die Sprachdidaktiker, die Primarlehrer, die Eltern. Es gab für Interessierte tausend Möglichkeiten, sich ins Bild zu setzen, sich eine Meinung zu bilden. Ich lege mich sehr ungern mit dem Autor meiner Lieblingskolumne an. Aber ich hoffe, ihm noch einige Denkanregungen geben zu können, bevor er das Frühenglisch-Thema ad acta legt. (Konfuzius wird darüber wachen.)
Das Problem mit dem Fremdsprachenerwerb ist: Es gibt keine Patentrezepte, keine Superlösungen. Irgendjemand wird sich immer benachteiligt fühlen. Wer das ist, hängt von der Gewichtung ab. Sie, Herr Achten, legen Wert auf gutes Deutsch und auf einen annehmbaren Akzent in den Fremdsprachen. Zudem regen Sie an, auf der Primarschulstufe Native Speakers einzusetzen. Sie denken, das wäre nicht nur billiger, sondern auch lustiger für die lieben Kinderlein. Tönt gut und einleuchtend.
Nur, was auf den Ebene Kindermädchen-Kind ausgezeichnet funktioniert, lässt sich nicht unbedingt auf die Schule übertragen. Nicht jede junge, frische (unausgebildete) Engländerin kann mit 20 Unterstufenkindern so umgehen, dass für den Spracherwerb etwas abfällt. Unterschätzen Sie bitte nicht den Wert von ein wenig Sprachdidaktik!
Was die Pflege der Muttersprache anbelangt, bin ich mit ihnen völlig einverstanden. Dies schliesst aber den gleichzeitigen Fremdsprachenerwerb nicht aus. Zugegeben, einige Kinder sind vielleicht überfordert, andere aber lernen mühelos zwei und mehr Sprachen nebeneinander. Wenn die Volksschule frühe Fremdsprachen (auch Englisch) nicht anbietet, schicken die reichen Eltern ihre Kinder in zweisprachige Privatschulen (die im Moment wie Pilze aus dem Boden schiessen). Die ärmeren Kinder haben das Nachsehen.
Chancengleichheit war bis jetzt eine der Stärken der Schweizer Volkschulen. Ich möchte sie nicht opfern.
Wie oft in der Schweiz, geht es darum, möglichst offene, anpassungsfähige Lösungen zu suchen, Kompromisse halt eben. Ich vertraue auf eine initiative Primarlehrerschaft, die das Wohl (und die Chancen) der Kinder über alle Macht- und Standpunktkämpfe stellt.
Ursula Schwarz
Kreuzlingen
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Politbüro
Mit der Demokratie ist das so eine Sache. Ähnlich wie im Fussball ist jeder Experte, nur versteht eben jeder etwas anderes darunter. Staats- und Parteichef Hu Jintao begreift sich selbst gewiss als Demokraten, genauso wie unser aller Bundespräsident Moritz Leuenberger.
Nun wird es in China ähnlich wie in den ehemaligen Militärdiktaturen Südkorea oder Taiwan oder dem autoritären Stadtstaat Singapur irgendwann zu einer Form von Mitbestimmung kommen, gewiss nicht nach dem Westminster- oder Schweizer- oder Amerika-Modell. Aber Mitsprache, sicher. Denn der Mittelstand in den grossen Städten des reichen chinesischen Küstengürtels wird - irgendwann - genauer wissen wollen, wie mit ihren Steuergeldern verfahren wird. Oder um Truman zu zitieren: "The buck stops here" ("Ich bin der, der die Entscheide letztlich trifft"). Ökonomen sind sich mittlerweile einig, dass "Demokratisierung" - wie immer auch - bei einem Brutto-Sozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung zwischen 3'000 und 5'000 Euro verwirklicht wird (China derzeit: 1'700 Euro).
Ein in Schweizer Geschichte versierter Chinese - einkommensmässig der selbstbewussten chinesischen Mittelklasse zugehörig - sagte mir neulich: "1291 bei der Gründung eures Bundesstaats gab es ja auch nicht wirklich Demokratie in den drei Gründungskantonen, der Rütli-Schwur war doch eher eine Unabhängigkeitserklärung, aber die Macht hatten und behielten die Grundbesitzer. Und dennoch: ihr Schweizer feiert das Datum als Gründungstag der Demokratie und bildet euch etwas darauf ein, die älteste Demokratie der Welt zu sein."
Nun ja, recht oder fast recht jedenfalls hat er wohl. Die lange, sich daraus entwickelnde Diskussion bis hin zu der Gründung unseres Bundesstaates im 19. Jahrhundert und der Entwicklung der Schweizer Demokratie mit meinem gründlich informierten chinesischen Bekannten möchte ich hier übergehen. Denn was er mich danach fragte, ist im aktuellen Zusammenhang sehr viel spannender.
Wie denn genau, fragte er mich, werden in der heutigen Schweizer Demokratie Bundesräte gewählt? Demokratisch, war natürlich meine Antwort. Wie kommt es denn aber, entgegnete mein chinesischer Bekannter mit einem spitzfindigen Lächeln, dass bei der jetzigen Wahl für die Nachfolge von Bundesrat Deiss - er kannte den Namen tatsächlich, hatte er doch beim letzten Besuch von Deiss in China als Journalist an einer Pressekonferenz in der Schweizer Botschaft teilgenommen - nur eine einzige Kandidatin vorgeschlagen wird. Geduldig erklärte ich die komplizierten Windungen der Schweizerischen Parteienlandschaft im allgemeinen und der genuin helvetischen Art der Demokratie im besonderen. Skeptisch hörte mir mein Bekannter zu. Dann, nach einer längeren Pause, sagte er: "Das ist ja wie bei uns im Politbüro."
Da verschlug es mir wiederum die Sprache. Aber nicht lange. Im Unterschied zu China, sagte ich dann doch mit einem gewissen schweizerisch-demokratischen Stolz, hat bei uns auch nach einem Verdikt des vom Parlament gewählten Bundesrates (Politbüro) das Volk, und nur das Volk das letzte Wort. Mein chinesischer Bekannter aber muss, ob er will oder nicht und ohne Einspruchmöglichkeit, zehn Jahre mit Staats- und Parteichef Hu Jintao samt Politbüro leben.
PS: China aber wird irgendwann die jüngste Demokratie der Welt nach den eigenen Bedingungen wie einst die älteste Demokratie der Welt das zur Zeit der Yuan-Dynastie vor über 700 Jahren getan hat.
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> ECHO
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"Schweizerische Demokratie-Rezeption unterschiedlich wahrgenommen"
Falls der chinesische Gesprächspartner nicht längst auch diese Quelle kennt, ein Hinweis: Robert Grimm, Führer des Generalstreiks und Begleiter Lenins im plombierten Zug durch das deutsche Reich nach Helsinki, hat beim Absitzen seiner Strafe, zu der der Streikführer verurteilt wurde, im Gefängnis das Buch "Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen" verfasst. Daraus geht hervor, wie verschieden die schweizerische Demokratie-Rezeption zu verschiedenen Zeiten durch Schweizer in der Schweiz selber war. Der Streikführer von einst wurde später Direktor der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, wechselte also selber die Klasse und damit auch seinen Blick auf die Schweizer Geschichte. Denn während des Zweiten Weltkrieges hatte er einen wichtigen Posten in der Leitung der Kriegswirtschaft des Landes inne.
Peter Graf
Wabern b. Bern
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Südkorea - sackstark
Alle reden vom Wetter. "Süss&Sauer" nicht. Dafür vom Fussball. Es muss sein. Diesmal aus asiatischer Sicht, sozusagen, und das, noch bevor der Schiri das erste WM-Spiel angepfiffen hat.
Am Anfang eine grundsätzliche Feststellung. Der Ball ist auch in Südkorea rund. Und das Spiel dauert ebenfalls 90 Minuten. Mindestens. Gott sei Dank für die Schweizer. Südkorea nämlich ist eine sackstarke Mannschaft. Physisch robust, schnell und in den besten Momenten noch kreativer als Hakan Yakin, der David oder Philipp Degen oder gar der Zuberbühler mit den Zitterhändchen. Oder so genial wie an der letzten WM in Japan/Südkorea 2002, wo sich die Südkoreaner immerhin in die Halbfinals gekickt haben und dort nur extrem knapp und unglücklich mit 1:0 von den uninspirierten Deutschen geschlagen worden sind.
Schon mal was von Lee Young-Pyo gehört? Oder von Park Ji-Sung? Oder von Anh Jung-hwan? Nein? Nun denn, Köbi hat sie sich sicher schon angesehen. Lee nämlich spielt in der Premier League bei Tottenham Hotspur, Park bei Manchester United und Anh in der Bundesliga beim MSV Duisburg. Alle drei sind im südkoreanischen Aufgebot. Und Südkorea ist - für alle Intellektuellen, die noch nie ein Fussballstadion von innen, geschweige denn einen Fussball von nahe gesehen haben - mit der Schweiz in der Gruppe zusammen mit Frankreich und Togo.
Ob und wie die Roten Teufel - so sind die Stars liebvoll bei ihren südkoreanischen Fans bekannt - abschneiden werden, ist natürlich ungewiss, denn der Ball ist.... siehe oben. Die Stärke der Mannschaft ist nach südkoreanischen Fussballexperten - und das sind einige Millionen - derzeit schwer abzuschätzen. Wenn der Weg nach Deutschland ein Hinweis sein kann, dann muss man als neutraler Pekinger Beobachter zwischen Soeul und Bern ohne Sentimentalität feststellen, dass es für die hochkarätige Elf in der Asien-Gruppe A überraschenderweise nicht ganz einfach war. Ubsbekistan oder Kuwait waren natürlich keine starken Gegner. Aber die saudi-arabischen Fussball-Künstler sind den Südkoreanern nur so um die Ohren getrippelt, dass es seine Art hatte. Von den Saudis wird man auf den deutschen Fussballrasen wohl noch was hören. Die Roten Teufel schafften es dann doch noch mit drei Siegen, einem Unentschieden und zwei schmerzhaften Niederlagen.
Immerhin nehmen sie bereits zum siebten Mal an einer WM-Endrunde teil. Das erste Mal erkickten sie sich die Teilnahme, als Südkorea für die Schweizer noch im fernen, fernen Osten lag, nämlich 1954 an die Weltmeisterschaft in die Schweiz. Ausgerechnet, könnte man jetzt nach der Gruppen-Auslosung für die WM 2006 in Deutschland sagen. Nach 1954 hat es dann erst wieder an die WM in Mexiko 1986 gereicht. Seither war Südkorea jedesmal mit dabei. Heute ist, nach meinem Dafürhalten, die südkoreanische Elf die stärkste asiatische Mannschaft und zwar noch vor Japan.
Der Grund ist einfach. Fussball ist in Südkorea stärker verwurzelt als in Japan. Der moderne Fussball hat schon vor der Gründung der FCBs (FC Barcelona und FC Basel) auf der ostasiatischen Halbinsel Einzug gehalten. Matrosen des britischen Kriegschiffes "Flying Fish" brachten vor 140 Jahren das runde Leder, das damals noch wirklich aus Leder war, nach Südkorea. Heute gibt es eine gut entwickelte Profi-Liga, Asiens erste überhaupt. Die besten Spieler kicken heute im näheren und weiteren Ausland. Kurz und gut: Fussball vom Feinsten.
Die südkoreanischen Fans erwarten von ihren Roten Teufeln viel. Nach einer repräsentativen Umfrage träumen über 50 Prozent auch an der WM in Deutschland vom Einzug mindestens in den Halbfinal. Nicht als ausgewiesener Experte aber als parteiischer Fussball-Fan kann ich da nur hoffen, dass Köbis Rot-Jacken den Roten Teufeln das Leben schwer machen werden.
Wie gesagt, der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten. Zudem: Nach dem Wunder von Bern für die Deutschen 1954 darf man doch vielleicht auch von einem Wunder von Berlin für die Schweizer 2006 träumen.
PS I: Ebenso populär wie Fussball ist in Südkorea Baseball.
PS II: Meine Lieblingsmannschaft in Asien: Vietnam.
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Trick 15
Taxi gibt es überall. Genausogut wie Flughäfen, Bahnhöfe, Restaurants, Spitäler, Nightclubs. So verschieden Flughäfen und Bahnhöfe und dergleichen sind, so verschieden sind die Taxis und vor allem die Taxi-Chauffeure. Oder doch nicht?
Mein persönliches Interesse an Taxis und Taxifahrern - muss hier vorausgeschickt werden - ist deshalb so gross, weil ich als Werkstudent unter anderem selbst ein Taxi durchs Dickicht von zwei Grossstädten gesteuert habe. Mithin kenne ich auch alle Tricks. Zudem kommt die Perspektive des Journalisten hinzu. Sehr oft - zu oft, finde ich - tauchen Taxifahrer quasi als ultimative Vertreter der Vox Populi (übersetzt für Kenner des Frühenglischen: Volkes Stimme) in Artikeln vor allem, aber nicht nur, von Fallschirm-Journalisten auf.
Sei's drum. Hier geht es mir, als ehemaligem Insider sozusagen, nur um die Aufstellung eines Rankings der Taxifahrer dieser Welt - in diesem Falle also die beiden Amerika, Europa und Asien. Nach fast vierzig Jahren Taxifahren haben sich von allen Taxichauffeuren für mich ohne jeden Zweifel die Pekinger als eindeutig die besten erwiesen. Zwar haben die meisten wenig geografische Kenntnisse der 15-Millionen-Megalopolis, und die Englischkenntnisse werden auch bis Olympia 2008 nicht sehr viel besser. Dennoch: Im Unterschiede zu Basel, Bern oder Zürich und nicht zu vergessen New York, Caracas, LA, Mexico City, Denver oder Hanoi und Jakarta ist in Peking der Trick 15 unbekannt. Der Trick 15 besteht einfach darin, den Fremdling in kunstvollen Mäandern durch die Stadt zu fahren, ohne dass er es merkt, um somit einen schön hohen Preis herauszuschinden.
Ich gestehe, ich bin nicht unschuldig. Als Werkstudent am Taxisteuer beherrschte ich - nach stundenlangem Warten - den Trick 15 quasi perfekt. Einen kunstvollen Mäander hinzukriegen braucht ja eine Spur Kreativität. Und die hat natürlich ihren Preis.
Dem kreativsten Mäander-Taxichauffeur bin ich in Washington D.C. begegnet. In später, dunkler Nacht liess ich mich vom Flughafen ins Hotel fahren. Am nächsten Morgen bestieg ich wieder ein Taxi, das mich damals, 1990, an meinen neuen Arbeitsplatz bringen sollte. Ich sass also in einem Taxi in einer mir fremden Stadt und fabulierte über Gott, die Welt und die amerikanische Regierung mit dem gut gelaunten, aufgestellten Afro-Amerikaner am Steuer. 45 Minuten später erreichten wir das Büro an der M Street. 33 Dollar und 50 Cents plus ein schönes Trinkgeld für die angenehme Fahrt.
Nach dem ersten Arbeitstag bestieg ich an der M Street wieder ein Taxi und gab als Fahrtziel das Hotel an. Der Taxichauffeur sagte dann ziemlich perplex: "Sir, das Hotel liegt gleicht um die Ecke keine 200 Meter entfernt". Chapeau! Weltrekord in der Disziplin Trick 15.
Kreativität in Ehren, aber mein Pekinger Lieblings-Taxi-Chauffeur Xiao Liu, der das Herz auf dem rechten Flecken hat, ist mir da am Ende doch noch lieber. Er kennt alle Gerüchte dieser Stadt und hört buchstäblich das Pekinger Gras wachsen. Ob er allerdings den Trick 15 auch anwendet, weiss ich nicht, denn wenn ich in fragte, wäre seine Antwort klar: Nie und nimmer!
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It's the Kopf, Stupid!
In den letzten sechs Monaten war ich unterwegs in der Schweiz, in Indonesien, Singapur, Hong Kong, Burma, Vietnam, Kambodscha und natürlich in China. Politik, Wirtschaft, Tourismus, Alltag - das waren die Themen, die mich hauptsächlich beschäftigten. Immer mehr aber ist etwas anderes in den Mittelpunkt gerückt: Veränderung nämlich. Anders ausgedrückt und gefragt: Wie gehen Indonesier, Burmesen, Vietnamesen, Kambodschaner, Chinesen mit dem schnellen wirtschaftlichen und sozialen Wandel um, wie verkraften sie das? Andrerseits: Wie ist einem als ausländischem Beobachter zumute, zumal aus dem - wie immer wieder behauptet wird - statischen Europa? Ist - um es wieder einmal frühenglish auszudrücken - Old Europe endgültig reif for the dustpin of history?
Gemach, gemach, Freunde aus Old Europe and Switzerland! Eines nach dem andern. In China zum Beispiel geht die Post derart ab, dass ansonsten hart rechnende Unternehmer und CEOs ins poetische Schwärmen kommen und altgedienten Gewerkschaftern die Zornesröte ins Gesicht steigt. In Fernsehreportagen, meist gefertigt von jungen Fallschirmjournalisten oder gar hippen Videojournalisten, wird dann beispielsweise Shanghais oder Pekings Bauboom abgelichtet, dass es seine Art hat.
Die unterschwellige Botschaft: Asien im allgemeinen und China im besonderen sind den alten, verwöhnten, gesättigten Europäern meilenweit voraus. Daran ist, wie so oft bei Klischees, etwa die Hälfte wahr. Der Rest ist warme Luft, versprüht von Business People und Bankern, die dem jeweils Trendigen nachrennen, wie einst die Ratten dem Rattenfänger von Hameln. Die Medienleute mulitplizieren das alles ins Unermessliche im Zeitalter des Copy-and-paste-Journalismus (ja, Frühenglish hätte man haben sollen ...), wo Informationsflut viel, Wissen aber gar nichts mehr zählt.
Sicher, Chinesinnen und Chinesen sind unternehmerisch, zukunftsgläubig, optimistisch, kreativ. Wie übrigens noch immer die von den Europäern - wegen Bush - so verabscheuten Amerikaner. Gewiss, vieles können Europäer (und Schweizer) von Chinesen lernen. Umgekehrt natürlich auch. Die globalisierte Welt nämlich ist - Jean Ziegler hin, Jean Ziegler her - a winning proposition (sorry, schon wieder Frühenglish). Veränderungen aber werden nicht vornehmlich manifest in Stahl und Beton. Eher schon in Wirtschafts-Statistiken. Denn das Entscheidende aber spielt sich vor allem im Kopf ab. Und da reichen dann eben, entgegen den lüpfigen Fernsehbilden über Shanghai oder Peking, keine Wolkenkratzer und Stadien - selbst wenn sie von sogenanten Star-Architekten wie Herzog & de Meron, Pei oder Koolhaas entworfen worden sind - zum grossen, tief greifenden Wandel. Die Chinesen wissen das. Zwei bis drei Generationen brauche es mindestens, um die Einstellung und Mentalität zu ändern.
Da könnten Europäer, Schweizer, ja sogar Basler viel lernen. Es braucht einfach Zeit, wäre die erste Lektion. Innovation, Kreativität und Zukunftsglauben auf höchstem Niveau - wie zum Beispiel in China oder Indien - müsste das derzeitige Klagen auf hohem Niveau - wie zum Beispiel in der Schweiz - ablösen. Endlich. Das wäre die zweite Lektion. Oder, um ein berühmtes Diktum des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton abzuwandeln: It's the Kopf, Stupid!
Und auch dies noch: Die guten alten Zeiten hat es in der Wirklichkeit nie gegeben. Leben ist ganz einfach Veränderung.
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Klassenlos
Es gibt im Reich der Mitte rund 400 Millionen Raucherinnen und Raucher. Zur Freude chinesischer und internationaler Tabak-Konzerne. Natürlich gibt es auch in China mittlerweile eine staatlich sanktionierte Anti-Tabak-Kampagne, nur nicht ganz so sektiererisch wie im Westen und der Schweiz. Der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping war ein begnadeter Raucher, bis ihm seine Frau 1987 das Rauchen verboten und damit in China die erste Anti-Raucher-Kampagne losgetreten hatte. Deng wurde auf der Frontseite von Renmin Ribao ("Volksstimme") - dem Sprachrohr der Kommunistischen Partei - abgebildet, wie er genüsslich an einer seiner Panda-Zigarette zog und tief inhalierte. Deng stand damals im zarten Alter von immerhin schon über 80 Jahren. Danach erfreute sich Deng noch zehn Jahre des Lebens. Ohne Zigaretten. Aber: gespuckt hat er nach alter Tradition bis ans Ende seiner Tage.
Rauchen ist mithin nichts im Vergleich zum Spucken. In China wird gespuckt - öffentlich und privat, vom Staatsmann bis zum Arbeiter und Bauern, kurz überall, von jedermann und jederfrau. Und alles ohne Hemmungen. Die Spucker dürften die Raucher im Verhältnis mindestens zwei zu eins übertreffen. Und niemand regt sich auf. Mit Ausnahme natürlich des Gesundheitsministeriums. Und neuerdings das Olympische Komitee, das für die Organisation der Spiele in Peking im Jahre 2008 verantwortlich ist. Wie kann man, so die beamteten chinesischen Olympioniken, die Welt empfangen mit einem derart "unzivilisierten" Gehabe.
Mit einer gewissen Faszination, ich gestehe es, beobachte ich Chinesinnen und Chinesen, wie sie mit stupender Technik nach tiefem Einatmen, Räuspern, Positionieren des Kopfs und laut vernehmbarem kehligen Lauten den Rotz in die heile Welt hinausschleudern. Dazu noch mit einer Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. Das ist auch nötig, denn zu Hause war und ist es manchmal noch immer üblich, einen Spucknapf aus Messing gleich neben dem besten Sessel aufzustellen. Die Crème de la Crème der chinesischen Führung war früher auf Photos stets mit kostbaren Spucknäpfen aus Porzellan abgebildet. Ein Meister seiner Faches war gewiss Deng Xiaoping, der mit äusserster Präzision die Spucke ins Chessi schleudern konnte.
Die Zeiten aber haben sich geändert. Seit vor drei Jahren SARS das Land in Angst und Schrecken versetzt hat, ist das Verständnis für Hygiene gewachsen. Und jetzt die Vogelgrippe! In Schulen beginnt bekanntlich, was leuchten soll im Vaterland, und so wird jetzt nicht nur gegen Rauchen, Trinken und Drogen gewettert. Mehr Wert wird gelegt auf Hygiene und Spucken gilt als "unzivilisiert". Städte wie Kanton, Shanghai oder Peking verhängen unterdessen saftige Spuck-Bussen.
Kein Wunder, dass in Peking nach einer Meinungsumfrage des sozialpsychologischen Instituts Spucken als extrem unangenehm und widerlich angesehen wird. Nur seltsam, frühmorgens ist selbst bei geschlossenen Augen nicht zu überhören, wo man sich befindet: Die kehligen Spucklaute lassen nur einen Schluss zu, nämlich in China. Beim Spucken wenigstens bleibt das sozialistische China eine klassenlose Gesellschaft.
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Alle Jahre wieder
Anfang November, es war bereits bitter kalt, lag ich mit einer Grippe (nein, nicht Vogelgrippe ...) im Bett. Alle Jahre wieder. Damals schrieb ich in einer Kolumne mit dem Titel "Grün, Wattiert, Wonnig" über die Unbill im winterlichen Nordchina und was dagegen zu tun sei.
Und fügte hinzu: "For beginners: In China wird grundsätzlich nördlich des Yangtse-Flusses geheizt. Südlich nicht. Das ist nicht immer komfortabel". So ist es. Noch immer. Vor allem aber: Es wird - kapitalistische Reform hin, Markt her - nicht nach Wetter sondern nach Datum geheizt. Präzis am 15. März erkalten die Radiatoren. Und wenn es dann halt noch immer kalt ist, sei's drum. Der Chinese und die Chinesin kleidet sich eben ganz einfach entsprechend. Das führt dazu, dass beim Business-Lunch unter dem feinen Tuch von Armani & Co. rote, grüne, weisse oder hellbraune Long Johns hervorlugen. Als Westler bin ich da, stilistisch gesehen, eher sensibel. Chinesen sehen das nicht so eng. Schliesslich wollen sie ja gesund bleiben. Im Gegensatz zu mir mit meiner westlichen Eitelkeit. Wie durch ein Wunder aber bin ich in diesem Frühjahr von der obligaten Erkältung verschont geblieben.
Für meine verweichlichte westliche Konstitution jedenfalls ist der nordchinesische Winter meist schlicht zu kalt. In den Übergangszeiten bei 16 Grad im Büro zu arbeiten wird - politisch natürlich total inkorrekt - nie meine Sache sein. Das mag gut sein für die Grünen in der fernen Heimat, handgestrickte Pullover aus glücklicher Wolle selbstverständlich inbegriffen mit dem Label "Fairer Handel" und Birkenstock-Sandalen sowie einem GA der SBB.
Mein grüner, dick wattierter Mantel der chinesischen Volksbefreiungsarmee aber wird jetzt, Mitte April, noch nicht für den Sommer eingemottet. (Dieser billige Wärmespender wäre echt etwas für die politisch korrekten Energiesparer in der Schweiz, es sei denn, das Wattierte wäre aus unglücklicher Baumwolle gefertigt.) Doch spätestens im Mai ist Wonne angesagt. Fünf Monte lang nie mehr eine Wolljacke oder eine Pullover überstreifen. Selbst dann, wenn der Monsunregen hin und wieder niederprasselt. Wenn es in der Schweiz im Sommer mal ausnahmsweise wirklich heiss ist und die boulevardisierte veröffentliche Meinung über die Hitz stöhnt und klagt, nehmen es Chinesen und Chinesinnen gelassen. Die Siestas werden länger, und anstatt eisgekühlten Getränken wird heisser Tee getrunken.
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Hundeli
Das Jahr des Hundes, in dem wir uns bekanntlich seit dem 29. Januar befinden, hat durchaus standesgemäss angefangen. Nämlich glücklich und erfolgreich.
So what? werden Sie, charmante Leserin und kluger Leser (Copyright dieser Anrede beim legendären Basler Journalisten -sten), nun in bestem Frühenglish fragen. Für Schweizer, Europäer oder Amerikaner ist Hunde-Haltung ja selbstverständlich. Es sei denn - God forbid! - die unselige Schweizer Diskussion um die von den Boulevard-Medien hochgeputschten zähnefletschend und beissenden Pittbull-Terriers. Und im Unterschied zu Korea, China und Vietnam essen wir ja auch keine Hunde (mehr).
Sei's drum. Hier soll die Rede sein allein von "Man's best Friend" oder in gut altmodischem Dialekt: von den "Hundeli". Das nicht zuletzt vor allem deshalb, weil Hunde an meinem jetzigen Wohnort Peking erst wieder seit knapp einem Jahrzehnt erlaubt sind. Das Verbot hatte durchaus einiges für sich. Es ging den Stadtmandarinen um Hygiene, eine verständliche Sorge in chinesischen Millionenstädten. Freilich im Zuge der Wirtschaftsreform, dem wachsenden Wohlstand und der mithin wachsenden Mittelklasse begann auch langsam aber sicher die Vereinsamung der pensionierten Generation. Nicht mehr wie früher können sich die Alten nämlich auf ihre Kinder stützen. Die Behörden hatten ein Einsehen und hoben das Hundeverbot auf.
Allerdings: Ein Hundeli zu haben, war prohibitiv teuer. Aber Laobaixing, also der ganz gewöhnliche Durchschnitts-Chinese, ist erfinderisch. Die Vierbeiner wurden zur Einsparung der Gebühr ganz einfach nicht angemeldet und registriert. Die von den Behörden eingesetzte Hundepolizei stiess auf den geschlossenen, gut organisierten Widerstand der Laobaixing. Konsequenz: Die flexiblen Bürokraten in den chinesischen Rathäusern senkten drastisch die Hundesteuer.
Und Zehntausende von Hundeli wurden plötzlich registriert. Im Pekinger Zentrum sind nur kleine Hunde - vor allem natürlich die weltbekannten Pekinesen - zugelassen. Je weiter vom Zentrum entfernt, dürfen es dann auch grössere Hunde sein, wie beispielsweise ein riesiger Wolfhirtenhund namens Long Long (Drache) einer Schweizer Sinologin. Im Zentrum kenne ich dann noch den aus Amerika importierten Dackel Sigfried einer Zürcher Kunsthistorikerin und den Hund eines österreichischen Kollegen, Olga, eine Boston Terrier, deren Gesichtsausdruck mich allerliebst an E. T. erinnert.
Da selbst mit Hunden im Neubad aufgewachsen (Spaniel Wuff und Pudel Billy), bin ich auf vielseitigen Wunsch meiner Frau neulich wieder Hundehalter geworden. Und da im Zentrum Pekings wohnend, musste es natürlich ein Hund mit niedriger Schulterhöhe sein. Da hat sich meine Frau für einen Dackel entschieden, der wörtlich ins Chinesisch übersetzt ein "Würstli-Hund" ist. Mei Mei heisst das Hundeli meiner Frau. Gassi wird am frühen Morgen und am späten Abend bei jedem Wetter allerdings vom Hausherrn besorgt, also mir, versteht sich. Der Vorteil dabei: Ein enger Kontakt mit Laobaixing. Gesprächsthema sind dann eben die Hundeli, aber auch Gott und die Welt.
Dass Asiaten übrigens gerne Hunde essen, ist vor allem ein schönes westliches Vorurteil. Koreaner, Chinesen und Vietnamesen essen so viel Hund wie weiland in den fünfziger Jahren zum Beispiel die Schweizer, das heisst die Appenzeller. Allerdings, an meinem ehemaligen Wohnort Hanoi (Vietnam) werden eigens gezüchtete Gourmet-Hunde im Winter noch immer mit Gusto verzehrt. Zu einem solchen Festessen in eines der Hunde-Restaurants auf dem Damm am Roten Fluss eingeladen zu werden, war jeweils eine grosse Ehre. Und ich wurde oft eingeladen.
Wuff, Billy, Long Long, Sigfried, Olga und natürlich Mei Mei mögen mir verzeihen ...
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Gässle à la pekinoise
"Morgeschtraich! Vorwärts!! Maarrrrsch!!!". So habe ich das noch aus meiner Kindheit in Erinnerung, und wenn ich der Schweizerischen Depeschen-Agentur sda glauben darf, ist das heute noch so. Nun bin ich, wie die regelmässigen Leserinnen und Leser dieser Kolumne mittlerweile wissen, gewiss kein "Berufs-Basler". Dennoch weiss ich jeweils ziemlich genau, wann die Fasnacht anfängt, welche meine deutschen Freunde, um mir eine Freude zu machen - echt -, als "weltberühmte Baseler Fasenacht" bezeichnen.
Sei dem, wie ihm wolle. Jedenfalls nahm ich vor etwas mehr als einer Woche an, dass es eine schöne, frühlingshafte Fasnacht geben wird. Wir in Peking hatten nämlich einen ungewöhnlich milden Winter. Am Tag vor dem Morgenstreich bin ich mit meinem Velo bei wohligen Temperaturen von 17 Grad durch die Hutongs gefahren. Hutongs sind die traditionellen Pekinger Gassen. Mit andern Worten, i bi go gässle. Sozusagen.
Dann am Sonntagabend, wenige Stunden vor dem Morgenstreich, ein Blick aufs Internet und natürlich auf OnlineReports. Und was lese ich da? Fasnacht und Schnee: Polizei bittet um Vorsicht. "Das Fasnachts-Comité", erfahre ich mit zunehmendem Staunen, "appelliert zusammen mit der Kantonspolizei an die Vernunft von allen Fasnächtlern und Besuchern". "Schweres Gerät" sei im Einsatz, von allen sei "Flexibilität gefragt". Das liest sich fast wie das Exposé zu einem Katastrophenfilm oder eine Meldung über den Ausnahmezustand.
Am Montag bin ich dann pünktlich um 11 Uhr morgens (4 Uhr Basler Zeit) in eines der wenigen Pekinger Quartiere geradelt, wo die Hutongs trotz kapitalistischem Baufieber noch stehen geblieben sind. Bei wohliger Frühlingswärme habe ich mir - Vogelgrippe hin, Hühnerpest her - als Nostalgie-Bebbi ein Entensüppchen und ein lauwarmes Mantou (Dampfbrötchen) genehmigt, als Ersatzhandlung mithin für Mehlsuppe und Käs- und Ziibelewaie. So gestärkt bin ich mit Gusto durch die Hutongs geradelt. Gässle a la pekinoise, sozusagen. Aber wieder mal richtig zu Gässlen nach über fünfzig Jahren, das wäre tatsächlich nicht schlecht. Nächstes Jahr vielleicht, wenn die Waggis nicht mehr in Schnee-, sondern wieder in ihren Holzschuhen ihre Die "drey scheenschte Dääg" absolvieren können.
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"Willisauer-Ringli",
"historisch", in Gold
Die letzten vierzehn Tage waren nicht leicht. Für mich als Sportsfreund wenigstens. Die Olympischen Spiele in Turin standen ganz oben auf der täglichen Nachrichten-Traktandenliste. Auch in Chinas Medien waren sie ein grosses Thema. Erstens weil ja bekanntlich Peking die Sommerspiele 2008 austragen wird, und zweitens, weil - wintersportlich gesprochen - China schon längst kein Entwicklungsland mehr ist.
Wie aber kommt man zu umfassenden olympischen Sport-Informationen? Das ist im Zeitalter von Internet, Cyberspace und vernetztem Dorf für viele eine dumme Frage. Wohlan denn. Hat man nämlich nicht gerade die Nachrichtenagenturen eins zu eins aufgeschaltet, wird es schwierig. Auf sämtlichen hier in Peking empfangbaren Fernsehkanälen aus West und Ost weht einem der üble Wind des Nationalismus entgegen. Die Athletinnen und Athleten greifen im Siegestaumel sogleich zur Nationalflagge und führen ungehemmt den eifrig von Kameras abgelichteten irren Tanz für Volk, Vaterland und Nation auf. Mitmachen ist wichtiger als siegen. Wirklich? Forget it!
Die meisten Athletinnen und Athleten vergiessen dann beim Abspielen der Nationalhymne auch noch Tränen. Close-up verfolgt vom Farbfernsehen. Doch die Presseleute sind nicht viel besser. Jeder Schwachsinn der Sieger, des Zweiten, der Dritten wird verbreitet. In der Schweiz, wo wir ja nicht mehr gerade so viele Sieger haben, ist das "Podest" zu einem wichtigen Wort geworden. Und so verwundert es denn nicht weiter, dass ein regional weltberühmtes Schweizer Boulevardblatt schon eine Bronzene Medaille als ultimativen Schweizer Sieg feiert und "unsere Gold-Martina mit sensationellem Silber" hochleben lässt. Dass dann die Snowboarder noch "Goldene Willisauer Ringli" holten, machte das Mass voll. Der Begriff "historisch" wird zudem, wie übrigens immer mehr auch im politischen Teil von Qualitätsblättern, jetzt auch im Sportteil schamlos täglich missbraucht. Die historische Bronzemedaillen von Bruno Kernen und Ambrosi Hofmann? Give me a break! Die Goldmedaillen von Russi, Nadig und Co.von anno dazumal: Sind die demnach "noch historischer"?
Es war schwierig für den interessierten Sportsfreund, wirklich umfassender und analytischer Sportberichte über Turin habhaft zu werden. Interessant sind ja nicht nur Gold, Silber und Bronze, sondern auch ein vierter, elfter oder neunzehnter Rang. Je nach dem und mit allem, was dazu gehört. Verlauf, Kommentar, Vergleiche, vielleicht durchaus auch eine Spur von lokalem oder regionalem Stolz.
Immerhin: Als die Frenkendörfer Skiakrobatin Evelyn Leu eine Goldene ersprang, wusste ich wenigstens, wer Silber holte. Es war die Chinesin Nina Lin. Geschlagen worden, hörte ich morgens am Radio, sei sie nur "von einer Schwedin".
Eines aber ist - nehmt alles nur in allem - überfällig. Nämlich dreierlei: Wann wird der unselige Medaillen-Spiegel - täglich veröffentlicht in sämtlichen Gazetten, Radio- und Fernseh-Sportnachrichten - endlich abgeschafft? Wann endlich wird auf das Abspielen der Nationalhymne bei der Siegerehrung verzichtet? Wann endlich verbietet das ach so auf internationalen Frieden, Freude, Eierkuchen bedachte Internationale Olympische Komitee endlich und ein für allemal den Siegern, kaum im Ziel, die Nationalflagge zu behändigen und damit hemmungslos einen chauvinistischen Freudentanz aufzuführen?
Seien wir realistisch: Wohl nie. Die Olympischen Spiele aber verkommen unterdessen immer mehr zum Krieg mit andern Mitteln. Besser als echter Krieg? Gewiss. Nur eben: Chauvinistische Spiele sind im schlimmsten Fall eben auch schon mentale Vorbereitung auf den Krieg.
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> ECHO
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"Es wird geheuchelt, was das Zeug hält"
Diese Kolumne ist leider ein Tatsachenbericht. Ob Olympiade, Welt- oder Europameisterschaften, es wird geheuchelt, was das Zeug hält. Von den Sportlern und den Medienleuten. Wenn der Annen-Bob gewonnen hat, gewannen wir Schweizer, wenn Ivo Rüegg "nur" achter wurde, warens nicht wir, der Rüegg hat versagt. Die Athleten starten natürlich fürs Vaterland, denken aber primär ans Geld im eigenen Portemonnaie und die gute Gelegenheit, für ihre Ausrüster gratis zu werben. Und die Radio- und Fernsehanstalten zahlen horrende Summen dafür, notabene Geld von uns Gebührenzahlern. Und die zum Teil saudummen Fragen der Reporter kann man schon gar nicht mehr hören, manche Sportler machen noch das Beste daraus, ich würde schon gerne mal ihre wirklichen Gedanken hören, die wären wahrscheinlich aufschlussreicher. Eine TV-Episode zwischen einem Reporter und einem Fussballer geht mir nicht mehr aus dem Sinn: Frage des Medien-Mannes: Warum meinen Sie, habt Ihr das Spiel nicht gewonnen? Antwort des Sportlers kurz und bündig: Weil wir ein Tor zu wenig schossen! Und lief davon. Der verdatterte Reporter war eine Augenweide.
Aufschlussreicher wäre einmal ein ungeschminkter TV-Bericht in ein, zwei Jahren, was die betroffenen Turiner zu den Folgen dieses "Sportfest" zu sagen hätten. Dazu wird aber wohlweisslich geschwiegen, da es gewissen Interessen zuwider läuft!
Bruno Heuberger
Oberwil
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Mobil
Schon bald 400 Millionen mobile Telefone - oder auf neudeutsch ausgedrückt Handys - gibt es nach der neusten Statistik in China anfangs 2006. Und noch ist keine Ende in Sicht. Das Aufkommen der mobilen Telephon-Technologie hat dem Entwicklungsland China gewaltige Vorteile gebracht. Dort, wo kostspielige terrestrische Fixlinien zu teuer wären, konnte ganz einfach auf die weniger aufwändige mobile Technologie ausgewichen werden. Ähnlich Bahn brechende Entwicklungen haben in andern Bereichen das Reich der Mitte erobert. Das in jeder Hinsicht folgenreichste ist wohl das Internet.
Auf die einschneidenden sozialen und politischen Folgen sei hier für einmal nicht eingegangen. Was sich mir vielmehr eingeprägt hat - und das sowohl in China, Asien insgesamt, Europa, der Schweiz oder Amerika - ist ein Bild. Überall sind Menschen mit ihrem Handy am Ohr mehr oder weniger laut sprechend oder mit ihrem Handy in der Hand (wo sonst ...) Mitteilungen als SMS töggelend zu beobachten. Und es kommt ja noch bunter. Bereits nämlich kann ich auf meinem PDA permanent die neuesten Emails empfangen, TV sehen und natürlich Radio hören. Resultat: Menschen, die miteinander reden, lachen und - warum auch nicht - singen, werden immer rarer.
Nun ist grundsätzlich die mobile Telephonie natürlich ein Segen. Sicher. Vor allem für die Mobil-Telephon-Anbieter und deren Aktionäre natürlich. Aber auch für die Laobaixing, die Durchschnitts-Bürger in China und anderswo in der Welt. Das ist die eine Seite.
Die andere ist weniger positiv. Der Stress durch die ständige Erreichbarkeit wird mit der Zeit ihren Tribut fordern. Notfälle werden da als Gegenargument oft zitiert. Doch wie haben wir das früher, beispielsweise vor zehn Jahren bewältigt? Eben! Und was soll der E-Mail-Terror auf Schritt und Tritt? Einmal den Mail-Kasten leeren pro Tag genügt auch heute in unserer schnelllebigen Zeit durchaus in 99,99999999999 Prozent der Fälle.
Der Fortschritt freilich ist, wie wir alle wissen, nicht aufhaltbar. Darüber sind sich alle einig. Was aber als Fortschritt gilt oder gelten darf, darüber gehen die Meinungen - Gott sei Dank, muss man sagen - weit auseinander.
In diesem Sinne: Wem es trotz Handy-mobilem E-Mail, SMS und Telephonieren noch immer langweilig ist, und wer trotzdem nicht eine ganz altmodische Unterhaltung mit seinem Nachbarn oder Gegenüber vorzieht, stecke sich die Kopfhörerchen in die Ohren und lausche (Achtung Gehörschaden!) den Klängen seines MP3-Players. Er oder Sie wird nicht allein sein. Ein Handy, ein MP3-Player und weiteres mobiles Zubehör gehören heute ganz einfach zur Grundausstattung bevor man sich auf die Strasse, ins Tram, in den Zug oder sonstwohin wagt. Das jedenfalls schliesse ich aufgrund von Beobachtungen im Pekinger Chaoyang-Bezirk, in der urbanen Kleinstadt Basel, in der provinziellen Weltstadt Zürich, sowie in Amriswil, Ostermundigen, St-Aubin, Estavayer-le-Lac und Crompond (Up-State NY).
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Sumatra
Möge der Küchengott beim Jade-Kaiser ein gutes Wort für mich und OnlineReports einlegen. Jedenfalls habe ich ihm vor dem Neuen Jahr des Hundes (seit 29. Januar) genügend Süssigkeiten und andere Leckereien geopfert. Mit einem solchermassen gesüssten Zahn kann er dem Jade-Kaiser mithin nur Schönes und Süsses erzählen. Anstatt Süssigkeiten bot man dem Küchengott früher Wein und andere alkoholische Getränke dar in der Hoffnung, dass er dann leicht beschwipst und besäuselt dem Jade-Kaiser nichts Schlechtes berichten konnte.
Vielleicht, schlug neulich ein chinesischer Freund vor, könnte man dem Küchengott auch Rauchwaren opfern. Zigaretten, Cigarillos, ja sogar Zigarren. Solche Äusserungen nun sind nicht mehr nur in Amerika oder der Schweiz politisch unkorrekt. Auch in China beginnt sich langsam aber sicher das (Tabak-) Blatt zu wenden. Einschränkungen gibt es auch schon - zum Beispiel die, dass in 132 Strassen der stolzen Hauptstadt Peking nicht geraucht werden darf. Wer es trotzdem tut und Zigaretten-Stummel auf den Boden wirft, wird gebüsst. Mit Quittung etwas mehr, ohne Quittung etwas weniger. Viele öffentliche Gebäude, unter anderem die grossen Bahnhöfe, sind inzwischen rauchfreie Zonen.
Doch viele der landesweit rund 400 Millionen Raucher und Raucherinnen halten sich natürlich nicht daran zur Freude, muss man hinzufügen, der grossen chinesischen und auch internationalen Tabak-Konzerne. Denn Entwicklungsländer im Allgemeinen und China im Besonderen sind Absatzmärkte, die noch sattes Wachstum versprechen. In China ist Rauchen eben gesellschaftlich noch nicht so geächtet wie in Amerika und Europa. Mit andern Worten: Die Chinesen bieten sich noch bei jeder Gelegenheit Zigaretten an, ohne gleich vom Gegenüber, falls Nichtraucher, gleich als Drögeler angesehen zu werden.
Ein Arzt beim Interview zu den Gesundheitsrisiken des Rauchens offeriert zunächst eine Zigarette, steckte sich dann selbst eine an und erläuterte dann unterstützt von Zahlen und Fakten in starken Worten die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Schäden für die Volksrepublik China. Im Übrigen sagte er nach einem tiefen Lungenzug, dass er als Raucher zwar kein gutes Vorbild sei. Doch in Peking und vielen andern Grossstädten, fügte er hinzu, spiele es ohnehin keine Rolle, denn die Luft sei etwa so schlecht, wie wenn man ein bis zwei Päckchen Zigaretten rauche. Pro Tag, notabene.
Und wie bei andern Produkten werden im Land des definitiven Kapitalismus auch ausländische Zigaretten nicht nur geschmuggelt, sondern auch gefälscht. Selbst Zigarren sind jetzt in den Grossstädten auf dem Markt erhältlich. Früher waren noch gute Beziehungen zur kubanischen Botschaft oder zu kubanischen Studenten nötig, doch heute ist von der Cohiba bis zur Partagas alles auf der Strasse erhältlich. Selbst Villigers exzellente Sumatras Nummer 1, 3 oder 5 sind im Angebot, und erst noch billiger als in der Schweiz. Gefälscht oder echt? Who knows?
Dem Küchengott jedenfalls habe ich neben Süssigkeiten und Klebreis auch eine Villiger Nr. 3 dargebracht. In der Hoffnung auf alles erdenklich Gute vom Jade-Kaiser im Neuen Jahr des Hundes für Sie, liebe Leserinnen und kluge Leser, für OnlineReports und natürlich au e weeneli für mich ...
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Oskar und die Tipp-Mamsell
Oskar verfasste seine Kolumnen und Artikel stets mit einer Füllfeder auf Papier. Selbst dann, als anfangs der ziebziger Jahre der Maschinensatz automatisiert wurde. Bei diesem allerersten Schritt Richtung Computerisierung in der Presse wurden die stolzen Maschinensetzer durch Sekretärinnen ersetzt, welche die Manuskripte abschreiben und zu Lochstreifen umwandeln mussten. Der hier springende Punkt: Die Manuskripte mussten leserlich, das heisst mit Schreibmaschine geschrieben werden. Denn ungleich den Maschinensetzern, die Handschriften und Sprachen beherrschten, stand das bei den weniger hoch bezahlten "Tipp-Mamsells", wie sich die in ihrer Berufsehre verletzten Maschinensetzer auszudrücken pflegten, natürlich nicht im Pflichtenheft.
Oskar, damals Chefredaktor einer leider inzwischen fusionierten Basler Tageszeitung, blieb bei seiner alten Gewohnheit. Zum Denken brauche er ganz einfach seine Füllfeder und ein weisses Blatt Papier. Seine persönliche Mitarbeiterin musste dann, seiner schönen Handschrift kundig, das Manuskript abtippen, damit es dann die "Tipp-Mamsells" in Lochstreifen umwandeln konnten. Oskar war nicht etwa dem technischen Fortschritt feindlich gesinnt, ganz im Gegenteil. Aber Denken und Schreiben, das war für ihn ein Prozess des Herantastens auch und gerade mittels Tinte und Feder. Mit dem Computer geht das ja heute federleicht. Einfach mal anfangen. Später mit Mausklick ausradieren oder umordnen. Etwas polemisch ausgedrückt könnte man formulieren: Oskar dachte noch, bevor er etwas niederschrieb. Heute im Zeitalter von Office Word, SMS und Handy wird einfach mal losgelegt. Schönschreiben, so vermute ich als hoffnunslos Rückständiger, wird in den Primarschulen eh längst nicht mehr unterrichtet (dafür, he jooh, Frühenglish).
Das alles kam mir neulich in den Sinn, als in einer chinesischen Zeitung wortreich beklagt wurde, dass wegen IT und Digitalisierung langsam aber sicher die Handschrift verloren ginge. In der chinesischen Kultur ist die Handschrift der Zeichen wegen noch viel wichtiger als in unserer westlichen Alphabet-Kultur. Kaligraphie ist überdies eine hoch bewunderte und bezahlte Kunst.
Vor zwanzig Jahren noch beobachtete ich mit wachsendem Staunen einen Handsetzer in Xian, der vor einem Setzkasten mit tausenden von Schriftzeichen hin und her wetzte und einen Text zusammentstellte. Damals zweifelte man noch, ob es je möglich sein werde, Chinesisch auch auf einem Computer zu schreiben. Dank dem rasanten technischen Fortschritt und der stetig wachsenden Rechenleistungen des "elektrischen Hirns" (so die chinesische Bezeichnung für Computer) ist das heute ohne Mühe möglich. Selbst für einen wie mich, der grosse Schwierigkeiten hat, von Hand chinesisch zu schreiben. Aber offenbar geht das nicht nur mir so. Im Zeitungskommentar heisst es, dass sogar einige Hochschulabsolventen bei einer Bewerbung nicht mehr in der Lage waren, den Fragebogen von Hand auszufüllen.
Der Kommentator beklagte in bewegten Worten, dass der Gebrauch von SMS und Computer zur Folge hat, dass der grösste Schatz der chinesischen Kultur, die Schrift und mithin die Handschrift, langsam aber sicher vernichtet werde. So schwarz sehe ich das nicht, jedenfalls wenn die Kellnerin meines Lieblingsrestaurants, ein Mädchen vom Lande mit wenigen Jahren Primarschulbildung, meine Bestellung fein säuberlich und rasend schnell notiert. Aber die vom Zeitungskommentator beschriebene Tendenz ist sicher richtig. In China und, denke ich, wohl auch in der Schweiz.
PS1: Diese Kolumne wurde in Erinnerung an meinen Lehrer Oskar zunächst mit Feder auf Papier geschrieben. Es war nicht einfach....
PS2: In Erinnerung an meine Binninger Primarlehrerin, Fräulein Pototzka, die mir mit Zuneigung und Geduld das Alphabet beibrachte, habe ich überdies mich bemüht, schön zu schreiben.
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> ECHO
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"Ein Hinweis auf eine empfindliche Bruchstelle"
Herzlichen Dank, Peter Achten, für diesen Beitrag, der auf den langjährigen Chef der "Basler Nachrichten", Oskar Reck Bezug nimmt. Diese Gedanken weisen auf eine wenig beachtete, aber sehr empfindliche "Bruchstelle" für unsere ganze Kultur hin. Entscheidend ist dabei aber nicht das Medium des Schreibens, sondern das Schreiben an sich. Schreiben im Sinne von Sprachbeherrschung, Schreiben im Sinne von Klärung und Vermittlung des Gedankens, Schreiben im Sinne von wahrnehmen und ausdrücken - ja, dieses Schreiben geht leider in rasantem Tempo und bis hinauf in akademische Bildungsgrade verloren. Und wer nicht mehr zu schreiben versteht, wird irgendwann auch nicht mehr zu lesen verstehen. Welch eine Bedrohung für unsere Kultur und unsere Geschichte!
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Frühere "Süss&Sauer"
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