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"Freude an Fun und Festen": Streitobjekt Kulturfloss auf dem Rhein


Nachtleben wieder im Beamten-Griff

Nicht nur in Basel: Abschaffung der Polizeistunde und öffentlicher Event-Boom schaffen massiven Lärm-Ärger. Jetzt wird die Regel-Schraube wieder angezogen

VON PETER KNECHTLI

Phänomen "Mediterranisierung": Das Nachtleben in der Schweiz nimmt zu und verschiebt sich stärker in den Morgen hinein. Das führt zu Zielkonflikten: Hier die Nachtschwärmer und Event-Liebhaber - dort die Anwohner, die ein Recht auf Ruhe einfordern. Basel hat als erster Schweizer Kanton die Polizeistunde aufgehoben, doch jetzt wird die Schraube unter dem Druck der Proteste wieder angezogen. Aber auch andere Kantonen bereitet der Nacht-Lärm Kopfzerbrechen.

"Wenn die Leute Valium schlucken, Gehörschutzpfropfen verwenden und Schlaftabletten nehmen müssen, dann hört der Spass auf." Gerhard Hirt (57), Präsident der Basler "IG Wohnkultur", ist der Unmut sofort anzuspüren. "Es gab schon Leute, die sagten, sie holten jetzt dann den Karabiner."

Grund der dramatischen Aussagen ist die Immissionsbelästigung durch Musik-Veranstaltungen und Beizenlärm in Basler Wohnquartieren. Vor zwei Jahren erreichten sie ihren Höhepunkt. "An 38 der schönsten Sommerabende konnte man keinen Balkon benützen. Es herrschte eine Lärmstärke von 70 Dezibel. Auch bei geschlossenen Fenstern war es nicht möglich, miteinander zu reden", schildert Hirt, was er damals in den Kleinbasler Ballungszentren um die Kaserne und das Musikfloss und am Unteren Rheinweg erlebte: "Bass- und rhythmusorientierte Konzerte, dass die Scheiben zittern."

Polizei: "Wir haben uns getäuscht"

Die "Lärm-Eskalation" (Hirt) begann vor fünf Jahren – als Folge einer Liberalisierung im Gastgewerbe: Als erster Schweizer Kanton hob Basel-Stadt 1996 unter der politischen Verantwortung des freisinnigen Regierungsrats Jörg Schild die Polizeistunde auf. "Die ersten zwei Jahre gingen gut. Wir rechneten nicht damit, dass sich viel ändert", erinnert sich Heinz-Dieter Neerforth, stellvertretender Rechtsdienst-Leiter des Polizei- und Militärdepartements. "Doch", räumt er heute ein, "wir haben uns getäuscht". Lärmklagen nahmen massiv zu, Anrainer mussten hinnehmen, dass "vermehrt in die Hausgänge uriniert" wurde und vor gewissen Lokalen
Nach der Junge Street Groove flanierten Zehntausende durch die Strassen.“
bis morgens um drei gegrölt und Autotüren zugeschlagen würden.

Ob allein die Aufhebung der Polizeistunde den Lärmpegel im öffentlichen Raum nach Mitternacht ansteigen liess – für Kurt Ehret, den Leiter der Abteilung Administrative Dienste im Basler Polizeidepartement, ist klar: "Das Leben hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Leute gehen später aus und kehren später heim. Es ist wie in den südlichen Ländern ein mediterraner Touch eingekehrt." Nach der Jungle Street Groove mit After-Party in der Kaserne flanierten Ende August noch um halb ein Uhr morgens Zehntausende Jugendliche - friedlich - durch die Strassen der Innenstadt.

Damit einher geht ein wachsendes Selbstdarstellungs-Bedürfnis, zentrale öffentliche Plätze im Wohngebiet nicht selten mit kommerziellem Hintergrund zu bespielen bis hin zum Gesuch für ein "Nescafe-Jazzfestival": Barfüsserplatz, Marktplatz, die Kaserne, das im Rhein verankerte Konzert-Floss oder das Areal der Deutschen Bahn, von wo aus noch morgens um zwei Uhr Bässe gegen Wohnbauten wummern. Während Monaten lag das Projekt eines "Eventhouse" in Kleinbasel im Clinch um Auflagen mit Anwohnern und Baubewilligungsbehörden.

Auch die "Festhütte Zürich" hat ein Problem

Nicht überall in der Schweiz ist das Nachtschwärmer-Phänomen so deutlich wie in Basel. Aber auch in Zürich setzte es nicht nur in der stillen Museumsnacht wegen der frühmorgendlichen Lärmbelästigung durch die Kunstparty auf dem Löwenbräu-Areal Klagen ab. Nach dem Zürcher Modell gilt generell Beizenschluss von Mitternacht bis 5 Uhr, doch kann gemäss einem Stadtpolizeisprecher "durchgehend offen gehalten werden, wenn
Polizei-Chefin sagte Nein, da erteilte der Stadtpräsident eine Sonderbewilligung.“
nichts dagegen spricht". Komme es zu Lärmklagen, "müssen wir auf den ordentlichen Schliessungszeiten bestehen".

Diese liberale Bewilligungspraxis ist der sozialdemokratischen Polizeivorsteherin Esther Maurer ein Dorn im Auge. Deshalb wollte sie das vor fünf Jahren gelockerte Gastgewerbegesetz wieder verschärfen - doch mit diesen Plan biss sie beim "Festhütte"-freundlichen Stadtparlament auf Granit. Auch ihr Versuch, mit einer restriktiven Bewilligungspraxis für mehr Ruhe zu sorgen, scheiterte: Nachdem ihr Amt der "Langen Nach der Museen" die Bewilligung für nachmitternächtliche Veransaltungen verweigert hatte, schaltete sich kurzerhand Stadtpräsident und Parteikollege Elmar Ledergerber ein und erteilte einer Sonderbewilligung - was prompt Klagen auslöste.

Engelberg zieht Luzerner Nachtschwärmer an

Nicht ganz fremd ist das Basler Phänomen in Obwalden, das die Polizeistunde am 1. Januar 1998 als erster Innerschweizer Kanton abschaffte. "Die Erfahrungen sind unproblematisch", sagt Kriminalpolizeichef Stefan Küchler. "Doch kommt es in Tourismus-Zentrum Engelberg in der Umgebung von Nachtlokalen zu gewissen Nachtruhestörungen", verursacht durch Nachtschwärmer aus dem Grossraum Luzern, wo restriktivere Nachtruhe-Regelungen gelten.

Im Liberalisierungs-Pionierkanton Basel-Stadt hat der Zielkonflikt zwischen Recht auf Ruhe und Freude an Fun und Festen im öffentlichen Raum ein Mass angenommen, dass FDP-Politiker Schild wieder an der Regel-Schraube drehen muss. In der vorberatenden Grossratskommission liegt eine Revision des Gastgewerbegesetzes, das ähnlich wie das Zürcher Modell wieder die Polizeistunde mit Schliessungszeiten von 1 bis 5 Uhr und an Wochenenden von 2 bis 5 Uhr einführen will. Wer in den Sperrzeiten offen halten will, kann jedoch auf eine
Der liberalisierungs-
freundliche Polizeidirektor muss Schraube anziehen.“
grosszügige Bewilligung rechnen, sofern sein Betrieb quartierverträglich ist.

Auch die Kantonsverwaltung reagierte auf den Liberalisierungs-Lärm und die zunehmende Vereinnahmung von öffentlichem Raum durch Event-Veranstalter: Sie bildete vor einem Jahr eine koordinierende interdepartementale "Kommission für Vergabe von öffentlichem Grund". Dieses Gremium gibt im heiklen Spannungsfeld zwischen urbaner Lebenskultur, Wohnqualität und guten Steuerzahlern Empfehlungen an die für die Bewilligung von Einzelveranstaltungen zuständige Allmendverwaltung ab. "Die Situation hat sich seit Einsetzung der Kommission entspannt", bilanziert Präsident Marc Keller das Seilziehen um phonstarke Rockkonzerte, Techno- und Beach-Volleyball-Events.

"Belegungsregeln" und "Bespielungspläne"

Für heikle Basler Plätze wurden "Belegungsregeln" und "Bespielungspläne" erstellt, die nun im Internet abgerufen werden können. Erste Wirkung ist auch nach Meinung der Lärmgegner spürbar: Auf dem Rhein-Floss sind statt 40 nur noch 18 Sommer-Konzerte bis 22 Uhr erlaubt. Eine öffentliche Dezibel-Anzeige macht die Einhaltung der Grenzwerte überprüfbar.

Falls ihm der nächtliche Trubel draussen immer noch auf den Wecker geht, kann Lärmbekämpfer Gerhard Hirt wenigstens flüchten: Er besitzt ein Domizil im Jura.

10. Oktober 2003

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