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Foto Ruedi Suter
Aurel Schmidt war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Die Alpen - schleichende Zerstörung eines Mythos" (1990), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Zuletzt erschienen: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002).
aurel.schmidt@bluewin.ch
www.aurelschmidt.ch
(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)
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Über Integration
und Identität
Das Kopftuch soll junge islamische Migrantinnen in ihrem Anderssein bestätigen, meinte kürzlich ausgerechnet die Beauftragte für Gleichstellung. Mit Anderssein wird hier genau genommen eine bestimmte Eigenart gemeint, also die Bewahrung eigener Identität.
In der aktuellen psychologischen Diskussion ist Identität aber, wenn darunter etwas Einmaliges, Endgültiges verstanden wird, ein umstrittener Wert. Gemeint ist Einheit, aber womit? Wer soll mit wem identisch sein? Diese Gleichheit könnte nur in einer Art Klonen von mir mit mir bestehen. Dass ich ich bin, ist aber höchstens eine Tautologie.
Jede Identität ist im heutigen Verständnis nur sinnvoll, wenn sie eine multiple Strukur besitzt und etwas Zusammengesetzes, Gewordenes ist, das nicht von Anfang an gegeben war, sondern sich im Lauf der Zeit aus den Umständen entwickelt hat. Sie ist eine Mischung, eine Verwandlung, eine Summe. In gewisser Weise ist sie eine Bezeichnung für die eigene Biografie. Ein Teil meines Lebens hat sich aus den äusseren Verhältnissen ergeben, ein anderer selbst bestimmt. Auf diese Weise bekomme ich die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, die mir sonst verschlossen bleiben würden. Andere Menschen machen andere. Die Folge davon ist eine Vielfalt an Lebensentwürfen.
So gesehen, können Religion und das Kopftuch als religiöses Emblem wenig zur Identitätsbildung beitragen. Religion ist etwas, das durch Erziehung und Sozialisation in den Menschen angelegt wird und als Orientierung lebenslang Einfluss hat. Sie hat eine vereinigende Funktion und zugleich eine vereinheitlichende Konsequenz für die Gläubigen.
Religion wie Identität werden unter diesen Voraussetzungen zu einem Mittel der Abgrenzung nach aussen. Wie sie in der modernen offenen Gesellschaft integrierend wirken könnte statt nur das innere Gemeinschaftsgefühl eines Teils von ihr hervorzuheben, ist schwer vorstellbar.
Religiöse Zurückhaltung wäre für das friedliche Auskommen der Menschen manchmal von grosser Bedeutung. Selbstverständlich gilt sie nicht nur für islamische Migrantinnen, sondern zum Beispiel auch für die fundamentalistischen Christen und Bush-Anhänger in den USA.
Sollte jedoch der Unterscheidungswunsch der islamischen Migrantinnen seine Richtigkeit haben, dann stellt sich die Frage, ob für Schweizer und Schweizerinnen ebenfalls zutrifft, was für Andere gilt, die auf ihrer Eigenart beharren. Worin könnte die Schweizer Identität unter dem Gesetz der politisch korrekten multikulturellen Aufweichung bestehen? In der Anhängerschaft des FCB? Oder im Entscheid für Bennetton oder Boss? Oder indem vier estländische Girls die Schweiz an einem sogenannten Song Contest vertreten? Das wäre gelacht!
Am Ende stellt sich jeder Versuch von Anderssein, erst recht von religiös motiviertem, als Ablehnung alles Fremden und Reduktion auf das Eigene heraus. Statt dessen käme es auf etwas an, das man Arbeit am Selbst nennen könnte und mit dessen Erweiterung zu tun hat, ohne Anleitung eines fremden Verstands, wie der immer noch subversive Philosoph Kant meinte, als er von Aufklärung sprach. Der Weg dahin kann kaum in der Befolgung einer kollektiven Lebensanweisung jeglicher Art bestehen.
Ihre Meinung?

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"Eigene Meinungsbildung braucht viel Zeit"
Es ist stark zu vermuten, dass gewissen Kreisen dieses Reizthema gerade recht kommt, um es unverholen am Kochen zu halten, um von eigenen Unzulänglichkeits-oder anderweitigen Problemen abzulenken. Unheilvoll ist, dass leichtgläubige Bürger ein solches Trauerspiel unbewusst mitmachen, also manipuliert werden. Oder eben mitmachen, da es gerade in ihr Lebensbild passt, also als Blitzableiter dient. Es ist unbequem und zeitintensiv, zu diesem Thema sich eigene Gedanken zu machen, da dies einiges an Religions- und Geschichtskenntnissen erfordert. Und das ist das Problem. Die Manipulierer dürften diesbezüglich auch in Zukunft leichtes Spiel haben.
"Was ist der Unterschied zwischen Kopftuch und Kruzifix?"
Ich störe mich nicht daran, wenn in einem Raum ein Kruzifix hängt, störe mich aber sehr daran, wenn dieses Symbol modisch instrumentiert wird. Frau Zanolari, die notorisch "Wetterin" gegen alles "Fremde" trägt gut sichtbar ein Kruzifix. Wo ist der Unterschied in der Symbolik zwischen dem Kopftuch und dem Kruzifix? Wenn wir meinen, das Kopftuch sei ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau, so irren wir erstens und zweitens ist es nicht an uns, Kreuzzüge für die Emanzipation der Frau nach unserem Gusto zu führen. Falls mit "Ihre Meinung" auch ein Feedback zum Artikel von A. Sch. gemeint ist, so fasse ich meine Meinung wie folgt zusammen: Warum einfach, wenn es
kompliziert auch geht!
"Den Sack statt den Esel geprügelt?"
Ist es nicht geradezu faszinierend, wie das Agenda-Thema Islam nicht nur im helvetischen Medienwald, sondern auch bei Vordenkern, Mitdenkern und Nachdenkern in der Schweiz über Nacht zum fast schon panikverdächtigen "Jetzt-muss-sofort-etwas-geschehen"-Politikum wird? Erstaunlich auch, welche seltsamen Blüten daraus wachsen. Eine davon ist das Kopftuchverbot für Muslimas, das immer lauter nicht nur von der rechten Seite oder von einzelnen engagierten Gleichstellungskämpferinnen, sondern auch von sonst recht liberalen Geistern gefordert oder doch zumindest nicht ausgeschlossen wird.
Betrachten wir die Sache pragmatisch: Ein Kopftuchverbot an Schulen oder - wie in Basel auch schon gefordert u.a. im Rathaus oder allenfalls sonst auf öffentlichem Raum - müsste doch in der Konsequenz bedeuten: Jede katholische Nonne mit ihrem Schleier, jede protestantische Diakonissin mit ihrem Häubchen, jeder Kapuziner mit seiner Kutte und jeder Jude mit seiner Kippa müssten doch dann ebenfalls - da ja ebenfalls religiöse Symbole - auf eine derartige Dokumentation seines/ihres Glaubens und seiner/ihrer besonderen Zugehörigkeit genau so strikte "gesetzlich verordnet" verzichten.
Ist das sinnvoll und gewollt? Erweist sich unter diesem Lichte betrachtet das aktuell im Schwange stehende Kopftuchverbot mittelfristig nicht als Tretmine für die eigene Kultur und die eigenen Gebräuche? Schliesslich: Wird mit dem wachsenden Ruf nach einem Kopftuchverbot nicht einfach nur der Sack statt der Esel geprügelt?
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Weil der Mensch des Menschen Wolf ist
Wenn ich allein in einer weit abgeschiedenen Hütte lebe, kann ich tun, was ich will. Ich störe niemanden und niemand mich. Leben zwei Mensch zusammen, wird es bereits unumgänglich, einen Modus Vivendi zu finden. Wollen aber acht Milliarden Menschen auf einem begrenzten Planeten miteinander auskommen, muss das Zusammenleben geregelt werden.
Dass damit Einschränkungen verbunden sind, lässt sich kaum vermeiden, aber sie müssen keine Repression sein. Der erste Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft, Thomas Hobbes (1588-1679), wollte der Freiheit des Einzelnen Grenzen setzen, um die Freiheit Aller zu erhalten. Er hatte erkannt, dass der individuelle Egoismus eine Bedrohung für die Gemeinschaft darstellt. Seine Überzeugung war es, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, was Zoologen allerdings ablehnen, da es sich bei Wölfen um ausserordentlich sozial eingestellte Tiere handelt.
Das Leben der Menschen muss also auf eine verbindliche Grundlage gestellt werden. Es muss reguliert werden, nicht dereguliert, und schon gar nicht "ohne Auflagen" wie zum Beispiel unlängst bei der Diskussion in Basel um die Ladenöffnungszeiten oder etwa bei der Polizeistunde, weil Basel angeblich eine "Ausgehstadt" ist.
Den Handel mit Tropenholz zu regeln, hiesse, den Raubbau an der Natur einzudämmen. Warum nicht dem Rauchen in den Lokalen Einhalt gebieten? Es gibt nur eine (eine einzige) Luft zum Atmen. Warum nicht Bestimmungen für den möglichst geringen Austoss von Schadstoffen bei Baumaschinen erlassen, um zu vermeiden, dass die Allgemeinheit die privaten Erträge maximiert. Strenge Baunormen sollen die Wirtschaft Milliarden kosten, aber was die Einen ausgeben, nehmen die Anderen ein. Wie nennt man das? Wirtschaft, dachte ich.
Normen haben ihren Sinn, und Ordnung ist eine Voraussetzung für das allgemeine Wohlergehen. Der Niedergang fängt mit der Unordnung an, und er wird nicht durch noch mehr Unordnung aufgehalten. "Es muss feste Bräuche geben", sagt Antoine de Saint-Exupérys kleiner Prinz.
Das scheint heute nicht mehr überall zu gelten. Wer unerlaubt parkiert oder sich unkorrekt im Strassenverkehr verhält, beschimpft die Polizei. Wenn man sich umhört, könnte man meinen, dass Nichtraucher unduldsame Menschen sind, Raucher dagegen Ausgeburten von Toleranz. Und wer Rücksicht nehmen soll, hält das für einen "staatlichen Eingriff" in die individuelle Freiheit. Sind wir soweit gekommen? Auch ich muss Rücksicht nehmen, manchmal habe ich fast den Eindruck, nichts Anderes zu tun. Aber wenn ich es mir überlege, erkenne ich, dass damit auch Vorteile verbunden sind.
Die Frage der Regelungsdichte ist allerdings eine Frage des Masses. Heute werden so viele Bereiche durch das Gesetz bestimmt, dass die Justiz immer mehr in das allerprivateste und intimste Zusammenleben greift, zum Beispiel in eine Partnerbeziehung. Völlig absurd wird die Lage, wenn auch noch das Hüten von Enkelkindern durch einen Grosselternteil die vorausgehende Unterzeichnung eines Vertrags erfordern sollte.
Wo liegt also die Balance? Das ist, wie meistens bei dieser Frage, schwierig zu sagen. Aber den Draufgängern freie Hand und sie tun zu lassen, wofür sie noch so gern "die Verantwortung übernehmen" würden, wäre keine kluge Lösung.
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Zwischen Rhetorik und Realität
Seit einiger Zeit kann man die Ausbreitung einer neuen Rhetorik verfolgen: Warum mehr bezahlen? Gratis telefonieren! Steuern optimieren. Den Staat fit machen. Die Schweiz muss wieder in der 1. Liga mitspielen. Wer sich als Retter anbieten will, muss jammern oder warnen, aber unbedingt auf die Pauke hauen.
Alles soll besser werden, aber es wir immer schlimmer. Das ist das Gesetz der umgekehrt proportionalen Wirkung. Je mehr getan wird, desto mehr geht der Schuss hinten hinaus. Wenn das nur eingesehen würde! Lohnsenkungen, Preiskampf, längere Arbeitszeiten, Sozialabbau führen zu mehr Arbeitslosigkeit und schlechteren Wirtschaftsverhältnissen, nicht umgekehrt. Offenbar brauchen wir slowakische oder weissrussische Verhältnisse, damit es aufwärts geht. Und der rituell prognostizierte so genannte Wirtschaftsaufschwung hat nicht das Geringste mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu tun ("jobless recovery"). Länger arbeiten lautet jetzt sogar die Parole, was unter den gegenwärtigen Verhältnissen bedeutet, dass noch mehr Menschen ohne Arbeit sein werden.
Kürzlich liess sich ein Besorgter vernehmen, er hoffe auf einen baldigen Aufschwung der Wirtschaft, damit die Jugend wieder eine Perspektive bekommt. Das ist eine überraschende Aussage, weil so etwas schon lange nicht mehr Ziel der Unternehmen war. Sie sanieren sich auf Kosten der Allgemeinheit, zum Beispiel durch Entlassungen, die aber wenig geeignet sind, um die Wirtschaft als Ganze wieder in Schwung zu bringen. Höchstens die Börse, wie soeben im Fall der Ciba SC.
Die globalisierte Wirtschaft funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen. Zum Beispiel wird die ökonomische Lage in Bochum und Rüsselsheim in Detroit entschieden. Der bodenlose Dollar-Kurs übt einen schädlichen Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft aus. Und zieht die Konjunktur einen Hauch an, wird sofort die Bremse der Leitzinsen gezogen.
Unter diesen Umständen nützt es, um wieder in Fahrt zu kommen, herzlich wenig, mehr Parkplätze in der Innerstadt einzurichten und die Geschäfte abends länger offen zu halten. Das Problem liegt woanders.
Das Missverhältnis von Redensarten und Realität wird immer schwerwiegender. Wir reden von Toleranz, wenn wir mit den Widersprüchen nicht mehr fertig werden. Wir hören an, das die Stammzellenforschung für unsere Gesundheit erfolge, aber wir hören kein Wort davon, dass diese Gesundheit ein gutes Geschäft ist und am Hinterausgang der Stammzellenforschung die ethisch unverantwortbare Patentierung von organischen, tierischen und menschlichen Genen winkt. Die Schweiz ist ein asylfreudiges Land, sagen wir, vor Selbstergriffenheit bebend, doch was diese Politik im Begriff ist, aus dem Land zu machen, wird lieber verschwiegen oder als "fremdenfeindlich" abgetan. Israel debattiert über den Rückzug aus Gaza, was jedoch nur ein "Trick" ist (Tages-Anzeiger, 25. Oktober 2004), um unbemerkt und ungehindert im Westjordanland die Besiedlung fortzusetzen.
Der schöne verbale Schein, den die Rhetorik über den realen Verhältnissen ausbreitet, lässt die Konflikte, statt sie zu bewältigen, im Gegenteil anschwellen, bis sie unlösbar werden.
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Schon zu wenig ist zuviel
Nicht noch mehr VIP-Lounges, nicht noch mehr Kampfsporthunde und härzige Stofftierli, nicht noch mehr Einwegflaschen, Mineralwassertransporte quer durch Europa, Turnarounds, Optimismus-Kampagnen, nicht noch mehr Multiplex-Kinos, Game Towns, Gourmet-Tempel, nicht noch mehr Countertenöre, Shooting Starts, Key Players, Cracks, Prominenz und Exzellenz aller Art, nicht noch mehr Massnahmen, um etwas anzukurbeln (meistens die Wirtschaft), Gratistelefonieren soviel Sie wollen, Anleitungen zur Steueroptimierung, magische Frische, aktive Sprudelkraft ("die Freude schafft"), nicht noch mehr mit der Maus shoppen, nicht noch mehr WC-Deckel mit dem FCB-Logo und so weiter.
Genug damit. Es reicht.
Nicht noch mehr Konkurrenz und miese Mittelmässigkeit in der Unterhaltungsindustrie, Love und andere Paraden (zum Beispiel militärische), kriminelle Tropenholzimporte, Wiedergutmachungsforderungen, fehlerhafte Wetterprognosen, Berufung auf die Verkehrsmittelwahlfreiheit, Five oclock tea um vier Uhr nachmittags, Fun 4 People, Jäger-, Kloster- und Tantrabrot, geblümtes Designer-Klopapier, Kohlrabirezepte zum Schlankwerden, Kuchenhasser und Militärköche, nicht noch mehr Kribbeln von vorne unten bis hinten oben beim Anstehen an der Kinokasse, nicht noch mehr Grünpflanzen in den Eingangshallen der Versicherungsfirmen, Strickwolljacken in den IC-Zügen, lügenhafte Werbewahrheiten über Quick-Menüs und ofenfrische Pizzas, nicht noch mehr Mut zu notwendigen Veränderungen (es ist schon schlimm genug, so wie es ist), nicht noch mehr "God bless America", nicht noch mehr Spekulation mit Pensionskassengeldern, nicht noch mehr Staatssport, nicht noch mehr Highflyer, die für die Crashs, die sie verursacht haben, nicht einmal verbal die Verantwortung übernehmen, nicht noch mehr Nachteile von Standortvorteilen, nicht noch mehr Flickschusterei im Gesundheitswesen, nicht noch mehr...
Das Mass ist voll.
Schluss mit der dauernden Verwechslung von "Leuten" und "Menschen", mit der Dialogbereitschaft, der falschen Nachdenklichkeit, dem multikulturellen Hochmut, den Opferrollen, der überbordenden Verpackungsindustrie, der Gemütlichkeit von Umkleidekabinen, der Gier und den Giebelbauten, den Eipulver-Omeletten, den Arbeitsplätzen, die abgebaut und danach steuerlich vergünstigt als Gnadenbrot neu geschaffen werden, den Abziehbildchen der eigenen Haustiere an den Fensterscheiben, dem Verwöhnaroma, den mit Zipfelmützen verkleideten Gemüsehändlern auf den Samstag-Märkten, dem Cybermonastic Overload, den Sandalen, Sirupflaschen, Stellmessern, Gartenparties, der Corporate Governance, dem Recht auf Wintersport im Hochsommer, den Hubs, den Haudegen, den Homepages und Hometrainern, den Wickeltischen, Wasserbetten, Weinkellern und Was-weiss-ich-noch-alles.
Schluss damit. Punkt. Aus. Fertig. Ein für alle Mal.
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| ECHO |
"Wer so viele Worte braucht, soll Bücher schreiben"
Aus, fertig Schluss mit so vielen Zeilen. Wer so viele Worte braucht, um etwas mitzuteilen, und am Ende vergisst, dem Leser, falls dieser fertig gelesen hat, zu sagen, was er eigentlich damit meint, soll Bücher schreiben! Da darf dann der Leser dafür zahlen, für so viel Blabla. Für einen Schreiberling soll immer noch gelten: In der Kürze liegt die Würze!
"Darum langweilen sich Goldfische nie"
Aurel Schmidt wird mit seiner Renitenz Vieles verpassen: z.B. noch ein Passwort mehr, noch eine Kundenkarte, noch eine Hotline mit Umleitung über Indien und zurück nach der Schweiz, noch eine Telephonnummer mit Rondo-Veneziano Musik, etc. Dies alles erleichtert nämlich den Alltag. Das Kurzzeitgedächtnis unserer Gesellschaft ist drastisch geschrumpft: Wir würden sonst nicht die gleichen Fehler in immer kürzeren Abständen potenziert wiederholen. Beispiel: Man weiss nun, warum sich Goldfische in runden Aquiarien nie langweilen: Ihr Kurzzeitgedächtnis dauert nur ein bis zwei Sekunden, sie sind überzeugt, sie schwämmen immer geradeaus...
"Mir gingen 'Auf-gehts-los" durch den Kopf"
Ja, ja, es war ein langes Wochenende mit viel Regen und wenig Anstoss, an der frischen Luft neue Energien zu tanken. Aurel Schmidt scheint's auf's Gemüt zu schlagen. Anders kann ich mir diese Depressivum-Dosis nicht erklären. Mir sind übers Wochenende keine "Schluss-damits" durch den Kopf, dafür umso mehr "Aufgeht's-los'". Und Letzteres wünsch ich nun zu Wochenbeginn auch allen Mitmenschen.
Thomas de Courten
Rünenberg
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Zwei und zwei sind drei Komma neun
Wenn ich es wage, auf eine einfache Tatsache hinzuweisen, zum Beispiel darauf, dass die Städte im Verkehr ersticken oder zwei und zwei vier ergeben, also etwas Einfaches, das alle verstehen können, nichts Kompliziertes, dann erlebe ich jedes Mal zwei ganz verschiedene Reaktionen. Beide überraschend.
Die Einen werden werden ganz nachdenklich, nicken mit dem Kopf und sagen betroffen: Ja, das stimmt, da ist etwas Wahres dran, wir haben noch gar nicht daran gedacht. Es ist etwas, das wir sehr, sehr ernst nehmen müssen, das dürfen wir nicht auf uns sitzen lassen, das lässt uns keine Ruhe, das geht uns alle an. Da muss eine Regelung gefunden werden. Lieber heute als morgen. Man ist manchmal so gedankenlos und gleichgültig. Wir hätten schon lange daran denken sollen. Das war ein Versäumnis. Dabei hätten wir ... Hoffentlich ist es nicht zu spät für ... Wir werden alles tun, um ... Das darf nie wieder ...
Die Anderen sehen es ganz anders und reagieren entsprechend. Sie werden gereizt und begehren auf. Ach, kommen Sie, was meinen Sie eigentlich, das ist doch reine Faktenhuberei, sehen Sie das nicht ein? Das ist doch längst bekannt, Sie müssen das lockerer nehmen, mit mehr Differenzierungs-Appeal. Mit Pauschalisierungen wie diesen kommen wir heutzutage nicht weiter.
Zwei und zwei sind vier, haben Sie gesagt? Hören Sie mal, das ist doch redundant bis in den Keller. Was bezwecken Sie eigentlich? So geht das wirklich nicht, sind Sie vielleicht Fussgänger? Schwach im Rechnen? Haben Sie ein Schlafmanko? Könnte man fast meinen, hä, hä. hä. Manchmal sind zwei und zwei auch drei Komma neun, manchmal vier Komma eins, je nach dem, haben Sie schon einmal etwas von Quantenphysik gehört? Aha. Sehen Sie! Ihrer Argumentation mangelt Hand und Fuss, das sieht man gleich. Schade für Sie!
Die Wahrheit ist immer vielschichtig und muss daher okkasionell betrachtet werden. Sie können nicht alles über einen Leisten schlagen, das geht nicht. Das ist Kabis! Kinder-Einmaleins! Hä, hä, hä. Was wir brauchen, ist eine Kasuistik, nicht diesen ideologischen Kram.
Oder ist es für Sie eventuell eine Geschmacksfrage? Zwei und zwei, das ist eine falsche Identifikation mit dem Gleichen. Wollen Sie vielleicht die Welt verändern? Die Meinungsfreiheit einschränken? Das hätte gerade noch gefehlt! Seien Sie nicht kleinlich, machen Sie das Fenster auf, lassen Sie frische Luft herein! Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit. Treiben Sie Sport! Wo ist Ihre Generosität geblieben? Man muss manchmal auch über seinen Schatten springen können. Passen Sie auf, dass Sie nicht auf Ihren lächerlichen Weisheiten hocken bleiben, Sie Klebemittel-Kolumnist. Sie müssen weltoffen denken, modern, selbstbewusst, sportlich ...
Dabei hatte ich nur sagen wollen, dass das Offensichtliche meistens normal ist und das Normale meistens offensichtlich. Aber das scheint für viele Menschen schon zuviel zu sein.
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| ECHO |
"Der Kollateralschaden fällt am falschen Ort an"
Danke, Aurel Schmidt, träfer kann man es nicht beschreiben. Das Gemeine bei der ganzen Sache ist ja, dass der Kollateralschaden, welchen diese Nichts-Tuer - gemeint sind eben die Leute, welche nur zwei Reaktionsweisen kennen: Entweder, man müsse nichts tun, da bereits alles zum Besten stehe, oder man müsse nichts tun, weil man eh nichts machen könne - anrichten, just wieder bei den durch eben diese Geisteshaltung Benachteiligten anfällt. So bleiben etwa die Armen ewig arm, die natürlichen Lebensgrundlagen ewig bedroht, und so weiter. Weil die einschlägig immunen Verursacher davon absolut ungerührt bleiben.
Dieter Stumpf-Sachs
Basel
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Der Terrorismus und
sein verdeckter Nutzen
Seine Bekämpfung verursacht den Terror mehr als sie ihn verhindert. Wer sich das Recht dazu nimmt, stellt sich auf die Seite der Guten und Gerechten und bezeichnet die Anderen als "Rowdies", "Aufständische" und "Terroristen". Diese Anderen aber nehmen sich ihrerseits das gleiche Recht heraus und wehren sich gegen den Terror der Terrorismus-Bekämpfung. So kann das Ritual der Radikalisierung und der Eskalation immer weiter getrieben werden.
Mit einer Einschränkung. Wenn die Besatzungstruppen im Irak jeden Tag 10, 20, 50 oder noch mehr Menschen umbringen, kann das nicht ohne Folgen bleiben. Die Tschetschenen haben eine über 100 Jahre dauernde Erfahrung mit der russischen Gewalt. Und die Palästinenser werden desto mehr als Terroristen verurteilt, je mehr die Besiedlung ihres Landes durch Israel voran schreitet. Doch das sind Einwände, die ausgeblendet werden, weil sie einer schlanken Argumentation in die Quere kommen.
Es gibt unübersehbar einen islamischen Terrorismus und "heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen und gegen den als dekadent bezeichneten Westen. Aber es gibt ebenso unübersehbar einen Feldzug der USA gegen die Welt, den Islam eingeschlossen, der zum Teil mit Waffengewalt, zum Teil mit Wirtschaftssanktionen geführt wird. Die USA haben erklärt, überall zuzuschlagen, wo es notwendig sein sollte. Das ist eine enorme Versuchung, es auch zu tun. Seither tauchen überall Verdächtige auf.
Längst ist der Krieg gegen den Terrorismus zu einem Mittel geworden, auch gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Demokratischen Verzicht und Zensur scheinen die Amerikaner als patriotischen Akt akzeptiert zu haben. Die politische Führung kann jetzt behaupten, einen Krieg gegen das Böse zu führen, in Wirklichkeit jedoch die Erdöl- und anderen Interessen einer Minderheit verfolgen. Bedingungslos und blind wird sie dabei vom Millionenheer der Evangelikalen unterstützt, die die Bibel lesen wie einst die Linken das Büchlein von Mao Zedong.
Der aktuelle Terrorismus hat so den Charakter eines versteckten Glaubenskriegs erhalten. Es ist eine Terminator-Mentalität, die ihn diktiert und legitimiert.
Das ist aber nur eine Seite des Problems. In der neuen Weltordnung verlaufen die Grenzen quer durch die Welt. So, wie neue Imperien (Machtballungen) entstanden sind (USA, Russland, Israel), die ihre hegemonialen Interessen gegen jeden Widerstand durchsetzen, haben sich neue Formen der Auseinandersetzung gebildet: Mehr Infektionen und Krisen als sich gegenüberstehende militärisch-kriegerische Formationen. In der ungleichen Welt von heute besitzen die Einen die Geheimdienste, die Propagandamittel, die Kampfhelikopter, Panzer, Bulldozer - während die Anderen keine Mittel haben, um sich zu wehren, ausser veralteten Kalaschnikows und Dynamit. Damit opfern sie sich selber und sprengen sich und Andere in die Luft.
Es fällt mir nicht ein, den Terrorismus zu verteidigen. Ich versuche nur, seine fatale Logik zu verstehen. Es gibt (1) keinen Terrorismus ohne Parallel- oder Komplementär-Terrorismus. Wer (2) gegen die Interessen der Imperien verstösst, wird zum Terroristen gestempelt. Diese Aussage ist eine Vereinfachung, könnte aber als Leitlinie für das Verständnis trotzdem von Nutzen sein.
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Kritisches und konformes Denken
Überall auf der Welt ausser in Europa bilden sich autoritäre und totalitäre Staatsformen heraus sowie im Wechselverhältnis dazu autoritäre Denkformen, die sich in der Verfolgung und Unterdrückung abweichender Meinungen ausdrücken. Natürlich ist alles relativ, diese Feststellung eingeschlossen, aber dass sich im Gegensatz dazu in Europa ein eher individualistisches und eher kritisches Denken entwickelt hat, ist eine Aussage, die auch in dieser generellen Formulierung zutrifft.
Die Gründe dafür lassen sich zum Beispiel auf Platon zurückführen, dessen Philosophie nichts Anderes war als ein nie zu beschwichtigendes Fragen und Bohren. Was bedeutet das? Was steckt dahinter? Wie ist das möglich? Die Neugier ist eine enorme Antriebskraft.
Die zweite Voraussetzung war die Trennung von Staat/Gesellschaft und Kirche, die den Weg machte für ein auf die Sache bezogenes Denken. Die Befreiung aus den Fesseln des mittelalterlichen religiösen Denkens war ein bedeutender historischer Schritt. Erst als die Menschen anfingen, ihren Augen zu trauen und von Experimenten und Nachprüfungen beziehungsweise rationalen Analysen ausgingen anstatt von Dogmen, konnten sich Wissenschaften und Vernunft entfalten. Sie lösten Mythen und Religionen ab und schufen Platz für die Entwicklung, die wir kennen.
Ob die dabei erzielten Ergebnisse immer einwandfrei waren, ist eine andere Sache, aber eine Gesinnungsfrage daraus zu machen, würde bedeuten, in ein verordnetes Denken zu fallen. Zuletzt ist der Vorrang den individuellen, unabhängigen Entscheidungen zu geben. Die Menschen können sich irren, aber das kritische Denken befähigt sie zur Selbstkorrektur, das totalitäre nicht. Wenn zwei Lösungen vorliegen, soll sich und wird sich zuletzt die bessere durchsetzen, selbst wenn sie lange behindert werden sollte.
Umso beklemmender ist es, dass heute überall neue Formen eines starren, absoluten Denkens entstehen, das die Bezeichnung Denken gar nicht in Anspruch nehmen kann. Die Errungenschaften von Jahrhunderten werden offenbar problemlos in ihr Gegenteil gekippt. Sekten sind das Paradebeispiel für diese Entwicklung. Konformismus und Fundamentalismus breiten sich schleichend in allen Bereichen des Alltags aus. Die Rechtgläubigen berufen sich auf eine Unfehlbarkeit und Erwähltheit, in deren Namen alles gerechtfertigt ist. Symbolfigur für die neue Marschrichtung ist George W. Bush. Pseudo-christliche Mentalität und reaktionäre politische Ideen bilden ein Syndrom, das einem das Grausen beibringen kann, auch wenn die modernen Fanatiker, die dahinter stehen, wissen, wie man modern, weltgewandt und medienwirksam auftritt.
Kritisches, einfallsreiches, aus der Reihe tanzendes Denken, individuelle Entfaltung sowie Lust an einem souveränen Dasein stehen gegen diesen teils zwanghaften, Gehorsam fordernden, teils scheinheiligen Fundamentalismus.
Wahrscheinlich wünschen sich viele Menschen diese Abhängigkeit, Unterwerfung und "freiwillige Knechtschaft" (Etienne de la Boetie). Aber warum das so ist das ist die Frage. Und mit dem Fragen fängt alles an.
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"Diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt"
Ihre Gedanken sind richtig und wohltuend, aber in einem Punkt naiv: "Ausser in Europa." Weil Italien seinen Berlusconi nicht los wird und manche der neuen europäischen Staaten im Osten ihre wiedergeborenen Alt-Kommunisten oder die gnadenlosen Neo-Liberalen, ist auch in Europa noch nicht alles Gold.
"Europa" konnte sich wegen ein paar wild gewordener Post-Faschisten in der Österreichischen Regierung einst echauffieren und solidarisieren. Im ungleich dramatischeren Geschehen in Tschetschenien bleibt Europa (zum Beispiel Gerd Schröder bei Putin. Wo bleibt Joschka Fischer?) erschreckend stumm. Sie beschreiben eine wünschenswerte Erkenntnis, die sich noch gar nicht durchgesetzt hat.
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Wer keine Sprache hat,
kann sich nicht wehren
Eine Untersuchung unter Schülern einer Berufsfachklasse in Zürich hat kürzlich ergeben, dass die meisten von ihnen den Satz "Mein Mofa wurde entwendet" nicht verstanden. "Entwendet"? Was soll denn das nun wieder heissen? Bestimmte Wörter, die über den Minimalgebrauch hinaus gehen, rufen bei vielen Menschen Abwehr und Aversion hervor. Aversion, noch so ein Ausdruck, den niemand versteht! Aber es ist ja nicht verboten, in einem Nachschlagewerk die Bedeutung zu suchen.
Dabei stellt sich sofort eine weitere Frage: Warum nicht Abneigung statt Aversion sagen? Die Frage kann nur mit einer Umkehrung beantwortet werden: Warum auf Aversion verzichten, wenn es das Wort doch gibt? Die Sprache ist etwas Kreatives, Elaboriertes. Auch etwas Spielerisches. Die Kunst besteht darin, wie ein Akrobat mit ihr umzugehen, sie zu inszenieren und zum Schwingen zu bringen. Mit 600 bis 800 Wörtern kann man sich durchs Leben schlagen, aber was dabei heraus kommt, falls etwas heraus kommt, ist Gestammel. Sprachprimitivismus.
Dass die schriftliche Ausdrucksweise immer mehr Mühe bereitet - Tendenz steigend -, ist eine bekannte Tatsache. Die neue Rechtschreibung war ein Versuch, das weit verbreitete Ungenügen zu beheben, aber es ist umstritten, ob es ein Fortschritt ist, wenn die schwächsten Kenntnisse heran gezogen werden, um neue Orthografieregeln festzulegen, wie es geschehen ist. Die Sprache ist nun einmal eine Kompetenz, die gelernt sein will wie zum Beispiel Programmieren oder Autos Reparieren. In Zukunft werden nicht nur Ausländer, sondern auch Schweizer Deutsch lernen müssen.
Eine andere Frage in diesem Zusammenhang ist die, ob die Sprache unverzichtbar ist oder ob es andere Formen der Verständigung gibt. Ich fürchte, dass, wer seine Sprache verliert, nicht mehr in der Lage ist, sich zu wehren, und jedem Schlauberger und Schlawiner ausgeliefert ist. Es wird dann beinahe unmöglich, "nein" zu sagen und zu widersprechen. Dabei kommt es entscheidend darauf an, seinem Weltbild sprachlich gewachsen zu sein, wie der Dichter Gottfried Benn gesagt hat. Aber wie sollte das möglich sein, wenn man nur mit den Armen in der Luft rudern kann und nichts zu fassen bekommt?
Wo die Worte versagen, entsteht Ohnmacht und entwickelt sich eine Neigung zum Krawall.
Am Ende wird niemand sich der Einsicht verschliessen können, dass das festgestellte Sprachdefizit eine geistige Beschränkung ist, eine Art Entmündigung.
Die Aussicht, dass es der Musik je gelingen wird, die Sprache als Medium der Verständigung und Argumentation zu ersetzen, ist gering, auch wenn man sagt, dass sie alle Barrieren überwindet. Dass sie bereits ein beträchtliches Terrain besetzt hat, liegt zum Teil auch an der multikulturellen Entwicklung, die zu einer babylonischen Sprachverwirrung geführt hat. Multikultur heisst: Bald kann niemand mehr drei Sätze richtig aufsagen, weder in der eigenen noch in einer anderen Sprache.
Dafür dröhnen Beat und Bässe. Aber viel zu verstehen gibt es nicht. Höchstens bleibt der Kopf auf der Strecke, wenn man so sagen kann, während der Rest des Körpers im Takt der Zappelmusik zuckt und zittert.
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Heute auf dem Programm: Positives!
Wir müssen sparen. Der Satz hat eine elektrisierende Wirkung. Wer ihn nachplappert, hat gleich den Eindruck, einen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten. Wir scheinen am Rand des Ruins zu stehen, und Sparen heisst, noch Schlimmeres verhüten. Dabei verbirgt sich hinter den meisten Aussagen, also auch dieser, eine unausgesprochene Absicht. Gespart werden muss zum Beispiel, um die Steuern auf den hohen Einkommen senken oder die Gewinne der Unternehmen steigern zu können. Genug ist bekanntlich nie genug.
Wir sparen dann am Gesundheitswesen, an der Bildung, an der Umwelt. Die Probleme von morgen werden auf diese Weise vorprogrammiert. Das kann man leicht sehen. Dass auch beim Militär gespart werden soll, ist dem gegenüber weniger gravierend.
Halt, halt, halt. Jetzt reicht's! Sagen Sie mal, Aurel Schmidt, sehen Sie eigentlich nur das Negative? Gibt es nichts Positives, Aufbauendes zu melden? Ist alles so traurig auf der Welt?
Traurig oder nicht, das kommt darauf an. Ich meine, dass die Negation eine positive Strategie sein kann und ein eindeutiges Urteil nichts Abträgliches ist. Aber weil heute ein guter Tag ist, sollen die Dinge für einmal in einem vorteilhaften Licht betrachtet werden. Die Entsorgungsgebühr für Elektroschrott, die seit Kurzem mit dem Kauf eines neuen Geräts entrichtet wird, ist zum Beispiel etwas Vernünftiges, also Positives. Sie war, als sie eingeführt wurde, jedoch alles andere als das. Heute ist sie eine Selbstverständlichkeit.
Positiv finde ich auch den Ausgang der zwei letzten Abstimmungen in der Schweiz gegen das Steuerpaket, die 11. AHV-Revision, die Mietzins-Revision und die Verkehrspolitik (zweite Gotthardröhre). Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Eine gute Sache finde ich ausserdem die neuen Vorschläge der Alpen-Initiative für eine Alpentransitbörse. Es geht dabei um die Bewilligung einer festgelegten Anzahl von Transitfahrten, beziehungsweise um Transitrechte, die an einer Börse versteigert werden. Auf diese Weise könnten auch viele Leerfahrten und sinnlose Transporte (zum Beispiel von Mineralwasser) vermieden werden. Wenn die Fuhrunternehmer besser miteinander kooperierten, wäre das leicht zu bewerkstelligen. Noch mehr Verkehr wäre dagegen eine verkehrte Entwicklung.
Es gibt Lösungen, die möglich sind, wenn sie nicht von bestimmten Interessen verhindert werden. Das könnte die Einführung eines Dosenpfands betreffen oder die Förderung erneuerbarer Energie. Fritjof Capra hat in seinem Buch "Verborgene Zusammenhänge" zahlreiche Beispiele für intelligente wissenschaftliche und technische Erneuerungen gegeben, die auch ökonomisch sind und die Bezeichnung Fortschritt verdienen. Effizienz heisst, mit geringstem Aufwand ein Maximum an Wirkung erzielen, was in jeder Hinsicht ein Gewinn ist.
Auf den Markt zu vertrauen, ist dagegen reine Hinhaltetaktik. Die Zukunft gehört denen, die sich etwas Neues, Besseres einfallen lassen. Man nennt das auch Innovation.
Ihre Meinung?


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Wie Redensarten das Denken prägen
Was ich zu betreiben versuche, ist etwas, das mit dem Ausdruck "Mentalitätsforschung" umschrieben werden könnte. Es geht dabei um die Frage, was die Menschen sagen und denken, wie sie dazu kommen und woher sie es nehmen.
Das Meiste haben wir schon einmal gehört oder gelesen von Anderen, die es selber irgendwo aufgeschnappt und weitergereicht haben. Wir sind alle als Kolporteure an ein grosses Kommunikationsnetz angeschlossen und tragen dazu bei, dass sich allgemeine Überzeugungen herausbilden und verbreiten können. Mit dieser Kolumne mache ich keine Ausnahme. Ich weiss auch genau, woher die Anregung kommt, die mich veranlasst hat, sie zu schreiben, aber das tut hier nichts zur Sache.
Alle Meinungen sind Gemische aus anderen Meinungen. Schwierig ist es nicht, deren Ursprung zu orten. Sie können aus den Medien kommen oder aus der Werbung, zum Beispiel für Sofortfertig-Suppen. Wir denken "quick" und "soup", und schon breitet sich ein zauberhaftes Lebensgefühl im Raum aus.
Die Sprache hat uns fest im Griff. Mehrheitskonforme Aussagen sind solche, die durch ständige Zirkulation verstärkt worden sind. Sprechen wird auf diese Weise zu einem Abziehbildchen und Denken zu einem Logo. Kürzlich hörte ich jemanden zu seinem Gesprächspartner, der mit der Bahn von Aarau nach Basel gekommen war, sagen: "Der Kluge reist im Zuge." Er schien das Wesentliche der Welt vollkommen begriffen zu haben und machte einen zufriedenen Eindruck. "Prinz" oder "Prinzessin" wiederum sind Sprachartikel aus dem "Glückspost"-Katalog, die das halbe europäische Fernsehpulbikum in Taumel versetzen können. Und wer von einem "Event" spricht, meint vielleicht nur, dass er drei Stühle in den Garten stellen und eine Grillparty für vier Personen veranstalten will.
Die Redensarten konstituieren die Welt, in der wir leben. Nehmen wir einmal den Zeigefinger-Begriff "Toleranz". Er macht jeden zum Scheusal, der sich unterstehen sollte, Einwände zu erheben. Auf geheimnisvolle Weise ist es gelungen, ihn mit einer Spezialbedeutung zu besetzen. Er soll zu verstehen geben, dass diejenigen, die ihn im Munde führen, auf der einzig und allein richtigen Seite stehen auf ihrer eigenen.
Oder nehmen wir einige Pass- und Kommandowörter aus dem neoliberalen Schatzkästchen wie "Die Schweiz muss aufwachen", "den Markt spielen lassen", "Flexibilisierung des Arbeitsmarkts". Es sind Ausdrücke, die das Meinungsgefüge konditionieren. So soll etwa "Reformstau" nichts Anderes heissen als: Zuwenig Abbau.
Eine andere Redensart, die so abgedroschen ist wie eine Leierkastenmelodie, aber gerade dadurch eine maximale Effizienz erzielt, ist das Satz "Wir müssen sparen." Wenn man ihn hört, wird das Denken und Verstehen auf Null geschaltet. Sein versteckter Inhalt lautet: Die Anderen sollen mehr bezahlen oder verzichten. Da nun aber die so adressierten Anderen das Gleiche denken und erwarten, bleibt immer weniger übrig.
Sparen müssen heisst also eigentlich: Wer spart, nimmt etwas weg. Oder einfach: Das Loch in der Kasse wird immer grösser.
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Die Lehren aus dem Irak-Krieg
Solange der Krieg der USA im Irak auf der Agenda bleibt, kann verhindert werden, dass er noch mehr schleichende Begriffsverwirrung stiftet und das Urteilsvermögen beeinträchtigt. Die Gründe für ihn haben sich längst in Luft aufgelöst und der Skandal der angeordneten Folter hat jeden Rest von Glaubwürdigkeit zerstört, aber immer noch haben die USA 138000 Militärangehörige im Land stationiert. Warum eigentlich? Sie wollen die Macht an eine irakische Behörde übergeben. Aber wie kommen sie überhaupt dazu, Souveränität an fremde Länder zu verteilen?
Das Ungeheuerliche der amerikanischen Intervention im Irak liegt nun aber nicht so sehr in einzelnen Fakten, die von den Medien der Reihe nach aufgegriffen, aber selten in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt werden. Es besteht vielmehr in der erdrückenden militärischen und propagandistischen Überlegenheit der USA, die ihre Macht zur Verfolgung eigennütziger Ziele benützen, nicht nur im Irak. Das ist die eigentliche Lektion.
Das Gewaltmonopol, das die sogenannte Weltmacht USA ausübt, erspart ihr jede Form von Rücksicht, zum Beispiel in völkerrechtlicher Hinsicht. Und "weil der Besitz der Gewalt das freie Urteil der Vernunft unvermeidlich verdirbt" (Immanuel Kant, "Zum ewigen Frieden"), ist die Folter zum einem krassen Akt der absoluten Verfügung über Andere und damit zu einem Zeichen der Arroganz der Macht und der Willkürherrschaft geworden.
Die Folge ist ein Gefängnis-Archipel von Afghanistan über den Irak bis Guantanamo. Legitimiert wird er mit der Notwendigkeit, den Terrorismus zu bekämpfen, den doch eher die USA selber bei der Bekämpfung ausüben. So, wie sie diesen Begriff besetzt haben, kann er nur heissen: Wer sich (wie in den denkwürdigen Worten von George W. Bush) gegen die USA stellt, ist ihr Feind und wird aus dem Weg geräumt. Die zwingende Folge dieser Einstellung ist ein Überfluss an Schurken, Terroristen, Rowdies, "ungesetzlichen Kämpfern" und die bedrohliche Ausbreitung rechtsfreier Räume, die für sie gelten. Das Drohpotenzial ist unübersehbar. Das "alte Europa" war ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Die vorauseilende Bekämpfung des Terrorismus rückt unter solchen Umständen zu dessen eigentlicher Ursache auf. Sie hilft in kombinierter Zweckmässigkeit aber auch mit, hegemoniale Ansprüche der USA zu sichern. In letzter Konsequenz geht es um Rohstoffe und den Weltmarkt.
Der Widerstand der Iraker gegen die Besatzungsmacht ebenso wie der Kampf der Menschen gegen eine repressive Fremdherrschaft in besetzten Gebieten kann aber nicht ohne weiteres als Terrorismus bezeichnet werden. Zumal dort nicht, wo die unterdrückte Bevölkerung keine Möglichkeit hat, sich gegen die Übermacht einer hochgerüsteten Armee mit Kampfhelikoptern, Panzern, Bulldozern mit gleichen Mitteln zur Wehr zu setzen und daher zu Formen der Selbstverteidigung greifen muss, die nicht immer "gesetzlich" im Sinn des Begriffsapparats der USA sind.
Wenn sich hier eine neue, auf ungleichen und unabwehrbaren Machtverhältnissen beruhende Weltordnung abzeichnen sollte, wäre das fürchterlich. Undenkbar ist es nicht.
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| ECHO |
"Ein eindeutiges Urteil ist schwierig"
Die Analyse trifft zu. Eine Frage aber bleibt ausgeklammert. Wer sind die Gegner der USA in Afghanistan, im Irak an anderen Orten? Einerseits sind es sicher Gruppen, die für die Souveränität des eigenen Staates kämpfen, also für Freiheit und Autonomie. In diesem Sinne sind sie echte Revolutionäre. Wie aber sind die Gegner zu beurteilen, die sich unter die Vielzahl von Gruppen mischen, die Widerstand leisten, die einer nekrophilen Ideologie nachleben wie etwa Bin Laden? Diese unterschiedlichen Widerstandsgruppen mit ihren unterschiedlichen Ideologien machen es so schwierig, zu einem eindeutigen Urteil zu kommen.
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Kriegspropaganda mit Bildern und Worten
Bilder haben eine magische Wirkung, wie man von Darstellungen des Gekreuzigten, Fotos des "blauen Planeten" (Raumschiff Erde), Werbefilmen und so weiter weiss. Sie bringen, was auf ihnen zu sehen ist, auf den Punkt. Deshalb sagt ein Bild "mehr als tausend Worte". Wir leben in einer Welt, in der die optischen Medien die Meinungen bestimmen.
Was die Bilder zeigen und preisgeben, muss authentisch sein. Das Kamera-Auge kann nicht lügen, es muss objektiv sein. Dass es sich keineswegs so verhält, ist eine Auffassung, die schwer zu widerlegen ist. Bilder bedürfen sehr wohl einer Erklärung, um in ihrem Zusammenhang (aus dem sie gerissen sind) verstanden zu werden. Sie sind einprägsam, aber ambivalent, weil sie vermittelt sind und Sehen nichts Passives ist.
Dass sie oft mit einem Minimum an Erklärungen auskommen, beweist gerade ihr enorme Wirkung. Im Zeitalter der Bilderflut wird das Gedächtnis immer kürzer. Auf Worte und die Sprache trifft zu, dass auch sie im Zeitalter der Propaganda ihre Bedeutung verlieren und nichtssagend werden (wie im Fall des Begriffs "Terrorismus"). Sie schalten, wie Bilder, das Gedächtnis und die Fähigkeit zum Denken zunehmend aus.
Im Krieg, den die USA in Vietnam geführt haben, waren es Reportagefotos von Kriegsgräueln (wie dasjenige eines weinenden nackten Mädchens auf der Flucht nach oder vor einem Napalm-Angriff), die am Ende den Ausschlag gegeben und das Ende der Kriegshandlungen herbeigeführt haben.
Während im Golfkrieg vor allem digitalisierte Bilder den Krieg wiedergegeben haben, ist im Irak die Veröffentlichung von Bildern beinahe vollständig unterbunden worden. Es ist ein unsichtbarer Krieg. Eigentlich können wir uns kein Bild (keine Vorstellung) machen, was geschieht, von den zensurierten Bildern der sogenannten "eingebetteten Reporter" abgesehen. Mit einem Mal müssen wir uns zur Hauptsache auf Worte verlassen: auf "adressierte Sprache" (Martin Walser) und nichts sagende Verlautbarungen der Militärsprecher, für die es keine Verifikation gibt, zum Beispiel durch Bilder, bis...
Bis die Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib die Runde um die Welt machten, eine Welle der Empörung hervorriefen und die Weltmacht USA in Bedrängnis brachten. Am meisten hat mich die Lautlosigkeit dieser Aufnahmen berührt, ihre Totenstille.
Am 3. Mai erschien auf der Titelseite des "Spiegel" das Bild eines gefangenen Irakers. Dann vergingen keine neun Tage, bis die Bilder von der Hinrichtung eines Amerikaners durch vermummte Gestalten (angeblich Al-Kaida-Mitglieder) alles wieder umkehrte. Präsident Bush konnte neue Hoffnung schöpfen: "Das sind die Leute, gegen die wir kämpfen." Als ob die spektakuläre Grausamkeit der einen Seite die institutionalisierten Abscheulichkeiten der anderen rechtfertigen könnte.
Der Irak-Krieg wird mit Bildern von enormem Propagandawert geführt. Wer über die eindrücklicheren Bilder, nicht Argumente, verfügt, kann die öffentliche Meinung am ehesten für sich einzunehmen.
Die Administration in Washington weiss genau, warum sie angeordnet hat, die Tausende weiterer Folterbilder mit allen Mitteln unter Verschluss zu halten. Die bisherigen haben schon zuviel Schaden angerichtet.
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| ECHO |
"Wird nur wenig am Lack gekratzt,
ist die Glaubwürdigkeit weg
Aurel Schmidt hat natürlich recht. Betreffend Abu Ghraib: Zusätzlich zur starken medialen Wirkung der Bilder an und für sich kommt erschwerend dazu, dass die Irak-Intervention mit "Demokratisierung" gerechtfertigt wurde, ohne dass eine völkerrechtliche Legitimation vorlag. Wenn nun in einem solchen Fall nur ein wenig am Lack gekratzt wird, ist die ethische Glaubwürdigkeit weg. Auf einer traditionell eher weissen Weste fällt ein kleiner Fleck stärker auf. Abu Ghraib erinnert leider an Algerien 1957/58, dessen Sonder-Einheiten (gewöhnliche Reservisten und einberufene Wehrpflichtige!) systematische Folter dadruch legitimierten, dass Attentate verhindert werden sollten. Frankreich siegte militärisch-technisch, verlor aber politisch auf der ganzen Ebene. Das Trauma beschäftigt immer noch die davon betroffene Generation Franzosen und der Schaden in Nord-Afrika ist immer noch spürbar.
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Zwischen Zustimmung und Ablehnung
So viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wie Horatios Schulweisheit einmal erträumte, gibt es gar nicht. Eigentlich kommt heute jeder und jede mit einem minimalen Wissensschatz aus. Je bescheidener, desto weniger Belastung. Wer "Scheisse" sagt, und das ist wahrscheinlich das populärste Kraftwort, das zur Zeit zirkuliert, verschafft sich durch dieses prächtige, praktische Vokabular den Durch- und Weitblick, der heute erforderlich ist.
So präsentiert sich der komprimierte Zeitgeist. Keine Diskussion, kein Abwägen, keine kritischen Reflexionen. Kein subversiver Zweifel, nur das nicht. Dafür mehr Feeling, mehr Home Shopping, mehr Verkehrsmittelfreiheit, mehr Extremsportarten. Überhaupt mehr Extremes. Und natürlich mehr Markt, weil dann die Welt endlich in Ordnung kommt.
Doch was zuviel ist, kann ins Gegenteil umschlagen: Langsam reicht es mit den Uhren- und Schmuckmessen, den Tutanchamun-Ausstellungen, den originellen Kulturprojekten, den Überzeugungen, die die Welt kaputtregieren, was an den Lobbies, Sekten und anderen Kampfgruppen abzulesen ist. Der Konformismus hat es in sich. Wer nicht bei Wind und Wetter mit den Wölfen um die Wette heult, hat nichts zu bestellen. Und auch wer kein Mikrophon zur Hand hat, hat nichts zu bestellen.
Differenzierte Überlegungen? Reines Schwadronieren! Ich stelle das mal so in den Raum, wie Moderatoren mit nachdenklichem Blick und innerer Betroffenheit gern sagen, weil ich weiss, was ich jetzt wieder zu hören bekomme: "Haben Sie eine Lösung?" Nein, habe ich nicht. Muss ich auch nicht haben.
Die Deregulierung hat angefangen, die Sitten und sozialen Umgangsweisen zu erfassen. Die öffentlichen Abfallberge sind plötzlich ein Thema. Das kommt davon, wenn man glaubt, alles der Privatinitiative und Selbstverantwortung überlassen zu können. Kein Konsens, keine Verbindlichkeit, keine gemeinsamen Ziele vor Augen, alles alter Kaffee. Individuelle Entfaltung muss sein. Die Zeit für Ellbogenathleten ist gekommen.
Manchmal habe ich die Nase voll. Würde ich jedoch versuchen, mich heraus zu halten, machte ich es mir zu einfach. Würde ich mich aber einmischen, empören, aufbegehren, wäre ich auch nicht ganz bei Trost. Zeitgemässe Widerstandsformen fehlen. Wie soll man sich also unter diesen Umständen verhalten?
Optimismus ist schon lange etwas, das die Börsenstimmung exklusiv wiedergibt. Aber wenn die Euphoriker anfangen zu stampfen, darf man ihnen keine Gegen-Euphorie entgegenstellen, die den gleichen Lärm verursacht, sondern muss sie an ihrer eigenen Euphorie krepieren lassen. Das Nichtmitmachen durch eine paradoxe oder ironische Form des Mitmachens, das heisst durch eine Form der Umkehrung, könnte eine denkbare Strategie sein, würde freilich ein hohes Mass an innerer Fassung erfordern. Widersprüche werden nicht ausbleiben, aber das Zwiespältige und Ununterscheidbare haben unter den aktuellen Umständen eine eminente Bedeutung.
Eine bewusste Lebensführung müsste darauf achten, ohne Parteinahme oder Ablehnung auszukommen und trotzdem nicht in Bitterkeit zu verfallen. Was nicht einfach, aber doch eine Erwägung wert ist.
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| ECHO |
"Es gibt immer wieder Swifts, Polgars und viele andere"
Herzliche Gratulation zu dieser Kolumne und Dank dafür. Es gab immer wieder geistferne Zeiten und es gab glücklicherweise immer wieder Jonathan Swifts, Polgars und manche andere, die uns adäquate Formen des kreativen Umgangs mit ihnen vormachten.
"Das Sauglatte macht auf Dauer nicht satt"
Aurel Schmidt hat einmal mehr den Nagel auf den Kopf getroffen. Bleibt zu hoffen, dass möglicht viele den Daumen dazwischen hatten und so nicht so leicht vergessen. Es gilt durchzuhalten, der neoliberale Sauglattismus macht sich selber kaputt. Man wird nach Werten lechzen, weil man vom Sauglatten auf die Länge nicht satt wird und eh zu den Opfern des Neoliberalsmus gehört. Darum gilt es die Glut einer sodarischen gerechten und ökologischen Gesellschaft zu hüten auch mitten in der Nacht.
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Die Teile werden geändert,
das Ganze bleibt, wie es ist
Politik ist die Kunst, mit weit ausgebreiteten Armen und leeren Händen in der Luft zu rudern und zu rufen: Wir haben die Lösung gefunden! Der Unterschied zwischen Pragmatikern und Ideologen ist gering. Das zweifelsfreie Rechthaben gehört zur Erbärmlichkeit des politischen Dispositivs. Die "Arena" des Schweizer Fernsehens führt das am besten vor. Propaganda und Phonstärke haben das Denken, die Debatte, die Beweisführung abgelöst. Jede Partei will die andere mit dem Hammer überzeugen. Weil das aber jede andere ebenfalls versucht, kommt es zu keiner Verständigung, und das Karussell dreht sich weiter: Nicht im Kreis, sondern im Leerlauf.
Wenn heute die Politiker in die Niederungen der Tagesaktualität hinunter steigen, tischen sie die tollsten Argumente auf. Jede Massnahme, die sie ergreifen, verursacht ein neues Problem, dessen Lösung, wenn es überhaupt eine geben kann, die Lage noch weiter verschlimmert. Konkret verhält es sich so: Wenn ein Loch aufgefüllt werden soll, wird dafür der Aushub verwendet, der beim Graben eines neuen Lochs entstanden ist. Dann muss das neue Loch auf die gleiche Weise mit einem weiteren Loch beseitigt werden. Ein Trauerspiel, keine Satire. Man kann es manchmal kaum glauben.
Beim Steuerpaket, über das am 16. Mai abgestimmt wird, ist das so. Die Steuern sollen gesenkt werden. Auf diese Weise soll die Wirtschaft Schwung bekommen. Aber dann müssten, wenn das stimmte, doch die Steuern eigentlich eher heute als morgen ganz abgeschafft werden. Offenbar ist an dieser Argumentation jedoch etwas falsch, und die ins Feld geführten Vorteile sind an den Haaren herbei gezogen.
Werden die Steuern trotzdem gesenkt werden, bleibt weniger Geld in der Staatskasse zum Ausgeben, und das Geld muss woanders geholt werden. Zum Beispiel durch Erhebung anderer Steuern. Die Einnahmen, auf die der Bund verzichtet, müssen von den Kantonen beschafft werden. Oder die Kantone verzichten auf ihre öffentlichen Aufgaben, und die Menschen müssen vereinfacht gesagt mit den erzielten Einsparungen die Leistungen auf dem freien Markt einkaufen. Das Tram wird teurer, die Kehrichtabfuhr, Bildung und Gesundheit werden zum Luxus.
Weniger Steuern bedeutet: Mehr sparen, das ist in der Politik der Weisheit letzter Schluss. Oder weniger Steuern bedeutet: Weniger Belastung für die Gutverdienenden, was mit einem Zückerchen den Wenigerverdienenden versüsst wird. Oder es bedeutet: Weniger Öffentlichkeit, wir ersparen uns den Staat und leisten uns, wenn wir in der Lage sind, dafür Privatstrassen, eine Privatpolizei und Privatkartoffeln.
Nur wird dabei leider ausser Acht gelassen, dass die staatliche Ordnung ein System ist, ein geschlossenes Ganzes, innerhalb dessen nach der Systemtheorie oder Thermodynamik jeder Eingriff Folgen nach sich zieht, die das Ganze durcheinander bringen.
Alles soll besser werden, lautet die Parole. Wenn aber die Summe stets gleich bleibt, wird tatsächlich nur die interne Anordnung der Teile verändert. In der Steuerpolitik heisst das Umverteilung. Hier ein bisschen weniger, dort dafür etwas mehr.
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| ECHO |
"Das Ganze ist nicht geblieben, wie es war"
"Das zweifelsfreie Rechthaben gehört zur Erbärmlichkeit des politischen Diskurses", schreibt Aurel Schmidt. Was aber hat denn er anzubieten? Ist das "zweifelsfreie Rechthaben" nicht gerade ein Kennzeichen von derartigen abgehobenen Kommentaren?
Möglich ist dies, weil man sich von den "Niederungen der Tagespolitik" fernhält und sich auf mehr oder weniger gut formulierte Fundamentalkritik beschränkt. Die "Arena" von SF DRS gehört heute zur Politik, ist aber keinesfalls einfach "die Politik". Wer sich näher mit der Tagespolitik befasst und zum Beispiel in einer politischen Partei mitmacht (die intensive Lektüre von Tageszeitungen genügt aber auch bereits) erhält ein viel differenzierteres Bild. In der politischen Auseinandersetzung, die nicht nur vor dem Fernsehen und in Abstimmungskämpfen stattfindet, wird im Allgemeinen differenziert verhandelt und nicht einfach von Schwarz/Weissbildern ausgegangen.
Natürlich können auch Politiker keine Wunder bewirken. Sie müssen oft bereit sein, sich mit Kompromissen, Teilzielen usw. zufrieden zu geben. Nur so aber kann das "Ganze" in eine bestimmte Richtung bewegt werden. Wer die Politik der letzten Jahrzehnte überblickt, kann doch nicht behaupten, das "Ganze" sei so geblieben, wie es war. Wenn es sich - zumindest teilweise - insgesamt auch zum Bessern hin bewegt hat, dann wohl mehr wegen der "erbärmlichen" Politik als wegen derartiger Kommentare.
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Eine Kolumne für alle Zwecke
Die Geschichte, die hier erzählt wird, beginnt am 26. Dezember 1620 mit der Landung der "Mayflower" an dem Ort an der amerikanischen Küste, der später Plymouth heissen sollte, genau wie der Hafen, von dem aus die "Mayflower" am 16. September gestartet war. An Bord waren 102 Menschen, die wegen ihrer religiösen Überzeugung die Alte Welt als Verfolgte verlassen hatten und auf der Suche nach einem Gelobten Land waren. Der Winter 1620-21 war fürchterlich, und die Einwanderer überlebten nur dank der Hilfe der in der Gegend lebenden Indianer.
Am 4. Juli 1776 unterzeichneten die amerikanischen Kolonisten die Unabhängigkeitserklärung und befreiten sich von der gesetzgebenden Willkür des Mutterlands. Im Text war nicht nur vom Recht auf Glück ("pursuit of Happiness") die Rede, sondern die Indianer wurden darin als "gnadenlose Wilde" ("merciless Savages") bezeichnet.
1830 unterzeichnete Präsident Andrew Jackson (1829-1837), ein gnadenloser Indianerschlächter, das "Indian Removal Act", auf dessen Grundlage die fünf sogenannten zivilisierten Indianernationen (Cherokee, Seminolen, Choctaw, Chickasaw, Creek) vertrieben beziehungsweise deportiert wurden. Angeblich sollten sie "geschützt" werden, in Wirklichkeit drangen immer mehr weisse Siedler in das Land, das sie für sich beanspruchten ("Gods own country"). In den Jahren bis 1840 mussten 70000 Indianer Platz machen und den Weg in die Einöden von Oklahoma antreten. Es war der berühmte "Trail of Tears".
1864, 1890: Im Verlauf der Geschichte wurden die Indianer immer wieder Opfer von blutigen Massakern. Eines der berühmtesten war dasjenige von Sand Creek am 29. November 1864. Anführer der Colorado Volunteers war Oberst John M. Chivington, ein methodistischer Geistlicher. Was die Indianer betraf, gegen die er in den Krieg zog, war er der Meinung, dass es keinen Frieden in Colorado geben würde, bis sie endgültig ausgerottet sein würden. Ein anderes Massaker fand am 29. Dezember 1890 in Wounded Knee statt. General Nelson Miles, der das 7. Kavallerie-Regiment kommandierte, schlug später einen Aufstand streikender Eisenbahnarbeiter in Chicago nieder.
Die Moral von der Geschichte ist einfach. Die Eindringlinge nannten die Indianer "gnadenlose Wilde" ("Terroristen", würden wir heute sagen) und unternahmen sogenannte Strafexpeditionen ("Vergeltungsaktionen") gegen sie, wenn diese sich wehrten, dass ihr Land besetzt und ihnen weggenommen wurde und sie selber in Reservate ("Homelands") gesperrt wurden. Die neuen Amerikaner hielten sich dabei strikt an die Gesetze, die sie selber erlassen hatten, um ihre Handlungen zu rechtfertigten, die jeder Rechtfertigung entbehrten.
Mit einem Hinweis auf das neue Buch "The Hispanic Challenge" von Samuel P. Huntington, dem Autor von "Kampf der Kulturen", der gewarnt hatte, dass die anglo-amerikanische Zivilistion von lateinamerikanischen Immigranten überrollt wird, hört diese Geschichte auf.
Avis an die Leser und Leserinnen: Dies ist eine Kolumne zum freien Gebrauch. Viele Interpretationen sind möglich und jede denkbar.
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"Ein Bild erschreckender Einfalt"
Ein Leser des "Seitenwechsels" vom 5. April 2004 verläuft sich in seinem Kommentar unter dem Titel "Noch eine amerikanische Blutspur" in anachronistische nationalsozialistische Geschichtsbearbeitung. Die Befreiung Europas vom Hitler-Faschismus durch die USA im Bündnis mit der Sowjetunion und England wird einfältig als Blutspur deklariert. Einfältig deshalb, weil der Autor die NS-Schreckensherrschaft mit der Vernichtung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern, mit der unglaublichsten Zerstörung von Ländern und Menschen im Zweiten Weltkrieg in seinem Artikel vergessen macht. Er verdreht die Geschichte, kehrt Befreiung in Unterdrückung um. Falls der Autor dies witzig (weil unsinnig) finden sollte, so wäre Einfalt als Begriff für diesen Vorgang zu wenig angemessen. Es ist zu hoffen, dass dem Autor sonst wenigstens bewusst ist, wo der Unsinn aufhört.
Aurel Schmidt will mit seinem Artikel deutlich machen, wie die Zerstörung von autochtonen Kulturen funktioniert. Seit der Neuzeit, die vielfach mit der Eroberung Amerikas gleichgesetzt wird, werden die Anderen, die Ureinwohner, als die Bedrohung für die eigene Kultur betrachtet. Es ist endgültig an der Zeit, sich von dem kolonialistischen Denken zu entfernen. Dies ist seit der Befreiung Europas, die 1944 begann, möglich. Die Entfernung vom Kolonialismus verlangt aber Objektivität und nicht Witze im Zusammenhang mit der Befreiung.
Zur Objektivität gehört eine Auseinandersetzung, die unbedingt auch kritische Distanz zu neueren Bestrebungen herstellt. Damit Befreiung erhalten bleibt. "Absoluter Unsinn", wie der Autor des Kommentars seinen Artikel im letzten Absatz bezeichnet, enthält dem gegenüber jenes Moment von Zynismus, das allzu gern in Schrecken umschlägt. Dagegen bin ich als Leser der "Seitenwechsel" dankbar, wie Aurel Schmidt in seinen Kolumnen auf einem Widerspruch besteht, der Rationalität der Leserschaft verlangt.
"Noch eine amerikanische Blutspur"
Herr Schmidt hat noch eine amerikanische Blutspur vergessen: Am 6./7. Juni 1944 landeten 250'000 Amerikaner in der Normandie. Allein am ersten Tag töteten sie über 20'000 Deutsche, Polen, Ungarn, Russen, Ukrainer und andere Europäer, die in der Deutschen Wehrmacht versuchten, den Feind abzuwehren. Bis sie schliesslich im Mai 1945 Deutschland erorberten, kamen weitere tausende von Europäern durch amerikanische Waffen um, darunter unzählige Frauen, Kinder und alte Menschen, wurden hunderte französische, holländische, belgische und deutsche Städte und Dörfer auf diesem Eroberungsfeldzug zerstört. Nach der Eroberung Deutschlands, wurde dem Land eine Verfassung aufgezwungen, welche amerikanischen Grossmachtinteressen am besten diente.
Ich gehe davon aus, dass Sie, Herr Schmidt, diese Bewertung als absoluten Unsinn bezeichnen werden. Recht so. Dann sind wir zumindest was diese Geschichtsperiode anbelangt gleicher Meinung.
Manfred Messmer
Arlesheim
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Keine Alternativen? Über rhetorischen Absolutismus
Wir sind so lange stolz, in einer freien und offenen Gesellschaft zu leben, bis etwas dazwischen kommt. Das sind meistens bestimmte Einzelinteressen. Es ist wie mit den Menschenrechten, dem Datenschutz oder den Rüstungsexporten, die nichts mehr gelten, wenn die Anliegen der Wirtschaft berührt werden. Sobald das Mass voll, werden die schönen Bekenntnisse zu Makulatur.
Alles Weitere wird durch die Diktion geregelt, durch Vermeidung von Kontroversen und Ausschliessung von Alternativen. Es gibt keine Alternative zur Marktwirtschaft, die schon seit Längerem ihr "soziales" Suffix verloren hat; es darf auch keine Alternative zum Globalismus geben, weil sie die Vorteile ihrer Anhänger wahrt; und auch zur multikulturellen Gesellschaft ist jede Alternative ausgeschlossen.
Ex cathedra haben wir kürzlich zu hören bekommen, dass wir "entweder multikulturell sein werden oder nicht sein werden". Das heisst, dass nichts Anderes übrig bleibt, als die Wahl zu akzeptieren, entweder nicht zu sein oder anderenfalls sich des Rassismus oder der Fremdenfeindlichkeit verdächtig zu machen. Die angebliche Möglichkeit zu wählen erweist sich so als ihr genaues Gegenteil. In diesem Sinn gibt es auch zum Gen-Mais, zum staatlich geschützten Bankgeheimnis, zur Lohn- und Rentenanpassung und so weiter keine Alternative - oder darf es keine geben.
Das Gleiche bei der Warnung vor Verboten in der Forschung. Das sieht auf den ersten Blick vernünftig aus, weil es suggeriert, dass hier eine freiheitliche Haltung eingenommen wird, während in Wirklichkeit die Auseinandersetzung über die Voraussetzungen der Wissenschaft und die denkbaren Vorbehalte gegen sie eingeschränkt werden. Die Forschung eröffnet gewiss ein weites Erkenntnisfeld, aber so neutral und über jeden Zweifel erhaben, wie sie sich gibt, ist sie gar nicht, so dass Einwände sehr wohl denkbar sind. Massive finanzielle Interessen verbergen sich hinter ihr, und sie dient Interessen, die im Widerspruch zu anderen Interessen stehen.
Man muss also für die Freiheit eintreten, hier wie überall, aber andererseits sie auch in Frage stellen, damit sie vor Missbrauch bewahrt wird.
Die Bereitschaft, sich diesem Widerspruch auszusetzen und ihn auszuhalten, ist freilich mühsam. Einfacher ist es allemal, Kontroversen abzulehnen, abweichende Meinungen zu unterbinden und Sachzwänge vorzuschieben. So und nicht anders! Es ist nicht falsch, in diesem Fall von Bevormundung zu sprechen. Das Einheitsdenken, die "pensée unique", behindert und unterjocht jede anders lautende Meinung und führt von der Vielfalt begründeten Meinungen zur Einfalt der Zustimmung.
Wenn das Dekret an die Stelle der Diskussion tritt, ist das immer der erste Schritt in den Fundamentalismus und das Sektierertum, die beide den allein richtigen Glauben verkünden und in jeder Form von Skepsis ein Sakrileg sehen. Die Unmenschlichkeit des Terrors und des Totalitarismus in jeder Form besteht gerade in der Verabsolutierung der einen und einzigen Lehre, die immer die eigene ist, und darin, dass sie jede Parallelauffassung ausschliesst.
Dagegen gibt es nur den Wettbewerb der Ideen und ein unabhängiges, widerständiges Denken. Mehr nicht, aber soviel bestimmt.
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Eingebettete Wirtschafts-Journalisten
Die Wirtschaft stagniert! Das ist der neue neoliberale Schlachtruf. Immerhin will sich ein Unternehmen wie Google in Zürich niederlassen - so schlimm kann es also nicht stehen. Zutreffen könnte aber, dass sich die Arbeitslosigkeit nachteilig auf die Wirtschaftslage auswirkt. Entlassungen belasten die allgemeine Wirtschaftslage, sie sind nicht die Lösung des Problems. Vielleicht liegt die Stagnation auch an den Gewinnen, vor allem der Banken. Das ist Kapital, das aus der Wirtschaft gesaugt wird und ihr dann fehlt.
Aber so wird kaum je argumentiert. Dafür haben wir in den vergangenen Wochen unglaubliche Geistesausbrüche der "embedded journalists" in den Wirtschaftsredaktionen zu lesen bekommen.
So meinte einer von ihnen etwa, die Millionenlöhne der Bosse seien "ohne Belang". So unerheblich können sie aber kaum sein, wenn die UBS zum Beispiel an den Todesanzeigen für ihre Mitarbeiter 70000 Franken jährlich einsparen will. Mit dem Lohn von UBS-Präsident Marcel Ospel (17,2 Millionen) würden keine Stellen gerettet, meinte der gleiche Journalist. Legt man jedoch den Gewinn der Bank (6,3 Milliarden) zu Grund, sieht die Sache anders aus. Ospel ist auch kaum der einzige Lohnempfänger, Peter Wuffli und zwei, drei Andere werden auch nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Nur das Einkommen von Ospel als Vergleich heranzuziehen, ergibt eine falsche Aussage. Aber so geht die Diskussion, wenn man vor lauter Wassermassen die Tropfen übersieht.
In das Lamento ist auch der Schweizerische Gewerbeverband eingestimmt, als er, um einen "dauerhaften Aufschwung" zu erzielen, den Vorschlag machte, das Rentenalter auf 67 Jahre festzusetzen und das Einkommen im Alter zu senken, weil die Leute ja nicht mehr voll leistungsfähig sind. Wären tiefere Löhne und längere Arbeitszeiten ein Mittel gegen die Stagnation und für den Aufschwung, müssten die Löhne in Fortführung der eingeschlagenen Logik halbiert werden und läge das Rentenalter bei 70, 71, 72 noch besser.
Ich habe schon immer den Verdacht gehabt, dass die Beschäftigten das grösste Hindernis für das wirtschaftliche Wohlergehen bilden, das ohne sie sehr gut auskommen würde. Andererseits können tiefere Löhne kaum den Ausschlag geben, wenn die Millioneneinkommen "ohne Belang" sind.
Aber auch das ist kein Thema. Ebenso wenig wie die Entlassungen. Carl Wild in der "Basler Zeitung", der immer ein verständnisvolles Wort für die Schwerarbeiter in den Teppichetagen findet, musste zugeben, dass der Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinnen und Stellenabbau "nicht einmal falsch" sei. Denn auf diese Weise könnten die verbleibenden Stellen erhalten werden. Er vergass nur, dass die Rest-Jobs in der nächsten Runde an die Reihe kommen und er dann wieder das Gleiche sagen wird. Sehr genau weiss er auch, ohne es aber zu sagen, dass Stellenabbau oder Offshoring nichts mit der Sanierung maroder Unternehmen ("hart, aber nötig") zu tun hat, denn auch bei glänzender Gewinnlage wird abgebaut, wie UBS, Deutsche Bank, Swisscom und neuerdings auch Nestlé zeigen.
Ich sage: Versucht es einmal umgekehrt mit Lohnerhöhungen, nicht nur bei den hohen Einkommen. Das würde mehr Kaufkraft zur Folge haben, mehr Konsum, mehr Umsatz, mehr Wachstum, mehr Arbeitsplätze, mehr Steuereinnahmen. Rosige Zeiten stünden bevor.
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| ECHO |
"Habe ich in der Wirtschaftskunde etwas nicht begriffen?"
Gut getroffen. Wie fast immer. Bravo!
Unanständige Riesengewinne und Millionenlöhne! Ich lese und staune. Das Thema spricht mich an. Ich neige dazu, zuzustimmen. Wer kann schon dagegen sein, der viiiel weniger bekommt und sich auch anstrengt und auch etwas leistet? Doch dann blättere ich wieder zurück und stolpere über einen Schluss, den ich nicht nachvollziehen kann: "Das ist Kapital, das aus der Wirtschaft gesaugt wird und ihr dann fehlt."
Eine Frage stellt sich mir: Wenn einer für seinen Job sagen wir 80'000 Franken bekommt, so bleibt dieser Betrag der Wirtschaft erhalten, weil er ja wieder ausgegeben wird. Wenn einer nun aber x Millionen bekommt - wird dieses Kapital dann der Wirtschaft entzogen? Was machen denn die Top-Verdiener mit Ihrem übergrossen Verdienst. Wenn sie das Geld verbrennen würden, wäre die Aussage wohl richtig. Würde es dauerhaft in Herrn Ospels Kopfkissen parkiert, wäre die Aussage vorübergehend wohl auch richtig.
Aber was machen denn die Herren wirklich damit? Anlegen? Ausgeben? Dies wäre wohl alles auch "Wirtschaft". Auch wenn wir jetzt annähmen, all diese Gehälter würden auf sagen wir 200'000 Franken plafoniert, dann würde der Gewinn um den eingesparten Betrag höher und im Endeffekt würde wohl der Zins oder der Preis etwas sinken. Das wäre zwar gut für die Schuldner, aber für die ganze Wirtschaft? Würden deswegen mehr Leute angestellt? Ist das jetzt ein Widerspruch oder ein Paradoxon? Oder habe ich in Wirtschaftskunde seinerzeit etwas nicht begriffen?
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