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"Böses Erwachen": Ärztefehler-Opfer und Buchautorin Evelyne Stäheli

"Zuerst das Gute: Es gibt nirgends einen Krebs!"

"Nabelnarbe" - Evelyne Stähelis Buch zu einer verhängnisvollen Fehldiagnose

VON PETER KNECHTLI

Der Basler Ergotherapeutin Evelyne Stäheli wurden vor acht Jahren in einem Basler Spital Gebärmutter und Eierstöcke heraus operiert. Grund war eine Krebs-Diagnose. Doch hinterher zeigte sich, dass der vermeintliche Tumor bloss ein Myom war. Jetzt hat das Spital-Opfer den verhängnisvollen Eingriff in einem Buch unter dem Titel "Nabelnarbe" literarisch verarbeitet.

Am Anfang steht ein erbsengrosser Knoten am Bauchnabel, der sich allmählich rötet. Der Hausarzt weist Evelyne Stäheli für eine Gewebeprobe zum Dermatologen. Der Biopsie-Befund im Labor der dermatologischen Universitätsklinik: Eine mögliche Metastase eines Tumors, von dem nicht bekannt ist, wo er sich befand. Im Claraspital beginnt die Suche nach dem, was die Ärzte als "Primärtumor" identifizierten. Die damals 38-jährige Patientin sieht sich mit einer lebensbedrohenden Diagnose konfrontiert: Eierstock-Krebs. Sie willigt schliesslich in den Vorschlag der Ärzte ("es ist höchste Zeit") ein, die Gebärmutter und beide Eierstöcke operativ zu entfernen.

"Aufrütteln, aufzeigen, niemanden schonen"

Evelyne Stäheli, heute 46-jährig, hat ihre Geschichte soeben in einem Buch "Nabelnarbe - eine medizinische Farce" (Pep+No Name Verlag, Basel) öffentlich gemacht. Den 72-seitigen Band versteht sie als "literarisch verarbeitetes Zeugnis", das "aufrütteln, aufzeigen und fragen soll, ob Ähnliches heute auch wieder passieren könnte". Rache-Gedanken, sagt die Autorin, "hatte ich nie". Es sei ihr aber "ein grosses Anliegen gewesen, die Wahrheit heraus zu finden und dabei niemanden zu schonen". Am Anfang sei das Schreib-Projekt "eine Selbstaufarbeitung" gewesen. "Dann bemerkte ich, dass diese Geschichte nicht nur mich betrifft, sondern dass sie eine Variation des Erlebens rund um das Thema Krebs darstellt." Dies dokumentiert das Buch an zwei an Krebs erkrankten Zimmernachbarinnen, die die Autorin während eines Abschnitts ihrer Spitalgeschichte jede auf ihre Art zweifelnd und von Ängsten geplagt begleiten.

Die Wahrheit war das "böse Erwachen nach der Operation", als sich "in einem verwirrenden Prozess herausstellte, dass die Sachlage nicht so war, wie wir annahmen". Der chirurgische Oberarzt traf die Patientin im Krankenzimmer und rapportierte: "Zuerst das Gute: Es gibt nirgends einen Krebs. Aber leider eine Fehldiagnose der ersten Biopsie vom Knoten im Bauchnabel." Der Knoten erwies sich hinterher als keine Metastase, sondern eine gutartig vergrösserte Schweissdrüse. Auch das Myom hinten auf der Gebärmutter war gutartig. Er sei "unglücklich" darüber, eröffnete der Chirurg der Patientin, ihr gesunde Eierstöcke "entfernt" zu haben.

Das Buch zur "medizinischen Maschinerie"

Das Faktum, dass sie als gesunde Patientin ("Ich glaubte an das Spitalwesen") in eine sich verselbständigende "medizinische Maschinerie" geriet, die ihren langen Kinderwunsch unwiderruflich zunichte machte, verarbeitet Evelyne Stäheli in ihrem soeben vorgelegten Buch "Nabelnarbe" in szenischer und lyrischer Form. Den Band hat die Autorin selbst illustriert: Lockere Gase-Strukturen in unterschiedlicher Form, die unweigerlich an Organe oder Organfraktionen erinnern. Ausser Fragezeichen enthält die Schilderung kaum Satzzeichen. Die gewählte Form vermittelt Lesenden in packender Art die Hilflosigkeit und das Ausgeliefert-sein im Medizin-Betrieb, ist subjektiv und literarisch, nicht dokumentarisch, nennt keine Örtlichkeiten und keine Namen. Einzig aus einer Passage, die das Eindringen von Autobahnlärm ins Krankenzimmer offenbart, lässt sich erkennen, dass es sich um das Basler Claraspital gehandelt haben muss. Obschon die Autorin ihre Geschichte weitgehend im Krankenbett aufnahm, klagt sie nicht persönlich an. Aber ihre Schilderung packt auf beklemmende Weise.

Zeit zog ins Land, bis sie sich entschied, das von vielen Freunden gelesene Manuskript auch acht Jahre nach der leidvollen Erfahrung zu veröffentlichen. "Ich spürte aus dem Reaktionen, dass die Verkettung von anfänglichen Fehlern, die nicht mehr überprüft wurden, viele Leute bewegte."

"Manchmal kommt noch Wut hoch"

Das "Ausmass der Fehler" war Evelyne Stäheli bei der Entlassung aus dem Spital noch nicht klar. In die "Entfernung" von Geschlechtsorganen hatte sie aufgrund der irrtümlichen Aussage der Ärzte eingewilligt, dass ein Verzicht auf die Operation lebensbedrohlich sei. Im Alter von 26 Jahren zeigte sich bei Evelyne Stäheli erstmals der Kinderwunsch, später gründete sie eine Selbsthilfegruppe von Paaren, die ungewollt kinderlos waren. Von ihrem Mann, mit dem sie seit 18 Jahren verheiratet ist, sei sie damals wie auch heute "immer sehr unterstützt" worden, sagt sie.

Wie beurteilt sie aus der Distanz ihr Verhältnis zu den Fachleuten, die fehldiagnostizierten und Hand an sie legten? Ihre Haltung ist differenziert: "Manchmal kommt noch Wut auf die Ärzte hoch, die den Fall erst vertuschen wollten. Ich sehe die Ärzte aber auch als Leute, die mir helfen wollten und sich dabei verstrickten." Der operierende Arzt entschuldigte sich bei der Patientin ("ich spürte, dass er auch erschüttert war"). Weder er noch der damalige Chefarzt der Chirurgie ist heute noch im betreffenden Spital tätig.

Evelyne Stäheli liess ihren Fall durch mit Hilfe der "Patientenstelle" nochmals gutachterisch aufrollen, wodurch laut ihren Angaben "mehrere Fehler auf verschiedenen Ebenen" aktenkundig wurden. Schliesslich erhielt Evelyne Stäheli eine fünfstellige Genugtuungssumme ausbezahlt. Doch rückgängig machen liess sich damit ihr Schicksal nicht. Wie geht die Autorin heute mit der Fehldiagnose und ihren Folgen um? "Ich bin aus dem Opfer-Status heraus getreten. Aus meinem heutigem Lebensgefühl heraus habe ich den Eindruck, dass ich meinen Fall recht gut verarbeiten konnte."

Das Vorwort schliesst mit dem Satz: "Inzwischen bin ich acht Jahre älter geworden und lebe sehr gerne."


> TEXTPROBE

hätten sie denn noch kinder gewollt?
fragt mich schwester nadine über der entblössten wunde
und streicht mit einem orangen desinfektionsmittel
sorgfältig dem roten wundrand entlang
ich überhöre ihre frage - viel zu beschäftigt
mit mir selber
ohne nabel von unten nach oben zugenäht
kommt mein bauch mir künstlich vor
ohne nabel fehlt mir das zeugnis
meiner menschlichen geburt



Lesung: Evelyne Stäheli liest aus ihrem Buch "Nabelnarbe" am Mittwoch, 2. März, um 20 Uhr in der Birsig Buchhandlung, Hauptstrasse 104, in Binningen.

Nabelnarbe: Evelyne Stäheli, Pep+No Name Verlang. 2005. 72 Seiten gebunden. 26 Franken.

8. Februar 2005

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