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"Auch spontane Entscheide": Basler Polizeidirektor Jörg Schild

Jörg Schild zur FCB-Fan-Verhaftung:
"Wir wussten davon nichts"

Der Basler Polizeidirektor weist Vorwürfe einer bewussten Kooperation mit Zürcher Verhaftungs-Polizei zurück

VON PETER KNECHTLI

Der Basler Polizeidirektor Jörg Schild weist vehement den Eindruck zurück, seine Kantonspolizei habe mit der Stadtzürcher Polizei ein Spielchen getrieben, als am 5. Dezember in Zürich-Altstetten 427 FCB-Fans aus einem Sonderzug verhaftet wurden. "Dazu hätten wir nie Hand geboten", sagt Schild im OnlineReports-Interview.

OnlineReports: Herr Schild, Ihre Stadtzürcher Kollegin Esther Maurer erklärte, es sei mit der Basler Polizei "abgesprochen" gewesen, die "erlebnisorientierten Fans" in einen Sonderzug an den FCB-Match gegen GC zu leiten. Stimmt das oder redet sich Frau Maurer einfach heraus?

Jörg Schild: Das stimmt so sicher nicht. Und ich sage Ihnen ganz klar: Ich will jeden Eindruck verhindern, wonach meine Polizei Matchbesucher in einen Sonderzug lotste im Wissen darum, was nachher geschehen war.

OnlineReports: Aber die Kantonspolizei war doch am Basler Bahnhof beschäftigt, Fans in den Sonderzug einzuweisen.

Schild: Die Bahnpolizei hat unsere Kantonspolizei gebeten, bei der Triage zu helfen in der Meinung potenziell problematische Leute in den Extrazug zu führen. Dazu sind wir aufgrund des Polizeigesetzes auch verpflichtet. Dass der Zug in Altstetten Halt machte, war bisher immer der Fall.

OnlineReports: Was wusste den die Basler Polizei genau?

Schild: Meine Leute waren - wie es üblich war - darüber informiert, dass es in Altstetten Polizei hat, um die Fans einerseits ins Stadion zu begleiten und anderseits um den einen oder andern zu erkennen und bekannte Randalierer heraus zu pflücken. Dass aber alle 600 Zugfahrer durch eine Kontrollstelle mussten und dass 427 von ihnen verhaftet wurden, das haben meine Leute nicht gewusst.

"... dann müsste ich jetzt einen Riesenmais machen."


OnlineReports: Die Basler Polizei wusste nicht, dass es zur Massenverhaftung kommen sollte?

Schild: Nein, es war eine normale Zusammenarbeit - bis die ersten Flaschen flogen und die Situation eskalierte. Wir haben aber auf die Taktik der Zürcher Polizei keinerlei Einfluss.

OnlineReports: Fühlen Sie sich nicht missbracht von Ihren Zürcher Kollegen, indem die Basler Polizei Hand bot zu einer Zusammenarbeit, die in einer Massenverhaftung endete?

Schild: Wenn das im vornherein geplant gewesen wäre, müsste ich jetzt einen Riesenmais machen. Denn ich will keine Vandalenakte, aber auch keine Polizeieinsätze jenseits der Verhältnismässigkeit. Ich habe aber keinen Grund, daran zu zweifeln, dass unsere Polizei von der Massenverhaftung nichts wusste.

OnlineReports: Was lief nach Ihrer Meinung denn schief?

Schild: Anfänglich lief die Triage in Basel problemlos. Bis rund 200 eher militante Fans durch einen Seiteneingang erst in Richtung Extrazug marschierten, dann aber über die Geleise rannten und in den regulären Zug einstiegen. Ein Polizeioffizier machte dann den Vorschlag, den normalen Zug zum Extrazug zu machen und den Extrazug zum regulären. Doch die SBB lehnten dies ab, worauf die Bahnpolizei im normalen Zug die Durchsage machten, FCB-Fans müssten in den Sonderzug wechseln.

"Die Zürcher Polizei war organisatorisch überfordert."


OnlineReports: Wer war für den Misserfolg der Triage verantwortlich?

Schild: Ich will nicht den Schwarzen Peter weiter schieben. Aber nach dem heutigen Wissenstand war es die Durchsage der Bahnpolizei. Mein Kommandant will jetzt wissen, auf welcher Rechtsgrundlage die Matchbesucher in den Extrazug beordert wurden.

OnlineReports: Hat die Basler Polizei mit der Zürcher Polizei kooperiert?

Schild: Unsere Polizei wusste nicht, was in Altstetten abgeht.

OnlineReports: Was halten Sie von der Aussage von Esther Maurer, die den Eindruck erweckt, die Basler Polizei sei eingeweiht gewesen?

Schild: Ist für mich unverständlich. Entweder hat sie sich ungeschickt ausgedrückt oder sie wurde nicht korrekt zitiert. Die Zürcher Polizei war organisatorisch überfordert, als sie plötzlich mit 600 Leuten konfrontiert war. Es war naiv zu glauben, man könne diese Menge einzelschrittweise durch eine Kontrollstelle schleusen. Da hätte man wissen müssen, was abgeht, wenn unter den Bahnpassagieren teilweise schon Alkohol geflossen ist.

"... sonst wäre ich von A bis Z angelogen worden."


OnlineReports: Das heisst: Die Zürcher Polizei fasste den Verhaftungsentscheid spontan?

Schild: Ich will die Taktik der Zürcher nicht hinterfragen. Aber sie wollten die 427 Personen nicht von Anfang ab einpacken. Es war ein Spontanentscheid, sonst wäre ich von A bis Z angelogen worden, woran ich nicht glaube. Ich verstehe, dass man als Einsatzleiter auch spontane Entscheide fällen muss. Aber jetzt wehre ich mich, wenn man mir vorwirft, wir hätten gemeinsame Sache gemacht.

OnlineReports: Was sagen Sie nach Ihren heutigen Wissensstand zum Polizeieinsatz?

Schild: In der Stress-Situation waren verschiedene Leute der Zürcher Polizei überfordert - wenn beispielsweise ein Polizist zu einem Verhafteten sagt: "Dann schiff halt in die Hosen". Hier war die Verhältnismässigkeit nicht gegeben. Hier hätte man hinterher sagen müssen: "Sorry, es sind Fehler passiert." Ich erwarte nun, dass man nach Vorliegen der Schlussberichte schon noch das eine oder andere Wort über die Einsatzdoktrin verliert.

OnlineReports: Hätte die Basler Polizei der Zusammenarbeit zugestimmt, wenn sie von der Massenverhaftung gewusst hätte?

Schild: Nie, sicher nicht!

20. Dezember 2004

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