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"Es fehlte der wirkliche Ansprechpartner": Schlagzeilen zum Ciba-Grossbrand


"Es war fast wie damals in Schweizerhalle"

Die Reaktor-Explosion in der Ciba-Fabrik offenbarte eklatante Informations-Mängel

VON PETER KNECHTLI

Medienschaffende sind sich einig: Der Grossbrand nach der Reaktor-Explosion in einem Ciba-Produktionsgebäude in Schweizerhalle BL legte bei der Polizei Baselland massive Informationsmängel bloss. Die Anweisung per Medien, Türen und Fenster zu schliessen, wäre zu spät gekommen und hätte im Fall einer akut toxischen Rauchwolke schlimme Folgen haben können.

Morgens um 5.05 Uhr explodiert der Reaktor mit 2'000 Liter des Lösungsmittels Tetrahydrofuran und 70 Kilogramm Lithium. Eine immense Rauchwolke entweicht dem Produktionskomplex der Ciba Spezialitätenchemie in Schweizerhalle BL. Gut drei Stunden später ist der Grossbrand mit Millionenschaden ohne weitere Komplikationen gelöscht, der Ausgang war glimpflich.

Glücklich über das Ereignis-Management am Donnerstagmorgen waren die wenigsten: Während gestandenen eineinhalb Stunden war die Bevölkerung über Radio mit der Empfehlung versorgt worden, vorsorglich Fenster und Türen zu schliessen. Folge: Auf hilflosen Gemeindeverwaltungen und Radiostationen liefen die Telefone heiss.

Info-Profi Meinrad Stöcklin war in den Ferien

Die stärkste Kritik trifft die Kommunikationsleistung der Polizei Baselland, deren Informations-Profi Meinrad Stöcklin derzeit in den Ferien weilt. Ein bekennender Stellvertreter war für die Medien weder am Brandplatz noch in der Liestaler Polizeizentrale auszumachen. Amos Winteler, stellvertretender Chefredaktor von Radio Edelweiss in Liestal, ortete "nirgends einen wirklichen Ansprechpartner der Polizei". André Moesch, Redaktionsleiter von Radio Basilisk, hatte wie viele andere "das Gefühl, dass man aus der Brandkatastrophe von Schweizerhalle im Jahr 1986 nicht wahnsinnig viel gelernt hat".

Zunächst verstrich mehr als eine halbe Stunde nach der Explosion, bis die Polizei um 5.37 Uhr die am Pager-Ringruf angeschlossenen Medien mit einer unverbindlichen Kürzest-Meldung versorgte und dabei die falsche Firma nannte: "Muttenz-Schweizerhalle Brand Novartis Bau 2047." Als Basilisk-Journalist Moesch darauf hin bei der Alarmzentrale nachfragte, hängte ihm der diensthabende Polizist ("wir haben Wichtigeres zu tun") das Telefon auf.

Regionaljournal erfuhr zufällig vom Alarm-Rückzug

Um 5.45 Uhr - die Rauchwolke hatte sich längst über die Region verbreitet - erliess die Polizei über die Radios Edelweiss und Basilisk ohne inhaltliche Neuigkeit die "vage Anweisung" (Moesch), Fenster und Türen zu schliessen. Das Regionaljournal Basel von Schweizer Radio DRS - in ein offizielles Katastrophendispositiv eingebunden - wurde schlicht vergessen. Massimo Agostinis, stellvertretender "Regi"-Leiter und Diensthabender an jenem Morgen, ist sauer: "Von einer Empfehlung an die Bevölkerung habe ich zufällig bei einem Rückruf an die Alarmzentrale erfahren."

Agostinis, der seine misslichen Erfahrungen in einem Brief an Polizeidirektor Andreas Koellreuter monierte: "Die polizeiliche Informationsleistung war schlecht und unprofessionell. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn gefährliche Stoffe in der Luft gewesen wären."

Erste Communiqués sechs Stunden nach der Explosion

Auch andere Medien wähnten sich im Informationsmittelalter. Eine Pressekonferenz vor Ort fand ohne Einladung statt, die ersten Communiqués zum Brand trafen sechs Stunden nach der Explosion auf den Redaktionen ein. Weder Polizei - bei Bagatellunfällen topaktuell in der Berichterstattung - noch Ciba schienen die Verantwortung für die Kommunikation übernehmen zu wollen. Dieter Aebersold, Leiter der Informationsabteilung der Polizei Baselland: "Wir haben die Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren. Aber wie und in welchem Zeitrahmen, ist nicht definiert."

So chaotisch der Informationsversuch startete, so endete er auch. Während einzelne Radiostationen schon vor sieben Uhr Entwarnung gaben, warnte SR DRS zum Ärger der Polizei weiter. Grund: Auch die Entwarnung war nicht bis ins Studio auf dem Bruderholz durchgedrungen. Gegenüber der SonntagsZeitung wiederum erklärte Dieter Aebersold, "die Entwarnung gegenüber den Medien ist um 7.20 Uhr erfolgt".

"Erst Messtruppe geben Sicherheit"

Die lange Zeit der Ungewissheit nährte in der öffentlichen Wahrnehmung fälschlicherweise den Verdacht, dass weder die staatlichen Sicherheitskräfte noch die Ciba-Spezialisten von der Unbedenklichkeit der verbrannten Chemikalien überzeugt seien. Dabei zitierte die "Basellandschaftliche Zeitung" den Baselbieter Sicherheitsinspektor Rolf Klaus mit der Aussage, schon um 5.30 Uhr - vor der ersten Benachrichtigung der Medien - habe die Unbedenklichkeit der freigesetzten Wolke festgestanden, so dass "bereits um 6 Uhr" habe Entwarnung gegeben werden können. Auf eine Alarmierung per Sirenen und Polizeilautsprecher war verzichtet worden. Beobachter fragen sich allerdings, welchen Sinn die Warnung einer bei offenen Fenstern schlafenden Bevölkerung ausschliesslich via Radio macht.

Ciba-Einsatzleiter Pierpaolo Cedraschi, erstmals mit einem Fall dieser Dimension konfrontiert, erklärte der SonntagsZeitung, er habe schon sehr früh gewusst, dass sich keine akut toxischen Substanzen im Werk befanden. Trotzdem sei der Türen- und Fensteralarm aber nicht aufgehoben worden: "Letzte Sicherheit hat man nur, wenn die Resultate der Messtruppe vorliegen." Nach Einschätzung von Ciba-Sprecher Thomas Gerlach hatten die verantwortlichen Organe "unter diesen Umständen einen vertretbaren Weg beschritten".

Verletzungen übergewichtet

Über die Bücher muss auch die Feuerwehr, deren Schutzanzüge laut Kommandant Werner Ramseier von Johnsons Control "zwei Schwachstellen" zum Vorschein brachten: Am Nackenschutz und am Handgelenk entstanden durchlässige Stellen, wodurch Verätzungen entstanden. Berichteten die Verlautbarungen von Polizei und Ciba von 21 leicht und mittelschwer Verletzten, sprach Ramseier indes nur noch von "20 Bagatellfällen und einem Leichtverletzten".

In der Chaos-Regie spielte selbst das Wetter mit: Kaum war Entwarnung gegeben worden, senkte sich die stinkende Rauchwolke und verbreitete in den betroffenen Gemeinden von Neuem Verunsicherung.

30. Juli 2001

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© by Peter Knechtli