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Frühere "Seitenwechsel"

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Foto Ruedi Suter
Aurel Schmidt war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Die Alpen - schleichende Zerstörung eines Mythos" (1990), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Zuletzt erschienen: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002).
aurel.schmidt@bluewin.ch
www.aurelschmidt.ch
(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)
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Sprach-Design
an Wörtern und Begriffen
Die Kolumne, in der ich schrieb, dass Gesetze keine Verbote sind, hat viel Staub aufgewirbelt. Die Aussage bezog sich auf ein aktuelles sprachliches Phänomen: Wörter und Begriffe werden mit abweichenden Inhalt aufgeladen, sozusagen kolonialisiert. Statt von Gesetzen zu sprechen, die eine bestimmte juristische Bedeutung haben, spricht man von Verboten und diskriminiert auf diese Weise die sinnvolle Funktion von Gesetzen für das öffentliche Leben.
Mit diesem Sprach-Design wird neuer Wein in alte Schläuche gefüllt. Etwas Evidentes wird vorgeschoben (niemand befürwortet Verbote), um etwas anderes zu verheimlichen (dass Regulierungen den Handlungsfreiraum bestimmter Betroffener stört).
Der Ausdruck liberal ist einer von vielen aus dem Thesaurus des neuen Sprachkampfs. Er meinte im 19. Jahrhundert eine freiheitliche Ordnung gegen den absolutistischen und restaurativen Staat. In den Vereinigten Staaten bedeutet er heute in einem abschätzigen Sinn soviel wie vorurteilslos, weltoffen oder einfach links, während er in Europa genau das Gegenteil ausdrückt: Eine Gesellschaftsordnung, die gut für das Geschäft ist.
In Übereinstimmung mit dieser Sprachpraxis ist es vorteilhafter, von Steuerwettbewerb zu sprechen anstatt von Steuersenkungen. Denn Wettbewerb ist etwas Gutes (die Konkurrenz muss nachgeben, das ist gut für uns), während Steuersenkung doch zu sehr erkennen lässt, was beabsichtigt ist und wer die wirklichen Nutzniesser sind. Genauso bedeutet Verkehrsmittelwahlfreiheit (was für eine Anstrengung beim Aussprechen) den vorrangigen Ausbau des Strassennetzes für den privaten motorisierten Verkehr vor dem öffentlichen Verkehr.
Ein Modewort par excellence ist Flexibilisierung. Es will nicht Biegsamkeit ausdrücken (wie Pappeln sich im Wind biegen und schmiegen), sondern wird gebraucht, wenn die Verhältnisse so zurechtgebogen werden, wie es denen passt, die es so wollen. Wenn also in der Wirtschaftspresse der Jubel über den neuen Aufschwung ausbricht, dann heisst das, dass die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse (Billigjobs, Teilzeitverträge, Lockerung des Kündigungs- und Arbeitsschutzes, Nacht- und Sonntagsarbeit) endlich edle Früchte trägt.
Zum neuen Sprach-Design gehört auch die Bezeichnung unternehmerische Freiheit. Gemeint ist damit der Anspruch, ohne Erschwerungen, also unter Umständen willkürlich, Entscheidungen treffen zu können, bestimmt jedoch kein Hinweis auf die Probleme des Buchdruckers, der meine Visitenkärtchen druckt.
Als Verhinderer oder neuerdings Moralisierer gelten Menschen, die nicht einverstanden sind mit dem, was man ihnen vorsetzt, und eine andere Meinung vertreten als "Avenir Suisse".
Ausdrücke wie Musik oder Kulturstadt Basel werden für ärgerlichen Nachtlärm verwendet.
Den Vogel abgeschossen hat kürzlich ein Ehepaar, das in zwei verschiedenen Leserbriefen in der "Basler Zeitung" Begriffe wie bevormundende Ethik und überethische Vorsicht gebrauchte. Es meinte, dass ethische Prinzipien in der Genom-Wissenschaft den Forschungsplatz Schweiz ins Hintertreffen bringen. Ethik? Riecht verdammt nach links-grün-sozialistischer Verbotsabsicht ...
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"Nachdenken ist die Herausforderung unserer Zeit"
Früher wurde ohne viel Federlesens von oben klar diktiert, was Sache war. Punkt, Schluss. "Beim dritten Ton ist genau 12.30 Uhr." Dieser Beromünster-Spruch klingt noch in meinen Ohren nach, den ich als Kind mitbekam. Heute ist die Sprachwahl der Behörden und Firmen sehr vorsichtig geworden, wie eine Knetmasse biegsam. Ja niemandem wehtun, Raum offen lassen für versteckte Absichten. Die globalisierten Weltunternehmen beschäftigen Leute, die genau wie Aurel Schmidt es beschreibt, ihre wahren Absichten in Worthülsen verschleiern. Das ist gefährlich für unsere Fernseh-Gesellschaft, vor allem die Jüngeren. Es wird nur noch flüchtig am Morgen die Gratiszeitung gelesen, mehr nicht. Dieses Mitschwimmen im "Mainstream" des oberflächlichen Nachdenkens erleichtert Behörden und Firmen sehr, ihre wahren Absichten zu vernebeln. Zwischen den Zeilen lesen, nachdenken um was es im Text eigentlich geht, ist die Herausforderung unserer Zeit. Gewiss manchmal etwas anstrengend und mühsam für jedermann. Der kritische Bürger gerät in Gefahr zur Spezie Rara abzutauchen, leider.
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Gesetze
sind keine Verbote
Die Krebsliga und die Lungenliga beider Basel haben eine Initiative zum Schutz vor dem Passivrauchen lanciert. Ein liberodemokratischer Parteigänger, in seinem Freiheitsdurst beschnitten, reichte daraufhin eine staatsrechtliche Beschwerde ein, weil die Initiative seiner Ansicht nach gegen das Recht auf Leben und Privatsphäre sowie die persönliche und Wirtschaftsfreiheit verstosse. Sie drücke eine sozialistische Geisteshaltung aus. Wir wissen daher jetzt, dass 1. eine Initiative etwas Sozialistisches ist (so wird die Demokratie dekonstruiert) und 2. das Rauchen ein wirtschaftsfreundlicher Akt ist (Krankheit ist gut für die aktuelle Berechnung des Bruttosozialprodukts). Es war an der Zeit, es einmal offen zu sagen ...
In Wirklichkeit ist Rauchen nicht nur eine Belästigung der Passivraucher, sondern nachgewiesenermassen eine Gesundheitsgefährdung aller. In Norwegen, sogar in Italien ist das Rauchen in öffentlichen Räumen untersagt - problemlos. In Deutschland und Frankreich ist es vorgesehen. Anders sah der Basler Beschwerde-Führer in diesem Land eine "Normophobie" um sich greifen.
In ihren vier Wänden können alle tun und lassen, was sie wollen. Das Verhalten in der Öffentlichkeit unterliegt anderen Kriterien. Das Zusammenleben der Menschen muss sinnvoll geregelt werden. Es kommt allen zugut. Andernfalls breitet sich eine Schreckensherrschaft aus, wie William Golding sie in seinem Roman "Herr der Fliegen" eindrücklich beschrieben hat.
Was als Normophobie bezeichnet wird, ist unter diesen Umständen eine üble Nachrede auf eine Gesellschaftsform, in der Ordnung walten und nicht Willkür herrschen soll.
Sollen Raucher tun dürfen, was sie wollen? Ist Rücksichtnahme Freiheitsentzug? Und die Raser? Sind Verkehrsreglungen eine Behinderung des Autofahrens? Sollen Raubkopierer ungehindert ihrem Tun nachgehen? Da wehrt sich inzwischen selbst die Wirtschaft. Sollen Insidergeschäfte straffrei sein? Gilt für Hassprediger die Religionsfreiheit? Und für Gammelfleischproduzenten die Wirtschaftsfreiheit? Ist es verfehlt, gegen Chemie-Deponisten vorzugehen, die viel verdienen, wenn sie Anderen eine ausgebeutete, kaputte Welt hinterlassen? Kämpfen Litterer, die die öffentlichen Grünanlagen privatisieren, für eine freiere Schweiz? Soll man den Vandalen nachts in den S-Bahn-Zügen ihren Spass lassen?
Antwort überflüssig. Trotzdem stimmt jetzt auch die NZZ in die Jeremiade über die "Verbotsgesellschaft" ein, nachdem kurz zuvor in ihren Spalten noch der "Ruf nach mehr Regeln" ertönt und der "Preis zu larger Normen" beklagt worden war, den wir bezahlen müssen.
Man sagt jetzt einfach Verbot statt Gesetz und lenkt auf diese Weise die Diskussion in eine falsche Richtung.
Regulierung passt den Alles-Deregulierern nicht ins Konzept. Das ist verständlich. Sie möchten sich nicht einschränken müssen. Doch ihre Deregulierung ist nur eine umgekehrte Regulierung, die ihnen sowohl Vorteile bringt als auch erlaubt, ihre Absicht hinter einer praktischen Begriffsfassade zu verstecken.
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"Es braucht noch mehr Verbote"
Ohne Verbote kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren, sagte einmal Friedrich Dürrenmatt an einem Podiumsgespräch in Zürich. Seither ist viel Wasser die Limmat heruntergeflossen, die Feststellung des grossen Schweizer Schriftstellers ist immer noch gültig. Früher, in der "guten alten Zeit", bekamen die Kinder noch eine gute Erziehung mit auf den Weg. Heute nicht mehr, oder fast nicht mehr. Die Folgen des laisser-faire glänzen auch in der Schweiz: "Littering" soweit das Auge reicht, während dem Gehen auf den Boden spucken, rauchen an allen möglichen und unmöglichen Orten. Die Nacht wird zum Tage gemacht, lautes Gelafer und Türenknallen morgens um zwei gehören doch zum guten Ton in unserer Gesellschaft, nicht wahr?
Die Raucher in unserer Gesellschaft bilden eine spezielle Kaste, rücksichtslos, die eigene Gesundheit missachtend. Viele Krankheiten nehmen ihren Ursprung im übermässigen Tabakkonsum. Das wissen alle, trotzdem wird fröhlich weitergepafft, ohne Rücksicht auf Verluste, für etwas hat man schliesslich die Krankenkasse.
Als Nichtraucher meide ich Lokale wo Rauchschwaden das gute Essen begleiten. Der Trend, den Rauchern ihr Laster in öffentlichen Lokalen einzuschränken, ist begrüssenswert. Mit hahnebüchenen Argumenten versucht die Raucherlobby verzweifelt, das Damoklesschwert des Rauchverbotes abzuwenden. Es wird ihr nicht gelingen. Immer mehr Bürger lehnen den blauen Dunst ab.
Die Frage bleibt im Raum stehen, wieviele Verbote unsere Gesellschaft benötigt? Würde die grosse Mehrheit unserer Bürger etwas mehr Anstand und Höflichkeit an den Tag legen, könnten wir getrost auf die "Verbotitis" verzichten. Weil aber immer mehr Bürger nur nach ihrem Gutdünken leben wollen, ist es soweit gekommen. Nicht der Staat ist das Problem, sondern seine ungezogenen egoistischen Flegel, die Wörter wie Anstand und Höflichkeit aus ihrem Vokabular längstens gestrichen haben. Deshalb braucht es Verbote und bei Übertretung gnadenlose Verfolgung durch den Staat.
"Diese Aussage verhöhnt die damaligen, wirklichen Opfer"
Es ist wirklich erstaunlich, in welch absurden Verfolgungswahn sich die Rauchfreunde und "Verteidiger der Freiheit" zuweilen hineinsteigern. Nun werden Massnahmen zum Schutze der Nichtraucher sogar mit dem Holocaust (!) verglichen. Eine solche Aussage, die die damaligen, wirklichen Opfer übel verhöhnt und den Holocaust banalisiert, muss nicht weiter kommentiert werden, der Schreiber entlarvt sich damit selbst.
Zuhanden derjenigen Leserinnen und Leser, die an Argumenten und nicht an Polemik interessiert sind, hier nochmals einige Fakten, die im allgemeinen Empörungs-Lärm unterzugehen drohen: Tabakrauch in Innenräumen bedeutet für alle, die diesem Rauch ausgesetzt sind (auch für Nichtraucher und insbesondere für Kinder) nicht nur eine Belästigung, sondern eine massive Gesundheitsgefährdung bis hin zu Krankheit und sogar möglicher Todesfolge. Dies ist eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache, da ändern alle Verharmlosungsversuche der Rauchfreunde nichts daran. Die Feinstaubbelastung in Beizen ohne Rauchverbot liegt beispielsweise 10- bis 20-mal höher als der Grenzwert der Luftreinhalteverordnung.
Die persönliche Freiheit des Rauchers muss angesichts dieser Tatsachen also dort aufhören, wo sie zu Lasten anderer geht - eben zu Lasten derer, die unfreiwillig mitrauchen. Jahrzehntelang galt nämlich umgekehrt: Wer nicht passivrauchen und damit seine Gesundheit schädigen wollte, der durfte nicht ins Kino, nicht in den Ausgang, nicht in ein Flugzeug. Nachdem endlich einige Verbesserungen auf den Weg gebracht wurden (zum Beispiel rauchfreie öffentliche Verkehrsmittel), fordern Nichtraucherinnen und Nichtraucher nun nichts anderes als die Freiheit, uneingeschränkt am sozialen Leben - auch in Restaurants - teilhaben zu dürfen, ohne dabei passivrauchen zu müssen. Dies ist ein Freiheitsbegriff, für den zu kämpfen es sich lohnt.
"Wann wird die freie Nutzung der eigenen vier Wände verboten sein?"
Mit seiner Aussage "In den eigenen vier Wänden können alle tun und lassen, was sie wollen" lehnt sich Aurel Schmidt etwas gar weit aus dem Fenster. Noch kann das jeder, müsste man beifügen. Denn, folgt man der Entwicklung der letzten rund 35 Jahre, dann dürfte es auch mit der freien Nutzung der eigenen vier Wände in wenigen Jahren vorbei sein. Angefangen vom Kinoverbot für Raucher Anfang der siebziger Jahre über das Flugreiseverbot bis hin zum Bahnreiseverbot 2005 haben die Raucher mannigfaltige Einschränkungen hinnehmen müssen. Jetzt folgt mit dem Rauchverbot in öffentlichen Räumen das Ausgangsverbot für Raucher. Als nächstes wird das Rauchverbot an allen Arbeitsplätzen und damit das Arbeitsverbot für Raucher kommen. Dann mit dem Verbot im öffentlichen Raum inkl. Strassen und Plätze sowie im Auto das totale Mobilitätsverbot für Raucher. Als krönender Abschluss der Kampagne folgt schliesslich das Rauchverbot in den eigenen vier Wänden - und damit das Lebensverbot für Raucher.
Diese groteske Hatz auf die Raucher erinnert mehr und mehr an die fatalen Ereignisse der dreissiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ein verwirrter Österreicher in Deutschland unliebsame Teile der Bevölkerung jagen, weg sperren und auslöschen liess. Ereignisse, welche wir nie mehr erleben wollen!
Dass sich aber die links-grüne Anti-Raucher-Lobby ausgerechnet Felix Gutzwiller zu ihrem Vorbild und Vordenker erkürt, stellt sie endgültig ins Abseits und ins Reich der verblendeten, unglaubwürdigen Fantasten. Wes Geistes Kind und wie glaubwürdig dieser selbst ernannte "Präventivmediziner" (sic!) und seine Gefolgsleute sind, manifestiert sich eindrücklich darin, dass sie einerseits zum grossen Halali auf die Raucher blasen und andererseits in bester Alt-68er-Manier das freie Kiffen und den freien Konsum harter Drogen propagieren. Schizophrener geht's nimmer!
Abdul R. Furrer
seit 39 Jahren beschwerdefreier Raucher
Basel
"Weshalb soll freier Wille verboten werden?"
Ein rauchender oder nichtrauchender Gastronom stellt exklusive rauchende Mitarbeiter an. In sein Lokal gehen exklusive Raucher. Freier Wille, allseitig. Weshalb soll das verboten werden?
"Noch immer gibt es viel zu wenige Nichtraucher-Restaurants"
Vielen Dank, Herr Schmidt, für Ihren brillanten Beitrag wider das momentan so trendige Jammern über den bösen "Verbotsstaat". Einige der Reaktionen auf Ihren Artikel zeigen, dass manche Leute sich stur weigern, einzusehen, worum es eigentlich geht. Niemals dürfe eine Demokratie "über Leben und Freiheit eines Menschen" entscheiden, lese ich da (und wundere mich: Rauchen ist also gleichbedeutend mit "Leben und Freiheit"?). Aber ein Wirt darf über Leben und Gesundheit seiner Angestellten entscheiden, indem diese stundenlang in rauchgeschwängerten Räumen arbeiten müssen?
Das Argument, jeder Gastroangestellte könne ja frei entscheiden, ob er in einem Raucher- oder Nichtraucherbetrieb arbeite, ist zynische Augenwischerei. Noch immer gibt es viel zu wenige Nichtraucher-Restaurants, um allen Gastroangestellten, die dies wünschen, einen rauchfreien Arbeitsplatz zu bieten. Und übrigens: Es sind durchaus nicht nur die "Linken", die "68er", die sich für rauchfreie Arbeitsplätze einsetzen. Dieses Ammenmärchen sollte endlich ad acta gelegt werden, denn ein Blick in unsere Basler Initiativkomitees zeigt, dass viele Politiker aus bürgerlichen Parteien dieses Anliegen unterstützen. Wie sagt doch FDP-Nationalrat Dr. med. Felix Gutzwiller in unserer Initiativ-Broschüre: "Der Staat muss nicht viel, aber er muss den Schutz der Freiheit garantieren - dazu gehört auch die Gesundheit, soweit sie von anderen bedroht ist. Das unterscheidet unsere liberale Gesellschaft von Anarchismus und Faustrecht."
Andrea Bollinger
Grossrätin SP Basel-Stadt
Mitglied Initiativ-Komitee "Schutz vor Passivrauchen"
Basel
"Mich nervt das hysterische Getue"
Ich frage mich was als Nächtes dran kommt, wenn die Anti-Raucherkampagne vorbei ist. Schliesslich ist ja alles gut, was in der EU verboten, reguliert und mit Paragrafen und viel Blabla erlassen und dann auch noch mit einem Bussenkatalog manifestiert wird!? Gesetze, Strafandrohungen, Polizeistaat, Überwachung von allem und jedem. Es ist schon jetzt feststellbar, wie teilweise aggressiv "gemotzt" wird, wenn sich einer in gewissen Restaurants oder Cafés eine Zigarette anzündet, aber normalerweise ja nicht direkt, sondern, typisch schweizerisch, hintenrum.
Im Übrigen ist es belustigend, wenn immer der Erfolg in anderen Ländern gemeldet wird. In Italien zum Beispiel hat es praktisch vor jedem Restaurant/Bar/Cafe ein vom Wirt aufgestelltes Zelt, welches noch mit Gasheizstrahler beheizt wird, und in dem sich die Raucher statt im Restaurant aufhalten. Der Vorteil ist, dass es im Restaurant viel unbesetzte Plätze hat, der Nachteil aber, dass genau so viel geraucht und zusätzliche Energie (Gasheizstrahler) verschwendet wird. Die Verkaufszahlen der Zigaretten sind nicht zurückgegangen!
Nun denn, ich freue mich schon darauf, wenn bei uns die "Antiraucher-Polizei" unterwegs ist und Strafzettel verteilt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es, wird ein Raucher freundlich darauf aufmerksam gemacht, doch bitte rauszugehen oder das Rauchen zu unterlassen, meistens keine Diskussionen gibt. Es ist auch hier so: So wie man in den Wald ruft, tönt es zurück! Mich als Nichtraucher jedenfalls nervt das jetzige hysterische Getue gewisser Kreise.
"Widerspruch, Herr Imber!"
Was Siro Imber völlig ausser Acht lässt, ist
1. die solidarische Haftung, welches unser gesamtes Versicherungswesen ausmacht: Die Risiken, welche beispielsweise das Rauchen generiert, tragen alle, die krankenversichert sind. Auch und gerade jene, welche nicht rauchen. Diese werden nicht gefragt, ob sie den Rauchern bei den eindeutig öfter und stärker anfallenden Krankheitskosten beistehen wollen oder nicht. Sie werden einfach zur Kasse gebeten. Was die Raucher mit ihrem Beitrag in die AHV-Kasse leisten, wiegt die Solidarkosten, welche die rund 70 bis 75 Prozent Nichtraucher in der Schweiz an die Krankheitskosten, welche die Raucher nachgewiesenermassen als Individuen in sehr viel grösserem Umfang verursachen als die Nichtrauchenden, nicht auf.
2. Warum soll eine nichtrauchende Person dann, wenn sie eben nicht Tabakrauch ausgesetzt werden möchte, weil sie nicht unnötige Krankheitsrisiken auf sich ziehen möchte, aus vielen Lokalen, vielen öffentlichen Einrichtungen usw. ausgeschlossen werden, weil die Rauchenden meinen, ihre Freiheit sei total, diejenige der Nichtrauchenden aber sei einzuschränken? Darauf läuft es hinaus, wenn der uneingeschränkten Raucherfreiheit das Wort geschrieben wird. Dann kann man aber sagen: Rauchende gefährden nicht nur - freiwillig - ihre Gesundheit, sondern sie gefährden auch die Gesundheit der Nichtrauchenden überall dort, wo sie uneingeschränkt rauchen. Zum Beispiel die Gesundheit des Gaststättenpersonals.
3. Gerade auf Grund des in Punkt 2 Geschriebenen ist klar, dass es Rauchern zuzumuten ist, sich in Fumoirs zurückzuziehen. Nicht die Nichtrauchenden sollen sich verziehen, sondern die Rauchenden. Das hat nichts mit Freiheitsberaubung zu tun, sondern mit Gerechtigkeit und Rechtsgleichheit. Die Rauchenden nehmen sich heute in der Schweiz nach wie vor heraus, die Nichtrauchenden zu kujonieren. Dies soll gesetzlich endlich geändert werden. Mit 68ern oder mit "Ewiggestrigen" oder gar "Klassenkämpfen" hat das schlicht nichts zu tun - man schaue sich in Italien um, in Frankreich, in den USA. Das sind ja nun auch nicht gerade Staaten, in denen 68er das Sagen haben.
Alois-Karl Hürlimann
Berlin
"Ein exemplarischer Schluss-Satz"
1. Es ist eine freie Entscheidung, in ein Restaurant zu gehen, in dem geraucht wird. Kein Mensch wird dazu verpflichtet und ein Wirt kann in seiner eigenen Gaststube (sic!) immer noch selbst entscheiden, ob geraucht wird oder nicht. Auch wer sich dafür entscheidet, in einer Gaststube zu arbeiten, wo geraucht wird, setzt sich dem selben oder gar geringeren Risiko aus, wie viele andere Berufsgruppen (beispielsweise Bauarbeiter) bei denen wir dies anstandslos hinnehmen.
2. Weshalb es Rauchverbote in Restaurants braucht, ist für mich unerklärlich und hat mit einer freien Gesellschaft nichts zu tun, sondern mit einer Gesellschaft, die den Menschen ihr eigenes mehrheitsfähiges moralisches Verhalten vorschreiben will, obwohl sie nicht einmal davon betroffen ist. Grundsätzlich stehen Freiheitsrechte über den Rechten der Demokratie. Anders gesagt: Niemals darf demnach eine Demokratie über Leben und Freiheit eines Mensches entscheiden dürfen. Die Rechtsnatur dieser Freiheitsrechte begründet jeder wohl anders.
3. Es gibt in Basel zahlreiche Lokale, in denen nicht geraucht wird. Jeder kann diese aufsuchen, wenn er möchte. Ich möchte jedoch nicht, dass anderen Personen meine oder fremde moralische Vorstellungen aufgezwungen werden, wenn dadurch niemand tangiert wird, der sich nicht selbst freiwillig dem Rauch aussetzt.
4. Einer der einzigen Gründe, weshalb der Gesetzgeber ein Gesetz (im formellen Sinn) mit Aussenwirkung erlässt, ist übrigens genau dafür, damit er Freiheitsrechte von Menschen einschränken kann. Ansonsten gilt glücklicherweise immer noch, dass ein Mensch ohne staatliches Zutun tun und lassen kann, was wer will, wenn es formell-gesetzlich nicht geregelt ist.
5. Es sei mir als jüngerer Person vielleicht noch erlaubt, anzumerken, dass der Autor meines Empfindens etwas dem Klassendenken aus Zeiten vor dem Mauerfall nacheifert. Exemplarisch ist der Schluss-Satz der Kolumne, welcher nicht mehr wirklich in die heutige Welt passt und mich eher an die siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Ich finde es denn auch erwähnenswert, dass - um im besagten Denkschema zu bleiben - ausgerechnet diese Gruppierungen und Personen am lautesten nach Rauchverboten schreien, die sich selbst als grosse 68er-Befreier feiern. Doch anscheinend sich die Eltern von gestern und die "befreiten" Eltern von heute so unterschiedlich auch nicht.
"Es scheint an Gestaltungs- wie an Führungskraft zu fehlen"
Für einmal verstehe ich Aurel Schmidt ganz und gar nicht. Eigentlich erlebe ich ihn in seinen Kolumnen meistens als offenen, liberalen Geist. Aber nun scheint er doch zu kurz gezielt zu haben. Zu Recht titelt er "Gesetze sind keine Verbote". Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Verbote allein sind eben auch noch keine Gesetze. In letzter Zeit verliert die Politik ganz offensichtlich Fantasie und Kraft. Auf jede gesellschaftliche Entwicklung, die man in einer vermuteten Mehrheitssicht als Fehlentwicklung beurteilt, ist die Politik auf allen Ebenen offenbar nur noch mit dem Ruf nach "Verbot" reaktionsfähig. Es scheint sowohl an Gestaltungs- wie an Führungskraft zu fehlen. Oder ist Politik in unserer Gesellschaft so nebensächlich geworden, dass sich auch beste Handlungsabsicht nur noch verliert? Wer eine Gesellschaftsform aufbaut, die nur noch aus Verboten besteht, wird die Menschen verlieren.
Und in diesem Fall hat Aurel Schmidt schon sich selbst verloren. Denn in einem Text aus seiner Feder mit dem Titel "Die Aufklärung ist noch nicht überholt" lese ich: "Niemand hat die Wahrheit gepachtet, und 'niemand weiss von nichts etwas Genaues' (Xenophanes). Deshalb sind Kritik und Kontroverse wichtiger als Purismus, Betroffenheit, Empörung & Co." Und ganz sicher auch wichtiger als nur der simple Ruf nach Verboten.
"Dümmliche Deregulierungs-Phobie"
Kürzlich fuhr ich auf dem Rad um 22 Uhr über die Mittlere Brücke. Gegenüber vom Käppelijoch pisste ein etwa 40-jähriger Mann vom Trottoir her auf die Strasse und traf dabei auch eine auf dem Rad vorbeifahrende Frau. Sie beklagte sich, indem sie dem Pisser vorwarf, einen unhöflichen Akt zu vollbringen. Er schrie: Hier sind wir in der Schweiz und ich kann machen, was ich will. Das ist ein freies Land!
Am anderen Tag habe ich den dümmlichen Leitartikel in der NZZ , den Aurel Schmidt nennt, gelesen. Wieder einmal ging es dort darum, der sogenannten Deregulierung das Wort zu reden. Warten wir es ab: Wenn am 1. Mai in Zürich erneut ein paar Scheiben in Bruch gehen werden - was allerhöchstens Ausdruck einer dümmlichen "Deregulierungs"-Phobie ist -, werden wir in der NZZ dann schon wieder gemahnt, den sogenannten Anfängen zu wehren. Natürlich mit härtester Regulierung.
Im Prinzip geht es den Deregulierungs-Ideologen ausschliesslich darum, ohne Rücksicht auf Andere vor allen Dingen die Umwelt kaputt verschmutzen zu dürfen, und zwar um der kurzfristigen Rendite willen. Aurel Schmidt hat diese Haltung knapp, aber präzise beschrieben.
Alois-Karl Hürlimann
Berlin
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Post-Demokratie
und neue Weltordnung
Die Verwaltungsräte der alten Swissair haben oft, wie Eric Honegger zugegeben hat, Entscheidungen getroffen, ohne im Besitz der relevanten Unterlagen zu sein. Aber in Bülach haben sie mit Ausdrücken wie "Mumpitz" und "Rufmord" die Staatsanwaltschaft beschimpft, die NZZ identifizierte eine "krampfhafte Suche nach der Straftat". Immerhin hat der Verwaltungsrat das Unternehmen mit zwei Milliarden Steuergeldern erfolgreich in den Ruin getrieben. Es wird schon erlaubt sein zu fragen, was Verwaltungsräte eigentlich tun ausser Honorare und Sitzungsgelder zu kassieren.
Das Beispiel Mannesmann-Vodafone hat an die Öffentlichkeit gebracht, wie die Verwaltungsräte Millionen unter sich verteilten und Josef Ackermann mit dem V-Zeichen aus dem Gerichtssaal trat. Die Krisen von Daimler-Chryseler (wo die Fusion einst als "Hochzeit im Himmel" gefeiert wurde), Airbus und anderer Unternehmen, wo das Personal die Fehlentscheide des grosszügig entlöhnten Managements bezahlen musste und muss, gehören in das gleiche Kapitel.
Kürzlich war in einer Zeitung eine Fotografie abgedruckt, auf der Marcel Ospel von der UBS Bundesrat Christoph Blocher und andere strahlende Wirtschaftsleute und Politiker zu einem VIP-Empfang begrüsste.
Das Bild hatte eine hinterhältige Symbolkraft. Man hätte denken können: Ein Vertreter der Landesregierung ist zum Befehlsempfang bei den Spitzen der Wirtschaft und Finanzwelt angetreten. Die Aufnahme hat sichtbar gemacht, wer hier das Sagen hat. Aber halt! Von Befehlsempfang kann wirklich keine Rede sein. In diesem Land geschieht alles freiwillig, aus Eigeninitiative und ohne normativen Zwang. Die Zuständigkeiten sind genau geregelt, und die "Herren der Welt" (Pierre Bourdieu) wissen bestens, worauf es ankommt.
Im Zug davon werden die Grenzen von Wirtschaft und Politik immer undurchsichtiger und die Mischung von beidem immer raffinierter. Der deutsche Journalist Jürgen Roth hat in seinem Buch "Der Deutschland-Clan" (Eichborn Verlag) das "skrupellose Netzwerk von Politikern, Top-Managern und Justiz" in Deutschland beschrieben.
Italien ist in dieser Beziehung noch weiter fortgeschritten. Dort hat einer wie Silvio Berlusconi längst die Bereiche Wirtschaft (inklusive Sport) und Politik in Personalunion vereinigt und den Weg in die Post-Demokratie vorgezeichnet.
Wer will, kann heute beobachten, wie die Welt Stück für Stück privatisiert wird, neue Besitzverhältnisse entstehen und die Profit Player eine neue Weltordnung einrichten.
Auch dazu passende Literatur: "Post-Democracy" von Colin Crouch (Polity Press, Cambridge, UK). Der globale Kapitalismus hat ein fabelhaft funktionierendes selbstreferenzielles System hervorgebracht, an dem politische Klasse und Wirtschaftselite beteiligt sind.
Crouch ist zwar optimistisch, dass dieser Entwicklung noch Grenzen gesetzt werden können. Aber angesichts der Virtualisierung der Demokratie als Wahlköder, der Medialisierung der Politik und der spektakulären Debilisierung der Unterhaltungsindustrie ist das vielleicht doch eine etwas naive Annahme.
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Energie ist eine
Sache der Intelligenz
Atomenergie ist eine veraltete, überholte Energie. Sie wird aber von einer entschlossenen parlamentarischen und publizistischen Lobby gefördert, die alternative Energieformen verhindert. Mit fünf bis sechs Milliarden Franken für ein weiteres Atomkraftwerk in der Schweiz, das in 14 bis 20 Jahren Strom an das Netz abgeben könnte, liessen sich erneuerbare Energien entwickeln.
Atomenergie wird neuerdings als ultimative Lösung des Energieproblems dargestellt. Kein Wort über die damit verbundenen Risiken und die ungelöste Entsorgung. Der radioaktive Abfall strahlt während Tausenden von Jahren. Das ist eine Hypothek für die nachfolgenden Generationen, die unverantwortlich ist. Und im Hintergrund winkt der Atom-Staat von Robert Jungk.
Eine Atom-Diktatur ist keine viel versprechende Zukunftsvision. "Diktatur" kommt vom lateinischen Verb "dictare" (sagen, sprechen) und ist verwandt mit "dictatum", dem Diktierten, also der Vorschrift, im weitesten Sinn der Bevormundung. Im Englischen ist der "addict" ein Süchtiger, also ein von der Sprache beziehungsweise der sprachlichen Beeinflussung (oder Propaganda) Überwältigter. Die Atom-Lobbyisten sind süchtige, von der Atom-Sucht heimgesuchte Menschen.
Alternative Energien zeigen demgegenüber einen Weg aus dieser Falle auf. Sie sind modern und intelligent, und sie stellen eine Herausforderung an das Denken dar. Die Frage, die sie aufwerfen, lautet: Wie kann etwas besser und effizienter, mithin ökonomischer gemacht werden? Das Rezept "Weiter so wie bisher" der Atomenergie ist eine rückständige Einstellung. Die Zeichen der Zeit deuten in die umgekehrte Richtung. Die Bemühungen müssen für eine leuchtende, nicht für eine strahlenden Zukunft erfolgen.
Es gibt verschiedene zukunftsorientierte Techniken: Fotovoltaik, Wärmepumpen (die zwar Strom benötigen, aber am Ende eine vorteilhafte ökonomische Bilanz aufweisen), Windenergie. Das Übrige besorgen Effizienzsteigerung, Isolation, Sparmassnahmen.
Mit alternativen, erneuerbaren Energien sind ausserdem kreative Arbeit sowie ein Innovationsschub verbunden.
Kürzlich stand in der "Basler Zeitung" ein Bericht über die Gemeinde Güssing in Österreich, die sich energieautark gemacht hat. Die Tessiner Gemeinde Coldrerio hat verfügt, dass von 24 bis sechs Uhr keine öffentlichen Beleuchtungen eingeschaltet sein dürfen (ausser der Strassenbeleuchtung). Das Hotel "Badrutt's" in St. Moritz verwendet eine Industriekältetechnik, mit der das Wasser des St. Moritzersees in Wärme umgewandelt wird. Auf diese Weise können jährlich 400'000 Liter Heizöl eingespart werden.
In einem grösseren Massstab haben wir es heute mit einem Mentalitätswandel zu tun. Dazu gehört der sparsame Umgang mit jeder Form von Energie. Sparsamkeit ist die Grundlage für überlegtes, vernünftiges, vorausschauendes Vorgehen.
Wichtig ist dabei, dass dies alles keine Frage nur der Technologie ist, sondern weitaus mehr noch eine Sache des Denkens. Das Denken ist die wirkungsvollste Energie.
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"Jeder die Möglichkeit, sich Solarstrom zu kaufen"
Umweltschutz findet nicht an einem Gipfeltreffen von Politikern, sondern bei jedem zu Hause statt. Heute hat jeder die Möglichkeit, sich Solarstrom zu kaufen, wenn er ihn nicht selber produzieren kann, und jeder, der ein Auto oder Flugzeug benutzt oder fossile Energien verheizt, kann sich CO2-Zertifikate kaufen. Wenn all diese "Sötteler" und "Miesteler" dem nachkommen würden, was sie Anderen predigen, so könnten wir den CO2-Verbrauch in der Schweiz drastisch senken - immerhin haben die Lautesten von ihnen einen Wähleranteil von rund einem Drittel. Doch politische Betroffenheit alleine nützt nichts, machen muss es jeder selbst.
"Franzosen, Finnen und Tschechen: Alles Idioten?"
Fanatismus artikuliert sich unter Anderem darin, dass aus diesem oder jenem Grunde geweckte Emotionen rationales Denken, Handeln bzw. Schreiben verunmöglichen. Von diesem Phänomen befallen ist offenkundig Herr Honold. Deshalb hier nochmals: "Unideologischer Pragmatismus und überzeugende ökologische und ökonomische Argumente sind der Mix, der den Anteil erneuerbarer Energien auch in diesem Lande erhöhen wird". Die EU hat soeben beschlossen, den Anteil dieser Energien bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen (zwanzig, ... nicht zweihundert!). Franzosen, Finnen und Tschechen: Alles Idioten?
Sektiererisches Taliban-Niveau?
In der Tat ist Energie ein Sache der Intelligenz, wenn man die einfältige Meinung des liberalen P.C. Friedlin zum ausgezeichneten Artikel von Aurel Schmidt zur Atomenergie lesen muss.
P.C. Friedlin ist offensichtlich nicht imstande einzusehen, dass für vernünftige - auch an die Nachkommenschaft denkende Mitmenschen - Atomenergie, bzw. neue Atomkraftwerke keine Option mehr sein können. Wenn er dem fortschrittlich und zukunftsgerecht denkenden Aurel Schmidt talibanisch anmutenden Fanatismus und mangelde Intelligenz vorwirft, dann fällt dieser dumme Vergleich auf den Atomfanatiker P.C. Friedlin selbst zurück.
Energie ist in der Tat eine Sache der Intelligenz. Es gibt schon heute genügend alternative Techniken, Strom ohne Atom herzustellen. Martin Vosseler und seine Crew haben bewiesen, dass die in Strom umgewandelte Sonnenenergie ein mit Elektromotoren angetriebenes Boot über den Atlantik bringt. Bertrand Piccard arbeitet mit einem Team von Spezialisten an einem Flugzeug, dessen Elektromotor die Energie aus Solarzellen gewinnt und mit dem er ohne zu landen die Erde umkreisen wird.
Nicht zu reden von den zahlreichen Möglichkeiten, zum Beispiel durch intelligentes Bauen, die uns vor der von der Atomlobby vorgetäuschten Stromlücke bewahren werden.
"Höchste Zeit, sich vom Atomstrom zu verabschieden"
Beizufügen wäre dem (neuerdings angesichts der rabiaten Lobbyisten wieder) mutigen Artikel von Herrn Schmidt noch ein Verweis zum CO2. Atomstrom wird gern damit angepriesen, dass er "sauber" sei. In afrikanischen Ländern wird das benötigte Uran unter für die Umwelt extrem belastenden Bedingungen auch verbunden mit hohem CO2-Austoss abgebaut. Ein weiteres Problem, das wir exportieren, wie schon den strahlenden Atommüll. Allerdings vergebens, weil sich der Klimawandel letztlich für kein Geld der Welt exportieren lässt. Atomenergie ist wirklich keine "Option, die wir uns offen halten müssen"! Höchste Zeit, dass wir uns von dieser gefährlichen Art der Stromproduktion verabschieden.
"Talibanisch anmutender Fanatismus"
Bloss: Wo blieb die Intelligenz des Autors, als er sich zu den Worten "Atom-Diktatur ..." hinreissen liess? Ist es nicht genau dieser talibanisch anmutende Fanatismus, diese völlig undifferenzierte Diabolisierung einer in der EU soeben als unabdingbaren Bestandteil des Energiemixes der nächsten Jahrzehnte verabschiedeten Energiequelle, der/die eine konstruktive Zusammenarbeit aller Parteien auf diesem Gebiet von höchster strategischer Priorität verunmöglicht?
Unideologischer Pragmatismus und überzeugende ökologische und ökonomische Argumente sind der Mix, der den Anteil erneuerbarer Energien auch in diesem Lande erhöhen wird. Dieser Beitrag Aurel Schmidts ist leider bloss eine weitere - leere - Seite in einem nicht zielführenden Manifest der Basler Linken.
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Hier Rhetorik,
dort Realität
Friedrich Schillers "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" mögen ein bedeutendes Stück deutscher Prosa sein, aber wenn die Welt jeden Tag ein Stück unverständlicher, widriger, abscheulicher wird - was fange ich dann damit an?
Am jährlichen Davoser Rapport von Wirtschaft, Kapital und Politik ist jeweils viel von Verantwortung und Nachhaltigkeit die Rede. Doch kaum sind die Fernsehkameras und Mikrophone ausgeschaltet, hält der Alltag mit seinen normativen Zwängen wieder Einkehr. Dieses Jahr war in Davos auch von der Klimabedrohung die Rede. Sie war auf der Traktandenliste "top" gesetzt.
Sofort nach Davos wurde der UN-Klimabericht veröffentlicht und gab die EU-Kommission ihren Willen bekannt, die Grenzwerte für den CO2-Ausstoss zu limitieren. Postwendend drohten die deutschen Autokonzerne mit Entlassungen. Am Europatag der Deutschen Wirtschaft stellte sich Frau Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, entschlossen vor die deutschen Autobauer.
Entweder bedroht der Klimawandel die Menschen oder er bedroht sie nicht. Wenn er aber eine Bedrohung darstellt, wie die Wissenschafter sagen und was sogar die "Swiss Re", die für die Klimaschäden aufzukommen hat, anerkennt, dann muss etwas unternommen werden. Schöne Deklarationen helfen nicht weiter.
Doch genau das ist es, was geschieht. Die Chronik einer angekündigten Katastrophe ist in deutlicher Sprache verfasst, aber griffige Massnahmen sollen ja keine ergriffen werden. Soll jeder zu Hause das Licht löschen, das ist eine gute Sache. Nur nicht dramatisieren, nichts überstürzen. Den Autofahrern scheint ein Umdenken nicht in den Sinn zu kommen. Ein paar unter ihnen schon, aber es gibt heute so viele Bonus-Bezüger, die sich leisten können, was sie wollen. Der Offroader ist Viagra für die neue Klasse der Forschen, Optimisten und Steueroptimierer.
Dieser Tage sprach sich die Umweltkommission des Nationalrats gegen eine Beschränkung für Offroader aus. Angeblich aus "handelsrechtlichen Gründen" - als ob das ein relevanter Grund sein könnte. Aber so sind die Verhältnisse.
Die Idee einer UN-Umweltbehörde, die der französische Präsident Jacques Chirac vortrug, stiess in Amerika, Russland und China auf Ablehnung.
Wahrscheinlich sind die Davoser Teilnehmer, die so reden, und die Wirtschaftsführer und Politiker, die anders handeln, nicht immer die gleichen Personen, aber der Kuchen, den sie essen, ist derselbe. Die schönen Reden werden durch keine Praxis, keine Bilanz gestört. Ihre Bekenntnisse abzulegen kostet die Wirtschaftsführer nichts, hinterlässt aber eine werbegünstige Wirkung. Die Sales Manager im Hintergrund wissen genau, was sie zu tun haben.
Worüber reden die Teilnehmer in Davos, wenn sie sich im exklusiven Kreis treffen? Der "SonntagsBlick" hat in einem an Sarkasmus unübertroffenen Artikel die Fress-Orgien in Davos ins Visier genommen.
Es fällt von Jahr zu Jahr schwerer, im World Economic Forum mehr zu sehen als eine aufgeblasene Macht- und PR-Demonstration der Global Player und ihrer politischen Zudiener.
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"Die deutsche Autoindustrie wird Marktanteile verlieren"
Frau Merkel am WEF - das war für mich der konzentrierte Opportunismus: In Davos das Geplapper betreffend der Reduktion von CO2 - kaum zu Hause wieder der zynische Kniefall vor der deutschen Autoindustrie mit deren Androhung von Arbeitsplatz-Verlusten. Dabei wird die deutsche Antoindustrie so oder so in nächster Zeit viele Marktanteile verlieren, weil sie es mit ganz wenigen Ausnahmen schlicht verpennt hat, verbrauchsgünstige und umweltfreundliche Fahrzeuge zu entwickeln. Selbst die Franzosen, sonst ja nicht gerade die "Öko-Anführer", sind da wesentlich weiter. Ich und meine Mitarbeiter fahren seit einigen Jahren zwei Renault Kangoo Electric mit "Range Extender", die wir allerdings in Frankreich direkt kaufen mussten, und sind sehr zufrieden. Wir staunen, was in Frankreich in dieser Richtung alles angekündigt ist.
Heinrich Holinger, Sabine Bikle Holinger
Oberdorf
"Zurück zur Natur, aber nicht zu Fuss"
Das WEF Davos ist für mich auch nicht mehr glaubwürdig. Auch die Umweltproblematik wird zum Spielball der Drahtzieher in Politik und Wirtschaft. Herr Schmidt bringt das sehr gut auf den Punkt. Wie sieht es in der breiten Bevölkerung aus? Wer ist bereit zum Quantensprung vom Erkennen zum Handeln? "Alli wönd zrugg zur Natur, aber nöd z'Fuess". So kommentierten die Ostschweizer Schnitzelbänkler "Feuerwehr" übers Wochenende die Stimmung im Lande.
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Neugier ist eine
existenzielle Energie
Die Welt, die ich sehen und anfassen kann, übersteigt noch lange nicht mein Visibilitäts- und Fassungsvermögen. Fast alles macht mir klar, dass es neben der materiellen, realen, handgreiflichen Welt noch eine andere, geistige, intellektuelle, begriffliche gibt, die in der ersten enthalten ist, sie aber zugleich übersteigt.
Für einmal lasse ich die Banalitäten und schäbigen Winkelzüge der Politik und des gewöhnlichen Alltagslebens beiseite. Heute soll Fest- und Feiertag sein.
Was mich beschäftigt, ist die Frage, was ich weiss oder wissen kann. Neugier ist eine existenzielle Energie. Das akkumulierte individuelle Wissen befriedigt diese Neugier, aber nie restlos. Es wird nie genug sein.
Die "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen" von Friedrich Schiller sind eines der gewaltigsten Werke der deutschen Sprache. Ich lese immer wieder darin und bin sprachlos, das heisst voller Bewunderung. Es ist ein Genuss damit verbunden, der zum Preis der Buchausgabe zu haben ist.
Ich denke an die Transzendentalisten in den Vereinigten Staaten, die um 1830 in Concord, Massachusetts, eine hochgestimmte Lebensphilosophie entwickelten.
Zu den faszinierendsten Expeditionsreisen gehört für mich diejenige von Ernest Shackleton 1914-17 in die Antarktis, während der die Teilnehmer jahrelang im Eis festsassen und die fürchterlichsten Strapazen aushalten mussten.
Warum ich das schreibe? Weil es mir einfällt, und weil ich versuche, mir die Welt in so vielen Facetten wie möglich vorzustellen.
Auf einer Reise in die Gelben Berge (Huang Shan) in China habe ich versucht, die bizarren Berg- und Felsenformationen mit der chinesischen Landschaftsmalerei zu vergleichen und in Verbindung zu bringen.
Die freie Zeit verbringe ich damit, die grossen Romane von Honoré de Balzac zu lesen, weil ich aus ihnen eine anschauliche Vorstellung des Lebens in Frankreich des 19. Jahrhunderts gewinnen kann.
Jeden Tag muss ich in den Nachschlagewerken drei, vier Wörter nachsehen und ihre Herkunft und Bedeutung eruieren. Die Sprache ist ein Playground, ein Laboratorium, ein Archiv, ein erstaunliches Universum.
Zuletzt kommt es darauf an, das Wissen zu einem Tableau zu arrangieren und es zu benützen, um besser zu verstehen, wie die Verhältnisse sich historisch entwickelt und die Wissensbereiche, zum Beispiel in der Evolution oder Physik, formiert haben und sich ihre Dichte und Totalität herausgebildet hat.
Wissen ist Navigieren, ein kombinatorisches, kreatives Spiel. Was und wieviel hat das Eine mit dem Anderen zu tun und was bedeutet das Ganze?
Wissen ist umweltfreundlich, es vergrössert den ökologischen Fussabdruck nicht, ausserdem lässt es sich leicht und beliebig vermehren. Es ist ein humanes Kapital.
Man kann auch anders leben und anderen Interessen nachgehen. Alles läuft darauf hinaus, was ich mit meiner Zeit, also meiner Lebenszeit, anstelle, ob ich sie sinnlos verschwende oder nicht und ob ich mir am Ende sagen kann, dass nicht alles umsonst war.
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Wir wissen alles oder fast alles oder glauben, dass es so ist, wie wir annehmen. Nur das Wichtigste wissen wir kaum: Wer die Ideen, Anschauungen, Meinungen in Zirkulation gesetzt hat, von denen wir finden, dass es unsere eigenen sind.
Letzthin las ich in einer Zeitung, eine Studie habe herausgefunden, dass der grösste Teil der Schweizer und Schweizerinnen mit ihren Wohnverhältnissen zufrieden sind. Kurz danach folgte in einem anderen Teil des Blatts eine Meldung, dass die Banken überlegen, die Hypothekarzinsen anzuheben. Da lag also der Hase im Pfeffer. Nach dem philosophischen, als "Ockhams Rasiermesser" bekannten Grundsatz ist die naheliegendste Annahme meistens die wahrscheinlichste.
Lange Zeit wussten wir, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt, was den Präsidenten in Washington legitimierte, im Irak einzumarschieren und für Unordnung zu sorgen. Nachdem keine Waffen gefunden wurden, hiess es, dass sie versteckt sein müssten. Wir waren überzeugt davon, weil es uns pausenlos eingetrichtert wurde, auch wenn es hinten und vorne nicht stimmte. Wer es nicht glauben wollte, war ein penibler Anhänger des alten, skeptischen Europa. Inzwischen dämmert es in den USA, und der Präsident hat sich des Mannes entledigt, der ihm und dem Land diesen bösen Streich gespielt hat. Aber die Erdölinteressen, die diesem Fall zu Grund liegen, werden immer noch ausgeblendet.
Hinter jeder Meinung verbirgt sich eine andere. Es ist wie mit der Warnung, die man auf den französischen Bahnhöfen lesen kann: Un train peut en cacher un autre.
Mit einem Mal ist in der Schweiz eine Diskussion über die Notwendigkeit eines weiteren Atomkraftwerks entbrannt. Wahrscheinlich steckt dahinter das Werbebüro Burson-Marsteller, das mit der Promotion der Atomindustrie beauftragt ist. Atomstrom ist sauber. Doch wohin mit dem strahlenden Abfall? Grosses Schweigen im Wald. In dieser Situation lässt sich der Rückschlag beim Basler Geothermie-Projekt prima instrumentalisieren. Eins passt zum anderen.
Als jemand, der das Privileg hat, seine Meinung zu veröffentlichen, frage ich mich oft, woher die Meinungen kommen, auch meine eigenen. Zu oft und oft zu spät merke ich, wie ich einer Beeinflussung erlegen bin. Umgekehrt bin ich selber einer, der an diesem Spiel beteiligt ist.
Noch bevor wir über ein Thema, eine Sache nachdenken, debattieren, streiten, ist die Vorentscheidung schon gefallen.
Das gilt auch für Begriffe wie Markt, Steuerkonkurrenz der Kantone oder den Satz "die Preise müssen runter". Sie sind längst ein für alle Mal definiert, gewissermassen kolonialisiert. Das trifft nicht weniger für Themen wie zum Beispiel Klimaerwärmung, Naturkatastrophen, aktive Neutralität und so weiter zu. Es handelt sich um einen Info- und Kommunikationskrieg. Bildlich gesprochen geht es darum, aus den Köpfen Briefkästen zu machen.
Umso mehr kommt es darauf an, wie mit Meinungen und Aussagen umgegangen wird, also um deren kontextuelle Bedeutung und kritische Interpretation. Dass alles Wissen übernommen ist, steht ausser Zweifel. Die Frage ist aber, woher es kommt.
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"Die ganz lustvolle 'Andersicht' scheint verloren gegangen zu sein"
"Freie Sicht aufs Mittelmeer", hiess es früher mal in Zureich. Die ganz lustvolle "Andersicht" auf Zusammenhänge und Quellen scheint wirklich verloren gegangen zu sein. Wenn die Mieten (gemäss einer Studie um durchschnittlich 10 Prozent zu hoch) nur um Bruchteile gesenkt würden, hätten die Konsumenten mehr Geld im Portemonnaie und die Lebensmittel-Detaillisten müssten keine Preiskämpfe um Rappen führen. Gar noch nicht einberechnet ist die Lohngleichheit der Frauen mit den Männern. Da könnten wir an der Familienzulage sparen.
"Bush hätte es ohne Blair deutlich schwieriger gehabt"
Lieber Aurel, Du schreibst, wie das gute alte skeptische Europa dem amerikanischen Präsidenten nicht gefolgt sei. Leider trifft das nicht so ganz zu: Ohne Tony Blairs Unterstützung und der Aussage des englischen Geheimdiensts, dass Saddam Hussein innert 45 Minuten Atomwaffen einsetzen könnte, hätte es George Bush deutlich schwieriger gehabt.
Tony Blair mit seinem ach so exklusiven "Queen's English" hat bei seinen zahlreichen Auftritten in amerikanischen Nachrichtensendungen viele Amerikaner überzeugt, dass es wirklich etwas mit dem Saddam Hussein und Atomwaffen auf sich haben müsse. Und auch, dass die Spanier, damals noch mit Aznar, die Italiener, die Holländer und die Polen bereit waren, Truppen zu senden, hat bei vielen in den roten amerikanischen Staaten letzte Zweifel verfliegen lassen - die Roten sind in den USA die Republikaner!
Dabei war ganze Irak-Projekt auf der Website des PNAC - Project for a New American Century - seit 1998 im Detail nachzulesen (www.newamericancentury.org/). Nur hat es niemand, weder in Nordamerika noch in Europa, ernst genommen, bis eben George Bush an die Macht kam und der 11. September 2001 passierte.
Jean-Pierre Salzmann
San Anselmo, California
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Willkommen
im Menschen-Park
Die Nachrichten, die in den Tagen vor Weihnachten eintrafen, waren wenig erfreulich. Sie waren schrecklich. Es war regelrecht eine schwarze Woche.
Die EU-Agrarminister konnten sich auf keine Regelung des Kabeljau-Fangs in der Nordsee einigen. Der verhängnisvolle Raubbau kann jetzt ungebremst weitergehen.
In Bern wurde die Öffnung für Parallelimporte beschlossen, aber nur teilweise und ausgerechnet dort, wo es am verkehrtesten ist: In der Landwirtschaft, wo sie sich am Ende nachteilig auf die Landwirtschaft selbst, auf die Löhne und zuletzt auch auf die Nahrungsmittel auswirken muss, während zum Beispiel Auto-Importe oder die Pharma-Branche, wo jährlich 100 bis 200 Millionen Franken gespart werden könnten, geschont werden. Es ist ein Entscheid im Interesse der Hausherren.
Im weiteren hob der Ständerat die bisher strenge Bio-Verordnung auf, und der Nationalrat beschloss ein neues Gesetz, das für Biotech-Patente eine Lösung im Sinn der Pharma-Industrie vorsieht. Die Lobby nannte es einen "Sieg der Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft", in Wirklichkeit wird die Grundlage für eine Steigerung der branchenüblichen Gewinne hergestellt. "Krebs-Medis viel zu teuer", schrieb der "Blick" am 20. Dezember 2006 in diesem Zusammenhang. Am gleichen Tag konnte man in "CashDaily" lesen: "Roche hat 16 Milliarden in der Kriegskasse."
Krieg. So ist es. Krieg ist der richtige Ausdruck. Noch Fragen?
Schliesslich wurde bekannt, dass das Bundesamt für Gesundheit das Verbot der Präimplantations-Diagnostik lockern und verwässern, also eigentlich liquidieren will. Damit wird die Tür zu den sogenannten Designer-Babies geöffnet.
Mit Designer-Babies ist gemeint, dass Embryos im Reagenzglas mit einer bestimmten genetischen Zusammensetzung gebastelt und in die Gebärmutter implantiert werden. Diese Gene können später für die Behandlung anderer kranker Menschen verwendet werden. Mit unabsehbaren Konsequenzen. Willkommen im Menschen-Park.
Eines Tages wird es möglich sein, Menschen nach Mass zu züchten und zu bestellen. Der Frankenstein-Realismus ist in Realitätsnähe gerückt Wer mischt die Karten? Wer macht Kasse? Die Börse? Eine dubiose Zentralakademie für die Verbesserung und den Fortschritt der Menschheit, die zu diesem Zweck ins Leben gerufen wird? Der Arbeitgeberverband, der noch 200 Kanalputzer braucht?
Man sagt zwar Gesundheit, weil man mit der nachsichtigen Denkungsart die gutgläubigen Mäuslein fängt, es geht dabei aber um die Frage, die auch in der Patent-Problematik gestellt werden kann und muss, aber übergangen wird: Wem gehört die Natur? Wer kann sie patentieren lassen? Wie der Gen-Mais schon dem Agro-Business gehört, sollen auch die Menschen eines Tages als Leibeigene in Konzern-Eigentum übergehen.
Damit ist der erste Teil der Menschheitsgeschichte von der Zellteilung zur juristischen Besitzergreifung des Lebens abgeschlossen, und ein neues Kapitel kann aufgeschlagen werden.
Zwar wollen Politiker wie Paul Gutzwiller, der von Gesundheit spricht, wenn er schulmedizinische und industrielle Interessen meint, eine "strenge Regelung". Aber die Bio-Verordnung hat demonstriert, was derlei taugt. Sobald die Grossinteressenlage kehrt, werden die Bestimmungen geändert. Passende Gründe lassen sich immer finden.
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"Hochschulen forschen oft im Interesse der Pharmaindustrie"
Eine Nebenbemerkung innerhalb dieses von Aurel Schmidt präzise dargestellten Komplexes: Die schweizerische Pharmaindustrie lässt ständig verlauten, sie brauche sowohl den maximal engst geführten Patentschutz auf alles und jedes, was sie "erfinde", und sie brauche die viel zu teuren Medikamentenpreise sowie ein Parallelimportverbot für günstigere Medikamente in der Schweiz, weil sie schliesslich in diesem Land forsche.
Fakt ist aber auch, dass der Staat Schweiz jährlich Milliarden Franken Steuergelder ausgibt, damit an den Hochschulen des Landes geforscht wird, und zwar häufig durchaus im Sinne der "einheimischen" Pharmaindustrie. Die Pharmariesen sind nicht aus lauter Liebe zum Land oder gar zu den Landesbewohnern in der Schweiz ansässig. Hauptmotor ihrer Anwesenheit ist das Umfeld, ist dieser Staat, der ihr willfährig bis zur Selbstverleugnung ist.
Dass genau dieser Umstand Grund zu kritischer Distanz gegenüber den Interessen der Nahrungsmittel- und der Pharmaindustriebesitzer sein sollte, geht in der devoten Andachtshaltung der veröffentlichten Meinung und der sogenannten bürgerlichen Politik gegenüber den Banken- und Pharmainteressen hier zu Lande längst völlig unter.
Alois-Karl Hürlimann
Basel
"Apokalyptische Untergangsstimmung der Innovations-Gegnerschaft"
In seiner "Seitenwechsel"-Kolumne über den Menschen-Park hat Aurel Schmidt einiges durcheinander gebracht bei den "Designer-Babies". Die Präimplantationsdiagnostik (PID) hat mit Designer-Babies nichts zu tun, da werden nicht "Embryos im Reagenzglas mit einer bestimmten genetischen Zusammensetzung gebastelt", denn das ist heute noch gar nicht möglich und auch nicht gewollt, da in der Bundesverfassung verboten. Bei der PID werden genetische Abweichungen, zum Beispiel schwere, unheilbare Krankheiten, oder im Falle des Retterbabys genetische Übereinstimungen untersucht. Für betroffene Eltern ist das ein Segen. Diese medizinische Diagnostik als "Frankenstein-Methode" zu bezeichnen, ist mehr als nur eine schallende Ohrfeige für betroffene Paare mit genetisch bedingten Krankheiten oder von Eltern von todranken Kindern, denen mit einer Knochenmark-Transplantation geholfen werden kann. Im Sinne des Seiten-Wechsels wäre es schön, wenn der Kolumnist seinen Blick von der apokalyptischen Untergangsstimmung der Innovations-Gegnerschaft auf die realen Bedürfnisse von betroffenen Paaren und Eltern wechseln würde, statt diese zu verunglimpfen mit Frankenstein-Vergleichen. Er soll den betroffenen Kindern und Eltern in die Augen sehen - dann wird er es auch anders sehen.
Conrad Engler
Sekretär Verein Kinderwunsch
Binningen
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Über solche
und andere Schmarotzer
Um acht Uhr abends schob die Frau in einem finsteren Aussenquartier den Kinderwagen in den Bus.
Ich stelle mir das Leben dieser Frau vor: Die Tagesarbeit war abgeschlossen, sie hatte das Kind aus der Krippe geholt und war auf dem Nachhauseweg. Sie würde das Nachtessen zubereiten, sich um das Kind kümmern, den Haushalt besorgen und bald müde zu Bett gehen.
Es gibt viele Menschen, die auf viele Annehmlichkeiten im Leben verzichten müssen.
Vielleicht arbeitet die Frau zu einem Lohn, der nirgends hinreicht (so sah sie aus), und vielleicht ist sie auf Sozialhilfe angewiesen. Man weiss ja, dass das vorkommt.
Oft wird mit der Sozialhilfe Missbrauch getrieben. Auch das kommt vor. Aber genauso oft ist sie für viele Menschen ("working poor"), die sich den ganzen Tag abrackern müssen, unentbehrlich.
Ich stelle mir ausserdem vor, wie Geschäftsleute, Politiker, institutionelle Interessenvertreter und Angehörige der besser gestellten Klasse, die beim Business-Lunch für 38 Franken ("Salade mêlée, Meerfrüchte-Risotto, Creme brûlée, ohne Getränke") über den viel zu teuren Sozialstaat losziehen und über die Schmarotzer, Faulenzer und Drückeberger schimpfen, und frage mich, wer hier die Schmarotzer sind, die diese Bezeichnung verdienen.
Es gibt Menschen, die längst alles, aber noch lange nicht genug haben, und den anderen den Lyoner aufs Brot (2.80 Franken die "Budget"-Packung) missgönnen.
Es geht ja längst nicht mehr um Sozialhilfe-Empfänger. Auch die Löhne sind zu hoch (natürlich nur in den untersten Einkommensklassen). Die staatliche Verwaltung ist zu teuer. Die Bauern bekommen zuviel. Die Ausgaben für Kultur und Gesundheit sind zu hoch. Auch bei der Bildung. Forschung und Wissenschaft soll gespart werden.
Wenn aber das Thema der sagenhaften Einkommen, Boni, Abfindungen, gerichtsnotorischen Kumpanei der Begünstigungen (wie bei Mannesmann) etc. zur Sprache kommt, ist gleich die Rede von Neid und Missgunst. Der Urner Politiker Franz Steinegger, der sonst meistens treffende Dinge sagt, hat kürzlich im "Blick" erklärt, dass heute in Amerika in einigen Unternehmen die Vorstandschefs 400-mal mehr verdienen als ein durchschnittlicher Angestellter. Nur dort? Nicht nur.
"Wir leben in einer nervösen Welt", kommentierte Steinegger die Lage. "Viele, die oben sind, wollen in dieser Zeit möglichst viel zusammenraffen. Auch sie fürchten, von der Leiter zu fallen."
Das ist eine Erklärung, die ganz bestimmt die neidischen Hilfsarbeiter und Kassiererinnen, die um ihren Job bangen oder ihn verloren haben, günstig beeinflussen wird. Nur von der Leiter gefallen sind sie nie. Dazu haben sie nie Gelegenheit gehabt.
So profitieren die einen von der boomenden Wirtschaft, den steigenden Renditen, der galoppierenden Börsenhausse und wissen nicht, was sie mit ihrem Geld anstellen sollen, ausser es noch weiter zu vermehren beziehungsweise "zusammenzuraffen" (in der Steinegger-Diktion). Die anderen schauen in den Mond (wie der Volksmund sagt).
Die soziale Ungleichheit wird immer grösser. Davon zu sprechen hat nichts mit Neid zu tun. Aber auf die Länge kann es nicht gut gehen.
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> ECHO
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"Wir geraten in den ökonomischen Faschismus hinein"
Wir haben den religiösen Faschismus hinter uns. Auch der politische Faschismus wird bekämpft. Wir geraten aber jetzt in den ökonomischen Faschismus hinein. Die meisten PolitikerInnen und JournalistInnen haben immer nur die Gesichter des historischen Faschismus im Kopf. Doch seine "verschlankte" Politik hat eben kein Hitler-Gesicht, dafür ein sich wandelndes und wiederholendes "einfaches" System: Heute darf die soziale Gemeinschaft immer weniger für den ökonomischen "Bodensatz" sorgen sie soll sparen. Dafür dürfen sich die "Beneideten" mit dem sich wieder entwickelnden Mäzenatentum die letzten Lorbeeren auch noch einheimsen.
Peter Thommen
Buchhändler
Basel
"Abzocker, Profiteure, Seelenverkäufer"
Der Feststellung im letzten Satz zum traurigen Thema ist nichts mehr beizufügen, es ist davon auszugehen, dass alle Betroffenen es so sehen. Die Einen befürchten es, die Enderen finden, es sei an der Zeit. Was mich und mit mir wahrscheinlich viele Normalbürger schon lange brennend interessiert, ist die Frage, wie eigentlich solche Abzocker, Profiteure, Seelenverkäufer oder wie man sie nennen soll, noch ruhig schlafen können. Und wenn jemand von diesem schäbigen Clan dies doch zustande bringt, muss dessen Moral, Ethik und Verantwortungsbewusstsein ganz schön tief im Keller liegen. Neid? Kaum unter diesen Umständen! Eigentlich hilflose Typen, mit der Angst leben zu müssen, einmal Verlierer zu sein. Und nachher zum Gespött der Öffentlichkeit zu werden. Leider werden sie während ihrer Zeit durch ihr Verhalten vielen Bürgern die Existenz rauben. Und das ist der eigentliche Skandal.
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Das Leben kann wunderbar sein
Es gibt ein einfaches Mittel, um die Telefonkosten zu senken: Weniger telefonieren.
Es gibt auch ein einfaches Mittel, der Polizei beim Bussenverteilen einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen: Sich korrekt an die Verkehrsvorschriften zu halten.
Es gibt ein einfaches Mittel, um die Dinge besser zu verstehen: Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln. Denn das, was geschieht, ist die Folge von etwas, das vorausgegangen ist, und nicht umgekehrt die Ursache davon, wie viele meinen.
Es gibt ein einfaches Mittel, den falschen und fremden Einflüssen aus dem Weg zu gehen: Sich auf die eigenen Werte und Anschauungen zu besinnen. Auch wenn es nicht immer so einfach ist, wie es aussieht, weil die eigene Meinung oft ein Aufguss fremder Meinungen ist. Am besten ist es, verschiedene Ideen und Auffassungen zu vergleichen und sich zu fragen, wem es nützt, was ich unternehme.
Um sich auf sich selber zu besinnen, bietet sich folgendes einfaches Mittel an: Sich so wenig wie möglich um die anderen zu kümmern, um die VIPs, Promis, Cracks, Champions, Stars, Shooting Stars, Starköche, DJs, Girlie Groups und Groupy Girls, Talkmaster, Traumpaare aus der "Glückspost", Sportler des Jahres, Moderatoren des Jahres, Mannequins des Jahres, Spekulanten, Experten, Chefökonomen, Börsen-Gurus, Kommunikationsberater und anderen Wort- und Rädelsführer, die nichts, aber alles besser wissen.
"Michelle Hunziker ist noch lange nicht am Anschlag", schrieb eine Zeitung. Was soll das? Was geht mich das an? Die Ablenkung und Verführung durch die mediale Replikation von Banalitäten und Belanglosigkeiten ist ungeheuer und kann das Leben richtiggehend versauen, wenn man nicht aufpasst und sich gegen die Bevormundungsversuche und anderen Zumutungen wehrt.
Es gibt unter diesen Umständen ein geeignetes Mittel gibt, um zufrieden mit sich zu leben: Zum Beispiel das Handy, das Radio, das Fernsehen, den iPod auszuschalten, die Fussball-Nationalmannschaft zu vergessen, die Modeheftchen abzubestellen, die Charts zu übergehen, die Events zu meiden, den Logos, Werbekampagnen für Markenartikel und neuesten Fashion-Trends keine Beachtung zu schenken, die SMS Game Contests auszulassen, den neuen Bond und den peniblen Borat in der Versenkung verschwinden zu lassen und so weiter.
Man muss also die geistigen Slotmaschinen abstellen und sich aus freiwilligem Entschluss von der aufgeregten Betriebsamkeit abwenden. Das Leben kann wunderbar sein - ohne all dies.
Das beste Mittel zu handeln besteht infolge dessen darin, das Handeln zu unterlassen. Aber aufgepasst, das ist eine komplizierte Vorgehensweise, die ein besonderes Mass an Scharfsinn verlangt. Denn nicht zu handeln bedeutet nicht, nichts zu tun, sondern die Falle der falschen und Handlungsanweisungen zu vermeiden und den verkehrten Anweisungen etwas Einfallsreiches, Überraschendes entgegenzusetzen. Das muss man zuerst herausfinden, aber das ist die eigentliche Lebensaufgabe.
Ein sicheres Mittel, um beim Denken weiterzukommen, besteht schliesslich darin, die Paradoxien und Widersprüche nicht zu eliminieren und den glatten Lösungen zu misstrauen, also auch dieser Kolumne.
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"Die Versuchung ist sehr gross"
Ich (demnächst 40) finde Artikel von Aurel Schmid hervorragend, denn auch wenn ich diese Gedanken seit vielleicht 20 Jahren immer wieder mal hatte, ist die Versuchung, sich mehr um das Wohlergehen der EFFCEEBEEs oder einer Hunziker zu kümmern statt um die eigenen Kinder oder die eigenen Bedürfnisse ist sehr gross.
"Diese Abrechnung ist klug, aber nicht schlau"
Ganz kokett sagt uns Aurel Schmidt am Schluss seiner Kolumne, dass wir nichts im Leben wirklich ernst nehmen müssen, nicht einmal seine Kolumne. Nachdem er, einmal mehr, eine klassische Abrechnung über gewisse Irrtümer und Fehleinschätzungen von uns hiesigen Menschenkindern präsentiert hat.
Der gute Mann ist über 60. Hatte viel Zeit, so weise zu werden. Aber ist es wirklich weise, den Leuten vorzuhalten, dass sie sich mit dem Interesse für Michelle Hunziker oder die Fussball-Nationalmannschaft quasi neben den eigentlichen, wesentlichen, wichtigen Dingen aufhalten?
Ich bin auch schon 50 und habe vier jugendliche Kinder. Wenn ich denen erzähle, was ich alles über die Untaten weiss, die sie in ihrem Leben erst noch begehen werden, schauen sie mich zu Recht schief an. Wenn ich vermeiden will, dass sie die gleichen Fehler noch einmal machen, die ich schon gemacht habe, dann muss ich schlauer vorgehen.
Entschuldigung, Herr Schmidt: Sie sind zwar klug, aber nicht schlau.
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Wenn ich höre, was die Redeführer über Freiheit, Demokratie, Fortschritt, Wohlstand und so weiter verlautbaren, muss ich mir immer an den Kopf greifen, um sicher zu sein, dass ich noch einen habe.
Ich bin genug in der Welt herumgekommen, um zu wissen, dass diese Rhetoriken in Anbetracht der real existierenden Verhältnisse auf der Welt entweder Hohn oder Heuchelei sind. Immer mehr Menschen leben in grösster Misere. In Brasilien verfügen einzelne Landbesitzer über sog. Privatarmeen, mit denen die Landarbeiter zur Räson gebracht werden, die sich wehren.
Der Genmais-Kolonialismus macht die monopole Agro-Industrie immer reicher, stürzt die Bauern, die das Saatgut kaufen, ins Verderben und gefährdet die Konsumenten, die die Produkte ("Frankenstein-Food") kaufen. Sehr empfehlenswert zu diesem Thema ist das Buch "Trojanische Saaten" von Jeffrey M. Smith, der die Komplizenschaft von Industrie und Politik aufzeigt. Da gehen einem die Augen auf.
In Moskau sind die NGOs (Non Governmental Organisations) gesetzlich verboten worden, aber die neue Nomenklatura führt ein feines Leben.
Von der deutschen Commerzbank zirkuliert zur Zeit folgender Fernseh-Spot: Während die Rohstoffpreise steigen, suchen wir nach Wegen, wie Sie davon profitieren können. Hohn oder Heuchelei?
Ein Teil der Menschheit mästet sich auf Kosten des anderen, setzt mit ein paar Handy-Anrufen gesellschaftliche Verhältnisse durch, die auf die Börsenerwartungen Rücksicht nehmen, und lässt sich von gut honorierten sog. Kommunikationsberatern in den höchsten Tönen für seine Taten loben.
Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur das Verhältnis von Erster und Dritter beziehungsweise Vierter Welt. Die Front rückt immer näher. Die Sweat Shops - Fabrikations-Räumlichkeiten, in denen zu miserablem Bedingungen Markenartikel hergestellt werden - liegen nicht mehr auf den Philippinen, man trifft sie schon im zweiten Arrondissement in Paris an.
Die Regierungen sind weniger am Wohlergehen der Menschen interessiert und mehr an den Kapitalbesitzern, was sie mit Wirtschaftsinteressen erklären. In Realsprache ist der sog. wirtschaftliche Aufschwung zu einem Synonym geworden, dass sich die soziale Schere immer weiter öffnet. Hohn oder Heuchelei?
Die Bus-Chauffeure in Basel erhalten angeblich zuviel Lohn, und der Abendverkauf ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In Deutschland wird jetzt diskutiert, die Abend- und Nachtzuschläge für das Verkaufspersonal zu streichen. Auf diese Weise muss das Personal für die Fehleinschätzung der Unternehmer den Kopf hinhalten und durch Lohnverzicht die Einbussen bei den Einnahmen kompensieren.
Freiheit, Demokratie, Wohlstand, Fortschritt etc. sind schöne Worte, aber sie bedeuten nicht viel. Investoren und die Finanzmärkte sagen, wo es lang geht.
Niemand soll sich wundern, wenn die sozialen Spannungen auf der Welt zunehmen. In den Pariser Vorstädten brodelt es immer noch, in Neapel herrscht totales Chaos. Radau ist kein Rezept, aber wenn man die Verhältnisse kennt, ist es nicht erstaunlich, was dort geschieht.
Die Polizei kann die sog. Ruhe und Ordnung nur eine Weile aufrechterhalten. Dann kippen die Verhältnisse. Der Lauf der Dinge wird kaum unbeschränkt weitergehen bis bisher.
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Das Grosse und das Kleine
Entgegen allen ökonomischen und ökologischen Überlegungen und trotz internationaler Proteste hat Island unter fadenscheinigen Gründen den Walfang wieder aufgenommen und das Internationale Walfang-Moratorium aus dem Jahr 1986 aufgekündigt.
Das Verenden der Tiere dauert lange an und ist qualvoll. Ende Oktober wurde der erste Finnwald erlegt, weitere sollen folgen. Finnwale gehören zu den grössten heute lebenden Tieren. Ihre Population ist vom Aussterben bedroht.
Bald werden Pferde und Kühe die grössten lebenden Tiere auf der Erde sein, nachdem die Tiere in der freien Wildbahn laufend dezimiert (ausgerottet) werden, zum Beispiel Elefanten und Nashörner.
Wir haben es mit einer zunehmenden Miniaturisierung in der Tierwelt zu tun. Während die grossen Arten verschwinden, richtet sich im gleichen Zug das Interesse mehr und mehr auf die allerkleinsten Lebewesen und Organismen. Unter dem Rasterelektronenmikroskop sehen Milben wie vorzeitliche Ungeheuer aus. Um Viren und Bazillen bilden sich neue Wissenschaftszweige heraus.
Es sieht so aus, als ob die Welt draussen in der Steppe und in den Meeren nur noch geringe Aufmerksamkeit hervorruft. Das Grosse entbehrt des Interesses. Es passt nicht mehr in unser Weltbild. Anders ist die Jagd auf die Wale kaum zu erklären. Parallel dazu verlagert sich das Interesse in die Laboratorien, wo mit Hilfe moderner Technologien immer tiefer in Bereiche, die bisher von Auge unsichtbar waren, vorgedrungen werden kann. Dazu gehören auch die invasiven Methoden in der Medizin, die eine höchste wundersame Bildwelt zugänglich machen (zum Beispiel Kamerafahrten durch den Darm).
Goethe fand noch, dass "Mikroskope und Fernröhre" den reinen Menschensinn verwirren. Heute kann man das nicht mehr so sagen. Die Entdeckung des Kleinen ist eine aufregende Disziplin.
Auch Galileo Galileis Gegner wollten den ins Universum gerichteten Fernrohren nicht trauen und sich ausschliesslich auf ihre Augen und die Bibel verlassen. Sie versahen sich dabei. Heute reichen die Augen noch weniger zum Verstehen aus. Die materielle Welt verschwindet im Allerkleinsten und Unsichtbaren.
Die Miniaturisierung scheint im Zeitgeist zu liegen. Die gleiche Entwicklung kann in der Physik beobachtet werden, wo allerdings das Riesengrosse des Universums eine Gegenposition einnimmt. Das Vordringen in das Innere der Materie nimmt immer kleinere Teile wahr, die zuletzt nur noch als mathematische Formeln erfasst werden können.
Auch in der Elektronik werden die Bausteine immer winziger (und effizienter). Die Menge an Informationen, die ein Chip verarbeiten kann, sind enorm. Tendenz steigend. Ein Laptop von heute vermag mehr Leistung zu erbringen als ein Computer aus dem Jahr 1950, der damals die Dimension eines ganzen Zimmers einnahm.
Die Beispiele zeigen auch, dass wir im Begriff sind, die Information an die Stelle der Materie zu setzen.
Aber nichts erklärt, warum Wale und Elefanten dabei ihr Leben lassen müssen.
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Chinesisches und westliches Denken
Der französische Sinologe François Jullien unternimmt in seinen Büchern den Versuch, das chinesische Denken im Westen bekannt zu machen und zu verbreiten. Unser Denken ist von der griechischen Philosophie geprägt und beruht auf Begriffen und Ideen, die in China nicht anzutreffen sind. Was können die Unterschiede erhellen? Jede Wissensvermehrung ist immer ein Gewinn. Darüber hinaus können wir uns die Frage stellen, ob wir mit unserer Vorgehensweise immer so erfolgreich sind, wie wir es uns vorstellen.
Die Logik des Ablaufs ist von entscheidender Bedeutung. Es kommt nicht darauf an, zu handeln, sondern etwas geschehen lassen. Das heisst: Durch Nichthandeln zu handeln. Strategie ist alles. Wie kann mit geringstem Aufwand ein Maximum an Wirkung erzielt werden?
In seinem Buch "Über die Wirksamkeit" schreibt Jullien: Die Schlacht beginnt, wenn der Sieg leicht ist. Ich darf mich nicht in die Schlacht stürzen, sondern muss erreichen, dass der Gegner durch sein eigenes Verhalten eine Niederlage erleidet. "Krieg" ist hier nur der Begriff für eine Verhaltenslehre, die jeden Tag anwendbar ist. "Über die Wirksamkeit" ist ein Lehrbuch über die Anwendung des richtigen Weges (Tao) und des richtigen Vorgehens, also der richtigen Methode.
Während das westliche Denken von Ursache und Wirkung beziehungsweise Zweck und Mittel ausgeht, beruft sich das chinesische Denken auf das Potenzial, das zur Entfaltung gebracht wird. Das ist nicht auf Anhieb zu verstehen, aber es ergibt sich aus dem Fortgang der Lektüre.
Der Begriff kommt auch in Julliens Buch "Sein Leben nähren. Abseits vom Glück" vor und meint dort, auf "die Realität der Situation" einzutreten. Auch das ergibt sich aus dem Kontext. Nicht etwas wollen, sondern etwas zur Wirksamkeit bringen, das ist es, worauf es ankommt.
Wer etwas anstrebt (ein Ziel verfolgt), blockiert sich selbst, während sich von allen Hemmnissen befreit, wer den Dingen ihren Lauf lässt. Das ist etwas, das wir nur widerstrebend wahr haben wollen. Wir wollen immer etwas erreichen, etwas durchsetzen, für etwas kämpfen. Darum kommt es meistens verkehrt heraus. Statt Kausalität schlägt das chinesische Denken dafür andere Modelle vor: Zum Beispiel Einfluss, Prozesshaftigkeit, Transformation. In Übereinstimmung mit dem Kosmos sein. Jullien zieht den Vergleich mit einem Blasebalg (Tao Te King, V).
Das Leben besteht in seinem Dahinfliessen. Es loslassen heisst, es zum Fliessen zu bringen, es zu entfalten. Man kann jetzt vielleicht auch verstehen, dass es nicht auf das eigene Leben ankommt, auch nicht auf das persönliche Glück. Es gibt eine grössere Ordnung hinter den Erscheinungen. Aus diesem Grund sprechen die (alten) Chinesen auch nicht von Ewigkeit, sondern von langem Leben.
Gern verwendet Jullien den Begriff der Immanenz. Alles, was ist, ist in sich selbst, nicht ausserhalb davon. Er zitiert Zhuangzi, der von der "Transparenz des Morgenlichts" gesprochen hat. Damit wird keine mystische Erfahrung beschrieben, aber eine poetische Aussage gemacht, der es vielleicht besser gelingt, zur Essenz vorzudringen als allen objektiven Erklärungen.
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"Zwei Anmerkungen"
Aurel Schmidt schreibt: Jullien zieht den Vergleich mit einem Blasebalg (Tao Te King, V). Alle Leserinnen und Leser, die eilig zum Tao Te King (Dao De Jing) in der wundervollen Übersetzung von Richard Wilhelm gegriffen haben, finden im Kapitel 5 die Flöte statt des Blasebalgs. Das Original schreibt tuo2 yue4 "Beutel-Flöte", also Dudelsack:
Zu François Jullien allgemein: Allen, die François Julliens Schriften lesen und bewundern, sei Jean-François Billeters "Contre François Jullien" (Paris, 2006) zur Lektüre empfohlen. Erstens, weil sich an den Schriften eines Gegners die Nachvollziehbarkeit von Argumenten überprüfen lässt, und zweitens, weil öffentlich und publizistisch ausgetragene Wissenschaftlerhändel selten geworden sind.
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Die letzten Verteidiger der Freiheit
Die Freiheit ist in diesem Land in Gefahr. Jawohl, in diesem Land ist die Freiheit ernsthaft bedroht. Immer mehr Bestimmungen und Regulierungen, immer mehr Einschränkungen. Jeden Tag schwindet ein kleines Stück Freiheit.
Raucher und Raucherinnen sind die letzten Helden, die die Freiheit in diesem Land verteidigen. Sie wehren sich heldenhaft gegen Rauchverbote, die einen massiven Eingriff in die persönliche Lebensgestaltung darstellen. Das Rauchen gehört nun einmal zu den grundlegenden Freiheitsrechten in diesem Land. Wenn es nicht mehr garantiert ist, dann ade Schweiz.
Rauchfreie Restaurants, rauchfreie Züge, rauchfreie Arbeitsplätze, rauchen "schadet Ihrer Gesundheit" und "kann tödlich sein", was sonst noch? Man muss Schluss machen mit diesem Antiraucher-Fundamentalismus, mit diesen Ideologen und Miesmachern, die den Menschen die kleinen Freuden, die noch geblieben sind, vergällen und das Leben systematisch vergiften.
Die Automobilisten sind in der gleichen Lage. Auch sie kämpfen für das Grundrecht der Mobilität. Die Fahrfreiheit ist unantastbar.
Doch was geschieht? Eindeutig hat es die Polizei auf die Temposünder abgesehen, auch auf alle Autobesitzer, die ihr Fahrzeug unerlaubterweise abstellen, eine Busse riskieren und auf diese Weise drangsaliert werden, wo er geht. Immer neue Verkehrsbehinderungen, Verkehrsberuhigungsmassnahmen, Radarfallen, Verbote, Schikanen, Reglementierungen, Einschränkungen, Tempolimiten und Kontrollen erschweren den Alltag. Das hat dieses Land nicht verdient. Man kann nicht einmal mehr mit dem Geländefahrzeug die leeren Flaschen in den Container bringen.
Die massenhaft erhobenen Bussen sind eine Goldgrube für den Staat! So kann es nicht weitergehen! 30'000 Bussen pro Monat sollten genug sein! Die staatliche Abzockerei muss ein Ende haben!
Wer so redet, übersieht geflissentlich, dass der Staat niemanden zwingt, die Verkehrsregeln zu missachten und Bussen zu bezahlen. Wer die Geschwindigkeitsbestimmungen überschreitet, wer sein Fahrzeug unkorrekt parkiert, wer sich im Strassenverkehr nicht an die Regeln hält, ist völlig frei, dies zu tun.
300 Millionen Franken Bussgelder sind nicht zuviel, sondern ein bedenkliches Zeichen für unkorrektes und undiszipliniertes Verhalten.
Doch das zählt nicht. Der hässige Ton von Automobilisten wie von Rauchern nimmt zu. Das betrifft nicht alle von ihnen, aber eine kleine Zahl von Radikalen, die behauptet, sich gegen staatliche Bevormundung und Überwachung zu wehren.
Im Grund genommen geht es darum, dass es immer mehr als Zumutung empfunden wird, Rücksicht zu nehmen und sich an Vereinbarungen und Spielregeln zu halten.
Das betrifft nicht nur freiheitsentschlossene Raucher und Automobilisten, sondern alle Menschen, die alles wissen, keine Einwände vertragen und bei jeder Gelegenheit empört sind. Ein unpassendes Wort, und sie sind sofort an die Decke oben.
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"Vorschriften sind da, um eingehalten zu werden"
Lieber Herr Weber, "Bei mehr Rücksicht hätte es nie so weit kommen müssen" gilt selbstverständlich auch für das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. Vorschriften sind da, um eingehalten zu werden, dies nicht nur in der Firma, sondern auch im Privatleben. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, müssen Massnahmen getroffen werden, auch wenn diese meistens unbequem sind. Sie sollten das eigentlich wissen, dass eine Minderheit eine Mehrheit schikanieren kann, dies nicht nur beim Rauchen und im Strassenverkehr.
Wer sich anständig und korrekt verhält, hat keinen Grund zu jammern. Auf gewisse so genannte (Schein)-Freiheiten können ich und meine Familie getrost verzichten, der Gesundheit und Lebensqualität zuliebe. Die unselige Ausrede, dass Leute mit ihrem Leben machen können, was und wie sie wollen, kann ich nicht mehr hören, da ihr Verhalten (Rauchen, Verkehr usw.) auch mich treffen kann. Und da habe ich was dagegen.
"Bei mehr Rücksicht hätte es nie so eit kommen müssen"
Hätten die Raucher nur ein klein wenig mehr Rücksicht auf die Nichtraucher genommen, hätte es nie so weit kommen müssen. Wie oft wurde mir ein Essen in sogenannt guten Restaurants vermiest, weil am Nebentisch andere Gäste dicke Zigarren schmauchten. Im Geschäft haben wir Nichtraucher vor dem Rauchverbot während der ganzen Arbeitszeit als Passivraucher leiden müssen, weil uns andere Mitarbeiter permanent einnebelten. Wenn diese Raucher nun zu Hause oder vor dem Fabriktor ihrem Laster frönen wollen, stört mich das nicht, und dies soll ja auch nicht verboten werden.
Bei den Verkehrsbussen muss ich allerdings feststellen, dass die Sicherheit nur als Vorwand dient um die budgetierten Einnahmen abkassieren zu können. Hier kann man mit Fug und Recht von Abzockerei sprechen wogegen wir uns als Bürger langsam aber sicher wehren müssen.
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Es gehört heute zu einem gewissen politischen Stil, auf Bundesrat Christoph Blocher einzudreschen. Bashing heisst das. Wer Blocher in die Pfanne haut, hat immer recht. Das ist die gleiche Einstellung wie diejenige der Blocher-Anhänger, die auf ihre Gegner hauen. Auch sie haben recht, weil sie sagen, dass es so ist. Es ist das Gleiche, nur umgekehrt.
Ich bin in einigen Punkten mit Blocher und der SVP einverstanden, in einigen nicht. Es geht mir genau gleich wie mit der SP, mit der ich in einigen Sachfragen übereinstimme, in anderen nicht. Die Grenzlinien verlaufen heute quer durch die Parteien und Meinungen, nicht zwischen ihnen.
Blocher hat eine klare Meinung, die er deutlich ausspricht. Damit ruft er scharfe Reaktionen hervor, aber das ist immer noch besser als unpräzises Lavieren. Was die Gegner Blochers betrifft, wäre es besser, sie würden mit Nachdruck eine eigene Position vertreten, statt durch ihre Kritik an Blocher zu sagen, was sie nicht meinen.
In dieser Situation entgeht die Politik von Bundesrat Hans-Rudolf Merz der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dieser kleine, unauffällige Mann, der so aussieht, als sei er eben aus dem Schlaf gerissen worden, ist in Wirklichkeit ein effizienter, aber hartgesottener Animator im Dienst seiner Wählerschaft.
Er hat eine grosse Vision, an deren Umsetzung in die politische Praxis er mit besorgter Miene unverdrossen arbeitet: Umverteilung. Die Steuern für die Wohlhabenden müssen gesenkt werden, den Anderen wird Sparpolitik verordnet. Das ist auch eine eindeutige Position, aber unter falschem Vorwand: Dass es auf diese Weise allen besser gehe, die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft gestärkt werde (die nie in Frage stand), durch Wachstum Arbeitsplätze geschaffen werden und so weiter. Was alles nicht oder nur halb stimmt, vor allem, wenn man sieht, wie eine gepflegte Minderheit Superlöhne und Abgangsentschädigungen kassiert, Dividenden bezieht, an der Börse Gewinne macht oder ihre Firmen verkauft, dabei Milliarden verdient (Fall Bertarelli) und dabei noch geschützt und geschont wird. Dieses Land ist ein Paradies für Casino-Patrioten.
Merz' neuester Coup: Er will Grossaktionäre und Investoren und damit Unternehmen entlasten. Dividendenbezüger sollen nur teilweise zur Kasse gebeten werden, weil ja zuvor schon die Firmengewinne versteuert wurden ("wirtschaftliche Doppelbelastung"). Stimmte diese Argumentation, müsste die Mehrwertsteuer sofort abgeschafft werden.
Mit Geschenken sollen gute Steuerzahler angelockt werden, denen aber schon im Voraus ein Teil der Steuern erlassen worden sind. Sind das noch gute Steuerzahler? Natürlich müssen sie einen Obolus entrichten, sonst wäre es nicht recht. Aber nicht zuviel! Weil sie sonst auswandern und sich in einem anderen Kanton niederlassen, der ihnen zusätzliche Vergünstigungen anbietet.
Demnächst wird der Kanton Obwalden die Steuern wohl ein weiteres Mal senken müssen, weil alle Kantone es inzwischen ebenfalls getan haben und der Vorsprung aufgebraucht ist.
PS: Würde Christoph Blocher das Finanzdepartement leiten, würde er zweifellos die gleiche Politik betreiben wie Hans-Rudolf Merz.
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"Vermögenssteuer wurde nur ausgesetzt"
Herr Dreher ist in seinen Ausführungen ungenau, was die Verhältnisse um die Vermögenssteuer in Deutschland betrifft. 1997 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht die Berechnungs- und Erhebungsart der damaligen Vermögenssteuer (zu der noch der Solidaritätsbeitrag, den die Regierung Kohl wegen der deutschen Vereinigung erhoben hatte, kam) als verfassungswidrig erkannt. Die Vermögenssteuer wurde danach durch die letzte Regierung Kohl nicht abgeschafft - das Vermögenssteuergesetz ist bis heute meines Wissens nicht novelliert - , sondern dessen Berechnungs- und Erhebungsart wurde lediglich ausgesetzt. Das Bundesverfassungsgericht hatte insbesondere die zu wenig genaue Berücksichtigung von Immobilienbesitz in der Steuerberechnung kritisiert und als Ungleichheit beanstandet. Nicht beanstandet wurde die Verfassungsmässigkeit einer Vermögenssteuer.
Seither wird in Deutschland über die Berechnungs- und Erhebungsart der Vermögenssteuer gestritten. Durch das revidierte Grundgesetz, in welchem das Verhältnis zwischen Bund und Ländern präzisiert und teilweise neu geregelt wird, käme eine Vermögenssteuer als Steuersubstrat ausschliesslich den Bundesländer zu Gute. Deshalb ist es ziemlich sicher, dass in Kürze die entsprechende Gesetzesnovelle auf die diversen Parlaments- und Regierungstische in Deutschland kommt - vermutlich im Zusammenhang mit der neuen Unternehmensbesteuerung.
Dass eine Novellierung eines Gesetzes dann besonders lange dauert, wenn es die Reichen betrifft, die mit dem Status quo am besten fahren, wundert natürlich nicht.
Alois-Karl Hürlimann
Berlin
"Es sind nicht immer nur rechte Capitalisten"
Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass in Deutschland bereits 1974/75 (in dieser Zeit) die Steuergutschrift auf Dividenden deutscher Unternehmen für deutsche Steuerinländer eingeführt worden war.
Wir hatten damals ein Klientendepot bei der Deutschen Bank in Deutschland. Als Dividenden auf VW-Aktien ausgeschüttet wurden, gab es DM 12.00 Dividende pro Aktie und DM 6.00 Steuergutschrift für Steuerinländer, als Kompensation der Steuern, welche der Konzern in Deutschland bezahlt hatte, um eben diese wirtschaftliche Doppelbesteuerung der Dividenden zu vermeiden.
Unser Klient war zwar Deutscher, wohnte aber in der Schweiz, also konnten wir für ihn die Steuergutschrift nicht geltend machen.
Eingeführt wurde diese Steuergutschrift von der sozialliberalen Koalition Schmidt/Genscher. Sie war einer der Preise, welche die SPD für den Koalitionsvertrag mit der FDP und damit die Macht im Land zu zahlen hatte. Die deutsche FDP konnte sich durchsetzen. Trotz schlechter wirtschaftlicher Lage der öffentlichen Hand wurde noch nie angeregt, diese Steuergutschrift sei rückgängig zu machen.
Unabhängig davon darf ich noch ergänzen, dass in Deutschland (und Oesterreich) auch die Vermögenssteuer abgeschafft wurde. Ob von der rotgrünen Regierung Schröder oder schon zuvor noch unter Kanzler Kohl bin ich mir nicht sicher. Sicher bin ich mir jedoch, dass Rotgrün keinen Versuch unternommen hatte, sie wieder einzuführen. Man stelle sich mal das Theater vor, wenn ein bürgerlicher Bundesrat zum Beispiel via Steuerharmonisierungsgesetz die Vermögenssteuer abschaffen wollte! "Steuergeschenke an die Reichen" wäre wohl das Minimum.
Es sind also nicht immer nur rechte Capitalisten, welche den Staat aushungern möchten und was der Sprüche mehr sind.
"So wird das System an die Wand gefahren"
Es wird den Führern des Kapitalismus genauso gehen wie den Führern des Katholizismus und des Kommunismus: Wer grob gegen die Regeln verstösst und für sich die Ausnahmen in Anspruch nimmt, fährt das ganze System an die Wand!
Es war schon die Erfahrung der Freiwirtschafter, dass das Geld nicht in wenigen Blasen zusammengehalten werden soll, sondern in der Wirtschaft verteilt, wie das Blut im Körper. Nun ratet mal, wo sich das Geld zusammenstaut! Wirtschaften bedeutet Risokoverteilung statt nur Risikomanagement.
Bundesrätin Leuthard hat mich beeindruckt: Sie mahnte einen Nationalrat, nicht nur den fetten Auftrag aus Ungarn in die Tasche zu stecken, sondern auch sein Scherflein der Milliarde beizusteuern! Gut so!
Peter Thommen
Buchhändler
Basel
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Montaignes Warnung vor Gewissheiten
Michel de Montaigne lebte vor 400 Jahren (genau von 1533 bis 1592). Sein Werk, eine dreibändige Ausgabe von "Essais", hat nichts an Aktualität eingebüsst. Der französische Philosoph wollte nichts entscheiden, sondern unterscheiden. Sein Kampf gegen Gewissheit, die abrupt in blanken Fanatismus umschlagen kann, ist heute so gültig wie zu jeder Zeit.
Einmal beschreibt Montaigne, wie er mit seiner Katze spielt und sich fragt, ob es nicht vielleicht die Katze ist, die mit ihm spielt. Alles ist relativ, im Wandel, austauschbar, ungewiss. Worauf kann man sich da verlassen?
Der Mensch war für Montaigne ein "wogendes Wesen" ("un être ondoyant"), der "von nichts das Ganze" sieht, sondern nur Teile, Details, Fragmente, Teilansichten, die er beliebig zusammensetzt, macht er sein (individuelles, beschränktes) Fassungsvermögen zum Massstab aller Dinge. Das führt dann dazu, dass bei tausend Fragen "das Für und Wider gleichermassen falsch" ausfällt.
Montaigne war einer der grossen Vertreter der skeptischen Schule und damit ein Vorläufer der Aufklärung. Skepsis bedeutet soviel wie Misstrauen und ist damit ein Pendant zum Moralismus. Auch in Fragen der Moral verhält sich der Skeptizismus, wie in allen übrigen, reserviert und nimmt einen reflexiven Standpunkt ein.
Überzeugungen wies Montaigne strikt von sich. Das war seine Form von Zurückhaltung, die sein Denken auszeichnet. Darum ist es heute noch so zutreffend, in einer Zeit, in der das fundamentalistische (doktrinäre, absolute) Denken vor nichts Halt macht: Weder im politischen Alltag noch in Fragen der Religion, die zu einer korporativen Ideologien geworden ist. Etwas dagegen auszurichten ist für den einzelnen Menschen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Ebenso schwierig ist es, sich gegen die Propaganda-Industrie zu wehren, die heute mit zur Verhinderung beiträgt, dass ich irgendwo noch "das Ganze" sehen kann.
Als einer, der schreibt und auch noch das Privileg hat, seine Meinung zu veröffentlichen, stellt sich die Frage, wie er damit umgeht. Bei jeder Meinung wisse er sofort, woher er sie habe, meinte Messmer, eine Figur in einem Buch von Martin Walser. Das war eine ironische Bemerkung, die besagen sollte, dass Meinungen zusammengesetzte und zufällige Agglomerate sind. Wenn man in der Fernsehsendung "Arena" beobachtet, wie die Politiker alles schon wissen, bevor sie gefragt werden, bekommt man eine Ahnung, wie wenig es taugt, was sie sagen.
Trotzdem geht es manchmal darum, zu einer deutlichen und nachvollziehbaren Aussage zu kommen, ohne dabei in die Falle des Relativismus zu treten ("Anything goes", hat Paul Feyerabend gesagt. Ist das richtig? Hoffentlich nicht) und ohne Triumph.
Montaignes Vorschlag ist nach wie vor brauchbar: Unterscheiden. Oder darlegen, erklären, die Genese einer Ansicht aufzeigen, einen Diskurs führen, ohne ihn abzuschliessen.
In Montaignes Geist wäre es bestimmt auch zu sagen: Ich habe eine Meinung, aber ich bestehe nicht darauf. Es ist nur ein Vorschlag, der weder richtig noch falsch ist, aber vielleicht einen neuen Standpunt oder einen Gegenstandpunkt in die Welt setzt.
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"Aus der westlichen Welt wurde eine Beliebigkeitsgesellschaft"
Unterscheiden ist gut. Aber wir sind in jedem Moment gezwungen, Entscheidungen zu fällen. Zum Beispiel, ob man diesen Leserbrief lesen will. Oder ob Zwangsehen nicht nur anders, sondern eine Menschenrechts- und Verfassungsverletzung sind.
Kritisches Denken und Reflexion sind auch gut. Keine Frage. Das Plädoyer gegen Fundamentalismus ebenfalls (werden es die Fundamentalisten lesen?). Doch warum sind totalitäre Extremismen wieder im Kommen? Weil wir unser humanistisches, eigenes Fundament weniger fundamental verteidigen? Aus Furcht vor Einschüchterung durch Extremisten?
"Ich habe eine Meinung, aber ich bestehe nicht darauf. Es ist nur ein Vorschlag, der weder richtig noch falsch ist." Gilt das auch für Menschenrechte? Schutz von Leben, Eigentum und persönlichen Freiheiten? Worauf bestehen wir noch?
Die westliche Welt hat sich dank einer fast alles tolerierenden Toleranz (also nicht diejenige von Sir Karl Popper, da gilt es auch zu unterscheiden) sowie Multikulti zu einer Beliebigkeitsgesellschaft hin bewegt. "Anything goes". Orientierungslosigkeit. Grenzenlosigkeit. Werteverlust. Haltlosigkeit. Freier Fall, Platz für Gewalt und Extremismen.
Es gibt richtig und falsch. Es gibt eine Verfassung, die für alle gilt. Selbst diejenigen, welche von "weder richtig noch falsch" reden, wollen weder getötet, beklaut noch vergewaltigt werden. Die sehr blutigen Religionskriege und auch die Nazis sind lange her. Vielleicht braucht es erneut viel Gewalt, bevor wieder Gewissheit entsteht, dass eine freie, demokratische Gesellschaft mit UNO-Menschenrechten und durchgesetzter Verfassung zwar nicht die perfekte, aber die beste Lösung und
zu verteidigen wert ist (trotz Einschüchterung).
Und die Gewissheit, dass seit Jahrzehnten laufende Indoktrination - gegen welche Sturm gelaufen würde, versuchte man sie bei uns - ihre Wirkung nicht nur im Nahen Osten, sondern mittels Migration, Parallelgesellschaften und Satelliten-TV/Internet auch bei uns ihre Wirkung immer mehr entfaltet.
Die Entscheidung, was wir alles preisgeben, damit sich Leute, welche schon beim Aufstehen die beleidigte Opferrolle annehmen, einigermassen ruhig verhalten, wird uns in immer schneller wiederkehrenden Phasen mit höheren Forderungen abverlangt werden. Dann nur zu unterscheiden ist auch eine Entscheidung.
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Die Zukunft fängt heute an
Während die Ereignisse unmittelbar ihren Lauf nehmen, lassen sie sich nur schwer beurteilen. Das ist erst später, im Rückblick, möglich. Nun liegt aber die Schwierigkeit darin, dass heute schon in die Wege geleitet wird, zum Beispiel in Forschungslaboratorien oder von alerten Jung-Erfindern, was in fünf, zehn, zwanzig Jahren Realität sein wird. Und dass es, wenn die Ereignisse dann eingetreten sind und beurteilt werden können, für eine Korrektur schon zu spät sein wird. Die normative Kraft des Faktischen hat bereits irreversible Tatsachen geschaffen.
Damit will ich sagen: Wir müssten in der Lage sein, unsere Handlungen und ihre Folgen zu überdenken, aber es fehlt uns die Übersicht dazu. Trotzdem bereiten wir heute schon vor, was in einer absehbaren Zukunft zu unserem Heil oder unserer Verdammnis geraten wird.
Atomenergie, Gentechnik, Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie haben innerhalb von 20, 30 Jahren unser Leben verändert. Tiefgreifender, als uns bewusst ist - auch dann, wenn jede Entwicklung ebenso viele erfreuliche wie bedrohliche Seiten aufweist. Umso wichtiger ist daher jede Art von Reflexion, Nachdenklichkeit und Zurückhaltung.
Denn wer könnte absolut in Abrede stellen, dass wir eine Entwicklung eingeleitet haben, die unvermeidlich zur "Industrialisierung des Lebens" (Amory Lovins) führt? Ein paar Menschen werden sich in den Besitz von Technologien hieven, mit denen sie den Rest der Menschheit unterjochen können. Wir erleben heute schon einen Kollaps von Werten und Begriffen. Im Namen des realen und inszenierten Terrors werden demokratische Errungenschaften revidiert und annulliert. Die Holzräuber am Amazonas sind im Begriff, die indigenen Völker auszurotten. Der weltweite Menschenhandel ist längst eine, wenn auch mit Bedauern hingenommene, Tatsache.
Die schlimmste denkbare Aussicht: Dass der Mensch ein zum Verschwinden verurteiltes Wesen ist.
Der amerikanische Science-Fiction Autor Vernor Vinge hat schon 1993 von einer "Singularität" gesprochen und gemeint, dass wir innerhalb von 30 Jahren über technische Möglichkeiten verfügen werden, die die menschliche Inelligenz weit übersteigen. "Unmittelbar danach wird die Ära des Menschen verschwinden." Es war für Vinge klar, dass wir heute an einem vergleichbaren Wendepunkt stehen wie zu Beginn des biologischen Lebens vor drei bis vier Milliarden Jahren. Die Künstliche Intelligenz kann das Kommando übernehmen, weil die Evolution nicht mehr auf die Biosphäre beschränkt ist. Vinge ist für seinen Pessimismus massiv kritisiert worden.
Im Jahr 2000 hat Bill Joy sein Manifest "Why the future doesn't need us" veröffentlicht. Auch er musste sich viele Einwände und Vorwürfe anhören.
Das Verschwinden des Menschen ist inzwischen zu einem beliebten Feuilleton-Stoff geworden. Wenn es aber darauf ankommt, würde ich mich am Ende eher den Techno-Pessimisten anschliessen (auf deren Seite sich auch ein so eminenter Wissenschafter wie der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss gestellt hat) als den blindgläubigen Techno-Optimisten Glauben schenken.
Auch oder gerade deshalb, weil die Lust am Untergang und an Horror-Szenarien etwas Erschreckendes, aber zugleich auch Aufregendes und Prickelndes hat.
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"Die Phase der naiven Unwissens ist vorbei"
Ein interessanter Beitrag von Aurel Schmidt. Mir stellt sich nach dem Lesen unter vielen anderen auch diese Frage: Wer treibt denn eigentlich die "alerten" Jungtäter an? Ich glaube nicht, dass es allein Forscherdrang oder Neugier ist. Inzwischen braucht es für alle Forschungszweige, die etwas mit dem technologischen Weiterschreiten zu tun haben, viel Geld. Die Schaffung der menschliche Masse übersteigenden Intelligenz beruht nicht auf Zufälligkeiten oder dem "Hirn" eines individuellen Genies, sondern vor allem auf additiver Tätigkeit von vielen, inklusive Computern.
Ich denke, man stösst bei der Frage nach den Auftraggebern in der Folge immer wieder auf die Mitglieder jener globalgesellschaftlichen Ebene, welche den globalen wie den lokalen Geldlauf organisiert und zielgerichtet fliessen lässt: Die Ebene der weltweit operierenden Bankmanager, also der Ackermanns, der Ospels, die Ebene der sogenannten "Investoren", was dann immer wieder ebenso die Ackermanns und die Ospels sind, die Ebene der Aktionäre, deren Gewinn inzwischen einzige Richtschnur weltweit ausgedehnter unternehmerischer Zielsetzung, Tätigkeit - und damit auch der Forschung - ist.
Unter dieser sich hierarchisch verstehenden Elite-Ebene, deren Mitglieder sich durch nichts als durch Geldbesitz respektive durch die Fähigkeit, mit ihren Geldoperationen unter anderem den Tod, die Unterentwicklung, die Bildungslosigkeit ganzer Kontinente oder auch Kriege um Rohstoffe (ich denke da zum Beispiel an die furchtbaren Warlords überall in Afrika) zu befördern, auszuweisen haben, herrscht vor allem eines: Blinder Gehorsam. Wo blinder Gehorsam herrscht, verschwindet die Fähigkeit zu einem Denken in weitergefassten Zusammenhängen.
Beispiel: Durch das Abholzen der Amazonaswälder werden indigene Völker ausgerottet, das heisst: Private Unternehmen, von Banken mit globalen Ansprüchen sowohl vor- als auch mitfinanziert, betreiben Völkermord. Zugleich betreiben sie auch Klimaveränderung. Und inzwischen wissen alle Beteiligten, was sie tun. Die Phase der naiven Unwissens ist vorbei. Die gehorsamen Vollzieherinnen und Vollzieher tun, was ihnen befohlen wird.
Alois-Karl Hürlimann
Basel
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Auf dem Weg in die sprachlose Gesellschaft
Die Schweizer geben für "Medien" jährlich 10,3 Milliarden Franken aus. Mehr als zwei Drittel entfallen auf Fernsehen, Computer und Unterhaltungselektronik. Und 736 Millionen Franken für Bücher; das sind ungefähr 100 Franken auf jeden Einwohner. Viel ist das nicht.
Die Statistik, die bekanntlich eine hochstaplerische Form der Lüge ist, erlaubt dennoch die nüchterne Feststellung, dass wir auf dem Weg in eine sprachlose Gesellschaft sind.
Seit jeher hat sich eine qualifizierte Minderheit der merkwürdigen, fast meditativen Tätigkeit hingegeben, aus Buchstabenreihen eine Vorstellung im Kopf zu entwickeln. Das Lesen von Literatur ist Arbeit am Unterbewusstsein, aber es gilt als unattraktive Sache. Fussball oder Disco sind geiler.
Wenn ich an das Johlen in den Fussballstadien denke oder das Gestammel der Kinder, die mittags um zwölf Uhr am Barfüsserplatz in das Tram 3 steigen, anhöre, bin ich bestürzt und finde meinen Verdacht bestätigt. Auch das Handy liefert keinen Beweis, dass wir besonders rede- und sprachgewandt sind. Was wir uns mitteilen, ist meistens gleich null und vollkommen überflüssig. Je mehr wir telefonieren, desto kompliziertes wird alles (oder deswegen). Was das SMS betrifft, verlangt es eine Codierung der Sprache, die keinerlei Argumentation zulässt. Mehr als ein Kult ist es nicht.
Parallel dazu nehmen die sprachlosen Künste zu: Zum Beispiel Ballett und Tanz-Performances, vor allem jedoch die Musik. In der babylonischen Sprachverwirrung der multikulturellen Gesellschaft ist Musik heute die globale Kunstgattung. Aber aufgepasst: Was Musik an der Musik sein soll, ist nicht klar. Hauptsache, dass sie den Raum besetzt und die Zuhörer wie in ein Kokon einwickelt, in den Boutiquen, an den Open-Air-Festivals, auf Schritt und Tritt.
Der Verlust der Sprache versetzt die Menschen in die bedauerliche Situation, in der sie es nur mit den hautnahen Phänomenen der Welt und den Ereignissen des Augenblicks zu tun haben. Diese Unmittelbarkeit ist wie der Aufenthalt im Urwald oder in den arktischen Eiswüsten. Egal, in welche Richtung der Blick geht, überall bietet sich das gleiche Bild. Weit und breit lässt sich nichts unterscheiden.
Ohne Sprache ist der Mensch kaum in der Lage, die Verhältnisse, die ihn betreffen und bedrohen, kritisch zu analysieren und sich gegen sie zu wehren. Ein Felsbrocken, der auf die Strasse stürzt, ist je nachdem eine Tragödie oder Katastrophe, aber was ist mit der Steuerpolitik von Bundesrat Merz?
Zu guter Letzt bleibt nur das Ressentiment als Reaktion. Die nonverbale Kommunikation findet in Krawallen und Prügeleien ihren schlagendsten Ausdruck.
Alle Erkenntnis, alles Wissen ist vermittelt, das heisst übertragen, organisiert, hergestellt. Zu diesem Zweck sind Sprache und Schrift einzigartige Mittel, die wir jedoch im Begriff sind aufzugeben.
Bis neue, nachhaltige Kulturtechniken entstanden sind, könnte es zu spät und die "schlimmst-mögliche Wendung" der Entwicklung, von der Friedrich Dürrenmatt sprach, eingetreten sein: Wir verlieren unser Gedächtnis.
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Fortschritt durch Reduktion
Neuntausend Kilometer haben Milch, Früchte und Plastik zurückgelegt, bevor ein Becher Yoghurt im Kühlschrank angekommen ist. "Le Monde" hat die Zahl kürzlich veröffentlicht. Kartoffeln werden zum Waschen kreuz und quer durch Europa gekarrt, Mineralwasser ist Hunderte von Kilometern von A nach B und von B nach A unterwegs. Wir haben keinerlei Zweifel, dass das ein absoluter Unsinn ist. Trotzdem geht es munter so weiter.
Die Gründe für diese verkehrte Entwicklung liegen auf dem Tisch. Das globale Handeln kennt keine Schranken. Wenn die Belegschaft bei Volkswagen nicht mehr Wochenstunden ohne Lohnausgleich arbeitet, wird die Produktion in die Slowakei ausgelagert. Die Wirtschaftsführer verhalten sich wie Condottieri. Je globaler sie denken, desto räuberischer und zerstörerischer handeln sie und desto mehr steigen notabene die Gewinne.
In Südspanien boomt die Gemüseproduktion, aber das Grundwasser geht zurück. Das Eis der Polarkappen schmilzt, Überschwemmungen nehmen immer ärgere Formen an, die Berge stürzen auf die Strassen und blockieren den Verkehr. Gleichzeitig schreitet, fast paradoxerweise, die Desertifikation, die eine richtige Verwüstung ist, voran. Klimawandel und Treibhauseffekt lassen sich nur unter enormen intellektuellen Verrenkungen verdrängen. Walfangverbote werden übergangen (unter anderem von Norwegen) und mit Forschungszwecken begründet, Gifte im Trinkwasser neuerdings als "Fremdstoffe" bezeichnet, die Regenwälder des Amazonas vernichtet, um Soja anzubauen. Es wird als Tierfutter zur Fleischproduktion für die Reichen und Satten gebraucht.
Die Wirtschaftszahlen in China lassen unsere Ökonomen vor Neid erblassen. Geht es aber um die ökologischen Folgen, haben sie Reissaus genommen. In China sollen sich die Schäden auf 200 Milliarden Dollar belaufen. Wenn die Gewinne untereinander verteilt sind, bezahlen die Zurückgebliebenen die Zeche.
Das alles ist bis zum Überdruss bekannt. Wir kennen die Ursachen und wissen, was zu tun ist. Aber wenn zum Beispiel die Automobilisten wegen des Smogs etwas langsamer fahren sollen, erhebt sich gleich ein empörter Aufschrei über die bedrohte Freiheit in diesem Land.
Zwei Einsichten drängen als Folge dieses Szenarios auf. Erstens: In einem geschlossenen System gibt es keine Zunahme, nur Verschiebungen und Verlagerungen. Zweitens: Der ökonomische (jedoch falsch kalkulierte) Erfolg bestimmt Gesetz und Ausmass der Katastrophe.
Wie bisher wird es nicht endlos weitergehen. Der "ökologische Fussabdruck" ist zu gross - bei uns. Einschränkungen wären ein Gewinn. Von Nachteilen oder Einbussen kann keine Rede sein. Fortschritt durch Reduktion und Konzentration ist möglich. Es geht nicht darum, das Lob des Verzichts oder der Askese zu singen, sondern im Gegenteil um bewusste Wahrnehmung und gesteigerte Freude.
Ein zen-buddhistischer Mönch, der viele Jahre unterwegs war, wurde bei der Rückkehr gefragt, warum er so einen heiteren Eindruck mache. "Mit leeren Händen zog ich fort, mit leeren kehre ich zurück", antwortete er.
Ich stelle mir vor, dass er in den Jahren unterwegs viel gesehen und gelernt hat.
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"Ökologischer Fussabdruck sollte überall eingeführt werden"
In diesem ausgezeichneten Artikel erwähnt Aurel Schmidt, dass der Ökologische Fussabdruck bei uns zu hoch ist. Der Basler Mathis Wackernagel hat dieses geniale Konzept entwickelt und leitet das "Global Footprint Network" (www.footprintnetwork.org. ). Laut seinen Berechnungen ist der Ökologische Fussabdruck bei uns 3-mal zu gross. Leider ist er auch global schon um 1,22 grösser als naturverträglich/nachhaltig wäre - die Zunahme im letzten Jahr betrug zwei Prozent!
Es wäre dringend notwendig, dass der Ökologische Fussabdruck als Messinstrument der Naturbelastung überall eingeführt würde zur Ergänzung des Bruttosozialprodukts, des ökonomischen Messinstruments der Wirtschaft. Nur durch eine ganzheitlich ökonomisch-ökologische Steuerung könnte die Gefahr vermindert werden, dass die Menschheit - im Wachstumswahn die Grenzen des Wachstums verleugnend - in den ökologischen Abgrund schlittert.
Roland Matter
(Basler Grossrat 1984-1997)
Basel
"Das Problem ist jeder einzelne Mensch auf dieser Erde"
Das Problem sind nicht die Politiker oder die Politik, sondern jeder einzelne Mensch auf dieser Erde selber. Dabei kann ich nur auf Immanuel Kants kategorischen Imperativ verweisen, der angesichts der prekären Lage auch mir immer wieder meine Fehlbarkeit vor Augen führt: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
"Am nachhaltigsten leben Studenten und einfache Arbeiter"
Nicht das globale Handeln ist das Problem. Auch nicht die Manager, die gerne verteufelt werden, weil sie tun, wofür sie angestellt wurden: Effizient zu produzieren oder Dienstleistungen zu erbringen (Nichteffizienz führt zu Verdrängung durch die Konkurrenz oder bei Planwirtschaft zu Wertvernichtung im Sowjet-Stil).
Auch die Marktwirtschaft per se ist nicht diabolisch, wie sie von Ideologen gerne dargestellt wird. Hochproblematisch ist die Möglichkeit, zu produzieren und zu konsumieren und dabei Kosten Drittpersonen (Unbeteiligte, zukünftige Generationen) anzulasten (sog. externe Kosten). Wären sämtliche gesellschaftlichen und ökologischen Kosten, die bei der Produktion und Konsumation anfallen, überall im Preis enthalten, dann gäbe es keine Flüge für unter 100 Franken mehr. Das würde aber bedeuten, dass viele Massengüter wie z.B. heutige Flugreisen nicht mehr für die Masse erschwinglich sind. Am nachhaltigsten leben Menschen mit kleinem Budget: Studenten und einfache Arbeiter. Sie haben auch keine andere Wahl.
Hier kommt der nichtökonomische Aspekt hinzu. Der Wunsch nach immer mehr. Bio-Lebensmittel und dafür kein Theaterbesuch ist für viele weniger wert als günstigere, gespritzte Lebensmittel und ein Theaterbesuch dazu. Der Drang, mit etwas haben etwas zu sein, der Wunsch nach Status durch Statusgüter. Was die "High Society" macht, will der einfache Arbeiter auch: Weltreisen, Porsche, golfen. Dieser Wunsch nach immer mehr verhindert, dass Politiker die externen Kosten den Verursachern anlasten können. Und so bezahlen andere mit Husten dafür, dass möglichst viele Leute Feinstaub produzieren dürfen.
Wenn alle so leben wollen wie diejenigen in Saus und Braus es tun, kann das gut gehen? Bei einer wachsenden Weltbevölkerung?
Den Konsum der "High Society" auf die Masse zu verteilen (im Sinne einer oft geforderten Gerechtigkeit) würde dem Einzelnen nicht viel bringen, denn auch die Reichen können nicht mehr als ein Auto gleichzeitig fahren. Es scheint mir (bei uns) weniger eine Frage der Verteilung des Reichtums als eine Frage des Lebensstils zu sein. So lange der materialistisch ausschweifende Lebensstil einiger Reichen als Vorbild gilt (Lebensziel: Porsche, Haus mit Swimming Pool, etc.), so lange sich Leute besser fühlen, wenn sie mehr Rohstoffe als ihr Nachbar verbrauchen, so lange wird es keine Umkehr geben (es sei denn erzwungen durch Katastrophen).
Natürlich sollten nicht alle Mönche werden, sonst hätten auch die Mönche nichts mehr zu essen. Aber mehr materielle Bescheidenheit und Sinnsuche in nichtmateriellen Dingen eröffnen Alternativen.
"Man sollte Politiker immer wieder an ihre Versprechen erinnern"
Das Globale wird lokal entscheiden. Oder andersherum: Das Lokale hat globale Auswirkungen. Dazu einige Bemerkungen.
Mir fällt auf, dass viele Schülerinnen und Schüler, kaum beginnt die wärmere Jahreszeit, mit allergischen Reaktionen ihrer Körper zu kämpfen haben. Sie husten, sie beklagen Hautallergien, sie können nicht richtig durchschlafen, sie haben Atemprobleme und so weiter. Vor dreissig Jahren, als ich meine berufliche Arbeit als Lehrer startete, war eine derart auffallende Häufung von "Sommergrippen" nicht feststellbar.
Ich selber bemerke als Velofahrer, dass ich sofort, wenn die Temperaturen steigen, wenn die Sonnenscheindauer zunimmt, Probleme mit meinen Augen erhalte, dass meine Atmung nicht so geht, wie ich es erwarte und ich entdecke ein zunehmendes Bedürfnis, in Innenräumen zu bleiben, weil die Stadtluft eben nicht mehr frei atmen lässt.
Solche Umstände waren die Hauptgründe, weshalb ich bei den letzten Wahlen rotgrüne Politikerinnen, Politiker und Parteien gewählt habe. Sie haben damals eine Mehrheit in der Regierung und eine zu organisierende Mehrheit im Parlament erhalten.
Und was erfahre ich über deren Tätigkeit zu meinen gesundheitlichen, meinen ganz bescheidenen stadtluftbezogenen Wünschen? Sie tun nichts.
Sie tun so, als hätte man sie gewählt, weil sie genau dasselbe tun würden wie diejenigen, die seit 50 Jahren die mehrheitliche Macht in Basel hatten. Ich sehe keine Verschiebung von Steuergeldern zugunsten einer erträglicheren Stadt-Atmosphäre im ursprünglichen Wortsinn. Dafür: Unnützer Strassen- und Plätztebau wie eh und je, Vernichtung von Bäumen und vor allem von Buschwerk in den Parks und so weiter.
Lieber Aurel Schmidt, ich denke, man sollte diejenigen, welche da Etikett "grün" gewählt hatten, um gewählt zu werden, fortgesetzt immer wieder sehr deutlich auffordern, zu tun, was zu tun ist ist Sinne ihrer Etikettierung. Denn es beginnt wohl vor doch Ort, das Handeln zugunsten der Stadtbewohner (und Steuerzahler des Stadtkantons), zugunsten der vielgenannten "Schöpfung".
Alois-Karl Hürlimann
Basel
"Nichts als die Wahrheit"
Ausgezeichneter Beitrag. Bravo. Aber leider: Die Produzenten sind auch die Konsumenten. Eine Spirale, die sich immer schneller dreht, bis es knallt. Irgendwann wird der Mensch rezycliert und muss wieder vorn beginnen.
Urs Fröhlicher
Münchenstein
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Frühere "Seitenwechsel"
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