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Frühere "Süss&Sauer"
 


© Foto OnlineReports

Peter Achten, geboren 1939 in Basel, lebt und arbeitet in Peking (Beijing). Er ist seit 1967 journalistisch tätig. Seine Karriere beganng er bei "National-Zeitung" und "Basler Nachrichten" als Lokalredaktor, arbeitete später als Radio-Korrespondent aus Madrid. 1974 wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er Produzent/Moderator der "Tagesschau" und Mitglied der Chefredaktion wurde. Mit Sitz in Beijing, Hanoi und Hongkong arbeitete Achten ab 1986 als Fernost-Korresponent für Schweizer Radio DRS sowie verschiedene Schweizer Tageszeitungen. Zwischen 1990 und 1994 war er in Washington USA-Korrespondent für SF DRS. Seit 1997 ist Peter Achten Asienkorrespondent für SR DRS sowie für Ringier-Titel und Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "China International Business". Spektakulär waren seine Radio-Reportagen während des blutig niedergeschlagenen Volksaufstands im Frühjahr 1989 und des Massakers auf den Tiananmen-Platz in Beijing.

peter.achten@usa.net

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

Zwischen zwei Welten



Wie der Zufall so fällt, ist dies die erste Kolumne von OnlineReports im neuen Jahr. Rückblick? Ausblick? Hatten wir ja alles schon auf sämtlichen Radio- und Fernsehkanälen, in jeder Tages-, Wochen- und Montaszeitung. Farbig, im digitalen Stereoton. Alles abgefeiert und abgelutscht. Alle Jahre wieder. Inklusive astrologisches Raunen zur Volksverdummung und Auflagesteigerung. Also Weitblick? Schön wärs, aber dazu bin ich nicht der geeignete Autor.

Hingegen kann ich davon erzählen, dass ich in der schönsten aller Welten lebe. Zweimal Neujahr nämlich kann ich feiern mit allem Drum und Dran. Dran wären zum Beispiel die wohl gewählten Worte der Staats- und Regierungschefs zum Jahreswechsel. Im Schweizer Fall also Bundesrat Moritz Leuenberger, im chinesischen Fall Hu Jintao. Aber dieses Dran ist ja nicht gerade spannend, weil bis zur letzten Silbe vorhersehbar. Seit lieb zueinander – Friede, Freude, Eierkuchen. Auch und gerade bei dem wegen seiner Feingeistigkeit hoch gelobten Moritz. Hu ist zwar so hochgebildet wie Moritz aber als Max, beziehungsweise als Staats- und Parteichef Chinas, überrascht er verbal genausowenig.

Nein, das Drum, das ist das wirklich Spannende. Beim westlichen Neujahr gemäss dem Gregorianischen Kalender, das die Chinesen nach dem Fall der letzten kaiserlichen Qing-Dynastie für offiziellen, internationalen Gebrauch übernommen haben, ist das Faszinierende der Silvester mit dem Übergang ins nächste Jahr samt Glockengeläute und Feuerwerk. Und natürlich das fröhliche Festen mit Freunden und Verwandten. Das Chinesische Neujahr oder Frühlingsfest oder Tet findet – gemäss dem Mondkalender – immer zwischen dem 20. Januar und dem 20. Febraur unserer Gregorianischen Zeitrechnung statt, also plusminus einen Monat später. Chun Jie ist für die Chinesinnen und Chinesen und Tet für die Vietnamesinnen und Vietnamesen das allergrösste Fest überhaupt. Für uns Westler übersetzt etwa: Weihnachten hoch drei. Es ist das Familienfest par excellence. Und die Familie, auch und gerade im erweiterten Sinn, gilt in China, Vietnam, ja in ganz Asien (noch) als Mass aller Dinge.

Natürlich gibt es beim Jahreswechsel viele Unterschiede. Im Essen, im Trinken, im Ablauf des Festes. Der mit Auge und Ohr aber markanteste Unterschied ist das bekanntlich von den Chinesen erfundene Feuerwerk. Im Westen ist es, meiner Erfahrung nach wenigstens, schön bunt und blumig. In China jedoch kann es zwar auch bunt, muss aber zuallererst laut und krachend sein. Vor einigen Jahren wurden die Kracher und Mega-Böller in den Städten verboten. Die roten Mandarine machten sich offensichtlich Sorgen um die Gesundheit der Massen. Aber trotz Verbot krachte es, wie seit langen Jahrhunderten üblich, natürlich trotzdem. Mit dem Resultat, dass beim diesjährigen Neujahr das ohrenbetäubende Krachen wieder erlaubt ist.

Ich lebe also in der besten aller Welten. Zweimal Neujahr. Unser Neujahr habe ich mit nur einem kleinen Kater hinter mich gebracht. Und am 29. Januar begrüsst mit Krachern und Böllern mein kleiner Kater das Jahr des Hundes. Mögen sie sich verstehen. Prosit Neujahr! Xin Nian Kuaile!

2. Januar 2006


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Es werde Licht



Wie dunkel es vor der Erfindung des elektrischen Lichtes war, können wir uns heute schwerlich mehr vorstellen. Schon gar nicht zur Weihnachtszeit. Auch das weihnachtliche Licht, wen wundert es, ist unterdessen weltweit verbreitet, oder jedenfalls fast. Noch gibt es, wie eindrückliche Satelliten-Photos zeigen, einige dunkle Flecken (meist arme Regionen und Länder). Ansonsten verbreitet sich das Licht schnurstracks ganz nach den kommerziellen Regeln des globalisierten Warenverkehrs.

An der Wangfujing-Einkaufsmeile im Zentrum Pekings beispielsweise sieht es - noch vor wenigen Jahren undenkbar - heute aus wie in New York, Basel, Paris oder Berlin. Am Heiligen Abend, dem 24. Dezember, vergnügen sich die trendigen jungen Pekinger an der Donghuamen-Strasse unweit der Verbotenen Stadt, essen Köstlichkeiten der dort aufgereihten unzähligen Garküchen, flanieren und lassen es sich gut gehen. "Merry Christmas", ruft man sich kichernd zu. Alle sind der Kälte wegen in dicke Mäntel gehüllt. Auf dem Kopf aber sitzt, so will es der Trend, eine rote Nikolaus-Mütze mit weissem Rand, am besten aus (echtem) Pelz. Dazu erklingt über Strassen und Plätze vom Kaufhaus her laut vernehmbar "Jingle Bell" und "White Christmas". Oh Du fröööhööliche, sozusagen.

Das christliche Licht, mittlerweile natürlich jeder religiösen Konnotation entblösst, hat sich in Asien entlang der ökonomischen Einfallsroute der Markwirtschaft verbreitet. In Hong Kong, noch unter den britischen Kolonialherren, setzte sich das weihnachtliche Licht schon früh fest. Der Vorteil, erklärte einmal ein im Dekorationsbusiness tätiger Hongkonger, sei natürlich, dass die kunstvollen, bunten Lichter-Dekorationen in den Strassenschluchten und an den Hochhäusern kaum einen Monat später leicht abgeändert wieder verwendet werden könnten. Zum chinesischen Neujahr und Frühlingsfest nämlich. Im damals - das heisst vor zehn, fünfzehn Jahren - noch ziemlich roten China setzte dann Kanton den Trend, gefolgt von Shanghai und schliesslich Peking.

Die Ausländer aus dem Westen pflegen leicht indigniert oder spöttisch auf den auch anderswo in Asien verbreiteten Weihnachtsrummel zu reagieren. Dabei übernehmen wir ja auch in Europa und der Schweiz unterdessen viele Bräuche anderer Kulturen. Halloween ist beispielshalber der letzte Zwick an der Geisel, und bald werden wir Thanksgiving feiern statt den alten Buss- und Bettag. Mehr Fun in der Spassgesellschaft, nicht in Sack und Asche büssen, nicht wahr.

Ich wette überdies, dass es keine zehn Jahre mehr geht, bis auch bei uns das Chinesische Neujahr beziehungsweise das Frühlingsfest oder Tet gefeiert werden wird. Warum auch nicht? Es ist nämlich ein schönes Fest. Die Familie im Mittelpunkt, und beschaulich. Würde auch bei uns nichts schaden.

Aus Amerika - Bush hin, Bush her - haben wir in der Schweiz, wie ich eben jetzt bei meinen Weihnachtsferien netzhautnah erlebe, die überbordende Weihnachtsbeleuchtung übernommen. Fast jedes zweite Haus sieht schon fast aus wie - na eben - ein geschmückter Christbaum. Die Innenstädte sind dekoriert, meist finanziert durch eine rührige Gewerbevereinigung, wie - na eben nochmals - Weihnachtsbäume.

Wie's in Basel aussieht, weiss ich (noch) nicht. Aber die Zürcher haben einmal mehr den Vogel abgeschossen. Ohne Not haben sie das seit rund dreissig Jahren in der Bahnhofstrasse für Weihnachtsstimmung sorgende stimmige Lichtermeer durch etwas ersetzt, das so depressiv wirkt wie das Bahnhofbuffet 2. Klasse in Olten vor 50 Jahren. Muss das sein? Es muss wohl in Downtown Zürich. Tiefste Provinz.

Ganz anders in Estavayer-le-Lac. Schlichte Leucht-Sterne über den Strassen, dazu überall transparente Leucht-Krippen von einem Künstler gestaltet. Die Leucht-Sterne vermitteln mir so etwas wie Heimatgefühl und ein Anflug von Heimweh. In meiner Lieblingsstadt Hanoi (Vietnam) nämlich sind die Strassen bei festlicher Gelegenheit zum Verwechseln ähnlich illuminiert. Der einzige kleine Unterschied: Statt Sterne sind es Hammer und Sichel.

In diesem Sinne: Es lebe die globalisierte Weihnachtsrevolution! Sie möge - ganz chinesisch - zehntausend Jahre dauern!

19. Dezember 2005


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Pho



Warum, denke ich manchmal, ist Basels -minu noch nie in China gewesen. -minu, wohl Basels und der Schweiz kundigster und raffiniertester Feinschmecker, hat ohne China - oder Vietnam oder Thailand oder Japan for that matter - etwas entscheidendes verpasst. Gewiss doch, -minus Küche sucht seinesgleichen. Dennoch, wenn ich ihn zu Xiao Wangs Peking Ente mitnehmen könnte, würden seine Äuglein vor lauter Wohlbefinden glänzend leuchten. Innocent hin, Innocent her.

Ich spreche von der chinesischen Küche, die mir tagaus, tagein das Köstlichste bietet. Ich lebe, was das Essen betrifft, in der besten aller Welten. Ich habe in Peking das Privileg, Köche zu meinen Freunden zu zählen. Chinesische genauso gut wie ausländische. Xiao Wang beispielshalber oder Koch Chen in seinem Restaurant beim Scitech oder der chinesische Pizzaiolo im Hutong Pizza beim Houhai-See zählen zu meinen Favoriten. Von den ausländischen Küchenchefs ist mein absoluter König der Österreicher Peter Höllriegl und der Singapur-chinesische Chef Ray (der schon die New Yorker betört hat) im Courtyard-Restaurant nahe der Verbotenen Stadt und Künstlerin und Küchenmeisterin Jina im trendy Green Teahouse in der Nähe des Arbeiter-Stadions.

Ich will mich hier mit spezifischen Menus nicht auf die Äste herauslassen. Probieren geht über studieren, wie wir alten Lateiner und alten Chinesen zu sagen pflegen. Aber nebst Reis vielleicht noch ein Wort zu den Nudeln. Marco Polo, im 13. Jahrhundert längere Zeit in China, soll je nach Lehrmeinung Nudeln (Spaghetti) und Ravioli nach China gebracht oder eben von China nach Italien importiert haben. Nach Auffassung der meisten Soziologen, Ethnologen und Historiker freilich ist es wahrscheinlich, dass in Agrargesellschaften, die Getreide angebaut haben, Nudeln, Brot und dergleichen an verschiedenen Orten unabhängig voneinander "erfunden" worden sind. Das macht Sinn. Denn die Vermutung liegt nahe, dass überall dort, wo es solches Getreide gab, aus den Früchten der Bemühungen etwas Essbares gemacht worden ist.

Neulich jedoch haben die Chinesen mitgeteilt, dass Forscher der Akademie der Wissenschaften herausgefunden haben, dass Chinas Bauern vor Tausenden von Jahren tatsächlich die Nudeln erfunden haben. Archäologen könnten das beweisen. Nun, ich denke, dass die Italiener jetzt aber subito mit einem Beweis daher kommen müssten, der zweifelsfrei beweist, dass schon die alten Etrusker Pasta vom Feinsten gegessen haben.

Wie immer dem auch sei. Lieber -minu, der Du doch so Italien-verliebt bist: Die besten Nudeln auf diesem Planeten gibt es weder in China (Schluck!) noch in Italien (Schluck, Schluck!!) sondern in Vietnam. Dort, nur und allein in Hanoi, gibt es Pho. Die besten Nudeln, die feinste Pasta auf der ganzen Welt! -minu, You have an open invitation.

5. Dezember 2005


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"Vier Portionen reservieren!"

Lieber Peter Achten, ich bin mit einem Bein schon unterwegs zu Deiner Pasta. Und ich weiss, dass die Chinesen - oder eben die Köche von Taiwan - im Rumnudeln top sind. Deshalb: Vier Portionen reservieren!

Herzliche Grüsse aus Basel, wo die Ravioli noch immer vom Pizza-Kurier kommen ...

-minu
Basel

Eile mit Weile



Wir leben in einem globalen Dorf dank IT (Frühenglisch: Information Technology). Schiint's! In der Schweiz ist sehr wahrscheinlich schon fast die ganze Bevölkerung auf dem Netz und auf dem - wie es frühenglisch, aber dennoch fürchterlich falsch heisst - Handy. Jedenfalls wundere ich mich jedes Mal, wenn ich in der Schweiz bin, welch fürwahr in sich gekehrte Gesellschaft sie geworden ist. Kaum irgendwer redet noch mit einem Gegenüber, es sei denn auf dem Handy, wo in aller Öffentlichkeit so weltbewegende Informationen ausgetauscht werden wie beispielshalber: "Schatz, ich bin in 20 Minuten zu Hause".

Wie haben wir das eigentlich früher gemacht? Oder im Pendlerzug von Zürich nach Bern oder Basel nach Zürich. In voller Lautstärke jede Menge Privates oder Geschäftliches. Who, goddammit, cares? Dann die SMS-Mania. Überall Menschen, die wie wild irgend eine Mitteilung in ihr Handy oder - wenn schon English - korrekter ins mobile phone tippen. Manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit glasigen Augen. Und dann die Bloggs. Wort-Diarrhöe, Wörter statt Worte, Informations-Schnipsel statt Wissen.

Es ist ja nicht so, dass ich von vorgestern wäre. Im Gegenteil. Das Netz der Netze, Websites undsoweiter undsofort gehören zu meinem beruflichen Alltag. Dennoch, manchmal sage ich - ich gebe es zu - ziemlich polemisch zu meinen jüngeren Kollegen, dass wir früher meist vor dem Schreiben und Reden noch gedacht haben.

Seltsamerweise hat die IT-Revolution in Asien und zumal in China für mich eine ganz andere Bedeutung. Es gibt zwar auch im Reich der Mitte oder in Vietnam unterdessen unzählige, die schon fast geistesabwesend ins Handy sprechen, meist über Bluetooth oder am Kabel, oder wie wild SMS in ihr Gerät töggelen. Kein Wunder, mittlerweile gibt es beispielshalber in China 345 Millionen Handy-Nutzer und nach neusten Zahlen 107 Millionen Internet-Users. Weil aber in China und Vietnam - beides Staaten in denen die allmächtige, allein regierende Kommunistische Partei eifersüchtig über das Informations-Monopol wacht - der freie Fluss von Informationen Mangelware ist, wird IT zur Herausforderung für den Staat aber auch für zivilcouragierte Chinesinnen und Chinesen, Vietnamesinnen und Vietnamesen. Für die Einzelkämpfer ist das Risiko gross. Nicht selten wandert ein allzu mutiger Chatter oder Blogger kurzerhand ins Gefängnis.

In abgelegenen Gebieten freilich ist "IT" auch heute noch ein Fremdwort. Die elektronische Kluft verläuft weltweit zwischen den Reichen und den Armen dieser Welt. Auch innerhalb Chinas, Vietnams, Kambodschas, Laos', Burmas, Indonesiens oder den Philippinen. Hautnah ist das manchmal zu spüren. Unterwegs beispielsweise in Asiens abgelegenen Regionen, und oft ist das nicht allzu weit von den Metropolen entfernt, ist SMS, Internet-Mail und dergleichen unbekannt. Das wiederum begreifen jene nicht, für die IT selbstverständlich ist. Zum Beispiel in der Schweiz oder God's own country America. Nicht selten werde ich nach zwei, drei Wochen Abwesenheit von Leuten, die sofortige Mail-Antworten gewöhnt sind, in unmissverständlich hässigem Ton aufgefordert, doch künftig schneller zu reagieren.

Ins Stammbuch solch Ungeduldiger sei geschrieben, dass vorerst knapp ein Fünftel der Weltbevölkerung am global vernetzten Dorf teil hat. Und dies vor allem: Dass Eile mit Weile meist besser ist als diese aufgeregte, völlig wertlose Aktualititis.

21. November 2005


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Grün, wattiert, wonnig



Es ist immer das Gleiche. Jeweils Ende Oktober/Anfang November und Ende März/Anfang April erkälte ich mich. Oder erkältete ich mich. Früher. Denn mittlerweile habe ich in China vieles gelernt.

For beginners: In China wird grundsätzlich nördlich des Yangtse-Flusses geheizt. Südlich nicht. Das ist nicht immer komfortabel. Vor allem in Shanghai, wo es winters empfindlich kalt werden kann. Feucht und vier bis fünf Grad ist ja nicht gerade die Wonne-Temperatur. Im Norden und zumal in der Hauptstadt des Reiches ist es im Winter, äxgiisi, affenkalt. Gewiss, das hat Vorteile, zum Beispiel, dass ich jetzt wieder Schlittschuh laufen kann. Zum ersten Mal seit jenen längst vergangenen Zeiten auf der Kunschti im Basler Nachtigalle-Wäldeli.

Aber sonst. Siehe oben. Erkältungsgefahr. In Peking wird nämlich nach Datum und nicht nach Wetter geheizt. Um genau zu sein: die Heizperiode erstreckt sich wetterunabhängig vom 15. November bis zum 15. März. Und Anfang November und Ende März ist es für meine verweichlichte westliche Konstitution manchmal einfach zu kalt. Bei 16 Grad im Büro zu arbeiten ist nicht meine Sache. Die Grünen allerdings in der fernen Heimat werden im handgestrickten Pullover aus Wolle mit dem Label "Fairer Handel" und Birkenstock-Sandalen jubeln. Aber bitte nicht zu früh. Wenn nämlich die Heizungsperiode einmal angefangen hat, wird geheizt, dass es seine Art hat. Die zentrale Stadtheizung beschert mir - hallelujahh! - eine Raumtemperatur von mindestens 25 Grad. Locker auf dem Bürohocker im T-Shirt (made in China) reisse ich bei Aussentemperaturen von minus zehn Grad und darunter nicht selten die Fenster auf ...

Die Zeiten freilich ändern sich. Die meisten Wohnungen haben heutzutage für den Sommer Air-condition, und die kann man im Winter meist in Warmluft-Spender verwandeln. Wichtiger noch: Auch in China ist Umweltbewusstsein langsam im Kommen. Effizientes Heizen nach dem Verursacherprinzip und - nicht zuletzt mit Schweizer Hilfe - neue Baumethoden, sorgen dafür, dass mehr und mehr umweltgerecht der Kälte begegnet wird.

Alteingesessene Pekinger und Chinesen im Norden des Landes indes wissen schon seit langem, wie die Kälte zu bekämpfen ist. Sie kleiden sich, je weiter die Saison voranschreitet, mit immer mehr Schichten. Das fängt an Mitte Oktober mit den langen Unterhosen (Frühenglisch: Long Johns), die zwischen Armani-Anzügen und massgefertigten Lederschuhen hervorlugen und endet mit dem dicken, wattierten Baumwoll-Mantel im Januar und Februar. Als ich vor 17 Jahren in Heilongjiang, der kältesten Region Chinas im Nordosten, auf Reportage war, habe ich diese Methode zum ersten Mal adoptiert. Es war gerade noch zwölf Grad im Hotel-Zimmer und ich habe jämmerlich gefroren. Tags darauf kaufte ich mir lange wollene und als zweite Schicht Pelz-Unterhosen sowie einen schweren, wattierten grünen Armeemantel. So austaffiert war es bei minus 20 Grad, in einem Wort, wonnig. Am Anfang war ich skeptisch, aber bald kapierte ich, dass dies die Methode ist. Unsere Grünen sollten das wirklich mal ausprobieren, inklusive Pelz-Unterhosen, versteht sich.

Die Pelz-Unterhosen besitze ich unterdessen zwar nicht mehr, aber bis auf den heutigen Tag kuschele ich mich winters in den wattierten grünen Armeemantel. Jüngere Chinesen fragen mich dann immer verwundert, ob ich mir denn nicht ewas Besseres leisten könne. Nun, die Antwort ist zum Erstaunen meiner jungen chinesischen Mitarbeiter immer die gleiche: Der wattierte Mantel ist zwar das Billigste auf dem Markt, aber mit grossem Abstand das Beste gegen die Kälte.

7. November 2005


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Würzeli



Zuerst ein Nachtrag. Mit Recht wurde zu meiner letzten Kolumne "Mao und Christoph" reklamiert, dass doch Mao und der Bundesrat nicht - moralisch - verglichen werden können. Sicher. Das war aber nie meine Absicht. Was mich fasziniert hat, war ganz einfach das exakte Zahlenspiel bei der Beurteilung von Politikern. Das habe ich vor zwei Wochen wohl nicht deutlich genug gemacht. Deshalb hier expressis verbis die Feststellung: Natürlich sind die 30 Prozent "schlecht" bei Mao nicht mit den 30 Prozent "schlecht" von Christoph zu vergleichen. Moralisch gesehen also und verglichen mit Mao würde so der Gesamtbundesrat von Christoph bis zu Micheline das von mir bereits Sämi zugedachte Traumresultat von 100 Prozent "gut" und 0 Prozent "schlecht" erzielen. Wohl bekomms bei den nächsten Wahlen!

***

Globalisierung hin, Globalisierung her - das Lokale wird immer wichtiger. Auch und gerade für die Menschen. Nun kenne ich Leute, Schweizer notabene, die sagen, sie fühlten sich nicht als "Schweizer", sondern als "Europäer" oder gar "Weltenbürger". Mag sein. Ich jedenfalls bin gewiss auch "Europäer" und gar "Weltenbürger", doch tief in der Seele und im Herzen - und das macht ja den Menschen aus - war und bin ich immer auf der Suche nach den Wurzeln. Kann sein, dass das auch eine Frage des Alters und des Alterns ist. Aber nicht nur, denn viele jüngere Amerikaner, Asiaten und vor allem Chinesen sind sich ihrer Wurzeln, ihrer Herkunft wohl bewusst. Und in diesem Zusammenhang darf für einmal das überstrapazierte, etwas schwülstige Wort "Heimat" gelassen ausgesprochen beziehungsweise hingeschrieben werden.

Je lokaler die Sache wird, desto differenzierter wird das Bild. Ausserhalb von Basel ist man für die Ausser-Schweizer Basler. Innerhalb jedoch wird unterschieden zwischen Klein- und Grossbasler und natürlich Baselbieter. Einer, der beispielshalber in Buckten zur Welt gekommen ist, bezeichnet sich mit Stolz sogar als Oberbaselbieter. Ein Amerika-Schweizer, seit Jahrzehnten in New York zuhause mit amerikanischer Familie, fährt majestätisch mit einem "Bebbi"- Autoschild herum und antwortet auf die Frage, wo er herkomme, nicht mit "Basel" sondern mit "Kleinbasel".

In Kalifornien kenne ich eine Chinesin, deren Familie in der fünften Generation in Amerika lebt. Sie weiss genau, aus welchem Dorf in der Provinz Guangdong ihre Familie stammt. Bei einem Besuch wurde sie dort wie ein altes Familienmitglied begrüsst. Kurz, ich kenne keinen Chinesen, der nicht genau wüsste, woher er stammt. Und so ist es wohl bei den meisten Menschen - "Europäer" hin, "Weltenbürger" her.

Wie ist es bei mir? Ich habe in so vielen Städten gelebt, dass mir die Antwort schwerfällt. Wo ist "Heimat"? Nun, zu Hause fühle ich mich wenn ...

• ... mein Pekinger Velomechaniker, der kleine Wang, mir jeden Morgen bei der Jianguomen-Brücke zuwinkt und ruft: Wie geht es denn heute?

• ... ich in Madrid nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder in mein altes Cafe in der Calle del Barquillo komme und der Kellner, nun mit etwas grauerem Haar, locker fragt, ob es denn wie immer ein kleiner schwarzer Kaffee sein darf.

• ... ich die Hongkonger Conduit Road herunterspaziere zum Zoo und dort wieder mal die Orang Utans begrüsse wie früher.

• ... ich mit vietnamesischen Freunden in der Hanoier Altstadt morgens starken Robusta-Kaffee trinke und über Gott und die Welt diskutiere.

• ... ich immer ab Mitte Oktober an den Basler Petersplatz denke, an Mässmögge, Rahm-Däfeli, Türke-Honig, Magebroot, Ressleriiti und an -minu's Stand, den es leider auch nicht mehr gibt.

• ... ich in Washington D.C. um Mitternacht beim Libanesen die druckfrische "Washington Post" lese.

• ... ich im Neubad dem Dorenbächli entlang gegen den Allschwiler Weiher spaziere.

• ... ich in der Zürcher Kronenhalle oder in der "Gerbe d'Or" in Estavayer-le-Lac mit Freunden esse.

• ... ich in der Basler Rio Bar ein Bier trinke und in Bern von der Bundesterrasse die Alpen bewundere.

• ... ich in Estvayer-le-Lac Heimweh nach Peking habe, und in Peking nach Hanoi, und in Madrid nach Bern, und in Washington nach Hong Kong, und in Basel nach Zürich undsoweiter undsofort.

Also viele, viele Würzeli. Mir geht es - bei Lichte besehen - jedoch wie den Chinesen. Ich weiss genau, woher ich komme. Ich bin ein Bebbi, Erasmusplatz, Kleinbasel.

24. Oktober 2005


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Mao und Christoph



Politik und Moral – das ist ein heikles und diffiziles Feld. In der internationalen Politik und Wirtschaft spielen wohl verstandene Eigeninteressen und Staatsraison die entscheidende Rolle. Natürlich kommt in demokratischen Gesellschaften Moral ins Spiel, freilich in kleinen Dosen. Beispiel Amerika. Offiziell erteilen die USA, zumindest seit Woodrow Wilson die selbst ernannten World-Champions in Sachen Moral, der ganzen Welt Lektionen. Wer Pech hat, kommt auf die Achse des Bösen. Aber Amerika ist nur ein Beispiel unter vielen. Auf der Achse des Guten tummeln sich viele "auserwählte Völker" und "Sonderfälle".

Wenn es um Politiker und Staatsmänner - der Gegenwart und der Geschichte – geht, wird es noch einmal schwieriger. Denn das Urteil ändert sich, wie wir wissen, im Laufe der Zeit. Das fällt mir immer dann besonders auf, wenn ausländische Besucher in China nach dem "Grossen Steuermann" Mao Dsedong fragen. Mao liegt nach seinem Tode 1976 im Mausoleum auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens wohl einbalsamiert und dem ewigen Frieden entgegen dämmernd.

War Mao, so die Frage, nicht ein grausamer Diktator? Nun, er war unter anderem verantwortlich für den "Grossen Sprung nach Vorn" (1958-61) und der daraus resultierenden Hungersnot, bei der je nach Schätzung zwanzig bis dreissig Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Die "Grosse Proletarische Kulturrevolution" (1966-76) brachte noch einmal unsägliches Leid über das Reich der Mitte. Und doch: Noch immer hängt das Porträt Maos, den Tiananmen-Platz überblickend, über dem Tor des Himmlischen Friedens. Mao wird als Staatengründer vom Volk bis auf den heutigen Tag verehrt und nimmt heute, der Geschichte schon entrückt, fast den Platz eines Daoistischen Gottes ein. Als Glücksbringer baumelt er am Kettchen am Rückspiegel vieler Taxis. Und junge Studenten lesen wieder Maos Bücher ...

Im übrigen hat Mao Qin Huangdi, den Einiger Chinas vor über 2'200 Jahren, über alle Massen bewundert. Und der war grausam, verbrannte Bücher, liess aufmüpfige Intellektuelle sozusagen ungespitzt in den Boden versenken. Aber eben, als Einiger des Reiches geniesst er hohes Ansehen. Mao seinerseits hat – erfolgreich – Revolution gemacht, und nach Maos Worten ist "Revolution kein Häckelnstricken". Eben.

Die noch immer allmächtige Kommunistische Partei Chinas, die Mao im Jahre 1921 mitbegründet hatte, hat ein typisch chinesisches Verhältnis zu ihrem ehemaligen Vorsitzenden. "Sowohl als auch" nämlich. Konkret wurde im Jahre 1982 eine offizielle Einschätzung vorgenommen. Sie lautet schlicht, einfach und präzis: 70 Prozent gut, 30 Prozent schlecht. Und dabei ist es geblieben. Zig Millionen Chinesen lernen das genau so bereits in der Primarschule.

Was mich fasziniert an der ganzen Geschichte – und darum breite ich das hier ja auch aus – ist das derart genaue Urteil in Prozenten. Wie würden nach diesem Muster etwa Dschingis Kahn, Cäsar, Alexander der Grosse, Näppi, Willi Tell, Königin Elizabeth I., Washington, Stalin oder Hitler abschneiden?

Natürlich kann man, um es etwas spannender zu machen, auch die Gegenwart miteinbeziehen. Wie wäre es mit dem jetzigen Bundesrat? Als Gremium vielleicht 50 Prozent gut und 50 Prozent schlecht? Oder doch eher 70 zu 30? Meine politisch gewiss inkorrekte Rangliste würde bei Sämi anfangen mit der Traumnote 100 zu 0. Wirklich. Echt. Christoph muss sich dann schon mit weniger, also zum Beispiel mit dem Mao-Resultat 70 zu 30 zufrieden geben. Danach möchte ich nicht weiter ins Detail gehen. Denn bei Joseph, Pascal, Micheline, Moritz und Bundesrat Merz (dessen Vorname ich vergessen habe, so populär ist er) wird das Zahlenspiel des Reformstaus und der vielen heissen Luft wegen vielleicht doch etwas politisch unappetitlich. Finde ich.

Aber wie so oft ist Revolutionär und Reform-Übervater Deng Xiaoping wohl wieder Richtschnur. Er hat gesagt: "Maos Verdienste überwiegen seine Fehler". Doch er hat, weise wie er ist, hinzugefügt, ein endgültiges Urteil würden erst künftige Generationen fällen können. So ist es. Bei Mao und bei Christoph.

10. Oktober 2005


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"Von rotem Gedankengut durchsetzt"

Es ist immer wieder erschreckend zu sehen wie die Gräueltaten kommunistischer Despoten durch die Medien verharmlost werden. Doch man darf nicht vergessen, die meisten der professionellen Schreiberlinge gehören dieser politischen Zunft an. Zeitungen, Fernsehen sind von Journalisten mit diesem roten Gedankengut überdurchschnittlich hoch besetzt. Das Gleiche gilt für die Lehrberufe in unserem Land. Die Massenmorde von Mao, Stalin und Pol-Pot sind nach Auffassung gewisser politischer Kreise einfach harmlose Ausrutscher oder waren ein notwendiges übel. Dass in unserem nördlichen Nachbarland ehemalige Politiker der DDR in den höchsten Ämtern sitzen, ist zum Beispiel genau so ein politischer Skandal, und zeigt, wie verdreht ein Teil der heutigen Gesellschaft ist. Wann endlich anerkennen die linken Kreise, dass diese Herren wie Hitler schlicht und einfach Massenmörder waren die die Menschenrechte jahrzehntelang mit Füssen traten!

Philipp Hurni
Basel



"Mao werden Horrorzahlen angehängt"

Ein nachdenkenswerter Text. Da schreibt eine chinesische Schriftstellerin zusammen mit ihrem englischen Mann eine Mao-Biografie, und schon wird geschwind das "historische" Urteil über diesen Grossen des 20. Jahrhunderts gefällt - meistens übrigens ohne kritisches, das heisst unter anderem auch selber recherchiertes oder mindestens auf breiterer Basis als bloss auf einem schnell gelesenen Buch abgestütztes Wissen. Der "Spiegel" macht es jeweils vor, und sofort schreiben sich ein paar moraltriefende Nachbeter in Rage und erklären in diesem aktuellen "Fall" Mao zum grössten Mörder des letzten Jahrhunderts.

Immerhin gehört zum Mord (dem rechtlichen Begriff) ein Vorsatz. Hitler hatte den Vorsatz, die europäischen jüdischen Menschen zu ermorden. Und sie wurden vorsätzlich ermordet. Dieses Verbrechen ist auch in der grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts einzigartig. Mit den Horrorzahlen, die man nun in den Feuilletons Mao persönlich anhängt, soll wohl die Einmaligkeit von Verbrechen relativiert werden.

Warum dann aber nicht endlich die Zahlen der Ermordung der nord- wie der südamerikanischen Urbevölkerungen betrachten? Warum nicht die Millionen Opfer des europäischen Imperialismus und Kolonialismus zählen und jenen Personen zuschreiben, welche die Befehle gegeben haben, zu erobern, zu vernichten? Warum nicht den Horror, den die Globalisierung in Afrika anrichtet, bei den persönlichen Namen der Hauptverantwortlichen, also bei denen der Bankiers, der Bushs und so weiter nennen?

Und warum läuft dann einer wie Kissinger frei herum, wenn man doch weiss, was der zu verantworten hat? Im "Spiegel" vor einer Woche: Die Abrechnung mit Mao, den man auf den Schutthaufen der Weltverbrecher wirft. Im "Spiegel" diese Woche: Ein hofierendes Gespräch mit Kissinger, der die Weltlage wieder einmal erklären darf!

Alois-Karl Hürlimann
Berlin



"Dieser Kommentar verherrlicht Diktatoren"

Es ist schon ein Unterschied, ob jemand für 30 bis 50 Millionen Tote, von den kaputt geschlagenen Kulturgütern gar nicht zu reden, verantwortlich ist wie Mao, oder ob er ein Bundesrat ist, der zu wenig Medienpräsenz hat. Ich ziehe einen solchen Bundesrat Mao vor. Peter Achtens Kommentar verherrlicht Diktatoren; dass es sie immer gab, ist keine Entschuldigung.

Alexandra Nogawa
Basel

Nudelgraben Adieu



Reisen bildet. Bekanntlich. Reisen und selbst sehen jedenfalls ist - frei nach einem chinesischen Sprichwort - mehr wert als hundert Worte und mithin der beste Weg, andere Länder, Kontinente, Kulturen zu erleben und mit viel Glück auch zu verstehen. Natürlich kann sich der mittlerweile digital aufgerüstete Welt- oder Füdlibürger in der Schweiz im Fernsehen umsehen. Besser ist freilich immer noch Radio hören, und am besten - die Jungen glauben das wohl längst nicht mehr - Zeitungen und Zeitschriften lesen. Und - god forbid - Bücher lesen, nun ja, ich gebe es zu, das ist wohl jenseits von Gute und Böse.

Wenn man nicht reisen will oder kann oder darf, dann - so bin ich seit zwei Wochen überzeugt - ist ein Photoband sehr wahrscheinlich noch die beste Lösung. Aber, bitte schön, high quality muss es sein. Davon freilich gibt es wenige. Doch ein Foto-Buch gibt es jetzt. Endlich.

Die freischaffende Schweizer Fotografin Suzanne Scherrer lebt seit fünf Jahren in Peking. Obwohl zuvor weit gereist, war ihr China neu und unvertraut. Neugierig und wach erkundete sie zunächst die Hauptstadt Peking bis in den letzten Winkel, danach andere Städte und Provinzen. "Immer mehr", sagt Suzanne Scherrer, "ist mir dabei bewusst geworden, dass zwischen Laobaixing (ganz normalen Menschen) in China und in der Schweiz trotz der ganz unterschiedlichen Kulturen die Differenzen gar nicht so gross sind, wie gemeinhin angenommen". Kein Nudelgraben also.

Das war die Idee. Das Resultat ist überwältigend. Abgebildete Wirklichkeit hier und dort, Wirklichkeit in China und der Schweiz. Kunstvoll, überzeugend und - doch, doch - mit Liebe zu den Menschen hier wie dort von Suzanne Scherrer ins Bild gesetzt. Das Resultat: Der Foto-Band "Zwischen zwei Welten".

Ich muss - gewiss mit ein wenig professionellem Neid - eingestehen, dass Bilder zuweilen mächtiger sind als Worte. Dabei spreche ich nicht von den üblichen, beliebigen, newsigen TV-Bildchen à la CNN, BBC oder SF DRS, sondern von den Bildern der Fotografin Scherrer.

26. September 2005


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"Unendlich viel aussagende  bildlich festgehaltene Eindrücke"

Ich freue mich ganz besonders, dass Susanne Scherer nach all den Jahren endlich den Mut gefasst hat, die unendlich viel aussagenden  bildlich festgehaltenen Eindrücke mit uns allen zu teilen. Einige dieser Bilder aus den Anfangsphasen der neugierigen Touren von Susanne durch die Hutongs von Beijing (viele davon existieren heute nicht mehr) oder auf der Great Wall (dort wo vorher noch keine Guaipo vorbei kam) schmücken unsere kahlen Wände in einer gewöhnlichen Wohnung am Zürichsee. Danke Susanne, dass Du uns all diese Eindrücke so treffend vermittelst und aufzeigst! Ich freue mich auf Dein Buch.

Maggie Hirsiger
Erlenbach

Zur Sonne, zur Freiheit



Eingeladen war ich nach Bern im Rahmen des Theaterfestes ins Foyer des Stadttheaters zu einer Schiller-Veranstaltung. Es ging natürlich, Willi Tell sei Dank, um Freiheit. "Fünf Minuten Freiheit", das war der Auftrag an Eingeladenen. Aus einem Land kommend, wo die Freiheit nach allgemeiner westeuropäischer Meinung mit Füssen getreten wird, hatte ich wohl leichtes Spiel. Vielleicht bin ich ja auch nur deshalb eingeladen worden - eben, weil ich über China, Nordkorea, Vietnam und ähnliche Regionen berichte.

Doch Freiheit ist, wie wir zumal in der Schweiz wissen oder wissen sollten, eine komplexe, heikle, diffizile Angelegenheit. Das war auch der Grund, einige Idées Recues genussvoll zu konterkarrieren. Gewiss doch, noch werden in China (siehe "Süss&Sauer" Made in China und Was für eine Realität?) Menschenrechte verletzt, aber die Freiheit - die persönliche Freiheit vor allem - hat in den letzten zwanzig Jahren nie geahnte Fortschritte gemacht. Vergleicht man das Jahr 1985 mit 2005, dann ist der Unterschied tatsächlich wie Tag und Nacht. Das gleiche Urteil könnte man über Vietnam fällen. In Nordkorea freilich herrscht noch immer Eiszeit. Zum Erstaunen der Zuhörer musste ich, politisch natürlich vollkommen inkorrekt - für einmal Präsident George W. recht geben, denn er hat Nordkorea - vollkommen zu recht! - als "Schurkenstaat" auf seine "Achse des Bösen" gesetzt.

Den Punkt, den ich jedoch an jener Veranstaltung im Stadttheater Bern machen wollte, war ein ganz anderer. Es ging nämlich berufsbedingt um Pressefreiheit. Als Redaktor eines englischsprachigen Monats-Magazins in Beijing erlebe ich hautnah Zensur. Die Zensoren, Damen und Herren, sind alle durchaus nett und gebildet. Das ganze Prozedere jedoch ist für einen westlichen Journalisten heilsam. Ich möchte es nicht missen. Man wird sich bewusst, worauf es wirklich ankommt in unserem Beruf.

In der Schweiz jedoch kann ja jeder schreiben, was er will. Das ist im Prinzip ja gut. Nur: Wenn Einschaltquoten beziehungsweise Auflagen- oder Zugriffs-Zahlen zum allein seligmachenden Kriterium werden, dann wird es bedenklich. Mit andern - neudeutschen - Worten: anything gös.

Während kurzen Ferien konnte ich das täglich im immer seichter werdenden Schweizer Blätterwald erfahren und erlesen. In China dagegen arbeiten Kolleginnen und Kollegen noch immer auf dem hohen Seil über dem Abgrund von Erlaubtem und Nichterlaubtem. Die Grenzen sind manchmal von der Obrigkeit glasklar, schwarz auf weiss, definiert. Noch öfter jedoch sind die Grenzlinien diffus. Und mit dieser Situation fertig zu werden, ist schwierig und braucht nicht selten Mut und eine gehörige Dosis Zivilcourage. Denn wer die Grenzen auszuweiten sucht, der geht ein hohes Risiko ein bis hin zum Berufsverbot. Das ist umso schwieriger, als mit der Reform auch chinesische oder vietnamesische Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen finanziell ohne Partei- und Regierungs-Subventionen über die Runden kommen müssen, mithin also Einschaltquoten und Auflage eine immer wichtigere Rolle spielen. Von alledem können wir westlichen Journalisten, die wir doch alle Freiheiten geniessen, viel lernen.

Was mir jedoch während meiner Ferien besonders auffiel im Zusammenhang mit "Freiheit", war die Reaktion auf ein Fait Divers, nämlich die Rede von Bundespräsident Schmid auf dem Rütli. Zuerst einmal: Die Pöbeleien der rund 700 Neonazi wurden von den übrigen 1'300 Anwesenden und einem beträchtlichen Polizeiaufgebot offenbar ohne grössere Widerrede toleriert. Ja Goppferdeggel! Wo sind wir denn? Andern, beispielsweise Chinesen, Lektionen in Sachen Freiheit erteilen, und dann nicht einmal die Courage zu haben, ganz Offensichtlichem vor der eigenen Türe mit demokratischem Anstand zu begegnen!

Auch die Reaktion der Presse und der Politiker war ohne Rückgrat. Natürlich wurden die jungen Neonazi verbal verurteilt. Danach aber lange Diskussionen darüber, wie solchen Vorkommnissen im nächsten Jahr zu begegnen sei. Aber dafür braucht es fürwahr keine Kommissionen und Wischiwaschi-Erklärungen von Politikern. Denn an jedem Tschutti-Match ist - auch juristisch - klar, wie man gegen Chaoten vorgehen muss.

Ich wünsche mir, dass in der Schweiz die vorhandenen Freiheiten auch tatsächlich genutzt werden. Oder anders ausgedrückt: Zivilcourage ist gefragt. Bei grossen Themen genauso gut wie im Alltag.

12. September 2005


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Nudeln und Spiele



Alle reden übers Wetter. Ich jetzt auch wieder einmal. Es ist nicht etwa so, dass mir die Ideen ausgegangen wären und ich mithin auf ein konsensfähiges Allerweltsthema zurückgreifen müsste. Wo denken Sie, kluge Leserin und intelligenter Leser, auch hin. Nein, das Thema ist mir aus aktuellem Anlass eingefallen, aufgefallen und - wie wir weiter unten sehen werden - quasi durch die Lungen in mein Bewusstsein gedrungen. Und konsensfähig ist das Thema wohl auch nicht.

Alles fing neulich hochsommerlich z'Basel a mim Rhy an. Buchstäblich. Für einen Kurzaufenthalt in meiner Vaterstadt logierte ich mich nämlich in einem Hotel am Kleinbasler Rheinufer ein. Es war herrlich. Blick auf den Bach, die Mittlere Rheinbrücke, das Münster, das eingehüllte "Drei König", fröhlich johlende und kreischende Schwimmer und Schwimmerinnen undsoweiter undsofort. Sie wissen schon. Was aber alles überboten hat, war diese herrlich frische Luft. Selbst bei dreissig Grad im Schatten. Bei meinen seltenen Aufenthalten in der Schweiz ist es immer die Luft, die mich jedes Mal von neuem begeistert. Ich ziehe sie genussvoll in die Lungen. Lungen-Züge, sozusagen.

Nun habe ich liebe Bekannte, bekennende Grüne, die mich verständnislos fragen, ob ich noch bei Trost sei und ob ich es denn ernst meine. Die Luft sei in Basel, Bern, erst recht aber in Zürich erbärmlich schlecht. Und das belegen sie dann mit Zahlen und Fakten. Ich kann das natürlich aus dem Stehgreif nicht überprüfen und vertraue meinen Lungen und meiner Nase. Früher - sage ich dann jeweils den lieben grünen Schweizer Freunden - als die Chemie hier in Basel noch Chemie war, da war die Luft noch echt Chemie, für alle täglich sofort mit einem kurzen Lungen-Zügchen erkennbar. Und erst der Bach, setze ich noch einen drauf, der war damals noch ein richtiger Chemie-Bach, bunt, vielfarbig nämlich.

Warum mir die gute, frische, saubere Schweizer Luft denn so in die Nase sticht? Ganz einfach. Im Pekinger Sommer ist die Luft unerträglich, kaum noch zu atmen. Natürlich, es ist heiss, sehr heiss, nicht selten 40 Grad im August. Doch gepaart mit massiver Luftverschmutzung von Baustaub, Auto- und Fabrik-Abgasen ergibt das ein buchstäblich explosives Gemisch. Pekinger Ärzte und Umweltschützer sagen denn auch, dass die Luft der grossen Hauptstadt etwa so schädlich sei, wie das Rauchen von täglich vierzig Zigaretten. Ohne Filter. Wohl bekomms ...

Aber verglichen mit früher, das heisst vor zehn oder fünfzehn Jahren, hat sich schon viel verbessert. Mindestens muss man jetzt nicht mehr mit einer Atemschutzmaske herumgehen.

In drei Jahren finden bekanntlich die Olympischen Spiele in Beijing statt. "Grüne Spiele" haben die rührigen Organisatoren versprochen. Wie denn das? Man darf gespannt sein. Wenngleich zu bedenken ist, dass Athletinnen und Athleten mit Mundschutz oder Atemmasken gewiss doch den Einschaltquoten der Sportsendungen gewaltigen Auftrieb verleihen könnten. Sport ist ja vor allem Unterhaltung - exgüsi: entertainment, und big business. Deshalb Einschaltquoten statt "grüne Spiele", schliesslich ist ja Beijing der Mittelpunkt der "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung". So könnten denn die Pekinger ihre Olympischen Spiele - frei nach der alten Römer Devise "Brot und Spiele" - mit dem neuen Slogan propagieren: "Nudeln und Spiele".

29. August 2005


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Wohlverdient



Es ist augenfällig. In der Schweiz gibt es viele alte Leute. Mir - selber nicht mehr der Jüngste - fällt das wohl besonders deshalb auf, weil ich nur selten in der Schweiz bin. Was ich ebenfalls wahrnehme zum Beispiel im Zug, im Tram, auf dem Bahnhof, eigentlich überall, ist eine latente Spannung zwischen Jung und Alt. Dass ich schon als "Komposchti" oder "Grufti" bezeichnet worden bin, habe ich ja in einem früheren Süss&Sauer schon ausführlich beschrieben. Kurz und schlecht: Nicht selten gibt es nach meinen gewiss nicht repräsentativen Beobachtungen gereizte, laute Wortwechsel zwischen aggressiven Jungen und - das eben auch - hässigen, verknortzten, ja bösen Alten.

In starkem Kontrast zu dieser Wirklichkeit steht der sprachliche Umgang mit der älteren Generation. Beispielshalber ist es politisch nicht mehr korrekt, deutsch und deutlich von "Alten" zu reden. "Senioren" heisst das heute, jawoll. Und normalerweise werden Alte von den Personaldiensten (neudeutsch: Human Resources, HR) der Unternehmen in den "wohlverdienten" Ruhestand entlassen. Ja wirklich? Ist denn jemals ein Alter oder eine Alte in den "kaum" oder "schlecht" oder in den "gar nicht verdienten" Ruhestand versetzt worden? Eben.

In starkem Kontrast dazu stehen meine Erfahrungen in China und Vietnam. Beide Länder gelten als jung. Das sind sie auch, statistische gesehen. Aber beide Länder, insbesondere aber China, haben der schieren Grösse wegen, bereits jetzt eine grosse Zahl von Pensionären. Und in China darf man noch ohne Gewissenbisse von "Alten" (laoren) reden. Denn hier gilt das Alter (noch) etwas.

Derzeit sind knapp sieben Prozent der chinesischen Bevölkerung über 65 Jahre alt, das heisst also gut und gerne hundert Millionen. Mitte des 21. Jahrhunderts aber - so rechnen Bevölkerungsexperten, Versicherungsstatistiker und Pensionskassen-Verwalter - ist dann China dort, wo die Schweiz heute ist. Sehr wahrscheinlich wird dann auch im Reich die Mitte Bundesrat Couchepins Idee vom Rentenalter 67 diskutiert werden ...

In China und Vietnam wird in den kommenden Jahren die bereits jetzt rege Diskussion über Altersvorsorge und Pensionskassen intensiv weitergeführt werden. Nicht zuletzt deshalb, weil die "eiserne Reisschale" der Staatsbetriebe, die von der Geburt bis zum Tode für alles und jedes garantierte, im Zuge der Reform zur "sozialistischen Marktwirtschaft" jetzt endgültig zerbrochen ist. In China sind bislang erst 150 Millionen Menschen in irgendeiner Art von Altersvorsorge versichert, und diejenigen, die noch ihre Rente von den ehemaligen Staatsbetrieben erhalten, können davon nicht leben. Die Bauern schliesslich, und das ist die überwiegende Mehrheit, erhalten gar nichts und sind auf Kinder und Familie angewiesen.

Der grosse Unterschied zur Schweiz ist jenseits alles Materiellen freilich der, dass das Alter dank ungebrochener konfuzianischer Tradition noch etwas gilt. Wirklich. Die Alten können auf ihre Kinder zählen in jeder Beziehung. Das heisst: Der Respekt und die Hochachtung vor dem Alter sind (noch) intakt. Auch am Arbeitsplatz, notabene, wie ich aus eigener Erfahrung mit jungen Chinesen und Vietnamesen weiss.

In der Schweiz also könnten wir durchaus von China oder Vietnam noch etwas lernen. Bundesrat Deiss, der im Juli durch China tourte, dürfte bei seiner Rückkehr der bundesrätlichen Altherren-Riege mit Dame etwas zu erzählen gehabt haben. Schliesslich sind die Gesprächspartner von Deiss alles Männer der neuen, nach chinesischem Verständnis jungen Führungsgeneration. Also Herren, zwischen sechzig und siebzig.

PS: In den tatsächlich wohl (im Sinne von beträchtlich, ansehnlich, erheblich, hoch, überaus) verdienten Ruhestand werden nur hochbezahlte Wirtschafts-Koryphäen vom Kaliber Ospel, Vasella & Co. treten. Oder?

15. August 2005


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Was für eine Realität?



Liebe Frau Doktor Gonseth

Ihr Echo neulich auf meine Kolumne "Made in China" verdient eine offene Antwort. Ich respektiere Ihre Worte, doch denke ich, dass die Realität nicht ganz so einfach ist, wie Sie das darstellen. Aber seien Sie versichert, auch meine Sicht der Dinge ist sicher nicht die Realität, denn die gibt es so ganz einfach nicht. Es gilt zu differenzieren. Deshalb möchte ich Ihnen auf jeden Ihrer fünf Punkte einige Wenn und Aber zu bedenken geben.

Es stimmt, es gibt keine Gewerkschaften und unabhängige Parteien in China. In den letzten 25 Jahren jedoch sind die persönlichen Freiheiten sehr viel grösser geworden. Sie würden staunen, was Sie alles zu hören bekämen in Diskussionen mit jüngeren und älteren Chinesinnen und Chinesen. Es gibt auch bereits Wahlen auf Dorfebene, und innerhalb der Kommunistischen Partei herrscht ein lebhafter, zuweilen kontroverser Diskurs. Die Medien sind zwar immer noch unter der Informationsmonopol-Fuchtel der Partei, aber Sie würden wiederum staunen, was Sie in Presse, Radio und Fernsehen alles lesen, hören und sehen könnten.

Ich würde es also so ausdrücken: China ist keine Diktatur mehr – wie unter Mao –, sondern ein leidlich aufgeklärter autoritärer Staat. Den Chinesen und Chinesinnen nämlich geht es heute so gut wie niemals zuvor in der langen Geschichte. Geistig und materiell.

Im Unterschied zu Maos Zeiten wird heute in chinesischen Gefängnissen gearbeitet wie in Gefängnissen auch demokratischer Staaten. Waren aus solcher Produktion gelangen selten in den Westen und sind wert- und volumenmässig äusserst gering. Was die Arbeitsbedingungen betrifft, liegt noch vieles im Argen, und unabhängige Gewerkschaften wären bitter nötig. Zuweilen gehen die Arbeiter auf die Strasse, und die Regierung nimmt das sehr, sehr ernst.

Ich gehe mit Ihnen natürlich einig, dass die Todesstrafe ein Skandal ist, zumal die Prozesse sehr oft alles andere als fair sind. Allerdings kenne ich in China praktisch niemanden – Dissidenten eingeschlossen -, die gegen die Todesstrafe wären. Schon die Frage, ob man denn für oder gegen die Todesstrafe sei, stösst in China meist auf blankes Unverständnis.

Zu Tibet nur so viel: Die Chinesen unterschätzen die Rolle der Religion, und die Tibeter im Ausland die wirtschaftliche Entwicklung. Tibet war ja bis 1959 nicht gerade ein Hort der Menschenrechte. Chinesen werden übrigens nicht in Tibet zwangsangesiedelt, sondern sie gehen – ein gutes Geschäft witternd – aus freien Stücken dort hin. Wir haben doch im Westen vor noch nicht allzu langer Zeit begrüsst, dass auch in China die freie Marktwirtschaft eingeführt wird. Ich glaube auch nicht, dass man in der heutigen Zeit eine Region einfach von der Aussenwelt abschotten kann. In Shigaze hat mir übrigens einmal ein Mönch – und glauben Sie mir, es war kein Jubelmönch im Solde Pekings – gesagt, dass der Tourismus genauso viel zur Zerstörung der tibetischen Kultur beitrage wie die Chinesen. Und für viele Schweizer, darunter auch Basler, die ich kenne, ist Tibet das letzte Paradies auf Erden - mit der Folge, dass wir Tibet idealisieren.

Unter dem "Grossen Sprung nach Vorn" 1958-61 (die grosse Hungersnot) und unter der "Grossen Proletarischen Kulturrevolution" 1966-76 haben nicht nur die Tibeter sondern auch alle Chinesen unsäglich gelitten. 30 Millionen Menschen sind damals ums Leben gekommen, und mit diesem Faktum muss sich China historisch irgendwann einmal auseinandersetzen.

Alles in allem: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in China vieles zum Positiven verändert. Überzeugen Sie sich selbst, denn eine Reise ist, nach dem chinesischen Sprichwort, mehr Wert als zehntausend Worte. Aber Sie haben gewiss recht, dass vieles noch im argen liegt. Ich wünsche Ihnen und der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft alles Gute im Bestreben für eine gerechtere Welt.

Ich möchte mit einem Diktum von Meister Kong (551-479 v. Chr.) enden, damit wir in Zukunft weder schwarz-weiss noch in schönen Farben diskutieren müssen: "Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen" oder aber auch "Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern".

Herzlich
Peter Achten

20. Juni 2005


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Kommunistisches Geschenk



Vor etwas mehr als einem Monat, bei der "Goldenen Woche" zum Tag der Arbeit am 1. Mai, bin ich ins südliche China auf die Insel Hainan gereist. Ich war einer von zig Millionen. Dementsprechend war die Infrastruktur gefordert. Nur mit speziellen persönlichen Beziehungen (das ist in China noch immer wichtiger als alles Gedruckte und jeder Vertrag) konnte noch ein Platz im Zug oder im Flugzeug ergattert werden. Auch Hotelzimmer waren nur noch über die Hintertür zu buchen.

Die "Goldenen Wochen" - am Tag der Arbeit, am 1. Mai, am Nationalfeiertag am 1. Oktober sowie an Chinesisch Neujahr, Ende Januar, Anfang Februar - sind ein Geschenk der Kommunistischen Partei (KP) und der Regierung zum 50. Jahrestag der Volksrepublik China am 1. Oktober 1999.

Nicht ganz ohne Hintergedanken natürlich. Die KP wollte ganz einfach das sparsame und an schwere Zeiten gewöhnte Volk hinter dem Ofen hervor locken. Wenngleich nämlich die Wirtschaft statistisch mit knackigen Wachstumszahlen aufwarten konnte, liess der Konsum zu wünschen übrig. Nachhaltiges Wachstum, so lehren jetzt auch chinesische Ökonomen, werde nicht zuletzt auch mit stetig wachsendem Konsum erzielt. Doch gerade da haperte und hapert es in China. Verglichen mit Amerikanern, Europäern und natürlich auch Schweizern legt die durchschnittliche Chinesin und der normale Chinese unvergleichlich viel mehr auf die Bank oder unter die Matratze. In den letzten Jahren jedenfalls hat das obrigkeitliche Geburtstagsgeschenk seinen Zweck hinlänglich erreicht.

In den Städten des reichen Küstengürtels, wo rund ein Drittel aller Chinesinnen und Chinesen wohnt, nämlich rund 400 Millionen, wird nun besonders während den Goldenen Wochen konsumiert, dass es seine Art hat. Vom Auto über PCs, Eigentumswohnungen bis hin zu teueren Designer-Kleidern, das alles geht weg wie heisse Weggli. Der neueste Trend ist Reisen. Ins Ausland natürlich, ins nahe Asien, aber auch nach Europa, Australien, Amerika oder gar in die Schweiz. Luzern und Zürich sind meist im Programm "acht Tage, sieben Länder" inbegriffen. Basel dagegen sucht man (vorerst?) noch vergeblich.

Aber zunehmend ist auch China nicht nur für Ausländer attraktiv, sondern auch für Chinesen. Folge: Die schönsten Tourismus-Ziele sind heillos überlaufen. Eines jedoch sei eingeräumt: Alles ist bestens organisiert. Massenweise können so die neugierigen Neu-Touristen durch unzählige Sehenswürdigkeiten geschleust werden. In Pekings Verbotener Stadt zum Beispiel hat es zu Spitzenzeiten fast so viele Leute wie am Basler Morgestraich.

Nun ist die südlichste chinesische Insel Hainan ein ganz besonderes Ziel. Früher wurden diejenigen, die im Kaiserreich nicht mehr genehm waren, dorthin in die Verbannung geschickt. Vor knapp zwanzig Jahren machte ich im damals abgelegenen Hainan eine Reportage. Der Bürgermeister der Stadt Sanya begleitete mich an einen verlassenen, wunderbaren Strand. "Hier", sagte der hohe lokale KP-Funktionär, "werden wir Hotels bauen, und dort drüben dann einen Flugplatz, auf dem Jumbos landen können".

Damals dachte ich: Der spinnt! Doch heute ist das alles Wirklichkeit. Zum Wohle der Stadt Sanya und der Bevölkerung. Ob allerdings Ferien in der "Goldenen Woche" eine gute Idee ist, daran zweifle ich mittlerweile. Der Kampf am Frühstücksbuffet im Fünfstern-Hotel war dann doch etwas zu anstrengend. Dann doch lieber nächstes Jahr Morgestraich in Basel mit dem Kampf in der "Kunsthalle" zum Beispiel um Mälsuppe und Ziibelewaie.

6. Juni 2005


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Made in China



"China - die Werkstatt der Welt", "China - die kommende Supermacht", "China lehrt dem Westen das Fürchten" oder "Chinas Arbeiter sind nicht solidarisch, sie übernehmen westliche Arbeitsplätze zu Spottpreisen". Das alles sind Schlagzeilen, beziehungsweise Titel, die in den letzten vier Wochen in Europa und Amerika in angesehenen Zeitungen und Zeitschriften, sogenannten Qualitätsblättern, erschienen sind. Die Serie solcher Headlines liesse sich unschwer fortsetzen. Alle Titel und die dazu gehörigen Artikel haben offenbar zum Ziel, eine Gefahr für den Westen heraufzubeschwören oder davor zu warnen.

Wie immer in solchen Fällen steckt ein Quäntchen Wahrheit in solch aufgeregten Wortgebilden. Aber eben nur ein Quäntchen. In Tat und Wahrheit ist es nicht einmal die Hälfte der Wahrheit. Oder eben Unwahrheit. Warum hochgebildete und gut bezahlte Redaktoren, Journalisten und Ausland-Korrespondenten wie Lemminge dem jeweiligen Trend hinterher rennen, bleibt ein Rätsel. Tatsache jedoch ist, dass in der Wahrnehmung der veröffentlichten Meinung des Westens China zyklisch mal über allen Klee gelobt, dann aber wieder in Grund und Boden verdammt wird. Das kann unschwer für die Reformjahre seit 1979 nachgewiesen werden, nicht zuletzt auch in der Schweizer (und selbstverständlich auch der Basler) Presse. Allerdings ist das nicht etwa nur ein Phänomen der Neuzeit. Seit Marco Polos China-Reise (13. Jahrhundert) über die gelehrten Berichte der Jesuiten (16. bis 18.Jahrhundert) bis hin zu den britischen, amerikanischen, japanischen und andern Imperialisten, die im 19. und 20. Jahrhundert glasige Augen bekamen, wenn Sie an den Riesenmarkt China auch nur schon dachten - es war stets ein Vaszilieren zwischen Euphorie und abgrundtiefem Pessimismus.

Fakt ist allerdings, dass China derzeit ein Wachstum verzeichnet, wie nie zuvor in der Weltgeschichte beobachtet. Nicht einmal der Boom in Japan in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren war derart rasant. Mit andern Worten, den Chinesen und Chinesinnen ging es noch nie so gut in ihrer Geschichte wie gerade heute.

Bei allem Lob sollten aber die Proportionen gewahrt bleiben. China ist zu Beginn der Reform 1979 von einem sehr tiefen Niveau aus gestartet, und heute beträgt das Brutto-Inland-Produkt (BIP) pro Kopf der Bevölkerung gerade einmal 1'090 amerikanische Dollar, also ein winziger Teil des Schweizer BIP. Auch die Produktivität pro Arbeitsstunde ist nach wie vor sehr tief. Das alles wird sich nicht so schnell ändern. Reform-Übervater Deng Xiaoping hatte den Chinesinnen und Chinesen für Mitte dieses Jahrhunderts Xiaokang versprochen, ein "einigermassen komfortables Leben" nämlich. Und so wird es wohl auch sein. Und wie die neue Führung unter Staats- und Parteichef Hu Jintao betont, nicht gegen sondern mit der Welt.

Mit Gusto kaufen ja Schweizer Konsumenten vom Christbaumschmuck über Spielzeuge bis hin zum T-Shirt und Jeans und bald auch PCs, TV- und Radio-Apparate, Kühlschränke und vieles mehr zu unschlagbaren Preisen. Meist heisst es dann bei näherem Zusehen irgendwo auf dem Produkt "Made in China", "Made in Taiwan", oder eben auch "Made in Indonesia", "Made in India", "Made in Vietnam" undsoweiter undsofort. Die Konsumenten profitieren also, aber eben, es gehen auch Arbeitsplätze verloren. Globalisierungsgegner und Gewerkschaften lamentieren dann und versuchen Strukturveränderungen künstlich aufzuhalten. Nachweislich jedoch hat die im satten Westen angeschwärzte Globalisierung die Welt nicht ärmer, sondern reicher gemacht. Es gibt heute weltweit nicht mehr, sondern weniger Armut.

Neulich hat mich ein chinesischer Freund bei der Diskussion um Schlagzeilen, wie eingangs zitiert, auf folgendes aufmerksam gemacht. China muss den Erlös von 800'000'000 (achthundert Millionen) Hemden verwenden, um in Europa ein einziges Riesenflugzeug vom neuen Typ A380 Airbus zu erstehen. Diese Bemerkung sei all jenen Fallschirm-Journalisten - also jene Berufskollegen, die von Ort zu Ort jetten und selbstverständlich alles besser wissen als die Korrespondenten am Ort - ins Stammbuch geschrieben.

Fallschirm-Journalisten gibt es übrigens nicht nur bei CNN, sondern auch bei einigen renommierten Schweizer Medien sowohl im Print- wie im elektronischen Bereich.

23. Mai 2005


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"Nein zu den Produkten Made in China"
 
Es gibt eine andere Realität in China, die ich in Peter Achtens schönfärberischen Kolumnen nie finde:
 
• China ist eine Diktatur, die keine abweichende Meinung, geschweige denn verschiedene politische Parteien oder unabhängige Gewerkschaften zulässt. Demokratische Reformen stehen bisher nicht auf dem Programm der kommunistischen Führung.
 
• Zahlreiche Produkte aus China entstehen in Arbeitslagern oder in Fabriken mit unwürdigen und gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen.
 
• Allein im letzten Jahr wurden in China über 3'500 Personen hingerichtet, in der Regel nach Gerichtsverfahren, die allen rechtsstaatlichen Regeln spotten.
 
• Die Tibeter werden seit über 50 Jahren durch die chinesischen Besatzer unterdrückt. Durch die massenhafte Ansiedlung von Chinesen in Tibet, die diesem Land den "Chinese Way of Life" aufzwängen, sind die einzigartige Religion und Kultur Tibets akut bedroht.
 
• Über 1.2 Millionen Tibeterinnen und Tibeter mussten wegen direkter oder indirekter Folgen der Invasion ihr Leben lassen, über 3'000 religiöse Gebäude wurden zerstört.
 
Deshalb kaufe ich keine Produkte aus China, mögen sie noch so billig sein, weil ich mit meinem Geld dieses menschenverachtende Regime nicht unterstützen will.

Ruth Gonseth
Dr. med., Präsidentin
Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
Liestal

Mandalay-Basel. Capito?



Neulich bin ich wieder einmal auf dem "International Airport of Mandalay" (Myanmar/Burma) gelandet. Es war herrlich. Das Gepäck war nullkommaplötzlich da, die Kontrolle war sanft und schnell. Mandalays Airport ist ganz neu, noch keine fünf Jahre alt. Mit europäischer Hilfe grosszügig entworfen und gebaut. Mit Fingerdocks und allem, was es heute eben airportmässig so braucht.

Mandalay ist zusammen mit Macao und dem Regio-Flughafen Basel-Mulhouse mein Lieblingsflugplatz. Und ich weiss als Vielflieger, wovon ich rede. Mandalay ist eben ein wenig wie Basels oder Macaos Flughafen, nämlich eher ein Flugplatz. äxgisi. Zwar grosszügig geplant und gebaut, aber halt meist ziemlich verlassen.

Jetzt bin ich den Baslern bestimmt auf den lokalpatriotischen Fuss getreten. Und ich muss zugeben, dass ich zuletzt vor langer, langer Zeit, nämlich Anno Domini 2003 den lokal weltberühmten Flughafen Basel-Mulhouse benützen durfte. Bestimmt ist in der Zwischenzeit alles anders, sicher aber nicht mehr so, wie in Mandalay. Dort nämlich wird das Beiwort "international" im Flughafen-Namen nur deshalb geführt, weil alle vierzehn Tage ein Flugzeug aus dem Ausland landet. Die neun Fingerdocks bleiben ansonsten unbedient.

Macao wiederum ist - flug-ökonomisch jedenfalls - schon fast auf Basler Höhe. Jeden Tag nämlich gibt es mindestens ein paar internationale Flüge. Aber auch in Macao ist die Ankunft im Gegensatz etwa zu Frankfurt, Hong Kong, Bangkok, Peking, Paris, London, Shanghai, New York oder München geradezu a "piece of cake", wie wir Ausland-Schweizer locker auf Neudeutsch uns auszudrücken pflegen.

Eines aber haben Mandalay, Macao und Basel-Mulhouse gemeinsam: Den schwarz gerippelten Boden. Es sei denn, in Basel hätte man den Boden in der Zwischenzeit gegen etwas anderes ausgewechselt. Seltsam, nur auf meinen drei Lieblingsflughäfen weiss ich, wie der Boden aussieht. Warum wohl?

Vielleicht müsste Basel halt Mandalay und/oder Macao zur Schwesterstadt wählen, ähnlich wie Zürich bereits seit Jahr und Tag mit der südwestchinesischen Stadt Kunming - Downtown Kunming, nicht wahr - verbandelt ist.

Mandalay ist übrigens eine wichtige Stadt in Myanmar, etwa so wichtig wie Basel für die Schweiz. Capito?

9. Mai 2005


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Den Kaiser beleidigen


Die IT-Revolution hat im aufstrebenden China die Medien-Szene radikal verändert. Wie überall. Doch es gibt einen kleinen Unterschied, etwa zur Schweiz. Im Reich der Mitte nämlich regiert die allmächtige Kommunistische Partei. Allein. Autoritär. Ein Aspekt davon ist, dass die Partei nicht nur immer recht hat, sondern auch das Informations-Monopol beansprucht und rigoros durchzusetzen versucht.

Mit dem Internet ist Kontrolle natürlich immer schwieriger geworden. Doch Software aus Amerika macht's möglich. Heute gibt es immerhin schon 120 Millionen chinesische Internet-Surferinnen und Surfer und zig Tausend Websites. Nachrichten verbreiten sich zudem in Windeseile, seit das Handy den Markt der Märkte erobert hat. 320'000'000 (dreihundertzwanzig Millionen) Handies sind in Betrieb. Und jeden Monat kommen ein paar Millionen hinzu.

Die Partei lässt jedoch nichts anbrennen. Websites werden rigoros kontrolliert, ebenso Chat-rooms. Radio und Fernsehen ebenso wie die Printmedien sind fest in der Hand von zuverlässigen Chefredaktoren, das heisst: Parteimitgliedern. Es gibt keine Vorzensur, doch die braucht es gar nicht. Wenn nämlich, was selten vorkommt, ein Journalist einen Fehler macht, dann wird er - subito, versteht sich - entfernt. Das kommt auch im reformorientierten China einem Berufsverbot gleich.

Nun wäre China aber nicht China, wenn es nicht auch Zwischentöne gäbe. Das chinesische Denken ist ungleich dem westlichen sehr viel pragmatischer. Mit andern Worten: Es gibt auch in Grundsatzfragen nicht nur Schwarz und Weiss. In unserem Falle also Pressefreiheit oder Zensur. Es gibt Grautöne, Zwischenbereiche.

Mit der fortschreitenden Wirtschaftsreform wurden so die Medien freier. Jedenfalls wird im Wirtschaftsteil von Radio, Presse und Fernsehen der Reformprozess ziemlich kontrovers begleitet. Auch Lifestyle (alt deutsch: Lebensart) oder Lebenshilfe etwa werden mittlerweile so offen behandelt wie im Westen - Sexberatung eingeschlossen, was vor wenigen Jahren noch absolut unmöglich gewesen wäre. Auch soziale Probleme werden von Reportern aufgegriffen, Korruption wird blossgestellt.

Allerdings gibt da die Partei zuweilen genaue Anweisungen. Recherchieren dürfen chinesische Kollegen in gewissen Fällen nur bis zu einem gewissen Niveau, das heisst zum Beispiel bis zur Ebene eines Vizeministers. Alles darüber ist tabu. Auch bei internationalen Nachrichten sind genauestens festgelegte Kommentar-Richtlinien die Norm. Spürbar war dies auch beim japanisch-chinesischen Konflikt der letzten Wochen. Zudem gilt ein zusätzliches, ungeschriebenes Gesetz: Niemals den Kaiser beleidigen. Auf Deutsch übersetzt heisst das, Politik und vor allem die Akteure in Ruhe lassen. Und das ist nicht etwa ein frommer Wunsch, sondern Befehl.

Des Rätsels Lösung für die neue Offenheit ist einfach. Die KP hat schnell begriffen, dass ohne Transparenz keine Reform möglich ist. So kommt es denn, dass die KP gerade neulich wieder scharfe Strafen angedroht hat für Journalisten, die sich kaufen lassen. Und die gibt es offenbar in China zu Hauf. Sonst nämlich würde die Partei das Problem schon gar nicht erst erwähnen. Auch vor "falschen Journalisten" wird gewarnt, die sich in Unternehmen vorstellen, ein Interview machen - das dann nirgendwo publiziert wird - und dann mit dem Geld, von wem auch immer bezahlt, verschwinden ...

Doch die KP will auch ideologisch an Altem festhalten und hat deshalb die 70'000 Print-Journalisten, die 60'000 Radio- und Fernsehjournalisten sowie die 20'000 Agentur-Journalisten des Reichs der Mitte ultimativ aufgefordert, die Mao-Dsedong-Gedanken sowie die Deng-Xiaoping- und die Jiang-Zemin-Theorie fleissig zu studieren.

Chinesische Kollegen und Kolleginnen zucken dabei entweder die Schultern oder lächeln. Ich denke mir dabei: In der Schweiz wissen wir nicht einmal mehr, was Pressefreiheit wirklich bedeutet. Wir beleidigen unsere Kaiser, ohne zu wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.

25. April 2005


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"Höhere Evolutionsstufe der Gleichschaltung"

Die Beleidigung unserer Kaiser wird denn auch als besondere Qualität des freien Journalismus gefeiert. Ehrlich gesagt habe ich aber des Öfteren den Eindruck, hier handle es sich weniger um Reflexionen von der Aufklärung verpflichteten, deshalb kritischen Berichterstattern als vielmehr um ein erstarrtes Ritual journalistischen Verhaltens. Die Gleichung "Hau ich den Blocher (oder den neuen Papst), bin ich ein unabhängiger Denker" geht dann nicht mehr auf, wenn das landauf landab alle tun. Oder haben unsere Medien, was wir vielleicht übersehen, gegenüber den von Peter Achten geschilderten chinesischen Kollegen eine höhere Evolutionsstufe der Gleichschaltung erreicht, weil sie sich ihr freiwillig unterwerfen?

Manfred Messmer
Basel

Riksha, Riksha


Sich im Asphalt-Dschungel asiatischer Grossstädte zu bewegen, ist fürwahr kein Schleck. Das trifft besonders in jenen Städten zu, wo der öffentliche Verkehr lange nicht gefördert worden ist. Singapur und Hongkong sind zwei löbliche Ausnahmen, denn dort ist der öffentliche Verkehr nicht nur allumfassend und relativ billig, sondern auch bequem. He joh, ungefähr so, wie s'Trämli, Trämli, Trämli...

Eher negative Beispiele sind Manila, Dschakarta oder Bangkok. Taxi bleiben im Stau stecken, einen nennenswerten öffentlichen Verkehr gibt es nicht, es seien denn heillos überfüllte Busse, die ebenfalls endlos im Stau nur meterweise vorwärts kriechen. Bleiben die Tuk-Tuks und ähnliche drei- und vierräderige Vehikel. Aber auch damit geht es nicht viel schneller. Wenn man tatsächlich in Eile ist, bleibt nur ein Motorradtaxi. Dann geht es schnell, nicht selten zu schnell, wenn sich der tollkühne Fahrer artistisch jeweils knapp an einem Unfall vorbei mogelt. Man kommt dann zwar rechtzeitig und heil an der angegebenen Destination an, hat dann aber der Abgaswolken wegen einen leicht angesäuselten Kopf. Ein thailändischer Arzt behauptete einmal, in Bangkok spiele es keine Rolle, ob man Zigaretten rauche oder nicht, denn allein die Abgase des motorisierten Verkehrs schädigten die Lungen etwa so stark wie zwei Päckchen Ziggis. Ohne Filter, notabene.

Ein ganz besonderes Gefährt aber ist die Riksha. Jeder Tourist kennt es. In vielen asiatischen Städten ist es noch immer ein übliches Verkehrsmittel. Entgegen den Touristen, die sich der kolonialen Vergangenheit wegen immer ein wenig genieren, ist die dreirädrige Rikscha mit oder ohne Motor heute ein Verkehrsmittel vor allem für die weniger bemittelten Asiaten.

Man könnte die Riksha auch als eine Weiterentwicklung der Sänfte auf Rädern bezeichnen. In Japan wurde die Riksha im 19. Jahrhundert "erfunden", daher auch der Name, denn Jin-Riki-Sha heisst wörtlich Menschen-Kraft-Fahrzeug. Der berühmte deutsche Reporter Egon Erwin Kisch schrieb vor rund 80 Jahren in seinem Buch "China Geheim": "Die Jinrikscha kommt aus Japan, wenn auch ihr Erfinder - na was denn! - ein Europäer war. Der Mann, der als Erster den Einfall hatte, einem Handwagen einen Stuhl aufzusetzen und diesen Fahrstuhl als öffentliches Verkehrsmittel zu verwenden, war der anglikanische Geistliche Reverend M. B. Bailey - o Segnungen des Westens und der Kirche. Das geschah Anfang der siebziger Jahre [des 19. Jahrhunderts, d.R.] in Tokio".

Damals allerdings wurde die Riksha noch von Menschen gezogen. Heute dagegen sind es dreirädrige Fahrräder mit Seitenwagen in den unterschiedlichsten und zum Teil verrücktesten Formen. In Peking finden Rikshas heute praktisch nur noch als Touristen-Attraktion Verwendung, während sie in andern Städten wie Hanoi, Medan oder Mandaly zum Alltag gehören. In Asien sind heute trotz all der modernen Verkehrsmittel noch immer rund vier Millionen Rikshas unterwegs. Die Fahrer sind dabei wie seit eh und je die Ausgebeuteten. Denn meist gehören die Rikshas findigen Unternehmern - in einigen Ländern nicht selten sogar umtriebigen Polizisten - die sie dann an vom Lande gekommene Wanderarbeiter weiter vermieten. Bei den meisten Riksha- oder Cyclofahrern, mit denen ich über die Jahre in Asien gefahren bin, geben mindestens die Hälfte ihrer eingefahrenen Yuans, Rhupias, Dongs, Kiyats und wie die Währungen alle heissen für die Miete aus. Ein extrem hartes Leben.

Normale Touristen bezahlen meist etwas mehr - aus Mitleid, Scham oder ganz einfach, weil die Fahrt ein Vergnügen war, wer weiss. Viele Rucksack-Touristen aber - jene also, die sich etwas einbilden auf ihr schonendes, umweltgerechtes Reisen - sind nach meinen Beobachtung jene, welche den Fahrpreis bei den Riksha-Fahrern bis an die Schmerzgrenze herunterhandeln.

11. April 2005


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"Forever"


"Derzeit ist das Velo wohl das praktischste Verkehrmittel in Chinas Hauptstadt" - das habe ich im Dezember in dieser Kolumne geschrieben. Nicht dass sich daran irgendetwas geändert hätte. Im Gegenteil. Nur eben, das Fahrrad ist offenbar dermassen populär, dass Velodiebe Hochkonjunktur haben. Seltsam, sind doch die Medien in Europa und Amerika hauptsächlich damit beschäftigt, den Auto-Boom im Reich der Mitte zu zelebrieren. Vom Fahrrad kein einziges Wort ...

Nicht ganz zu Unrecht. In Peking zum Beispiel sind innerhalb eines Jahres mehrere Hunderttausend neue Autos in Verkehr gesetzt worden. Derzeit sind es 2,5 Millionen. Aber offenbar sind Velos, besonders im aufkommenden Frühling, noch immer gefragt. Jedenfalls ist mein Fahrrad einmal mehr geklaut worden, abgeschlossen notabene, und das doppelt mit zwei Ketten. Einmal mehr, das heisst in meinem Fall konkret: Fast jedes Jahr ein neues Velos. Seit 1999 das sechste.

Der Punkt ist nicht etwa finanziell. Ein Velo in China kostet heute umgerechnet gerade einmal zwischen 30 und 300 Franken, je nach Qualität. Aber für Fahrrad-Fahrer und Dörfli-Spurter ist klar, was der Verlust eines Velozipeds bedeutet. Es ist das Wohlbefinden auf dem Rad. Das heisst, der runde Tritt, die Einstellung, die Sattelhöhe, die Kränze und dergleichen. Das lässt sich nicht einfach in wenigen Tagen einstellen. Es ist viel Gefühl, Know-how, und natürlich Technik dabei.

Das alles ist selbstredend für Pekings Fahrraddiebe kein Problem. Mein abgeschlossenes Fahrrad wurde sehr wahrscheinlich auf ein Pick-up geladen, dann zum (im Prinzip, aber nur im Prinzip illegalen) Fahrradmarkt im Südosten von Peking gefahren, und dort steht mein Orange-farbiges Klappvelo jetzt für 100 Yuan (umgerechnet 15 Franken) zum Verkauf. Der Verkäufer lächelte mild und sagte: "Lieber Freund, wie willst Du denn beweisen, dass das ein gestohlenes Fahrrad ist?". Nun ja, die überall auf dem Velo angebrachten Stickers "Schweizer Radio DRS" und "Beijing Ringier International" eben. Der Verkäufer lächelt nicht mehr, sondern bricht in ein monumentales Gelächter aus: "Wie willst Du das denn beweisen?". Eben.

Jetzt habe ich mich wieder auf alte Werte besonnen. Mein sechstes Fahrrad seit 1999 soll ganz der Tradition verbunden sein. Eine schweres, schwarzes Rad der Marke "Jongjiu" ("Forever") aus Shanghai eben. Ein wundervolles Velo. Stabil, mit Stängeli-Bremsen, fast so wie das englische "Rudge"-Velo meines Vaters oder das "Raleigh"-Velo meiner Schultage im Realgymnasium Basel. Der Verkäufer am Südtor der Verbotenen Stadt Qiananmen kennt mich mittlerweile. "Was darf es denn diese Jahr sein?", fragt er mit einem breiten Lächeln. Ich erzähle ihm dann immer die selbe Geschichte, dass nämlich mein abgeschlossenes Fahrrad wieder einmal gestohlen worden sei. Er grinst verschmitzt. Kein Wunder, denn am Wochenende betreibt er - ganz legal - auf dem Markt der gestohlenen, beziehunsweise "gefundenen" oder "verlorenen" Fahrräder einen Verkaufsstand. Profitabel, denke ich. Immerhin, mein neues Rad bester Qualität hat mich gerade mal umgerechnet 70 Franken gekostet. Und es ist ein Traum von einem Velo. Schwer, schön, schnell, wie eine Lok auf Pekings flachen Strassen.

Und die modernen Pekinger starren auf mich wie auf den Mann vom Mond. Wie, um Himmels willen, kann man in diesen modernen Zeiten nur so ein altmodisches Velo fahren, fragen sich die aufgeklärten, reformorientierten Chinesinnen und Chinesen. Diese Art Fahrrad nämlich wird heute im modernen China nur noch von Bauern-Trampel gefahren. Sei's drum! Jetzt erst recht!

Ich hatte beim Kauf nur ein kleines Problem: lange konnte ich mich nicht entscheiden zwischen einer "Fliegenden Taube" und "Forever". Beide gleichen sich wie ein Ei dem andern, werden aber in verschiedenen Fabriken fabriziert. Dass ich mich schliesslich für "Forever" entschieden habe, hat einen einfachen Grund: Bei der "Fliegenden Taube" ist anzunehmen, dass ich sie bald wieder los bin. Nomen est Omen, wie wir alten Chinesen zu sagen pflegen. Bei "Forever" kann ich immerhin hoffen, dass es mein "Für immer" ist.

28. März 2005


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"Die 'Fliegende Taube' in der Schweiz"

Ueber ein Jahr nach dem Artikel "Forever" sind Chinesenvelos auch in der Schweiz anzutreffen! Wie kommt das? Ein hiesiger grosser ("much big") Kleiderladen hat offenbar beim Einkaufen von T-Shirts ein kleines Zusatzgeschäft machen wollen und den für die Seereise nötigen Container noch mit Velos füllen lassen (oder umgekehrt). Sie sehen tatsächlich stabil aus mit der Doppelstange oben und den  Stangenbremsen und sie wurden auch königlich in der Farbe "dunkelpurpur" gespritzt. Dies nach meinen Informationen zum Preis von 15 Franken. Leider hat man unter anderem die Vignetten und Rücklichter vergessen und auch die chinesischen Ersatzteile. Letzteres war fatal, weil die Dinger schon beim Auspacken auseinanderfielen. Also nix mit dem grossen Velodeal, aber immerhin konnten ein paar Exemplare bei den "Chinawochen" im Herbst gezeigt werden.

Im Frühling war dann Zeit für eine neue Aktion und es wurden je 1'000 Velos in diversen Filialen gratis abgegeben, wenn man für einen gewissen Betrag einkaufte. Ein Velo"mechaniker" half beim auspacken und Verkäuferinnen können ja auspacken, ein anderer Detailschieber half offenbar in Problemfällen. Und so stehen sie jetzt überall herum und rosten vor sich hin, bereit zum Stehlen/Entsorgen.

Woher ich das weiss? Unter anderem, weil ein Bekannter in der Nähe Velomechaniker ist und den enttäuschten jungen Leuten beibringen muss, dass sie noch einiges investieren müssen, damit die Taube fliegt - wenn überhaupt.

Mir fällt auf:
- Das Material stimmt in keiner Weise. Auch ein leichter Chinese muss ab einer gewissen Geschwindigkeit abgebremst werden und das geht ja kaum mit Bremsen aus Blechschrauben/Stangen wie Chinanudeln und etwas Feng Shui; ausserdem: Rost bleibt Rost, auch global.
- Die Organisation des Ganzen erfolgte ja offenbar nicht mal nach E. Murphy ("Was schief gehen kann, geht schief") sondern nach dem Motto: "Macht alles falsch, was Ihr falsch machen könnt und schiebt einfach die Schuld auf die Chinesen."
- Der Stil ist weder schweizerisch noch chinesisch. Auch mit Dekomaterial für 15 Franken lässt sich etwas Lustiges basteln, aber doch bitte nicht ein verkehrstüchiges Geschenk. Der Aufkleber (Worning: "Darf in dieser Ausstattung nicht im Strassenverkehr verwendet werden" oder so) macht alles nur noch schlimmer.

Mir bleiben u.a. die Fragen:
- War da nicht schon mal ein chinesischer Materialfehler? (Ziegel im Chinagarten, Zürich)
- War da nicht schon mal Rost? (Züriwasser in rostigen Flaschen aus China)
- War da nicht schon mal die Rede von speziellen Importvorschriften für Velos? (nicht China: EU)

Mit freundlichen Grüssen nach Basel und Beijing und allen global: Fröhliches Velofahren!

Thomas Meier
Zürich

Gelobt sei die Wüste Gobi

Alle reden über das Wetter. Für einmal auch ich. Zugegeben, Wetter ist weder Abend noch Kolumnen füllend, es sei denn im Lift, im Tram oder in der täglichen Wetterkolumne. Da ich aber unter relativ extremen Wetterbedingungen arbeite und lebe, zudem ein "Gfrörli" bin, mögen mir die aufmerksamen Leserinnen und die von der Arbeit gestressten Leser für einmal verzeihen, dass ich dieses Allerwelts-Thema für ein Süss&Sauer missbrauche.

Also: Alles ist relativ, wie wir mittlerweile auch ohne absolviertes Doktorat in Physik wissen. In den Weihnachtsferien am Neuenburgersee betrug die Temperatur so um die Null Grad. Plusminus. Kalt also, und ich habe dementsprechend gefroren. Auch Pullover und wattierte Windjacke nützten nicht viel. In Pekinger Winter allerdings bin ich ja viel tiefere Temperaturen gewohnt. Immer im Minusbereich. Trotzdem friere ich in Peking weniger als in Estavayer-le-Lac.

Des Rätsels Lösung ist natürlich Pekings Trockenheit. Chinesinnen und Chinesen tragen deshalb, je nach Temperatur, mehrere Kleider-Schichten. Bei minus acht Grad, wie neulich, bin ich in fünf Schichten eingepackt. Ein grüner, wattierter Mantel der Volksbefreiungs-Armee und eine Pelzmütze mit eingeschlossen. Dann radle ich auf meinem Velo der Marke "Fliegende Taube" purlimunter im Gegenwind ins Büro. Und friere nicht.

Aber alles hat seine Tücken. Früher waren in China die Büroräume himmeltraurig geheizt, und deshalb war das winterliche Mehrschichten-Modell kein Problem. Heute im reformorientierten China jedoch sind die Büros so geheizt wie im Westen, also überheizt. Und ein richtiger Chinese mit seinen Long Johns (Neudeutsch für lange Unterhosen) hat dann schon einige Probleme.

Die Long Johns zieht übrigens ein richtiger Nordchinese - von Nordchinesinnen wollen wir in diesem Zusammenhang mal züchtig schweigen - strikte nach Kalender über. Selbst dann, wenn es zu warm dafür ist. Trotz langer China-Jahre habe ich den Grund dafür bis auf den heutigen Tag nicht richtig begriffen. Dasselbe gilt für die Heizperiode. Die fängt nämlich unabhängig vom gerade herrschenden Wetter Mitte November an und hört Mitte März auf. Kein Wunder deshalb, dass ich sehr oft Anfang November und Ende März erkältet bin. Mich fröstelt nämlich als passionierter Warm-Duscher auch bei Temperaturen von 16 bis 17 Grad.

Aber, wie gesagt, alles ist relativ. Gut erinnere ich mich noch an meine Zeit in Hanoi. Auch dort wird es im Winter während wenigen Wochen ziemlich "kalt". Bei Temperaturen knapp um die 20 Grad haben dann meine vietnamesischen Kollegen und Freunde zum Erstaunen der westlichen, kurzbehosten Touristen bereits die dick wattierten Jacken übergezogen und sich chinesische Wollmützen aufs Haupt gesetzt.

Jetzt sitze ich - es ist ja bereits Mitte März - fröstelnd in der Wohnung. Heissen Tee mit reichlich gebranntem Wasser schlürfend anstatt, wie von meiner Frau empfohlen, heisser Milch mit Honig. Sei's drum. Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und der ist in Peking - gelobt sei die Wüste Gobi - lang und heiss.

14. März 2005


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Amerika-Boykott?

Eben aus Myanmar (Burma) zurück, stellt sich wieder einmal dringend die Frage, soll man Ferien verbringen oder Geschäfte treiben in einem Land, wo Militärs, Diktatoren, kommunistische Einheitsparteien und so weiter und so fort den Ton angeben. Für die meisten Menschenrechtsgruppen ist die Antwort klar: Nein und nochmals Nein! Im Falle von Myanmar besonders auch deshalb, weil sich Aung San Suu Kyi klar hinter einem Tourismus- und Wirtschafts-Boykott steht.

Nun ist Aun San Suu Kyi nicht irgendwer. Sie führt mit viel Courage die Nationale Liga für Demokratie (NLD) an, die vor fünfzehn Jahren nach langer Militärdiktatur die ersten demokratischen Wahlen mit überwältigendem Mehr gewonnen hat. Die herrschenden Generäle, die zuvor bereits Tausende von Demonstranten kaltblütig erschiessen liessen, waren natürlich vom Wahlresultat überrascht. Kein Wunder deshalb, dass die Demokraten nicht an die Macht kamen. Im Gegenteil. Die führenden Köpfe wanderten ins Gefängnis. Aung San Suu Kyi verbrachte bis heute den grössten Teil der Jahre unter Hausarrest in der Hauptstadt Yangon. Suu Kyi wurde 1991 mit dem Sacharow-Preis des Europarates und kurz danach mit dem Friedens-Nobelpreis geehrt. Ihr Wort hat also Gewicht, moralisches Gewicht.

Viele westliche Firmen haben unterdessen unter massivem Druck durch Freiheits-Aktivisten das Land verlassen. Dass dabei auch Arbeitsplätze verloren gingen, fand kaum Erwähnung in den westlichen Medien. Viele Reisebüros - darunter auch ein grosses und prominentes Schweizer Unternehmen - haben Burma unterdessen aus dem Programm gestrichen. Sicher, die Generäle kassieren immer mit. Genauso sicher ist aber auch, dass Industrie und Tourismus buchstäblich Tausenden von Leuten in Myanmar ein karges Auskommen bringen und mithin ihr Überleben sichern. Das Land ist heute - in den fünfziger Jahren noch hochgelobt als kommende asiatische Wirtschaftsmacht - mausearm. Die Lebenserwartung liegt bei knapp 60 Jahren.

Bei der Auswahl der Ferien-Domizils freilich ist Boykott aus politischen Gründen ein schwieriger, oft auch ein unzuverlässiger Ratgeber. Als ich noch jünger war, konnte man politisch korrekt nicht reisen - weder geschäftlich noch ferienhalber - zum Beispiel nach Spanien (Franco-Diktatur), Portugal (Faschisten), Griechenland (Diktatur der Putschgeneräle), Chile (Pinochet-Diktatur), Argentinien (Diktatur der Putsch-Generäle) oder Südafrika (Apartheid). Und war denn Jugoslawien zulässig, schliesslich sassen im reformsozialistischen Land eben doch auch Kommunisten in der Regierung? Und von Osteuropa und der Sowjetunion bis zur Zeitenwende 1989/91 will ich schon gar nicht reden. Und kürzlich Österreich. Da war doch der Haider mit seinen FPÖ-Kumpanen plötzlich an der Macht beteiligt. Die Beispiele liessen sich unschwer auch für die heutige Zeit vermehren. Ich kenne sogar Leute, die wegen der Wiederwahl von Präsident Bush jetzt allen Ernstes Amerika meiden ...

Ein guter Bekannter in Yangon, der eine kleine Pension besitzt, sagt mir jedes Mal beim Besuch: "Warum werden denn wir in Myanmar boykottiert? Schliesslich sind doch in Vietnam oder China auch autoritäre Regimes an der Macht, welche die Menschenrechte mit Füssen treten. Aber dorthin zu reisen und in diesen Ländern zu investieren, dagegen haben offenbar jene, die den Boykott gegen Burma mit dem moralischen Zeigefinger anführen, wenig bis nichts einzuwenden".

Ich habe dem wenig beizufügen. Es sei denn, China und Vietnam sind eben Kult in den ach so aufgeklärten, den Menschenrechten verpflichteten Kreisen im Westen (und der Schweiz). Und: Nach Burma zu reisen, heisst nicht, die Ideale von Aung San Suu Kyi zu verraten. Im Gegenteil.

28. Februar 2005

PS: Peter Achten begleitete dieses Frühjahr für "Background Tours" kritisch eine Reisegruppe nach Burma.

 

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Qual der Wahl

Früher war, entgegen einer weit verbreiteten Altersweisheit, nicht alles besser. Es war anders. Neues ist hinzugekommen. Manchmal jedoch frage ich mich, was das Neue gebracht hat. Mehr Freiheit, heisst zum Beispiel das Zauberwort der Konsumgesellschaft. Mehr Freiheit also bei der Auswahl.

Natürlich sind 43 Sorten Yoghurt und 51 verschiedene Zahnpasten und 141 verschiedene Weine, und 9 verschiedene Milch-Sorten und 24 verschiedene Brote - um nur einige Beispiele aus meinen kurzen Weihnachtsferien in der Schweiz zu nennen - gewiss doch der Inbegriff des Schlemmerparadieses.

Ich will jetzt nicht damit kommen, wie ich Ende der vierziger Jahre - in kurzen Hosen auch im Winter - für meine Mutter in den Konsum ging, aus drei Brotsorten eine auswählte, bezahlte, das ganze von der Verkäuferin mit violetter Tinte ins "Büchlein" schreiben liess und pfeifend nach Hause ging. Auch damit nicht, dass ich bei Reisen in die DDR in den sechziger und siebziger Jahren in volkseigenen Läden die Wunder der geplanten Mangelwirtschaft des real existierenden Sozialismus mit staunenden Augen und leicht verwirrtem ideologischen Geiste zur Kenntnis nahm: Es gab, wenn überhaupt, drei verschiedene Zahnpasten, eine grässlicher als die andere. Und als ich Mitte der achtziger Jahre nach China kam, war es nicht sehr viel anders, abgesehen davon, dass eine von drei Zahnpasten von annehmbarer Qualität und - dies vor allem - das Essen, wen wundert's, um Welten besser war als in der DDR. Anfang der neunziger Jahre dann der Kulturschock: Amerika. Fassungslos stand ich in den Supermärkten von New York und Washington D.C. vor einer erdrückenden Riesenauswahl.

Natürlich ist vom Konsumenten-Standpunkt aus der Kapitalismus mit seinem Wettbewerb besser als ein Sozialismus mit rigider Planwirtschaft. Doch einen Vorteil hatte die Mangelwirtschaft. Bei der Auswahl verlor man keine Zeit (wenn auch beim stundenlangen Schlangenstehen für so seltene Güter wie zum Beispiel Milch, Brot oder Hühnchen ...). Der moderne Konsument in der schönen neuen Welt verbringt dagegen viel Zeit mit der Beschäftigung, sich zu entscheiden. Beim täglichen Bedarf, bei den Kleidern, ja beim Autokauf oder der Auswahl der Ferien-Destination. Bei allem.

Niemand trauert den alten, kargen Konsumenten-Zeiten nach. Schliesslich geht es uns heute (fast) allen besser. Dank Globalisierung selbst dort, wo die Wirtschaft noch immer mit dem Beiwort "sozialistisch" verziert wird, wie beispielshalber in China und Vietnam.

Dennoch: Die Qual der Wahl bleibt. Und immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit damit, auszuwählen, sich zu entscheiden. Ich beispielshalber in meinem Ferien-Domizil Estavayer-le-Lac. Dort gibt es unter anderem fünf Bäckereien. Und alle backen wunderbare Croissants. Welche die besten sind, ist Diskussionsstoff zwischen meiner Frau und mir beim Z'mörgele. Und wählen tue ich nicht. Reihum kaufe ich die Gipfeli bei allen.

Da hatte es der bekennende Croissant-Liebhaber, Revolutionär und grosse Reformer Deng Xiaoping (1904-1997) einfacher: Er liess sich die Hörnchen jeweils vom gleichen Bäcker in Peking quasi "auf Mass" herstellen.

14. Februar 2005

 

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Pompadour

Coiffeur Meyer in der Nähe des Neuweilerplatzes stutzte Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre im zweiwöchentlichen Rhythmus mein Haar. Mein Vater bestand darauf. Sauber getrimmt musste der Kopf sein. Ich höre noch heute das Klippern der Schere. Coiffeur Meyer, würde ich mal aus heutiger Sicht behaupten, war ein Meister seines Faches. Alles Handarbeit. Millimeter genau. Trotzdem: Einen Wunsch konnte er mir nicht erfüllen, nämlich einen damals modischen, natürlich dem amerikanischen Vorbild nachempfundenen Bürstenschnitt. Coiffeur Meyer tröstete mich. "Mit deinem prächtigen Lockenkopf", pflegte er zu sagen, "kann ich beim besten Willen keinen amerikanischen Bürstenschnitt schnipseln".

Etwas später gab es, der Zeit entsprechend, monumentale Haarschnitt-Diskussionen zwischen Vätern und Söhnen. Zum Erstaunen meines Vaters hatte ich - im Gegensatz zu meinen Schulkollegen - nicht langes, sondern extrem kurzes Haar. Das war nur dem Umstand zu verdanken, dass ich mich als Saxophonist und Flötist in Cool-Jazz-Kreisen bewegte, und dort trug man damals das Haar eben kurz, sehr kurz. Mit einem solchen Haarschnitt wäre man heute topmodisch, mit dem Unterschied, dass nicht mehr ein ganz gewöhnlicher Coiffeur Meyer, sondern auf gut neudeutsch heute ein Hair-Stylist zu Werke ginge. Der Haarschnitt gefiel meinem Vater über alle Massen. Die Musik weniger, die er - wie damals üblich bei der älteren Generation - als "Negermusik" abqualifizierte.

Sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls hatte mein Vater, was den Haarschnitt betraf, recht. Ich kann das heute zugeben, zumal ich von höchster Stelle sozusagen jetzt weiss, wie schädlich lange Haare tatsächlich sind. Im Arbeiterparadies Nordkorea läuft nämlich derzeit eine Kampagne unter dem Motto: "Lasst uns Haare schneiden in Übereinstimmung mit dem sozialistischen Lebensstil." Und waseliwas verlangt der sozialistische Lebensstil? Richtig, alle vierzehn Tage ein Haarschnitt. Mein Vater hat das zwar auch empfohlen, doch Sozialist war er beileibe nicht. Im Gegenteil, sehr, sehr bürgerlich. Aber eben, in der grundlegenden Frage des Haarschnitts gibt es für einmal offenbar tatsächlich keinen Unterschied zwischen Linken und Rechten.

Das nordkoreanische Fernsehen erläutert denn auch ohne Unterlass, warum lange Haare schädlich sind. Wertwolle Nährstoffe nämlich werden durch lange Haare dem Körper entzogen mit dem Resultat, dass die Intelligenz leidet. Staatlich erlaubte Haarschnitte werden fein säuberlich aufgelistet. Und wen wundert es noch, dass darunter - jawoll - auch mein geliebter Bürstenschnitt figuriert. Erlaubt ist eine Haarlänge zwischen einem und fünf Zentimetern.

Nun fände ich es eigentlich interessant, unsere Magistraten, allen voran der hochwohllöbliche Bundesrat, nach den nordkoreanischen Haar-Kriterien zu messen. Denn nach Ansicht des Geliebten Führers Kim Jong-il kann man vom Haarschnitt auf die intellektuelle, moralisch-ethische, ideologische und geistige Verfassung schliessen.

Unsere Bundesräte, da alle über 50 Jahre alt, dürfen nach nordkoreanischer Vorschrift die Haare bis zu sieben Zentimeter wachsen lassen. "Um die lichten Stellen zu verdecken", wie es in der Vorschrift festgeschrieben ist. Ich weiss nicht, ob einer unserer Bundesräte schon davon Gebrauch macht. Aber Kim Jong-il nimmt das Privileg - frei nach dem Prinzip "jedem das seine, und mir e bitzeli meh" - voll in Anspruch. Seine hochgeföhnte Pompadour-Frisur über seinem kahlen Haupt ist weltweit ein gefundenes Fressen für die Karikaturisten. Nordkoreanerinnen und Nordkoreaner freilich werden sich hüten, Witze über Kims Pompadour-Frisur zu reissen. Denn dabei würden sie nicht nur die Haare, sondern dazu noch den Kopf verlieren. Wörtlich.

31. Januar 2005

 

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Skandal

Wenn ich noch einmal auf das Erdbeben und die dadurch ausgelöste Tsunami-Katastrophe zurückkomme, dann nur deshalb, weil ich, eben aus Bandha Aceh zurückgekehrt, in dieser Kolumne nicht einfach übergangslos zum süss-sauren Courant Normal übergehen will und kann.

Als Reporter – in meinem Fall für Radio DRS – muss man ja, so gut es eben geht, danach trachten, sachgerecht und ohne Emotionen zu berichten. Aber wie schon so oft in meinem Journalisten-Leben – zum ersten Mal in den sechziger Jahren in Lateinamerika und in Vietnam – holt einem das Erlebte erst im nachhinein ein.

Und "Aceh", das ist in der Tat eine Katastrophe von biblischem Ausmass. Die Frage bleibt, wie denn angesichts der von der internationalen Gemeinschaft und dem Schweizer Volk gezeigten Solidarität die Zukunft aussehen wird. Wenn die Vergangenheit ein Hinweis ist, bin ich eher pessimistisch. Denn meist erlischt das Interesse, sobald – bildhaft gesprochen – die Kamera-Scheinwerfer abgeschaltet sind.

Nun darf man Soforthilfe gewiss nicht mit mittel- und langfristiger Entwicklungshilfe verwechseln. Die "Glückskette"-Millionen sind echter Ausdruck des Mitgefühls und der Solidarität.

Umso mehr berührt es mich seltsam, wenn an internationalen UNO-Konferenzen Vertreter der Industriestaaten ihre Interessen so kaltblütig vertreten, wie wenn es den reichen Westlern an den Kragen ginge. Bundesrat Deiss, immerhin einst Ökonomie-Professor, vertrat beispielsweise in der Welthandelsorganisation WTO die Interessen der ach so armen Schweizer Bauern. Das, finde ich, ist der wirkliche Skandal. Bekannt und nachweisbar nämlich ist, dass sich die reichen Länder im Norden der Erdhalbkugel die ganze Entwicklungshilfe sparen könnten, wenn sie nur bereit wären, den Ländern der Dritten Welt endlich faire Handels- und Wirtschaftsbedingungen einzuräumen.

Aber soweit sind wir noch lange nicht. Bandah Aceh wird in einem halben Jahr sehr wahrscheinlich abseits der Schlagzeilen wieder so arm und vergessen sein wie zuvor.

Die Schweizer Entwicklungshilfe verdient mit ihrem Schwerpunkt, den ärmsten der armen Länder zu helfen, viel Lob. Und jene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unseres Aussenministeriums, die ich in Bandah Aceh angetroffen habe, verdienen allerhöchstes Lob. Sie arbeiteten kompetent, schnell, rund um die Uhr und mit höchstem Engagement. Bewunderswert.

Aber die nur allzu oft in blindem Aktivismus agierende Aussenministerin Calmy-Rey sollte sich vielleicht doch mehr den grundsätzlichen Problemen zuwenden, als eine billige Show für die Medien und Schweizer Wähler in Thailand abzuziehen. Frau Calmy-Rey könnte sich vielleicht einmal mit Kollega Deiss und andern Bundesräten ausführlich über das Thema nachhaltige Entwicklung und Terms of Trade unterhalten.

Aber das ist natürlich bei weitem nicht so kamera-wirksam, wie sich mit gerunzelter Stirne und einer Maske vor dem Mund in Thailand den auf ein geiles Bild wartenden Journalisten zu zeigen.

17. Januar 2005

 

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"Nachhaltige Entwicklung ist nicht umsonst zu haben"

Ich verstehe Herrn Achten sehr gut: Unter den Eindrücken, die er aus Aceh mitbrachte, kann man sicher nicht verstehen, dass man in der Schweiz einfach so weiterleben kann. Ich empfinde es anders. Dazu folgende "Fragen" an Herr Achten:
 
Woher weiss er, ob Frau Calmy-Rey nicht schon lange versucht hat, mit den anderen Bundesräten über nachhaltige Entwicklung und Terms of Trade zu sprechen? Glaubt Herr Achten, dass mit nachhaltiger Entwicklung und Terms of Trade nur gerade das Problem der jetzt betroffenen Seebebenopfer gelöst werden muss? Vergisst Herr Achten nicht vielleicht die restliche Welt: Afrika, Südamerika und angeblich moderne Staaten wie Indien, China, Irak usw.
 
Wie werden Bundesräte wie Blocher, Merz oder Couchepin auf eine Anfrage von Calmy-Rey wohl antworten betreffend nachhaltige Entwicklung und Terms of Trade? Glaubt denn Herr Achten, dass nachhaltige Entwicklung und Terms of Trade gratis zu bekommen sind? Nein, dazu braucht es Verzicht auf vieles zu Ungunsten von uns allen. Sind wir bereit, diesen Beitrag zu leisten?
 
Wichtig ist, dass man jene, die am untersten Ende der Welthierachie stehen, nie vergisst, und alles daran setzt, ihnen zu helfen. Dazu mag ein Bericht, wie der von Herrn Achten, auch ein bisschen beitragen - trotz meiner Bedenken!

Urs äschlimann
äsch



"Bürgerliche Bundesräte könnten für faire Handelsbedingungen sorgen"

Was Herr Thüring in seiner engen Optik (bewusst?) vergisst, ist die Tatsache, dass es auch so genannte bürgerliche Bundesräte gab und immer noch gibt, die es schon viel früher verpassten, die von Peter Achten angeprangerten unfairen Handels- und Wirtschaftsbedingungen zu ändern. Die "Rechte" in Bern wäre doch in der Mehrheit, woran wird es wohl liegen, dass sich diesbezüglich nichts bewegt? Das gilt auch für die SVP. Eigennutz geht halt vor Solidarität. Da ist es einfacher, die von ihm ungeliebte Calmy-Rey ins Lächerliche zu ziehen. Was für ein Niveau!

Bruno Heuberger
Oberwil



"Billiger Emotionenfang"

Die Wahrheit hört man nicht oft. Es bleibt zu hoffen, dass die Postulate von Herrn Achten den Eminenzen unserer Politik bald nachhaltig vermittelt werden können. Vielleicht würde eine "institutionalisierte Quartals- oder Halbjahres-Bilanz-Pressekonferenz" eines jeden unserer sieben Minister, face à face mit kompetenten, konstruktiv kritischen Vertretern unserer Vierten Gewalt helfen, dass sich die Bundesräte inskünftig auf die Kommunikation von Lösungen beschränkten, anstatt billig auf Emotionenfang zu gehen.

Patric C. Friedlin
Basel



"Frau Calmy-Rey ist eine Meisterin der Selbstinszenierung"

Herr Achten bringt es mit seinem Kommentar in Bezug auf Frau Calmy-Rey auf den Punkt. Unsere linke Aussenministerin ist eine Meisterin der Selbstinszenierung und befindet sich immer dann an den Orten dieser Welt, wenn die Kameras in der Nähe sind. Bisher ist aber in all ihren Aktionen nicht viel mehr als heisse Luft herausgekommen. Das beste Beispiel hierfür ist auch die "Genfer Initiative" zum Nahost-Konflikt. Diese kostete uns Steuerzahler viel Geld und gebracht hat es überhaupt nichts. Ausser dass wir brennende Schweizer Fahnen gesehen haben und Frau Calmy-Rey von der Ringier-Presse (wie so oft) hochgejubelt wurde. Die Aktion nun in Südostasien ist ein weiterer Fehltritt und sobald die TV-Stationen nicht mehr täglich aus dem Katastrophengebiet berichten, ist die Angelegenheit auch für Calmy-Rey wieder vergessen. Sie ist und bleibt eine Darstellerin, welche sich nur zu gerne in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig aber nicht fähig ist, ein Departement zu leiten. Frau Calmy-Rey ist das beste Beispiel einer sich im Vormarsch befindenden "Classe-politique" der grossen Worte, der Selbstinszenierung und der Unfähigkeit.

Joël A. Thüring
Sekretär Basler SVP
Basel

Solidarität

Diese Kolumne, die klugen Leserinnen und Leser wissen es mittlerweile, beschäftigt sich nicht mit der unmittelbaren Aktualität, sondern vielmehr mit dem Alltag, mit Hintergrund und Besonderheiten Asiens. Und das immer mit einem verlgeichenden Blick nach Europa und der Schweiz.

Für einmal soll eine Ausnahme gemacht werden. Das katastrophale Seebeben vor der indonesischen Insel Sumatra nämlich ist das grosse Thema auch in den nicht betroffenen Gebieten Asiens. Also in Vietnam, China oder Korea. Ähnlich wie in Europa und der Schweiz berichten die Medien umfassend und ausführlich, und ähnlich wie in Europa und der Schweiz wird grosszügig von Regierungen und Bürgerinnen und Bürgern Hilfe in Form von Experten und Spenden geleistet.

Das ist nicht selbstverständlich. Es ist nämlich nicht nur die technologische Revolution, die heute im Unterschied zu früher die Nachrichten in Windeseile über den ganzen Globus verbreitet. Es ist vielmehr ein neues Bewusstsein, dass die Welt im Guten wie im Schlechten eins ist. Dies sollten sich die Globalisierungs-Gegner bei dieser Gelegenheit einmal durch den Kopf gehen lassen und hinter die Ohren schreiben. Für die Welt nämlich am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es keine Alternative. Alle sind, im Guten wie im Schlechten, voneinander abhängig.

Dieser Punkt wird besonders klar in kommunistischen Staaten wie China, Vietnam oder Nordkorea. Naturkatastrophen waren nämlich Staatsgeheimnis. Berichtet wurde nur dann, wenn es ohne ausländische Hilfe nicht mehr ging. Beim Grossen Chinesischen Sprung Nach Vorne Ende der fünfziger Jahre, dekretiert vom Grossen Steuermann Mao, starben wegen einer verfehlten Landwirtschaftspolitik verschärft durch Naturkatastrophen zwischen zwanzig und dreissig Millionen Chinesinnen und Chinesen. Die Aussenwelt erfuhr nichts. Im Gegenteil. Westliche Journalisten berschrieben ein China im Aufbau, getäuscht durch Propaganda und potemkinsche Dörfer.

Das schlagenste Beispiel aber ist wohl das Erdbeben von Tangshan, knapp hundert Kilometer östlich von Peking. Es ereignete sich im schicksalhaften Jahr 1976, nur zwei Monate vor dem Tod von Mao Tse-tung. Es starben damals mehr als 300'000 Menschen, und die Welt wurde erst Wochen nach dem Desaster nach und nach über das wirkliche Ausmass informiert. Heute ist China, aber auch Vietnam, dank tiefgreifenden Reformen Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Wirtschaftlich, politisch und sozial.

Es gibt heute weltweit nur noch eine einzige Ausnahme: Nordkorea. Dort wurden vor knapp zehn Jahren nach kollektivistischer Misswirtschaft und Überschwemmungen Schwierigkeiten zunächst negiert, bis es nicht mehr zu verheimlichen war. Seither hängt Nordkorea am Tropf internationaler Nahrungsmittelhilfe. Gestorben an Hunger und Unterernährung sind rund eine Million Menschen.

Warum, kann man sich heute fragen, warum ist es zu dieser Katastrophe im indischen Ozean gekommen? Es gibt doch Frühwarnsysteme, wie beispielshalber im Pazifik. Gewiss, aber das Frühwarnsystem mit Zentrum im amerikanischen Hawaii hat seinen Preis. Und den können nur reiche Länder zahlen. Im Pazifik also Amerika, Japan, Neuseeland und Australien. Im Indischen Ozean haben Entwicklungsländer wie die vom Seebeben am schwersten betroffenen Länder Indien, Sri Lanka oder Indonesien ganz einfach andere Prioritäten, zum Beispiel die Bekämpfung der weit verbreiteten Armut.

Vielleicht erwacht jetzt die Welt. Möge am Anfang dieses Jahres das zugegebenermassen abgegriffene Wort Solidarität neuen Inhalt bekommen und nicht eine leere Worthülse bleiben.

3. Januar 2005

 

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Frühere "Süss&Sauer"



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