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Peter Achten, geboren 1939 in Basel, lebt und arbeitet in Peking (Beijing). Er ist seit 1967 journalistisch tätig. Seine Karriere beganng er bei "National-Zeitung" und "Basler Nachrichten" als Lokalredaktor, arbeitete später als Radio-Korrespondent aus Madrid. 1974 wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er Produzent/Moderator der "Tagesschau" und Mitglied der Chefredaktion wurde. Mit Sitz in Beijing, Hanoi und Hongkong arbeitete Achten ab 1986 als Fernost-Korresponent für Schweizer Radio DRS sowie verschiedene Schweizer Tageszeitungen. Zwischen 1990 und 1994 war er in Washington USA-Korrespondent für SF DRS. Seit 1997 ist Peter Achten Asienkorrespondent für SR DRS sowie für Ringier-Titel und Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins "China International Business". Spektakulär waren seine Radio-Reportagen während des blutig niedergeschlagenen Volksaufstands im Frühjahr 1989 und des Massakers auf den Tiananmen-Platz in Beijing.
peterachten@attglobal.net
(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.) |
Es weihnachtet sehr
Globalisierung ist in aller Mund. Mit den schlechten wie mit den guten Seiten, notabene. Gross ist das Wehklagen jeweils auch, wenn es um Erhaltung von Tradition und Kultur geht. Nach meinen - zugegebenermassen oberflächlichen - Beobachtungen aber werden in Asien, je mehr die Internationalisierung der Wirtschaft voranschreitet, lokalen und regionalen Bräuchen und Sitten mehr Beachtung geschenkt. Auch Kulturdenkmäler von Pekings Verbotener Stadt bis zu Kambodschas Angkor Wat, Burmas Pagan oder Indonesiens Borobudur - um nur die berühmtesten zu nennen - werden trotz knappem Staatsbudget mit einheimischem Geld und internationaler Hilfe gehegt und gepflegt.
Auch Globalisierungs-Gegner können sich dem T-Shirt und den Jeans nicht entziehen, und wohl mancher Körnli-Picker rastet mal aus und verzehrt angstvoll nach links und rechts blickend mit Gusto einen Big Mac plus einen kalorien-bombastischen Milkshake. Und schliesslich sind es ja auch diejenigen, die wohl zuvorderst an der Anti-Globalisierungsfront mitmarschieren und protestieren, die als Rucksacktouristen in der Dritten Welt mitverantwortlich am schnellen sozialen und wirtschaftlichen Wandel sind; einen sanften Tourismus habe ich jedenfalls in Asien noch nie gesehen, nicht einmal im abgeschiedenen Laos, wo es vor allem eben Rucksacktouristen sind, die einen rapiden und beileibe nicht gesunden Umschwung bringen.
Ein Phänomen, das in diesem Zusammenhang nachdenklich stimmt, ist die Globalisierung der Feste. Vor zwanzig Jahren pflegte ich noch an Heiligabend in Peking auf den menschenleeren Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen in die Sterne zu gucken, dieselben Sterne, die vor rund zweitausend Jahren auch Maria und Josef wohl gesehen haben mögen. Heute gibt es - Gott, Buddha und Konfuzius sei Dank - zwar noch keinen Weihnachtsbaum auf Tiananmen. Aber fast. Nur wenige hundert Meter nämlich entfernt liegt die Prachtstrasse Wangfujing, und dort wie überall in Peking geben ab November Santikläuse, Weihnachtsbäume, "Jingle Bell" und "Stille Nacht - Hee-heilige Nacht" buchstäblich den Ton an.
Auch in der sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung geht das Geschäft über alles. Und Heiligabend ist deshalb im Zentrum Pekings, Shanghais, Hongkongs oder Kantons nicht mehr still, sondern schrill. Hunderte von Chinesinnen und Chinesen mit roten Nigginäggi-Mützen auf dem Kopf feiern ausgelassen und fröhlich Weihnachten. Die Strassen um Wangfujing sind am Heiligen Abend fast so mit Menschen überflutet wie die Freie Strasse am Morgestraich.
Es ist eben so wie im Zentrum des Konsums, in Amerika. Wohlan denn, wir Europäer feiern Weihnachten etwas stiller. Aber halt! Deswegen nämlich schon die europäische Überheblichkeit aufzusetzen und in den modischen und politischen korrekten Antiamerikanismus auszubrechen, ist doch wohl zu früh. Noch ist es nicht allzu lange her, dass - wie ich höre - Halloween in Europa (und auch in Basel) heimisch geworden ist. Dass wir nicht gerade auch noch den Truthahn an Thanksgiving verzehren, hat eher damit zu tun, dass wir ja schliesslich den guten alten, auf heimischer Scholle gewachsenen Buss-, Dank- und Bettag haben.
An Weihnachten jedenfalls werde ich ohne Santiklaus-Mütze aber der Kälte wegen mit einer dicken Pelzkappe auf dem Tiananmen in die Sterne gucken, Maos Porträt mit dem geheimnisvollen Lächeln betrachten und mich fragen, wie lange es noch geht, bis die Europäer, Schweizer, Basler endlich endlich das Chinesische Neujahr beziehungsweise Tet (Vietnam) feiern werden. Ohne Sozialismus natürlich.
Ich jedenfalls bin ein Glückspilz, ich lebe nämlich mit zwei Festen in der besten aller Welten.
PS: 2005 werden Tet und das Chinesische Neujahr Anfang Februar gefeiert.
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Das Rad
Die Sumerer schon haben 3'500 Jahre vor unserer Zeit das Rad erfunden. Für einmal waren es nicht die Chinesen. Doch das ist Anno Domini 2004 unerheblich.
Wenn ich radelnd frühmorgens mich langsam aber stetig ins Büro bewege an all den schnellen Autos im stinkenden Stau auf der Pekinger Avenue des Ewigen Friedens Changan vorbei, denke ich manchmal: Was wäre, wenn die Sumerer vor fünfeinhalbtausend Jahren das Rad nicht erfunden hätten? Die Antwort liegt auf der Hand: Dann wären es eben die Chinesen gewesen. Daran gibt es keinen Zweifel, denn wer je beobachtet hat, wie Chinesinnen und Chinesen mit Gusto und Vehemenz ihre Vehikel auf zwei, drei, vier und mehr Rädern durch den mittlerweile um es höflich auszudrücken üppigen Verkehr bugsieren, kann nur auf eines schliessen das Rad muss zwingend eine chinesische Erfindung sein. Quod erat demonstrandum, wie wir alten Chinesen sagen ...
Obwohl Korrespondenten dieser Tage gerne und oft über den Autoboom in China schreiben und in bewegten Worten beklagen, wie das Automobil langsam und sicher das Velo vertreibt, ist das nur die halbe Wahrheit. Vielleicht liegt es auch daran, dass Korrespondenten aus dem Ausland in China selten Rad fahren. Einst steuerte auch ich ein Auto, einen chinesischen Militaer-Jipu, in Peking. Das war aber noch zu jener Zeit, als der Verkehr von Miriaden von Velos beherrscht wurde, und das Auto eine Ausnahme war. Heute lohnt sich Autofahren in den chinesischen Grossstädten kaum noch. Die meiste Zeit verbringt man nämlich im Stau.
Und doch: Entgegen der oberflächlichen Wahrnehmung gibt es noch immer Velos in rauen Mengen. Um genau zu sein: Über acht Millionen zum Beispiel in der 14 Millionen zählenden Stadt Peking. Es ist eine Lust, morgens und abends im Pulk der vielen hundert Radfahrer mitzutrampeln. Nicht zu schnell, nicht zu langsam, immer im gleichen Rhythmus und einem guten Gefühl im Bauch. Über die Kreuzung natürlich trotz Rotlicht im kompakten Velo-Pulk den Autos den Weg abschneidend. Im Peloton kommt man eben besser vorwärts, wie jeder Schweizer Dörfli-Spurter ja weiss. "Im Verkehr wie im Leben", meint ein chinesischer Kollege halb im Ernst dazu. Eines jedenfalls steht fest: Derzeit ist das Velo wohl das praktischste Verkehrsmittel in Chinas Hauptstadt.
Das wird sich erst ändern, wenn der öffentliche Verkehr so dicht und bequem ist wie etwa in Hong Kong, Singapur oder ja doch in der Schweiz. Peking, aber auch andere chinesische Städte, investieren derzeit massiv in die Infrastruktur. Allein in der chinesischen Hauptstadt sollen bis 2007 zu den bereits bestehenden Linien zusätzlich über 100 Kilometer Untergrundbahn und zig Kilometer Hochbahnen entstehen, dazu Schnellstrassen und spezielle Spuren für den öffentlichen Busverkehr. Alles paletti, versprechen die Planer der Olympischen Spiele 2008. Nun ja. Bis dann werden wohl viele Radfahrer (und wenige Autofahrer) auf den öffentlichen Verkehr umgestiegen sein. Zwar ist Peking überall schön flach, fürs Radfahren also auch ohne Übersetzung ideal, im Winter aber bei steifem sibirischem Gegenwind ist es halt in der U-Bahn oder im geheizten Bus doch noch bequemer. Trotz Druggete wie am Morgestraich.
So wird denn wohl noch, bevor das laufende Jahrzehnt zur Neige geht, ein Nachruf auf den letzten Velofahrer fällig. In dieser Kolumne. Im Jahre 2008.
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Inte-Wang
Vor fast zwei Jahrzehnten war das Journalistenleben in China gemächlicher. Noch nicht durch das Handy erreichbar und allzeitbereit, noch nicht per Internet mit den Redaktionen aufs Innigste verbunden. Damals tickerte unüberhörbar noch der Telex rund um die Uhr die (Propaganda-)Meldungen der chinesischen Nachrichten-Agentur Xinhua ins Büro. Um Artikel zu übermitteln, waren mühsam und zeitaufwendig Lochstreifen für den Telex in die Maschine zu hacken. Wo nur ist diese Zeit geblieben? Ganz einfach: produktiver sind wir Journalisten geworden.
Fürs Radio genügte damals noch eine einfache Telefon-Linie, und wenn es mal knackte in Leitung was selten vorkam wurde das hingenommen und erhöhte womöglich gar die Authentizität. Schliesslich ist Peking ja gut zehntausend Kilometer entfernt. Heute sendet Radio DRS dank ISDN und Computer auch aus Asien in heimischer Studio-Qualität.
Leichter geworden ist das Reisen. Visa sind selbst für die überall immer etwas verdächtigen Journalisten leichter zu beschaffen, und Flugzeug-, Bahn- oder Busverbindungen gibt es auch in entlegenere Regionen genügend. Vor allem aber ist das Recherchieren und die Informations-Beschaffung einfacher geworden. Wegen des Internets und den dank der Mobiltechnologie explodierenden Telekomverbindungen.
In China oder Vietnam haben selbst die offiziellen Nachrichtenagenturen und Parteizeitungen unterdessen einen professionellen, meist mehrsprachigen Auftritt im Netz (chinesisch: Inte-Wang). Und die sind im Unterschied zu einigen Schweizer Zeitungen erst noch gratis.
In den je nach Land mehr oder weniger freien Medien von Japan über Südkorea und Taiwan bis hin zu Singapur, Indonesien und Malaysia ist der Zugang zu Fakten noch leichter. Allerdings gibt es auch das selbstisolierte Nordkorea, das sogar regelmässigen Besuchern ein Rätsel bleibt.
Dann hat sich aber auch wegen der Professionalisierung der Propaganda manches verbessert. Die Propaganda-Büros heissen heute Informations-Büros oder schlicht Pressestellen und leisten den Umständen entsprechend gute (PR-)Arbeit, obwohl zum Beispiel die allmächtigen Kommunistische Parteien in China und Vietnam unmissverständlich auf ihrem leninistischen Informationsmonopol bestehen. Nun gut, in der Schweiz und zumal in Bundes-Bern sind die Kommunikationsstellen der Behörden schliesslich auch um ein vielfaches multipliziert worden. Sogar im Aussenministerium EDA. Davon allerdings ist in Peking wenig zu spüren. Im Gegenteil. Das offiziell vom EDA bzw. der Botschaft Verlautbarte kann eher als Informationsbehinderung bezeichnet werden.
In Sachen Informationstechnologie sind wohl Japan, Südkorea und Singapur der Schweiz eine Nasenlänge voraus. Aber auch China holt in rasantem Tempo auf. Jedenfalls was die Zahlen betrifft, ist das Reich der Mitte auch bei IT Weltklasse. Derzeit gibt es rund 100 Millionen Internet-Surfer, 310 Millionen Handy-Benutzer und rund 300 Millionen Anschlüsse am Telefon-Festnetz. Tendenz steigend. Berechnet freilich pro Kopf der Bevölkerung ist die Schweiz China noch um einiges voraus.
Wo das alles hinführen wird, ist in China und Asien aber auch in der Schweiz alles andere als klar. Dass Technologie auch historisch prägend wirkt, ist mittlerweile eine Binsenwahrheit. Aber auch politisch sind die Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Der Studentenprotest auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 beispielshalber wäre wohl anders verlaufen, wenn damals schon Handys und Internet allgemein verbreitet gewesen wären.
Heute ist nur so viel gewiss: Die Veränderungen in den kommenden zehn Jahren werden noch grösser sein als in den vergangenen zehn Jahren. Ein kleines Beispiel: Erst zehn Jahre ist es her, seit ich von Amerika zurück nach Asien ging. Und damals wunderte ich mich, dass ungleich Amerika oder Hongkong e-Mail in der Schweiz noch wenig verbreitet war.
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Hans Dampf im Schnooggeloch
Hansjörg Schneider hat mich um den Schlaf gebracht. Präziser: Es war natürlich Hunkeler, Kommissär bei der Basler Kriminalpolizei. Es ist nämlich so: Der neue "Hunkeler", diesmal "Hunkeler macht Sachen", umfasst 302 Seiten. Ich portioniere voller Vor-Leserfreude in kleine Häppchen von 50 Seiten bereit für die Lektüre vor dem Einschlafen. Als Bett-Mümpfeli, sozusagen. Doch schon beim ersten Häppchen ist es geschehen. Um drei Uhr morgens wache ich auf, die Leserbrille auf der Nase und das Hunkeler-Buch schlaff in beiden Händen auf Seite 149. Am nächsten Abend schaffe ich es bis zum Schluss. Es war drei Uhr fünfundvierzig.
Nun kann man sich natürlich fragen, ob Peter Achten in Beijing nichts Gescheiteres zu tun hat, als sich mit Hunkeler die Nächte um die Ohren zu schlagen. Schön jedenfalls wär's, nach Mitternacht mit Hunkeler im Milchhüsli einen Zweier - es darf au e bitzeli mehr sii - zu ziehen. Die kurze Antwort aber heisst: Bei und mit Hunkeler fühle ich mich zu Hause, ich kenne jede Ecke von der Mittleren Strasse bis zum Allschwiler Weiher. Zudem bin ich wieder einmal Fringeli und Federspiel begegnet, sowie den beiden Werbern, die immer am gleichen Tisch in der Kunsthalle sitzen. Und Rainer Brambach, dem ich als Halbwüchsiger eines Herbstes im Garten meines Vaters als Gärtner begegnet bin, und der mir bei heissem Tee-Rhum zu meinem Erstaunen Gedichte vortrug.
Freilich, wenn ich in der Schweiz oder sonst wo in Europa bin, lese ich nicht Hunkeler, sondern habe, politisch völlig inkorrekt, ein wenig Heimweh nach Amerika und lese dann Margaret Trumans oder Elliot Roosevelts Krimis. Der Hunkeler heisst dort Detective Rick Klayman und Rechtsprofessor Mac Smith mit seiner Frau Annabel oder Polizeileutnant Ed Kenelly. Ähnlich wie Hunkeler führen sie durch das Washington, das ich - seit ich Jahre in Georgetown gewohnt habe - so liebe. Und ähnlich Schneider flechten die Präsidentenkinder Margaret und Elliot in ihre spannenden Romane auch sozialen und kulturellen Hintergrund mit ein.
In Amerika jedoch, da denke ich gerne an Kommissar Wang, der am Zentralen Chinesischen Fernsehen allabendlich für Ruhe und Ordnung in Peking sorgt. Oder Kommissär Guang Endao, der in dem von meinem Journalisten-Kollegen Eric Meyer geschriebenen Krimi Les Fils du Dragon Vert in meinem ehemaligen Wohnort Hong Kong zum Rechten sieht. Wang und Guang Endao sind in ihrer Gebrochenheit und Aufmüpfigkeit meine chinesischen Hunkelers, sozusagen.
Wenn ich aber Heimweh nach dem liebsten Wohnort meines Lebens habe, Hanoi nämlich, bin ich ratlos. Kein Hunkeler weit und breit. Nun geht ja Hunkeler auf Seite 302 im neuen Krimi in einen dreimonatigen Sabbatical. Da könnte er doch ferienhalber zum Ausspannen nach Vietnam fahren. Und - oh Zufall - in Hanoi wird eine Touristin auf geheimnisvolle Art umgebracht. Und der Zufall will weiter, dass sie nicht nur aus der Schweiz sondern auch noch aus Basel stammt. Erraten: Hunkeler muss aktiv werden. Zusammen zum Beispiel mit Polizeikorporal Nguyen Binh.
Andrerseits: Wo immer ich bin, zieht es mich in eine andere Stadt, ein anderes Land. Das Heimweh ist diffus. Hans Dampf im Schooggeloch eben. Aber zumindest geben Hunkeler, Wang, Guang Endao, Ed Kenelly, Mac und Annabel Smith, Rick Klayman einen gewissen Halt.
Nur Nguyen Binh fehlt noch. Hab ich jetzt Hansjörg Schneider um den Schlaf gebracht?
Hansjörg Schneider: Hunkeler macht Sachen
Eric Meyer: Les Fils du Dragon Vert
Margaret Truman: Murder at Union Station, Murder In Foggy Bottom, Murder at the Library of Congress, Murder at the Watergate, Murder on the Potomac, Murder at the National Gallery, Murder at the Pentagon, Murder at the Kennedy Center, "Murder in Georgetown", "Murder in the CIA", "Murder at the FBI", "Murder on the Capitol Hill", "Murder in the White House" etc.
Elliot Roosevelt: The Presidents Man, "New Deal for Death", "Murder in the Lincoln Bedroom", "Murder in Georgetown", "Murder in the East Room", "Murder in the Westwing", "Murder in the Red Room", "Murder in the Blue Room", "Murder in the Oval Office" etc.
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"Eissii Marroni! Ganz eiss!!"
Der Sommer in Nordchina geht schnurstracks in den Winter über. Vier bis maximal sechs Wochen dauert der Herbst. Ende November sind die Seen der Stadt zugefroren, bereit zum Schlittschuhlaufen. Mitte Oktober aber ist es tagsüber noch gut und gerne 23 oder 24 Grad warm. Die Luft jedoch, die hat sich verändert, irgendwie. Die Chinesen haben bereits unter den Sommerhosen die Long Johns an. Die Blätter sind gelb-rötlich, die Tage sind merklich kürzer. Doch das untrüglichste Zeichen des herannahenden Winters sind die Süsskartoffel-Verkäufer, die fast über Nacht überall in der Stadt aufgetaucht sind. Sie stammen aus andern Provinzen, denn im reformorientierten China mit den nach westlichem Fastfood süchtigen Städtern und Städterinnen steht der Verkauf von ganz gewöhnlichen Süsskartoffeln - iggitt! - unter der Würde eines Pekingers.
Der kleine Liu aus der Provinz Hunan ist trotzdem rundum zufrieden. Er macht nach eigenen Aussagen keine schlechten Geschäfte, denn er weiss, dass "die verwöhnten Städter trotz all der Modernität die Tradition lieben". Und Tradition und das längst vergangene einfache Leben mit den heissen Süsskartoffeln repräsentiert der kleine Liu perfekt. Seine heisse Ware führt er auf einem gar wundersam konstruierten Gefährt in der Stadt herum. Es ist ein Velo der Marke Phoenix, daran montiert ein Seitenwagen bestehend aus einem alten Ölfass und einem Rad. Unten im Ölfass die Glut, oben auf dem Rost die Süsskartoffeln. Die länglichen, rötlichen Bodenfrüchte duften und schmecken köstlich. Und billig sind sie auch.
Es ist das einzige Mal im Jahr, da ich in Asien fast so etwas wie Heimweh verspüre. Der kleine Liu nämlich ruft die Marroni-Männli meiner Jugend zurück in meinen Kopf und meine Seele. Mit einem fröhlichen "Eissii Marronni!!" priesen sie ihre Ware an, und sie waren ja schliesslich - ähnlich wie der kleine Liu, Wang, Zhen und wie sie alle heissen - auch keine Einheimischen, sondern kamen aus fernen Provinzen Italiens. Der Duft der nordchinesischen Süsskartoffeln erinnert mich also an "Marroni, ganz eiss!!!", den Herbschtmärt, vor allem aber auch an den Petersplatz mit Mässmögge, Magebrot und Häfelimärt.
Ob es das alles noch gibt? Ich weiss es nicht, denn mein letzter Besuch datiert über dreissig Jahre zurück. Aber der süsse Duft der Pekinger Kartoffeln und der kleine Liu bringen wenigstens die Erinnerungen zurück. Mit andern Worten: Es herbschtelet ...
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Die Gemütslage muss sich ändern
Dass der Markt alles richte, ist ebenso Ideologie wie der Kontrapunkt der sozialistischen Planwirtschaft. Das Thema freilich ist hochkomplex, deshalb hier nur soviel und holzschnittartig formuliert: Rahmenbedingungen erlauben den Beteiligten, auf einem - Neu-Deutsch ausgedrückt - Level Playingfield zu operieren. d.h. mit ungefähr gleich langen Spiessen auf dem Markt zu messen. Dies gilt pars pro toto auf dem heimischen wie auf dem globalen Markt. China mit der "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung", Hong Kong oder Singapur mit der weltweit wohl liberalsten Marktwirtschaft oder die regulierte Schweiz ticken alle nach diesem, auch von internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen flankierten Muster.
Das funktioniert mehr oder weniger gut. In den letzten dreissig Jahren jedenfalls wurde, allen Unkenrufen der Globalisierungsgegner zum Trotz, weltweit der Wohlstand gemehrt, und der Anteil der absolut Armen ist gesunken. Natürlich bleibt noch viel zu tun. Das aber ist vor allem Aufgabe der Politiker.
Und somit wären wir beim Thema. Wie kommt es, frage ich mich aus meiner asiatischen Perspektive, dass ich die Schweiz betrachtend und reflektierend praktisch nur noch Negatives mitbekomme. Das, was in Zeitschriften, Tageszeitungen und auf Websites zu lesen ist, könnte einem tatsächlich das Fürchten lehren. Pechschwarz, pessimistisch, dunkel, griesgrämig - so springt das einen an. Schweizer Besucher in Peking schwärmen dann vom ungebrochenen Optimismus in Asien.
Neulich malte ein erfolgreicher Schweizer Unternehmer beim genüsslichen Verzehr einer delikaten Peking Ente ein geradezu apokalyptisches Bild der Schweizer Zustände und Politik. Nichts gehe mehr, das Parlament sei zögerlich, unentschlossen und ineffizient, dem Bundesrat mangele es an "Leadership", die Wirtschaft werde von einer wuchernden Bürokratie und Vorschriften gegängelt, kurz, das beste sei wohl auszuwandern. Beim x-ten Bier versuche ich vorsichtig Trost zu spenden: "Auch in China oder sonst wo in Asien wachsen die Bäume nicht in den Himmel".
Das ist natürlich ein schwacher Trost, doch sicher genügend für das grosse Schweizer Wehklagen. Denn es ist, das muss auch einmal gesagt sein, ein Ächzen und Stöhnen auf hohem Niveau. Natürlich hat die Schweizer Gemütslage komplexe Ursachen. Gerade deshalb ist es umso erstaunlicher, wie Schweizer von kleinen und grossen Unternehmen in Asien mit harter Arbeit und einer gesunden Dosis Optimismus geradewegs unschweizerisch den Erfolg suchen.
"Hier in China", sagte mir neulich ein Schweizer, der für ein KMU aus der Ostschweiz in China eine Fabrik aufbaut, "ist jederzeit alles möglich". Ob ihm denn das keine Angst mache? "Keineswegs", kommt die eher unhelvetische Antwort, "denn hier wird man jeden Tag herausgefordert; das ist hart, macht aber auch Spass". Genau das ist wohl der Punkt.
Vergleicht man etwa chinesische oder vietnamesische mit Schweizer Studenten, fällt sofort auf, dass es hier in Asien ungleich viel schwieriger ist, an eine Uni zu kommen als in Helvetien. Die jungen Chinesinnen und Vietnamesen arbeiten deshalb aber nicht nur viel härter, sondern auch mit mehr Enthusiasmus. Das setzt sich im Arbeitsleben fort. Flexibilität ist ein weiteres, weit verbreitetes Merkmal. Das betrifft sowohl den Kopf, als auch die Mobilität bei der Wahl und dem Wechsel des Arbeitsplatzes (für jene die hier "Halt!" schreien und auf die "hohe" Arbeitslosigkeit in der Schweiz und den Verlust von Schweizer Arbeitsplätzen an China, Vietnam etc. hinweisen, sei hier ins Stammbuch geschrieben: Die Arbeitslosenrate in der Schweiz beträgt 3,7 Prozent, in Chinas Städten sind zwischen 10 und 20 Prozent ohne Arbeit). Dazu kommt die optimistische Grundstimmung, die viel mit der neueren Geschichte zu tun hat.
Gerade die neuere Geschichte aber - Bruch nach dem Ende des Kalten Krieges und Globalisierung der Weltwirtschaft - haben die Schweizer wohl noch nicht bewältigt. Das spielt sich in den Köpfen ab. Und das braucht offensichtlich Zeit. Wenn die nackten Fakten aber zu Rate gezogen werden, kann sich die Schweiz wohl sehen lassen. Das fällt mir bei meinen seltenen Schweizer Besuchen auf. Und auch ausländische Freunde sind begeistert von der Schweiz und können das allgemeine Jammern partout nicht verstehen. Ein Chinese schwärmte neulich auf einem Empfang in Peking von der Schweizer Qualität, den Uhren, der Schoggi, den schönen Bergen, der sauberen Luft. Und waseliwas sagte darauf ein Schweizer Botschaftsangestellter griesgrämig in die Runde? Richtig: "Das ist doch alles Cliché".
Ja Herrgott noch mal! Ein positives Cliché, was ist denn daran so schlecht? Schliesslich entspricht es nicht nur dem, was Ausländer in der Schweiz manchmal wahrnehmen, sondern nützt auch der Wirtschaft und vielen weltoffenen, kreativen und flexiblen Auslandschweizern. Was braucht es noch mehr? In der Schweiz muss sich die Gemütslage ändern. Endlich.
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"Chewing Gum, please!"
Asien, so geht nicht selten die Legende, ist ein Kontinent der Harmonie. Gurus verschiedenster Provenienz haben deshalb im Westen eine grosse, treue Anhängerschaft. Die Realität sieht freilich anders aus. Wie in andern Kontinenten sind die Konflikte in Asien nicht minder grausam, von Hass, Menschenverachtung und Rassismus erfüllt.
Hindus und Moslems auf dem indischen Subkontinent zum Beispiel sind sich spinnefeind. Gründe für ein Massaker sind schnell zur Hand. Aber auch anderswo in Asien ist es nicht viel besser. Die Vietnamesen hassen die Chinesen und weisen immer wieder auf die tausendjährige Besetzung hin. Nur, das liegt schon über tausend Jahre zurück. Die Kambodschaner können die Vietnamesen nicht ausstehen, und die Japaner sehen mit Hochmut auf die Koreaner herab. In ganz Südostasien wiederum werden die Chinesen und etwas weniger die Inder mit Argwohn betrachtet, denn sie tätigen die besten, lukrativsten Geschäfte. Kurz, in diesen und andern Fällen sind deshalb Sündenböcke schnell gefunden.
Warum diese Verachtung, die schnell in blinden, tödlichen Hass umschlagen kann? Es gibt viele Gründe. Historische, soziale, ethnische. Und es gibt und gab auch verschiedene Lösungsansätze. Freilich, wie mir scheint und auch die Aktualität immer wieder zeigt, ohne grossen Erfolg. Der europäische Ansatz der kritischen Vernunft hat nicht viel bewirkt. Nicht einmal in Europa, wie die Geschichte der letzten hundert Jahre demonstriert.
Aus meiner Froschperspektive bleibt auf der Suche nach einer möglichen Lösung nur der etwas altmodische Rat, dass tatsächlich in der Familie anfängt, was später in der weiteren Gemeinschaft Früchte tragen soll. Warum ich äusserst empfindlich gegen Ungerechtigkeit, Menschenverachtung und Rassismus geworden bin, kann ich mir rückblickend durchaus erklären.
Alles fing an auf dem Basler Märtplatz an einem heissen Sommertag kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit einem Schulfreund gingen wir neugierig über den Platz und sahen plötzlich zwei GIs, amerikanische Soldaten, die damals vom besetzten Deutschland aus kurze Erholungsferien in der vom Krieg verschonten Schweiz machen konnten. Es waren schwarze Soldaten, die wir damals schlicht "Näger" nannten. Wir sprachen die beiden an und fragten im damals allen Knirpsen durchaus geläufigen Frühenglisch: "Chewing Gum, please!" und - für den Vater - "Camel, please!". Mit einem breiten Lachen bekamen wir das Gewünschte und noch einige Caramel-Däfeli dazu. Mit einem "Thank you!" sowie einem festen Händedruck verabschiedeten wir uns. Wir rannten schnurstracks um die nächste Ecke, sahen unsere Hände an und waren erstaunt, dass sie nicht schwarz waren.
Als ich die Geschichte am Abend meinem Vater erzählte, erläuterte er geduldig mit vielen, mir als Kind verständlichen Beispielen, was Respekt vor andern Menschen ist.
In der Primarschule war es dann meine Lehrerin Frau Degen, die auf eine ganz einfache Art uns Schülern beigebracht hat, wie verschiedene Gruppen miteinander umgehen sollten. Wir hatten jüdische Mitschüler, die wir heiss beneideten, da sie am Samstag nicht zur Schule kommen mussten. Frau Degen führte uns zur Synagoge, die gleich um die Ecke war. Dabei passierten wir auch den Kosher-Metzger. Bei der Synagoge-Führung wurde uns alles erklärt. Wir besuchten auch die katholische Marienkirche und die protestantische Pauluskirche, beide nicht weit von der Synagoge entfernt. So ergab sich für uns alle ganz natürlich aus dem Alltag heraus ein Respekt für das anders geartete.
In der Grenadier-Rekrutenschule in Losone dann das wohl prägenste Erlebnis. Beim ersten Ausrücken ins Feld verteilte der Küchenchef Proviant. Zwieback, Schokolade und dergleichen. Er sagte aber auch: "Für jeden Tag eine Büchse 'gestampfter Jud'". Ich traute meinen Ohren nicht, fragte nach und hörte noch einmal das Gleiche. Ich forderte eine Entschuldigung. Der Küchenchef sagte nur: "Sei nicht so diffizil und pingelig". Danach reklamierte ich beim Zugführer. Er sagte: "Sei doch vernünftig, so sagt man hier eben". Später eine Reklamation beim Kompaniechef. Er sagte: "Seien sie doch nicht so zimperlich". Schliesslich reklamierte ich beim Schulkommandanten. Der Herr Oberst sagte schneidig: "Jetzt hören sie aber auf. Renitenz wird hier nicht geduldet!".
Selbst Jahre später im WK wurde derselbe Ausdruck verwendet. Ich reklamierte nicht beim Zugführer, nicht beim Kompaniechef sondern beim Feldprediger. Er, in meinen Augen eigentlich die moralische Instanz, sagte: "Nehmen Sie das nicht so à la lettre." Ja wie denn sonst?
Die grosse Frage bleibt: Wie kann Respekt, Achtung und etwas Zivilcourage der nächsten Generation weitergegeben werden? Denn nicht jeder hat die Chance, die ich in so grossem Masse hatte. Und: Hätte ich unter ernsteren Umständen auch so reagiert wie im Militär oder wäre ich ein stummer Mitläufer geblieben? Die Massaker in Kambodscha, Ex-Jugoslawien oder Rwanda/Burundi und der Geisel-Terror lassen mich zweifeln.
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Prosit! Ganbei!!
In China rauchten im Januar 2002 dreihundertfünfzig Millionen Menschen. Wie bei vielen Zahlen in China natürlich ein Weltrekord. Seit Februar 2002 sind es statistisch gesehen nur noch 349'999999 Raucher und Raucherinnen. Damals nämlich bin ich abgesprungen und habe nach einer jahrzehntelangen Karriere als Süchtling dem Glimmstengel ein für allemal abgeschworen. Mir ist jetzt deutlich wohler, wenngleich der Duft einer Zigarette mich noch heute träumen lässt. Dass dieser heroische Verzicht mein bescheidener Beitrag zur Hebung der chinesischen Volksgesundheit gewesen sei, will ich nicht behaupten.
Denn China bekämpft das Rauchlaster seit bald zwei Jahrzehnten. In China freilich wird Nikotin-Abhängigkeit nicht mit jener penetranten Unduldsamkeit bekämpft, mit der das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unter der Führung von Direktor Thomas Zeltner die Nikotin-Sucht in der Schweiz zum Verschwinden bringen will. Exorbitante Preise für Zigaretten, Werbeverbote, grossflächige Abschreckung auf Zigaretten-Päckli mit Horrorbildern und dem Aufdruck "Rauchen ist tödlich" helfen sicher nicht weiter. Von wem das BAG beraten ist, bleibt ein Rätsel.
Meine Raucherkarriere begann - leider, wie ich heute zugeben muss - im zarten Alter von 17 Jahren. Aber es war beileibe nicht die Werbung, noch der Preis (damals 60 Rappen für die filterlosen, herrlichen blauen "Gauloises"), noch das Sportfernsehen, das es damals gar noch nicht gab. Nein, es waren die Kollegen in der Schule. Wer dazu gehören wollte, der rauchte. Basta. So einfach war das. Ohne Werbung. Ohne nichts. Und dass Rauchen ungesund ist, wussten wir schon damals ohne jeden Aufdruck auf dem Päckli. Nun ist wohl BAG-Direktor Zeltner jünger als ich, und vermutlich hat er teure, mit Steuergeldern finanzierte "wissenschaftliche" Untersuchungen in Auftrag gegeben, um seine Sicht der Dinge in offizielle Politik umzuwandeln. Aber es wäre auch einfacher gegangen.
Natürlich ist es zu begrüssen, wenn es weniger Nikotin-Süchtlinge gäbe. Natürlich ist auch mir aufgefallen, wie viel in der Schweiz geraucht wird. Und natürlich sind die Kosten für das Gesundheitswesen enorm hoch. Nur eben, im Land der fröhlichen Winzer wird die andere grosse Sucht fast so gut wie ausgeblendet. Denn nicht wahr, ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren, wie der populäre, verharmlosende Spruch glauben machen will. Die Flaschen-Droge freilich verursacht ähnlich viele Todesopfer wie das Rauchen, senkt die Lebenserwartung erheblich und kostet das Gesundheitswesen enorme Summen.
In China wird weniger getrunken, vermutlich aber deutlich mehr geraucht als in der Schweiz. Die Anti-Raucher-Kampagne nahm vor fast zwei Jahrzehnten mit einer Sensation ihren spektakulären Anfang. Der grosse Reformer und Revolutionär Deng Xiaoping wurde auf der ersten Seite des Sprachrohrs der Kommunistischen Partei, der Volkszeitung, des starken Rauchens wegen kritisiert. Er habe aber jetzt, so hiess es, auf Anraten seiner Frau das Rauchen aufgegeben. Immerhin zählte damals Deng schon weit über 80 Jahre. Neben dem Artikel war ein Photo abgedruckt mit Deng locker auf einem Sofa hingestreckt und mit Gusto tief und genüsslich an einer Zigarette - Marke "Panda" - ziehend.
Seither nahm die Antiraucher-Kampagne im Reich der Mitte kein Ende. In Peking sind mittlerweile 132 Strassen - darunter Wangfuqing, das Pendant zur Zürcher Bahnhofstrasse oder Basler Freien Strasse sozusagen - zur rauchfreien Zone erklärt worden. In den Städten wird jetzt gewiss weniger geraucht, ganz ohne Hilfe eines moralischen Zeigefingers wie in der Schweiz. Chinas Bauern freilich paffen wie eh und je.
Nun ist natürlich unwahrscheinlich, dass in der Schweiz ein ähnlich prominentes politisches Aushängeschild gefunden werden könnte wie Deng. Blocher? Couchepin? Calmy-Rey? Schmid? Leuenberger? Deiss? Oder gar Merz? Noch auf keinem Bild habe ich einen unserer Bundesräte oder die Bundesrätin mit Rauchzeug ertappt. Aber mit einem Glas in der Hand, das wohl. Und es war gewiss kein Glas voller Wasser.
Wie gesagt, ein Gläschen in Ehren. Dennoch könnte das BAG vielleicht von China lernen, falls denn je nach der jetzt laufenden Anti-Raucher-Kampagne gegen die starke Winzer-Bier-Gebrannte-Wasser-Lobby je eine Anti-Alkohol-Kampagne losgetreten werden sollte. Was gäbe das für einen schönen Photo-Aufhänger: Blocher und Calmy-Rey an einem Winzerfest sich fröhlich mit einem Glas Wasser zuprostend. Prosit! Ganbei!!
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> ECHO
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"Meine Mitarbeiter und ich lernen Chinesisch"
Wie gewohnt, eine hervorragende Kolumne von Peter Achten. Ein Satz bringt die Sache auf den Punkt: " ... mit jener penetranten Unduldsamkeit ..., mit der das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unter der Führung von Direktor Thomas Zeltner die Nikotin-Sucht in der Schweiz zum Verschwinden bringen will." Die Vehemenz und die Konstanz, mit der das BAG, die SBB, die öffentlichen Verwaltungen usw. dem Rauch den Kampf ansagen, hat System. Damit soll offensichtlich von den Unzulänglichkeiten der Schweizer Drogenpolitik abgelenkt werden. Es wäre zu begrüssen, wenn Gesundheitsapostel Zeltner mit dem gleichen Eifer die Drogensucht bekämpfen, die abstinenzorientierten Therapien fördern und den Basler "Drogenexperten" Conti, Meyer, Dubler, Meury und Co. entsprechend tüchtig auf die Finger klopfen würde. Darauf können wir jedoch noch lange vergeblich warten. Wer will sich schon dem Zorn der Heerscharen von Betreuern, Sozial-, Gassen- und sonstigen "Arbeitern" aussetzen, welche dank den Drogen-Abhängigen krisensichere Jobs bei fürstlichen Gehältern haben, diese mit aller Macht verteidigen und absolut kein Interesse haben, der Abstinenz das Wort zu reden.
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Südanflug
Der Pekinger Verwaltungsbezirk Shunyi ist etwa das, was für Zürich Schwamendingen und für Basel Allschwil/Binningen ist. Um es gleich am Anfang klipp und klar zu machen: Es ist der Süden des Flughafens.
Wenn immer ich in die Schweiz zurückkehre, versuche ich eine Viertelstunde vor der Landung herauszufinden, wo sich denn das Flugzeug gerade befindet. Meist fliegen wir natürlich von Norden an. Süddeutschland. Das war früher mit "Swiss" so, und seit "Swiss" Peking nicht mehr bedient, ist es jetzt mit den Österreichern so. Ich mache den Rhein aus, und je näher dem Unique Airport, der jetzt - so scheint es - wieder ganz normal Flughafen Kloten heissen soll, umso mehr Häuser sind auszumachen. Nur selten, leider, gibts auch einen Südanflug. Der nämlich ist spektakulär, echt, mit herrlichem Blick auf Downtown Zürich. Dieser ästhetische Vorteil wäre doch ein schlagendes Argument fürs "Swiss"-Marketing und überdies ein valabler Joker in der ganzen unseligen Südanflug-Debatte. Mal so was richtig Positives.
Das aber darf man wohl in der Schweiz - oder sagen wir mal zumindest in der lokal weltberühmten City am Zürichsee - nicht laut sagen. Denn "die da oben" werden beim Südanflug um den Schlaf gebracht. Und dazu um Geld, wie behauptet wird, in Form sinkender Immobilien-Preisen. Die höheren Stände an den Hügeln aber werden gleichzeitig nicht müde zu betonen, das die Schweiz nur mit internationalen "Swiss"-Direktflügen noch wettbewerbsfähig bleiben könne, und nicht wenige von "dort oben" betrachten New York (auf Züridütsch sprich: "Nu JJJaaark") quasi schon fast als Vorstadt.
Für die reale Vorstadt Schwamendingen und einige andere Vororte spielt - vom Hügel aus gesehen - der Südanflug eh keine Rolle. Die da unten haben eben keine so gute Lobby wie jene am Hügel oben.
Auch der Pekinger Vorort Shunyi liegt ähnlich wie Schwamendingen direkt am Südanflug. Der kleine Unterschied: In Shunyi wohnen die Schönen und Reichen, sowohl Ausländer wie Chinesen. Die Luft dort ist nämlich besser als im Stadtzentrum. Dafür eben der Südanflug.
Wenn am Wochenende am schönsten Swimming Pool der 14-Millionen-Metropole Peking im "Sino-Swiss-Hotel" sich die Erholungsbedürftigen an der Sonne räkeln und die Kinder im Wasser plantschen, donnert alle paar Minuten ein Jet mit ohrenbetäubendem Lärm über die Köpfe. Jene, die das stört, ergeben sich dem unvermeidlichen Schicksal. Die andern sind, zumal viele der Betuchten in Luxus-Siedlungen des amerikanischen Typs Pleasantville wohnen, realistisch. Die Regierung hat entschieden. Basta. So hart sind in der chinesischen Hauptstadt die Bräuche. Man stelle sich das in der Schweiz vor: Ein Moritz Leuenberger wäre seines Lebens nicht mehr sicher.
Nun ist Fluglärm gewiss kein Honiglecken. Hong Kong weiss ein Lied davon zu singen. Beim alten Flughafen Kai Thak donnerten die Passagier-Jets nur wenig über die Wohn-Hochhäuser hinweg. Interessant ist, dass auch dort nur das Volk wohnte. Die andern - ich gestehe es, auch ich - wohnten auf der Insel und hörten nichts. Im übrigen war es ein West-Anflug... Jetzt hat Hong Kong das Problem behoben mit dem Flughafen Check Lap Kok - und der ist nun wirklich unique - weit abseits bewohnter Gebiete. Abseits, das war auch so an meinen früheren Wohnorten Hanoi, Washington D.C. oder Madrid.
Mein allererster Wohnort freilich, im Neubad am Dorenbach auf Binninger Seite, lag ziemlich nahe am Flugplatz. Wenn ich an jene Zeit und an mein schönes Elternhaus zurück denke, tauchen vor allem Geräusche auf. Zum einen am Samstag- und manchmal auch am Sonntagmorgen das schon fast liebliche, Freizeit kündende Geknatter vom nahen Schiessstand am Allschwilerweiher. Zum andern dann die Flugzeuge, damals in den frühen fünfziger Jahren noch die zwei- und viermotorigen Ungeheuer. Sie flogen tief und machten einen Riesenlärm. Im Innern des Hauses klirrten die Gläser. Doch mein Papa sagte mit glänzenden Augen auf die Ungetüme am Himmel weisend: "Das ist die Zukunft, mein Sohn!". Und recht hatte er wie meistens.
Aber das sind längst vergangene Zeiten. Und im übrigen lässt sich das damals Gesagte nicht mit dem heutigen notorischen Südanflug vergleichen. Schon darum nicht, weil es sich damals am Dorebächli beim Neubad - wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschen - um einen Südabflug gehandelt hat.
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Grosse Mauer - Grosser Stau
Den grossen Stau am Gotthard kenne ich nur vom Hörensagen, d.h. via Verkehrsmeldungen von Radio DRS. Acht Kilometer, sieben Kilometer, und einmal sogar 13 Kilometer Stau meldete das Radio, während ich kürzlich in der Schweiz in den Ferien war. Ins Tessin mit dem Auto, das war eh ausser Frage. Schliesslich ist meine Generation mit dem Slogan aufgewachsen: "Der Kluge reist im Zuge".
Zurück in China freilich sind solche Slogans ausgeblendet. Jedenfalls fragten mich zwei liebe Schweizer Freunde - ein Basler Photo-Journalist und ein Berner Radio-Dokumentar-Journalist - ob wir denn nicht am Sonntag auf die Grosse Mauer fahren könnten. Ich war sehr skeptisch. Denn schon vor zwei Jahrzehnten war an Wochenenden die Mauer von Zuschauern überflutet. Und damals fuhr man von Beijing auf kleinen Dreckstrassen noch gute fünf und mehr Stunden bis zur Mauer. Doch heute führt eine mehrspurige Autobahn - um einiges breiter als die A1 in der Schweiz - zum siebten Weltwunder, das - so hiess es lange in der offiziellen Propaganda und in sämtlichen westlichen Reiseführern - vom Mond aus leicht erkennbar sei.
Der erste chinesische Raumfahrer hat diese Mär nun kürzlich endgültig zerstört. Nein, sagte er cool und offensichtlich mit dem Segen der allein seligmachenden Kommunistischen Partei, die Mauer sei aus dem Weltraum keineswegs auszumachen. Die amerikanischen Astronauten, die dieses Märchen in die Welt gesetzt hatten, widersprachen. Doch diesmal ist die chinesische Version wohl glaubwürdiger, denn die Legende aufrecht zu erhalten, läge wohl eher im Interesse des Zentrums der Welt, also Chinas.
Sei dem wie ihm wolle, mit den Schweizer Journalisten-Freunden ging es also los auf die Grosse Mauer in Badaling, rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt. "Peanuts", sagen die Schweizer und deutschen Expats hier in Beijing dazu im trendigen Neuhochdeutsch, knappe anderthalb Stunden auf der Autobahn. Und so war es denn auch. Nur anderthalb Stunden.
Doch wenige Kilometer vor Badaling stecken wir auf einer vierspurigen Autobahn endgültig im Stau. Ohne Air Condition bei feucht-schwülen 35 Grad im Schatten, die Abgase von total überladenen Lastwagen durch die offenen Fenster inhalierend. Im Stau verbrachten wir dann nochmals anderthalb Stunden bis zum Ziel.
Der Kluge? Na ja, der fährt in der reform-orientierten "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung" eben auch im Zuge. Und das immer mehr. Zur Grossen Mauer in Badaling führt nämlich bequem ein Zug in knapp einer Stunde vom Pekinger Bahnhof zum Ziel. Aber offenbar bin ich schon zulange in China und will vor allem meine Schweizer Freunde nicht enttäuschen. Seite an Seite mit aufgekratzten Chinesen in Benze (Mercedes-Benz), Xiaoli (Toyota), VW, Ford und dergleichen, aber auch mit Porsche, Ferrari und wie sie alle heissen, quälen wir uns die wenigen Kilometer bis zum siebten Weltwunder im Schritttempo hinauf nach Badaling, dem Pass, dem Einfallstor zur Hauptstadt auf rund 800 Meter Höhe. Warum, warum nur tun wir uns das an? Das ist sehr wahrscheinlich dieselbe Frage, die man sich an der Schweizer Grossen Mauer am Gotthard - für ältere Semester: das Réduit - stellen könnte oder sollte. Eine wirklich vernünftige Antwort darauf gibt es, wie wir alle wissen, nicht.
Und auf der Grossen Mauer in Badaling dann die Überraschung für die Schweizer Journalisten-Freunde: Zehntausende von chinesischen Touristen auf der Detail-gerecht renovierten Mauer aus der Ming-Dynastie (1368-1647), kilometerlang, so weit das Auge über die nördlichen Pekinger Berge reicht. Dieser Zuspruch ist augenfälliger Beweis, wie Chinas Wirtschaft derzeit blüht und gedeiht. Früher nämlich besuchten nur Kollektivs von staatlichen Fabriken und landwirtschaftlichen Kommune die Sehenswürdigkeit. Heute dagegen ist der Tourismus individuell, und jeder, der es sich leisten kann, besucht die Grosse Mauer. Und, wie die Schweizer Journalisten-Freunde mit glänzenden Augen feststellen, sind das viele. Sehr viele.
Der Grosse Stau an der Grossen Mauer wiederholte sich - leider - wenige Stunden später bei der Rückfahrt nach Beijing. Der erste Stau bei der Ausfahrt an der Grossen Mauer in Badaling und der zweite bei der Ankunft in Beijing. Mit Schweizer Verhältnissen ist das natürlich nichts, beziehungsweise "Peanuts" (s. oben). Dennoch, und das schleckt weder eine Schweizer Milchkuh noch ein Chinesischer Wasserbüffel weg, gültig bleibt - im klassischen Globi-Versmass formuliert - nach wie vor die folgende Devise:
"In der Schweiz
sowie in China
fährt der wirklich Kluge
ohne Frage mit dem Zuge"
(Werbespruch Copyright China......).
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Das grosse Staunen
Den herrlichen weissen Cheyere vom Neuenburgersee reichlich getrunken, die im Gerbe d'Or in Estavayer-le-Lac von Claude Maillard angerührte exquisite Fischsuppe x-mal genossen, dem von Antoine Brasey in der Auberge de la Couronne von Font delikat geschnetzelten Wurstsalat y-mal zugesprochen samt reichlich weissem Wein aus der Gegend von Font und zum Kaffee den hausgebrannten Cerise, die original St.Galler Bratwürste gegrillt von Christian und Annelies in Rorschacherberg in deren wundervollem Garten direkt am Bodensee mit Gusto einverleibt, die Cüpli am runden Geburtstag von Hans-Erich in Menziken bei schönstem Sommerwetter geschlürft, ein bäuerliches Mittagessen auf der Blüemlisalp hoch über dem Zürichsee mit Felix und Christine geschlemmt, den Bordeaux und die Cohiba direkt an den Gestaden des Genfersees bei Ueli und Feli zelebriert, die zahllosen Prosecco auf dem Terässli im Zürcher Kreis 8 bei Jan und Paula auf der Zunge perlen lassen, ein weiteres Cüpli inklusive Nachtessen im Basler Teufelhof nostalgisch eingenommen, den obligaten Gurkensalat samt Wienerschnitzel in der Zürcher Kronenhalle auf Einladung von Ueli und Ingrid genossen, noch ein Cüpli mit Irmgard im Beaux-Rivages in Lausanne in die Kehle gegossen, schliesslich die von Sergio und Madeleine zubereitete Pizza Neuchateloise im Schilf von Portalban mit verdrehten Augen gegessen. Das alles waren, um es kurz auszudrücken, meine ersten langen Schweizer Ferien seit zehn Jahren. Und Chinas Küche war weit weg.
Und gestaunt habe ich. Kaum mit dem Auto zum ersten Mal auf der Autobahn - ich gebe es ja zu: mit nur 115 Kilometer pro Stunde - haben mich bereits einige überholt. Nicht einfach überholt, sondern offenbar mit dem Schweizer Oberlehrer-Trieb gleich noch an die Stirne getippt wegen meiner Langsamkeit. Ja, es wird tatsächlich gerast, obwohl doch überall gebaut wird von Rorschach bis an den Genfersee. und zwar im Schneckentempo. Ganz im Gegensatz zu China wo ruckzuck sieben Tage die Woche rund um die Uhr Strassen in die Landschaft gesetzt werden.
Vor meiner Abreise hat ein chinesischer Bekannter, eben zurück von einer Geschäftsreise, in geradezu hymnischen Tönen von der Sauberkeit in der Schweiz geschwärmt. Sauberkeit? Auf dem Weg vom Zürcher "unique"-Flughafen nach der lokal weltberühmten Weltstadt Zurich sehe ich links und rechts Schmierereien. Und ich meine Schmierereien, nicht etwa Kunst an der Mauer. Den Nuggi hat es mir dann total rauskatapultiert, als ich an einer Kirche im Zentrum schwarz auf frisch renovierter Sandsteinmauer das neudeutsche Wort "Fuck!!" lesen konnte. Später in Bern, Genf, Basel oder Lausanne undsoweiter die selben Schmierereien.
Ich will ja nicht gerade chinesische Verhältnisse, wo ungehobelte Jugendliche gleich ins Lager "Umerziehung zur Arbeit" gesteckt werden. Aber vielleicht wäre es dennoch keine schlechte Idee, das Disziplin-Schräubchen ein ganz klein wenig anzuziehen. Aber das wäre wohl doch etwas altmodisch und gegen die Menschenrechte verstossend, oder?
Dass die Schweiz teuer ist, wusste ich. Aber so teuer? Für ein Kaffee mit Gipfeli kann ich mir bei Xiao Wang hier gleich um die Ecke in Beijing schon ein veritables Nachtessen besorgen. Der Preis, schien mir in der Schweiz, wäre ja eigentlich nicht das Entscheidende. Aber auch die Bedienung, mit wenigen Ausnahmen, war meist - um es milde auszudrücken - lauwarm. Oft fühlte ich mich gerade einmal geduldet. Und da wundert sich die Schweizer Tourismus-Industrie, dass es nicht aufwärts geht. Vielleicht hat halt Bundesrat Blocher doch recht: 1 Franken für Schweiz Tourismus genügt vollauf ...
Natürlich habe ich, déformation professionelle, auch fleissig Zeitungen gelesen und elektronische Medien konsumiert. Frappiert hat mich eigentlich nur, dass sich so wenig geändert hat. Ausser, natürlich, die im Zeitgeist weiterentwickelten Designs. Fehlen inhaltliche Ideen, wird meist ein Re-Design oder ein Re-Launch mit viel Geräusch darum herum (Propaganda heisst das in China oder Vietnam) inszeniert. Meist ist es dann - mit Ausnahme beispielsweise der "Weltwoche" - nur alter Wein in neuen Schläuchen. Aber lassen wir das.
Nur noch ein kurzes Wort zu den Inhalten. Während ich meinen weissen Cheyres genoss, lief auf allen Kanälen und in allen Zeitungen - so schien es mir jedenfalls - eine konzertierte und konzentrierte Anti-Raucher-Aktion. Mit geradezu religiösem Eifer wurde gegen die bösen Raucher losgezogen. Unduldsam. Fundamentalistisch. Ich weiss, ich weiss, Rauchen ist tödlich. Aber trotzdem. Um der Transparenz willen sei es hier gestanden: Ich bin ich seit genau zwei Jahren, sechs Monaten und 23 Tagen Nichtraucher. Nach mehreren Jahrzehnten als Raucher habe ich eines Tages aufgehört. Einfach so. Ohne Kaugummi, Medikamente, Seminar oder dergleichen.
Und trotzdem: diese Borniertheit, dieser Dogmatismus und nicht zuletzt diese Heuchelei. Muss ich jetzt auch meinem Glas Cheyeres abschwören? Alkohol ist doch noch vor dem Rauchen die Gefahr Nummer eins. Und Pommes Frites? Milch Shakes? Bratwürste? Autoabgase? Hamburger grillieren? Autofahren? Schokolade? Schläggstängel? Fallschirmspringen? Bergsteigen? Zuviel arbeiten? Zu wenig arbeiten? Schlitteln? Ski fahren? Fliegen? Sack gumpen?
Eben!
PS: Richtig, auch in China ist eine - wenn auch im Vergleich mit der Schweiz - recht undogmatische Anti-Raucher-Kampagne im Gang. Und zwar seit 1988, als der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping im zarten Alter von 84 Jahren auf Geheiss seiner Frau seine geliebten Zigaretten endgültig auf dem Abfallhaufen der Geschichte deponierte.
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Z'Mörgele
Ehrlich, ich vermisse weder St.Galler Bratwurst, Wurstsalat Spezial, Käse, Mehlsuppe, Ziibelewaie, Mässmögge, Türken-Honig, Basler Läckerli und dergleichen. Ich lebe nämlich in Asien im kulinarischen Paradies. Deshalb habe ich - als passionierter Hobby-Koch - weder auf meinen Stationen in Hong Kong, Hanoi oder Beijing je chinesisch, vietnamesisch oder asiatische kochen gelernt. Es gab und gibt überall ganz einfach in unzähligen Restaurants Spitzenköche aller Art, die Sternen-verdächtig und erst noch wohlfeil kochen. Warum also selbst zu den Koch-Stäbchen greifen.
Kommt dazu, dass ich die trendige Mode der sogenannten Fusion-Küche einen aufgelegten Unsinn finde. Jeder europäische und amerikanische Koch, der mal in Asien war, rührt dann bei seiner Rückkehr an die heimischen Kochtöpfe ein Multikulti-Menu zusammen. Das läuft dann nicht selten unter dem Kult-Label "East meets West". Und Köche, Bekochte und Kritiker sind, wie ich aus Schweizer Gazetten weiss, begeistert und haben das Gefühl, den letzten Zwick an der Geisel der modernen Esskultur geniessen zu können. Nun ja, ich will hier keine Köche oder Restaurants namentlich nennen, und über Geschmack lässt sich, wie schon die alten Lateiner wussten, nicht streiten.
Über all die Jahre im Ausland habe ich mich eigentlich immer an die lokalen kulinarischen Gegebenheiten gehalten und bin damit vortrefflich gefahren. Das gilt fürs Trinken genauso wie fürs Essen. In China beispielshalber Wein zu trinken, ist mehr oder weniger verlorene Liebesmüh. Natürlich wird Wein produziert und importiert. Aber zu einem chinesischen, thailändischen oder vietnamesischen Essen passt nun mal besser Tee oder kühles Bier.
Beim Essen in Sichuan, Chang Mai, Hanoi, Makati oder Osaka jedenfalls, da kann ich nur noch "Mhmhmm ..." sagen. Das ist natürlich weit ab von jeder gepflegten Esskritik, wie sie etwa von Edelfedern in Schweizer Medien publiziert werden. Aber "der kluge Leser und die hübsche Leserin" (dies ist eine Anleihe beim legendären Basler Gourmet Hanns U. Christen alias "-sten"), wissen sicher was ich meine.
Beim Geniessen ist also der Genius Loci das Geheimnis. Schon mein Vater versuchte als Weinkenner mich darauf einzustimmen. "Mein Sohn", pflegte er zu sagen, während er mit glänzenden Augen andächtig ein Schlückchen per Zunge und Gaumen verdegoustierte, "der Malanser ist ein hervorragender Wein, aber in Basel genossen ist er halt nicht halb so gut wie im Bündnerland". Das mag wohl sein, nur als ich solche nützliche Lebensweisheiten vermittelt bekommen habe, trug ich noch kurze Hosen und trank Süssmost. Doch die Lebenserfahrung hat mir gezeigt, dass ich im Emmental im Chemeribode-Bad doch viel besser Brot und Käse gefolgt von einer Riesen-Meringue mit viel Schlagrahm esse als Scampi auf einem Bett von Limonen-Gras und danach eine Mango-Kiwi-Mousse.
Allein, manchmal macht einem das Leben einen Streich durch die Rechnung, und gut durchdachte und liebgewonnene Gewohnheiten müssen über Bord. Beim Frühstück nämlich hört bei mir kulinarisch der Spass auf. Ja sicher, fernab der Hauptstrasse in der Provinz Sichuan bleibt einem keine Wahl. Heisse Soja-Milch, Baozi (Teigtaschen mit Gemüse oder Fleisch), im Öl gebadete Teigstangen und ähnliche Köstlichkeiten sind de rigueur. Nicht schlecht, aber eben. In Vietnam gibt es Nudeln. Die besten der Welt, wirklich. Nur für mich bereits zum Frühstück einfach zu früh.
Kaffee und Croissant, beziehungsweise Kaffi und Gipfeli, sind für mich das Alpha und Omega eines guten Frühstücks geblieben. Mulitkulti hin, Süss & Sauer her. Natürlich gibt es Kaffi und Gipfeli mittlerweile auch in der "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung". In einem der unzähligen Pekinger Starbucks sitze ich jeden Morgen, lese die (langweilige) Parteizeitung und trinke den (langweiligen) amerikanischen Kaffee mit einem (langweiligen) öl-teigigen Gebilde, das wohl nur US-Präsident Bush als Croissant bezeichnen würde. Nur eben, so wie die Gipfeli vom Beck Schmutz in der Klybeckstrasse meiner Jugend oder jene etwa beim Bachmann, Bellmond oder Gueng bei meinen spärlichen Basler Besuchen ist es eben bei weitem nicht.
Die vietnamesische Hauptstadt Hanoi freilich war für mich ein Frühstücks-Paradies. Nicht nur gab es jeden Morgen frische Baguettes und Croissants sondern auch herrlichen vietnamesischen Kaffee. Und selbst in China muss ich mich ja mit meiner Kaffi-Gipfeli-Manie heute nicht unbedingt als Sonderling vorkommen. Immerhin hat der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping (1904-1997) ähnliche Vorlieben. Deng, gebürtig aus der Provinz Sichuan, ging in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nämlich zum Studium nach Frankreich und gewöhnte sich mangels Nudeln, Baozi, ölgetränkten Teigstangen und heisser Soja-Milch notgedrungen an Kaffee und Croissant.
Wie seine Tochter Deng Lin mir kürzlich bestätigte, behielt Deng Xiaoping diese Vorliebe bis ins hohe Alter bei, also zu einer Zeit, als er die Geschicke des Milliarden-Volkes lenkte. Deng Lin kaufte die Croissants zum sonntäglichen Z'Mörgele im Dengschen Familienkreis nicht etwa bei einem Franzosen. Nein, die besten Gipfeli in Peking kreierte vor zehn, fünfzehn Jahren ein Bäcker-Patissier in einem Schweizer Hotel.
PS: Schon jetzt freue ich mich auf die Sommerferien und auf den ersten Wurstsalat Spezial in einer Schweizer Gartenbeiz und den exzellenten Weissen Cheyeres am Neuenburgersee.
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Bundessackmesserrot
Vier, fünf Tage braucht in der Regel normale Briefpost von der Schweiz nach China. Hin und wieder dauert es auch länger. Welche Post-Seite jeweils für die Verzögerung verantwortlich ist, ist schwer feststellbar und für den Konsumenten letztlich unerheblich. Das Abstimmungsmaterial jedenfalls zur letzten Volksabstimmung Sie wissen schon: Finanzpaket, AHV und dergleichen traf geschlagene zehn Tage nach dem denkwürdigen Sonntag bei mir ein. Wenngleich Abstimmungen und Wahlen geheim sind, wie ich meinen chinesischen Freunden mit Stolz jeweils die schweizerische Demokratie erläutere, sei hier doch so viel verraten: Ich habe nichts verpasst, denn mein Wille war offensichtlich auch der Wille der überwiegenden Mehrheit. Wenngleich, möchte ich noch hinzugefügt haben, eine Stimme mehr die Niederlage des Bundesrats und vor allem den Ärger von Finanzminister Merz gewiss noch vergrössert hätte. Seis drum.
Trotz Verspätung habe ich mir die Post doch noch genauer angesehen. Und einmal mehr musste ich staunen. Das Abstimmungsbüchlein, das Titelblatt in hübschem Bundessackmesserrot, besticht durch verknorztes Deutsch und Unverständlichkeit. Hätte ich nicht aus der Ferne die Debatte auf den Internetseiten der Schweizer Medien mitverfolgt, ich wäre aus dem beamteten Bürokratendeutsch nicht klug geworden.
Dennoch: Die chinesischen Bekannten waren tief beeindruckt über die Darlegung von Pro und Kontra und der - für China unerhörten Tatsache - dass das Volk die Regierung Mores lehren kann.
Kein Wunder, denn die heute etwas älteren Chinesinnen und Chinesen hatten als fanatische junge Rotgardisten auch ihre Erfahrung mit einem Büchlein. Es ist das in einer Milliarden-Auflage verbreitete Rote Büchlein, offiziell betitelt mit "Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung", im Westen bekannt als die legendäre Mao-Bibel. Zig Millionen schwenkten das rote Büchlein in der erhobenen Faust während der Grossen Proletarischen Kulturrevolution (1966-1976) und lernten, getreu chinesischer Tradition, Seite um Seite um Seite auswendig. Mit Begeisterung, muss man hinzufügen, denn um die Rote Sonne drehte sich damals alles. Mao Tse-tung wurde verehrt wie ein Halbgott. Heue hängt das Porträt Maos noch immer am Tor vor dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, also im Zentrum Chinas und des Reichs der Mitte. Vom Halbgott ist Staatengründer Mao mittlerweile zu einem der vielen Götter des buddhistisch-taoistischen Pantheons aufgestiegen. In Autos hängen zum Schutz gegen Unbill und Verkehrstaus Mao-Amulette wie bei uns zuweilen Medaillons des Hl. Christophorus.
Das Rote Büchlein wird unterdessen natürlich nicht mehr auswendig gelernt, sondern zu übersetzten Preisen an westliche Touristen verkauft. In Chinesisch, Englisch, Swahili, Französisch, Deutsch und zig andern Sprachen. Nur eine romanische Version fehlt noch in meiner Sammlung.
Vom Inhalt will eh niemand mehr etwas wissen, obwohl doch eigentlich für jede Situation ein passendes Zitätchen gefunden werden könnte. Wenn es beispielsweise um die meist ziemlich klägliche Schweizer Stimmbeteiligung geht, wäre sicher folgendes Wort vom Grossen Steuermann Mao angebracht: "Manche Leute meinen anscheinend, man braucht sich nicht mehr um die Politik, die Zukunft des Vaterlandes und die Ideale der Menschheit zu kümmern." Als moralisches Heilmittel empfiehlt er: "Seid einig, gestrafft, ernst und regsam."
An die Adresse von jenen da oben in Bern doch endlich den Volkswillen zu respektieren, eignet sich hingegen folgendes Zitat, das Mao einst als Präsident seinen Mitregierenden ins Pflichtenheft schrieb: "Es ist unsere Pflicht, dem Volk gegenüber verantwortlich zu sein. ... Wenn Fehler auftreten, müssen sie korrigiert werden - das eben heisst dem Volk verantwortlich sein."
Das hiesse also die Fehler des Finanzpakets auszubügeln. Aber wo soll denn der schwer geprüfte Bundesrat die Ideen hernehmen? Auch hier ist Mao einmal mehr hilfreich und gut: "Woher kommen die richtigen Ideen der Menschen? Fallen sie vom Himmel? Nein." Richtig, und Mao weist den einzig richtigen Weg, den später auch der grosse Reformer und Nachfolger Deng Xiaoping gegangen ist: "Die Wahrheit in den Tatsachen suchen" oder "Das einzige Kriterium der Wahrheit ist die gesellschaftliche Praxis". Mit andern Worten also raus aus dem Bundeshaus, hinein in die gesellschaftliche Wirklichkeit.
Das bundessackmesserrote Büchlein habe trotz seiner unverständlichen Sprache gewaltige Vorteile, finden meine chinesischen Bekannten. Im Gegensatz zum Roten Büchlein müsse man bei der Schweizer Version den eigenen Kopf gebrauchen, und das mache doch schliesslich die wahre Demokratie aus. Der Bundesrat würde, selbst im bescheidenen Bürokratendeutsch, nie so weit gehen, wie der Herausgeber des Roten Büchleins. Er, Marschall Lin Biao, hatte ganz am Anfang der Kulturrevolution im Dezember 1966 im Vorwort der ersten Auflage geschrieben, dass die im Roten Büchlein niedergelegten Ideen Mao Tse-tungs die Wirkung "einer geistigen Atombombe von unermesslicher Macht" haben werden.
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No Sports! Goooooool!!
"No Sports!" soll der legendäre britische Premier Winston Churchill einst Zigarren paffend und Cognac nippend gesagt haben. How true! Was er damit meinte, war wohl, dass persönliche körperliche Ertüchtigung jedem einzelnen anheim gestellt sei. Was er mit Sicherheit nicht meinte, war den Sport zu verteufeln. Schliesslich haben ja die Briten den modernen Sport sozusagen "erfunden" und zwar als nobler Zeitvertreib der Elite.
Heute ist natürlich der noble Zeitvertreib einerseits zum Hobby-Spörteln der Massen geronnen. Also etwa Volksläufe, Grümpelturniere, Vita-Parcours, Joggen, Velofahren, Volley- oder Faustball, Krafttraining im Fitnessclub, Tennis oder Golf oder alternativ eben Seilziehen und Sackgumpen. Andrerseits ist Sport heute, wie wir als vergiftete Fernsehzuschauer alle wissen, Big Business, Brot und Spiele eben.
Obwohl viele Intellektuelle und Kulturkritiker unter dem Slogan "Sport ist Mord" am modernen Sport keinen guten Faden lassen, hat mich Sport immer fasziniert. Heute als aktiver Velofahrer auf den (flachen) Strassen Pekings und als Couch Potatoe - also als Sofa-Sportler - vor dem TV-Apparat. Und immer wieder auch als Journalist. Nicht als Sportjournalist wohlverstanden, obwohl ich auch da einschlägige Erfahrungen mitbringe. In jungen Jahren als Auslandredaktor bei den "Basler Nachrichten" habe ich am Sonntag zusammen mit einem guten Kollegen die Sportseiten mit Korrespondenten-Berichten und Agentur-Material "abgefüllt". Das waren mindestens sechs Seiten und ein 14-Stunden-Tag. Es waren die glorreichen Zeiten des FCB unter Benthaus und eines Mohammed Ali im Ring ("The rumble in the jungle"). Das habe ich aber später vor Kollegen der Zunft ernsthafter Analytiker internationaler Zusammenhänge nie an die grosse Glocke gehängt, beziehungsweise erst gar nicht erwähnt oder gar - oh shame! - verschwiegen.
Wer als Journalist - zumal als Ausland-Korrespondent - den Sport vernachlässigt, verpasst nicht nur etwas. Er kann vielmehr, so wenigstens meine Überzeugung, ein Land und seine Bewohner gar nicht richtig verstehen. Wer Baseball oder American Football nicht kapiert und noch nie ein Spiel besucht hat, wird die USA nie begreifen. Mein Lieblingsklub während meiner Zeit in Amerika waren die Baltimore Orioles, und von Superstar Carl Ripken habe ich sogar einen handsignierten Baseball, um den mich meine amerikanischen Freunde bis auf den heutigen Tag heiss beneiden. Wer in Südamerika noch nie ein Fussballspiel live miterlebt hat, wird niemals in die Volksseele Brasiliens, Argentiniens oder Kolumbiens eindringen können. Der markerschütternde Schrei des Radio-Reporters bei einem Tor - "Goool, Gooool, Goooooooooooooo!!" - sagt mehr über das Land als jede gelehrte Analyse.
In Südostasien wiederum ist der Volleyball-Fussball zum Verständnis der Bewohner von grosser Hilfe. Ein Feder- oder ein Bambusball wird von je zwei Spielern pro Mannschaft nur mit Füssen über ein Volleyball-Netz geliftet, ein immens volkstümlicher Sport in Burma, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam. Doch auch in diesen Ländern ist Fussball König. Wenn in Vietnam die verspielten Fussball-Künstler fürs National-Team den Ball treten, stehen die Räder im 80-Millionen-Volk still.
Obwohl in Japan und Korea Baseball dem Fussball - Trotz WM 2002 - noch immer den Rang abläuft, ist Fussball wenigstenens in China der Publikums-Magnet. Nicht von ungefähr. Das nationale Sporttoto führt die Spiele der englischen Premier League oder der italienischen Serie A im Programm. Am nationalen Fernsehen sind alle Spiele der grossen europäischen Clubs, zum Teil sogar live, zu sehen.
So kam der grösste Augenblick für mich als Sport-Fan dann, als sich der FC Basel in der Champions League nach vorne kickte. Mein Pekinger Berufskollege Chen Weixian, mit dem ich oft Heimspiele unseres FCB (FC Beijing) besuche, lobte die delikate Technik des jüngeren Yakin.
Neulich, als Wen sich wieder nach dem FCB (schweizerischer Art) erkundigte, konnte ich ihm - obwohl keineswegs eingefleischter Berufsbasler - stolz vermelden, dass "wir" wieder Schweizer Meister seien, und zwar mit Abstand. Wen fragte danach, wie es denn dem begnadeten Ballkünstler Hakan Yakin gehe. Ich sagte, er kicke nun eine Stufe höher in der deutschen Bundesliga. Wen war tief beeindruckt. Dass Hakin in Stuttgart nicht gerade selten auf der Ersatzbank sitzt, habe ich elegant verschwiegen.
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Taxi international
Taxifahrer aller Länder vereinigt euch! So müsste weltweit der Schlachtruf der unterprivilegierten Proletarier am Steuerrad lauten. Mag der Organisationsgrad vielleicht noch etwas unterentwickelt sein, die Geschäftspraktiken sind es gewiss nicht. Schon lang nicht mehr. Das jedenfalls ist das Fazit aus langen Jahren der intensiven Taxi-Beobachtung auf verschiedenen Kontinenten.
Vor vierzig Jahren sass ich sogar selbst in verschiedenen Städten Europas als Taxifahrer hinterm Volant. Mein Studium verdiente ich damit, dass ich meist im Nachtdienst zwölf Stunden lang wildfremde Menschen herumkutschierte. Der Verdienst war bescheiden, aber ausreichend, und in den langen Wartepausen liess es sich trefflich Uni-Stoff büffeln. Seit jener Zeit hat mich die Faszination fürs Taxifahren nie mehr losgelassen.
Verallgemeinerungen sind natürlich gefährlich und nähren Vorurteile. Dennoch gibt es einige Attribute, die ein Taxifahrer zum Beispiel in Basel mit seinem Berufskollegen in Shanghai, New York, Peking, Manila, Paris oder Hong Kong gemeinsam hat.
Merkmal Nummer eins: Überall heisst Taxi chauffieren extrem lange Arbeit in einem stressenden Umfeld mit nur bescheidenem Verdienst. In vielen Städten wird nach Umsatz bezahlt, so auch während meiner Studienzeit. Doch anderswo, etwa in Peking oder Manila, vermietet die Taxi-Gesellschaft den Wagen an den Taxifahrer und kassiert obendrein noch etwas am Umsatz. In Peking sieht die Rechnung heute so aus: vier- bis fünftausend Yuan Miete pro Monat (umgerechnet rund 700 Franken). Der Taxifahrer bezahlt zusätzlich noch Benzin, Reparaturen und die unvermeidlichen Polizeibussen. Summa summarum kommt er damit auf einen monatlichen Nettoverdienst von rund 400 bis 500 Franken. Das ist nicht schlecht für die lokalen Verhältnisse, aber der Arbeitsaufwand ist enorm - mindestens sechst Tage die Woche bei zwölf Stunden täglich. Anderswo mag der Verdienst ein wenig besser sein. Dennoch: Als Grundregel gilt wohl eher die Formel "viel Arbeit für wenig Geld".
Diese Feststellung führt direkt zum Merkmal Nummer zwei: Taxifahrer tendieren dazu, so ein weitverbreitetes Vorurteil, dem Fahrgast möglich viel abzuknöpfen, indem Umwege und andere versteckte Schikanen eingebaut werden. Gewiss, das kommt vor. In Washington D.C. zum Beispiel kam ich einst um Mitternacht nach einem langen Flug an und liess mich ins Hotel fahren. Ich war erstmals in Washington und trat eine neue Korrespondentenstelle an. Tags darauf bestieg ich beim Hotel ein Taxi und fuhr ins Büro. Das dauerte 40 Minuten, und dabei ist mir nichts, aber auch gar nichts aufgefallen. Abends dann wollte ich wieder mit einem Taxi ins Hotel zurück. Ein amerikanischer Kollege fragte mich erstaunt, warum es denn partout ein Taxi sein müsse, das Hotel liege doch nur 150 Meter entfernt gleich um die Ecke. Oder: als ich vor bald 20 Jahren erstmals nach Peking kam, habe ich gleich eine der zig wartenden Taxis bestiegen und bin vom Flughafen ins Stadtzentrum gefahren. 60 stand auf dem Taximeter. Dollar ergänzte der Fahrer lächelnd. Na ja, für die 25 Kilometer geht das ja noch, dachte ich. Bald erfuhr ich dann natürlich, dass 60 Yuan (nicht ganz 10 Franken) gemeint waren.
Mit diesen beiden wahllos herausgegriffenen Beispielen soll natürlich nicht die ganze Zunft in Misskredit gebracht werden. Wie überall gibt es auch im Taxi-Gewerbe die schwarzen Schafe. Zumal, nun ja, ich selbst als studentischer Taxichauffeur vielleicht das eine oder andere Mal auch ne kleine Zusatzrunde eingeschaltet habe ...
Merkmal Nummer drei: In vielen Städten ist der Anteil an ausländischen Taxifahrern extrem hoch. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in der Schweiz in den letzten Jahren von einem Schweizer herumchauffiert worden wäre. Es waren alles sympathische Ausländer, von denen ich je nach Akzent herauszufinden suchte, woher sie denn kämen. Ähnliches lässt sich von New York sagen. Und selbst in Peking ist es nicht viel anders. Es sind zwar nicht Ausländer, aber meist aus andern Provinzen stammend.
Merkmal Nummer vier schliesslich: Taxifahrer sind sehr oft recht gute Quellen für anreisende Journalisten. Tatsächlich.
Eine Rangliste der weltweit besten Taxichauffeure aufzustellen ist schwierig. Meine persönliche Bestenliste: Für ihre Zuverlässigkeit sind die Pekinger mit Abstand die Nummer eins, jene von Manila wegen ihrer Fröhlichkeit und jene von New York wegen ihrer Unverschämtheit. Und die Basler? Nun, hier fahre ich nie Taxi sondern - ehrlich - Trämli, Trämli, Trämli und immer wieder Trämli. Denn der Preis ist fair, und improvisierte Zusatzschlaufen gibt es keine.
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Déja vu
Dass China sich in einem atemberaubenden Tempo verändert, ist mittlerweile Allgemeingut nicht nur für diejenige, die den Wirtschaftsteil einer Qualtitätszeitung lesen. Am meisten Zement, am meisten Stahl, am meisten Baumaschinen, am meisten Ziegel, am meisten Backsteine, am meisten Glas und Beton das alles wird in Rekordmengen verbraucht und verbaut. Nicht von ungefähr sind die weltweit grössten Baufirmen sowie auch einige rührige Schweizer Unternehmen auf dem chinesischen Markt präsent. Wo gebaut wird, wird natürlich auch abgebrochen. Aus Alt mach Neu, sozusagen.
Im Zentrum von Peking werden die traditionellen Hutongs (Gassen) im Rekordtempo eingeebnet, um darauf Bürohochhäusern, Luxus-Hotels, Wohnungen, Wolkenkratzer, Warenhäusern, Schnellstrassen, Supermärkte und Shopping Malls Platz zu machen. Gebaut wird 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Die traditionellen Hofhäuser, oft Jahrhunderte alt und mithin historisch wertvoll, verschwinden auf Nimmerwiedersehen.
Zugegeben, komfortabel waren die Si-he Yuans (die Viereckhäuser mit Innenhof) allenfalls früher. Nach der Gründung der Volksrepublik 1949 lebten dann statt einer bis zu vier Familien auf engstem Raum. Der Innenhof wurde überbaut. Für alle gab es einen einzigen Wasserhahn. Im Sommer waren die engen Behausungen heiss, im Winter bitterkalt. Zudem gab es praktisch keine Privatsphäre. Die Toilette war öffentlich, alle paar hundert Meter eine für alle, schmutzig und stinkend.
Natürlich haben die Hutongs auch ihren besonderen Reiz. Das soziale Leben sprudelt. Im Sommer und der dauert in Peking gut und gerne fünf bis sechs Monate sitzt alles draussen, Jung und Alt, palavert, spielt Majhong, chinesisches Schach und Karten, spielt Federball, spielt oder hört Musik, hört Radio zusammen oder guckt Fernsehen. Es werden Jiaozi und Baozi gegessen, Sojamilch und Bier und manchmal auch Erguotou (scharfer Gerstenschnaps) getrunken, alles erhältlich an unzähligen kleinen Kiosks und Läden. Kurz und gut, es lebt.
Wenn die Bagger kommen, ziehen die Familien in schöne, neue Wohnungen weit draussen jenseits der dritten, vierten und fünften Ringstrasse. Dort am Rande der Stadt sind gigantische Satellitenstädte im Entstehen. Nicht selten kommt es zu Protesten, wenn nicht die verabredete Entschädigung bezahlt wird. Denn die neue Wohnung muss bezahlt werden, seit die Wohnungsreform den "sozialistischen Markt chinesischer Prägung" spielen lässt. Die Jungen erzählen immer wieder, dass sie zwar die Hutongs ein wenig vermissen, dass aber die neuen Wohnungen, wenn auch weit vom Zentrum entfernt, doch sehr schön seien. Vor allem gibt es Privatsphäre, fliessendes kaltes und warmes Wasser und vor allem das wird immer wieder erwähnt ein eigenes privates Klo. Für die ältere Generation freilich ist der Wechsel hart. Im Hochhaus in einer Satellitenstadt fehlen ganz einfach die alten Freunde und Bekannten, der soziale Zusammenhalt.
Natürlich gibt es noch immer Hutongs. Und einige Quartiere werden auch erhalten, stehen unter Heimatschutz. Dort wird auch immer mehr renoviert, und Sihe-Yuans wieder kenntnisreich in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Das kostet Geld, und deshalb wohnen dort nur die gehobenen Stände und für horrend teure Mieten einige Ausländer.
Das allmähliche Verschwinden der Hutongs wird vor allem von Ausländern beklagt. Zugegeben, es geht zu schnell, und viel historisch Wertvolles ist für immer verloren. Doch wie war es damals zum Beispiel in der Schweiz? Auch dort verschwand im Eifer der Entwicklung historisch Erhaltenswertes. Vor allem in den optimistischen Aufbruchjahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Um nur ein einziges Beispiel zu nehmen: In der Basler Aeschenvorstadt entstand auf der einen Seite die schöne, neue, moderne Betonwelt. Und ich erinnere mich noch gut, wie stolz wir alle waren und dachten, das ist der Fortschritt.
Daran denke ich, wenn ich mit dem Velo langsam durch die Hutongs fahre und beim "Gässle", sozusagen, noch immer das bunte Leben antreffe, das wohl bald definitiv der Vergangenheit angehören wird.
Déja vu!
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Rot, tief Rot
Über 16 Stunden dauerte es von Zürich nach Beijing. Damals. Das war vor mehr als zwei Jahrzehnten. Mit Swissair, selbstverständlich. Denn die Swissair hatte in den siebziger Jahren noch das, was man heute im MBA-Deutsch "Visionen" nennt. Tatsächlich war Swissair eine der allerersten westlichen Luftfahrtgesellschaften, die in China das sahen, was es nur wenig später auch langsam werden sollte: Ein sich schnell entwickelnder Markt mit immensem Potenzial.
Damals allerdings war Zürich noch nicht "Unique", sondern schlicht der "Flughafen Kloten", und Peking war noch immer tief rot. Tief rot sind heute nur noch die Zahlen der Swissair-Nachfolgerin Swiss, während der chinesische Markt sozusagen explodiert und zwar dergestalt, dass europäische, amerikanische und asiatische Fluggesellschaften (im Airline-Jargon "Carriers" genannt) China mit neuen Destinationen und zusätzlichen Flügen anpeilen. Mit Routen ins gelobte Land der "sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung" lässt sich nämlich laut Aussagen versierter Airline-Manager in Peking und Shanghai sowie in den europäischen Firmensitzen durchaus Geld verdienen, und das nicht einmal schlecht.
Die Swiss-"Visionäre" wissen es natürlich besser und strichen deshalb ersatzlos, nach 28 Jahren Bearbeitung des China-Marktes, die Flüge ins Reich der Mitte. Begründung des damaligen Managers vor Ort: Swiss verliere mit der China-Destination einen Haufen Geld. Mag sein. Als Kunde aber habe ich mir gedacht, entweder flunkern die europäischen Swiss-Konkurrenten mit Phantasie-Profiten oder die Swiss-"Visionäre" in Basel und Zürich machen irgend etwas falsch.
Sei dem wie ihm wolle, auf Zusehen hin fliege ich als unverbesserlicher Optimist und Nostalgiker weiter mit Swiss. Nicht mehr direkt natürlich. Von Peking nach Hongkong in der Regel mit "Air China" oder "Dragonair", dort einige Stunden Aufenthalt im hypermodernen Flughafen von Norman Foster. Dann endlich gegen Mitternacht hinein in die nagelneue Swiss-Maschine. Unique! Wirklich, ganz ernst und ohne Ironie. Wie in den guten alten Zeiten brauche ich auch wieder über 16 Stunden. Beim gebotenen Service und Comfort, in der Holzklasse notabene, lässt man sich das gerne gefallen.
Doch Illusionen sollte man sich trotzdem keine machen. Die Konkurrenz fliegt in rund zehn Stunden über Sibirien direkt nach Europa der Swiss auf und davon. Von Paris oder Frankfurt oder München oder Wien oder London noch einen kleinen Hupfer und schon ist man wieder in Downtown Zürich. Bei gutem Service und moderaten Preisen.
Mit andern Worten: Der Zukunftsmarkt China, der schon ein Gegenwartsmarkt ist, ist besetzt und heiss umkämpft. Vielfliegende Schweizer Geschäftsleute buchen, wenn sie nicht gerade in Hongkong auch noch Geschäfte haben, praktisch nur noch bei der europäischen Konkurrenz. Das beim Grounding damals viel zitierte Argument, die Schweiz brauche, um konkurrenzfähig zu sein, eine nationale Fluggesellschaft mit Direktflügen in alle Welt, ist purer Nonsens.
Von einem Swiss-Mann habe ich im übrigen gehört, dass das Flugunternehmen bei gutem Geschäftsgang in China ohne weiteres wieder einsteigen könne. Das aber ist, mit Verlaub, Wunschdenken nach dem guten schweizerischen Prinzip "dr Fünfer und s Weggli". Gewiss ja, man kann. Aber die zu spät Gekommenen bestraft die Geschichte auf einem extrem kompetitiven Markt mit roten, tief roten Zahlen.
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Früh-Chinesisch, Spät-Romanisch
"Nueshimen, Tongshimen, Ni Hao!" So oder ähnlich könnte ein Basler Primarlehrer seine Sprachlektion einleiten. Nicht morgen oder übermorgen. Nein, aber vielleicht im Jahre 2018, wenn China zum erstenmal Fussball-Weltmeister wird und der FCB endlich, endlich erstmals die Champions League gewinnen wird.
Für Schweizer oder Basler Ohren klingt das vielleicht absurd. Noch absurder aber klingt in meinen Ohren die Diskussion ums Früh-Englisch, die ich seit Jahren aus der Ferne mitverfolge. Letzte Woche ist mir das Ganze unvermittelt wieder in den Sinn gekommen. Denn auch im Reich der Mitte gibt es eine emotional geführte Diskussion um Früh-Englisch im Speziellen und ums Englisch-Lernen im Besondern.
Die Schulbehörden in einer südchinesischen Provinz verboten Privatschulen, den Sach-Unterricht ausschliesslich in Englisch zu erteilen, Chinesisch hingegen nur noch als Sprachfach. Chinesisch sei in China schliesslich die Grundlage für alles, verteidigte die Schulbehörde ihren Entscheid, wobei ein intensiver Unterricht des Englischen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht sei. Die Eltern und Kinder der teuren Privatschulen waren natürlich nicht einverstanden und brachten ähnliche Argumente vor, wie sie in der Schweizer Diskussion normal sind. Also, etwa, die Kinderchen möglichst früh in die wichtigste Fremdsprache der Welt einzuführen, um ihnen Chancen zu eröffnen. Undsoweiterundsofort (neudeutsch: andsoforth).
Ich weiss, die Zeiten haben sich verändert. Dennoch möchte ich auf die Gefahr hin, die klugen OnlineReports-Leserinnen und -Leser auf die Palme zu treiben kurz meine eigene Sprachentwicklung schildern. Nicht als Argument gegen das English, im Gegenteil, aber als Memento, die Früh-Englisch-Diskussion ein wenig lockerer anzugehen.
In den ersten vier Schuljahren haben mir meine beiden Lehrerinnen Fräulein Pototzka (Binningen) und Frau Degen (Basel) auf vorbildliche Weise Deutsch und Baseldytsch nahe gebracht - ja, sie haben in mir recht eigentlich das Interesse und Gefühl für Sprache geweckt. Davon zehre ich noch heute. Im Rückblick war das die solide sprachliche Basis, auf der ich aufbauen konnte. In der fünften Klasse (erst, muss man heute sagen) folgten dann gleichzeitig Latein und Französisch. Später kam dann noch Griechisch dazu. Meinen ersten Englisch-Unterricht habe ich erst im zarten Alter von 18 Jahren genossen, und bin trotzdem Managing Editor eines englischsprachigen Wirtschaftsmagazins geworden. Noch sehr viel später kamen dann noch Chinesisch und Vietnamesisch hinzu.
Was ich damit sagen will, ist einfach: die aufgeregte Früh-Englisch-Diskussion halte ich schlicht für übertrieben. Sicher, je früher desto besser. Aber bitte mit Mass. Wir verbauen unsern Kindern (neudeutsch: Kids) keine Chance, wenn sie zunächst mal gründlich ihren Dialekt und gleichzeitig Deutsch lernen. Das nämlich ist fürs Denken wichtig.
Wenn schon früh, finde ich, dann wenigstens Französisch oder Italienisch. Schliesslich leben wir in der Schweiz. Aber das ist wohl zu altmodisch. Dass sich Romands und Deutschweizer im Ausland überall auf Englisch unterhalten, erstaunt Ausländer immer wieder. Die glauben nämlich immer noch an die von uns Schweizern gern verbreitete Legende, dass bei uns jedermann und jedefrau mindestens drei der vier Landessprachen spricht.
PS I: Anfang April macht das Basler Gymnasium Leonhard eine Exkursion nach China. Die haben nämlich als Wahlfach Chinesisch. Etwas spät, nicht wahr, aber siehe ganz oben.
PS II: Nach meiner Pensionierung habe ich vor, noch Romanisch zu lernen ...
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"Meine Mitarbeiter und ich lernen Chinesisch"
Peter Achten hat vollkommen recht. Früh-Chinesisch in Basler und Baselbieter Schulen wäre ein starkes Signal für den Wirtschaftsstandort Basel. Wir lerne Chinesisch, meine Mitarbeiter und ich. Intensiv. Ich bin davon überzeugt, dass wir in spätestens drei Jahren mit dem ersten chinesischen Unternehmen zusammenarbeiten werden. Und dann möchte ich die Leute anständig begrüssen und mit ihnen über gängigen Dinge des Alltags plaudern können, vielleicht noch ein paar Anmerkung über I Ging oder Tao Te King. Übers Geschäft können wir uns dann immer noch auf Englisch unterhalten.
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E Reisli
"E Reisli mache" - das war vor mehr als zwanzig Jahren, als ich die Schweiz verliess, der Inbegriff helvetischer Korruption. "E Reisli" wie beispielsweise das berühmte, von der Elektrizitätsgesellschaft Atel finanzierte "Spanien-Reisli" der Solothurner Regierung - das waren sogenannte Informationsreisen städtischer, kantonaler oder nationaler Kommissionen ins nahe oder ferne Ausland, um Antworten auf heimische Probleme zu bekommen. Alles bezahlt vom Staat. Der Verdacht des Stimmvolkes war natürlich, dass Diener des Staats sich da aus dem Portemonnaie des Steuerzahlers einige schöne Ferientage erlaubten. Manchmal wurde der Verdacht bestätigt, meist aber widerlegt. Die Demokratie hat ihre Regulative, und ungestraft kann niemand den Bürger und Steuerzahler für dumm verkaufen.
Das alles ist mir neulich in den Sinn gekommen, als die Roten Mandarine in Peking für Regierungs- und Parteikader ab sofort das Privileg, für sich allein einen Dienstwagen zu fahren, für null und nichtig erklärten. Das Argument: Millionen und Abermillionen von Steuer-Yuan kostete das den Staat. Doch das sei in einer Zeit, wo China zwar ein rasantes Wirtschaftswachstum aufweise, gleichzeitig aber die Kluft zwischen Arm und Reich immer grösser werde, nicht mehr tragbar. Oekonomisch und moralisch. Des Volkes Stimme im Untergrund - da es (noch) kein demokratisches Regulativ gibt - hat wohl seine Wirkung getan.
Ob allerdings der Bannstrahl aus Peking auch seine beabsichtigte Wirkung zeigen wird, sei dahingestellt. Denn seit Kaisers Zeiten, mithin also seit Hunderten von Jahren, haben grosse und kleine Mandarine dieselben Privilegien genossen. Früher in der Sänfte, heute in modernen Limousinen mit abgedunkelten Scheiben. Sehen und nicht gesehen werden, auch das ein Vorrecht. Je höher der Rang, umso besser die Automarke.
Ben-ze war und ist der Inbegriff des höchsten Status, wenn auch Privatunternehmer mittlerweile in Porsches, Maseratis, Ferraris, Lexus, ja Bentleys und Rolls-Royces unterwegs sind. Im Augenblick jedenfalls ist die neuste Verordnung wohl noch nicht sehr weit nach unten gedrungen, denn am Nationalen Volkskongress in den ersten beiden Märzwochen kurvten ganz selbstverständlich die schwarzen, auf Hochglanz polierten Ben-ze und andere Edellimousinen vor der Grossen Halle des Volkes auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen vor.
Allerdings wird aus der Provinz Sichuan in der Parteipresse jubilierend berichtet, dass sich dort 15 Beamte in einen einzigen Wagen teilten. Wenn das nicht sozialistische Solidarität mit den Massen ist!
Jetzt nimmt mich nur noch Wunder, wie denn ein Basler oder Baselbieter Regierungsrat sich im Kanton oder darüber hinaus bewegt. Hat er einen eigenen Dienstwagen? Falls ja, mit oder ohne Chauffeur? Und: Darf er den dann auch für private Zwecke fahren? Hat er (oder sie, um politisch korrekt zu sein) eine Verkehrspauschale oder gar ein freies BVB-Abo? Oder - horribile dictu - gar ein Gratis-SBB-Generalabo? Für Basels und des Baselbiets Politiker jedenfalls würde eine genaue Beobachtung der Verkehrsprivilegien im Reich der Mitte gewiss kreative Lösungen bringen. Dasselbe gilt natürlich - um einen chinesischen Ausdruck zu verwenden - auch für die Basler Massen. Denn die können im Unterschied zu den Chinesen ihre basis-demokratischen wirklich Rechte wahrnehmen. Und für Remedur sorgen.
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Als End-Fünfziger fuhr ich auf meinem "Minsk"-Motorrad jeden Morgen vor dem Büro in Hanoi vor. Später sass ich im Konferenzraum, wo mit dem Joint-Venture-Partner des von mir vertretenen Schweizer Verlags die laufenden Geschäfte besprochen wurden. Mein Gegenüber war ein 74 Jahre alter vietnamesischer Wirtschaftsprofessor, der Godfather der Firma, sozusagen. Am Morgen fuhr er in der von einem Chauffeur gesteuerten Geschäfts-Limousine vor. Wir verstanden uns prächtig, denn ich brachte dem Älteren die in Asien gebotene Ehrerbietung entgegen.
Eines Tages nahm mich mein vietnamesischer Vertrauter, ein 28 Jahre alter Redaktor, beim traditionellen abendlichen Bier auf der Strasse, dem Bia Hoi, zur Seite. Beim fünften Grossen rückte er mit der Sprache raus. Ich solle, so sein Rat, vor dem Büro doch in Zukunft nicht mehr auf dem Töff, sondern besser in meinem von einem Fahrer gesteuerten Geschäftswagen vorfahren. In meiner Position und in meinem Alter, so die unausgesprochene Lektion, müsse ich mich auch dementsprechend verhalten. Als Vorbild, als Respektsperson eben.
Schnitt. Im Zug von Bern nach Zürich, 2. Klasse. Im oberen Stock sind alle Plätze besetzt bis auf einen. Ich setze mich. Die Mitreisenden meist jung, einige mittleren Alters. Die Musik dröhnt ohrenbetäubend aus einem mobilen Kassetten-Gerät. Vier junge Männer rauchen seelenruhig einen Joint. Na ja, auch ich habe in den bunten sechziger Jahren hin und wieder einen gedreht, geraucht und ungleich Ex-Präsident Bill Clinton auch genüsslich inhaliert. Als die rollende Verpflegung im Gang wegen des herumliegenden Gepäcks der Jungmannschaft nicht weiterkommt und die (ausländische) Bedienung sich wüste Beschimpfungen gefallen lassen muss, schauen alle betreten aus dem Fenster oder in die Luft. Mir platzt der Kragen. "Könnten die jungen Herren", erkundige ich mich, "ihre Taschen aus dem Wege schaffen?". Grölendes Gelächter, und einer fragt mich dann in breitestem Züridütsch: "Wos häsch gsait, Komposchti?". Ich stehe blitzschnell auf und nehme mir den jungen Mann am Revers zur Brust und säusle leise: "Wos häsch gsait?". Gehorsam wird - ruckzuck - das Gepäck weggetragen und der Weg freigegeben. Selbst der höflichen Anfrage, die Musik vielleicht doch ein wenig runterzudrehen, wird nachgekommen.
In Asien wäre ein solcher Vorfall undenkbar. Das Alter gilt noch etwas. Aber, siehe oben, es verpflichtet auch. Für einen Westler ist das schwer nachvollziehbar, weil in unserer Kultur fast nur noch die Jugend zählt. Daher der Drang, auch im vorgerückten Alter noch jugendlich auszusehen und zu agieren. Die Sprache ist verräterisch. Das grässliche Verdrängungs-Wort "Senioren" macht die Runde. Kurz, woran es mangelt, ist schlicht gegenseitiger Respekt.
Nun mag man einwenden, dass früher in der westlichen Kultur ja auch alles anders war. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung sei eben vieles verloren gegangen. Auch in Asien werde es ähnlich kommen, das sei nur eine Frage der Zeit. Nur eben, weder in hochentwickelten kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftszentren wie Singapur, Hongkong, Taiwan oder Korea noch in ökonomisch aufstrebenden Ländern wie etwa Vietnam oder China ist der Respekt vor dem Alter geschwunden. Es ist wohl die noch immer konfuzianisch geprägte Kultur, die tief im kollektiven Unterbewusstsein verankert ist und das Verhalten jedes einzelnen bestimmt.
So verwundert es nicht, dass die neue Führung in China als "jung" bezeichnet wird. Nun, die obersten roten Mandarine sind alle zwischen sechzig und siebzig. In der Schweiz hingegen wird der neue Bundesrat als "Senioren-Verein" in die Komposchti-Ecke gestellt.
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"Respektverlust bis hin zur Familie vorprogrammiert"
Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis der Respekt gegenüber dem Alter auch in diesen Kulturen bei den Jungen an Bedeutung verliert. Warum? Mit den heutigen Informationsmöglichkeiten naht auch in solchen Staaten immer schneller die Erkenntnis, dass so genannte Respektpersonen in Politik, Wirtschaft, Kirche oder Sport auch nicht mehr das sind, was diese wie bei uns wahrscheinlich noch nie waren. Da ist als Nebeneffekt der Respektverlust bis hin zur Familie vorprogrammiert. Leider!
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Bundesrat Blocher und das Politbüro
Von meinem asiatischen Standort aus die Welt zu betrachten, also meist Beijing ist so einfach oder so komplex wie von jedem andern Ort der Welt. Chaoyang District in Beijing, Bümpliz, Georgetown in Washington D.C., Schwamendingen oder Gundeli. Einerlei.
Der Vorteil all meiner bisherigen Auslandstandorte war freilich die für einen Schweizer einen Basler, um präzis zu sein interessante Wechsel der kulturellen, sozialen und politischen Perspektive. Das war so in der damaligen britischen Kolonie Hong Kong, dann in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi und natürlich in Beijing, im Zentrum der Welt, im Zentrum des "Reichs der Mitte", wie China offiziell bis auf den heutigen Tag heisst. Aber es war auch nicht anders in Washington D.C.. Denn obwohl die meisten Europäer und Schweizer glauben, dass Europa und Amerika kulturell mehr oder weniger gleich oder zumindest sehr ähnlich sind, stimmt das natürlich nicht. Wie sonst könnten sich der Alte und Neue Kontinent - nicht erst seit dem Irak-Krieg - so spinnefeind werden? Trotz Jeans, McDonald's und Coke.
Der Wechsel der Perspektive bringt interessante Erfahrungen und Einsichten. Allerdings ist das nur zu haben, indem man sich ganz bewusst dem nicht immer nur angenehmen Wechselbad von Süss&Sauer hingibt, um oh Pointe! bei einer chinesischen kulinarischen Metapher eine kleine Anleihe aufzunehmen.
Einen wahrlich süss&sauren Augenblick erlebte ich im Dezember auf einer Reise in Burma. Per Satelliten-Radio jawohl das gibts, und zwar preiswert führte ich mir live die Bundesratwahlen zu Gemüte. Es war auf eine seltsame Art unwirklich, irgendwie völlig von einem andern Stern. Und was ich nicht erwartet hatte, traf ein. Ich stand am späten Abend (Lokalzeit) im lauen Abendwind im Garten unter Palmen in Rangoon, das Satelliten-Tellerchen gegen den vollmondhellen Himmel gerichtet und hörte die entscheidenden Worte: "Gewählt ist mit 121 Stimmen - Christoph Blocher." Vor dem Hintergrund eines mit Sternen übersäten tropischen Himmels in der Hauptstadt eines von Generälen autoritär geführten Staates war das Ende der Zauberformel zur Kenntnis zu nehmen.
Die Situation war irgendwie irreal. Meine burmesischen Freunde konnten auch nach längeren Erklärungen schlicht nicht verstehen, warum ich denn diese Bundesratswahl so aufregend fand. Wir hätten doch, sagten sie, eine wunderbar funktionierende Demokratie. Und ob nun die eine oder andere Partei zwei oder nur einen Vertreter in der Regierung habe, sei doch prinzipiell nicht wichtig. Hauptsache sei, sagten sie, dass das Verdikt des Volkes bei Wahlen respektiert werde. Und wenn "dieser Blocher" sich nicht bewähre, könnten wir dem doch bei den nächsten Wahlen einen Denkzettel verpassen.
In China freilich erklärte ich die Zauberformel immer anders. Als die Studenten beim Protest auf dem Platz vor dem Himmlischen Frieden Tiananmen 1989 wissen wollten, wie denn unsere Regierung funktioniere, hatte ich eine adäquate Antwort bereit. Der Bundesrat sei dem Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas sehr ähnlich. Zumindest in einem wichtigen Punkt. Innerhalb des Bundesrates und des Politbüros nämlich werde lange diskutiert, doch wenn eine Entscheidung einmal getroffen sei, müssten Bundesräte ähnlich wie Politbüromitglieder die gemeinsam getroffene Entscheidung nach aussen vertreten - selbst dann, wenn das einzelne Mitglied nicht dieser Meinung sei.
Die chinesischen Gesprächspartner waren bass erstaunt. Dann konnte ich natürlich noch einen drauf setzen. Im Unterschied zu China, sagte ich dann, treffe in der Schweiz nicht die Partei, sondern das Volk den endgültigen Entscheid.
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"Ich möchte tiefere Einblicke in die andere Mentalität"
Hm, ich sehe den Sinn der Kolumne von Peter Achten noch nicht so recht ein. Eine Selbstbespiegelung von uns Schweizern wird nicht dadurch besser, dass man den Spiegel weiter wegrückt. Dass wir auf einer Insel der Glückseligen leben, ist eigentlich jedem Schweizer klar, der sich auch nur kurz intensiv mit den Zuständen im Ausland befasst hat. Und man muss nicht mal weit reisen.
Was ich von einem Journalisten wie Peter Achten gerne lesen möchte, sind jene tieferen Einblicke in eine andere Mentalität, die er ja vielleicht in den Jahren in Ostasien angesammelt hat. Ich erwarte ja keine Erklärungen, Beschreibungen genügen mir schon. Aber vielleicht bin ich zu ungeduldig, vielleicht war das ja nur ein Warm-Schreiben und es kommt alles noch. Ich warte jedenfalls gespannt auf weitere Artikel von Herrn Achten.
"Gratulation zu dieser Bereicherung"
Hervorragend geschrieben. Entspricht genau meinen Erfahrungen in Ostasien. Ich habe mich richtig gefreut, als Sie Peter Achten als neuen Kolumnisten angekündigt haben. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Herzliche Gratulation zu dieser Bereicherung von OnlineReports.
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