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© Fotos by zvg / Thierry Michel

"Land in Auflösung": Voll besetzte Fähre, Congo River


Mitreissende Fluss-Safari ins Herzen Afrikas

Mit "Congo River" ist in der Schweiz einer der eindrücklichsten Filme über Afrika angelaufen

VON RUEDI SUTER*

Unter schwierigsten Bedingungen hat der Filmer Thierry Michel im Kongo (Kinshasa) seinen neuesten Film "Congo River" gedreht. Drei von sechs Monaten schlug sich der Belgier mit Milizen, Militärs und Beamten herum, um seine Reise den Kongo-Strom hoch filmen zu können. Entstanden ist eine bewegende Dokumentation, die einen tiefen Einblick in die Seele Afrikas erlauben.

Ein Wunder, dass dieser Film überhaupt gedreht werden konnte: In der Demokratischen Republik Kongo, wo im letzten Jahrzehnt fast vier Millionen Menschen durch Gewalt ihr Leben verloren, scheitern derartige Vorhaben zumeist an den unzähligen Hürden, die sich in diesem in Auflösung befindenden Riesenland von der Grösse Europas auftürmen.

Doch Thierry Michel, der 1952 geborene Filmer, hat es geschafft. Dank seiner Erfahrung, seinem Mut und seinem Willen werden wir Zeugen einer Atem beraubenden Flussfahrt, die uns scheinbar nebenbei auch in eine mehrdimensionale Reise durch die Kolonialgeschichte und die Freuden und Schrecken menschlicher Existenz entführt.

König Leopold II sprach von "Privatbesitz"

Denn Thierry Michel, der Filmer, hat nicht nur Talent, er ist auch ein Betroffener. Einer, der es als Spätgeborener nicht fassen kann, wie seine belgischen Landsleute unter König Leopold II (dieser nannte den rohstoffreichen Kongo zwischen 1885 und 1908 "meinen Privatbesitz") das Land unterjochten, plünderten und mit Folter und Zwangsarbeit schätzungsweise zehn Millionen Kongolesinnen und Kongolesen in den Tod trieben. (Michels Sympathien liegen weit mehr beim rücksichtsvollen Missionar David Livingstone, der auf der Suche nach dem Nil auf den Lualaba, den Oberlauf des Kongostroms stiess.)

Aber ebenso wenig kann es Michel fassen, dass später die belgischen Kolonialisten und dann nach der Unabhängigkeit Diktator Mobutu Sese Seko mit anhaltender direkter oder indirekter Unterstützung Europas, der USA und selbst der Schweiz die Kongolesen weiterhin schamlos ausbluteten.

Anspielung auf Conrads "Herz der Finsternis"

All dies wie auch die Folgen bis in den heutigen Alltag des Kongos auf subtile Weise in die Filmsprache zu übersetzen, hat sich Thierry Michel bereits mit Filmen wie "Les derniers Colons" oder "Mobutu, roi du Zaïre" zur Aufgabe gemacht. Und jetzt fesselt er mit seinem neusten Dokumentarfilm, "Congo River, beyond darkness" - eine Anspielung auf das "Herz der Finsternis" - Josef Conrads Augenöffner-Roman von 1902, in dem Henri Morton Stanley, der Leopold II den Kongo sicherte, als Kolonialist und "Negerhasser" Kurtz auftritt: "Schlagt diese Bestien alle tot!"

Doch auf Schockbilder aus belgischen Archiven verzichtet der mehrfach preisgekrönte Filmer. Er zeigt auf seiner Flussfahrt nur in kurzen Rückblenden, wie zu Leopolds Zeiten Hunderte von Afrikanern mit ihrer Muskelkraft Schienen und riesige Urwaldbäume schleppen mussten. Es sind historische Aufnahmen mit Langzeitwirkung, sie lassen einem nicht mehr los. Eine ähnliche Wirkung haben allerdings auch Michels suggestive Bilder von seiner Reise den 4'371 Kilometer langen, stellenweise bis 30 Kilometer breiten Kongo-Strom hinauf.

Vom Alltag an Bord und der Geschichte am Ufer

Wir fahren mit ihm von der Mündung bis zur Quelle, lassen uns zuerst auf einer überladenen Fähre von den grandiosen Flusslandschaften, den Urwaldufern, den Katarakten, Tropengewittern und Lichtspielen in den Bann ziehen. Wir erleben den Alltag an Bord, wo Menschen, Tiere und Frachten zusammengepfercht mitfahren, wo diskutiert, gekocht, getanzt und gelacht wird, wo aber auch Kranke liegen und die Passagiere besorgt die waghalsigen Manöver der Schiffbesatzung beobachten. Wir lernen den verantwortungsbewussten Kapitän kennen, der die zerschlissenen Flusskarten aus der Kolonialzeit mit eigenen Zeichnungen ergänzt, einer anderen Fähre mit Motorschaden zu helfen versucht und gerührt eine Feier steigen lässt, nachdem ihm die Schiffsverwaltung via Handy die Grüsse seiner Frau und die Geburt eines weiteren Sprösslings mitgeteilt hat.

Wir legen mit Thierry Michel an, steigen mit ihm an Land, wo die historischen und aktuellen Geschichten die Besuchenden anspringen: Das Umsägen von Urwaldriesen durch eine von einem Kolonialisten-Abkömmling geleiteten Mannschaft; die Leichen eines eben geschehenen Schiffunglücks; der letzte afrikanische Professor eines verlassenen Pflanzeninstituts, der uns die Räume voller alter, wertvoller und zerfallender Dokumente aus der Kolonialzeit zeigt; ein lebhafter Gottesdienst, bei dem Segnungen erkauft werden können; eine Krankenstation für Schlafkranke ohne Medikamente; der Besuch in einem der von Pflanzen überwucherten, nie fertig gebauten Paläste Mobutus und die Begegnung mit einem Eisenbahnverantwortlichen, der mit seinen Leuten ohne Lohn die Geleise freihält, obwohl seit Jahren keine Eisenbahn mehr angekommen ist.

Stimmungswechsel im kriegsgeplagten Ostkongo

Thierry Michels vorteilhafte Gabe ist es, sich zurückzuhalten und dafür die Menschen sprechen zu lassen - über das, was sie gerade beschäftigt, über ihre Aufgaben, Enttäuschungen und Hoffnungen. Angekommen im Ostkongo, wo sich seit Jahren in wechselnden Allianzen eine Unzahl von Milizen und Militärs zu Lasten der Zivilbevölkerung brutal bekämpfen, ändert sich auch die Stimmung am Ufer der Lebensader Kongo. So konfrontiert uns Michel unter anderem auch mit den Schilderungen oder der Wortlosigkeit furchtbar vergewaltigter Frauen. Und er führt uns mit dem sensationellen Interview des Maï Maï-Miliz-Generals (Bild), den ein Wunderwasser und sein Glaube "gegen Kugeln unverwundbar" gemacht haben, in das auch heute stets überall präsente Afrika der Zauberei ein. Schliesslich kommen wir im Katanga bei den Quellen des Kongo an, einem Tümpel im Wald, dessen Geister zuvor um Einlass gebeten werden wollen.

Sechs Monate brauchten Michel und sein Team allein für die Dreharbeiten im Kongo. Drei davon verbrachte die Crew für die Organisation. Bei Amtsstellen, Rebellenquartieren und Sicherheitsdiensten musste sie zahllose Bewilligungen und Stempel einholen. Sie wurde auch bedroht und verhaftet, konnte schliesslich aber per Schiff, Schleppkahn, Einbaum, Auto, Motorrad, Velo und Flugzeug ihr Projekt realisieren. Dabei war das Team auch auf ortskundige Dolmetscher angewiesen, die sie von Provinz zu Provinz und von Volk zu Volk brachten. Michels achter Film über Afrika erforderte überdies die Mitnahme von tausend Liter Treibstoff, um Transporte durchführen zu können und die Filmausrüstung mit Strom zu versorgen. Insgesamt wurden 135 Stunden gedreht, zwei davon sind jetzt zu sehen.

Mehr Engagement im Kongo-Becken

"Congo River" fesselt mit seiner Ehrlichkeit, seiner Echtheit, seiner Zeitlosigkeit und seiner Universalität. Der Dokumentarfilm veranschaulicht unvergleichlich besser und differenzierter die vielen afrikanischen Realitäten als die gerade aktuellen Spielfilme "Blood Diamond" oder "The Last King of Scotland" über Idi Amin. Kaum je hat ein Film das, was Schwarzafrika bewegt, beeinflusst und Hoffnung schenkt, so authentisch aufgezeigt wie "Congo River".

Letzte Woche war Thierry Michel auf Einladung von Greenpeace Schweiz in Zürich. Kein Zufall: Die Umweltschutzorganisation ist entschlossen, sich stärker im Kongo-Becken zu engagieren. Dieses sieht sich als zweitgrösstes Tropenwaldgebiet der Welt mit einem Grossangriff der internationalen Holzindustrie konfrontiert. Nur noch wenige Jahre und auch diese letzten für das Weltklima wichtige Urwälder sind unwiederbringlich verheert.

Schicksal dieser Region "ist richtungsweisend"

Kann das Ruder noch herumgerissen werden? "Ja", beantwortete Michel die Frage von OnlineReports. Aber die internationale Gemeinschaft müsse sofort und entschlossen handeln. Kaum mehr eine Chance sieht der Kongo-Spezialist für die Erhaltung der Tierwelt. Sie sei fast leer gewildert im riesigen Land.

Und bereits hat der Filmer ein neues Projekt in Kongo-Kinshasa. Diesmal geht es um die umkämpften Rohstoffe, welche die Weltwirtschaft in Schwung halten, ohne dass die kongolesische Bevölkerung etwas davon hat. Das will Thierry Michel auch mit seinem nächsten Film ändern helfen. Seine Begründung: "Das Schicksal dieser begehrten Region ist richtungsweisend für die zukünftige Gestaltung des Planeten."

* Der Autor hat während seiner ersten Jugendjahre in Katanga gelebt.

"Congo River"
Basel: "kult.kino Camera 2"
Zürich: "Arthouse Nord-Süd"
Bern: "CineMovie 1"

27. März 2007

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"Danke für diese spannende Beschreibung"

Vielen Dank, lieber Ruedi Suter, für die spannende Beschreibung des Films. Bin gespannt per Film zurück zu kehren in dieses Riesenland vollster Naturwunder und menschlicher Katastrophen. Ich hoffe aber nicht, es stimme, dass dadurch auch noch die Tierwelt zu Grunde gemacht wurde.

Mit grosser Liebe zu diesem Fleck Erde:

Viktor Krummenacher
Bottmingen



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