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© Foto by Ruedi Suter OnlineReports

"Überall das Gleiche": Regenwaldschützer Karl Ammann am Satellitentelefon

"In Afrikas Regenwäldern braucht es Undercover-Aktionen"

Der Schweizer Ökonom und Regenwaldschützer Karl Ammann fordert für die bedrohten Regenwälder Afrikas einen Marshallplan

VON RUEDI SUTER

Wenn die Abholzung in den Regenwäldern des Kongo-Beckens weiter geht, wie bisher, droht den Pygmäenvölkern und zahlreichen Tierarten der Untergang. Brisant: Akteure der Fäll-Aktionen sind Holzkonzerne - auch mit Sitz in Basel. Der Schweizer Karl Ammann kämpft seit Jahren mit modernsten Mitteln gegen das Menschenrechts-Desaster. Am Donnerstagabend berichtet er im Rahmen der Basler "Afrikawoche" im Basler "Union" über die Zustände im grünen Herzen Afrikas. OnlineReports hat sich mit ihm getroffen.

OnlineReports: Regierungen, Holzkonzerne, Weltbank und IWF, ja selbst grosse Umweltorganisationen möchten sie am liebsten auf den Mond schiessen. Sie aber schlagen sie sich immer wieder als unabhängiger Regenwaldschützer in die abgelegenen Abholzgebiete des Kongobeckens, um zu beobachten, was die genannten Akteure dort tun oder eben nicht tun. Wie war denn ihre letzte Expedition in das besonders betroffene Dreiländereck Kamerun-Kongo-Zentralafrika? Sieht's dort auch bald aus wie auf dem Mond?

Karl Ammann: Noch ist es nicht ganz so weit. Diese Reise aber war verdammt hart. Es tauchten neue Probleme auf, die ich bislang nicht hatte. Ich musste über Südafrika von Kenia einfliegen, man liess mich 12 Stunden am Airport in Douala warten, bis man mir das Visum gab. Wir hatten einen Unfall, und je öfter ich diese Pisten befahre, auf denen die Lastwagen die riesigen Stämme aus dem Urwald zur Küste fahren, wird mir bewusst, wie gefährlich diese Strassen sind. Man geht ein grosses Risiko ein, weil auf den Holzfällerstrassen die Lastwagen viel zu schnell fahren und alle anderen Fahrzeuge zum Ausweichen oder Anhalten zwingen. Diese Reise war insgesamt deprimierend: Wir sahen vertriebene Pygmäen, Elefantenmassaker, Bushmeat-Märkte. Kurzum: Ich sehe nicht, wo man in den letzten zehn Jahren wirklich Fortschritte gemacht hat. Ich sehe vor allem Rückschritte.

"Wir sahen vertriebene Pygmäen, Elefantenmassaker, Bushmeat-Märkte."


OnlineReports: Rückschritte? Was verstehen Sie darunter?

Ammann: Wo man hinschaut, egal ob in Kamerun, im Kongo, in Gabun oder anderswo - überall spielt sich das Gleiche ab: Die Holzkonzerne arbeiten sieben Tage rund um die Uhr. Wenn man das zentrale Afrika kennt, wo praktisch nichts funktioniert, wo die Leute nicht gerne arbeiten, wo ein verdammt heisses Klima herrscht und man das Minimum tut, um zu überleben - wenn man dann diese Holzfirmen beobachtet, wie die 24 Stunden lang voll arbeiten, auch nachts im Scheinwerferlicht, dann wird es für jeden und jede klar: Hier wird so schnell wie möglich Profit gemacht, weil man nicht an die Zukunft glaubt. Man glaubt nicht, dass man in 30 bis 40 Jahren noch Holz einschlagen kann. Weil vielleicht wieder ein Bürgerkrieg ausbricht oder die Weltbank die Firmen zwingt, die Steuern zu erhöhen. Oder sonst irgend etwas schief läuft. Das muss die Mentalität dieser Unternehmer sein. Denn sonst würde der Regenwald nicht rund um die Uhr abgeholzt, zerkleinert und weggeschafft.

OnlineReports: Happige Vorwürfe, welche die Holzkonzerne rundheraus bestreiten. Ihre Bosse beteuern sogar, sie würden nachhaltig wirtschaften.

Ammann: Was immer man uns von dieser Seite über Nachhaltigkeit erzählt: Das sind Geschäftsleute. Und die haben Shareholders, die ein Maximum an Profit sehen wollen. Die Verantwortlichen werden an der Höhe des Profits gemessen - und nicht an ihrer umweltfreundlichen Einschlagart. Erst wenn diese mehr Profit abwirft, werden die Shareholders befriedigt werden können. So betreiben die Holzkonzerne eine mit Werbung verbrämte Verzögerungspolitik. Seit über zehn Jahren reden sie von einer "FSC-Zertifizierung", die Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit garantieren soll. So werden wir hingehalten, derweil die letzten Regenwälder Afrikas 24 Stunden am Tag dezimiert werden. Sie halten uns mit Gesprächen hin, signalisieren Einsicht, doch in Tat und Wahrheit machen sie rücksichtslos weiter.

OnlineReports: Aber die Holzkonzerne schaffen doch Arbeitsplätze: Sie bringen Handel, Entwicklung, Wohlstand.

Ammann: Ok, das ist ein wichtiger Punkt. Aber dann soll man mal eine Studie anfertigen über die langfristigen Vor- und Nachteile des Holzeinschlags - zum Beispiel in Afrika.

OnlineReports: Das fordern Sie als Ökonom ...

Ammann: Ja, ich möchte alle Aspekte des Holzeinschlags in Regenwäldern gerne einmal von unabhängiger Fachseite untersucht haben wissen. Die gesamten Kosten, und da rede ich nicht nur von Geld, sondern auch von den ökologischen Folgen des Abholzens. Also: Was passiert, wenn man die grössten und ältesten Bäume aus dem Wald herausholt? Was passiert mit dem Artenschwund? Und was mit den vertriebenen Pygmäen? Dies alles samt den Unfällen auf den Strassen, die Verschmutzung der Landschaft und der Flüsse mit Chemikalien aus den Sägewerken, die Verbreitung von Krankheiten, die Entwurzelung der Waldvölker: Das müsste alles zusammengezählt und mit den positiven Auswirkungen der Holzwirtschaft verglichen werden.

"Die einzige Entwicklung der Regierungen ist jene der Schweizer Bankkonten."


OnlineReports: Also mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, der Erstellung neuer Infrastrukturen, dem Zahlen von Steuern beispielsweise?

Ammann: Bestimmt. Dann aber müsste untersucht werden, was mit diesen Steuergeldern im Land tatsächlich geschieht. Bringen diese wirklich eine Entwicklung? Was gibt es dann an neuen Schulen, Spitälern und anderer Infrastruktur? Diese Fragen müssen zwingend gestellt werden. Denn: Wir haben nicht funktionierende Regierungen. Die sind so schlecht, dass ihre einzige Entwicklung jene der Schweizer Bankkonten ist, weil korrupte Beamte und Staatsführer das Geld ins Ausland schaffen. Wir aber sollten keine natürlichen Ressourcen wie Holz, Öl oder Mineralien aus diesen Ländern beziehen, solange Regierungen an der Macht ist, die keine langfristige Entwicklung für die eigene Bevölkerung garantieren.

OnlineReports: Sie rufen also nach verantwortungsvollen, ehrlichen und funktionierenden Regierungen. Vieles ist in Afrika aber nur über internationalen Druck zu erreichen, damit die Verantwortung gegenüber den eigenen Bevölkerungen und Ressourcen wahrgenommen wird. Dies wiederum provoziert den hässlichen Vorwurf des Neokolonialismus.

Ammann: Gut, schauen wir doch einmal die letzten 30 Jahre an in Afrika. Man hat den stillen diplomatischen Dialog zur Durchsetzung dieser Ziele versucht. Man hatte eine panische Angst vor dem Wort "Neokolonialismus". Die Amerikaner haben heute noch eine heillose Angst vor dem Wort "Sklave". Das waren die Hemmnisse. Doch schauen wir uns einmal die Realität in Afrika an. Es gibt vielleicht zwei, drei Länder, in denen man das Gefühl hat: Hier ist eine Stand erreicht, an dem eine sinnvolle Entwicklung möglich wäre. In den zentralafrikanischen Ländern aber, die ich regelmässig bereise, sehe ich keine derartige Entwicklung. Die Nutzung oder Ausbeutung der Bodenschätze bringen keine Entwicklung.

OnlineReports: Und weshalb nicht?

Ammann: Der Grund ist einfach: Die Regierungsqualitäten sind schlecht. Wessen Fehler das ist und ob wir da mehr hätten tun müssen nach der Kolonialzeit, lassen wir offen. Doch Tatsache ist, dass wir im Moment aus diesen Ländern die Bodenschätze herausholen, dies es später nicht mehr geben wird. Dann nämlich, wenn verantwortungsvolle Regierungen die Macht übernommen haben könnten. Diese Regierungen haben dann aber ein gewaltiges Problem, im Land noch etwas zu bewirken. Einfach darum, weil viele Rohstoffe von den Vorgängerinnen schon verschachert wurden und damit auch die finanziellen Mittel fehlen werden, um Entwicklung zu betreiben. Das Geld ist weg, und die Länder werden im Endeffekt viel ärmer sein als heute.

OnlineReports: Wo würden sie denn heute ansetzen?

Ammann: Nun, da müssten die grossen Spieler wie die USA, die EU, die Weltbank, der IWF und so weiter zusammensitzen und sich die meines Erachtens zentralen Fragen stellen: "Wie können wir die Qualität des Regierens in diesen Ländern anheben? Wie kann garantiert werden, dass das Geld aus dem Abbau der Rohstoffe ins Land zurückfliesst und eine nachhaltige Entwicklung garantiert?"

OnlineReports: Das hätte ja längst schon passieren müssen.

Ammann: Klar, aber es ist doch für uns alle viel einfacher, politisch korrekt zu sein . So dass uns der Begriff "Neokolonialismus" nicht einfach an den Kopf geworfen werden kann. Ein Beispiel: In Brüssel sagte man mir bei der EU: "Wir haben vor ein paar Jahren soviel Druck aufgesetzt in Kamerun wegen des Strassenausbaus. Wir haben genau das Gegenteil erreicht - trotz des Drucks wurden jetzt 50 Millionen Euro an Kamerun geliefert." Und dessen Regierung sagte: "Die EU hat kein Recht zu sagen, für welche Strassen das Geld einzusetzen ist." Im Klartext heisst das: "Vergesst Umweltverträglichkeitsprüfungen. Kamerun entscheidet sich, wie das Geld und für welche Strassen es eingesetzt wird." Klar, dass da wieder viel Geld in den Taschen der Entscheidungsträger und Regierungsleute verschwinden wird.

"Der Politiker gab mir ein Bier
und ein T-Shirt."


OnlineReports: Schwenken wir doch mal kurz nach Amerika und Asien. Sie haben ja auch diese Gebiete bereist. Auch dort hat es Regierungen unterschiedlicher Güte. Gibt es grundsätzliche Unterschiede im Vergleich zu Afrika?

Ammann: Afrika ist in mancher Beziehung ein Sonderfall. Ich war mehrmals in Indonesien, das ein sehr korruptes Land ist und seinen Wäldern mit den Orang-Utans furchtbar zusetzt. Aber dort profitieren die Menschen vom so genannten Fortschritt: Sie haben gute Strassen, Motorräder, Velos etc. Der Durchschnitts-Indonesier profitiert auch etwas von der Entwicklung, und als Besucher sieht man jedes Jahr, dass wieder etwas "vorwärts geht". So etwas sehe ich in Afrika einfach nicht. In Zentralafrika kommen Leute zu dir und sagen: "Jetzt haben wir wieder diese schlechte Regierung. Seit zehn Jahren haben wir sie jetzt und nichts wird besser." Dann antworte ich: "Aber ihr habt doch diese Regierung gewählt, mit internationalen Wahlbeobachtern. Und die sagten, diese Wahlen seien fair gewesen. Warum hast Du den Mann wieder gewählt?" Die Antwort: "Ja, der Politiker gab mir ein Bier und ein T-Shirt." Nun, wenn sich ein Politiker so Stimmen kaufen kann, dann kann ich nicht dem Politiker die Schuld geben. Dann muss die Bevölkerung besser ausgebildet werden, damit sie auch die Zusammenhänge besser versteht.

OnlineReports: Zurück zu den Holzkonzernen: Was werfen Sie ihnen konkret vor?

Ammann: Sie sind nur auf Profit aus. Alle Debatten um Nachhaltigkeit werden für die Konsumenten in den Industrieländern geführt. Aber in ihren internen Entscheidungsprozessen geht es um Gewinn und um nichts anderes. Sie behaupten, sie hätten kein Geld und machten keine Profite. So wie man eine Studie machen müsste, um zu sehen, was genau der Holzeinschlag ökonomisch der Firma und dem Land bringt, so könnte man genauso einen Buchhalter einstellen, der etabliert, was eine Firma wie die in Kongo-Brazzaville operierende CIB für Profite macht.

OnlineReports: Sie meinen die Congolaise Industrielle des Bois (CIB) des in Basel ansässigen Holzkonzerns tt-Timber International?

Ammann: Ja. Die CIB wie auch andere Holzfirmen sollen ihre Profite ausweisen, aber auch angehört werden. So, wie es etwa Greenpeace vorschlägt. Nicht, dass die Firmen dauernd behaupten können, sie machten keinen Gewinn. Die haben alle ihre Off shore-Firmen, und das Geld wird nie aufgezeigt in den Ländern, wo man wirklich Steuern zahlen müsste. Denn sie wissen genau, wie schlecht die Regierungsqualität in vielen afrikanischen Ländern ist.

"Beim illegalen Holzschlagen erwischt zu werden, ist viel interessanter."


OnlineReports: Das ist uns zu abstrakt. Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ammann: You know, wir haben einen französischen Holzunternehmer interviewt, der ehrlich war und uns in die laufende Kamera sinngemäss sagte: "Es kann in Afrika nicht legal eingeschlagen werden. Und wir wollen auch gar nicht, dass legal eingeschlagen wird. Es ist doch viel interessanter für die Regierungen, uns bei illegalem Einschlag zu erwischen. Dann zahlen wir Bussen, die in den Taschen verschwinden. Oder man macht einen Deal, zahlt – und die Sache ist vergessen. Keiner von uns schlägt legal ein." Wären die Firmen ehrlich und würden sie die schlechte Qualität der Regierungen zugeben, dann hätten sie keine Basis und müssten auch zugeben, dass die Steuern nicht in die Entwicklung fliessen. Sie sind also nicht ehrlich mit uns - aber auch nicht sich selber gegenüber.

Kamerun ist das einzige Land, das offen ist. Hier kann man zumindest in die Konzessionsgebiete reinkommen. In Gabun, Äquatorial Guinea und Kongo-Brazzaville kommen weder Weisse noch Schwarze an den Strassenkontrollen vorbei. Die Firmen sagen, sie seien verantwortlich für diese Gebiete. Diese Verantwortung setzen sie schnell um in Strassensperren mit Angestellten, die eine Polizeistaat-Mentalität haben. Sie sagen, sie würden den Buschfleischhandel kontrollieren. Doch die Kontrollposten kontrollieren vor allem, wer ins Gebiet rein will. Das scheint mir auch die Hauptproblematik mit den Holzeinschlag und den Holzleuten zu sein.

OnlineReports: Die Konzerne erklären ihre Konzessionen also zur Privatzone. Dies können sie aber nur mit Hilfe der Regierungen, die das unterstützen. In Kamerun und Kongo-Brazzaville versuchen nun grosse Umweltorganisationen wie der WWF und die amerikanische WCS, Holzfirmen und Regierungen mit einer Zusammenarbeit zur Raison zu bringen. Eine weise Strategie?

Ammann: Sicher nicht. Die Ausgangslage müsste doch so sein: Die Konzerne schlagen ihr Holz ein. Die Regierungen kontrollieren den legalen Einschlag und das Zahlen der Steuern. Und die Umweltorganisationen überprüfen die Konzerne und die Regierungen, ob der Einschlag nachhaltig erfolgt und nicht zu viel zerstört wird. Das wäre die Basis: Die drei Mächte würden sich gegenseitig kontrollieren. Doch in der Zwischenzeit liegen alle im Bett miteinander. Die Regierungen sind so schlecht, dass sie ihre Leute nicht zahlen, dass sie ihnen keine Transport- und Kommunikationsmittel geben. Will also ein Regierungsbeamter in einer der zumeist weit abgelegenen Holzkonzessionen überleben, dann muss er von den Firmen leben. Er lässt sich von ihnen herumfahren und wird von ihnen gefüttert. Würde er nicht beide Augen zudrücken, könnte er nicht überleben. Wir kennen Beamte, die Restaurants haben in den Holzkonzessionen. Mit ihrem Gewehr wird gejagt, und das Fleisch kommt ins Restaurant. Das ist alles "Normalzustand". Die Regierung kontrolliert nur dann die Firmen, wenn die Weltbank, Greenpeace oder Global Witness Druck ausüben.

OnlineReports: Sie halten also nichts von den viel gelobten Partnership-Deals der grossen Umweltorganisationen wie WWF oder WCS.

Ammann: Richtig, denn das ist die letzte Phase dieses Witzes. Da sagten die Holzleute den Umweltschützern: "Wir können erst richtig Holz einschlagen, wenn ihr uns sagt, auf welcher Seite der Baum fallen und die Strasse durchgeführt werden soll. Aber vom Tierschutz verstehen wir rein gar nichts. Wenn ihr etwas tun wollt, dann müsst ihr das selber machen und selber zahlen. Denn dafür haben wir kein Geld. Und Umweltorganisationen wie WWF und WCS haben das akzeptiert. Jetzt haben wir eine Basis, wo die ursprünglichen FSC-Kriterien praktisch nicht mehr diskutiert werden. Jetzt wird das Holz auf der reinen Chaine of custody-Basis gehandelt, die auch mal ein Teil des FSC war. Die rechtliche, die legale Seite ist durchlöchert. Und der Konsument hat den Überblick verloren.

"Die legen sich jetzt alle
miteinander ins Bett."


OnlineReports: Der WWF hat jetzt ein Programm in Zentralafrika, wozu ihm die EU zirka 5 Millionen Euro gab, um den Holzfirmen ein besseres Ansehen zu verschaffen.

Ammann: Genau, die legen sich jetzt ins Bett zusammen, und damit sind die Kontrollen nicht mehr da. Zudem hat jeder ein grosses Interesse zu erklären, es sei alles in Ordnung: Die Holzkonzerne, die Regierungen und die Umweltschutzorganisationen. Wenn man gemeinsam verkünden kann: "Wir haben 4'000 Schlingen eingesammelt." Dann genügt das. Ob aber die Jäger, denen man die Schlingen abnahm, ein paar Kilometer weiterzogen, um sie dort wieder zu legen, das kontrolliert niemand, und das weiss dann auch niemand. Wenn diese Kontrollen fehlen und weder Sie noch ich Auskunft erhalten, was genau geschieht mit dem Geld, den Kontrollen, den Steuern, dann fehlt der Sache der Sinn. Vor allem dann, wenn Steuergelder aus Deutschland, der Schweiz und der EU eingesetzt werden.

OnlineReports: Welche Umweltschutzorganisationen paktieren denn im zentralen Afrika mit den Holzkonzernen?

Ammann: Das sind zwei: Die WCS und der WWF. Die World Conservation Society begann mit diesem Partnership-Deal. Und der WWF merkte sehr schnell, dass da ein Haufen Geld zu holen ist. In Brüssel hörte ich, dass auch ECOFAC auf dieser Basis einsteigt. Einfach, um mit Holzleuten zusammenzuarbeiten und dem verbesserten, übrigens nicht richtig definierten Einschlag zum Durchbruch zu helfen. Ich höre dann immer wieder: "Nun, wir versuchen doch wenigstens etwas." Aber ist das gut genug, um Steuergelder zu investieren? "Etwas versuchen"? So lange wir das nicht wirklich wissen, darf es nicht akzeptiert werden.

OnlineReports: Und die Zeit läuft unterdessen davon.

Ammann: Ja. Das Traurige ist, all das geht schon seit über zehn Jahren so. Man spricht dauernd von neuen Stufen der Implementierung des nachhaltigen Einschlags – aber es passiert nirgends wirklich etwas. Wenn die im Kongo-Brazzaville holzende CIB des in Basel ansässigen Konzerns tt-Timber International sagt, sie wolle das Holz-Gütesiegel FSC, dann ist es doch eigenartig, wenn der deutsche CIB-Gründer Hinrich Stoll in einem Rechtsfall gegen den Verein "Rettet den Regenwald" unmissverständlich sagt: FSC komme in Afrika gar nicht in Frage. Das ist ein klarer Widerspruch.

"Es wird kein Druck mehr ausgeübt, kein Boykott mehr angedroht."


OnlineReports: Wie müssten denn ihrer Meinung nach Umweltorganisationen wie WWF und WCS in Afrika vorgehen?

Ammann: Die richtige Basis hätte schon längst geschaffen werden können. Wenn die WCS zur CIB sagen würde: "Wir haben eine Million Dollar. Wir haben nun die Alternative, ein gutes, nachhaltiges Management einzurichten - oder einen Boykott auszurufen. Wir könnten Proteste organisieren, wenn eure Schiffe in Europa landen. Wir könnten euch das Leben schwer machen." Oder: "Wir brauchen die Million, um euch über die Schulter zu schauen und friedlich mit euch zusammenzuarbeiten." Ich bin überzeugt, heute würde CIB zahlen, auch für das eigene Pufferzonen-Management. Aber es wird gar kein Druck mehr ausgeübt, kein Boykott mehr angedroht.

OnlineReports: Selling Feelgood-Conservation nennen Sie das: Der Verkauf des reinen Gewissens durch die Umweltorganisationen.

Ammann: Ja, wir fühlen uns so alle besser. Dafür ist niemand bereit, sich mit der dringenden Frage auseinanderzusetzen: Was wird wirklich erreicht? Die Umweltorganisationen sollten jedoch erklären: "Herrschaften, ihr zahlt für die Bestandsaufnahme und die saubere Bewirtschaftung - und zum Schluss bekommt ihr das Zertifikat." Diese müsste eingeführt und kontrolliert werden. Und die Umweltorganisationen fordern: "Erst wenn ihr das Zertifikat habt, akzeptieren wir die nachhaltige Abholzung." Doch das alles ist heute weit weg. Es gibt keine Gewaltentrennung mehr.

"Die Linie zwischen Pragmatismus und Ausverkauf der Wälder, ist sehr dünn."


OnlineReports: Bringt das FSC-Zertifikat für nachhaltige Nutzung wirklich eine befriedigende Lösung? Wo Urwälder grundsätzlich nicht angetastet werden sollen, hilft auch eine FSC- Label nichts mehr.

Ammann: Es gibt Leute, die sagen: Wir müssen pragmatisch sein. Ich meine, die Linie zwischen Pragmatismus und Ausverkauf der Wälder ist hauchdünn. Was im zentralen Afrika zurzeit läuft, ist der Ausverkauf der Wälder und der Umweltorganisationen. Ich bin realistisch. Holz wird eingeschlagen, weil wir keine Alternative bieten können. Wir können nicht einfach zu den Regierungen gehen und sagen: Hört auf, die Wälder einzuschlagen, wenn ihnen die Weltbank sagt, das Abholzen könne ihnen Milliarden von Dollars bringen. Aber die nächste Alternative wäre, wenn sich die Umweltorganisationen zusammensetzten und sagten: "Die Holzfirmen richten derart viel Schaden an – wir müssen nüchtern das Pro und Contra abwägen."

OnlineReports: Die zentrale Frage wäre dann: Kann der Holzeinschlag die Basis für die Entwicklung sein?

Ammann: Ja, und mit dieser Kalkulation des Für und Wider müssten die Umweltverbände zu den internationalen Gremien gehen und erklären: "Schaut, was der Holzeinschlag bringt: Hier die Kosten, dort der Benefiz. Wir müssen Formeln finden, um diese Länder zu entschädigen, damit sie aufhören, den Urwald abzuholzen. Gehen wir also nach Kongo-Kinshasa mit eine Milliarde Dollar und etablieren einen Trust Fonds für die Wälder in der Demokratische Republik Kongo. Sie ist ja das letzte Land, wo noch nicht alles vergeben ist. Aber für die Umweltorganisationen ist es viel einfacher, rasch in Brüssel um Geld nachzufragen.

OnlineReports: Bei den genannten Umweltorganisationen hat es doch bestimmt Mitarbeiter, die sich darüber Gedanken machen.

Ammann: Das Problem ist: Die Organisationen können sich nicht zusammensetzen und akzeptieren, dass in den letzten 30 Jahren nichts erreicht wurde in Afrika und dass in Tat und Wahrheit alles bergab geht. Ich sage nicht, ich hätte die Lösung. Aber ich weiss, was nicht funktioniert hat. Da sollte man doch wenigstens nach einer anderen Lösung suchen. Eine drastische wäre zu sagen: "Was wir gemacht haben, hat nichts gebracht." Wenn die Wälder einmal offen sind, müsste man dauernd Kontrollen durchführen. Doch das ist so kostspielig, so viel schwieriger, dass es fast unmöglich ist.

"Ich schlage einen Marshallplan für Waldvölker und Waldtiere vor."


OnlineReports: Und die Rechnung wird nach dem Verschwinden der Wälder präsentiert.

Ammann: Ja. Ich schlage deshalb auch einen Marshallplan für die afrikanischen Waldvölker und Waldtiere vor. Die afrikanischen Regierungen können sich nichts leisten. Die Amerikaner hatten eine ähnliche Idee. US-Aussenminister Collin Powell flog - die ungeheuren Ölreserven des Landes im Auge - nach Gabun zu Präsident Bongo und bewegte diesen, die Reservate in Nationalparks umzuwandeln. Doch jetzt kommt die nächste Stufe: Wer zahlt für diese Nationalparks? Die Gabonesen sagen: "Das ist eure Idee, wir haben das Geld nicht, ihr zahlt jetzt bitte." Nun sucht die WCS das Geld, um die Parks zu führen. Tatsache ist aber, das Gabun das reichste Land ist südlich der Sahara. Das Bruttoeinkommen beträgt 5'500 Dollar pro Kopf, womit das Land ungleich viel reicher als Kamerun und Kenia ist. Wenn man also diesem Land sagt: "Wir zahlen euch die Nationalparks", dann haben die anderen Länder zehnmal mehr Recht auf eine Unterstützung. Vielleicht ist dies überhaupt die Ausgangsposition für die Umwelterhaltung in Afrika: Wenn wir eine intakte Biodiversität in Afrika wollen, dann müssen wir dafür zahlen. Da genügen dann aber nicht ein paar Millionen Dollar. Da braucht es Hunderte von Millionen Dollar, und zwar jedes Jahr.

OnlineReports: Ein Marshallplan für die afrikanischen Regenwälder kostet viel Geld, und die Weltgemeinschaft wird das Geld kaum aufbringen. Anders gesagt: Man lässt Afrika im Stich.

Ammann: Solange sich die Durchschnittsbürger, also Steuerzahlende und Wählerinnen und Wähler in den Demokratien der Problematik nicht bewusst sind, sehe ich wenig Hoffnung. Wir müssen die Menschen aufklären, und das kann man nur mit den Medien. Wir haben immerhin gegen den Buschfleischhandel und das nicht nachhaltige Abholzen in Afrika zwei Millionen Unterschriften in Brüssel abgegeben. Aber das scheint offenbar die Politiker der EU wenig zu beeindrucken: Es läuft nichts.

"Man müsste das afrikanische Holz verteuern und besteuern."


OnlineReports: Und das billige Tropenholz wird nach wie vor bei uns verbaut.

Ammann: In einem Holzmarkt in Deutschland sahen wir, dass eine einheimische Eichentüre die teuerste, eine FSC-Holztüre aus Indonesien die zweitteuerste war. Viel billiger war eine Meranti-Türe aus Afrika. Das heisst, man kauft hochwertiges Hartholz aus Afrika, weil es billiger ist. In jeder anderen Industrie würde das Dumping genannt. Es ist doch falsch, hier ein ausländisches Holz teurer zu verkaufen wie ein mindestens gleichwertiges einheimisches Holz. Nur, weil unsere Kosten hier höher sind. Man müsste das afrikanische Holz verteuern und besteuern, so, dass es wenigstens gleich teuer ist wie eine Eichentüre bei uns. Das Steuergeld könnte in den Umweltschutz investiert werden. Holzkonzerne sollten nicht die Möglichkeit haben, mit Dumpingpreisen unten reinzugehen und den Konsumenten so verführen.

OnlineReports: Die meisten Konsumenten können auch nicht zwischen einer einheimischen und einer ausländischen Holzart unterscheiden.

Ammann: Das ist auch ein kaum beachtetes Problem. Bei den neuen Zertifikations-Systemen, Chaine of custody (COC) etc., heisst es nur, dass das Holz legal ist. Das wird jetzt forciert. Aber zur Beurteilung, was denn was ist, fehlt den Konsumenten und Konsumentinnen die Möglichkeit zum Durchblick. Ich selbst weiss schon nicht mehr, was genau was ist. Meiner Ansicht nach ist das eine gezielte Verwedelungstaktik der Holzindustrie, auf die die Umweltorganisationen reingefallen sind. Je mehr Zertifizierungssysteme, desto weniger kann sich der Kunde und die Kundin orientieren.

OnlineReports: Und wie beurteilen Sie die Rolle der Weltbank und des IWF?

Ammann: Diese Leute haben primär die Entwicklung im Sinn, nicht den Umweltschutz. Deshalb habe ich mit jenen Umweltschutzorganisationen Probleme, die sich jetzt immer mehr mit der Entwicklung anstatt des Umweltschutzes auseinandersetzen. Im Falle von Kongo DRC hat ein junger Berater der Weltbank ein Papier geschrieben, in dem die DRC aufgerufen wird, der grösste Holzproduzent Afrikas zu werden. Er schlägt vor, 60 Millionen Hektaren einzuschlagen - das heisst 6 bis 10 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Damit kann man den Kongo vergessen, der sieht dann nach zehn Jahren gleich aus wie Kamerun. Tragisch ist, dass in den oberen Chargen der Weltbank keine Alternativen gesehen werden, zum Beispiel mit der Wiederaufforstung. Dazu stehen riesige Gebiete zur Verfügung, nur schon das Pateke-Plateau ausserhalb von Kinshasa. Da könnte man alles aufforsten, gleichzeitig Jobs schaffen und Kinshasa mit Brennholz und Kohle versorgen.

OnlineReports: Was gäbe es denn hier für eine Alternative?

Ammann: Es scheint keine Alternative zu geben - wie beispielsweise jemand, der sagt: "Betrachtet die letzten Regenwälder Zentralafrikas als ein Weltkulturerbe." Denn dafür müsste jemand die Führung übernehmen. Wir haben da auch drei verschiedene Menschenaffen in diesen Wäldern. 100 Millionen Dollar bräuchten wir, um sie zu schützen. Die Beispiele aus allen anderen Ländern zeigen: Der Schutz ist nicht mehr möglich, wenn diese Wälder mal offen sind und Strassen hineingetrieben werden. Also müssten wir 100 Millionen Dollar finden. Wenn aber einer von uns damit käme, würde der WWF kommen und erklären: "Gebt uns eine Million und wir machen's auch."

"CIB-Vater Hinrich Stoll lässt sich als 'Hero of Rio' feiern."


OnlineReports: Sie machen Umweltorganisationen und Regierungen den Vorwurf, dass sie nur noch profitorientiert denken. Gibt es aber überhaupt eine Lösung für die Waldvölker und bedrohten Tierarten? Müssten da die Wälder nicht einfach unantastbar bleiben.

Ammann: Ich versuche, realistisch zu bleiben. Klar ist aber: Wenn wir streng vom Wald und seinen Lebewesen ausgehen, dürfte dieses Ökosystem überhaupt nicht angetastet werden. Ich lebe seit 25 Jahren in Afrika – und da gibt es praktisch nur beschränkte Möglichkeiten. Sicher ist: Die beste Ausgangslage sind die geschützten Gebiete, also Nationalparks. "Nicht anrühren" heisst hier die Devise. Die Frage ist nur: Wie gross sind diese Nationalparks? Wenn CIB-Vater Hinrich Stoll 1,5 Millionen Hektar Wald einschlägt und dann noch 10'000 Hektar abgibt, um sich in Anlehnung des Umweltgipfels in Brasilien als "Hero of Rio" feiern zu lassen, dann ist das doch keine Ausgangsbasis. Es müsste genau umgekehrt sein: 10'000 Hektar einschlagen und 1,5 Millionen Hektar stehen lassen.

OnlineReports: Ein schöner Vorschlag ...

Ammann: In den meisten Gebieten ist es zu spät. Die Konzessionen sind vergeben. Es werden noch schnell ein paar Nationalparks ausgeschieden. Doch jetzt muss noch Geld gefunden werden. Die Probleme werden sichtbar, und wir müssen uns fragen: Wie schwierig wird der ganze Schutz werden, wenn alle diese Holzstrassen um die Parks führen und Tausenden von Menschen die Möglichkeit geben, sich anzusiedeln und zu wildern. Die Kosten für diese Schutzzonen werden um ein Vielfaches höher sein als sie vorher gewesen wären. Dann nämlich, als die Wälder in Ruhe gelassen wurden und die Holzindustrie noch keine Zugänge geschaffen hatte. In Kongo-Kinshasa, wo noch nicht alle Holz-Konzessionen vergeben wurden, gibt es die letzte Chance, global eine Schutzlösung zu finden. Hier hätten wir noch ein grosses Stück tropischen Regenwalds, das man schützen könnte. Durch entsprechende Verträge mit der Regierung ...

OnlineReports: ... die eingehalten würden ...

Ammann: ... nun, Schutz wird es nie zu 100 Prozent geben. Aber wenn die Strassen nicht da sind und die Holzfirmen diese Wälder nicht öffnen und Leute hineinpumpen, dann werden diese Wälder nicht so rasch angetastet. Weil den Regierungen das Geld fehlen würde, um diese Strassen zu bauen. Die Menschen würden vielmehr in die Städte ziehen, die ihnen ohnehin komfortabler scheinen. Nur mit Holzfirmen, Minenfirmen oder Erdölfirmen lockt man die Leute in die Wälder. Wenn wir diese Schutzgebiete ohne Holzeinschlag ausscheiden könnten, wäre dies die beste Ausgangsposition für die Menschen.

OnlineReports: Die Wälder Zentralafrikas sind - ausser jene von Kongo-Kinshasa - bereits alle aufgeteilt. Aber noch sind nicht alle bewirtschaftet.

Ammann: Ja, das ist richtig. In Gabun zum Beispiel. In Kongo Brazzaville hat die CIB noch eine Konzession, die noch nicht genutzt wird. Man hat da aber keine Chance mehr. Holzhändler Hinrich Stoll sagte, das kleine Eckchen, das er an den Nationalpark zurückgab, sei 40 Millionen Dollar in Holz wert. Seine ganze Konzession ist aber, das haben wir einmal umgerechnet, 2,5 Milliarden wert! Wenn man Herrn Stoll aber sagt, er solle seine letzte Konzession nicht anrühren, präsentiert er eine Rechnung von 500 Millionen Dollar. Sagt man ihm darauf: "He, du hast das Gebiet gratis bekommen und dafür keinen Cent bezahlt", wird ihn dies nicht beeindrucken. Denn ist das Land einmal vergeben ist, hat man keine Chance mehr, daran etwas zu ändern.

"Das Wild wäre im Urwald ohne Wissenschafter very happy."


OnlineReports: Zu den Wissenschaftern: Sie halten nicht mehr viel von den Zoologen, da sich diese nicht wirklich für das Überleben der Regenwälder einsetzen?

Ammann: Tierschutz heisst heute, richtig mit den Menschen zusammenzuarbeiten. Das Problem sind ja die Menschen, nicht die Tiere. Die Tiere kann man in Frieden lassen. Was mich anbetrifft, müsste im Regenwald niemand mehr Tiere beobachten und zählen. Das Wild wäre im Urwald ohne Wissenschafter very happy. Das Problem sind die Leute, die den Tieren nachstellen, sie in die Fallen locken oder abschiessen. Um etwas zu erreichen, muss man mit den Menschen zusammenarbeiten. Das ist verdammt hart. Und wer macht das heute? Die Soziologen, und nicht die Biologen oder Zoologen. Denn diese sitzen lieber isoliert im Wald und beobachten die Affen. Anstatt sich mit dem Dorfältesten drei Stunden auseinanderzusetzen, weshalb er das Geld für den Umweltschutz in die eigenen Tasche steckte und weshalb die Dorfbewohner keinen einzigen Cent davon erhalten haben. Deshalb braucht es Soziologen, Ethnologen, Missionare oder andere Engagierte, die 80 Prozent ihrer Zeit opfern und sich mit den Leuten auseinandersetzen. Die dann reden und verhandeln, um das Beste für den Tierschutz herauszuholen. Biologen und Zoologen sitzen entweder in ihren gekühlten Büros sitzen oder beobachten im Busch isoliert die Tiere.

OnlineReports: Wer könnte den konkret diese Geduld aufbringen?

Ammann: Die besten Leute, die ich in Afrika für diese Aufgabe sehe, sind die Missionare. Sie sind von Grund aus bereit, mit den Leuten zu arbeiten, sich tagaus tagein mit den Problemen auseinanderzusetzen, in den Schulen, in der Kirche, auf dem Feld. Die meisten sind ja von den rein religiösen Aspekten der Missionierung abgerückt und leisten heute konkrete Lebenshilfe. Doch wenn man mit ihnen spricht, wissen sie kaum etwas von Umwelt oder Tierschutz. Wenn man ihnen aber beispielsweise von den Menschenaffen erzählt, dann kapieren die das innerhalb zweier Abende. Dann hat man die besten Advokaten für die bedrohte Umwelt, weil sie direkt mit vielen Menschen zusammenarbeiten.

"Mit ökologisch sensiblen Missionaren würde viel herausschauen."


OnlineReports: Müssten dann der Vatikan oder die Kirchen eine engagiertere Umweltpolitik betreiben?

Ammann: Offiziell geschieht dies nicht. Aber die meisten Missionare und Schwestern, die ich kenne, sind sehr realistisch. Ich meine, wenn die Umweltleute diese ausländischen oder einheimischen Missionare anpeilen würden - sie sind ja die Leader in den Gemeinden -, und mit diesen Schulungen durchführen würden, da würde viel herausschauen. Auch mit Filmenvorführungen, bei denen die Dorfbewohner Elefanten oder Gorillas sehen könnten. Das müsste sich eine Umweltorganisation zum Ziel setzen: Der Kontakt mit den Missionen, Ausbildung und Informationen in Sachen Umweltschutz.

"Die Pygmäen sind fast schlimmer dran als das Wild."


OnlineReports: Davon könnten dann auch die ersten menschlichen Opfer der Abholzerei profitieren - die Pygmäen.

Ammann: Ja, natürlich. Denn die Lage der Regenwaldvölker, der Baka und Batwa etwa, ist genauso deprimierend wie jene des Wildes. Sie haben nicht die Möglichkeit, sich in den modernen Gesellschaften oder auch gegenüber den Bantu sprechenden Volksgruppen durchzusetzen. Das müssen wir akzeptieren, und deshalb müssen wir uns - ähnlich wie bei den Menschenaffen - um ihre Rechte kümmern. Das zeigt sich im ganzen Gebiet. Diese Probleme müssen wir als Konsumenten und Steuerzahlende, die von ihren Wäldern profitieren, wahrnehmen und anerkennen.

Die Pygmäen brauchen Grundrechte, da sie fast schlimmer dran sind als das Wild. Auch hier sind Lösungen gefragt: Sie brauchen Selbstbestimmungsrechte und Reservate. Sie sollen sich selber entscheiden können, ob sie an der Strasse oder im Waldesinneren leben wollen. Im Moment haben sie nicht einmal diese Entscheidungsfreiheit. Stattdessen werden sie aus ihren Wäldern weggejagt. Es gibt keine Wälder mehr, in denen sie ungestört leben dürfen. Entweder es gibt dort eine Jagdkonzession oder eine Holzkonzession oder eine Konzession für Minenbetrieb. Oder es gibt einen Nationalpark, in dem sie nicht mehr leben dürfen. Ihr Ende scheint deshalb relativ nahe zu sein, genauso wie beim Wild. Ich habe keine Hoffnung für die Pygmäenvölker - ausser sie erhalten ihr Selbstbestimmungsrecht und ihre Reservate. Dort können sie dann natürlich auch abholzen. Aber das wäre ihr Entscheid und nicht jener eines anderen Volkes in einer fernen Hauptstadt.

OnlineReports: Damit die Menschenrechtsverletzungen, die Wilderei und das illegale Abholzen in den Wäldern aufhört, fordern Sie verdeckte Kontrollaktionen. Weshalb verdeckt?

Ammann: Die Umweltschutzorganisationen müssen ja Erfolge vorweisen. Sie kriegen riesige Summen, wenn sie mit Holzfirmen kooperieren. Ab diesem Zeitpunkt ist es im Interesse beider, so rasch wie möglich Erfolge zu präsentieren. Das wird zu einem Teufelskreis. Vor allem aber: Niemand kontrolliert diesen Erfolg. Ihn zu kontrollieren, ist aber eine Riesenherausforderung. Tierzählungen könnten nachweisen, ob es mit den Beständen auf- oder abwärts geht. Wenn es jedoch um die Kontrolle von Buschfleisch geht, hilft heute nur noch die verdeckte Recherche. Das ist der einzige Weg herauszufinden, was über oder unter dem Tisch läuft. Über dem Tisch geht heute kaum mehr etwas wie früher, wo sie an jedem Stand Wildfleisch kaufen konnten. Das ist heute noch genauso möglich, aber verdeckt.

OnlineReports: Und wie spielt sich das ab?

Ammann: Sie ahmen mit dem Arm den witternden Rüssel eines Elefanten nach, und die Verkäuferin holt ihnen unter dem Tisch Elefantenfleisch hervor. Das sind alles Dinge, die wir nicht wüssten, wenn dies mein kamerunischer Mitarbeiter Joseph Melloh nicht mit versteckter Kamera gefilmt hätte. Für illegales Holz sind Undercover-Kontrollen weniger nötig. Die Chaine of custody, SCS-Zerfikation etc. sind gut möglich: Bäume zählen, wo sie gefällt, wann und wie transportiert wurden, Hafenbesuche und Dokumente prüfen. Nicht so bei einem toten Gorilla. Schiesst jemand einen Gorilla oder Elefanten im Wald, wird er schnell zerlegt, geräuchert, in Tragkörbe gestapelt, nachts auf Laster verladen und und zum Beispiel in die Nähe von Pokola gefahren, dem CIB-Zentrum im Kongo. Dort wird angehalten, und das Fleisch von Türe zu Türe verkauft. Das hat Joseph nachgewiesen. Sie, ich oder sonst ein Weisser würde dies nie sehen ...

OnlineReports: ... weil wir als Fremde sofort verdächtig wären.

Ammann: Genau. Deshalb braucht es für die Bekämpfung des Buschfleischhandels Undercoverteams aus Einheimischen, die nicht auffallen. Und dann müsste alles noch gefilmt werden, denn Joseph hätte man nichts geglaubt, wenn er nicht gefilmt hätte. Diese Teams müssten von den Umweltorganisationen, den Regierungen, den Holzfirmen akzeptiert werden. Die Kontrolleure müssten eine Aufgabenbeschreibung haben, die von allen akzeptiert wird. Sie müssten schriftliche Rapporte vorlegen, und würden diese nicht akzeptiert, müssten sie mit Kameras ausgerüstet werden und geheime Filme machen können.

OnlineReports: Ihre Fazit ist wenig zuversichtlich. Werden Sie demnächst ihren Kampf für die Erhaltung der afrikanischen Regenwälder einstellen?

Ammann: (Lächelt.) Nein, aber wir sollten alle zusammen nach einer Lösung suchen: Für den Regenwald, die Urwaldmenschen und das Bushmeat-Problem. Wenn wir alle drei Themen ausdiskutieren und nach Lösungen suchen, könnten wir auch mehr erreichen. Vor allem müssten sich jetzt Organisationen der Pygmäen annehmen. Um diese kümmert sich zurzeit niemand richtig. Zudem brauchen wir volle Transparenz. Diese ist bei der CIB nicht gewährleistet. Auch mit ihr müssten die Kriterien der Evaluierung und Kontrollen festgelegt werden. Mit enthalten müssten diese eine Undercover-Komponente sowie eine jährliche Bestandsaufnahmen der Elefanten, Gorillas, Schimpansen und anderer bedrohten Tierarten. Schliesslich müssten die Kriterien für den Umgang mit den Pygmäen, für ein Pufferzonen-Management entlang den Nationalparks und für die absolute Transparenz festgelegt werden. So, dass unabhängige Kontrollen in den Konzessionen möglich sind. Und zwar jederzeit. Dann wäre ich zufrieden.

OnlineReports-Dossier "Regenwald"

> DER GESPRÄCHSPARTNER

Interview-Partner Karl Ammann wurde 1949 in St. Gallen geboren. Er studierte Ökonomie und entwickelte für Intercontinental Hotels weltweit Projekte mit Schwerpunkt Afrika. Als Tierfotograf und Filmjournalist bereist der mit seiner Frau Katherine in Kenia lebende Preisträger und Buchautor für angelsächsische Medien regelmässig das Kongo-Becken. Seine profunden Kenntnisse der Zustände haben ihn zu einem gefürchteten Kritiker vieler Regierungen, Konzerne, der EU und Weltbank, des IWF und grosser Umweltschutzorganisationen gemacht. Ammann ist unabhängig und Mitautor eines neuen Buchs über gewilderte Menschenaffen:"Eating Apes."


> AMMANN IN BASEL

Donnerstag, 9. September 2004

"Der heimliche Krieg im Regenwald - Menschenrechtsverletzungen und Naturzerstörung im Kongo-Becken"

19 bis 23 Uhr, im Kultur- und Begegnungszentrum Union, Klybeckstrasse 95, Basel

> Teil I Augenzeugenberichte (19 Uhr bis 20.30 h)
mit Karl Ammann und Prosper Nobirabo

> Teil II Podiumsgespräch (21.30 h bis 23.00 h)
mit Christoph Wiedmer (Greenpeace Schweiz), Markus Radday (WWF), Jürgen Blaser (Intercooperation), Maya Graf (Nationalrätin Grüne BL) und Hans-Peter Egler (Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco).

8. September 2004

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