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"Bilder, die den Atem stocken lassen": Digitaler Ermittler

Porno und Gewalt im Internet:
Hintermännern und Kunden auf der Spur

Auf Cyberstreife: Internet-Polizisten des Bundes über die Schultern geschaut

VON ELSBETH TOBLER

Mehrere hundert neue Verdachtsfälle von Kinderpornografie haben Schweizer Ermittler vor wenigen Tagen bekannt gemacht. Die Internetkriminalität hat im ersten Halbjahr 2004 markant zugenommen. Deshalb schlagen Kinderschutzorganisationen, Cyberfahnder und Strafverfolger weltweit Alarm. Eine Spezialeinheit von staatlichen Internetfachleuten sitzt auch in Bern.

Es gibt Bilder, die den Atem stocken lassen. Sie prägen sich ein in unser Gedächtnis, als Last. Mit solchen Szenen werden Cyberfahnder jeden Tag konfrontiert. Bilder von kleinen Mädchen, die in tristen Hinterzimmern sexuell missbraucht werden. Quälereien an halbwüchsigen Jungs. Kinder mit Stricken um Hals und Hände, mit Brandwunden und Hämatomen am ganzen Körper. Manchmal sogar Säuglinge, die misshandelt wurden. Die Fahnder wissen von Eltern, die ihre Tochter an einen Pornoproduzenten verkauft haben. In Videoproduktionen entdecken sie Menschen, die um ihr Leben flehen. Und um ihre Würde.

Ein Medium ohne Grenzen und Visumspflicht

Keine andere technische Entwicklung hat in nur zehn Jahren die Welt so stark verändert wie das Internet. Ein Medium ohne Grenzen und Visumspflicht, ohne Zeitzonen und Geschäftszeiten. Es gewährt Zutritt für jedermann und jederzeit. Wissen und Informationen, Meinungen und Neuigkeiten sind stets nur ein paar Mausklicks entfernt. Die Kehrseite der Medaille: Das weltweite Datennetz ist auch zum Sammelgefäss für alle Arten menschlicher Abgründe und krimineller Energien geworden. Ob Wirtschaftsdelikte, Virenattacken, Hasspamphlete, Terroranweisungen oder Drogenhandel – im Schutz der scheinbaren Anonymität des Netzes ist nichts unmöglich. Doch von allen kriminellen Machenschaften im Web rufen Gewaltdarstellungen und Kinderpornografie die Schweizer Cyberfahnder am häufigsten auf den Plan.

Bern. Das unscheinbare Gebäude der nationalen "Koordinationsstelle gegen Internetkriminalität" (Kobik) liegt in einem Aussenquartier. Der Weg zu den Büros führt durch einen schmalen Korridor. Ein Surfbrett schmückt symbolisch die weisse Kalksteinwand. Die kleinen Büros sind mit Hochleistungsrechnern, Bildschirmen und Druckern vollgepackt. Kabelstränge quellen aus den Geräten.

Seit Anfang 2003 sind hier Fachleute aus der Deutschschweiz, der Romandie und dem Tessin im Internet auf Streife. Das Team – Juristen, Journalisten, Polizisten und IT-Spezialisten – spürt unter der operativen Führung von Kobik-Leiter Philipp Kronig strafbare Missbräuche des Internets auf (Monitoring). Es koordiniert und sortiert Verdachtsfälle (Clearing) und erstellt national angelegte Analysen der Internetkriminalität. Dabei beschränken sich die Cyberfahnder auf Websites und Webforen, die einen Inlandsbezug aufweisen bzw. von Schweizern frequentiert werden oder erstellt wurden. Verstösse ausserhalb dieser Bereiche werden an die zuständigen ausländischen Ermittlungsbehörden weitergeleitet. Über die Homepage der Koordinationsstelle können Meldungen über suspekte Webinhalte anonym zugeleitet werden. Bis zu 700 solcher Hinweise gehen monatlich bei der Kobik ein.

"Vor allem der Anfang war hart"

Mauro Vignati gehört seit Februar 2003 zur Spezialeinheit. Der gebürtige Tessiner arbeitete nach dem Studium der Literatur und Journalistik in Fribourg als Journalist für den "Corriere del Ticino", bevor er zur Kobik stiess. Ein besinnlicher Südschweizer in Anzug und Krawatte, der ein sympathisches gebrochenes Schweizerdeutsch spricht und sich in seiner Freizeit am liebsten literarischen Vorlieben und dem Sport via Fernsehen widmet. Was brachte den 30-Jährigen dazu, sich bei der Cyberpolizei zu bewerben? "Eine Mischung aus Interesse am Recherchieren, der Passion für Hintergründe und natürlich für Bits und Bytes", erklärt er.

Vignati spricht ruhig über seine Arbeit und die Bilder, die er täglich sieht. Doch hin und wieder bröckelt der Schutzwall. "Besonders zu Beginn war es hart", sagt er. Es sind nur kurze Momente der Filme, die er sichtet. Sekundensequenzen. Doch wem geht das Leid gequälter Kinder nicht nahe. Jeder Mitarbeiter durchläuft eine spezielle Ausbildung. Was sie innerlich bewegt, kommt in Diskussionen untereinander zur Sprache. Wird die Belastungsgrenze überschritten, steht ihnen psychologische Hilfe zur Verfügung. Ob er seiner Partnerin von seiner Arbeit erzählt? "Wenig, es würde sie zu sehr belasten." Vignati ist immer dann erleichtert, wenn er Erfolg bei der Recherche hat, wenn es zu Verhaftungen von über das Internet ausfindig gemachten Straftätern kommt.

Gesucht: Menschliche Teile zum Verspeisen

Kurz vor 10 Uhr sichtet Mauro Vignati die Verdachtsmeldungen der vergangenen Nacht. Bei einer obskuren Botschaft hält er inne: Ein Mann mit dem Spitznamen "Mac"* sucht in einer Newsgroup nach menschlichen Teilen zum Verspeisen und nach Zuschauern. Ist "Mac" ein Trittbrettfahrer des Kannibalen aus dem deutschen Kassel, muss man ihn ernst nehmen oder pflegt er "nur virtuell" seine Neigung zum Kannibalismus? "Die Internet-Inhalte werden zuerst auf ihre Verfügbarkeit überprüft. Das heisst, man prüft nach, ob sie noch online sind", erläutert Vignati. Dann analysieren die Cyberfahnder, ob ein Sachverhalt strafrechtlich relevant sein könnte und welche Behörden sich damit zu beschäftigen haben.

Kannibalismus ist hierzulande kein Straftatbestand. Der Monitoring-Spezialist vermutet, dass der Absender seine Spur zu verwischen versucht: Er könnte einen Rechner oder Namen missbraucht haben, um sich zu tarnen. Doch Vignati kann die Internet-Protokoll-Adresse (IP-Adresse) des Autors eruieren. Die Spuren führen über die zuständigen Internetprovider in die Innerschweiz und nach Deutschland. Laut Juristin und Analytikerin Eva Bollmann verfügt die Kobik über keine Personendatenbank. Die Identität des Internetzugangs resp. der verantwortlichen Personen dahinter, kann nur über weitere Ermittlungen in einem eröffneten Strafverfahren geklärt werden. Die E-Mail-Boxes selbst dürfen erst auf richterliche Anweisung hin geöffnet werden.

Eine Stunde später beginnt die Clearingabteilung mit einer ersten strafrechtlichen Wertung im Fall "Mac". Bestätigt sich der Verdacht auf einen Straftatbestand, gehen Analysenrapport und Printscreen sofort an die zuständige kantonale Strafermittlungsbehörde und an Interpol. In der Schweiz kümmern sich dann kantonale Internetspezialisten um den Fall. Aber auch die klassische Fahndung mit Hausdurchsuchung kommt vielfach zum Zug: Die Sicherstellung von Beweismitteln wie Speichermedien, Videobänder und CDs.

Die Suche nach Straftätern – eine Sisyphusarbeit

Allein in der Schweiz wurden im vergangenen Jahr von Kobik rund 100 Verdachtsfälle im Web an die zuständigen kantonalen Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet, wobei in 98 Prozent davon weitere Ermittlungen durchgeführt wurden. Quervergleich über die Grenze für das Jahr 2002: 881 weltweite Verdachtsfälle haben die Kollegen des Bundeskriminalamts BKA Wiesbaden in ihrer Zentralstelle für anlassunabhängige Recherchen in Datennetzen (ZaRD) eruiert. 790 davon gelangten zur Anzeige, darunter auch ausländische Funde.

Eine grosse Menge? Das World Wide Web wächst jeden Tag um Tausende von Pornoseiten, viele davon mit strafbaren Inhalten. Auch in der Schweiz bewegen sich unzählige User im Tauschnetzwerk "Peer to Peer" (P2P), nicht zuletzt, um Gewaltvideos und Kinderpornos herunterzuladen. Damit begeben sie sich auf strafrechtlich relevantes Terrain. "Denn in der Schweiz sind seit 1. April 2002 nicht nur die Herstellung und der Vertrieb, sondern auch der Besitz von sexuellen Darstellungen mit Kindern strafbar", erläutert Eva Bollmann. Geahndet wird dabei das Ausdrucken oder der Download solcher Inhalte. Das blosse Betrachten ist hingegen straffrei.

Verdächtige Dateien protokollartig gespeichert

"Jeder Täter", so Vignati, "hinterlässt im Netz eine Spur." Tag und Nacht sind ihnen die Cyberfahnder IT-gestützt auf den Fersen. Eine spezielle Software sucht automatisch nach illegalen Dateien, die unter bestimmten Schweizer IP-Adressen angeboten werden. Sie identifiziert, welche Rechner über eine bestimmte Adresse angepeilt werden und wer sie verwaltet. Das Programm sichtet Serverstandorte und speichert automatisch die Daten. Dabei muss der Netzfilter mit den "einschlägigen" Schlüsselwörtern laufend adaptiert werden. Und alle verdächtigen Daten werden sofort gesichert. "Bis über die justizielle Rechtshilfe entschieden ist, haben die Tatverdächtigen womöglich den Internetdienst oder die Webinhalte gewechselt", erklärt Eva Bollmann. Aus diesem Grund speichere die Kobik protokollartig einzelne verdächtige Dateien zu Beweiszwecken.

Es ist inzwischen 11 Uhr. Wieder ein Recherchiererfolg: Vier Dateien, die anhand von ausgewählten Begriffen durch den Suchfilter aufgespürt wurden, scheinen verdächtig. "Höchstwahrscheinlich Inhalte, die im Besitz von Pädokriminellen sind", sagt Vignati. Kaum hat er die Filme heruntergeladen und ein paar Sequenzen gesichtet, bestätigt sich sein Verdacht. Erschütternde Filme mit Kindern als Sexobjekten, gedreht in armseligen Hotelzimmern.

Fahnder schleusen sich in die Szene ein

Um an Anbieter solcher Machwerke heranzukommen, müssen sich die helvetischen Cyberfahnder wie im Internet üblich unter Pseudonym in der Szene bewegen. "Als Agents Provocateurs dürfen sie allerdings nicht auftreten, das heisst, sie dürfen selbst keine kinderpornografischen Bilder anbieten oder andere Straftaten zur Tarnung begehen", erläutert Eva Bollmann. Ebenso in Deutschland. "Hier können die Fahnder zwar bis zu einem gewissen Grad selbst als Interessenten auftreten und strafbare Inhalte herunterladen bzw. Angebote zum Beispiel von Pädophilen annehmen", so die Pressestelle des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden. Strafbare Handlungen, etwa Tauschangebote, sind jedoch ebenfalls tabu.

In den USA dagegen dürfen sich Cybercops uneingeschränkt als Käufer und Verkäufer einmischen. So sassen, nachdem die Verantwortlichen der Internetfirma Landslide im Frühjahr 2001 verhaftet worden waren, FBI-Agenten an den Computern der Landslide Productions und bedienten gegen Geld gut 300'000 Pädokriminelle aus aller Welt: einen 52-Jährigen, der Videobänder "mit mässig gefolterten Mädchen unter zehn Jahren" bestellte, ebenso wie den Mann, der sich aus dem Landslide-Katalog ein zwölfjähriges Mädchen aussuchte und in sein Hotel bringen liess.

Auch rund 1'000 Schweizer orderten auf diesem Weg über Kreditkarten Kinderpornos. Doch statt des Bestellten kam die Polizei. Der Fall Landslide und die dadurch ausgelöste nationale Operation gegen Kinderpornografie mit dem Namen "Genesis" haben hierzulande zu einem neuen Bewusstsein für Cyberkriminalität geführt.

"Nicht gewusst": Immer wieder gleiche Ausreden

12.30 Uhr. Eva Bollmann und Mauro Vignati erzählen während der Mittagspause, auf welche verblüffenden Ausreden die Ertappten immer wieder verfallen. Ein Verdächtiger gab vor, nicht zu wissen, "wie die Pornografiebilder auf dem Datenträger gelandet sind". Bei einer Hausdurchsuchung entdeckte die Polizei weitere x-Tausend kinderpornografische Darstellungen auf seinem Rechner. Angebliches "Sammeln aus soziologischem Interesse" lautete eine andere Begründung. Die Ermittler beschlagnahmten hier 300 pornografische Erzeugnisse.

In Chatrooms und Newsgroups werden die Fahnder am häufigsten fündig. Pädokriminelle nutzen unter anderem diese Plattformen, um sich anonym zum Datenaustausch zu verabreden. Codewörter, mit denen Interessenten an kinderpornografisches Material gelangen können, werden in der Szene wie Gold gehandelt.

Reale Aufklärungs-Chance

"Ergeben sich Hinweise auf Täter in der Schweiz, gibt es eine reale Chance, den Fall aufzuklären", so Eva Bollmann. Bei 80 Prozent der Meldungen führen die Spuren aber ins Ausland. Die Anbieter stammen grösstenteils aus Russland, der Ukraine und Asien. Viele Webserver stehen zudem in den USA. Erkenntnisse aus Kobik-Recherchen werden an die ausländischen Ermittlungsbehörden weitergeleitet. Pädokriminelle stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Ausser dass es sich in aller Regel um Männer handelt, gibt es laut Kobik keine allgemeinen Erkennungsmerkmale.

Die Grenze zwischen Konsument und Produzent ist in den so genannten Kinderpornografie-Ringen laut Experten häufig fliessend. Und die Beteiligten wissen, wie man Botschaften versteckt. Dass sich im Bild vom Sonnenaufgang oder Badeurlaub vielleicht ein Foto von einem gefolterten oder missbrauchten Kind verbirgt, fällt oft niemandem auf. Über die Opfer erfahren die Fahnder kaum etwas. Wo die Bilder aufgenommen wurden, lässt sich ebenfalls am ehesten aufgrund der erkennbaren Umgebung herausfinden. Aufgrund der Gesichtszüge oder geschundener Hände von Kindern lassen sich grobe Herkunftsvermutungen anstellen.

Operatoren sollen gewisse Sicherheit garantieren

14 Uhr. Zurück im Büro. Vignati loggt sich präventiv unter dem Pseudonym "Sergio" in den italienischen Kinderchat "Lessmo"* ein. Er entdeckt, wie sich Mädchen und Knaben im Schutzalter unter ihrem richtigen Namen, mit ihrer E-Mail-Adresse und Foto präsentieren. Aus Sicherheitsgründen macht er den Provider darauf aufmerksam. Viele Netzanbieter wie Bluewin installieren von sich aus zur Überwachung schon so genannte Operatoren in registrierten Chaträumen.

Denn die Tricks der Täter sind dreist. So surfen sie in Foren, in denen sich Kinder über die neuesten PC-Spiele, ihre Stars, die Schule und die erste Liebe austauschen. Die britische Kinderhilfsorganisation National Child Home (NCH) hat 2003 ein Thesenpapier veröffentlicht, nach dem das Internet für einen starken Anstieg der Kinderpornografie verantwortlich ist. Es schaffe nicht nur die technischen Möglichkeiten, heisst es, immer mehr Pädokriminelle nutzten es auch, um an Kinder heranzukommen. Fachleute warnen: Online-Bekanntschaften werden selbst von sonst vorsichtigen Kindern oft mit wirklichen Freunden verwechselt.

Prävention und die Sensibilisierung

Neben der Cyberstreife ist auch die Prävention und die Sensibilisierung der Webnutzer eine wichtige Aufgabe der Internetpolizei. Zu diesem Zweck werden laut Kobik-Kommissar Peter Mägli Vortragsreihen und Kolloquien veranstaltet. Ausserdem könnten Kinder vor Gewalt und Pornografie geschützt werden, indem man mit frei erhältlichen Filterprogrammen den Zugang zum Internet reguliert. Doch letztlich ist es entscheidend, den Menschen Perspektiven und eine Orientierung zu geben. Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Respekt und Vertrauen zu vermitteln - als Gegenpol zur reizüberfluteten Erlebnisgesellschaft. Durch immer neue Erfahrungen und Technologien verändert sich auch das Berufsfeld der Internetfahndung. Permanente Aus- und Weiterbildung sind laut Mägli deshalb für Cyberfahnder äusserst wichtig.

Die Webpatrouille nimmt auch andere Netzdelikte ins Visier, unerlaubte Angriffe gegen Computersysteme, Urheberrechtsverletzungen, Kreditkartenmissbrauch sowie Web-Dialer, mit denen Abzocker Internetzugänge manipulieren. Auch Spam-Mails geraten ins Blickfeld der Fahnder, dann zumindest, wenn sie eine Rechtsverletzung beinhalten. Gewisse Absender dieser unverlangt eingehenden Werbemails nutzen Wirtschaftsunternehmen oder soziale Institutionen auf ihre Weise missbräuchlich, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Legendär ist beispielsweise ein nigerianischer Täter, der Websites von Banken eins zu eins kopierte, mit wundersamen Prämien potenzielle Anleger zum Finanztransfer verleitete und sich dadurch kräftig bereicherte. Die Kobik rät, solche dubiosen Finanzbotschaften sofort zu vernichten.

Der Cybercop glaubt an seine Aufgabe

17 Uhr. Mauro Vignati streift noch immer durch die virtuellen Welten, über geheime Websites, durch Chaträume und Newsgroups, die Stammtische des Internets. Der Cyberfahnder blickt nachdenklich aus dem Fenster. Ein Idealist? Ein Pragmatiker? Etwas von beidem. Anders geht es wohl nicht. Mauro Vignati und seine Kollegen verstehen sich nicht als Sittenwächter der digitalen Welt. Aber sie erfahren bei ihren Recherchen im Netzwerk der Pädokriminellen, dass das Internet die Menschen noch unverfrorener macht. Um dem permanenten Druck standzuhalten, muss der Cyberfahnder an seine Aufgabe glauben. Es spornt Vignati an, wenn er einen Vortrag vor Eltern hält und diese anschliessend mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. "Sie wissen nun, dass es Wege gibt, ihre viel surfenden Kinder vor negativen Erfahrungen zu schützen, etwa durch Aufklärung und die präventive Begrenzung des Zugriffs auf das Internet."

*Name geändert


> BESITZ VON HARTER PORNOGRAFIE STRAFBAR


etb. Der Kampf gegen Kinderpornografie war ein wichtiges Argument für die Einführung des Internet-Monitorings in der Schweiz. 2002 wurde auch der Besitz von harter Pornografie unter Strafe gestellt (Art. 197 Ziff. 3 StGB). Die Schweiz hat zudem die "Cybercrime Convention" des Europarats unterzeichnet, um auch international die Internetkriminalität zu bekämpfen.

Die nationale Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) ist dem Bundesamt für Polizei unterstellt. Sie wird zu einem Drittel vom Bund und zu zwei Dritteln von den Kantonen finanziert. Der Kanton Zürich hat sich bis anhin aus politischen Spargründen nicht daran beteiligt.

Über www.cybercrime.admin.ch können Surfer auf verdächtige Webinhalte anonym hinweisen. Strafrechtlich relevant sind Angebote von sexuellen Handlungen mit Kindern, mit Tieren und menschlichen Ausscheidungen sowie alle Formen von Gewalt, Extremismus, Rassismus und weitere Straftatbestände.

Verantwortlichkeit im Internet

Laut Bundesratsbeschluss vom November 2003 soll die strafrechtliche Verantwortlichkeit für illegale Internet-Inhalte neu im Strafgesetzbuch (StGB) geregelt werden. Empfehlungen für die Umsetzung dieser Ziele will das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement 2004 in die Vernehmlassung schicken. Gemäss einer Expertenkommission sollen in Anlehnung an die E-Commerce-Richtlinien der Europäischen Union künftig der Autor und der Content-Provider (Inhaltsanbieter) für die von ihnen ausgehenden Internetinhalte voll verantwortlich sein. Der Hosting-Provider (der den Content-Providern den Internetserver zur Verfügung stellt) soll nur beschränkt haftbar sein, etwa wenn er von Dritten erhaltene Hinweise nicht an die Strafverfolgungsbehörden weiterleitet. Der Access-Provider (Zugangsvermittler) hingegen soll für illegal zirkulierende Inhalte nicht strafrechtlich belangt werden können.

Der Bundesrat will auch Ermittlungsmöglichkeiten prüfen. In einer ersten Phase der Strafverfolgung sollen die zuständigen Behörden des Bundes Koordinationsaufgaben wahrnehmen und einzelne dringend notwendige Ermittlungen anordnen können. Dadurch sollen die Untersuchungen vor allem in kantonsübergreifenden und internationalen Fällen effizienter werden. Grundsätzlich sollen die Kompetenzen der kantonalen Strafverfolgung jedoch erhalten bleiben. Umsetzungskonzepte dazu will das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement in diesem Jahr in die Vernehmlassung schicken.

(Quelle: Bundesamt für Justiz, Information und Kommunikation).



> E-MAIL-DATEN WERDEN GESPEICHERT


etb. Das Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) verlangt von Internetanbietern, dass sie die für die Teilnehmeridentifikation notwendigen Daten sowie die Verkehrs- und Rechnungsdaten (unter anderem IP-Adresse des Senders, Datum und Zeit des Mailverkehrs) ihrer Kunden speichern und sechs Monate aufbewahren (Art. 15, Abs. 3). Bei einer "Echtzeitüberwachung", also bei der Datenerhebung der in der Gegenwart stattfindenden Kommunikation, wird darüber hinaus auch der Mail-Inhalt gesichert. Die Überwachung der Internet-Zugänge über Telefonanschlüsse trat laut Verordnung zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs VÜPF am 1. April dieses Jahres in Kraft. Sie fordert von den Providern Kundeninformationen wie Verbindungsbeginn bzw. -ende, Login-Daten und Verbindungsart (Art. 36, Abs. 4.).

Quelle: Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

22. September 2004

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"Aufwand für die Katze"

Meiner Meinung nach ist der Arbeitsaufwand, den die Fahnder betreiben, vergebene Mühe. Denn solange es in der Schweiz immer noch Richter gibt, die den Ernst eines solchen Falles nicht einsehen und deshalb viel zu milde Urteile sprechen, können wir Hunderte von Fahndern beschäftigen. Auch dass die ganze Angelegenheit immer noch ein Tabu ist, hilft in Sachen Aufklärung nicht weiter. Denken wir daran, dass die Möglichkeit besteht, dass plötzlich Ihr Kind das nächste sein könnte. Deshalb gilt es, jederzeit offene Augen und Ohren zu haben für die Anliegen unserer Kinder. Denn nur Kinder, die Geborgenheit und Zuhören von Ihren Eltern bekommen, können sich auch im Falle eines Missbrauchs Ihren Eltern mitteilen. Das Wichtigste jedoch ist: Glauben Sie Ihrem Kind!

Philipp Schopfer
Basel

 


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