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"Als Erste mit der Staubmaske": Quartier-Politikerin Heidi Mück

"... und am Schluss erstickt das Quartier
noch ganz"

Weshalb die Kleinhüninger Politikerin Heidi Mück das geplante "Stücki"-Einkaufszentrum ablehnt

VON PETER KNECHTLI

Auf dem so genannten "Stücki"-Areal im Basler Quartier Kleinhüningen soll eines der grössten Einkaufszentren der Schweiz entstehen. Die "Basta"-Grossrätin Heidi Mück (42) zählt zu den führenden Köpfen aus dem links-grünen Lager, die gegen die Umzonung des Geländes das Referendum ergriffen haben. Sie sieht das ohnehin vernachlässigte Hafenquartier dem Untergang geweiht, wenn der Supermarkt gebaut wird.

Heidi Mück, Mutter von drei Kindern, wohnt seit 18 Jahren an der Kleinhüningerstrasse. Seit zwei Jahren ist sie - als Mitglied der links-grünen Partei "Basta" - Grossrätin. Im Parlament gedenkt die ausgebildete Rhythmiklehrerin und Sekretärin der Gewerkschaft Erziehung kein Mauerblümchen-Dasein zu fristen: "Schliesslich bin ich jetzt ja Grossrätin und Präsidentin des Referendumskomitees, da wird von mir auch ein Einsatz verlangt." Diesen Einsatz bringt sie jetzt zugunsten ihrer engeren Heimat: Dem einstigen Fischerdorf Kleinhüningen rund um den Rheinhafen, das nach ihrer Erfahrung innerhalb des Kantons Basel-Stadt immer mehr ein Mauerblümchen fristet.

Ein Quartier blutet aus

Erst letzten Sommer verlor das von zahlreichen Migrantinnen und Migranten bewohnte "Dorf" (so die Bewohner) aus Kostengründen die kleinste Zweigstelle der GGG-Bibliothek. Unter die Dreirosenbrücke verlegt und aus dem Quartier entfernt wurde das Jugendzentrum "Barakuda". Ein Coop-Laden schloss die Tore und die Migros schloss die Frischfleischabteilung. Diese soziale Ausräumung "hat die Leute aufgeschreckt", sagt Heidi Mück, "und den Willen verstärkt, dass wir uns jetzt wehren müssen". Denn mit andern Inkonvenienzen ist Kleinhüningen schon seit langem geplagt: Seine Strassen sind häufig verstopft mit Pendler- und Lastwagenverkehr, aber auch mit Autos von Konsumierenden, die in den deutschen Einkaufszentren gleich hinter der Landesgrenze in Weil von den günstigeren Preisen profitieren wollen. Zu störenden Immissionen führen auch die Geothermie-Bohrung auf dem IWB-Werkareal, der Hafen-Verkehr und die berüchtigten nächtlichen Privat-Autorennen.

Wenn nun das Shoppingcenter mit seinen 32'000 Quadratmetern Verkaufsfläche samt einem Dreisterne-Hotel mit 145 Zimmern auf dem "Stücki"-Brachland gebaut werden, "dann erstickt das Quartier noch ganz", fürchten sich Heidi Mück und zahlreiche Quartierbewohenende. Die vorgesehenen 825 Parkplätze und die geplanten 2,6 Millionen Ein- und Ausfahrten aus dem Zentrum nähren unter den Kleinhüningern ("wir sind nicht grundsätzlich gegen ein Einkaufszentrum") die Befürchtung, dass Kleinhüningen als Wohn- und Lebensort den letzten Rest an Originalität und Attraktivität verliert.

"Einkaufszentrum setzt auf Privatverkehr"

Auf besondere Kritik stösst bei Heidi Mück und den "Stücki"-Gegnern, dass das Zentrum "völlig mangelhaft" mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen und klar auf die Anreise per Individualverkehr ausgerichtet sei. Der "36"er-Bus sei auch mit einer neuen Haltestelle als umständliche Ringlinie unattraktiv, die Endstation des "8"er-Trams sei für schleppende Konsumierende auch durch den Bau einer Brücke über die Wiese zu weit entfernt. In Kleinhüningen herrscht die Angst vor, dass die per Auto anreisende "Stücki"-Kundschaft nach erledigtem Einkauf den Konsum-Parcours gleich durch das Quartier nach Deutschland fortsetzt und stinkende Strassen wie jene, die sich vornehm "Kleinhüninger Anlage" nennt, noch stärker verstopfen.

Heidi Mück stört sich auch daran, dass "Stücki"-Promoter Sven Hoffmann eine "anspruchsvolle Kundschaft" anpeilt, womit ganz klar nicht die Quartierbewohner gemeint sein könne, da der Anteil an Sozialhilfeempfängern unter ihnen überdurchschnittlich hoch sei. "Ganz übel" findet sie die Drohung der Bauherrin, im Falle einer Ablehnung auf dem Areal einen Lastwagenterminal zu erstellen.

Erholungs-Oasen statt Mehr-Verkehr

Die Linksgrünen haben demgegenüber ganz andere Vorstellungen: "Wir haben lange genug gelitten. Novartis als Miteigentümerin des Projektareals soll jetzt gegenüber dem Quartier Grösse zeigen und es zu günstigen Konditionen dem Kanton verkaufen, um darauf Verwaltungsgebäude des Baudepartementes zu erstellen." Novartis könnte auch einen Sportplatz aus der Umgebung des Rankhofs auf das "Stücki"-Gelände verschieben und am alten Ort Wohnungen bauen. Weitere Alternativ-Vorstellungen: Eine Grünfläche mit See (Heidi Mück kann sich beim Äussern dieses Gedankens ein Lachen nicht verkneifen) oder Proberäume für Rockbands. "Es geht darum, dass die Erholungsmöglichkeiten verbessert werden."

VCS, WWF, Basta und Grüne waren es, die das Referendum gegen den Umzonungsbeschluss des Grossen Rates ergriffen. Wird die "Stücki"-Gegnerin nach den Erfolgsaussichten in der Abstimmung gefragt, bricht angesichts fehlender Untersützung durch die SP nicht einmal taktischer Optimismus durch. Vielmehr glaubt sie, dass Kleinhüningen durch den Kanton majorisiert wird: "Im Quartier werden wir gewinnen, für den ganzen Kanton bin ich nicht so optimistisch."

Sollte der befürchtete ökologische Notfall dereinst eintreffen, braucht Heidi Mück nicht lange nach Aktionen zu suchen: "Dann werde ich die Erste sein, die mit einer Staubmaske vor dem Zentrum steht."

Der Standpunkt von Bauherr Sven Hoffmann

21. August 2006

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"Rock-Proberäume auf dem Stücki-Areal sind illusorisch"

Von den Stücki-GegnerInnen wird vorgeschlagen, es sollten statt des Einkaufszentrums "Proberäume für Rockbands" eingerichtet werden. Als Rockmusikerin ist mir die Basler Proberaum-Misere bestens bekannt und ich bin die Erste, die die Schaffung von neuen Übungslokalen befürwortet. Nur, auf dem Stücki-Gelände ist das aus mehreren Gründen völlig illusorisch:

Der RFV (Rockförderverein der Region Basel) hat vor Jahren die damalige Landi-Halle als Standort für ein Musikzentrum geprüft und aus guten Gründen verworfen. Es ist naiv zu glauben, dass die Eigentümer des Stücki-Areals wertvolles Industrieland verschenken würden, geschweige denn, dass der Kanton es für viele Millionen kaufen und bebauen könnte. Und falls der Staat auf einmal doch Geld für die Rockszene ausgeben will: Es liegt ein aktuelles Projekt für ein Populärmusikzentrum mit Proberäumen in der Kaserne Basel auf dem Tisch. Dafür nehmen wir gerne die Unterstützung von Heidi Mück an.

Abgesehen davon freue ich mich auf das neue Einkaufszentrum 500 Meter von meiner Haustüre entfernt, das ich auch zu Fuss erreichen kann.

Maja Schwarz
Basel



"Kleinhüningen braucht einen 'Marshallplan'"

Das Stücki-Einkaufszentrum sollte man nicht losgelöst vom Umfeld betrachten. In Kleinhüningen ist es ein zusätzlicher Baustein zu mehr Verkehr von aussen. Der Shopping Mall wird ja für die Bevölkerung des ganzen Kantons gebaut.

Würde der Hauptverkehr wirklich über den Wiese-Kreisel geführt, könnte man gut leben mit dem Projekt. Welcher Politiker will aber verhindern, dass sich die Autos auch bis zur Ciba-Haltestelle stauen, so wie dies jetzt von Einkaufstouristen an Wochenenden verursacht wird? Droht dann der Kollaps? Versprechungen von Politikerseite dazu würde ich nicht trauen.

Kleinhüningen sollte keine Kloake für andere Quartiere sein: Dieses Quartier verkam zu einem Auffangbecken an Immissionen für die ganze Stadt, sei es nun Kläranlage, Chemie, aber auch Pendlerströme, LKW-Verkehr, Eisenbahn-Rangierlärm und Einkaufstourismus. Das wirkt sich aus auf die Bevölkerungsstruktur und die Qualitat der Schulen. Viele ziehen weg, sogar integrierte Ausländer wollen ihren Kindern diesen Level nicht mehr zumuten.

All die Projektierer, Investoren und Politiker, die wissen, was für Kleinhüningen gut sein soll, haben noch nie in Kleinhüningen gelebt. Die wohnen woanders, im schönen Riehen, Gellert oder grad im Baselbiet und verbalisieren dann den urbanen Zeitgeist der Industriequartiere. Was Kleinhüningen wirklich braucht, ist ein nachhaltiger "Marshallplan", der auf viele Bereiche ausgelegt ist. Deswegen auch mein Nein zur Stücki-Vorlage.

Karl Linder
Basel



"Mindestens teilweise mit Frau Mück einverstanden"

Es kommt selten vor, dass ich die Möglichkeit erhalte, Frau Mück - zumindest teilweise - zuzustimmen.

Als Anwohner der Kleinhüningeranlage teile ich natürlich die Furcht vor einer weiteren Zunahme der Verkehrsbelastung im Quartier. Bereits heute bestehen Verkehrsprobleme, welche, wie auch der Regierungsrat immer wieder zugeben muss, noch nicht gelöst werden konnten. Entsprechend wenig Verständnis kann ich als Quartierbewohner dafür aufbringen, dass, bevor die aktuellen Probleme gelöst sind, bereits diverse Projekte, welche die Gefahr einer Zunahme des Verkehrs in sich bergen, in der Pipeline stehen. So würde ich zwar das auf dem Areal geplante Projekt befürworten und attestiere ihm auch durchaus das Potenzial, Kleinhüningen langfristig aufzuwerten, doch wurde die notwendige Vorarbeit seitens der Regierung, die Kleinhüningen seit Jahren mit seinen Problemen im Stich lässt, versäumt.

Wo ich Frau Mück ganz und gar nicht zustimmen kann, ist die Forderung einer besseren Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Gerade bei grossen Kaufhäusern geht der Trend in Richtung Wocheneinkäufe, wie auch Frau Mück an der Parteiversammlung der SVP, wo sie als Gastrednerin auftrat, richtig analysierte. Es ist unrealistisch zu denken, dass die Kundschaft ihre Wocheneinkäufe mit dem ÖV erledigen würde. Verkehrstechnisch würde die Tramverlängerung sogar die prekäre Situation verschlimmern, da ein Tram die Aufnahmekapazität für den Individualverkehr weiter senken würde.

Ähnlich gestaltet sich die Situation auch mit der ebenfalls in der Pipeline befindlichen Tramverlängerung der Linie 8 über die Grenze nach Weil, welche - wie könnte es anders sein - natürlich ebenfalls über die bereits arg gebeutelte Kleinhüninger Anlage führen und sich eine Spur mit dem Individualverkehr teilen soll. Ich hoffe, dass Frau Mück sich nicht ideologisch bedingt von der Aussicht auf weitere Tramschienen blenden lässt und sich auch dann, wenn dieses Geschäft ansteht, wieder für die Quartierbevölkerung einsetzen wird.

Tommy Frey
Grossrat Junge SVP, Kleinhüningen
Basel



"Die Kleinhünigner freuen sich auf das Einkaufzentrum"

Wer an der gestrigen Diskussion der SP-Delegiertenversammlung dabei war, kann den Frust von Heidi Mück nur allzu gut verstehen. Die Delegierten votierten mit 61 zu 14 Stimmen bei 8 Enthaltungen für die geplante Stücki-Überbauung. Auf die Argumente der Nein-Sager möchte ich nicht weiter eingehen, da ich mich nicht wiederholen möchte.

Was mich mehr beklemmt, und da gebe ich Heidi Mück recht, ist, dass ein Stadtteil ausgeblutet werden soll. Wieder einmal mehr soll eine innovative und naturverträgliche Lösung den Bach ab geschickt werden. Zum Glück wird die Erlenmatte gebaut und wahrscheinlich kann auch der Messeumbau in Angriff genommen werden. Dies zur Belebung von Kleinbasel. Was jetzt noch fehlt, ist in attraktiver Magnet ganz im Nordwesten von Basel, damit auch Kleinhüningen wieder zum Leben erwachen kann.

Ein Grossteil der Kleinhüninger und Horburger freut sich auf das Einkaufzentrum in ihrer Wohnnähe. Diese Mehrheit will nämlich lieber in der Nähe einkaufen und nicht nach Spreitenbach oder Pratteln fahren. Und auch die Kleingewerbler freuen sich über den Zulauf nach Kleinhüningen, was ihnen mehr Kunden bringt. Zudem wirkt ein Einkaufszentrum auch gegen Kriminalität und Vandalismus. Die berüchtigten Autorennen finden ja auch im entseelten Hafengelände statt und nicht auf dem belebten Dreispitzareal.

Wer ein Quartier beleben will, muss es attraktiv gestalten. Das Einkaufszentrum muss daher ein Stein im Mosaik sein, das es auszubauen gilt. Ich hoffe sehr, dass sich Heidi Mück, auch nach einem klaren Ja durch die Kleinhüninger und Horburger, für Bolzplätze, Wohnungen, Proberäume, Handwerksbetriebe oder gar einen See eintritt. Wir begrüssen in Kleinhüningen das Einkaufszentrum und seine Innovationswirkung für weitere Taten.

Daniel Kobell
Basel



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