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Linke und rechte Umverteilung
Die einen müssen mit einem Schweinsschnitzel und Pommes frites auskommen oder mit einer Portion Lyoner aus der Verpackung mit Essiggurke und einem Orangina im Mannschaftswagen, die anderen sitzen im Restaurant am gedeckten Tisch beim Business-Lunch und reden über Markt, Freiheit, Investitionsstrategien und Demokratie.
Die einen haben schon alles, aber noch nicht genug, und fordern weniger Steuern und mehr Strassen, die anderen wissen nicht, was ihnen morgen weg genommen wird. Die Spitzenlöhne der Manager stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Lage der Workingpoor. Die Ungleichheit wird immer krasser.
Wie kommt unter diesen Voraussetzungen der Volkspartei-Maurer auf die Idee, von "linkem Umverteilungsstaat" zu reden und die FDP aufzufordern, mit der SVP die "bürgerlichen Werte" zu verteidigen? Besser hätte er vom bürgerlichen Umverteilungsstaat gesprochen, der schon glänzend funktioniert und trotzdem immer noch nicht zufrieden stellend genug, wie die Vorschläge von Bundesrat Merz zur Unternehmenssteuer-Reform II oder Neugestaltung der Mehrwertsteuer zeigen.
Sieht denn der Volks-Maurer nicht ein, dass es gerade seine Politik ist oder seine "Politik"(denn es ist keine), sondern ein Anfall von schlechter Laune, die den linken Umverteilungsstaat unverzichtbar macht?
Bürgerliche Politik sollte für mich heissen: Kreativität, Entwicklung neuer Technologien, Offenheit des Denkens, Öffentlichkeit (also Demokratie), Rücksicht auf Umwelt und Ressourcen (also Zukunft), Allgemeinwohl, an das alle einen Beitrag leisten (also Solidarität). Für die laufend neu auftretenden Probleme wird eine konstruktive private Lösung gesucht, aber keine Lockerung der Gesetze verlangt, um sich Arbeit und Mühe zu ersparen. Es geht um neue Energien im allerweitesten Sinn. Das Bürgertum war einmal eine Gesellschaft im Aufbruch.
Nun gebe ich zu, dass es mir beim Begriff Solidarität unwohl wird. Es ist richtig, dass der Sozialstaat den Benachteiligten hilft, aber es gibt inzwischen viele Drückeberger, die gerissen genug sind, um von ihm zu profitieren und ihn zu missbrauchen.
Die Frage ist nur, warum das so ist und wo es vorkommt. Jeden Tag lese und höre ich von ganz anderen gewieften Profiteuren, die es sich ohne grossen Aufwand wohl ergehen lassen. Sie beziehen Honorare für Verwaltungsratsmandate, umgehen Steuern, erzielen Börsengewinne; sie verlangen vom Staat Vorausleistungen wie Infrastruktur, Verkehr, Gesundheit, Bildung und übertragen ihm zugleich die Aufgabe, für die Opfer der sozial-liberalen Entwicklung aufzukommen, finden es jedoch eine Zumutung, sich angemessen daran zu beteiligen.
In gewisser Weise betrachten diese Star-Profiteure den Staat, wenn sie ihn nicht auffressen können, als Hilfstruppe für ihre Interessen, als Selbstbedienungsladen. Das ist rechte Solidarität (aber nicht richtige). Sie leben auf Kosten des Staats und spielen mit ihm wie die von ihnen denunzierten Sozialhilfeempfänger.
Der linke Umverteilungsstaat existiert. Der rechte genau so. Missbrauch wird da und dort betrieben. Nur die Rechtfertigung fällt verschieden aus.
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"Steuerbelastung senken und Schlupflöcher stopfen"
Herr Schmidt rührt wieder mit der grossen Kelle an. Auch wenn ich mit ihm in gewissen Punkten übereinstimme, stört mich doch die Polemik, wenn er über die "Star-Profiteure" redet, die (mit umgekehrten Schuldzuweisungen) an die Kampagnen der SVP erinnert.
Einig sind wir uns aber in der Verurteilung von Missbrauch. Nur: Wer muss diesen Missbrauch verhindern? Im Falle des Sozialmissbrauchs ist es der Staat, die Gemeinschaft. Doch wessen Problem ist es, wenn bestimmten Managern unverschämt hohe Saläre gezahlt werden? Meiner Meinung nach jenes der Aktionäre. Ihnen wird schliesslich weniger Dividende ausbezahlt und sie haben es mit ihren Stimmen in der Hand. Wenn sie nicht zufrieden sind, können sie ihre Anteile verkaufen.
Bei den Steuern ist im Übrigen ein ähnliches Verhalten erkennbar, es heisst Stadtflucht und ist im Kanton Basel-Stadt seit längerem bekannt. Zu hohe Steuern, Abgaben und Gebühren belasten so immer mehr den Mittelstand, der sich nicht ohne weiteres entziehen kann. Daher müssen sich die Bürgerlichen weiter dafür einsetzen, dass die Gesamtbelastung für den Steuerzahler sinkt und dass es weniger steuerliche Schlupflöcher gibt. Die moralische Ächtung von Managern überlasse ich Herrn Schmidt und der Zeitung mit den grossen Buchstaben.
Michael Rossi
Präsident Jungliberale
Basel
"Alle sollten sich mit diesem Thema beschäftigen"
Ich bin Aurel Schmidt dankbar, dass er diese Tatsache veröffentlicht. In der Tat sollten wir alle uns mit diesem Thema beschäftigen. Es geht doch nicht an, dass sich die CEO's und die Verwaltungsratspräsidenten von grossen Publikumsaktiengesellschaften aus der Firmenkasse, die ihnen nicht gehört, schamlos bedienen.
Wohin die von von der SVP und derer "Führer" propagierte Eigenverantwortung führt, kann bei all den Staaten gesehen werden, die schwach und unfähig sind, die Bürger - und zwar auch die weniger begüterten - vor Unbill zu schützen. Wir alle bilden den Staat, dem wir unsere Leistung schuldig sind und der uns dafür Bildung und Schutz gewährt.
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Ich glaube nicht, ich zweifle. Das ist alles, was ich weiss oder auch nur zu sagen habe. Denn ich bin nicht einmal sicher, ob ich weiss, was ich nicht glaube. Was ich aber sage, sind nur Vorschläge oder Beiträge zur Diskussion, mehr nicht.
Überzeugungen sind ein Gräuel. Sie sind ein Versuch, den Fluss der Gedanken anzuhalten. Viele Menschen sind von etwas überzeugt, wenn sie nur eine Meinung darüber haben.
Kürzlich liess sich ein deutscher Geistlicher im Fernsehen vernehmen: Es gibt keine Alternative zu Jesus. Früher gab es keine Alternative zum Marxismus, heute gibt es keine zum Markt. Keine Alternative heisst, dass das Denken aufgehoben wird.
Religionen sind institutionell unfehlbar, sie können keinem Irrtum unterliegen. Ich meine nicht die Art von Religion, die der Mensch als Versuch befolgt, für sich eine Orientierung im Leben, in der Zeit und im Universum zu finden, sondern Religion als Street Parade, als zur Schau getragene demonstrative Religiosität.
Wer glaubt, ist in der Regel felsenfest überzeugt, recht zu haben. Und wer recht hat, dem ist am Ende jedes Mittel recht. Beunruhigend wird es, wenn Religionen zu Kampfverbänden werden, wie das zum Beispiel bei den national-religiösen Israeli oder den islamischen Jihadisten der Fall ist.
In dieser Situation kommt es auf eine kritische Sichtweise um so mehr an. Sie entspricht einer europäischen Denktradition, die von der phyrrhonischen Skepsis über die Aufklärung zu neuen Formen einer säkularen Ethik führt (Laizität, Demokratie, individuelle Freiheitsrechte, ökologischer Imperativ). Auf fast alle Fragen gibt es zwei, drei, viele Antworten, ohne dass man dabei einem Relativismus erliegen müsste. Der grosse Michel de Montaigne sagte vor 400 Jahren, die Welt schlage sich mit tausend Fragen herum, bei denen das Für und Wider gleichermassen falsch sind. Er ziehe es daher vor, zu unterscheiden statt zu urteilen.
Ich bestimme mein Tun selber und überlege mir, warum ich etwas tue oder, aus persönlicher Verantwortung, unter Umständen nicht tue. Weil es manchmal klüger ist, etwas zu unterlassen. Für meine Entscheidung brauche ich weder Kirchen noch Propheten, Parteien, Experten oder Führer.
Heute scheint eine solche Haltung kaum mehrheitsfähig zu sein, und die Entwicklung geht in die entgegengesetzte Richtung. Eine Mehrheit der Menschen erwartet Weisungen, an die sie sich halten und die sie einhalten kann. Gehorsam entzündet eine kollektive Kraft. Die Stunde der fürchterlichen Verführer ist gekommen, der Doktrinäre, Fundamentalisten, Integristen, die sich überall auf der Welt gleichen. Sie haben etwas Verbissenes und lachen nie (oder nur dem Schein nach). Es gibt wahrlich allen Grund zum Pessimismus. Aber dann fällt mir ein, dass Ludwig Marcuse den Pessimismus als Stadium der Reife bezeichnet hat. Es wird nicht besser werden, aber man hat gelernt, ohne Erschütterung damit zu leben.
Deshalb werde ich mir meine gute Laune nicht verderben und mich vom Lärm der Strasse nicht stören lassen.
Manchmal denke ich, dass ich ein fröhlicher Skeptiker und Pessimist bin und das keine schlechte Haltung ist.
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"Für viele Bürger bedeutet eine eigene Entscheidung grosser Luxus"
Seit langem habe ich den Eindruck, dass viele Zeitgenossen Entscheidungen so treffen, dass sie gegenüber ihren Mitmenschen ja nicht auffallen, also in der so genannten allgemeinen Norm bleiben. Das Gegenteil wäre ja abnormal, wer will sich schon so betiteln lassen. Ich bin aber überzeugt: Wenn dieselben Leute anonym bleiben könnten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anders entscheiden würden. Ein Freund von mir sagt auf meine Frage, wie es ihm gehe, immer das Gleiche: "Ja ja, man wird gelebt." Weg des geringsten Widerstandes oder Mangel an Courage? Die Resignation lässt grüssen, da für viele Bürger leider eine eigene Entscheidung ein grosser Luxus bedeutet, besonders in der heutigen Zeit. Fröhlicher Pesssimismus hat da keinen Platz.
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Wenn mit dem Guten
das Geschäft gemeint ist
Die Abholzung der brasilianischen Amazonaswälder hat in der Vergangenheit im Durchschnitt eine Fläche von 23000 Quadratkilometer pro Jahr erreicht (die Fläche der Schweiz beträgt 41'285 Quadratkilometer). Das gewonnene Land wird für den Anbau von Soja verwendet und das Agrogeschäft als grosse Zukunft für das Land vorausgesagt.
Daraus ergibt sich die absurde Schlussfolgerung: Je mehr Agrobusiness, desto mehr Zerstörung der Wälder. Je mehr Gewinn mit dem notorisch dubiosen Handel mit Tropenholz, desto mehr Sojaproduktion. Es ist eine Situation, in der eine Fehlentscheidung die andere verursacht und legitimiert. Am Ende greifen alle Massnahmen der Regierung von Präsident Lula da Silva zum Schutz der Regenwälder ins Leere.
Kaum im Mittelpunkt des Interesses haben bisher die Wälder Sibiriens gestanden. Das scheint sich jetzt zu ändern. Auch in Sibirien sind internationale Holzkonzerne tätig. www.forests.org nennt sie rogue timber firms. Sie verkaufen Holz an das waldarme China. Das ist ein profitables Geschäft.
Dabei ist es nicht einmal erforderlich, nach Brasilien oder Sibirien zu schauen. Das wwf-magazin wies in seiner Ausgabe Nr. 2/2005 darauf hin, dass in Flims-Laax-Falera GR 60000 Quadratmeder Bergwald gerodet werden sollen, um neue Skipisten anzulegen. Wenn die Kasse stimmt, ist alles erlaubt. Im Holzhandel und in der Verarbeitung werden wie im Tourismus-Business Arbeitsplätze geschaffen. Damit kann man alles durchsetzen. Wer würde also wegen ein paar Bäumen viel Aufhebens machen? Destruktion macht sich bezahlt.
Der Kahlschlag hat allerdings Konsequenzen: für die globale Klimaerwärmung, für die Landrechte ethnischer Minoritäten, die verletzt werden. Das ist eine Realität, doch scheinen nur wenige Menschen sich darüber Gedanken zu machen. Die Orte des Geschehens liegen weit weg, und die Zusammenhänge sind nur schwer durchschaubar.
Lieber befassen sich die Menschen mit Gratis-Gralsrittern, die mit Laserschwertern made in Hollywood den Kampf des Guten gegen das Böse führen. Die Filmserie Star Wars steht im Dienst der US-Propaganda und George Bushs Krieg gegen die rogue states (Schurkenstaaten). Damit wird vom verderblichen Tun der rogue timber firms (Schurkenfirmen) abgelenkt.
Zu offensichtlich stellt sich das Gute als ideologisches Fantasy-Fabrikat ohne Realitätsbezug heraus. Die Wirklichkeit ist nur ein ärgerlicher Störfaktor. Die meisten Menschen sind falsche Idealisten. Sie nehmen eher wahr, was sie auf den Bildschirmen oder Displays sehen, als was tatsächlich geschieht. Sie richten sich in einer heilen Welt ein, in die keine schlechten Nachrichten von aussen hereindringen. Für die Einen ist das die Welt der Discos, für die Anderen die der Börse, beides imaginäre Refugien. An der Börse kann nichts die gute Stimmung trüben, wenn die Kurse steigen. Ist das nicht der Fall, muss die reale Welt an die Kurserwartungen angepasst werden.
So schwinden die Wälder (und Anderes), so geht die Welt friedlich zu Grund und so siegt das Gute. Das heisst: Das Geschäft. Eine Verdrehung, die mit Zynismus oder Ignoranz oder Beidem zu tun hat.
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"'Star Wars'-Filme sind keine Hollywood-Produkte"
Lieber Aurel, ich bin mit Dir weitgehend einverstanden - und teile Deine Besorgnis. Nur in einem Punkt hast Du nicht Recht: Die "Star Wars"-Filme von George Lucas sind keine Hollywood-Produkte. George Lucas hat sich immer von Hollywood abgewendet und alle seine Filme auf seiner Ranch im Lucas Valley - der Name ist rein zufällig gleich - in Marin County produziert.
Und gerade dieses Wochenende hat er sein neues Produktions-Campus im Presidio in San Francisco eröffnet. Die Bush-Administration, die übrigens in ihrer Popularität hier in der Bay Area unter 30 Prozent gesunken ist, hat sich auch nie besonders mit der "Star Wars"-Serie identifiziert - es hat ja in den Filmen durchaus kritische Figuren, die Karl Rove nicht passen würden! Während der Reagan-Administration wurde damals ein geplantes Raketen-Abwehr System mit "Star Wars" umschrieben - und die Bush-Administration versucht, allerdings mit wenig Erfolg, das alte Programm wieder zu beleben.
Zuletzt noch ein Stück Americana, das Dich amüsieren dürfte: Im Januar sind Bush Senior und Clinton zusammen im Auftrag von George W. in die Tsunami-versehrten Länder gereist. Dabei sollen sich die ehemaligen politischen Gegner befreundet haben - so sehr, dass Clinton nun ein gern gesehener Hausgast in Kennebunkport in Maine ist, und von Barbara Bush mit "Son" angesprochen wird.
Jean-Pierre Salzmann
San Anselmo/Kalifornien
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Eine andere Schweiz,
ein anderes Europa
Das Non der Franzosen und Nee der Niederländer zur EU-Verfassung war beinahe so etwas wie ein Sieg der Demokratie über den Neoliberalismus. Fragt die Menschen, was sie erwarten, und sie werden eine Antwort geben, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt!
Was sie ablehnen, ist ein Europa nach den Vorstellungen der Staatsmänner, der Schröder, Chirac, Barroso, die an einem Gebilde laborieren, dessen wuchernde Probleme durch immer neue, noch grössere Probleme ersetzt, aber nicht gelöst werden. Es ist ein Europa, in dem die sozialen Unterschiede umso krasser ausfallen, je mehr von Aufschwung, Wachstum, Fortschritt die Rede ist. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Günter Grass hat kürzlich sinngemäss die Politik nach Börsenmass kritisiert und gesagt, die Abgeordneten seien nicht mehr frei in ihren Entschlüssen. Die Staatsmänner genau so wenig.
Das gegenwärtige Europa entwickelt sich zu einer Wirtschafts-Herrschaft, in der die Regierenden die an sie gestellten Forderungen des Patronats erfüllen. Die Willfährigkeit verdecken sie mit europäischen Rhetoriken und Planspielen. Mit den Menschen haben ihre Beschlüsse wenig zu tun, mit dem Interessen-Management einer Minderheit sehr viel. Die Menschen sind nur ein Alibi. Kaum hat das Schweizer Volk AHV-Abbau und Mietrechtsrevision abgelehnt, tischt Bundesrat Hand Rudolf Merz die Steuerreform II für Reiche und Kapitalbesitzer auf.
Werden die Menschen aber doch einmal, wie eben in Frankreich und Holland, um ihre Meinung gefragt, darf man sich nicht wundern. Die erteilte Antwort hat nichts mit Angst vor der Zukunft zu tun, sondern ist als politischer Wille zu verstehen für ein anderes Europa und eine andere Schweiz, mit Kultur, Innovation, sozialen Standards, persönlicher Entfaltung als Priorität anstatt Börse, Konsum und Event.
Das scheint etwas zu sein, das Bundesrat Pascal Couchepin nicht begriffen hat, als er kürzlich die alternative beziehungsweise Komplementärmedizin aus der Grundversicherung kippte. Angeblich, weil sie weder wirksam noch wissenschaftlich sei. Aber welchen wissenschaftlichen Anforderungen entspricht denn etwa das Nebenwirkungs-Rheumamittel Vioxx?
Couchepin übersieht, dass die Wissenschaft durchaus Erfolge zu verzeichnen hat, jedoch auf der anderen Seite eine beschränkte Sichtweise ist, wenn es darum geht, den Menschen ganzheitlich zu verstehen. Sie lässt nur gelten, was durch ihren Raster geht, und der ist bekanntlich ein willkürliches Kriterium. Die Medizin, die Couchepin meint, ist so etwas wie eine Reparaturwerkstätte, in die die Maschine Mensch, wenn sie defekt ist, zum Flicken gebracht wird. Das aber ist aus heutige Sicht eine rückständige Auffassung, während die Komplementärmedizin sich auf ein umfassendes Verständnis des Menschen beruft.
Mit seinem Entscheid hat Couchepin sich auf den selben Standpunkt gestellt wie die europäischen Staatsmänner, die ihre Visionen mit den Interessen der Profitgesellschaft beziehungsweise, in seinem Fall, der Schulmedizin und chemischen Grossindustrie verwechseln und die Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen links liegen lassen.
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"Wir wollen keinen Departementskönig"
Aurel Schmidt erweitert in seiner Darstellung den Gesichtskreis in hervorragender Weise und deckt dadurch auf, dass es sich um ein Prinzip der rücksichtslosen Behörden-Wirtschafts-Machtconnection handelt - sei es in Europa bei Verfassungsentscheiden, sei es bei Herrn Couchepin, wenn er gegen die Komplementärmedizin entscheidet. Die Untersuchungen aller Arztpraxen in der Schweiz ergab, dass die Kosten pro Patient und Jahr bei Komplementärmedizinischen Aerzten mehr als 20 Prozent tiefer lagen als bei Schulmedizinern. Die Publikation dieser Ergebnisse aber wird bei Strafe verboten und dazu wird schamlos behauptet, dass durch die Streichung der Komplementärmedizin in der Grundversicherung Kosten gespart würden.
Gehen Sie heim ins Wallis, Herr Couchepin! Wir können Sie in Bern nicht brauchen, denn wir wollen eine transparente und ehrliche Informationspolitik der Behörden und nicht eigenmächtige Entscheide eines selbsternannten Departementskönigs. Es ist Ihnen entgangen, dass wir in einem demokratischen Land leben, wo die Freiheit für einen selbstverantwortlichen Bürger (und Patienten) möglichst gross sein soll. Herr Schmidt aber sei herzlich gedankt; seine erweiterten Betrachtungen haben eine hervorragende Bedeutung, wennn es um Entscheide in europäischen Belangen gehen wird.
Martin Schüpbach
Präsident "ffg-forum für Ganzheitsmedizin"
Dornach
"Statt soll Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen befriedigen"
Wieder einmal muss der böse Neoliberalismus den Kopf herhalten für die Probleme, an denen unsere Gesellschaft krankt. Wie immer Herr Schmidt den Begriff auch versteht, missversteht er ihn. Der Neoliberalismus ist keine einheitliche Schule, aber als Feindbild für den sozialen Europäer eignet er sich vortrefflich. Die Zitation von Grass passt gut in dieses Schema hinein.
Den Bürgern Europas schwebt tatsächlich ein anderes Europa vor, als das Europa der Technokraten und der intellektuellen Eliten. Herr Schmidt interpretiert die Referenden aber einseitig als politischer Wille zur Gestaltung eines sozialen Europas. Die Briten und Dänen sind jedoch aus anderen Motiven europaskeptisch. Sie bestehen auf der eigenen nationalen Identität und lehnen einen Souveränitätsverlust an Brüssel ab. Aus denselben Gründen wollen die Schweizer einem EU-Beitritt nicht zustimmen - und nicht, weil Europa zu wenig sozial ist.
Bezeichnend ist, dass die Kultur auf der Prioritätenliste von Herrn Schmidt an erster Stelle steht - Verirrung eines weiteren intellektuellen Europäers? Persönliche Entfaltung, also das Gestalten des eigenen Lebens und die Erfüllung der persönlichen Wünsche, hat doch gerade mit Arbeit, Konsum und Event zu tun!
Aus meiner Sicht kann es nicht die Aufgabe des Staates sein, den Bürger ganzheitlich zu verstehen und zu versorgen, sowie die Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Fragen sie die Leute auf der Strasse, was sie wollen, so hören sie: Arbeit, Sicherheit und dass mir der Staat nicht zuviel aus dem Portemonnaie nimmt.
Michael Rossi
Präsident Jungliberale Basel-Stadt
Basel
"Gefragt ist eine breite Bewegung von unten"
Aurel Schmidt trifft den Nagel auf den Kopf. Es geht den Menschen nicht um ein Ja oder Nein zu Europa, wie die Apparatschiks uns für dumm Gehaltenen immer einreden wollen, sondern darum, was für ein Europa wir wollen. Die beiden Nein aus Frankreich und den Niederlanden zeigen, dass ein von oben aufoktroyiertes Europa die Europäerinnen und Europäer nicht zu überzeugen vermag. Unter anderem, weil die massgebenden PolitikerInnen fast ausnahmslos nur mehr als Marionetten eines globalisierten Grosskapitals auftreten, welches weltweit nach dem Motto "Dividende et impera" darüber entscheidet, wo etwa Arbeitsplätze ab- oder aufgebaut oder wo Kriege geführt werden. Längst spielt es doch keine Rolle mehr, ob ein Schröder, eine Merkel, ein Blair, ein Chirac oder wer weiss ich gerade am Ruder(n) ist - der Unsinn ist in etwa immer derselbe. Gefragt ist eine breite Bewegung von unten, à la "Wir sind Europa!" (oder besser noch "die Welt!"). Das ist im Kommen, aber bis zum Ziel wird es noch ein langer Weg sein.
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Basler Geschäftsinhaber und Beizenbesitzer führen bewegte Klage über die Schwierigkeiten, die sie antreffen. Die Attraktivität der Stadt steht auf dem Spiel.
Das ist nur bedingt richtig. Längst hat eine Entwicklung eingesetzt, die einen tiefen städtischen Wandel widerspiegelt. Qualitätsläden im sogenannten Hochpreissegment haben in den kleineren Städten keine Chance, renommierte Geschäfte müssen schliessen. Wer es sich leisten kann, kauft in Florenz und London ein. Den Stadtraum haben Billiganbieter, Discounter und Fast Food-Betreiber erobert.
Ob der schlechte Geschäftsgang des Detalhandels an fehlendem Parkraum liegt und mehr Autoabstellplätze Abhilfe schaffen würden, ist nicht erwiesen. Seitdem in Lugano mitten im Zentraum ein Parkhaus gebaut wurde, erstickt die Stadt wochentags im Zubringerverkehr und ist sie an Sonntagen verödet. Das Leben spielt sich am Seeufer ab.
Ob mit einer Verlängerung der Ladenöffnungszeiten viel erreicht wird, ist eine andere offene Frage. Die Menschen kaufen dann einfach nur zu anderen Tageszeiten ein. Zuletzt hängen die Umsätze nicht von den Öffnungszeiten ab, sondern von der verfügbaren Lohnsumme, aus der das voraussichtliche Konsumvolumen ausgerechnet werden kann. Lohndumping ist für die Wirtschaft jedenfalls wenig vorteilhaft.
Dass die Menschen beim Einkaufen zurückhaltender geworden sind, ist nicht weiter erstaunlich. Die monatlichen Einkommen haben angeblich zugenommen, aber die monatlichen Belastungen ebenfalls. Wenn die festen Auslagen für das tägliche Leben (Krankenkassenprämien, Mietbelastung und Anderes) das Budget immer stärker belasten, machen fünf oder zehn Rappen weniger für die Milch nicht viel aus.
Der Sparwille ist zum grössten Problem geworden. Wenn Unternehmen, Banken, Geschäfte, Institutionen pausenlos vom Sparen reden, Personal entlassen, Preise und Tarife erhöhen, ihre Leistungen und Beratungen minimalisieren, dann geht am Ende auch der Kundschaft auf, dass sie selber sparen könnte und auch muss. Das ist die ungewollte Konseqenz des falschen Diskurses.
Diese Überlegungen betreffen ebenfalls die Klage der Restaurants, dass das neue Promillegesetz sich auf den Alkoholkonsum auswirkt. Auch da muss ein Fragezeichen gesetzt werden. Die Gäste haben schon davor begonnen, weniger Alkohol zu konsumieren.
Das eigentliche Problem sind die gesellschaftliche Veränderung und die demografische Siedlungspolitik. Die Menschen wohnen in den Agglomerationen und decken sich dort ein. Aber es gibt dazu eine sichtbare Gegenbewegung, die zeigt, dass die Zentren zu Orten zum Flanieren werden und das Kaufangebot auf das Bedürfnis nach urbanem Leben eingeht. In Basel ist die Steinenvorstadt das beste Beispiel dafür, nicht die Freie Strasse, auch nicht die Falknerstrasse, wo die Autos auf den Trottoirs den Passantenverkehr behindern.
Nicht zuletzt hängt die Attraktivität der Stadt von ihrem kulturellen Angebot ab. Mit Fasnacht und Fussball allein ist es in Basel nicht getan.
Man müsste also anfangen, anders über die Probleme der Basler Innerstadt nachzudenken.
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"Das hat mir gerade noch gefehlt!"
Das Kaufangebot in der Steinenvorstadt als richtungsweisendes Beispiel für die neue Stadt - das hat mir gerade noch gefehlt, lieber Aurel Schmidt!
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Die Printmedien sind ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Entsprechend schwer ist deshalb heute, ihre überlieferte universalistische Aufgabe zu erfüllen. Andere Schwierigkeiten kommen hin zu: Die Einnahmen aus dem Inserategeschäft, mit denen sich die Zeitungen finanziert haben, gehen zurück, die Werbegelder werden neu verteilt. Zu schaffen machen ferner die Gratisanzeiger, die ein Ausdruck für schwindende Lesekompetenz in Zeiten des Fussballs und des generellen Analphabetismus sind noch ein Nachteil für die Printmedien. Viele von ihnen versuchen in dieser Lage, ihre Ansprüche ebenfalls zu senken und sich beim falschen Publikum anzubiedern. So werken sie an ihrem eigenen Bedeutungsverlust.
Wer heute informiert sein will, kommt mit seinem Leibblatt allein nicht mehr aus und muss seine Kenntnisse aus verschiedenen Quellen beziehen. Die gedruckte Presse ist unter diesen Umständen nicht zu beneiden.
In den Publikationen von Greenpeace, Bruno Manser Fonds, Alpeninitiative, Erklärung von Bern finde ich Angaben und Argumente zu Sachfragen wie auch zu Problemen des täglichen Lebens und der Welt, die mich interessieren. Ebenso in den Zeitschriften Saldo und k-tip, bei deren Lektüre ich nur den Kopf schütteln kann über soviel Unverfrorenheit der Geschäftswelt.
Für besondere Interessen bietet die Fachpresse ein breites Angebot an. Die grösste Konkurrenz für die Printmedien stellt aber heute das Internet dar. Ich schaue regelmässig nach, was bei GlobalResearch oder Ecoterra steht. GlobalReseach ist eine kanadische Site (www.globalresearch.ca), an welcher der Ökonom Michel Chossudovsky beteiligt ist, Verfasser des Buchs GlobalBrutal, einer glänzenden Abrechnung mit der globalisierten Wirtschaft. Auf der Site ist er soeben auf die US-amerikanische Road Map zum nächsten Krieg diesmal gegen den Iran eingegangen.
Ecoterra (www.ecoterra.net) verbreitet Informationen über Umwelt, Minderheitenrechte und Wirtschaftsfragen. Kürzlich habe ich dort einen Beitrag über die Millionen gelesen, die die Gegner des Kyoto-Protokolls in den USA ausgeben, um Massnahmen zum Klimaschutz zu verhindern. Mehrheitlich steht die Erdölindustrie dahinter. Auch der australische Journalist Joe Vialls (www.vialls.com) betreibt auf seiner Homepage Gegeninformation. Er war einer der Ersten, der die Hintergründe des US-Angriffs im Irak auf den italienischen Agenten Nicola Calipari mit bestürzender Plausibilität aufdeckte. Auf der Seite von MoveOn (www.moveon.org) kann man das andere Amerika das gibt es tatsächlich kennen lernen.
Natürlich ist das Internet eine brodelnde Gerüchteküche. Ich neige aber dazu, den Vertretern der Gegeninformation mehr Glauben zu schenken als den angeblich objektiv informierenden Medien, die alle ebenfalls Partei sind, aber es nicht zugeben. Es ist oft vernünftiger, das Gegenteil dessen anzunehmen, was die wirtschaftsabhängigen Medien verbreiten.
Durch die Gegeninformation wird die Information als solche relativiert. Wer wem Glauben schenken will, muss von jedem und jeder selber entschieden werden. Das Internet bietet dazu eine gute Handhabe.
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Brauchen die Menschen Führer
und Oberhäupter?
Kardinal Ratzinger soll kurz vor seiner Ernennung als neuer Papst die Bemerkung gemacht haben, wir würden auf eine Diktatur des Relativismus zugehen, die nichts mehr als sicher anerkennt und als ihr höchstes Ziel das eigene Ego und die eigenen Wünsche hat.
Heute von Werten zu sprechen, ist eine zweischneidige Sache. Dass der bisher vereinbarte Wertekanon ins Wanken geraten ist, lässt sich kaum bestreiten. Eine grosse Beliebigkeit hat sich ausgebreitet, alles ist möglich, alles erlaubt. Oder fast alles. Auf jeden Fall viel zu viel. Die gleiche Deregulierung wie in der Wirtschaft hat längst auf das gesellschaftliche Zusammenleben übergegriffen. Umso mehr stellt sich die Frage, welche Werte zur Diskussion stehen.
Was der frühere Kardinal Ratzinger meinte, könnte man unter gewissen Umständen noch verstehen. Aber von einer Diktatur zu sprechen, ist eine starke, vor allem aber einseitige Aussage. Denn man kann sich gut vorstellen, dass er mit seiner Relativismus-Rede an eine Einheit des römisch-katholischen Glaubens dachte, die, wie seine Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation schliessen lässt, ziemlich dogmatisch ausfallen müsste. Er hatte im Geheimen wohl eine Diktatur des Glaubens im Sinn, vor allem des verordneten, des richtigen Glaubens, der keine Abweichung zulässt.
Was dabei herauskommt, ist ein reduziertes Denken. Nur mit grösstem Unbehagen erinnert man sich an das unheilvolle Wirken des Michail Suslow, der als Chefideologe der KPdSU über die Reinheit der kommunistischen Ideologie wachte.
Die richtige Einstellung ist immer suspekt. Neben der katholischen Glaubenslehre werden heute verschiedene Versuche unternommen, eine säkulare ethische Wertebestimmung festzulegen, gegen die der Vorwurf des Relativismus kaum erhoben werden kann. Immanuel Kants kategorischer Imperativ, ökologisches Bewusstsein, soziale Gerechtigkeit gehören dazu. Stets ohne abschliessendes Urteil.
Vor allem wäre es eine Einstellung, die an den freien Willen des Menschen appelliert und so etwas wie Bereitschaft zur Selbstverpflichtung voraussetzt, statt Vorschriften und Reglementierungen einzuführen.
Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang geradezu aufdrängt, ist die, ob die Menschen Führer und Oberhäupter brauchen, und wenn ja, warum es so ist.
Wir leben in einer komplexen und anspruchsvollen Welt, die immer höhere intellektuelle Anforderungen an den Menschen stellt, wenn er sich darin zurechtfinden will, und die ihn mehr und mehr überfordert. Wenn die Befriedigung des täglichen Stoffwechsels und der Fussballmatch am Wochenende das Wichtigste im Leben werden, ist nicht mehr viel los. Dann wären die Menschen bereit, ihr Denken an der Garderobe abzugeben, und der frühere Kardinal Ratzinger bekäme im Nachhinein, aber auf eine ungewollte Art, recht.
Wer jedoch noch nicht jeglichen Glauben (einen anderen als derjenige, den Joseph Ratzinger meint) an das autonome Subjekt aufgegeben hat, wird - auch wenn die Erfahrungen ihn immer wieder enttäuschen - sich damit kaum abfinden können und jede Form von Bevormundung zurückweisen.
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"Ohne Führung geht es nicht"
Die Fragestellung von Aurel Schmidt und seine Antwort passen nicht zu einander: Führung ist nicht Bevormundung! Die ganze Menschheitsgeschichte, in allen Epochen und allen Kulturen, bestätigt, dass es in der menschlichen Gemeinschaft ohne Führung nicht geht. Es geht nicht ohne Führung in Bezug auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Es geht noch viel weniger, wenn die Gesellschaft Entwicklungsziele erreichen will; dabei ist es gleichgültig, ob man heute ein gemeinsames Europa bauen will oder ob die alten Ägypter ihre Pyramiden und Tempelanlagen errichten wollten. Es geht nicht ohne Führung, wenn man Schweizer Meister im Fussball werden will. Es geht auch nicht ohne, wenn man mit einem Unternehmen etwas erreichen und den Mitarbeitern Arbeitsplätze bieten will. Ich hatte selbst schon Gelegenheit, den Autor als Redner im kulturellen Umfeld zu erleben und zu hören, dass für ihn auch Künstler durchaus eine Führungsaufgabe in unserer Gesellschaft wahrnehmen.
Ohne Führung geht es nicht, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Ziel erreichen will. Und das hat mit Bevormundung nichts, aber mit Erfolge schaffen sehr viel zu tun. Zusammenfassend: Thema verpasst.
"Herrschaft auch übers Rückenmark!"
Jeder Mensch muss sich damit abfinden, dass Teile seiner Herrschaft über den Körper nicht im Hirn, sondern übers Rückenmark ausgeübt werden! Herr Marchal soll ehrlich bekennen, wo er Führung und wo er Selbstverantwortung anordnen möchte! Es sieht je nachdem anders aus, ob am Arbeitsplatz, in der Familie oder in einem Verein! Ohne Führung kommen wir nicht aus nur: wer bestimmt und was qualifiziert die Führer?
Peter Thommen
Schwulenaktivist
Basel
"Selbstverantwortung ist eine Worthülse"
Erstens hat Ratzinger seine Ansprache an die Kardinäle der katholischen Kirche gerichtet, nicht an die Welt. Zweitens ist es der katholischen Kirche freigestellt, das zu verkünden, was sie für notwendig und richtig hält. Drittens ist das Gefasel zur Selbstverantwortung sehr weltfremd. Wer Kontakt mit Schulen hat und sieht, was dort abgeht, weiss, dass das hehre Wort Selbstverantwortung eine Worthülse ist, die die Ursachen der Probleme übertüncht und die Mitmenschen dispensiert.
Jeder soll so viel trinken wie er will, jeder ist für sich selbst verantwortlich und nimmt halt in Kauf, den Führerausweis zu verlieren. Nur, die zu Tode Gekommenen macht das nicht mehr lebendig. Hätten sie aus Selbstverantwortung nicht auf die Strasse gehen sollen? Jeder darf rauchen, alle wissen, dass Rauchen der Gesundheit schadet. Aber jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Toleranz bitte. Und was mit den vielen Nichtrauchern, die dieses Krankheiten aller Art verursachende Übel in ihrer Nähe nicht tolerieren wollen? Was mit den unschuldigen Krebskranken? Hätten sie aus Eigenverantwortlichkeit eine Gasmaske tragen müssen? Wer dies so ungefähr im Radio DRS am Samstag, 30. April 2005 von sich gegeben hat, ist der Präsident der Gastrosuisse, ein Mitglied der FDP! (die Gegenfragen sind von mir). Tut mir leid, ich habe schon bessere Editorials gelesen.
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Von der Unmündigkeit des Menschen
Die Trauer über den Tod von Papst Karol Woytila hat vielen Menschen zu denken gegeben. Die Medien konnten sich kaum noch überbieten in der Fabrikation von Sprachwallungen und der Übertragung und Verbreitung ihrer Selbstergriffenheit. Die Menschen wurden davon regelrecht angesteckt, aber medialisierte Trauer kann leicht echte Gefühle verderben.
Entweder war der Tod des Papstes ein Massen-Event, das die Möglichkeit zu grenzenloser Lust an der Trauer verschaffte, oder er war das Signal für einen um sich greifenden Fundamentalismus. So könnten nur noch gottesstaatliche Verhältnisse bei der Lösung der drängenden Probleme der Welt von heute helfen. Die Evangelikalen in den USA haben demonstriert, was für eine unheimliche Mentalität sich ausbreiten kann, wenn der organisiderte Einfluss der Religiösen unter falscher Berufung zu weit geht.
Der Papst hat angeblich Frieden und Gerechtigkeit gepredigt, aber in Wirklichkeit jede Opposition (Befreiungstheologie) unterdrückt. Keineswegs vergessen ist auch, dass der Papst Partei für den chilenischen Diktator Pinochet ergriffen hat. Unter dem Pontifikat Woytilas hat sich die katholische Kirche zu einem Machtapparat entwickelt, der absolutistische Züge trägt und absoluten Gehorsam verlangt. Aus Glaube wurde von oben verordnete Autoritätsgläubigkeit. Das Kirchenvolk hat nichts zu sagen. Was in diesen Tagen um den Priester Franz Sabo in Röschenz geschehen ist, macht vieles deutlich. Die Kirche sei kein Parlament, war dazu in einem Leserbrief zu venehmen. Das ist ja gerade das Bedenkliche.
Die Parallelität der Ereignisse wollte es, dass während der Trauerzeit in Rom auch Rainier Grimaldi verschieden ist. Der als Rainier III bekannte Fürst von Monaco hatte seinen Miniaturstaat in eine Autorennbahn und ein Spielcasino für die Reichen und Schönen verwandelt und seinen Untertanen zu Wohlstand verholfen. Sinnigerweise wurde auch der Abschied von ihm pompös begangen.
Damit ist zum heiligen Vater ein Landesvater hinzugekommen und die Menschheit nach der Herde der Gläubigen um die Klasse der Untertanen erweitert worden.
Die Unmündigkeit, die sich hier manifestiert, wird den Menschen zugefügt oder von ihnen freiwillig hingenommen. Das Eine ist ebenso abzulehnen, wie das Andere unverständlich ist.
Damit noch nicht genug. In der gleichen Zeit wurde in England eine Prinzenhochzeit gefeiert, und wieder waren die Medien und die Heftchen voll von dem Ereignis. Auf diese Weise ist zu den Gläubigen und Untertanen auch noch die Kategorie der Zuschauer und Zaungäste hinzugekommen, die das gesellschaftliche Spektrum arrondieren und deren Bestimmung es zu sein scheint, den Auserwählten zu ihrer Erlauchtheit zu verhelfen.
Das Interesse für Andere, das in Form von Events aller Art von den Medien zelebriert wird und den von ihnen adressierten Massen aufgedrängt wird, lenkt die Menschen von ihren eigenen Rechten und Ansprüchen ab. Als Ersatz werden ihnen Spektakel und Hypes angeboten.
Diese Entwicklung ist für die demokratische (vereinbarte) und problembewusste moderne Zivilgesellschaft eine grosse Enttäuschung.
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"Lebt nicht die ganze Medienbranche von unserem Voyeurismus?"
Ist es nicht so, dass die ganze Medienbranche vom Voyeurismus von uns Menschen lebt? Waas, heute nichts passiert, ach Gott, ist ja schon langweilig
Dass dies als Trauer (Papstbeerdigung) oder Anteilnahme (Hochzeit) kaschiert wird, kann in den meisten Fällen als Selbsttäuschung der Gaffer verstanden werden. Ich denke auch, viele brauchen das, um in der heutigen Zeit einigermassen normal über die Runden zu kommen, wahrscheinlich aus Ermangelung eigener Kreativität. Übrigens: Mein TV-Gerät hat ein Ein- Aus-Knopf!
"Kirche hat sich eine schwere Verantwortung aufgeladen"
Mündigkeit bedeutet Verantwortung. Doch Verantwortung übernehmen will heute niemand. Der Chef, Sachzwänge, der Markt, die Erziehung, die Gesellschaft, etc. sind schuld. Ganz zu schweigen von der Verantwortung, die man auch für Unterlassenes trägt.
A propos Verantwortung und Papst. Nicht zu vergessen all die Kinder in Afrika, die aufgrund des Verhütungverbots in die Welt gesetzt wurden. Ohne Hoffnung auf Ausbildung, Lebensqualität, Zukunft - zudem für Extremisten leicht zu rekrutieren. Des weiteren all die HIV-Positiven, die sich aufgrund des Kondomverbots neu infizierten. Viel, viel Leid. Da hat sich die römisch-katholische Kirche eine schwere Verantwortung aufgeladen.
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Ein Fall
für Sprachkriminologen
In einer Fernsehdiskussion meinte kürzlich der Moderator einleitend: Immer weniger Menschen müssen für immer mehr Menschen aufkommen. Er meinte Altersvorsorge, Gesundheit, Arbeitslosigkeit. Mit medialer Besorgtheit setzte er hinzu: Können wir uns das überhaupt noch leisten? Natürlich können wir das nicht. Da waren sich alle einig.
Hätte er bemerkt, dass immer weniger Menschen immer mehr Gewinn generieren müssen, wäre die Diskussion bestimmt anders verlaufen.
Wirtschaftspolitische Fragen werden heute in einer Form debattiert, die auf keine Kuhhaut geht. Am aufschlussreichsten ist dabei meistens, was nicht gesagt wird.
Eines der häufigsten Argumente, die man zur Zeit zu hören bekommt, lautet, dass die Arbeit billiger werden müsse. Zum Vergleich wird die Slowakei oder ein anderes passendes Land genommen. Sollten die Löhne weiterhin auf Schweizer Niveau bleiben, müsste die Arbeit ausgelagert werden. Was nicht gesagt wird, ist der Hinweis, dass die Schweiz gegen die Slowakei und in der nächsten Runde die Slowakei gegen philippinischen Sweatshops ausgespielt und dies normalerweise als Erpressung bezeichnet wird. Das ist auch ein Kapitel Globalismus-Theorie.
Wenn es nicht mehr weitergeht, bedauern gut bezahlte Unternehmer, Entlassungen vornehmen zu müssen. Sich etwas Innovatives einfallen zu lassen, fällt ihnen nicht ein. An Stelle von unternehmerischem Ehrgeiz tritt eine Mentalität, mit der die Schweiz Gefahr läuft, den Anschluss an die Zukunft zu verschlafen. Zum Glück gibt es auch vorbildliche Gegenbeispiele. Viele kleine Betriebe müssen heute sehen, wie sie über die Runden kommen. Es sind vor allem grosse Unternehmen, die es sich bequem machen und deren Machtkonzentration ihnen erlaubt, wie ehemals autokratische Regimes zu agieren.
Ein weiteres Argument singt unverdrossen das Lied von den Arbeitsplätzen, die geschaffen werden sollen. Das ist eine Aussage, die mittlerweile zum Himmel stinkt. Abbau ist das wahre Ziel. Die "Swiss" machte Verluste und musste Stellen abbauen, die Swisscom macht Gewinn und baut ebenfalls Stellen ab. Das sind zwei Beispiele, aber eine gemeinsame Realität.
Drittes Argument: Alles tun für den wirtschaftlichen Aufschwung. Der aber lässt sich bekanntlich ohne neue Arbeitsplätze erzielen. Kostenmanagement, Rationalisierung, Sparmassnahmen tuns auch. Gemeint sind mit Aufschwung meistens bessere Ertragsbedingungen. Obwohl zum Beispiel in Winterthur grosse ehemalige Industrieareale brach liegen, soll in Galmiz ein Stück unberührte Schweiz zerstört werden. Dem amerikanischen Investor Amgen soll dafür eine beträchtliche Steuerermässigung gewährt werden. Wohl entstehen 1'200 Arbeitsplätze. Mit den Steuererträgen des in Zukunft eingestellten Personals lassen sich dann die an anderer Stelle gemachten Ausfälle ausgleichen.
Das ist alles Andere als eine ökonomische Rechnung. Jetzt wollen andere Unternehmer natürlich ebenfalls ein Geschenk für ihre Taten. Was ist das für eine Politik!
Wer sich trotzdem gegen diese Entwicklung wehrt beziehungsweise gegen diese Argumentationsweise Einwände erhebt, wird neuerdings als "Modernisierungsgegner" bezeichnet. Was meint oder unterschlägt also dieser Begriff tatsächlich? Ein Fall für Sprachkriminologen.
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"Gewinner sind die Aktionäre und das hohe Management"
Die Frage sei erlaubt: Ist es eigentlich für Leute mit Arbeit (Besitzende) motivierend, in Zukunft immer mehr zu arbeiten für jene, denen man die Arbeit wegnahm (Verlierer)? Und dies höchstwahrscheinlich mit noch weniger Lohn. Dieses System kann längerfristig für die arbeitende Bevölkerung nicht funktionieren. Zu den Verlierern gehört zweifelsfrei auch der Staat, da dieser kein Gegensteuer gibt. Wehe, wer hier einen Zusammenhang sieht. Sichere Gewinner sind die Aktionäre und das hohe Management. Der Fatalismus in der Öffentlichkeit fördert diesen Zustand eher noch (nach mir die Sintflut). Wie lange noch wird die Bevölkerung das für sie unproduktive und bewusst höchst verwirrende Palaver der so genannten "Wirtschaftsführer" glauben? Diese Sprach-Kriminellen erfinden das Rad das x-te mal und dies immer auf Kosten anderer.
Bruno Heuberger
Ehem. Präsident der Arbeiterkommission Ciba-Geigy Schweizerhalle
Oberwil
"Pflichtlektüre für Wirtschaftswissenschafter"
Diese ausserordentlich aufrüttelnde Kolumne von Aurel Schmitdt, sollte Pflichtlesung für alle Professoren und Studenten der Wirtschaftswissenschaften, sowie der Manager jeder Gattung sein. Damit ein Unternehmen einem Spitzenmanager den Super-Jahreslohn von 20 Millionen Franken bezahlen kann, müssen 200 Arbeitplätze von je 100'000 Franken Lohnkosten eingespart werden. Diejenigen die dann noch arbeiten dürfen, dürfen dafür mit ihren Steuern auch noch die Sozialkosten der zum Zweck der Gewinnoptimierung Entlassenen bezahlen. Eine Zukunft, die offenbar noch nicht in allen Köpfen verständlich ist.
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Bitte den Hintereingang benützen!
In meiner letzten Kolumne schrieb ich den Satz: "Willst Du Ordnung, musst Du Unordnung herstellen." Ich hätte ebenso gut sagen können: Nichts wärmt so sehr wie eine kalte Dusche. Die erhellenden Einsichten entstehen, wenn die Logik auf den Kopf gestellt wird. Zum Beispiel kann es sein Gutes haben, die Unmoral zu verteidigen, wenn die Moral sauer wird und die Prüderie in eine Hetzjagd ausartet. Man muss also gelegentlich den Hintereingang benützen.
Bei einigen meiner Kolumnen habe ich nachträglich den Eindruck, nicht die ultimative Formulierung gefunden zu haben und einer Sache zu wenig auf den Grund gegangen zu sein. Wenn es auf den isolierten Einfall oder Einzelfall meistens nicht ankommt, dann umso mehr auf die Ursache eines Ereignisses oder Phänomens. Also auf den Zusammenhang. Weil aber jede Ursache selbst wieder eine hat, auf die sie zurückgeführt werden kann, ist es manchmal schwierig, auf den Kern einer Sache zu stossen.
Sind zum Beispiel die 8 Milliarden Reingewinn der UBS nur einfach eine Frage von Wachstum und erfolgreich betriebenem Kostenmanagement, wie der neue, zynische Ökonomieklatsch lautet, oder handelt es sich dabei um eine Form von Umverteilung, wenn nicht von Vampirologie? Waren die 2,5 Milliarden Franken Steuergelder für die Swiss(air) dazu bestimmt, Tausende Arbeitsplätze zu vernichten, das Unternehmen auf diese Weise für eine spätere Übernahme (wie jetzt durch die Lufthansa) zu präparieren und der Börse sowie den Anlegern und Shareholdern ein Geschenk zu machen?
Am liebsten würde ich mich ganz anderen Themen und Tätigkeiten zuwenden und mit der Entstehung des Universums und den Gesetzen seiner Expansion befassen oder die Pariser Berichte von Heinrich Heine an die Augsburger Allgemeine lesen. Oder ich stelle mir vor, auf dem Gipfel eines Berges zu sitzen und über die grossen Kreisläufe des Lebens nachzudenken. Aber dann wäre die Gefahr gross, aus der entrückten, eisigen Höhe die lästigen Einzelheiten der vereinbarten Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren und in eine euphorische Gelassenheit zu geraten, die vielleicht nichts Anderes als eine Form von Fatalismus wäre.
Ich weiss nur und gehe davon aus, dass ich mich von der rituellen Realität vielleicht in einem gewissen Mass distanzieren, aber niemals ganz unabhängig machen kann. Solange ich in dieser Welt lebe, gibt es nur eine davon, und ich komme nicht darum herum, mich damit auseinander zu setzen, wenn ich nicht von ihr verschlungen werden will.
Man muss daher, um etwas zu ändern, bei den sozialen und politischen Gegebenheiten ansetzen. Wie aber sollten die Menschen unter falschen Verhältnissen richtig leben und ihre Lebensumstände passend zurecht biegen, wenn sie von ihnen bereits wie von einem Virus infiziert sind?
Das ist ein Thema, zu dem ich natürlich eine Meinung habe, aber ich werde sie nicht preisgeben. Nicht heute. Vielleicht ein anderes Mal.
Diese Kolumne wirft viele Fragen auf und lässt vieles in der Schwebe. Soll sie. Das ist ihre implizite Absicht. Vielleicht lässt sie dafür den Lesern und Leserinnen die Freiheit, sich selber eine Meinung zu bilden.
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"Kein Weg führt an anstrengender Denk-Arbeit vorbei"
Denken Sie ruhig über die Entstehung des Universums nach! Das Verständnis der kosmischen, aber auch der biologischen Evolution verschafft Ihnen eine bessere Übersicht und lässt Sie Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Es weckt Ihr Verständnis für die Bedeutung der Energie, von Ressourcen, der Rangkämpfe, der Hintergründe der Prestige- und Verschwendungswirtschaft, ja dem Verhalten der UBS. Und es zeigt die Bedeutung durchdachter strategischer Ziele auf, die mit der Evolution abgestimmt sind, und die uns helfen, uns in einer komplexen Welt zu orientieren. Es zeigt aber auch die Bedeutung der Ideen, will und muss man sich, wie wir Menschen, eine eigene, kulturelle Evolution schaffen. Und dabei führt kein Weg an anstrengender Denkarbeit vorbei. Die Basler Gesellschaft hat versucht, derartige strategische Ziele zu formulieren und die Bedeutung der Ideen und des Denkens aufzuzeigen, zum Beispiel im Aufsatz "Evolution und Mensch", den Sie unter www.aubonsens.ch unter der Rubrik Publikationen finden. Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie! (Friedrich Nietzsche)
Luc Saner
Basler Gesellschaft Au Bon Sens
Basel
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Moment mal, geht es
auch anders herum?
Es gibt eine literarische Strategie, die darin besteht, etwas zu behaupten, das man gar nicht meint, um auf diese Weise die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, wie Karl Marx es ausgedrückt hat. So hatte zum Beispiel der englische Schriftsteller Bernard Mandeville (1670-1733) in seiner berühmten Bienenfabel wie ein Unschuldslamm gemeint, private Laster seien gut für das öffentliche Wohl, und in seinem Versuch über die Hurerei argumentiert, dass die Errichtung von Bordellen vorteilhaft für den Staat wären. Gemeint war es natürlich nicht so, aber es war eine Methode, der Scheinheiligkeit und verlogenen Moral der Zeit den Spiegel vorzuhalten.
Man muss also manchmal die Dinge auf den Kopf stellen, damit sie verständlich werden und eine subversive Nützlichkeit entfalten können. Der richtige Begriff für dieses Vorgehen heisst Ironie, gelegentlich auch Provokation. Heute würde man von Fuzzy Logic sprechen.
Wenn zum Beispiel die vielen Verbesserungsvorschläge, die laufend auf den Tisch des Hauses flattern, nur dazu führen, dass alles immer noch schlimmer wird, dann muss man die Logik dringend umkehren. Der gerade Weg führt nicht immer ans Ziel, aber öfters in den Abgrund. Es ist manchmal intelligenter, Umwege zu machen und in die falsche Richtung zu gehen. Das ist dann kein Widerspruch, sondern ein strategisches und raffiniertes, also verfeinertes Vorgehen. Es zeugt von der Fähigkeit eines angemessenen Urteils.
Von Widerspruch kann nur dann gesprochen werden, wenn jemand A sagt und gegen A handelt, etwa wenn Bush sagt: Es war falsch, den Irak anzugreifen, aber es wäre richtig, es zu tun. Oder wenn man den Verkehr verflüssigen will und Massnahmen ergreift, die die gegenteilige Wirkung hervorrufen und zum Dauerstau führen. Das ist die Philosophie von Lemmingen.
An Stelle des rationalen, logischen Denkens muss der Sprung treten, die Assoziation, das Paradoxon. Das heisst: die Deviation, Dispersion, Diskontinuität, Decodierung, Dekonstruktion, um auf diese Weise das Denken zur Detonation zu bringen. Die vorsätzliche, legitime Sinnwidrigkeit ist effizienter als das Gesetz! die Wahrheit! die Totalität! die Einheit! der Konsens!
Im Zen-Buddhismus führt der Weg zur Erhellung des Geistes durch Chaos, Krise und Verzweiflung. In der Unauflösbarkeit einer desperaten Situation haben Logik und Rationalität ihre Praktikabilität eingebüsst. Aus der Misslichkeit der Lage, in die man geraten ist, befreit man sich unter diesen Umständen am besten durch einen einschneidenden, radikalen Akt. Die Fuzzy Logik ist eine Art Unschärfelogik, die nicht der breiten Hauptstrasse folgt, sondern die entgegengesetzte Richtung einschlägt, durchs Dickicht führt und das Unerwartete unternimmt, um den Fallstricken der Vernunft aus dem Weg zu gehen, aber auch nicht in die Falle des Pragmatismus zu treten, und so am Ende einen Schritt voran zu kommen.
Klug, beweglich, vif sein ist alles. Jedoch die alten, erfolglosen Rezepte und Ratschläge weiter durchzuboxen, wäre bloss ein Beweis von Blindheit.
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Fünfunddreissig Fragen
und keine Antwort
Verkehren Sie in Kreisen, in denen jemand mit Durchlaucht angesprochen wird? Wo parkieren Sie Ihr Unterseeboot? Ärgern Sie sich mehr über die Unordnung der Anderen als die eigene? Können Sie sich an den Pullover erinnern, den Sie vor fünfzehn Jahren getragen haben? Möchten Sie die ganze Nacht telefonieren, auch wenn es gratis ist (oder halten Sie das für Schlafstörung)? Warum unterhalten die Vereinigten Staaten überall auf der Welt verteilt mehr als 60 Militärstützpunkte? Haben Sie Hunger (im Kühlschrank ist noch einen Rest Makkaroni)? Glauben Sie, dass Korruption als neue Form von Kreativität bezeichnet werden kann?
Wer oder was ist eigentlich MusicStar (und warum sollte das von Bedeutung sein)? Mit wem würden Sie gern und mit wem auf keinen Fall ins Bett gehen und Liebe machen? Sind Antipathien schlechter als Sympathien (oder sind sie notfalls politisch korrekt vertretbar)? Welche Mengen Mineralwasser lassen Sie, um Ihren Durst zu löschen, quer durch Europa karren? Wie definieren Sie Schönheit?
Sind Sie für das Dagegensein oder eher gegen das Dafürsein? Ist Käse gut oder kein Käse schlecht (eine semantische Frage)? Was stellen Sie sich unter Das und Nicht-Das vor? Meiden Sie Kurorte wie Wengen oder Zermatt, weil es keinen Autoverkehr gibt, oder halten Sie das für einen Vorteil? Wenn Sie nochmals von vorne anfangen könnten, würden Sie dann alles anders machen (oder war es richtig so, wie es war)?
Können Sie den Unterschied beziffern zwischen dem, was etwas kostet, und dem, was dafür bezahlt werden muss? Können Sie zwischen einem Vergeltungsakt und einem Terrorakt unterscheiden? Ist es humaner, wenn die Bewohner aufgefordert werden, ihre Häuser zu räumen, bevor sie in die Luft gesprengt werden? Kann man von Gewalt sprechen, wenn die Menschen ihre Rechte verteidigen? Ist Selbstlosigkeit naiv? Ist der Pessimismus ein Realismus?
Wenn Sie beim Wort Vivisektion zusammenzucken, geschieht es, weil Sie sich über diese verdammten Fremdwörter ärgern? Möchten Sie in Zukunft zwischen zwei Autobahnen die Beine ausstrecken (oder wo ist die Schweiz geblieben)? Warum fängt die Woche am Montag an? Was kommt für Sie unter keinen Umständen in Frage (Sie können drei Anworten geben)?
Soll der Rest-Staat für die Folgen aufkommen, die durch die Deregulierung der freien Marktwirtschaft entstehen? Soll die Polizei Autodiebe und Kriminelle nur dann verfolgen und stellen dürfen, wenn diese zuvor ihre schriftliche Einwilligung erteilt haben (damit ja keine Rechsverletzungen vorkommen)? Sollen die Schweizer Löhne aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit an diejenigen in der Slowakei oder in Indien angepasst werden oder umgekehrt jene eher an diese? Soll schlechter Geschmack verboten werden? Sollen Menschen, die etwas Gutes tun, auch gut daran verdienen dürfen? Warum verteufeln ausgerechnet die Grossverdiener die sogenannte Vollkasko-Mentalität?
Macht die viele Nachdenklichkeit, Betroffenheit und Korrektheit Sie auch manchmal wütend? Sehen Sie!
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Constables Wolken, Gauguins Farben und der Wunsch, mehr zu wissen
Es kommt in der letzten Zeit manchmal vor, dass ich anfange, langsam zu verstehen, was für ein wunderbares Ganzes die Welt bildet (die Welt sei alles, was der Fall ist, hat Ludwig Wittgenstein gesagt); wie die Teile zusammenhängen; wie Ideen sich im Lauf der Zeit formiert haben; oder wie wissenschaftliche Erkenntisse, von der Naturphilosophie des Aristoteles bis zu den Experimenten von heute, Fortschritte gemacht haben, zum Beispiel in der Quanten- und Stringheorie, die ich mit ihren paradoxen Ergebnissen, soweit ich sie verstehen kann, mit Erstaunen zur Kenntnis nehme. Was für Schlussfolgerungen können daraus abgeleitet und müssen daraus gezogen werden?
Manchmal komme ich mir wie Wagner in Goethes Faust vor, der zwar vieles wusste, aber alles wissen wollte. Das ist heute ausgeschlossen. Je mehr ich weiss, desto mehr kann ich die Lücken erkennen, die noch ausgefüllt werden müssten, es aber kaum je werden. Weil sich bis dann wieder neue Lücken aufgetan haben werden ...
Zum Beispiel möchte ich mehr über die Hintergründe der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 wissen, und was zuvor, am 25. April, an der North Bridge in Concord, Massachussetts, geschehen ist und wie George Washington den Delaware überquerte und die Franzosen den amerikanischen Kolonisten zu Hilfe eilten und wie sich daraus ein Zusammenhang von amerikanischer und französischer Revolution ableiten lässt. Auch möchte ich das Denken des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte besser kennen. Es steht als Nächstes auf meiner Agenda. Die Wolkenbilder von John Constable wiederum bilden eine eigene Geschiche, ebenso wie die Bedeutung der Farben von Paul Gauguin, dem in Tahiti die Farben zum Malen ausgingen und der mit Rosarot und Orange auskommen musste, bis Nachschub eintraf. So ist der Symbolismus entstanden: Durch eine Fehlinterpretation aus Mangel an Detailkenntnissen!
Dann denke ich an ein paar Tage, die ich in einem tibetischen Kloster verbracht habe oder in einem Zelt während eines Wintersturms auf Baffin Island, und versuche, mir modellartig vorzustellen, wie die Menschen mit ihren Mythen, Sitten, Festen, Werkzeugen, Kunstwerken, Essgewohnheiten, Lebensformen sich die Welt zurecht gelegt haben, um sie besser interpretieren zu können, in der Arktis, in den Tropenwäldern, in den nordamerikanischen Prärien.
Je mehr wir wissen, desto schwankender erscheint alles. Aber nur das unablässige Suchen kann dem Menschen einen Hauch von tragischer Würde im Ozean der Offenheit verleihen, wie der amerikanische Kosmologe Stephen Weinberg in seinem Buch Die ersten drei Minuten. Der Ursprung des Universums gesagt hat. Das heisst: Aushalten, durchstehen, nicht aufgeben. Das ist eine Einstellung, die mir gefällt.
Doch suchen wonach? Das ist eine falsche Frage. Es geht nicht um ein Suchen nach etwas, sondern um ein Suchen an sich und schlechthin. Um ein Suchen als Lebensenergie, Stolz, Menschenwürde. Als Grund zu Jubilation. Denn wer seine Neugier aufgibt, ist im Begriff, sein Leben zu verspielen.
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"Zwei Zitate zum Thema 'Suchen'"
Grüezi Herr Schmidt, seit vielen, vielen Jahren bin ich ein aufmerksamer Leser Ihrer Essays. Einige davon habe ich sogar aufgehoben. Da ich eben aus den Ferien zurückkomme, muss meine Reaktion zum Thema Suche kurz ausfallen.
Dazu kommen mir zwei Zitate von zwei so unterschiedlichen Menschen wie Theresia und Picasso in den Sinn:
"Gott schliesst keine Tür, ohne eine andere aufzumachen. Seitdem ich nichts mehr suche, führe ich das denkbar glücklichste Leben." (Theresia)
"Ich suche nicht, ich finde." (Picasso)
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Hoffentlich nicht die Umrisse
einer neuen Mentalität
Unter Berufung auf die Meinungsvielfalt erhält die sogenannte Schöpfungslehre in den USA massenweise Zulauf von den so genannten Evangelikalen. Schulbücher sollen von Darwin verseucht sein und gesäubert werden, wobei Darwin als Begriff für Evolution steht. Der Konflikt zwischen beiden Ansichten schien seit dem Pariser Akademiestreit von 1830 überwunden, als die Neptunisten (Anhänger der Evolutionsidee) um Geoffrey Saint-Hilaire den Sieg über die Plutonistenoder Vulkanisten (Anhänger des Kreationismus oder der Schöpfungslehre) um Georges Cuvier davon trugen. Die Kreationisten behaupteten damals wie die Neo- und Taliban-Christen heute, Gott habe die Welt auf einen Schlag und den Menschen vor ungefähr 10000 Jahren fixfertig erschaffen.
In diesem Zusammenhang fällt einem der Fall Trofim Denissowitsch Lyssenko ein, der um 1935 in der Sowjetunion eine marxistische Biologie propagierte und seine Gegner als Kulaken der Wissenschaft und Feinde des Kommunismus beschimpfte.
Die Reaktionäre und Hinterwäldler gleichen sich überall. Aber wenn die Borniertheit einen Pakt mit der Religion eingeht, stehen finstere Zeiten bevor.
Die neue Engstirnigkeit in den USA wird als Bewahrung konservativer Werte bezeichnet. Alles, was im besten Sinn des Wortes liberal ist, wird verteufelt: Demokratie, die Idee des sozialen Ausgleichs, Weltoffenheit, Gebrauch des eigenen, nicht instrumentalisierten Verstands. Nicht selten steht die zum Teil anerzogene, zum Teil freiwillige Blindheit im Sold des Kapitals. Schwerwiegend fällt dabei in Betracht, dass die USA mit ihrem Project for a New American Century (PNAC) ihre militärisch gestützten Hegemonialansprüche unverblümt aussprechen (die Programme sind im Internet zu finden).
Vernünftige Diskussionen und Kontroversen werden in den USA immer seltener geführt, grossinquisitorische Einschüchterungen und ideologische Uminterpretationen nehmen zu. Die Meinungsfreiheit wird im Zeichen des Patriotic Act eingeschränkt. Auch die Zensurmassnahmen in den USA sind gut dokumentiert. Die Ignoranz über den Zustand der Welt begünstigt die Verdrehung von Recht und Unrecht, wie zum Beispiel die Rechtfertigung von Folter. Krieg und Kriegsdrohungen wiederum sind die Fortsetzung einer neuen Prüderie mit anderen Mitteln. Die Folge ist eine Vergiftung des geistigen und politischen Klimas in der Welt.
Wenn das die Umrisse einer künftigen Mentalität sein sollten, müssten wir uns warm anziehen.
Natürlich regt sich in den USA auch Widerstand. Michael Moore ist ein prachtvolles Beispiel. Andere gehören dazu, aber sie bilden eine verschwindende Minderheit. Im Augenblick lese ich das Buch Alarmstufe Rot. Amerikas Wildwest-Kapitalismus bedroht die Welt von Theodore Roszak, Historiker an der California State University Hayward (Riemann Verlag). Bei der Lektüre läuft es mir manchmal kalt den Rücken hinunter.
Mit Amerika-Hass hat diese Kolumne bitte nichts zu tun. Ich versuche nur, auf eine Entwicklung hinzuweisen, die sich abzeichnet und uns eines Tages auf dem linken Fuss erwischen könnte.
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"Eine Analyse, die nachdenklich macht"
Das ist so ein treffender Kommentar, dass ich hiermit - liegt's wohl am Whisky oder an der Altersdemenz? - von meinem eisernen Grundsatz "Niemals sollst du so tief sinken, dass du einen Leserbrief schreibst" leichten Herzens abweiche. Ich finde Ihre kurze "US-Analyse" wichtig und nötig, und ich hoffe, dass sie viele Leute nachdenklich macht. (Vor ein paar Monaten war ich kurz in Amerika, und ich konnte mir überhaupt keinen Vers darauf machen, warum sich diese wunderbaren Leute eine so verbockte Regierung gefallen lassen.)
Bernhard A. Scherz
Therwil
"In der Schweiz ist es der Blocherismus"
Verwandte Tendenzen sind doch auch in der Schweiz als Umrisse auszumachen: Blocherismus müsste man dem sagen, zwar weniger religiös, dafür aber streng national-politisch. Um die Worte von Aurel Schmidt zu gebrauchen: Ich versuche nur, auf eine Entwicklung hinzuweisen
Tja, die Geister die man rief
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Fehlplanung im Gemüsegarten
der Schweiz
Der Fall Galmiz ist ein Lehrbuch-Beispiel dafür, was Planung in der Schweiz nicht heissen darf. Mitten im Grossen Moos im Seeland sollen 55 wertvolle Hektaren umgezont werden, damit ein anonymes amerikanisches Pharma-Unternehmen sich dort niederlassen kann. Noch nicht berücksichtigt sind die fehlenden infrastukturellen Anschlüsse (Strassen, Energie).
Das Grosse Moos ist eine der letzten grossen, zusammenhängenden Landwirtschaftszonen in der Schweiz, gewissermassen der Gemüsegarten der Schweiz. In einer Art Kabinettspolitik der Gemeinde- und Kantonsbehören und mit Bundessegen wurde versucht, die Umzonung heimlich durchzuziehen und die Öffentlichkeit vor ein fait accompli zu stellen. Die lockende Aussicht auf 1'200 Arbeitsplätze schien den lokalen Amtsinhabern auszureichen, um demokratische Beschlüsse zu umgehen, raumplanerische Massnahmen über den Haufen zu werfen und dem fremden Unternehmen Steuervorteile auf zehn Jahre hinaus zu gewähren.
Wie Konquistadoren ziehen multinationale und Grosskonzerne durch die Länder und schauen sich nach Standorten um, wo sie günstige Bedingungen aushandeln können: Steuererleichterungen oder -befreiung; minimale bis gar keine ökologischen Auflagen oder Sozialleistungen; keine arbeitsrechtlichen Bedingungen. Immer mit dem Segen der jeweiligen Behörden, die oft Diktatoren sind. Wenn dann die Weide abgegrast war, wird ein neuer Standort gesucht. Die Konquistadoren-Unternehmen ziehen weiter, zurück bleibt eine Spur der Verwüstung. Das war bisher in den Schwellen- und Drittweltländern der Fall. Jetzt greift die Entwicklung auch auf die Schweiz über. Auch hier wirken diskrete und unterwürfige Lokalpolitiker mit, die leider nur das Beste im Sinn haben.
Bei der aktuellen Standort-Konkurrenz spielen die Unternehmen mit den örtlichen Behörden Katz und Maus. Warum sollten sie, wenn sie an einem Ort gute Konditionen herausgewirtschaftet haben, nicht an einem anderen Ort versuchen, unter Berufung auf die erzielten Ergebnisse noch bessere herauszuholen? Das Unternehmen, das Galmiz im Auge hat, verhandelt auch mit zwei weiteren Gemeinden in der Schweiz sowie mit den Behörden in Irland und Singapore.
Der Fall Galmiz führt zu einigen Fragen und Schlussfolgerungen.
1. Warum sollte man wie hier nicht unverblümt von Erpressung sprechen, die nur möglich ist, weil die Lokalbehörden so bereitwillig Hand bieten? Zum Beispiel lockt die Idee Seetal GmbH (www.seetal.ch) ausländische Unternehmen unverblümt mit der Werbung an: Deutsche Unternehmer zahlen bei uns keine Steuern. Klein gedruckt: Pauschalsteuerabkommen möglich.
2. Bei diesem Konkurrenz-Karussell müssen einheimische Unternehmen im Ausland Standortvorteile suchen, wie sie ausländischen Unternehmen in der Schweiz gewährt werden, und sich überlegen, ob sie nicht abwandern sollen. Die Gewinne auf der einen Seite werden dann von den Verlusten auf der anderen aufgewogen.
3. Den Widerstand gegen Galmiz hat die Schweizerische Stiftung für Landschaftsschutz organisiert. Zum Glück gibt es das Verbandsbeschwerde-Recht.
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"Diese einmalige Gelegenheit!"
In Aurel Schmidts Artikel geht es darum, eine mögliche Ansiedlung einer Chemiefarbrik mit allen verfügbaren Mitteln zu verhindern. Die Sektionen der Pro Natura beschuldigen sich gegenseitig, dass sie einander bei der Verhinderung zum möglichen Bau einer Chemiefabrik zuwenig unterstützen. Für die Seeländer Politiker ist das Projekt in Galmiz kein Thema, da es sich zwei Kilometer von der Berner Grenze abspielt.
Sind das die Zukunftsaussichten für die Schweizerische Eidgenossenschaft? Erinnern wir uns doch einmal an die Pionierleistungen unsere Seeländer Vorfahren, sie bekannten sich zu neuen Ideen und deren Trägern. Sie gaben den Anstoss zu Leistungen, die einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichten. Namen wie Neuhaus, Blösch, Widermeth, Müller und andere, die sich als Unternehmende verstanden, und die ihren Mitbürgern an Klugheit, Wagemut und Fleiss Vorbild waren.
Um ein Projekt von nationaler Bedeutung wie das Ansiedeln einer Chemiefabrik zu bewältigen, braucht es Pioniere! Diese einmalige Gelegenheit, ein Unternehmen mit hoher Wertschöpfung und die damit verbundenen Investitionen und neuen Arbeitsplätzen anzusiedeln, sollte sich die Region Seeland nicht entgehen lassen!
Sicher gibt es noch andere Standorte als Galmiz, im freiburgischen St. Aubin beispielsweise versuchen Novartis/Syngenta seit Jahrzehnten ein Werksgelände zu verkaufen. Hier sind die gesamten Infrastrukturen zur Ansiedlung einer Chemiefabrik vorhanden und das Projekt könnte in kürzester Zeit realisiert werden.
Ich wünsche mir, dass sich Politiker und Umweltaktivisten über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg zu einer Aussprache finden und sich zu neuen Ideen bekennen. Die Region Seeland hätte einen wirtschaftlichen Aufschwung mehr als verdient.
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Ein Spaziergang im Wald
Die Welt ist in einem permanenten Umbruch begriffen. Wer hin und wieder in einem Wald spazieren geht, dem wird es nicht entgehen, dass die Bäume im Lauf der Zeit ihr Aussehen ändern. Zwischen beschirmender, Schatten spendender Pracht im Sommer und den kahlen Ästen im klirrenden Winterfrost gibt es viele Erscheinungsformen. Auf Entfaltung folgt Rückzug, auf Rückzug neue Entfaltung. Alles kommt und (ver)geht. Wachstum ist nur die Funktion, die diesen Kreislauf hervorruft, also Erneuerung verursacht.
Die Idee einer unendlichen Progression ist daher eine Illusion. Nach 150 Jahren sterben die Bäume ab. Darum sagt man, dass sie nicht in den Himmel wachsen. Unter ökologischen Bedingungen ist Wachstum eine nie aufhörende Auf- und Abwärtsbewegung.
Unter ökonomischen Prämissen ist das ganz anders. Wachsen heisst: Immer grösser werden. Wenn es einmal angefangen hat, darf es nicht mehr aufhören. Die Aussage, dass die Wirtschaft wachsen muss, ist Blendwerk, vor allem aber ein Ding der Unmöglichkeit, nur schon rein rechnerisch. In geschlossenen Systemen beziehungsweise in einer endlichen Welt gibt es keine beliebige Vermehrung, sondern, wie in der Natur, nur Wandel und Veränderung. Oder kybernetisch ausgedrückt: Kreisprozesse und Rückkoppelungsschleifen. Wenn die Wirtschaft oder konkret ein Unternehmen wächst, geht das auf das Konto von etwas Anderem, zum Beispiel der Konkurrenz, die Einbussen erleidet. In diesem Fall muss man von Verlagerung sprechen. Was an einem Ort hinzukommt, fehlt am anderen. Was die Reichen haben, mangelt den Armen. Sonst hätten alle gleichviel.
Die EU ist eine andere Probe aufs Exempel. Sie verwendet bei den Aufnahmeverhandlungen mit der Türkei nicht den Ausdruck Wachstum, sondern wohlweislich den von Erweiterung, aber damit ist die gleiche Ideologie gemeint. Je grösser die EU wird, desto unbeweglicher wird sie und desto mehr Aufwand muss sie betreiben, um die entstandenen Reibungen zu beheben.
Mit der so genannten Erweiterung will sie den Graben überspringen, der durch eben diese Entwicklung aufgerissen wird. Die Probleme werden nicht gelöst, wenn sie durch andere ersetzt werden. Mit dem Beitritt der Türkei entstehen neue Probleme, und es läge in der Logik der Sache, dass eines Tages die Frage auftaucht, wann zum Beispiel Libyen oder Usbekistan als EU-Kandidaten in Betracht kommen.
Doch aufgepasst. Die Dinosaurer starben aus, als sie zu gross und zu markt- und weltbeherrschend wurden. Und der Untergang Roms setzte im Augenblick seiner höchsten Blüte ein.
Nachdem die Dinosaurier ausgestorben waren, breitete sich in der Fauna eine unglaubliche Artenvielfalt aus. Auf Rom folgte das finstere und barbarische Zeitalter der Völkerwanderung.
Macht den Zaun nicht zu weit, riet der Schweizer Nationalheilige Niklaus von Flüe seinen Miteidgenossen. Ein Ratschlag, der in jeder Beziehung und jeder Lage beachtenswert ist.
Ein Spaziergang im Wald kann manchmal sehr anschaulich und lehrreich sein.
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Multikultur und Leitkultur
Die Migrationsbewegungen haben uns vor Probleme gestellt, die noch vor zwanzig Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Sie haben zu multikulturellen Verhältnissen geführt, die ihrerseits neue Probleme aufwerfen. Unter diesen Umständen sollte es geboten sein, sich auf die eigene Kultur zu berufen. Sie zwingen uns zu immer neuen Rücksichtnahmen und Anpassungen. Geht es so wie bisher weiter, werden sie sich noch verschärfen. Eine deutsche Islamwissenschafterin hat kürzlich in Basel gemeint, dass wir Zuwanderern mit Respekt begegnen sollen. Das ist die verkehrte Welt.
Die multikulturelle Gesellschaft ist das Ergebnis dieser Entwicklung. Der Begriff beschönigt und verdunkelt vieles. Betroffen sind in Form einer progressiven Einbusse der gewachsenen einheimischen Kultur die westlichen, vor allem europäischen Länder. Etwas Vergleichbares gibt es zum Beispiel weder im Iran noch in Saudi-Arabien oder in China.
Natürlich ist die zerstörerische Wirkung, die Kapitalismus und vom Westen gesteuerter Weltmarkt angerichtet haben, unübersehbar. Die Menschen in fernen Ländern sind dadurch mit Wertvorstellungen und Verhältnissen konfrontiert worden, die ihnen fremd sind. Ich denke dabei etwa an indigene Völker in den Regenwäldern, deren Lebensformen und Landrechte mit dem Raubbau der Ressourcen durch Tropenholz-Konzerne zerstört haben. Aber gegen den westlichen Einfluss macht sich Widerstand bemerkbar, zum Beispiel am Sozialgipfel in Porto Alegre. In einem Teil des Islam ist der dekadente Westen ein Feindbild. Zur Komplexität gehört es, dass sich bei uns gleiche Zustände herausbilden wie jene, die wir in anderen Teilen der Welt verursacht haben. Die sogenannte Dritte Welt breitet sich überall aus.
Die Folge ist, dass wir uns an zwei Fronten wehren müssen. Einmal gegen den spürbar wachsenden Druck, der durch die Zuwanderung entsteht, und die Tatsache, dass wir in umgekehrter Richtung selber zunehmend mit fremden Wertvorstellungen konfrontiert werden; das andere Mal gegen die Vereinheitlichung und Nivellierung unserer Kultur durch die hausgemachte Entwicklung und Dominanz von Kapital, Wirtschaft und Weltmarkt. Die Debilitäten der Vergnügungsindustrie zeigen, in welche Richtung wir gehen oder gedrängt werden.
Die eigene Kultur wegen der entstandenen Beschädigungen nun aber salopp zum alten Eisen zu werfen, ist keine besonders intelligente Reaktion. Besser wäre es, auf ihr zu beharren und sie zu rehabilitieren.
Vielleicht ergibt sich daraus dann etwas wie eine Leitkultur. Warum nicht. Sie hätte sogar den Vorteil, deren Infektion und Gefährdung bewusst zu machen und sich auf die erfolgten Errungenschaften zurückzubesinnen: Aufklärung, Laizität, Demokratie, individuelle Freiheit, Kritikfähigkeit. Das wäre unser Beitrag an die Welt.
Wenn es also doch eine multiple kulturelle Entwicklung gibt, müsste sie sich aus vielen distinkten (identifizierbaren) Kulturen zusammensetzen, die neben einander bestehen. Was wir brauchen, sind Eigenständigkeit, Differenz und Unterscheidung, kein Durcheinander. Das ist eine grosse Aufgabe.
Der Rest ist kultureller Austausch, wie es ihn seit jeher gegeben hat.
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