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KOLUMNE HANSJÖRG SCHNEIDER

© Foto OnlineReports

Hansjörg Schneider, 1938 geboren, zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schriftstellern der Schweiz. Schneider wuchs in Zofingen AG auf, promovierte bei Walter Muschg und lebt seit vielen Jahren in Basel. Er schieb Theaterstücke (u.a. "Sennetuntschi") und Romane. Seine letzten Bücher: "Tod einer Ärztin", ein Hunkeler-Krimi (Zürich 2001), "Im Café und auf der Strasse", Geschichten (Zürich 2002), "Das Wasserzeichen", Roman, Neuausgabe (Zürich 2003). Im Sommer 2003 wurden in Escholzmatt sein Stück "Bauernkrieg 1653" und in Muri AG "Der heilige Burkard und die bösen Weiber von Muri" aufgeführt. Schneider ist Träger des Basler Literaturpreises.

Brecht in der Schweiz



Es war in den frühen sechziger Jahren, als ich als Flab-Kanonier in einem militärischen Wiederholungskurs einen üblen Film über Bertolt Brecht vorgeführt bekam. Ein Machwerk einer militärischen Propaganda-Abteilung, das uns anhand der "Dreigroschenoper" weismachen sollte, dass Brecht ein drittrangiger Schreiberling war, der uns brave Schweizer Knaben mit nacktem Hurenfleisch und Gossenmusik zum teuflischen Kommunismus verführen wollte. So unglaublich dumm war dieser Film, dass er mich in meinem Entschluss bestärkte, mittels eines psychiatrischen Gutachtens aus der Schweizer Armee auszutreten.

Dieses Jahr wird auf der ganzen Welt des fünfzigsten Todestages von Bertolt Brecht gedacht. Niemand bestreitet mehr, dass er einer der grössten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts war. Die "Dreigroschenoper" wird sogar von dörflichen Amateurgruppen gespielt.

Brecht war Ende 1947, kurz bevor er von McCarthy-Agenten verhaftet worden wäre, von New York nach Zürich geflohen und bis Anfang 1949 in der Schweiz geblieben. Da die amerikanischen Geheimdienste vor dem staatenlosen, umstrittenen Autor und "feindlichen Ausländer" eindringlich gewarnt hatten, ordnete die Bundesanwaltschaft an, dass er von der Zürcher Fremdenpolizei observiert werden sollte. "Wir bitten Sie höflich um Anordnung von dringenden diskreten Erhebungen."

Zum Glück hatte Brecht gute Freunde. Emil Oprecht und Kurt Hirschfeld vom Zürcher Schauspielhaus, Lazar Wechsler von der Praesens-Film AG und den Basler Theaterverleger Kurt Reiss, der damals seine Stücke betreute. Der Kurt-Reiss-Verlag hat später auch Dürrenmatt verlegt (und übrigens auch mich). Ein kleiner, schöner Theaterverlag war dies, sekundiert vom späteren Gründer der Basler Komödie Egon Karter. Die Tantiemen, die sich bei Reiss angesammelt hatten, haben Brecht eine Zeitlang finanziell über Wasser gehalten.

Der ausgebürgerte, papierlose Brecht hat sich in Zürich, zusammen mit Ehefrau Helene Weigel und Freundin Ruth Berlau, sogleich an die Arbeit gemacht. Er wohnte zuerst in einem Atelier des aus Basel stammenden Dramaturgen Uz Oettinger an der Gartenstrasse. Uz Oettinger ist später übrigens Redaktor an den "Basler Nachrichten" geworden.

Es kam zu zwei Uraufführungen damals in der Schweiz. Am 15. Februar 1948 in Chur die "Antigone des Sophokles", mit Helene Weigel und Hans Gaugler, der später mit Filmen wie Kurt Frühs "Dällebach" bekannt wurde. Und am 5. Juni 1948 "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Zürcher Schauspielhaus mit Leonard Steckel, Gustav Knuth und Therese Giehse. Über letztere Premiere war in den "Neuen Zürcher Nachrichten" zu lesen: "Der Kommunist Bertold Brecht, verhätscheltes Schosskind aller Leiter und Dramaturgen schweizerischer Theater, die sich mit seinen Werken jenen Grad fortschrittlicher Schauspielkunst zu erspielen hoffen, die in den Zwanzigerjahren Bühnen in Parteibühnen vor einem versnobten Publikum verwandelten, soll dem unsicher taumelnden Spielplan dieses Zürcher Theaterwinters die Sehnsucht nach dem neuen Dichter verleihen."

Es war halt Kalter Krieg. Wie ein Freund von Brecht berichtet, hat er seinen Schweizer Stumpen trotzdem nicht ausgehen lassen.

Im Frühling 1949 ist Brecht nach Ostberlin weitergereist, um mit dem Berliner Ensemble Theatergeschichte zu schreiben.

Das alles hat der Theaterwissenschafter Werner Wüthrich, geboren 1947 in Bern, recherchiert und aufgeschrieben, ausgehend von Textfunden, die er bei Brechts Zürcher Freunden gemacht hat. Der Band heisst "Brechts Zürcher Schicksalsjahr". Er berichtet nicht nur von Brechts Zeit in Zürich, sondern über die geistige Situation jener Zeit. Damals hat man Kommunisten am liebsten ganz und gar mit Stumpf und Stiel aufgefressen. Wir indessen, die wir damals zehn Jahre alt waren, haben uns nicht abhalten lassen, unserer eigenen Neugier zu folgen. 15 Jahre später, als ich in Basel Germanistik studierte, habe ich das Textbuch von Brechts "Antigone"-Bearbeitung in die Hände bekommen. Ich habe den Text verschlungen, er hat mir die Augen geöffnet. Und ich verfüge, dass der damalige Churer Theaterdirektor, er hiess Hans Curjel, das goldene Edelweiss bekommt für besondere Verdienste um die Verteidigung der Schweizer Gedankenfreiheit. Den Autoren aber des schamlos blöden Brecht-Films, den ich als Flab-Kanonier damals anschauen musste, schlage man, frei nach der "Dreigroschenoper", die Betonschädel mit schweren Eisenhämmern ein.

Werner Wüthrich: "1948, Brechts Zürcher Schicksalsjahr". Chronos-Verlag, Zürich 2006. 192 Seiten, 29.80 Franken.

25. November 2006

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> ECHO

"Richard Nixon konnte Brechts Ruf nicht beeinträchtigen"

Gut, Herr Schneider, dass Sie dieses wichtige Buch von Werner Wüthrich würdigen. Ein Detail für die Nachgebohrenen sei hier nachgeliefert: Bert Brecht war in den USA von den McCarthisten bereits verhört, aber noch nicht verhaftet worden. Zugegen bei den Verhören war ein junger Anwalt mit einer markanten Nase und dem damals völlig belanglosen Namen Richard Nixon. Die Domino-Theorie, die den amerikanischen Indochina-Krieg bestimmte, war genau so falsch wie die hoffnungslose amerikanische Verstrickung im Irak-Krieg, den Kriegsherren von 1991 wie James Baker nun beenden wollen. Die Ebene der Tonkrüge, die damals von Nixons Kriegern zerbombt wurde, bereisen heute europäische und amerikanische Touristen. Das Ferienvergnügen wäre wesentlich angenehmer, wenn die Gefahr herumliegender Landminen nicht drohen würde. Insofern hatte der Anwalt und spätere Präsident Nixon eine bis heute tödliche Langzeitwirkung. Dem künstlerischen Ruf des wohl grössten Lyrikers des 20. Jahrhunderts und begnadeten Theatermanns Brecht konnte er nichts anhaben.

Peter Graf
Wabern


Von der Verführungskraft
des Rausches



René Schweizer ist wohl der bunteste Hund der Deutschschweizer Literaturszene. Das Einzige, was dieser literarische Selbstdarsteller wirklich zu hassen scheint, ist die Langeweile. Man kann das an seiner Biographie ablesen. 1943 in Basel geboren. 1962 Matur, dann kaufmännischer Angestellter. 1964 Schauspielschule. 1966/67 Studium an der Uni Basel. 1968 Bankbetrug, fünf Monate auf Reisen, dann ein Jahr Knast. Nach der Entlassung ab ins Tessin. 1971 Gründung der Organisation zur Veränderung der Welt und zur Verblüffung des Erdballs. 1973 Gauklertruppe Los Gorgonzolas mit Wini Sauter. 1976 erster Fernsehauftritt mit Karl Dall als Präsentator. Dann die ersten Veröffentlichungen, 1977 Ein Schweizerbuch, 1978 Ein Schweizerkäse. Damit wurde René Schweizer zum komischen Schweizer Vogel, der in verschiedene deutsche Fernsehsendungen eingeladen wurde. 1978 Reise nach Brasilien, 1979 das Gagaistische Manifest, usw. Mehrere Theaterrollen unter der Regie von Stefan Pucher und Christoph Marthaler. 2003 die erste Alkoholentwöhnungskur.

Diese Biographie ist sehr spannend zu lesen, auf zehn Seiten zusammengefasst vom Autor selber, abgedruckt in einem schmalen Bändchen mit dem Titel "Die Säuferin", das soeben im Verlag Nachtmaschine in Basel erschienen ist. "Die Säuferin" ist ein Theaterstück, das im letzten Jahr im "Neuen Theater am Bahnhof" in Dornach uraufgeführt wurde.

Theaterstücke haben es schwer auf dem Buchmarkt, ausser sie sind Pflichtlektüre in der Schule. Theaterstücke will man nicht lesen, sondern sehen. Trotzdem kann man "Die Säuferin" ohne weiteres zur Lektüre empfehlen. Es ist ein Frauenmonolog. Eine Frau, eine rund vierzigjährige Alkoholikerin, erzählt ihr Leben. Man kann diesen Text auch als Erzählung lesen. Gerade weil er als Theaterstück, als gesprochenes Wort, geschrieben wurde, wirkt er so lebendig.

Man lernt eine Frau kennen, die alte Sprachen studiert und als Übersetzerin gearbeitet hat, die sich immer mehr dem Wodka hingab und in der Psychiatrischen landet. Sie erzählt dies und das aus ihrem Leben, von Liebhabern, von der Sehnsucht nach Liebe. Vor allem aber berichtet sie von der Verführungskraft des Rausches. "Kein anständiger Mensch," sagt sie, "vermag die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Der Prozess des Erkennens macht einen fertig. Er endet im Wahnsinn, wenn er nicht gestoppt wird. Und der Alkohol ist die Lösung, er hält einen davon ab, durchzudrehen." Das sagt sie, nachdem sie wegen des Alkohols fast endgültig durchgedreht hat.

Der Text zeichnet sich aus durch das Fehlen von jeder Larmoyanz. Manchmal ist der sogar heiter und lustig. Stets ist der genau. "Einer meiner Mitpatienten," sagt die Frau, "will über mich schreiben. Er könne mich berühmt machen, sagt er. Ich könnte zur Ikone des Säufertums werden. Seither redet er nur noch von Cadillacs, Villen und Jachten. Wenigstens hat er eine Vision, denke ich manchmal, und beneide ihn. Er sagt, er wolle aus dem Morast eine Blüte wachsen lassen, wie sie die Welt noch nie gesehen habe." 

Typisch Mitpatient, denke ich, typisch René Schweizer. Aus Cadillac und Jacht ist, so viel ich weiss, nichts geworden. Aber René Schweizer hat einen sehr schönen, traurigen Text geschrieben.

"Die Säuferin," ein Monolog, von René Schweizer, Verlag Nachtmaschine, Basel 2006

30. August 2006

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Jakob Bührer, dreissig Jahre
nach seinem Tod



Am 22. November 1975 starb in Locarno der 93-jährige Schriftsteller Jakob Bührer. Er hatte sich 1936 hierher zurückgezogen, nach Verscio genau, in ein malerisches Haus am Berghang. Hier hat er sein Jahrhundertwerk geschrieben, die Roman-Trilogie "Im roten Feld". Der erste Band ist 1938 erschienen, der dritte 1951. 1973/74 wurde die Trilogie auch in Ost-Berlin veröffentlicht, mitten im Kalten Krieg also.

Schon 1932, nach dem Massaker von Genf, als vom Schweizer Militär streikende Arbeiter erschossen worden waren, war Bührer aus Protest der Sozialdemokratischen Partei beigetreten. Das hat man ihm enorm übel genommen. Er, der bis dahin erfolgreich veröffentlicht hatte (Romane, Theaterstücke, Aufsätze usw.), war in der bürgerlichen Presse ab sofort Persona non grata.

Der Bannstrahl trifft ihn noch heute. Verschiedene seiner Werke sind zwar vom Basler Z-Verlag neu herausgegeben worden. Doch zur Kenntnis genonommen wurden sie kaum. Er ist noch immer ein rotes Tuch.

"Ich schreibe nicht für die Ewigkeit, sondern für die Gegenwart," hat er einmal behauptet. Zum Teil stimmt das. Sein Zeitroman "Sturm über Stiflis" beispielsweise, 1934 erschienen, ist eine direkte Antwort auf das Genfer Massaker. Aber manchmal halten Werke, die für die Gegenwart geschieben wurden, länger als solche mit Ewigkeitsanspruch. "Sturm über Stiflis" ist jedenfalls noch heute wärmstens zu empfehlen, in einer Neuausgabe übrigens, die auch die hervorragenden Illustrationen von Bührers Freund Fritz Pauli enthält.

Jakob Bührer war ein überzeugter Antifaschist, ein aufrechter Schweizer Demokrat. Er hat geschrieben, um aufzukären und Einfluss zu nehmen. Er hat an die Entwicklung zum Guten geglaubt, er hat für das Gute im Menschen gekämpft, für die Vernunft, für die Hoffnung. Das mag heute als naiv erscheinen. Aber damals war die Hoffnung unentbehrlich für kämpfende Menschen wie Bührer. Sie ist es noch heute.

Dreissig Jahre nach seinem Tod wäre es an der Zeit, sein Werk wieder zu entdecken. Es gibt keinen anderen Deutschschweizer Autor aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunders, der so genau auf das Zeitgeschehen reagiert hat wie er. Zur Trilogie "Im roten Feld" gibt es nur ein einziges Werk von vergleichbarer Gestaltungskraft. Das ist der "Schweizerspiegel" von Meinrad Inglin.

Im Werk von Jakob Bührer kann man die sogenannt kleinen Leute studieren. Ihre Herkunft, ihre Mühsal, ihre Kraft , ihre Utopien. Man lernt starke Frauen kennen, die damals noch fast nichts zu sagen hatten. Und man lernt einen grossen Schweizer Autor kennen, der ein noch heute lebendiges Werk geschaffen hat.

22. November 2005



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Wie uns das freut!



Das Literaturhaus Basel ist eine perfekte Geldvernichtungsmaschine. Hier werden pro Jahr über eine halbe Million Franken in die Luft geblasen, ohne dass sonst irgendwas geschieht. Kein Treffpunkt der Basler Literatur, keine sich zusammenrottenden, randalierenden Autorinnen und Autoren, keine leidenschaftliche Diskussion, kein Streit, nichts. Nur eine milde Intendantin, süss lächelnd, nichts sagend, samt ihrer süssen Assistentin. Nicht einmal ein eigenes Haus hat dieses Literaturhaus. Zum Glück, muss man sagen, denn dies ist die beste Ausrede dafür, dass nichts geschieht.

Und alle sind zufrieden. Das kulturelle Basel ist froh, ohne jede Konsequenz so viel Geld in die Luft blasen zu dürfen. Die Intendantin ist glücklich, in der alten Stadt Basel spazieren gehen zu dürfen. Und die Autorinnen und Autoren sind eigentlich auch ganz zufrieden, dass sie weiterhin auf ihrer einsamen Fährte lustwandeln dürfen.

Immerhin, etwas finde ich wunderbar. Man kann jetzt nämlich nicht mehr sagen, Basel tue nichts für Literatur. Und das freut uns doch alle.

13. September 2005

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Ein Raucher auf der Tribüne



Ein Sommerabend bei Luzern am See. Ich sitze auf einer Tribüne und schaue dem ersten Durchlauf meines neuen Stückes "Wagners Tribschen" zu, das ich für diesen Ort geschrieben habe. Es ist wie immer bei ersten Durchläufen, nichts klappt richtig, die Spieler kommen zu spät oder zu früh. Ein Geknorze ist das, es knirscht in den Scharnieren. Immerhin sehe ich, dass das Stück einigermassen funktioniert. Ein sehr eigenartiges Stück, denke ich, aber was soll man denn über das eigenartige Genie Richard Wagner anderes schreiben als ein eigenartiges Stück?

Es fällt mir wieder einmal auf, welch sonderbaren Beruf ich habe. Warum zum Teufel bin ich denn überhaupt je auf die Idee gekommen, ein Theaterstück zu schreiben? Wie soll ein Mensch es überhaupt ertragen können, dass ein Stück aus seinem Kopftheater auf die Bühne gezerrt wird? Warum setze ich mich immer wieder dieser trostlosen Profanisierung aus?

Die Tribüne erscheint mir riesig. 600 Plätze, wer soll die füllen? Im Moment sitzen etwa zehn Leute da, jeder für sich. Sie schauen gebannt nach vorn.

Ich zünde mir eine Zigarette an. Seit ich mich erinnern kann, habe ich mir auf Proben Zigaretten angezündet. Auch in Stadttheatern, wo es eigentlich verboten war. Rauchen gehörte irgendwie dazu.

Jetzt höre ich, wie hinter mir jemand die Tribünenstufen herab kommt. Ich drehe mich um. Ein junger Mann steht vor mir, mit Rucksack und Kamera vor dem Bauch. "Hören Sie bitte auf zu rauchen", sagte er, "der Rauch wird direkt in meine Nase geweht".

Ich glotze ihn erstaunt an. Dann sage ich ruhig: "Leck mich am Arsch."

Ich sehe, wie eine kurze Wut in ihm aufsteigt. Aber dann wendet er sich ab und verlässt die Tribüne.

Habe ich jetzt einen Fehler gemacht, überlege ich. Dann schaue ich wieder nach vorn, auf das, was in meinem Stück geschieht. Und das gefällt mir eigentlich ganz gut.

Hansjörg Schneiders Stück "Wagners Tribschen" wird am Originalschauplatz am Vierwaldstättersee jeweils um 20.30 Uhr noch bis zum 20. August an folgenden Daten gespielt: 12., 13., 15., 17., 19. und 20. August.
Tickets sind erhältlich unter Telefon 041 311 15 25.

12. August 2005

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"Beleidigte Rauchwurst"

Ihr habt ja alle recht, aber die Klage einer beleidigten Rauchwurst mutet effektiv an wie die seinerzeitige "Arscheloch"-Kolumne mit umgekehrten Vorzeichen und ist definitiv unter Hansjörg Sch's Würde und Niveau. Den eigentlichen Zweck seiner Kolumne - den Hinweis auf die bevorstehende Premiere seines Stücks - hätte er auch mit gewählteren Mitteln als der zügellosen Nichtraucherbeschimpfung erreicht.  Übrigens: Hansjörg Schneiders Stück "Wagners Tribschen" wird am Originalschauplatz am Vierwaldstättersee jeweils um 20.30 Uhr noch bis zum 20. August noch an folgenden Daten gespielt: 15., 17., 19. und 20. August. Tickets sind erhältlich unter Telefon 041 311 15 25.

Roger Thiriet
Basel



"Eine Camel zu Ehren von Hansjörg Schneider"

Da hat mit Hansjörg Schneider doch endlich mal einer die einzig richtige Antwort gefunden. Für Menschen, die sich durch Rauch belästigt fühlen, den sie nach allen physikalischen Grundsätzen gar nicht wahrnehmen können, weil sie meterweit weg sitzen gibt es einen schönen Ausdruck in den USA: Health-Nazi. Die Intoleranz ist wirklich grenzenlos, wenn es ums Rauchen geht. Endlich eine Minderheit, die man nach Kräften diskriminieren darf! Schön, dass Politik und Wirtschaft sich so des Rauchens annehmen. Es gibt offensichtlig keine grösseren Probleme auf der Welt. Wenn wir alle aufhören würden, dem blauen Dunst zu frönen, würde die AHV endgültig unfinanzierbar und die Zahl der arbeitslosen Sozialarbeiter, Präventionsfachleute und sonstigen professionellen Gesundbeter wäre Legion. In diesem Sinne were ich jetzt eine Camel aus dem Päckchen nehmen und sie zu Hansjörg Schneiders Ehren genüsslich rauchen.

Nicolas Drechsler
Basel



"Verhältnisblödsinn der ewigen Nörgler"

Wenn auf einer offenen, im freien Gelände stehenden 600-plätzigen Tribüne während einer Probe 10 Personen sitzen und ganz vorne ein rauchender Dramatiker und auf der hintersten Reihe, etliche Meter entfernt, ein junger Mann, der sich durch den Duft (nicht Rauch!) offenbar so belästigt fühlt, dass er zwanghaft seine Reklamation anbringen musste, nennt man das Verhältnisblödsinn. Die Literatur-Kolumne von Hansjörg Schneider will den Verhältnisblödsinn, unter der die ewigen Nörgler leiden, aufzeigen, was ihm nun nochmals gelungen ist, wie die empörten Reaktionen beweisen.

Matthyas Jenny
Basel



"Das Rauchen soll kontrolliert erlaubt sein"

Mit kühlem Kopf kann ich mich nur wundern über die Hektik der Rauch-Diskussion. Ob und wie Menschen geniessen oder sich schädigen ist deren Sache. Wer jetzt argumentiert, die Kosten würden auch die Allgemeinheit belasten, liegt im Fall der Raucherkrankheiten falsch, leistet doch die Tabaksteuer einen Beitrag an die Altersversicherung. Damit will ich keinesfalls dem "Massen-Rauchen" das Wort sprechen. Ich schliesse aus dieser Grundhaltung Folgendes: Nicht das Rauchen ist das Problem, sondern das Passivrauchen. Ergo soll das Rauchen nicht verboten, sondern kontrolliert erlaubt werden. Es gab eine Zeit, wo "fumoirs" üblich und Ausdruck kultivierter Toleranz waren. Diese wünsche ich mir in kreativer Neuauflage zurück.

Beatrice Alder
Basel



"Intifada der künstlich empörten Sinnlichkeitsfeinde"

Bravo, Hansjörg Schneider, zu Ihrem Beitrag über die hierzulande galoppierende Intifada der künstlich empörten Sinnlichkeitsfeinde, der hysterischen allesbesserwissenden "Immer-Gerechten", der ausgetrockneten Phärisäer des politisch Korrekten, der Verbots-libidinösen Jünger der "Abgrenzung" und Verneinung. Diese Leute finden sich immer so mutig in der Disproportion ihrer überaffektierten Zivil-Courage, die sie nichts kostet. Eine Zigarette lässt sie zum Zweihänder mit irgendwelchen Sucht-Statistiken greifen. Dieser neue Zug in unserer Gesellschaft ist viel giftiger als eine Schachtel Parisienne carré ohne Filter. Viel Rauchgenuss bei Arbeitsproben wünscht Ihnen der Gerne-Nicht-Mehr-Raucher

Claude Bühler
Basel



"Einfach nur peinlich"

Lieber Herr Schneider, mit dieser Kolumne haben Sie bewiesen, dass Sie keinen Deut besser sind als das "junge Arscheloch", über das Sie sich am 18. Juli 2004 beklagt haben. Wenn solche Provokationen wenigstens noch mit Geist und Witz vorgetragen würden - aber leider ist Ihr Geschreibe einfach nur peinlich. Falls Sie für diesen lamentablen Erguss auch noch ein Honorar erhalten: Lassen Sies doch einer der Organisationen zukommen, die an der "Uns stinkts"-Kampagne 2005 beteiligt sind - dann nützt das Ganze wenigstens noch irgend jemandem.

Ruedi Haenni
Rheinfelden



"Schon im 'Sennetuntschi' wüste Ausdrücke"

Wenn einer schon so wüste Ausdrücke im "Sennetuntschi" gebraucht hat, wundert mich nichts mehr.

Heinz Mattmüller
Pratteln



"Hat die Nikotinsucht schon bleibende Schäden hinterlassen?"

Dass jemand einen schlechten Tag hat, ist ja noch verständlich. Dass man diesen Frust versucht, schriftlich zu bewältigen, ist auch noch nachvollziehbar. Das man das Ganze dann noch veröffentlicht und es erst noch als Literatur-Kolumne verkauft, ist eine Selbstüberschätzung des Autors und beleidigt Literatur und LeserInnen. Man könnte fast meinen, dass die zu Grunde liegende Nikotinsucht bleibende Schäden hinterlassen hat. Höchste Zeit also mit der Selbstgefährdung und der Gefährdung von Drittpersonen aufzuhören und sich mit der Sucht aktiv zu beschäftigen.

Markus Fritz
Basel



"Richtige Antwort"

Die richtige Antwort.

Robert Siegrist
Hölstein



"Was sagt mir dieses Geschreibsel?"

Was sagt mir dieses Geschreibsel? Werbung für das Rauchen oder Werbung für sein Stück? Oder will er uns sagen: "Ich, der schon so vielgeschrieben hat, ich bin ein Selbstgefälliger, ich bin ein unantastbarer Held! Ich... Merken Sie sich das!"

Abbas Schumacher
Basel



Diese Solidarität ist absolut


Hans Saner ist wohl der namhafteste Philosoph der Schweiz. Er hat bei Karl Jaspers in Basel studiert, ist sein persönlicher Assistent und, nach dem Tod des grossen Philosophen, sein Nachlasswalter geworden. Wie sein Lehrer mischt sich Saner immer wieder ins Tagesgeschehen ein und nimmt zu gesellschaftspolitischen Fragen Stellung, eine gewichtige Stimme im öffentlichen Diskurs.

Zu seinem 70. Geburtstag letzten Dezember hat der Basler Lenos Verlag einen Band Essays herausgegeben. "Erinnern und Vergessen" heisst er, Saners zwölftes Buch bei Lenos.

Die einzelnen Aufsätze sind verschiedener Art. Einige sind nur verstehbar für Leute, die philosophisch geschult sind. Andere sind allgemein verständlich, und von diesen soll hier die Rede sein.

Im Zentrum steht das philosophische Dreieck, das die Philosophie des 20. Jahrhunderts bestimmt hat: Martin Heidegger, Hannah Arendt, Karl Jaspers. Die Fakten sind längst bekannt: Die 18-jährige Jüdin Hannah Arendt verliebte sich in Marburg in den Dozenten Heidegger, der später in die Nazi-Partei eintrat. Arendt entkam in letzter Minute in die USA. Bereits 1926 war sie nach Heidelberg zu Jaspers gegangen und hatte bei ihm promoviert.

Erstaunlicherweise hat sie nicht nur ihrem Doktorvater Jaspers zeitlebens die Freundschaft bewahrt, sondern auch ihrem früheren Liebhaber Heidegger, obschon dieser keinen Finger für sie gerührt hatte, als sie in höchster Gefahr war.

Das erinnert an die Liebschaft zwischen der Lasker-Schüler und Gottfrid Benn. Auch Benn hat in der Stunde der Entscheidung den Braunen das Wort geredet, auch er hat nichts für seine jüdische Freundin getan, auch sie hat ihm noch im Heiligen Land die Freundschaft gehalten. Kaum nachvollziehbar ist dies heute, verstehbar wohl nur aus der damaligen Zeit heraus.

Solch kläglichem Versagen deutscher Geistesgrössen ihren jüdischen Liebhaberinnen gegenüber stellt Saner ein Beispiel wahrhafter Liebe zur Seite. Der Aufsatz heisst "Überleben mit einer Jüdin in Deutschland" und handelt vom Ehepaar Karl und Gertrud Jaspers, geborene Mayer. Er ist das Zentrum des Bandes, er hat eine ausstrahlende, tröstliche Kraft.

Karl Jaspers, 1883 geboren, wurde 1922 Ordinarius für Philosophie in Heidelberg. 1933, als die Nazis an die Macht kamen, hatte er zwar, wie er sagte, einen grossen Schrecken. Aber an den vollen Ernst der Lage mochte er, wie viele Leute aus dem Grossbürgertum, nicht glauben.

Noch im gleichen Jahr wurde er aus der Universitätsverwaltung ausgeschlossen und 1937 in den Ruhestand versetzt. 1938 sprach er zum letzten Mal in der Öffentlichkeit. Im selben Jahr konnte noch sein Bändchen "Existenzphilosophie" erscheinen. Danach durfte er nicht mehr publizieren.

Es begann der Kampf um das Leben seiner Frau, das auch sein Leben war. Die Gestapo gab ihm zu verstehen, dass seine Probleme lösbar wären, wenn er sich von seiner jüdischen Ehefrau trennen würde. Aber genau das konnte und wollte er nicht. Er schrieb in sein Tagebuch: "Gertrud kommt immer wieder auf den Gedanken: Sie allein wolle sterben, sie wolle nicht zugleich mich vernichten. (...) Aber ich kann es nicht dulden, dass sie stirbt ohne mich. Diese Solidarität ist absolut."

Nachts lag auf dem Nachttisch der beiden stets Zyankali bereit für den Fall, dass die Gestapo auftauchen würde. Zwei Mal wurde Frau Jaspers aus dem Haus gebracht und bei Freunden versteckt.

1941 erhielt der Philosoph aus Basel eine Einladung, während zweier Jahre an der Universität Gastvorlesungen zu halten. Aber das Staatssekretariat des Auswärtigen in Berlin lehnte ab mit der Begründung, "dass Sie im Falle einer Auslandreise von Ihrer Gattin begleitet würden. Hierzu muss ich freilich bemerken, dass dies nach Lage der Dinge undurchfühbar sein dürfte."

Im März 1945 erfuhr Jaspsers von Freunden, dass der Abtransport des Ehepaares für den 14. April vorgesehen war. Am 1. April wurde Heidelberg von den Amerikanern besetzt. 1948 übersiedelte Jaspers mit seiner Frau, einem Ruf der Universität folgend, nach Basel.

Ich habe während meiner Studienzeit das Vergnügen gehabt, Jaspers' Vorlesung und Seminar zu besuchen. Ich habe nicht alles verstanden, was er gelehrt hat. Aber ich habe begriffen, dass da ein alter, weiser Mann vor mir stand, der zeitlebens unbestechlich und wahrhaftig nachgedacht und sein Leben für seine Wahrheit eingesetzt hatte.

Jaspers ist 1969 in Basel gestorben. Hannah Arendt ist eigens hergereist, um ihm die Totenrede zu halten. Wenige Jahre später ist auch Gertrud Jaspers gestorben. Beide wurden auf dem Hörnli bestattet, im selben Grab.

Hans Saner, "Erinnern und Vergessen", Essays zur Geschichte des Denkens, Leons Verlag, Basel 2004

17. März 2005

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Du Arscheloch, Du Voll-Mongol


Basel, Burgfelderplatz, Quatorze Juillet. Die Kreuzung ist überstellt mit Elsässer Autos, sie stehen Schnauze an Heck. Zwei Trams klingeln, sie kommen nicht durch. Die Luft ist schwül und macht die Leute bös.

Ich stehe mit meinem Punto in der Colmarerstrasse und warte auf Grün. Dann überlege ich, ob ich anfahren soll. Es wäre sinnlos, ich käme nur drei Meter weit. Von links drückt sich ein Kieslaster Richtung Stadt. Der scheint nichts zu kennen, er rollt wie ein Panzer. Also warten, denke ich und schaue zu, wie die Ampel wieder auf Rot schaltet. Der Dreier drängt sich klingelnd Richtung Grenze. Die Ampeln spielen offenbar keine Rolle mehr, hier herrscht das Faustrecht.

Zum Glück komme ich soeben vom Schwarzwald herunter. Er hat mein Gross- und Kleinhirn so weit abgekühlt, dass ich es mir leisten kann, ruhig zu bleiben. Da höre ich, wie einer hinter mir aus dem offenen Seitenfenster herausschreit. Arschefigger, Wichser, Vollidiot! Der meint offenbar mich, und das geht mir zu weit. Ich entschliesse mich zu einer bedächtigen Geste, stelle den Motor ab und gehe nach hinten, um mit dem Mann ein vernünftiges Wort zu reden.

Er ist bereits ausgestiegen und steht kampfbereit neben seinem weissen VW Golf, ein junger Mann irgendwoher aus dem Mittelmeerraum, kräftig gebaut. Er hat eine Wut in den Augen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Was Du? schreit er. Ich sage entschlossen: Kennen Sie eigentlich keinen Anstand? Jetzt schiesst ihm der Jähzorn in die Augen, seine Arme zittern. Offensichtlich hat er allergrössste Mühe, mir nicht gleich die Faust ins Gesicht zu rammen. Ich sehe genau, wie er, obschon er sich kaum mehr beherrschen kann, die Lage abcheckt.

Zum Glück erkennt er, dass er nicht abhauen könnte, sein Golf steckt genau so fest wie mein Punto. Er setzt an zu einer Beschimpfungstirade von erstaunlicher Länge. Altes Arscheloch z. B., Mötherfigger, Voll-Mongol. Er schreit so laut, dass der ganze Platz, Fahrer und Fussgänger verwundert zuhören. Einen Augenblick denke ich daran, ihm mit der Faust auf die Leber zu hauen. Das würde ihm vielleicht die Luft nehmen und ihn umknicken, für einen Augenblick wenigstens. Aber wegfahren könnte auch ich nicht, vorne zwängt sich der Airline-Bus vorbei. Zudem bin ich ja tatsächlich ein altes Arscheloch. Das junge Arscheloch würde meinen Leberhaken mit Leichtigkeit abwehren. Dann würde es mich zerlegen und glatt auffressen vor Wut.

Ich ziehe mich zurück, setze mich wieder in mein Auto und warte auf Grün. Ich sehe, wie meine Hände zittern. Auch er zieht sich in seinen Golf zurück. Er tritt aufs Gas, schrammt haarscharf an meinem Punto vorbei und setzt sich mir vor die Nase. Wir schauen beide zu, wie sich ein weiterer Dreier vorbeischiebt. Dann hebt er die Hand und zeigt mir das A-Zeichen. Meinetwegen, denke ich, du hast ja recht. Aber auch du bist ein Arscheloch. Und ein Voll-Mongol bist du auch. Jetzt hat er offenbar eine Lücke erspäht. Er schiesst, fast aus dem Stand, mit quietschenden Reifen rechts um die Kurve und verschwindet. Ein starker Abgang war das.

Gut, denke ich, dass ich noch eine Prise der kühlen Schwarzwaldluft in der Nase habe. Gut für uns beide Voll-Mongolen. Mich hat die Kühle vor dem Spital gerettet, den jungen Mann vor dem Knast.

18. Juli 2004

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> ECHO

"Diese Geschichte hat mir gut getan"

Lieber Hansjörg Schneider, Ihre kurze, prägnante Alltags-Autofahrer-Geschichte hat mir gut getan! Dass auch andere manchmal Mühe haben, (fast) die nötige Gelassenheit an den Tag zu legen, beruhigt mich ungemein, dass wir immer öfter Opfer eines vielerorts fehlenden Anstandes werden, ist eine Tatsache, die uns zum Nachdenken bringen sollte – nicht  immer ist eine Prise Schwarzwaldluft und –ruhe vorhanden, um solchen Attacken  begegnen zu können … Wir sollten wohl eher anfangen, zusammenzustehen und solchen Menschen ( notabene mit Anstand und Ruhe) deutlich machen, dass wir ihr Verhalten hier bei uns in Basel nicht mehr tolerieren. Zivilcourage nennt man das, mein ich.

Christoph Zacher
Basel



Werner Schmidlis neuer Krimi


Basel ist seit jeher eine Stadt der Geisteswissenschaften und nicht des Romans. Es hat hier nie einen Gottfried Keller oder einen Gotthelf gegeben. Dafür gab es Jacob Burckhardt und Johann Jakob Bachofen.

Man könnte darüber spekulieren, warum das so ist. Fehlt Basel das Hinterland? Oder sind die Basler vielleicht zu geizig, um lange Geschichten zu erzählen? Eigentlich wäre die Stadt doch bestes Romanfutter, mit Elsass und Markgräflerland direkt vor der Haustür.

Ich will hier nicht weiter spekulieren. Sondern ich will von einer Basler Ausnahme berichten. Von Werner Schmidli, geboren am 30. September 1939, Romancier und Beschreiber der kleinen Basler Leute.

Er ist im Kleinbasel aufgewachsen, mitten im Arbeitermilieu. Er hat eine Lehre als Laborant gemacht. Mit 21 Jahren hat der sich auf eine Weltreise begeben. Vor Marseille aus mit den Schiff durch den Panamakanal und die Südsee nach Australien. Dort hat er anderthalb Jahre als Chemical assistant gearbeitet. Dann wieder mit dem Schiff zurück über Singapur durch den Sueskanal.

Zurück in der Schweiz hat er sich ans Schreiben gemacht. Es war die Zeit, in der der Begriff Arbeiterdichter in Mode kam. Schmidli hat diesem Begriff bestens entsprochen. Er hat seine Kleinbasler Herkunft beschrieben. 1966 erschien der Erzählband "Der Junge und die toten Fische", 1967 sein erster Roman "Meinetwegen soll es doch schneien", ein Klassiker der Schweizer Literatur. Damit hat sich Schmidli in die erste Reihe der Schweizer Autoren hinein geschrieben. 1969 kam sein Roman "Das Schattenhaus" heraus, der ins Ungarische übersetzt wurde. Seine Erzählung "Gustavs Untaten" erschien in einer Riesenauflage auf Russisch.

Er hat weitere Romane, Hörspiele, Einakter und Drehbücher verfasst. Er hat sich eingesetzt für die Arbeiterklasse, wie man damals sagte. Er war eine Zeitlang Mitglied der PdA. Er hat die Zeitschrift "Drehpunkt" mitbegründet.

1985 erschien "Der Mann am See", der zum Bestseller wurde. In der "Weltwoche" war darüber zu lesen: "Ein sehr stiller, sehr melancholischer und sehr spannender Krimi." Im gleichen Jahr erhielt Schmidli den Basler Literaturpreis.

Ein Melancholiker ist er bis heute geblieben, einer, der glaubt, das Leben verpasst zu haben, weil gerade das Verpassen des Lebens das Leben selber sei. Aus der PdA ist er längst ausgetreten, den Glauben an die revolutionäre Kraft der Arbeiterklasse hat er verloren. Am liebsten fährt er zum Spaziergang ins nahe Elsass hinaus. Oder er fliegt auf eine griechische Insel, die ihm zur zweiten Heimat geworden ist.

Für mich ist er einer der wichtigen Schweizer Autoren. Vor allem sein Frühwerk wird die Zeit überleben, in der es geschrieben wurde. Es berichtet von der kleinen Arbeiterwelt, die unaufhaltsam ins Kleinbürgerliche hinein kippt.

Dieses Jahr wird Schmidli 65 Jahre alt. Ein Grund also, ihn zu ehren. Pünktlich zum Jubiläum hat der Cosmos Verlag seinen neuen Krimi "Bergfest" herausgebracht. Ich will dazu nur sagen, dass ich das Buch sehr gern gelesen habe.

In "Facts" war darüber zu lesen: "Es gilt nicht, den Mörder zu entlarven, sondern zu beobachten, wie die ganze Chose eskaliert. Das ist einer der Pluspunkte in diesem Krimi. Weitere Gütezeichen sind die akribisch geschilderte Vita der Figuren und das atmosphärisch dicht gezeichnete Drama auf dem Furkapass."

Und was bietet die "Basler Zeitung"? Unter dem Titel "Flop der Woche" ist ein kurzer, widerlicher Verriss zu lesen. Kein Wort darüber, wer Werner Schmidli ist, kein Wort zu seinem Geburtstag, nur Häme und Hass. Nicht einmal den eigenen Namen setzt die Person, die das verfasst hat, darunter. Ein Heckenschütze also.

Ist das wirklich die Art des Feuilletons der "Basler Zeitung", mit Basels alternden Schriftstellern umzugehen? Merkt denn auf der Redaktion niemand, dasss das nicht nur unanständig und arrogant ist, sondern schlimmer: Es ist erbärmlich dumm.

21. Mai 2004

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"Parteijahre waren auch für andere Autoren fruchtbar"

Es ist gut, dass Hansjörg Schneider Werner Schmidlis Mitgliedschaft in der (kommunistischen) Partei der Arbeit erwähnt. Schmidli war jedoch nicht der einzige Schriftsteller mit rotem Parteibuch in jenen Jahren (als das grosse Amerika im kleinen Vietnam so fürchterlich wütete - Foltern eingeschlossen!). Erwähnt seien auch Christoph Geiser, Walther Kauer und Jürg Weibel. Für alle diese Autoren waren ihre Parteijahre eine wichtige und fruchtbare Zeit, auch in beruflicher Hinsicht. Ich erinnere mich an viele anregende Diskussionen. Rolf Hochhuth verzichtete einmal nach einer vom PdA-Bildungsauschuss organisierten Lesung spontan auf sein Honorar: "Weil es bei ihnen immer so interessant ist." Was Hansjörg Schneiders Kritik an der BaZ anbelangt, so ist diese leider sehr berechtigt. Mein Eindruck: Die neue Hierarchie des Blattes konzentriert ihre ganze Energie auf das neue Format - und riskiert darob, jedes Format zu verlieren.

Heinz Moll
Prag



"Der Randnotiz zur BaZ ist nichts beizufügen"

Der einfühlsamen, mehr als nur kollegialen und sehr differenzierten Würdigung von Werner Schmidlis neuem Werk und literarischen Wirken ist nichts hinzuzufügen. Chapeau! Und der Randnotiz zur "Basler Zeitung" auch nicht. Die Kunst-Kulturberichterstattung ist schlicht auf den Hund gekommen ... derweil die Chefetage die verständlicherweise aufgebrachten Akteure und Akteurinnen der regionalen Kulturlandschaft - ob Amateure oder Profi, ob gross oder klein - halb arrogant, halb ignorant zu marginalisieren versucht. Quel horreur!

Niggi Ullrich
Arlesheim



Mein dunkles Stück Erde

"Meine Heimat heisst Aargau," schreibt Ernst Halter in seinem neuen Buch. "Dies ist mein dunkles Stück Erde, das mich freundlich aufgenommen und getragen hat."

"Die Stimme des Atems" heisst der Band, der soeben bei Limmat erschienen ist und Kindheitserinnerungen aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg enthält. Er ist für mich das sprachmächtigste, interessanteste Buch Halters bis jetzt, ich will es wärmstens empfehlen.

Ernst Halter wurde 1938 geboren, ist in Zofingen aufgewachsen, hat Germanistik studiert und lebt heute in Aristau AG. Er hat Gedichte, Erzählungen und Romane veröffentlicht. Ein Stiller im Lande, von dem in den einschlägigen Feuilletons nie viel Aufhebens gemacht wurde, der aber in der literarischen Szene seit Jahren seinen festen Platz hat. Im Jahre 2000 hat er den aargauischen Literaturpreis erhalten.

Das Buch ist eine Collage aus verschiedenfarbigen, kurzen und längeren Erinnerungsstücken zusammengewoben. Eingestreut sind Ausschnitte aus dem "Zofinger Tagblatt", Lokales und Welthistorisches betreffend. Die Zeitspanne reicht von 1938 bis 1948.

Es gibt drei Gründe, weshalb ich dieses Buch gern gelesen habe. Erstens einmal wurde die Zeit des Zweiten Weltkriegs von der zeitgenössischen Schweizer Literatur bis jetzt sehr wenig beschrieben. Es erstaunt mich immer wieder, wie schlecht sich Schreiber meiner Generation ihrer Jugend zu erinnern scheinen. Wir alle sind barfuss über die Stoppelfelder gerannt, wir haben im Winter das Gschtältli getragen, wir sind mit Ohrfeigen erzogen worden (wir Buben jedenfalls, die Mädchen nicht), wir haben die erziehenden Männer als Terroristen erfahren und die Frauen als zwar liebe, aber machtlose Nonvaleurs. Wir erinnern uns an die heulende Sirene auf dem Dach, an die dröhnenden Bomber am Nachthimmel, an die Rationierungsmarken. Über dies alles ist sehr wenig zu lesen.

Fast ist es, als würden sich einige von uns dieser frühen Zeit schämen, als wären sie erst mit der später einsetzenden Jugendkultur und Jugendrevolution erwacht.

Ernst Halter hat ein genaues Protokoll jener Jahre geschrieben, am Beispiel seiner selbst, am Beispiel der aargauischen Kleinstadt Zofingen. Wer so alt ist wie er, wird vieles ähnlich erlebt haben. Wer jüngeren Jahrgangs ist, wird sich lesend ein genaues Bild machen können.

Dass Halter sein Werk als Wörterbuch bezeichnet, dass er die einzelnen Abschnitte mit Querverweisen untertitelt, halte ich für überflussig. Es ist, ohne Schnickschnack, ein umfassendes Erinnerungsbuch, ein grossartiger Kindheitsroman.

Zweitens staune ich über Halters Sprache. So souverän, so poetisch präzise, so lustvoll ausufernd habe ich ihn noch nie erlebt. Ein solches Protokoll könnte ja auch knochentrocken daherkommen, Information nach Information, und eine schlägt die andere tot. Bei Halter kommt stets das Erzählen zuerst, vom Geruch der Bäume, vom benachbarten Arzt, vom Graben einer Höhle im Sandstein. Die Information fliesst mit ein, unaufdringlich, wie nebenbei.

Die ersten hundert Seiten gehören sprachlich zum Besten, was die heutige Deutschschweizer Literatur zu bieten hat, Hier erweist sich Halter als ein virtuoser Wortspieler von Burgerscher Brillanz.

Drittens wurde ich auch 1938 geboren, bin auch in Zofingen aufgewachsen, habe auch Germanistik studiert und bin auch Schriftsteller geworden. Allerdings habe ich die erste zehn Jahre in der Altachen verbracht, Ernst Halter am Rebberg oben. Das ist ein wesentlicher, bestimmender Unterschied, worauf auch Halter in seinem witzigen "Sozialkataster der Wohnlagen" hinweist. Der Rebberg ist erste oder zweite Klasse, die Altachen nur vierte Klasse. Ich habe also nicht nur Remo, Walo, Urs und Dieter kennen gelernt, sondern auch die Saububen und Lausmädchen der Altiken. Und grossartig war der Bauernhof nebenan.

Ein alter Zofinger wird sich, auch wenn er sein Heimatstädtchen schon längst verlassen hat, an fast alles in diesem Buch lebhaft erinnern. An den prügelnden Näppu, an das Stadtoriginal Bäni-Miggi, an das doppelköpfige Kalb im Museum, auch an die Abzählverse. Da habe ich allerdings ein bisschen eine andere Erinnerung. Halter zitiert den Vers "Ääne dääne dio dee, dio dee di Salomee". Er weiss auch, dass in der ersten Zeile die keltischen Zahlen eins bis vier stecken. Nur haben wir das anders aufgesagt, nämlich: "Äane dääne disse, d Chatz het gschisse."

In Halters Beschreibung werden diese Erinnerungen exemplarisch. So oder ähnlich ist es wohl in jeder vergleichbaren Mittellandgemeinde zugegangen.

Etwas allerdings hat mich bass erstaunt, nämlich Halters Behauptung, er sei nicht abgerichtet worden. "Meine Freiheit ist nicht über Gebühr beschnitten worden", schreibt er, als ob Freiheit eine Gebühr hätte. Auch da erinnere ich mich anders. Wir alle sind abgerichtet, ja geradezu dressiert worden. Sie haben es jedenfalls versucht, und zwar mit brutalen Mitteln.

Einige der berührendsten Abschnitte beschreiben die Krankheit, unter der der Autor schon früh gelitten hat. Das Asthma hat in ans Bett gefesselt und zum Lesen gebracht. Es hat ihn in einer Hinsicht zum Sonderling gemacht. Bei sportlichen Ertüchtigungen konnte er nicht recht mittun, auch bei den Kadetten nicht. Ich glaube nicht, dass er darüber froh war, wie man das vielleicht heute, in Unkenntnis der damaligen Sachlage, meinen könnte. Bestimmt hat er darunter gelitten. Jedenfalls beschreibt er in einer sehr schönen Stelle das Zofinger Kinderfest samt Gefecht.

Über seinen Vater schreibt er: "Momente gab es, da ich mit der lautersten Liebe und Bewunderung zu ihm aufgeschaut, mir zu eigen gemacht habe, was er sagte. Er war der Seltene, Kostbare."

Solche Stellen sind offen wie ein intimes Tagebuch, sie erinnern an Paul Hallers Aufzeichnungen über seinen Vater. Selbstverständlich verbietet sich da jede Kritik. Aber nachdenken darüber darf man schon, dazu wurde es ja veröffentlicht.

Ich habe Ernst Halters Vater als Geschichts- und Französischlehrer gehabt. Ich kann über ihn nur sagen, dass er korrekt war, nicht mehr und nicht weniger. Von seinem Humor, wie Ernst behauptet, habe ich nicht viel bemerkt.

Zum Schluss will ich noch eine Lichtgestalt erwähnen, die uns beiden die Jugend erleuchtet und versüsst hat. Es ist Dr. Julius Rütsch, genannt Jules. Deutschlehrer und behutsamer Querschläger, verspottet und geplagt von den einen, bewundert und geliebt von uns beiden. Über ihn gestatte ich mir auch hier eine kurze Erinnerung. Er war der einzige Lehrer, dem ich 1966 mein erstes hektographiertes Büchlein geschickt habe. Er hat sich freundlich bedankt und geschrieben, er sei sehr erstaunt, von mir habe er so etwas zu allerletzt erwartet. Das hat mich ungemein gefreut.

Über Dr. Julius Rütsch schreibt Ernst Halter: "Jules ist für die Buben und Mädchen, die er an der Bezirksschule unterrichtet, ein Glücksfall. In der Stadt gilt er als Lehrer, der über die Köpfe der Jugend hinwegdoziert. Dass er allein durch sein Wesen, die natürliche Art - freigebig mit seinem Wissen und doch nie ganz fassbar - ... tiefere Spuren hinterlässt als ein Bataillon herumbrüllender und Arreststunden verteilender Pauker des Brauchbaren, wird als unnötige Komplizierung empfunden."

11. Dezember 2003

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Guido Bachmann: Mittelalterliche Kraft und Wildheit

Ich bin Guido Bachmann zum ersten Mal im Sommer 1967 begegnet. Ich lebte damals in einem verwilderten Bauernhaus im Berner Jura. Ich hatte soeben ein seltsames Buch mit dem Titel "Gilgamesch" gelesen. Da kam ein gestelzter Vogel zu Besuch, wie aus einer anderen Welt. Ein Glatzkopf in gepflegtem Zweireiher, silberne Krawattennadel, violette Gamaschen über den rahmengenähten Schuhen. Es war Guido Bachmann, der Autor von "Gilgamesch". Er beschloss, einige Zeit bei mir zu bleiben und an seinem Roman "Die Parabel" zu schreiben. Das ging so vor sich. Guido sass oben in seinem Zimmer und liess pausenlos die Schreibmaschine klappern. Abends um acht kam er herunter, wir assen etwas, dann trank er Schnaps, den er bestens zu vertragen schien. Um Mitternacht ging ich schlafen. Morgens um sechs erwachte ich, wegen eines seltsamen Geräusches. Ich erhob mich und schaute zum Fenster hinaus. In der Wiese unten grasten die Schafe. In der alten Badewanne, die als Tränke diente, sass Guido, prustend und spritzend. Eine Viertelstunde später klapperte aufs neue die Schreibmaschine.

Guido Bachmann wohnte damals in einer Luxuswohnung an der Berner Junkerngasse. Er hatte eine Stelle als Sekretär eines Bundeshilfswerks angetreten. Er hatte sich eine Bibliothek mit massgeschreinerten Büchergestellen und einen eingelegten Konzertflügel angeschafft, alles auf Abzahlung. Es wäre gut gegangen, wenn er seine Stelle hätte behalten können. Aber dann hat er am Gymnasium Burgdorf aus seinem Schwulenroman "Gilgamesch" vorgelesen. Es kam zum Skandal, und der wurde entlassen.

Von dieser Beleidigung hat er sich zeitlebens nie erholt. Er hat sich zwar noch eine Zeitlang in seiner Wohnung halten können, mit Betteln und allerlei Tricks. Aber er hat sich seither selber als Paria verstanden. Anfang der siebziger Jahre hat er von einem Freund Geld bekommen, um seine Schulden zu bezahlen und sich auszulösen. Er ist für einige Zeit nach Madeira gegangen und dann nach Basel gekommen. Bachmann hat für den Theaterverlag Reiss AG gegen Vorschuss zwei Stücke geschrieben, von denen keines aufgeführt wurde. Er hat eine billige Absteige gemietet und konsequent an seinem Lebenswerk gearbeitet, einer Romantrilogie mit dem Obertitel "Zeit und Ewigkeit". Dieses Werk hat er schon früh im Kopf gehabt, er hat ihm sein Leben gewidmet. Eine unerhörte Anstrengung war das, eine verblüffende Konstanz und Konsequenz in diesem sonst so chaotischen Leben. Zwischendurch hat er als Schauspieler für Theater und Film etwas Geld verdient, in Wien bei Hans Gratzer, in Basel bei Düggelin und Neuenfels.

Er hat Krawattennadel und Gamaschen abgelegt und sich Jeans angezogen. Er, der durch und durch vom altbernischen Standesdenken bestimmt war, hat sich in die linksalternative Szene begeben und wurde dort als Gleichgesinnter aufgenommen. Anlässlich der Chemiekatastrophe von Schweizerhalle hat er eine Brandrede gegen die Pharmaindustrie gehalten, von der er später gesponsert wurde.

Er hat sich eine Biographie erfunden, von der fast nichts gestimmt hat. Er hatte einiges von einem Hochstapler wie der Kleinbürger Felix Krull, nur hatte er nicht den gleichen Erfolg.

Er hat sich immer mehr dem Whisky ergeben, so dass er manchmal auch für seine besten Freunde kaum mehr zu ertragen war. Zwischendurch hat er sich in ein Kloster zurück gezogen, um sich zu erholen. Er ist in Basels einschlägiger Szene zur stadtbekannten Figur geworden. Eine Gestalt von mittelalterlicher Kraft und Wildheit, unangepasst und arrogant, geliebt von den einen, gemieden von den andern. Geblieben ist seine Verletzung, die Wunde der Beleidigung. Geblieben ist auch, in nüchternen Zeiten, seine behutsame Freundschaft.

Vor wenigen Jahren ist er aus Basel ausgewandert nach St. Gallen, wo er eine alte, vormals herrschaftliche Wohnung des Klosters gemietet hat. Dort hat er das Ende seines Lebens abgewartet, vereinsamt und desillusioniert. Immerhin ist es ihm gelungen, seine Kraft noch einmal zusammen zu nehmen und ein grossartiges Buch zu schreiben. Es heisst "Sommerweide", ist vor einem Jahr bei Lenos erschienen und hat begeisterte Kritiken in der Neuen Zürcher Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen bekommen. Dann hatte er sich offenbar aufgegeben. Einige Freunde wollten ihm zwar noch einmal helfen. Er hat aber nicht mehr die Kraft gehabt, richtig zu wollen.

Er hinterlässt ein Werk, das zum Eigenwilligsten gehört, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Im Zentrum steht das ausufernde Epos "Zeit und Ewigkeit", durch und durch unzeitgemäss, sperrig wie ein erratischer Block in der weichgespülten Literaturlandschaft liegend. Dass es ihm gelungen ist, dieses Werk zu realisieren, hat meine Bewunderung, ich gratuliere herzlich. Es ist ebenfalls im Basler Lenos Verlag erschienen, gesponsert von einer Basler Mäzenin. Ich denke, es wird seinen Autor überleben.

31. Oktober 2003

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"Ungeschminkt ehrlich und liebevoll"

Lieber Hansjörg Schneider, herzlichen Dank für den ungeschminkt ehrlichen und liebevollen Nachruf, den Du Guido Bachmann gewidmet hast.

Nic Kaufmann
Basel



Das Beste, was über Schweizer Literatur zu lesen ist

Hugo Loetscher, geboren 1929, wohnhaft in Zürich, ist ein Schriftsteller, wie es ihn in der Schweiz selten gibt. Ein veritabler Homme de lettres, enorm belesen, neugierig, eigenständig und eigensinnig. Ein leidenschaftlicher Reisender durch fremde Länder und fremde Literaturen. Neben seinem erzählenden Werk hat er stets, als Redaktor und als Kritiker, ein Genre gepflegt, das in Helvetien selten zu finden ist, das Essay. Er hat sich zeitlebens nie zu einer literarischen Gruppe gezählt, hat keine Mode mitgemacht. Er war immer autonom, ähnlich wie Dürrenmatt, mit dem er eng befreundet war.

Nun hat der Diogenes Verlag eine Sammlung seiner Aufsätze zur literarischen Schweiz herausgegeben. Sie heisst "Lesen satt klettern" und umfasst Veröffentlichtes und Unveröffentlichtes, Neues und Älteres. Es ist das Beste, was zur Zeit über Schweizer Literatur zu lesen ist, blitzgescheit, witzig und manchmal sogar frech.

Das Buch beginnt mit einem Text über "Die urbanen Platters". Gemeint sind Thomas und sein Sohn Felix Platter, nach dem das Felix Platter Spital benannt ist.

Thomas Platter (1499 - 1582), aufgewachsen als Geissbub im Wallis, ist als fahrender Schüler in Europa herumgewandert, hat sich dann in Basel nieder gelassen und wurde Rektor der Münsterschule auf Burg. Er war einer der wichtigsten helvetischen Humanisten, die damals die Schweiz verändert haben.

Mit siebzig hat er seine "Lebenserinnerungen" verfasst, eines der besten Bücher der Schweiz. 1999 ist es im Basler GS-Verlag neu erschienen.

Thomas Platter als Beginn, das setzte ein Programm. Platter hat nie über die Enge seiner Heimat geklagt, er ist ausgewandert. Später ist er zurückgekommen, aber nicht in sein enges Tal, sondern nach Basel, was damals eine der europäischen Hauptstädte war.

Das ist eine These von Hugo Loetscher: Die Schweizer Literatur ist eine europäische Literatur. Den Sonderfall gibt es nicht.

Loetscher verfügt über die Jahrhunderte wie ein alter Humanist. Er schreibt ein Interview (fiktiv natürlich) mit Albrecht von Haller, der Professor in Göttingen war und zum ersten Mal die Alpen beschrieben hat. Er schreibt über den Aargauer Philosophen Johann Georg Zimmermann, der königlicher Leibarzt in Hannover war. Über den Reisenden Blaise Candrars (der übrigens im Basler Lenos Verlag eine neue Heimat gefunden hat), den Rückkehrer Adrien Turel, den genialsten Querdenker Konrad Farner, den Kellerbewohner Ludwig Hohl.

Es sind vor allem die selbständigen Denker, die Aussenseiter, denen Loetschers Neugier gilt. So gelingt es ihm, einen neuen, ungemein erfrischenden Weg durch die verhockte Schweizer Literatur zu schlagen.

Er schreibt auch, was mich erstaunt, über Friedrich Glauser, der sich ja mit Bedacht auf die kleinen Leute zurückgezogen hat. Ein glänzendes Essay auch dies. Über Frisch, den er nicht sehr verehrt. Über Dürrenmatt, den er über alles verehrt.

Den Abschluss bildet ein längerer Text über die gegenwärtige Schweizer Literatur. Da läuft Loetscher noch einmal zur Hochform auf, zeigt Witz und Häme, verletzt aber nie. Unerhört lebendig das Ganze, mit enormer Übersicht, ein Buch zur kurzweiligen Lektüre.

27. Oktober 2003

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"Diese Besprechung hat mich sehr neugierig gemacht"

Ein wundervoll engagierter, Partei ergreifender Text - danke, Hansjörg Schneider! Der Stil hebt sich wunderbar ab von den leider verbreiteten, mir allzusehr vertrauten (und mich verdriessenden) distanziert-überheblichen Feuilleton-Tönen. Die sind oft so "fernab", dass es mich nicht wundert, wenn ich im Tram ständig beobachte, dass diese Seiten einfach umgeblättert werden. Diese Buch-Besprechung hat mich sehr, sehr neugierig gemacht: Das Loetscher-Buch werde ich mir so rasch wie möglich kaufen.

Gisela Traub
Basel



Zum Bauernkrieg: Das Ende des Redeverbots

Am diesjährigen Palmsonntag fand auf Heilig Kreuz im Entlebuch eine Gedenkfeier statt. Hier, an diesem heiligen Ort, haben die Entlebucher Bauern am 10. Februar 1653 eine Landsgemeinde gemacht, an der sie einen neuen Bauernbund beschworen. Von hier aus breitete sich der Geist des Aufruhrs gegen die gnädigen Herren in die anderen Untertanengebiete aus. Heilig Kreuz, dies ist das Rütli des Bauernkrieges von 1653.

An jener Feier sprach auch Bundesrat Samuel Schmid. Er redete so, wie man es von einem Bundesrat erwartet, abwiegelnd und versöhnlich. Er verschwieg zwar die schreckliche Rache der gnädigen Herren nicht. Aber der Bauernkrieg, so sagte er, habe doch eine nachhaltige Wirkung gehabt. Und diese Wirkung sei, auch für die Bauern, langfristig durchaus positiv gewesen.

Man kann in den Büchern von Mühlestein und Suter nachlesen, wie nachhaltig die Wirkung des Bauernkriegs tatsächlich war. 45 Bauernführer wurden hingerichtet, ihre Leichen liess man am Galgen verfaulen. Hunderte wurden mit Geldstrafen belegt, verbannt, auf die Galeeren verkauft. Die Bauern mussten für die herrschaftlichen Kriegskosten aufkommen. Sie mussten ihre Waffen abliefern, ihre Fahnen und die schriftlichen Dokumente. Fortan war es verboten, über den Bauernkrieg auch nur zu reden. Auch das aufmüpfige Tellenlied wurde verboten, jede freie Versammlung war untersagt. Der Bauernbund durfte nicht erwähnt werden, auch nicht das Wort "Bundesgenosse". Mit dieser Sprachregelung versuchten die gnädigen Herren, den Bauernkrieg aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen und das, was geschehen war, ungeschehen zu machen.

Das ist ihnen auch beinahe gelungen. Noch heute weiss fast niemand, was 1653 wirklich geschehen ist. Man kennt vielleicht die Namen Schybi und Leuenberger. Aber niemand kennt den Bundesbrief vom Sumiswald. Auch der wurde damals verboten, eingezogen und vernichtet.

Die Wirkung der Rache der gnädigen Herren ist tatsächlich bis heute nachhaltig. Und diese Wirkung wirkt sich durchaus negativ aus.

Tatsache ist doch wohl, dass Bauernkultur und Bauernstolz, woraus 1291 der Sage nach die Eidgenossenschaft entstanden ist, 1653 zusammengeschlagen und unterdrückt worden sind. Tatsache ist, dass die Eidgenossenschaft nach 1653 während fast 150 Jahren nicht mehr in der Lage war, sich selber zu erneuern. Tatsache ist, dass erst der Einmarsch der französischen Heere von 1798 die dringend notwendige Erneuerung eingeleitet hat. Tatsache ist, dass sich gegen diesen Einmarsch ausser einigen Landsgemeindekantonen, die wirklich etwas zu verteidigen hatten, fast niemand gewehrt hat. Tatsache ist im weiteren, dass die offizielle schweizerische Geschichtsschreibung den Bauernkrieg lange vernachlässigt hat. Das obrigkeitliche Redeverbot von 1653 hat also bis in die neuere Zeit hinein gewirkt. Erst der Marxist Hans Mühlestein hat sich das Thema vorgenommen. Er hat sein hervorragendes Werk "Der grosse schweizerische Bauernkrieg" 1942 im Selbstverlag heraus gegeben, gedruckt in einer linken Kleinbasler Druckerei. Der Zürcher Unionsverlag hat es 1977 neu verlegt, unterstützt durch einen Beitrag der Stadt Zürich. 1997 ist eine weitere grundlegende Arbeit von Prof. Andreas Suter erschienen.

Das Redeverbot gilt also nicht mehr. Und die Neugier ist erwacht.

Ich habe mit dem Regisseur Louis Naef schon mehrmals Landschaftstheater gemacht. Landschaftstheater heisst: An einem Ort für den Ort die Geschichte des Ortes erzählen. Wir haben immer Erfolg gehabt, wir waren aus finanziellen Gründen zum Erfolg gezwungen.

Diesen Sommer haben wir in Escholzmatt/Entlebuch eine Aufführung über den Bauernkrieg gemacht. Der Erfolg war so enorm, dass er zu denken gibt. Ich rede nicht von der künstlerischen Qualität, das steht mir nicht zu. Ich rede vom öffentlichen Interesse.

Die Vorberichterstattung war ernorm. Eine Seite in der NZZ, eine Seite in der "Basler Zeitung", zwei Seiten in "Facts", mehrere Seiten in der "Coop-Zeitung" und in der "Schweizer Familie", u.s.w. Das hat dazu geführt, dass die Aufführungen schon lange vor der Premiere praktisch ausverkauft waren. Und dies, obschon Escholzmatt kein bekannter Spielort, wie zum Beispiel Ballenberg, ist.

Das heisst, dass die Leute auf den Redaktionen, die die Vorberichterstattung gemacht haben, der Meinung waren, der Bauernkrieg sei ein aktuelles Thema.

Das heisst im weiteren, dass Theater, und sei es auf einem Berg oben im Napfgebiet, noch immer ein Ort sein kann, an dem vor grosser Öffentlichkeit ein Stück eigener Geschichte abgehandelt wird. Eine Art moralische Anstalt also.

19. September 2003

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"Gegensätze sind noch nicht selbstverständlich überbrückbar"

Vielen Dank, dass OnlineReports dieses spannende Thema aufgreift - mit einem profilierten Autoren, nota bene. Seit ich mich regelmässiger in Bern aufhalte und intensiver meinen eigenen Vorfahren aus dem Emmental nachgehe, bin ich ebenfalls auf dieses vernachlässigte und doch wesentliche Thema unseres Landes gestossen. Der Zusammenhang mit 1798 ist evident. Auch wenn die Geschichte in Basel anders verlaufen ist als im Bernbiet. So "fehlt" hier 1833 die Kantonstrennung. Vergessen wir insbesondere nicht, dass der Bauernstand nicht lange vor den Bauernkriegen auch in unserem Land den Status von Unfreien hatte.

Vielleicht wären einige Hinweise auf die nicht unerhebliche Literatur zum Thema hilfreich, die in diesem Gedenkjahr erschienen ist. Mein Überblick ist nur sehr bruchstückhaft, greift jedoch die zwei erwähnten Geschichtsthemen auf:
• Urs Hostettler, Der Rebell vom Eggiwil. Aufstand der Emmentaler 1653. Erschienen im Zytglogge Verlag; sowie
• Theo Tschuy, Der Tag, an dem Bern fiel. Augenzeugenberichte und Hintergründe. Erschienen im NZZ Verlag.

Geschichte ist interessant und lehrreich. Was mich jedoch am meisten beeindruckt, ist die Aktualität vieler Themen. Stadt und Land raufen sich noch immer zusammen, Gegensätze sind noch immer nicht selbstverständlich überbrückbar und Gemeinsamkeiten sind immer wieder neu zu erschaffen. Es gibt inzwischen sehr differenzierte Stellungnahmen dazu, zum Beispiel von Bauernorganisationen, die zu lesen es sich auch für StädterInnen lohnt.

Andrea Frost-Hirschi
Basel




Ein Aargauer in Basel

Als ich zum ersten Mal von Zofingen, wo ich meine Jugend verbracht habe, nach Basel fuhr, war ich ungefähr sechs. Meine Eltern wollten damals wohl ausnahmsweise auf den Putz hauen, mit den Kindern in eine Grossstadt fahren und den Zoo besuchen. Vom Zolli weiss ich nichts mehr. Hingegen weiss ich noch genau, wie wir durch mehrere Gassen mit unglaublich hohen Häusern wanderten auf der Suche nach einem geeigneten Imbiss. Ein Stück Käse und Brot, so hat sich das mein Vater wohl vorgestellt. Dafür schien ihm die "Walliser Kanne" der geeignete Ort zu sein. Als keine handfeste Serviertochter auftauchte, sondern ein fein gewandeter Kellner, hätte er eigentlich gewarnt sein und die Flucht ergreifen müssen. Aber man sagt ja den Aargauern nach, sie seien stur. So begann mein Vater langwierige Verhandlungen mit dem Herrn Ober, die damit endeten, dass zum Probeverzehr ein sündhaft teurer Hors d‘oeuvre-Teller aufgefahren wurde, bei dem es dann auch blieb, für die ganze Familie, versteht sich. Ich weiss das noch so genau, weil sich meine Mutter fast in den Boden hinein geschämt hat.

Das zweite Mal fuhr ich mit sechzehn nach Basel, per Autostop. Ich wollte das Meer sehen und fand im Rheinhafen ein Schiff, dass mich nach Rotterdam brachte.

Das dritte Mal fuhr ich mit zwanzig nach Basel, um an der Uni zu studieren. Seither bin ich hier mehr oder weniger kleben geblieben.

Ich bin immer ein Fremder gewesen in dieser eigentümlich urbanen Stadt. Das hat schon an der Uni angefangen. Wir waren ein halbes Dutzend Aargauer und Solothurner, die im Uni-Café eine eigene Gruppe bildeten. Es hat sich nie ein Basler zu uns gesetzt.

Wenn es eine Aargauer Kultur gibt, so ist es eine bäurische Kultur. Wenn es eine Basler Kultur gibt, ist es eine städtische Kultur. Der Basler hat keine Ahnung, was ein Bauer ist. Er fühlt sich ihm erst einmal überlegen. Gleichzeitig stellt er sich vor, dass der Bauer urtümlicher ist als er selber. Also beneidet er ihn um diese Urtümlichkeit.

Ein Aargauer ist sentimental. Er sagt laut heraus, was er denkt. Er nimmt an, dass alles schlimm enden wird. Und darüber weint er in aller Öffentlichkeit.

Ein Basler gibt nichts preis von sich selber. Er geizt mit Gefühlen. Er flüchtet in Ironie, in einen witzigen Spruch.

Ein Aargauer Bauer, wie ich einer bin, erschreckt Basler und Baslerinnen. Er weiss nicht, wie man sich benimmt, er stösst vor den Kopf.

Fast keiner meiner Freunde redet Baseldeutsch. Fast alle sind Zugelaufene wie ich.

Seit vor rund 170 Jahren das Baselbiet abgetrennt wurde, schmort die alte Reichsstadt im eigenen Saft, der langsam auszutrocknen droht. Sie hätte dringend Zuzug nötig, Sukkurs aus dem Umland. Aber für Basel ist alles jenseits der Stadtmauer Ausland, Aargau und Solothurn, Elsass und Markgräflerland. Das ist indessen der grosse Vorteil, den Basel einem hergelaufenen Aargauer bietet. Er wird nicht belächelt wie zum Beispiel in Zürich, er wird bestaunt. Die Basler staunen tatsächlich noch heute darüber, dass es Leute gibt, die nicht Baseldeutsch reden. Daraus entsteht erstaunlicherweise eine ganz und gar unschweizerische Toleranz dem Fremden gegenüber. Es ist eine Toleranz aus der eigenen Eigenart, der eigenen Stärke heraus.

Im Grunde ist Basel immer noch eine alte Reichsstadt, die zwar zur Eidgenossenschaft gehört, die aber einen anderen Weg geht. Ein unsicherer Kanton ennet dem Jura.

Ich wohne gern hier. Für mich ist es fast ein Stück Ausland. Ich werde hier in Ruhe gelassen. Wenn ich in einer Zürcher oder Berner Beiz das Heft aus der Tasche nehme und hinein schreibe, drehen die Leute die Köpfe. In Basel schaut niemand her, es ist wie in einem Pariser Bistrot.

Wenn ich aber Abends in der Eckkneipe vorn beim Bier sitze und eine Aargauer Stimme höre, wird mir warm ums Herz. Ich kann dann gleich sagen, ob die Stimme aus Lenzburg, Aarau oder Oftringen kommt. Ich gehe hin zu dieser Stimme, ich sage etwas und werde herzlich begrüsst. Und dann klönen wir wie richtige Aargauer.

18. Oktober 2002


Sokrates und de Sade in Helvetien

Der Historiker Pirmin Meier, 1947 geboren, aus Würenlingen kommend und in Beromünster unterrichtend, ist der eigenständigste, eigenwilligste Schweizer Geschichtsschreiber seiner Generation. Er hat die Gabe, sich mit einer Verbissenheit, die fast archaisch anmutet, auf die Fährte einer historischen Figur zu setzen und deren Umfeld auszuleuchten, so dass nicht nur die historische Figur, sondern deren ganze Epoche aufscheint. Und er ist ein hervorragender Schreiber. Seine Bücher, die sich regelmässig zu gewichtigen Wälzern auswachsen, sind spannend wie Kriminalromane.

In seinen beiden ersten Werken hat er sich Paracelsus und Klaus von Flüe vorgenommen, bekannter Gestalten also, die im Zentrum ihrer Zeit standen. Für den dritten Band hat er sich, wie es scheint, erst einmal an die epochale Figur des Albrecht von Haller heran gemacht, ist aber dann auf nahezu unbekannte Abwege geraten, die ihn zum Erfinder und Revolutionär Micheli du Crest geführt haben. Über Crest, der von den Bernern jahrelang in der Festung Aarburg eingesperrt worden war, hat er seinen dritten Wälzer geschrieben. Auch dieser ist bestes Lesefutter.

Soeben ist bei Pendo sein viertes Werk mit dem Titel "Mord, Philosophie und die Liebe der Männer" erschienen. Darin begibt sich Meier nun ganz in die Provinz. Langenthal in der Zeit der Restauration, Aarau und Glarus sind die Hauptschauplätze. In Langenthal lebt der Advokat Franz Desgouttes, Glücksspieler, Alkoholiker, exzessiver Mannliebender. Den Begriff homosexuell gab es damals noch nicht. Er liebt den jungen Daniel Hemmeler aus Aarau, der bei ihm als Schreibgehilfe arbeitet. Die Liebe wächst sich zur Raserei im Kleistschen Sinne aus. Desgouttes ersticht den Geliebten und wird im Jahre 1817 in Aarwangen erdrosselt und aufs Rad geflochten.

In Glarus wächst Ende des 18. Jahrhunderts der fast gleichaltrige Heinrich Hössli auf. Er wird Putzmacher für die schönen Glarnerinnen. Von Berufung ist er liberaler Freigeist und Büchernarr. Er schreibt in jahrzehntelanger Kleinarbeit eine zweibändige Monografie mit dem Titel "Eros oder die Männerliebe der Griechen", in der er auch Desgouttes' Schicksal zur Sprache bringt. Als der erste Band 1836 erscheint, wird er sogleich verboten. Sein Verfasser, ein alpiner Sokrates, der merkwürdigste Philosoph des Landes, wie ihn Meier nennt, stirbt 1864 in bitterer Armut.

Am 10. August 1818 bezieht der aus Magdeburg eingewanderte Johann Heinrich Zschokke mit seiner Familie die neu erbaute Villa Blumenhalde in Aarau. Er hat das Haus vor allem aus den Tantiemen der "Stunde der Andacht" bezahlt, deren acht Bände eine Viertelmillion Auflage erreichten.

Hier hat Heinrich Hössli im Sommer 1819 den bekannten Dichterfürst besucht. Und zwar erstaunlicherweise zusammen mit Ignaz Paul Vital Troxler von Beromünster, dem späteren Philosophieprofessor. Hössli wollte offenbar mit den beiden hochgebildeten Herren über sein geplantes Buch über Männerliebe diskutieren, ist aber als Autodidakt, und wohl auch wegen des Themas, über das man damals nicht öffentlich geredet hat, bös abgeblitzt.

Immerhin hat Zschokke dann über dieses seltsame Treffen eine Erzählung mit dem Titel "Eros" veröffentlicht. Dies sind die Koordinaten, an denen Meier seine Geschichten aufhängt. Man liest vom schrecklichen Hungerwinter 1816/17, in dem die Menschen um einen Knochen gebettelt haben. Vom neu gegründeten Kanton Aargau, der letzten zensurfreien Zone des Landes. Von allerlei Aufputschmitteln und Aphrodisiaka aus der Zeit. Von der alten Hinrichtungsart des Räderns, die in jener restaurativen Zeit wieder gehandhabt wurde. Man liest auch von sündiger Fleischeslust, die offenbar sein und bis in die Details beschrieben werden muss, denn wo keine Sünde ist, kann auch nicht gebeichtet werden.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich Meier zu Beginn seiner Arbeit Zschokke zugewandt hat. Eine Monografie über diese Geistesgrösse wäre verdienstvoll gewesen. Aber offensichtlich ist Meier wieder auf Abwege geraten, uns Lesern zur Freude und Lust. Man kann ihm bei jedem Buch direkt in die Werkstatt schauen, er schreibt uferlos an einem Work in progress. Und der Teufel der Neugier sitzt ja bekanntlich im Detail. Sowohl Desgouttes als auch Hössli sind Details, kleine Figuren in der Geschichte, über welche akademische Historiker in der Regel kein Wort zu verlieren geruhen. Aber gerade in diesen kleinen Figuren kann eine ganze Epoche aufscheinen, wenn sich ein Autor wie Pirmin Meier ihrer annimmt.

Pirmin Meier: "Mord, Philosophie und die Liebe der Männer”, Pendo Verlag Zürich 2001. 389 Seiten, Fr. 44.50.

17. September 2001


Ein treues Auge

Zur Biographie über "Emmy Ball-Hennings" von Bärbel Reetz, Suhrkamp Verlag, 2001

Vor einiger Zeit wurde in Zürich eine viel beachtete Ausstellung über Emmy Ball-Hennings gezeigt. Damit fand eine grossartige Frau, eine der wichtigsten Vertreterinnen des deutschen Expressionismus, die bisher bloss gerüchteweise als Mitläuferin, als mannstolles Groopie der literarischen Stars in der Spezialliteratur herumgegeistert ist, endlich die ihr gebührende Beachtung.

Nun liegt bei Suhrkamp eine Biographie über Emmy Ball-Hennings vor, minutiös recherchiert und glänzend geschrieben von der Germanistin Bärbel Reetz.

Emma Maria Cordsen, so ihr Mädchenname, wird 1885 in Flensburg geboren. Mit 19 heiratet sie einen Joseph Hennings und gebiert einen Sohn, der ein Jahr später stirbt. Sie wird Mitglied einer Wandertheatertruppe, gebiert 1906 eine Tochter, arbeitet als Animiermädchen und Gelegenheitsprostituierte. 1909 taucht sie in der Beliner Bohème auf, lernt Georg Heym, Jakob van Hoddis und die Lasker-Schüler kennen. In München Diseuse im Simplicissimus, Bekanntschaft mit Erich Mühsam, Johannes R. Becher, Klabund. 1911 Übertritt zum Katholizismus. Äthersucht, Morphium. 1913 erscheint in der Reihe "Der jüngste Tag" ihr Gedichtband "Die letzte Freude". 1914 Inhaftierung in München, vermutlich wegen Beischlafdiebstal. Beginn der Beziehung mit Hugo Ball. 1915 Emigration nach Zürich. 1916 Eröffnung des Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse. Sie ist der Star der Dada-Abende. 1917 Reise mit Hugo Ball ins Tessin, der junge Friedrich Glauser kommt auch mit. 1918 Ascona und Bern, wo sie sich mit Ernst Bloch und Walter Benjamin anfreundet. Heirat mit Hugo Ball. 1920 Übersiedlung nach Agnuzzo. Freundschaft mit Hermann Hesse. 1923 Italien. 1927 stirbt Hugo Ball. Emmy wird seine Nachlassverwalterin. Sie arbeitet in Fabriken, verfasst Rezensionen und Reisebeschreibungen, Gedichte, Tagebücher und autobiographische Schriften. Sie stirbt 1948 in Lugano.

Das sind ein paar Daten, hinter denen sich ein unerhört intensives Leben verbirgt. Emmy Ball-Hennings war keinen Augenblick lang gewillt, sich an irgendwelche, von der bürgerlichen Moral diktierte Konventionen zu halten. Sie tat das, was sie für richtig hielt. "Ich habe im Grunde eine unbesiegbare Aversion gegen jedes System und keine Lust mich einem anderen Gesetz unterzuordnen, als dem heiligen Eigensinn," schreibt sie.

Sie war eine der grossen Autorinnen jener Zeit. "Sie ist die reinste Inkarnation des weiblichen Vagabundes, die in der deutschen Dichtung vielleicht je da war," schreibt Klabund. Warum sie sich gerade mit dem asketischen, unerotischen Hugo Ball zusammentat, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Sie hat zeitlebens in Balls Schatten gestanden, genau so wie Sophie Taeuber im Schatten von Hans Arp stand. Wie sich inzwischen, Jahrzehnte nach ihrem Tod, deutlich zeigt, waren beide Frauen ihren berühmteren Männern auch künstlerisch weit überlegen.

Die vorliegende Biographie hat das Zeug zu einem Klassiker. Sie ist einfach und spannend geschrieben. Sie erzählt von einem Frauenschicksal, das ergreift. Wie sich diese Frau dem Leben stellt, wie sie alle Schwierigkeiten meistert, wie sie sich ihre Liebesfähigkeit bis zuletzt erhält und genau über sich Bescheid weiss, das ist unglaublich. In ihrer Zeit muss sie gewirkt haben wie ein sanfter Sprengsatz Dynamit. Eine undogmatische Revolutionärin, eine leibhaftige Lulu.

Zweitens kann man in dieser Biographie den deutschen Expressionismus hautnah kennen lernen. Die Berliner und Münchner Cafés, wo die neue Kunst ausgebrütet wurde. Den Zürcher Dadaismus. Dann die Flucht aus der Zeit, die Zersplitterung der expressionistischen Gruppe. Das Aufkommen des Nationalsozialismus. Die Schwierigkeiten im Schweizer Exil. Die Zerstörung der deutschen Literatur, wie sie Walter Muschg beschrieben hat.

Und man kann eine grosse Dichterin kennen lernen. Man kann nachlesen, wie Dichtung entsteht. Die Zitate aus den Tagebüchern sind oft leicht hingeworfen, wollen nicht Kunst sein, sondern genaue Mitteilung. Gerade deshalb sind die frisch und lebendig.

"Mein Buch ist ein treues Auge," schreibt sie über das "Brandmal", das 1999 als Suhrkamp Taschenbuch neu aufgelegt wurde. Es ist Zeit, die Dichterin neu zu entdecken.

17. Juli 2001

 

Das Epos der Tuareg

Zum Roman "Die Magier" von Ibrahim al-Koni, aus dem Arabischen übersetzt von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag, Basel.

Es gibt wohl keine Kultur, die uns Europäern fremder ist als die arabisch-islamische Kultur. Und dies, obschon die arabisch-islamische Welt gleich jenseits des Mittelmeers beginnt und folglich unsere Nachbarin ist.

Das hat mit unserer gemeinsamen Geschichte zu tun, die über lange Jahrhunderte, angefangen bei den Kreuzzügen, eine Geschichte der Feindschaft ist. Es gibt über niemanden so alteingesessene Vorurteile wie über einen Nachbarn, den man nicht kennt, weil man nicht mit ihm redet.

Der kleine Basler Lenos Verlag gibt, neben seinem übrigen Programm, seit 18 Jahren eine Reihe Arabische Literatur heraus, betreut von Hartmut Fähndrich, der an der Zürcher ETH Arabisch und Islamwissenschaft lehrt. Bis heute umfasst diese Reihe 48 Bände. Das ist eine editorische Pioniertat, die nicht hoch genug einzuschätzen ist. Denn wie sonst soll man den fremden Nachbarn kennen lernen, wenn nicht über seine Geschichten, über seine Literatur. Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht haben jedenfalls bestimmt mehr zum Verständnis der arabischen Welt beigetragen als sämtliche Kreuzritterheere.

1995 hat Lenos einen ersten Roman mit dem Titel "Blutender Stein" von Ibrahim al-Koni herausgegeben. Es folgten zwei weitere Bände des gleichen Autors. Letzt legt der Verlag das Hauptwerk von al-Koni vor. Es heisst "Die Magier", trägt den Untertitel "Das Epos der Tuareg" und umfasst über 800 Seiten. Eine solche Edition bedeutet für einen kleinen Verlag eine Riesenanstrengung; sie wurde unter anderen von der Pro Helvetia unterstützt.

Ibrahim al-Koni, geboren 1948, wuchs in der lybischen Wüste auf. Er hat in Moskau Literatur studiert. Er wohnt in der Nähe von Bern, wo er auf der lybischen Botschaft als Kulturattaché gearbeitet hat. Seine Gesamtwerk umfasst vierzig Bände. Für den Roman "Blutender Stein" wurde er mit dem Literaturpreis der Stadt Bern ausgezeichnet. Für sein Gesamtwerk erhielt er den lybischen Staatspreis für Kunst und Literatur.

Ibrahim al-Koni ist kein Araber, obschon er Arabisch schreibt. Er gehört zu den Tuareg, die in der Sahara nomadisieren. Ein uraltes Kulturvolk, mit eigenen Mythen, mit eigener Sprache, das wegen der modernen Grenzziehungen, die die Sahara unterteilen, grösste Schwierigkeiten hat, die eigene Identität zu bewahren. Sie sollen sesshaft gemacht werden, die Tuareg, eine normale Schule besuchen, einer geregelten Arbeit nachgehen. Wer darüber den Kopf schüttelt, erinnere sich bitte an die Schweizer Versuche, die hiesigen Fahrenden mit brutalsten Polizeimethoden zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Die Tuareg sind die geborenen Geschichtenerzähler. Man kann das selber erleben, indem man zu ihnen fährt. Man kann zum Beispiel ins südliche Algerien nach Tamanrasset fliegen. Man kann sich zu den vermummten Männern ans nächtliche Feuer setzen und stundenlang zuhören. Ihr Reichtum an Mythen ist unerschöpflich. Es scheint, dass die Mythologie dieses Volk zusammen hält.

Im Roman "Die Magier" hat al-Koni den Versuch unternommen, diese Mythologie zu sammeln und zu einem gewaltigen Epos zusammenzufassen. Die Grundgeschichte: Ein Nomadenstamm lagert in der Wüste um einen Brunnen. Es kommen fremde Leute, die um diesen Brunnen herum eine Stadt bauen. Es ist die Auseinandersetzung zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum, die schlussendlich für beide Gruppen in der Katastrophe endet. Eingewoben ist eine Dreiecks-Liebesgeschichte um eine mythische Prinzessin.

Eine für uns Europäer fremde Welt also, die hier zur Darstellung kommt. Man muss sich erst einlassen. Nichts ist fest in dieser Welt, es kann sich alles verändern. Eine Akazie wird zum Menschen, ein Mensch zum Mufflon. So hat schon Ovid vor 2000 Jahren geschrieben, als er in den Metamorphosen die antiken Verwandlungsmythen zusammenfasste.

Wer schon einmal in der Sahara war, wird diesen Roman mit grösstem Vergnügen lesen. Er wird diese Welt, die vor lauter Lichter und Schönheit manchmal zu explodieren scheint, aufs neue aufleuchten sehen. Wer die Sahara nicht kennt, wird sie in diesem Buch kennen lernen. Eine Welt in der sich Wirklichkeit und Unwirklichkeit durchdringen wie Wachsein und Traum. Es ist ein grosses Buch, ein Stück Weltliteratur.

6. Juni 2001

 


Das Verhängnis

Alois Bischof: "Das Verhängnis", Rotpunktverlag, Zürich 2001

Alois Bischof, geboren 1951, wohnt in Kleinbasel. Er ist einer der typischen literarischen Zuzüger dieser Stadt, der hier lebt, weil es ihm hier gefällt, ohne dass er hier ganz heimisch wäre. In Basel ist es seit altersher Brauch, solche zugeflogenen Vögel völlig in Ruhe zu lassen. Das kann durchaus angenehm sein. Basel ist eine der besten Exilstädte.

Ab und zu sieht man Alois Bischof am Rhein unten in einer Beiz Kaffee trinken oder in der Kunsthalle beim Wein sitzen. Er redet Ostschweizer Dialekt. Er ist von mürber Eleganz, freundlich und voll Interesse. Er ist einer der besten Journalisten des Landes, hat für die WoZ und für das "Magazin" des Tages-Anzeigers geschrieben. Er hat u. a. eine fulminante Reportage übers Kleinbasel veröffentlicht und für diese Liebeserklärung einen renommierten Journalistenpreis erhalten.

Jetzt hat er im Zürcher Rotpunktverlag einen Roman mit dem Titel "Das Verhängnis" herausgegeben, der zeigt, dass er ein eigenständiger, eigensinniger, kräftiger Schriftsteller ist. Er ist ja, in der heutigen Zeit des Jugendwahns, nicht selbstverständlich, dass ein Fünfzigjähriger für seinen ersten Roman einen Verlag findet. In diesem Fall hat es sich offensichtlich gelohnt. "Das Verhängnis" liest sich gut, ist spannend und informativ.

Auf den ersten Seiten stutzt man zwar und reibt sich die Augen. Sie lesen sich wie der Anfang eines Heimatromans aus dem Jahre 1930. Harte, holzschittartig gezeichnete Gestalten wie von Kirchner, eine Schindelhütte in den Voralpen, Tannen und Nebelfetzen. Dazu eine Sprache, meint man, wie vom Thurgauer Dichter Alfred Huggenberger. Was soll das, denkt man, in der heutigen Zeit? Was sucht dieser Ostschweizer Ganghofer im Kleinbasel?

Es ist eine fiktive Biografie eines Mannes, der von armen, beschissenen Leuten gezeugt worden ist. Der zeitlebens nach Liebe giert und nur Sex findet. Der dort, wo er tatsächlich Liebe finden könnte, nicht mehr lieben kann, da seine Liebesfähigkeit zerstört worden ist. Der unentwegt weiter sucht, weil er nicht anders kann. Und der immer wieder aufs neue verzweifelten Sex findet.

Das ist das Thema des Buches: leiden an der eigenen Lieblosigkeit, die als Verhängnis erlitten wird. Und dieses Thema ist so aktuell, dass es mitten in die heutige Zeit hinein trifft.

Es gibt viele Bücher darüber, es ist ein modisches Thema. So beschrieben habe ich es noch nie gelesen. Gerade die eigensinnige, plastische, fast expressionistisch übersteigerte Sprache verhindert, dass die alte Geschichte abgedroschen wirkt. Es ist eine lebendige, genaue Sprache, die Alois Bischof da erfunden hat. Manchmal streift sie gefährlich nahe den Kitsch, kippt indessen nie hinüber in die beliebige Unglaubwürdigkeit. Es ist erlebte Literatur, auch dies in der heutigen Zeit der Beliebigkeit ein Anachronismus. Ein starkes Buch, das auf weitere Bücher des gleichen Autors Lust macht.

20. April 2001

 

Eine Hütte, Käfer, Wörter

Werner Lutz: "Hügelzeiten", Erzählung, Verlag im Waldgut, Frauenfeld 2000

Werner Lutz ist ein Appenzeller, der seit Jahrzehnten in Basel lebt. 1930 geboren, von Beruf Graphiker. Er ist scheu wie der Osterhase. Fast niemand kennt ihn, man sieht ihn kaum.

Werner Lutz schreibt auch Gedichte, er ist einer der besten Schweizer Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte sind selten wie die richtigen Osterhaseneier, fast niemand kennt sie.

Aber es gibt sie, sie sind gesammelt in seltenen Gedichtbändchen. Das letzte trägt den seltsamen Titel "Nelkenduftferkel" und ist im abgelegenen Waldgut Verlag erschienen, der vom Lyriker Beat Brechbühl geführt wird.

Werner Lutz gehört zusammen mit Rainer Brambach und Hans Werthmüller zum lyrischen Basler Trio, das in den letzten Dekaden am Rheinknie Schweizer Literaturgeschichte geschrieben hat. Man sah die drei manchmal in abgelegenen Beizen beim Wein sitzen. Auch Brambach und Werthmüller kennt fast niemand. Lyrik ist in der heutigen Zeit zur heimlichen Kunst geworden.

Nun hat Werner Lutz zur Prosafeder gegriffen und eine Erzählung geschrieben. Sie heisst "Hügelzeiten" und ist wiederum im Waldgut erschienen. Achtzig Seiten ist sie lang, ein Meisterwerk wie von einem fernöstlichen Tuschzeichner mit helvetischen Augen.

Der Inhalt: Ein Mann lebt allein in einer alten Hütte irgendwo in den Voralpen. Er hat nichts ausser Zeit. Er schaut den Jahreszeiten zu, wie sie wechseln. Dem Wetter, wie es sich ändert. Den Käfern, die über seinen Tisch krabbeln. Den Bäumen, wie sie dastehen. Er hört von seltsamen Gestalten, die ebenfalls in solchen Hütten wohnen. Er sieht oben die Kondensstreifen der Flugzeuge, die irgendwohin fliegen. Er macht nichts anderes als warten.

"Warten, hatte ich sagen hören, sei der Anfang des Neuen, die Keimform des Lebens, der erste Abschnitt jeder Entwicklung. Man brauche nur an den geheimnisvollen Schlaf der Samen zu denken, in ihren Hüllen, ihren Schalen, an die Dunkelheit und Feuchtigkeit in der Erde und im Mutterleib. Warten sei eine schöpferisch notwendige Phase, und, hiess es nicht irgendwo in einer heiligen Schrift: Alle Dinge kommen zu dem, der warten kann."

Es kommen viele Dinge zu dem Mann in der Hütte. Eine Katze kommt zum Beispiel mit ihrem Jungen, der Wind kommt, der Sturm. Die Sonne, natürlich, der Regen, der Schnee. Und es kommen die Wörter, die Sätze. Diese Sätze sind überraschend, weil sie neu sind. Man hat diese Sätze noch nie so oder ähnlich gelesen. Manchmal erinnern sie ein bisschen an Robert Walser. Aber diesen Vergleich verwirft man sogleich wieder. Es sind die Sätze von Werner Lutz.

Solches Schreiben ist gefährlich in heutiger Zeit. Leicht schleicht sich die falsche Idylle ein, der Kitsch. Aber dagegen ist Lutz gefeit. Sein Schreiben ist von Trauer durchtränkt. Von der Verzweiflung, dass er nicht weiss, was das richtige Leben wäre. Also wartet er und beobachtet. Er beobachtet genau. Und er beschreibt haargenau, was er beobachtet.

Dieses Büchlein macht froh. Man wird ganz ruhig beim Lesen. Und man freut sich des Lebens.

5. Januar 2001

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