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Frühere "Seitenwechsel"


© Foto Ruedi Suter

Aurel Schmidt war bis Mai 2002 Redaktor der "Basler Zeitung" (vorher "National-Zeitung"). Er war mitverantwortlich für das jeden Samstag erscheinende "Basler Magazin" und verfasste zahlreiche philosophische Essays, Reise-Reportagen, Kommentare und Kolumnen. Schmidt, der heute als Schriftsteller und freier Publizist in Basel lebt, machte sich auch als Autor mehrerer Bücher einen Namen: "Der Fremde bin ich selber" (1982), "Die Alpen - schleichende Zerstörung eines Mythos" (1990), "Wildnis mit Notausgang. Eine Expedition" (1994), "Von Raum zu Raum. Versuch über das Reisen" (1998). Zuletzt erschienen: "Lederstrumpf in der Schweiz. James Fenimore Cooper und die Idee der Demokratie in Europa und Amerika" (2002) und "Gehen - der glücklichste Mensch auf Erden" (2006).

aurel.schmidt@bluewin.ch
www.aurelschmidt.ch

(Die Kolumnisten sind in ihrer Meinung frei; sie braucht sich nicht mit jener der Redaktion zu decken.)

Wie Spieler im Casino

Wo die einen von "Raidern", "Finanzhaien", "Spekulanten" oder "Heuschrecken" (vom deutschen Vizekanzler Franz Müntefering geprägter biblischer Ausdruck) sprechen, ziehen es die anderen vor, den Ausdruck "Kapitalanleger" oder vornehmer "Investoren" zu verwenden.

Die Herren Ronny Pecik und Georg Stumpf mit ihrer Beteiligungsgesellschaft Victory und Vladimir Vekselberg mit seiner Renova haben es auf Schweizer Unternehmen abgesehen und grosse Anteile erworben, bei Unaxis (später OC Oerlikon), Saurer, zuletzt Sulzer. Liquidität ist genug vorhanden. Grenzen sind keine gesetzt.

Was machen diese Herren mit ihren erworbenen Beteiligungen? Lesen wir, wie die NZZ das Rezept "verkürzt dargestellt" umschreibt: Sie kaufen diese Unternehmen, nehmen sie auseinander, streichen kurzfristig Gewinne ein und machen sich "gut genährt" erneut "auf die Jagd". Helfen wir ein wenig nach: Mit dem Einfluss, den sie ausüben, sind sie in der Lage, die guten Filetstücke heraus zu schneiden und Gewinn bringend zu verkaufen. Die unrentablen Teile lassen sie wie Kadaver und Skelette, wie Abfälle am Strassenrand liegen. Dann blasen sie zu neuen Taten.

Für die einen ist das ein Vorgehen, das unvermeidlich ist, um auf dem globalen Markt zu bestehen. Angeblich kann Vladimir Vekselberg Sulzer helfen, Pumpen in Russland zu verkaufen. Ausserdem wird behauptet, dass Machenschaften dieser Sorte Wirtschaftswachstum generieren, was wohl ein Euphemismus für Gewinn ist, und neue Arbeitsplätze schaffen, was auch nicht stimmt, wenn man an die 10'000 drohenden Entlassungen denkt, die durch die in Aussicht stehende Fusion von Barclay und ABN Amro vorgesehen sind. Dass neu geschaffene Arbeitsplätze das Ziel sein sollen, wäre eine absolut sensationelle Neuigkeit.

Übernahmen und Fusionen sind nicht das gleiche, aber sie gehören in den gleichen Strategiekomplex der Global Player und Highflyer, die mit Wirtschaftsgütern umgehen wie Spieler mit ihren Einsätzen im Casino.

Dass der 15 Milliarden Dollar reiche Russe Vekselberg in Zürich lebt und dort nach Aufwand besteuert wird, während er "die halbe Schweiz" kauft ("Blick"), ist die Pointe dieser famosen Geschichte. Und dass die Zürcher Kantonalbank mit Staatsbeteiligung Vekselberg (aber nicht nur ihm) als Steigbügelhalterin geholfen hat, setzt der Unverschämtheit die Krone auf.

Am Ende sieht sich die Öffentlichkeit als Spielball oder Opfer der um sich greifenden Casino-Mentalität. Aber jetzt geht dieses Finanzgebaren selbst einigen Schweizern zu weit. Sie bekommen kalte Füsse und machen sich Gedanken über eine neue Art von "Heimatschutz".

Der Thurgauer Unternehmer Peter Spuhler wollte gegen solche Beteiligungen nichts eingewendet haben. Sie seien, sagte er, Teil der "freien Marktwirtschaft". Soll die Welt in die Hände von ein paar Kapitalmachern fallen, wenn bloss das System unangetastet bleibt. Oder anders gesagt: Wer das grösste Stück Kuchen nimmt, hat am meisten zu essen.

Der kleine Unternehmer, der zum Beispiel Gartenschläuche herstellt und schauen muss, wie er über die Runden kommt, wird über diese weitsichtige Einschätzung erbaut sein.

7. Mai 2007

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"Geschäfte dieser Art gehen zu Lasten des Sozialstaates"

Einmal mehr versteht es Aurel Schmidt, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen und die Brutalität des Manchester-Liberalismus deutlich zu machen. Während der Spieler im Casino allerdings befürchten muss, 100 Prozent seines Einsatzes zu verlieren, haben die modernen "Heuschrecken" dank willigen Helfern bei den Banken - die ZKB macht es vor - die Garantie, dass der Deal mit den heimlich aufgekauften Aktien in jedem Fall die gewünschte Rendite bringt. Dass Geschäfte dieser Art im Endeffekt zu Lasten des Sozialstaates gehen, wird von den Befürwortern des totalen Liberalismus gerne übersehen.

Bruno Honold
Basel




Frühere "Seitenwechsel"

 


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