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"Das Leben der einfachen Leute dokumentieren": Geschichtsforscher Ruedi Epple, Baselbieter Geschichte 1932


Baselland ist seine Geschichte Millionen Wert

Kein Kanton gibt so viel Geld für seine Geschichtsschreibung aus wie das Baselbiet

VON PETER KNECHTLI

Es ist ein schweizerisches Phänomen: Kein Kanton lässt die Gelder für seine Geschichtsschreibung so locker springen wie Baselland. Nicht weniger als neun Millionen Franken kostet das 14jährige Forschungsprojekt, dem in den nächsten Wochen sechs Bände entspringen.

Auf dem Tisch im Besprechungszimmer der Forschungsstelle Baselbieter Geschichte im Kantonshauptort Liestal liegt ein E-Mail: Die erste Bestellung der 1'500 Seiten starken sechs Bände der neuen Kantonsgeschichte - und dies, obschon die Dokumente noch gar nicht vorliegen.

Der Historiker Ruedi Epple, zusammen mit Albert Schnyder Coleiter der Forschungsstelle, kann seine Freude über das frühe Interesse nicht verbergen. Was das Historiker-Team mit Anna C. Fridrich und Daniel Hagmann sowie externen Wissenschaftern in den letzten 14 Jahren zusammen trug, dürfte nicht nur im Baselbiet, sondern in der ganzen Schweiz auf Interesse stossen. Denn die Forschenden verfolgten einen andern Ansatz als in der bisherigen Geschichtsschreibung üblich.

"Moderne Geschichte braucht den Blick von unten"

Die alte Kantonsgeschichte, die zum 100jährigen Kantonsjubiläum 1932 erschien, war geprägt von einer an Elite und Politik orientierten Optik. "Eine moderne Kantonsgeschichte aber braucht den Blick von unten", sagt Ruedi Epple, dessen Onkel ehemaliger Landratspräsident Fritz Epple das ambitiöse Projekt durch einen Vorstoss im Kantonsparlament ausgelöst hatte. "Wir wollen die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Kultur und dann auch noch die Politik berücksichtigen", fasst Epple die Vorgabe durch die vorberatende Kommission zusammen. "Wir wollen das Leben der einfachen Leute dokumentieren, die Rolle der Geschlechter und auch die Sicht der Gemeinden." Zu den neuen Ansätzen zählt auch die Verwendung mündlicher Quellen.

Was allerdings in anderen Kantonen Neid auslösen könnte: Kein anderer Kanton der Schweiz lässt sich die Dokumentation seiner seine eigenen Geschichte soviel Geld und Einsatz kosten wie der Baselbieter Halbkanton. Ähnliche Projekte sind in den Kantonen Zürich, Graubünden und Schaffhausen im Gang, aber die finanziellen Ressourcen und die öffentlichen Mittel sind deutlich kleiner als im Halbkanton an Ergolz und Birs. In Basel-Stadt scheiterte ein entsprechendes Projekt am Referendum.

Hebammenwahl war Frauensache

Den Ausschlag zur Aufarbeitung der Vergangenheit des Baselbiets gab das Jahr 1982, als der Halbkanton sein 150jähriges Bestehen feierte: Die aufständischen Landschäftler Untertanen hatten den städtischen Truppen im August 1833 auf der Hülftenschanz zwischen Pratteln und Frenkendorf die entscheidende Niederlage beigebracht. 1987 ging das Forschungsteam an die Arbeit mit der Auflage, das Projekt bis zum Jahr 2001 - der 500jährigen Zugehörigkeit Basels zur Eidgenossenschaft - zu Ende zu führen. Im Rahmen dieses Projekts sind bereits 19 Monografien erschienen.

Inhaltlich führen die sechs Bände von der Urzeit - und den Fund des ältesten Faustkeils der Schweiz bei Pratteln - über das Mittelalter in die jüngere Geschichte. Das Schwergewicht aber bilden die vergangenen vier Jahrhundert. Nach Trouvaillen befragt, nennt Historiker Epple die "Entdeckung", dass die Frauen im Baselbiet lange vor Einführung des allgemeinen Fraustimm- und wahlrechts ein Stimmrecht besassen: Die Hebammen eines Dorfes von der "Frauen-Gmeini" (Frauen-Gemeindeversammlung) gewählt. Dazu - und unter seinem Vorsitz - rief jeweils der Gemeindepräsident alle verheirateten und verwitweten Frauen des Dorfs ein.

Hin- und hergerissenes Baselbiet

Dass die Baselbieter zu den geschichtsbewusstesten Eidgenossen zählen, ist für Ruedi Epple plausibel erklärbar: Kein Schweizer Kanton hat eine so wechselvolle, wankelmütige und stürmische Geschichte wie Baselland. Denn nur hundert Jahre nach dem revolutionären Trennungs-Sieg über die Stadt gewann die Idee einer Wiedervereinigung wieder an Boden. Viermal bestätigten die Baselbieter seit den dreissiger Jahren an der Urne die Fusion mit Basel-Stadt. Doch der Zweite Weltkrieg und föderalistische Bedenken - jurassische Trennungsgelüste waren damals schon wahrnehmbar - führten dazu, dass die Vereinigte Bundesversammlung 1949 den entsprechenden Verfassungsartikeln die Zustimmung versagte. Erst 1960 wurde der 30 Jahre alte Verfassungsartikel auf ein Wiedererwägungsgesuch hin erwahrt.

Und dennoch kam es nicht zur Wiedervereinigung: Die von einem gemeinsamen, aus je 75 Mitgliedern aus Basel-Stadt und Baselland bestehenden Verfassungsrat aus Stadt und Land ausgearbeitete neue Basler Verfassung scheiterte 1969 unerwartet am Nein des Baselbiets, während Basel-Stadt klar zustimmte.

Moderner Staat dank Bevölkerungsexplosion

Diesen "Bruch" in der Baselbieter Geschichte erklärt Epple mit dem demografisch-sozialen Wandel: Die Wiedervereinigungsfreunde der Vorkriegszeit und auch der frühen Nachkriegszeit bildeten eine "soziale Bewegung von unten", die das damals sozialpolitisch rückständige Baselbiet in die Arme des fortschrittlichen "roten Basel" führen wollte. Die damaligen Gegner einer Wiedervereinigung waren "bäuerlich-konservative und Chauvinisten" (Epple).

Diese Fronten im Fusionskampf fielen allerdings in den fünfziger Jahren in sich zusammen, als im Baselbiet eine stürmische Entwicklung einsetzte: Die Bevölkerung wuchs wie nirgends in der Schweiz, moderne Spitäler wurden ebenso aus dem Boden gestampft wie vier Gymnasien. Aus dem bäuerlichen Hinterland wurde in kürzester Zeit ein moderner Staat, der in verschiedenen Gebieten eine schweizerische Pionierrolle übernahm: Baselland reformierte nicht nur Parlament, Verwaltung, Schulen und Psychiatrie, sondern schuf - angetrieben durch den Volksaufstand gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst - nachhaltige Energie- und Umweltschutzgesetze. Die Wiedervereinigung aus sozialen Gründen war plötzlich hinfällig geworden, weil sich Baselland mittlerweile selbst zu einem fortschrittlichen und wirtschaftlich starken Staatswesen gewandelt hatte: Modern war, für das selbstständige Baselbiet einzutreten.

Baselland blieb ein Kanton auf Abruf

Gleichzeitig entwickelte der Landkanton eine starke Assimilationskraft, grenzte nicht mehr aus, sondern lud ein - vor allem auch Zuzüger wie der aus dem Zürichbiet stammende Pfarrer und spätere SVP-Regierungsrat Paul Manz, der sich im breitesten Zürcher Dialekt als Anführer der Wiedervereinigungsgegner profilierte. Doch bis in die jüngsten Tage ist der Status des Halbkantons immer wieder durch Vorstösse in Frage gestellt - durch Forderungen nach Aufwertung in einen Vollkanton oder nach Bildung eines völlig neuen Kantonsgebildes. Ruedi Epple: "Seit den dreissiger Jahren bis in die heutige Zeit ist Baselland ein Kanton auf Abruf. Daraus wächst das Bedürfnis nach historischer Begründung, weshalb es den Kanton braucht."

Diese aktuelle Begründung liegt demnächst vor. Die sechs Bände, gedruckt in 3'000 Exemplaren, richten sich an ein interessiertes Laienpublikum, dem beispielsweise der Sezessionskrieg nicht erklärt werden muss. Laut Epple ist das neue Werk "kein Schulbuch". Dennoch sei es "die Idee, dass die Schulen damit arbeiten". Ein Blick in die Druckfahnen verrät, dass die "Baselbieter Geschichte" mit seinen Serviceseiten und Lesetipps anspricht und auch im Internet-Zeitalter reges öffentliches Interesse wecken dürfte.

"Kanton Nordwestschweiz" oder "Region Oberrhein"

Dem neuen, volksnahen Forschungsansatz entsprechend soll die Vernissage am 4. Mai mit einem Fest auf dem Liestaler Zeughausplatz verbunden werden. Geplant sind weitere Lesungen mit prominenten Schauspielern, Dokumentar-Theater, Referate und Führungen, aber auch Fortbildungen für Lehrkräfte, Vortragsreihen und wissenschaftliche Tagungen. Als Ausdruck lebendiger Geschichte macht zudem eine Website mit dem Thema vertraut.

Eine Wiedervereinigung mit Basel-Stadt, so glaubt zumindest Ruedi Epple, sei heute vom Tisch. Wenn es zu einer Reorganisation der kantonalen Hoheiten komme, so in Richtung "Kanton Nordwestschweiz". Selbst eine Überwindung der Landesgrenzen mag Epple nicht ausschliessen: "Wenn die Schweiz nicht zu Europa steht, löst sich diese Region von der Eidgenossenschaft und wendet sich der Region Oberrhein zu."

20. März 2001

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