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"Auf Recht und Macht gepocht": Generalvikar Roland Trauffer, Bischof Kurt Koch*

Die Schäfchen lasen ihrem Hirten die Leviten

Römisch-katholische Synode Baselland tat sich aber schwer mit "Verlautbarung" zum Konfliktfall Sabo und Röschenz

VON PETER KNECHTLI

Schwere Kritik musste sich Bischof Kurt Koch am Montagabend als Überraschungs-Gast an der ausserordentlichen Synode der römisch-katholischen Landeskirche Baselland in Liestal gefallen lassen. In einer fast viereinhalbstündigen Debatte tat sich das Kirchenparlament aber schwer mit zwei Verlautbarungs-Entwürfen. Den Durchbruch schaffte schliesslich die moderatere Variante.

Gross war die Überraschung, als zur heutigen Synode zum Konfliktfall um den Röschenzer Pfarrer Franz Sabo nicht nur der bisher weitgehend das Wort führende bischöfliche Generalvikar Roland Trauffer den Weg in den Liestaler Landratssaal fand. Auch sein formeller Chef, Bischof Kurt Koch, wagte sich in die Höhle des Löwen. Von OnlineReports vor Sitzungsbeginn nach seinen Erwartungen an die Versammlung befragt, meinte Koch: "Dazu sage ich gar nichts." Thema der Sondersession: Die Haltung des Kirchenparlaments zum Sabo-Streit, der derzeit mehr als nur das Bistum Basel erschüttert.

Rechtsgutachten blieb ohne Echo

Diszipliniert nahmen die 85 Mitglieder des bei voller Besetzung 94-köpfigen Kirchenparlaments den sauber orchestrierten und auf hohem Niveau abgehaltenen nahezu zweistündigen "Informationsblock" zur Kenntnis. Der Basler Rechtsprofessor Felix Hafner präsentierte dabei die Kurzfassung eines vor längerer Zeit durch den Landeskirchenrat in Auftrag gegebenen Gutachtens über die allgemeine Rechtslage, aber "keine Fall-Lösung" im Röschenzer Konflikt.

Bezogen auf den Fall Röschenz gibt das Gutachten denn auch keine klare Handlungsanweisung. Vielmehr lässt es eine Entwicklung in beide Richtungen offen. Zwar ist der Entzug der Missio canonica "kanonisch-rechtlich als Amtsenthebung zu qualifizieren". Sei diese Amtsenthebung "gültig erfolgt", sei für die den Seelsorger anstellende Behörde grundsätzlich ein Entlassungsgrund gegeben". Hinfällig werde der Entlassungsgrund, wenn die kirchlichen Behörden "die staatlichen Verfahrensgrundrechte nicht beachtet" hätten oder wenn der Grund der Amtsenthebung "die Grundrechte der Arbeitnehmenden ungerechtfertigterweise verletzt" habe. Ungültig ist der Entlassunggrund auch dann, wenn "Spannungen entstehen" und der religiöse Frieden gefährdet sei.

Die Weiterbeschäftigung von Seelsorgenden mit entzogener Missio stelle "grundsätzlich einen Verstoss gegen die Landeskirchenverfassung dar, was die Landeskirche zum Ergreifen von aufsichtsrechtlichen Massnahmen veranlassen kann", heisst es in der nicht sonderlich griffigen und mit inhaltlichen Wenn und Aber durchsetzten Kurzfassung. Dass die Expertise den Synodalen - und insbesondere der Röschenzer Kirchgemeinde - wenig konkreten Erkenntnisgewinn brachte, belegte die Tatsache, dass sie in der späteren Debatte überhaupt kein Thema war.

Generalvikar Trauffer sprach von "Medien-Manipulation"

Pater Roland Trauffer, des Bischofs rechte Hand und sein klarer Lenker, wehrte sich entschieden insbesondere gegen die kürzlich gegen die Bistumsleitung erhobenen Vorwürfe. Bischof Koch habe in keiner Weise zur "medialen Entwicklung" des Konflikts beigetragen, er habe im Gegenteil dem "Anspruch einer aggressiven Kommunikation" nicht entsprochen und der Kirchgemeinde Röschenz schon gar nicht "gedroht". Gegen dieses "Beispiel einer Manipulation" in der Sonntagspresse werde sich das Bistum zu wehren wissen: "Das Bistum droht nicht und hat nie gedroht." Trauffer beschwor die Einheit der Kirche: "Es gibt nur eine Kirche, nicht zwei Kirchen." Die Synodalen warnte er: "Ihr habt eine grosse Verantwortung und wir haben Respekt vor dieser Verantwortung."

Holger Wahl, Präsident der Kirchgemeinde Röschenz, attackierte den aufmerksam, aber mit kaum wahrnehmbaren Regungen zuhörenden Bischof frontal und schob ihm die Schuld an der Eskalation um Pfarrer Franz Sabo zu. Trotz der "Denunziation und Verleumdung" durch die Bistumsleitung habe Sabo weiter seinen Dienst an der Gemeinde geleistet und die Kirchen gefüllt: "Wenn Sabo geht, ist unser aktives Kirchenleben zu Ende." Wahls verbale Abrechnung mit Kurt Koch gipfelte in der Behauptung, die Vertrauenszerrüttung sei "vorsätzlich durch die Bistumsleitung herbeigeführt" worden.

Der Bischof ergriff das Wort

Die entschlossene Zurückweisung dieser Behauptung besorgte der Bischof persönlich. Dass Sabo am 1. August auf der Sissacherfluh - "in einer Zeit, in der ich gesprächsbereit war" - erneut zum Angriff gegen "Solothurn" blies, sei entweder "dumm oder eine ganz bewusste Provokation gewesen". Es sei ihm "nie darum gegangen, mit Pfarrer Sabo abzurechnen", auch nicht mit Pädophilie-Vorwürfen, sagte Koch.

Moderat verhielt sich Peter Zwick als Präsident des Landeskirchenrates, der "Regierung" der römisch-katholischen Kirche Basel-Landschaft. Dieses Gremium wolle sich auch weiterhin auf die Vermittlung konzentrieren. Allerdings würden auch "aufsichtsrechtliche Mittel geprüft, um die Ordnung wieder herzustellen".

Zahmere Resolution setzte sich durch

Nach fast zwei Stunden kamen die Synodalen zu Wort. Zu einer klaren Kropfleerete über die Krise im Bistum kam indes nicht. So wurde die Haltung der Synode zum Sabo-Konflikt und insbesondere zum weiteren Vorgehen nicht transparent, was dem Bistums-Oberhaupt nicht ungelegen zu kommen schien. Vielmehr entwickelte sich nun eine mühsame und über gewisse Strecken chaotische Diskussion um zwei so genannte "Verlautbarungen", die auch als Resolutionen verstanden werden können. Dabei prasselten von verschiedenen Seiten massive Vorwürfe auf Bischof Koch nieder: "Die Zeit der Schönrederei ist vorbei, die Baselbieter Gläubigen sind keine Untertanen", wetterte der Liestaler Abgeordnete Stefan Fraefel, Koautor der schärferen "Verlautbarungs"-Variante, der an die Adresse des Bischofs appellierte: "Sie haben auf Recht und Macht gepocht, statt als Zeichen der Stärke einmal eine Schwäche zuzugeben. Lieber vertrauen die Gläubigen einem mediengeilen Pfarrer aus Röschenz als Ihnen, gibt Ihnen das nicht zu denken?"

Weitere Synodale kritisierten Kochs abhanden gekommenen Bodenkontakt, doch die Sympathien und Vorbehalte waren nicht einfach auszumachen. Die Stimmung wogte hin und her. Mehrfach forderte eine Minderheit der Synodalen aber auch die Loyalität der Schäfchen zum Hirten ein: "Hat man sich auch schon überlegt, wie Herr Sabo seine Macht ausübt?" Ein anderer Abgeordneter äusserte Erstaunen darüber, "mit welcher Härte Holger Wahl den Bischof angreift". Der Seelsorger Alex Wyss aus Reinach verlas eine aktuelle Stellungnahme der Pastoralkonferenz, die sich erkennbar kritisch, aber diplomatisch im Ton äusserte: Man solle "aufhören, Menschen zu Opfern oder zu Tätern zu machen".

In mehreren Abstimmungen setzte sich schliesslich auch mit 77 Ja gegen eine Nein-Stimme und eine Enthaltung die im Ton zurückhaltendere, ausgezirkelte Verlautbarung einiger Delegierter der Pastoralkonferenz durch, die vom Bischof verlangt, Kirchenmitglieder und ihre gewählten Vertreter "in ihrem Glaubenssinn und demokratischen Empfinden" ernst zu nehmen. Zudem verlange der "offensichtliche Reformstau in unserer Kirche" eine offene Gesprächskultur. Es gehe nicht an, dass unaufschiebbare Probleme wie der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen "von unten polemisiert und von oben tabuisiert" werden. Angenommen wurde ein Zusatz, wonach die Synode dem Landeskirchenrat ihr "volles Vertrauen" ausspricht und ihn ermuntert, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, "um die Ordnung wieder herzustellen und alles zu tun, um die Versöhnung voranzutreiben".

Pater Trauffer gab Regieanweisung

Nach der Synode, die fast viereinhalb Stunden dauerte, war nicht auszumachen, wie sich der Bischof als Zeuge einer nicht immer überzeugenden Debatte fühlte. Als er vor dem Regierungsgebäude auf ein Live-Statement für "10 vor 10" wartete, rief ihm Pater Trauffer deutlich vernehmbar zu, dass es nur eine Frage gebe und dass in der Antwort inhaltlich keine Wertung vorgenommen werde.

Als sich sein Auftritt immer wieder verzögerte, zeigte er erstmals an diesem Abend einen durchaus basisnahen Anflug von Humor. "Die meinen wahrscheinlich, ich sei Federer, und bringen mein Statement im 'Sport'."

* Am 31. Oktober 2005 im Landratssaal in Liestal.

31. Oktober 2005

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"An den mittelalterlichen Machtspielen hat sich nichts geändert"

Es wäre einfacher und für die Kirche wohl in jeglicher Hinsicht besser, zwei verbissene Herren der Bistumsleitung zu verlieren als zwei ganze Kirchgemeinden. Allerdings löst auch ein solcher Schritt die grundlegend im Mittelalter und davor verankerten Probleme der römisch-katholischen Kirche nicht. Der Film über Luther hat mich (am Abend der Synode) lebhaft daran erinnert, dass sich die Machtspiele seit jener Zeit nicht geändert haben - und wohl in einer derart hierarchischen und absolutistischen Organisationsform auch nicht ändern lassen.

Rolf Keller
Basel



"Ich erwäge ernsthaft den Kirchen-Austritt"

Eines ist für mich klar. Wenn der beliebte und ausgezeichnete Pfarrer Sabo nicht mehr weiter sein Amt in Röschenz ausüben kann und darf, erwäge ich ernsthaft einen Austritt aus der Kirche. Mir graut es vor der Tatsache, dass ich mit der Zahlung der Kirchensteuer das Treiben der Kirchenoberhäupter noch mitfinanziere. Das Handeln des Bischofs Kurt Koch und seines Generalvikars Roland Trauffer, nur um letztlich Pfarrer Sabo loszuwerden, ist mit dem religiösen Gedankengut nicht mehr vereinbar und verdient keinen Respekt mehr. Glaubwürdigkeit und Respekt können sich die Oberhäupter der Kirche nur noch holen, wenn Sie endlich ihre Fehler eingestehen und sich entschuldigen, was letztlich nichts anderes als menschlich ist. Fehler macht jeder und keiner ist unfehlbar.

Samuel Wehrli
Pratteln



"Aufgeblasene religiöse Fragen greifen auch in der Schweiz Platz"

Was für eine Korinthenkackerei, mit dem vorläufigen dramatischen Höhepunkt einer viereinhalbstündigen Synode, welche einen gutschweizerisch unwirksam moderaten Beschluss erbrachte, worauf die Kabbale weitergeht. (Morgen müssen wir das wieder nachlesen, wir Zeitungsleser.)

Für einen Nicht-Theologen, Nicht-Kirchgänger, effektiv also Teil der absoluten Mehrheit, ist die Usurpation der nationalen Medien durch einen Konflikt zwischen dem Vereinspräsidenten und einem seiner Trainer nicht mehr nachvollziehbar. Wann wird Sepp Blatter (Entschuldigung: Papst Beneditkt der Wievielte) persönlich eingreifen?

Geht es hier um die Eindämmung blutiger Konflikte? Um die Massnahmen, mit denen man der Zerstörung des Erdballs entgegenwirkt? Um wirklich dramatische Dinge wie Korruption, Diktatur, Ausbeutung? Nein. Röschenz gegen Solothurn. Zwischenstand 8:8. (Liga unbekannt.)

Tatsache ist, dass ein Mitarbeiter mit Pädophilie-Vorwurf gemobbt werden sollte. Das wäre auch in einer Bank ziemlich hässlich. Und darum kümmern sich hoffentlich weltliche Gerichte.

Der Rest ist wurst. Schwule lieben sich und sollen sich etwas versprechen und halten können. Frauen können jeden Job machen, den Männer auch machen können. Bumsen ist schön, vor-, neben-, ausser- und innerehelich, vielleicht nicht für eingemachte Katholiken. (Selber schuld.) Aber kaum einklagbar. Nicht mal nach Kirchenrecht.

Wenn wir uns so wundern oder aufregen oder fürchten vor dem Islamismus, dann sollten wir vielleicht einmal nach Röschenz oder Solothurn schauen. Bevor der erste Selbstmord-Attentäter Mariastein in die Luft jagt.

Ich bin beunruhigt, dass aufgeblasene religiöse Fragen auch in der Schweiz Raum greifen.

Urs Eberhardt
Basel



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