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© Foto by zvg

"Park von europäischer Bedeutung": Landschafts-Alternativen an der Wiese

Zollfreistrasse: Private spenden sechs Millionen für Tunnelbau

Paukenschlag vor Baubeginn: In letzter Minute soll ein Tunnel einen Landschaftspark entlang der Wiese ermöglichen

VON PETER KNECHTLI UND RUEDI SUTER

Das ist ein Paukenschlag: In letzter Minute legen die Gegner einer offen geführten Zollfreistrasse eine Tunnel-Variante namens "Phoenix" vor, die entlang des Flüsschens Wiese einen grenzüberschreitenden Landschaftspark ermöglichte. Spektakulär ist das Finanzierungsmodell: An die Mehrkosten von 40 Millionen Franken haben private Basler sechs Millionen Franken zugesichert.

Das Projekt eines Tunnels anstelle der 740 Meter langen, offen geführten Zollfreistrasse zwischen den deutschen Grenzstädten Lörrach und Weil am Rhein über Gebiet der Basler Gemeinde Riehen ist nicht neu. Das neuste Projekt "Phoenix" ist ein tief liegender Tunnel parallel zur geplanten Zollfreistrasse von Landesgrenze zu Landesgrenze, der auf Vorschlag des Basler Baudepartements durch eine Arbeitsgemeinschaft erarbeitet wurde. Diesen Ansatz legt jetzt ein neu gegründetes Komitee "Gemeinsam Pro Wiese-Tunnel" vor, das vom Basler Kardiologie-Professor Andreas Hoffmann präsidiert wird und dem zahlreiche bekannte Ärzte, Wissenschafter, Künstler und Politiker angehören.

Sachzwang-Verhinderung in letzter Minute

Neu ist aber die Finanzierung: Dem Komitee und insbesondere seinem Promoter Martin Vosseler ist es gelungen, private "Zuwendungen" in Höhe von sechs Millionen Franken zu akquirieren. Laut einem Vierfarben-Prospekt zu "Phoenix", der OnlineReports zugespielt wurde, stellt der Kanton Basel-Stadt an die Mehrkosten für einen Tunnel von 40 Millionen Franken einen Betrag von 25 Millionen Franken in Aussicht. "Bei günstiger Entwicklung" des Projekts, so heisst es weiter, sei ein Beitrag der Gemeinde Riehen möglich.

Der überraschende und bis in diese Tage geheim gehaltene Projekt- und Finanzierungsvorschlag fällt buchstäblich in letzter Minute: Bereits sind die Arbeiten an einer Hilfsbrücke über die Wiese zum Bau der offen entlang des idyllischen Flüsschens geführten Strasse im Gang. Diese Linienführung gilt zwar selbst bei Befürwortern der Strasse als unzeitgemäss und unbefriedigend, doch schienen die Bauarbeiten aufgrund eines Staatsvertrages zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1977 als Sachzwang-Vollstreckung unausweichlich.

Landschaftspark mit europäischer Ausstrahlung

Nach Meinung der Gegner einer offenen Linienführung beeinträchtigt diese "kostbares regionales Naherholungsgebiet" und einen "stadtnahen Naturraum mit hoher Dichte an seltenen und geschützten Tierarten und Pflanzen". Ebenso zerschneide sie den Naturkorridor zwischen "Tüllingerberg" und Basels grüner Lunge "Lange Erlen". Mit dem bergmännisch vorangetriebenen Tunnel dagegen bleibe das Naherholungsgebiet "weitgehend intakt", Flora und Fauna blieben verschont und es würden die Voraussetzungen für die Errichtung eines "grossen zusammenhängenden Natur- und Naherholungsgebiets mit europäischer Ausstrahlung" geschaffen.

Im Kanton Basel-Stadt stösst nicht die Erfüllung des Staatsvertrags, aber die offen Linienführung der Zollfreistrasse mehrheitlich auf Ablehnung. Darauf lässt das Ergebnis einer Volksabstimmung über Initiative zum Schutz des Wiese-Ufers am 12. Februar dieses Jahres schliessen: Das Volksbegehren, das "Zollfreie"-Gegner lancierten, wurde mit 58,2 Prozent (28'146 Ja-Stimmen, 20'252 Nein-Stimmen) deutlich angenommen. Dennoch wurden im Projektgelände noch wenige Tage vor der Volksabstimmung über hundert Bäume gerodet - wohl, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

Erinnerung an Kauf von Picasso-Bildern

Eine völlig neue Dimension in den Jahrzehnte langen Stellungskampf um die "Zollfreie" bringt die private Finanzierung. Dem Vernehmen nach plant das Komitee, die Spendenaktion auch für die ganze Bevölkerung zu öffnen, wodurch sich der Anteil privater Finanzierung nochmals deutlich erhöhen würde. Die unkonventionelle Finanzierungsart erinnert an eine andere Spendenaktion, die Basel weit über die Grenzen hinaus bekannt machte: Im Jahr 1967 kamen bei einem gross angelegten "Bettlerfest" zugunsten des Kredits zur Anschaffung der beiden Picasso-Bilder "Arlequin assis" und "Les deux frères" zugunsten der öffentlichen Kunstsammlung von Basel nicht weniger als zwei Millionen zusammen.

Wie gut die Chancen von "Phoenix" stehen, ist im Moment noch nicht absehbar. An einer Sondersitzung im März letzten Jahres wollten weder die Behörden der deutschend Grenzstädte noch der Basler Grosse Rat von einem Tunnel etwas wissen, wie ihn der neue grüne Justizminister Guy Morin, selbst entschlossener Gegner der Zollfreistrasse, vorgeschlagen hatte. Mit dem neuen Finanzierungsmodell könnte die Stimmung insbesondere auch in der badischen Nachbarschaft in letzter Minute kippen: "Phoenix" als "grenzüberschreitendes Gemeinschaftswerk" macht nach Meinung seiner Promotoren "alle beteiligten zu Gewinnern".

Heute Dienstagmorgen werden an einer Medienkonferenz des Komitees nähere Einzelheiten über "Phoenix" bekannt.

Porträt von Martin Vosseler
Sondersitzung des Basler Grossen Rates vom März 2005

6. Juni 2006


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"Der Chapeau-Erhebung schliesse ich mich gerne an"

Sachzwänge aufweichen, öffentliches Nachdenken nicht bloss "anregen", sondern tatsächlich mit konkretem Inhalt anstiften, den "Staat" mit Bürgerinitiative zwingen, dasselbe zu tun. Das heisst: Die von Sachzwängen eingezwängten Behörden zwingen, endlich zu denken anstatt Paragrafen zu reiten. Im übrigen schliesse ich mich der Chapeau-Erhebung von Herrn Friedlin gerne an.

Alois-Karl Hürliman
Basel



"Diesem Ansatz kann man sich nicht verschliessen"

Den einen ihr Schauspielhaus und ihren Konzertsaal - den anderen ihren Tunnel bzw. ihre unbefleckte Landschaft. Wer ein Existenzminimum an Folgerichtigkeit in der Politik postuliert, der kann sich dem entideologisierten, kultivierten Ansatz von Vosseler & Cie. nicht verschliessen. Meine Wenigkeit kann dazu nur sagen: Chapeau, de tout mon coeur!

Patric C. Friedlin
Basel



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