Online Reports Logo
Werben Sie hier
um Ihre Online-Zielgruppe.
061 271 63 64
werbung@onlinereports.ch
Wir möchten diese Story bestellen und abdrucken Wir möchten unseren Werbebanner auf dieser Seite platzieren
Tipp für Story Zurück zur Hauptseite
Meine Meinung zu dieser Story
Meine Meinung zu OnlineReports


Foto © OnlineReports.ch

"Drämmli fahren noch zu schnell": Gefahrenquelle Basler Centralbahnplatz


Neu gestalteter Basler Centralbahnplatz wird zur Unfall-Falle

Die Autos sind zwar weg - doch jetzt bringt ein Gewirr von Tramschienen Fussgänger in Gefahr

VON PETER KNECHTLI

Der neu gestaltete Basler Bahnhofplatz - offiziell "Centralbahnplatz" genannt - hat die Autos verbannt und den Fahrrädern bietet er einen unterirdischen Parkplatz. Dennoch empfinden ihn zahlreiche Benutzer als hochgradige Gefahrenquelle. Grund sind die zahlreichen Tramschienen, die sich unübersichtlich mit dem Fussgängerbereich vermischen. Jetzt ordnete das Baudepartement "Sofortmassnahmen" an.

Stolz nähert sich der völlig neugestaltete Basler Centralbahnplatz dem Zeitpunkt seiner Vollendung. Über den massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs konnten sich die Passagiere bisher jedoch nicht richtig freuen. Wurden sie früher durch eine Unterführung aus dem Bahnhof in die Nähe der Tram-Perrons geführt, strömen sie heute zu ebener Erde durch drei Hauptausgänge mitten in ein Gewirr von sechs intensiv befahrenen Tramschienen-Strängen: Dort lauert Gefahr.

Ein Bürgerin schrieb vom "Senioren-Vernichtungsplatz"

Dramatisch ist die Situation in den Stosszeiten, bei Regen und Dunkelheit, wenn in kurzer Zeit tausende OeV-Passagiere über die Geleise hasten und gleichzeitig Tramkompositionen heranbrausen. Laut Polizei-Sprecher Klaus Mannhart wurde bereits eine Frau von einem Tram angefahren, kritische Situationen sind an der
Die Autos sind weg, jetzt droht Gefahr durch die vielen Tramschienen.“
Tagesordnung. In einem Brief am die Regierung sprach eine Bürgerin schroff von einem "Seniorenvernichtungsplatz".

Entstanden ist die Unfall-Falle vergangenen Sommer, seit zwei Tramlinien - die längst ersehnte Verknüpfung von Birs- und Leimental - zusätzlich über den Bahnhof geführt werden. Wer jetzt aus dem Bahnhof tritt, sieht sich vorn, links und rechts mit Tramverkehr konfrontiert.
Kommt dazu: Quer zu den Fussgängerströmen verläuft auch eine neue Velospur, die Zweiradfahrer mitten im Fussgängergewühl zur Verzweiflung bringt.

"Die Drämmli fahren immer noch zu schnell"

"Wir haben gewisse Probleme", räumt André Frauchiger, Sprecher des Basler Tiefbauamtes, ein. "Die Drämmli fahren immer noch zu schnell, vorgesehen ist Schritttempo."

Die politisch verantwortliche Baudirektorin Barbara Schneider verteidigt das Konzept, das vor ihrem Amtsantritt entschieden worden war. "Der Bahnhofplatz ist jetzt Teil des Bahnhofs und verlangt eine andere Wahrnehmungsbereitschaft." Nachdem die Autos vom Platz verbannt sind, werden "Fussgänger und Tram in ein Nebeneinander gezwungen, das erlernt werden muss". Dafür, so Schneider, verfüge Basel jetzt über eine
Ein ganzes Paket an Massnahmen soll die Gefahren entschärfen.“
ausserordentlich attraktive Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs.

Dass noch Probleme bestehen, will die SP-Regierungsrätin nicht abstreiten. Doch in den nächsten Wochen soll ein ganzes Paket an Massnahmen für eine "rasche Orientierung" der OeV-Benützer sorgen. Als Erstes realisiert wurde eine Goodwill-Plakataktion mit dem Slogan "Mir kömme anenand verby" - wobei ausgerechnet unvertraute ausländische Gäste allerdings bloss "Bahnhof" verstehen dürften.



BVB und BLT fordern von Regierungen klare Priorität des öffentlichen Verkehrs

Angesichts der Verkehrsmisere auf dem neuen Basler Centralbahnplatz reisst auch den Verkehrsbetrieben der Geduldsfaden: In einem Schreiben an die Kantonsregierungen von Basel-Stadt und Baselland verlangt die Paritätische Kommission von BVB (Basler Verkehrsbetriebe) und BLT (Baselland Transport AG) einstimmig, dem öffentlichen Verkehr entlang dem Streckennetz nun "Priorität einzuräumen". Entsprechende Informationen bestätigte BLT-Direktor Andreas Büttiker gegenüber OnlineReports.

Insbesondere fordern die Verkehrsunternehmen eine dringliche technische Erneuerung auf dem Centralbahnplatz. Grund: Die Lichtsignalanlage an der Nauenstrasse, die am Centralbahnplatz Zu- und Wegfahrt der Tramlinien beeinflusst, gibt immer noch klar dem Individualverkehr Priorität. Obschon dieser Sachverhalt seit drei Jahren bekannt sei, werde die neue Lichtsignalanlage erst im Sommer 2002 in Betrieb genommen, sagte Büttiker. Für die Wagenführer von BVB und BLT bedeutet dies nicht nur eine zusätzliche Belastung durch entsprechende Kommentare verärgerter Passagiere.

Allein die Vororts-Linien 10 und 11, die durch millionenschwere staatliche Investitionen im Baselbiet sekundenweise Fahrzeit gewonnen haben, verlieren durch das veraltete Verkehrs-Regime am Centralbahnplatz nicht weniger als zwei Minuten. Folge: Wagenführer verlieren die Streckenend-Pause, die Kurse verspäten sich. "Dadurch sinkt beim Personal die Frustrations-Toleranz", sagt Andreas Büttiker. Er hofft, dass der Antrag der Paritätischen Kommission an der nächsten gemeinsamen Sitzung der beiden Basler Regierungen behandelt wird. Besonders ärgerlich für die BLT: Die neue Streckenführung über den Bahnhof löste begeisterte Reaktionen und erhöhte Fahrgastzahlen aus, doch die Misere am Centralbahnplatz macht ein Teil der Begeisterung zunichte.




Sofortmassnahmen gegen Gefahren

Die interdepartemental zusammengesetzte Koordinationskommission Verkehrsplanung unter Federführung des Baudepartementes Basel-Stadt hat verschiedene raschmöglicht umzusetzende Massnahmen beschlossen. Bereits seit einigen Wochen im Einsatz steht die Securitas. Ihr Auftrag: Regelung und Überwachung der Verkehrsströme auf dem Centralbahnplatz.

Weitere Massnahmen:

Plakat und Spruchband zwischen den Tram-Perrons 3 und 4 in der Platzmitte (ab Januar 2002)

Tram-Haltebalken an den Einfahrten aus der Centralbahnstrasse

Vaubangitter an den Aussenseiten der Bahnhofausgänge zur Lenkung der Passantenströme aus dem Bahnhof (bis zum Abschluss der Baustelle)

Anpassung der Geschwindigkeit der Tramzüge an die aktuellen Verhältnisse (Passantenströme, Tageszeit, Witterung) bei einer maximalen Geschwindigkeit von 15 km/h

Führen der BVB-Bus-Linie 30 über den Centralbahnplatz über das Gleis 2.

In der Phase der Detailplanung befinden sich schliesslich die Vorbereitungsarbeiten für die Anbringung von Leitlinien für Sehbehinderte auf dem Centralbahnplatz.

Das Tiefbauamt hat im weitern der Koordinationskommission Verkehrsplanung für die Sitzung vom 28. Februar 2002 Vorschläge für die Umsetzung der folgenden Beschlüsse zu unterbreiten:

Mögliche Signalisierung der Tramtrassees auf dem Boden unter anderem mit Pfeilen und Signeten

Mögliche Bodenmarkierung der Perrons 1 und 6, Route der Buslinie 70 (inklusive Haltestellen).

Weitergebaut wird das unterirdische Veloparking. Es wird Mitte 2002 seiner Bestimmung übergeben werden können.


ECHO
"Schlechtes Omen für weitere Projekte"

Noch vor drei Jahren war am Centralbahnplatz alles ganz anders. Der Platz war zwar eine gestalterische Collage und nicht gerade eine Visitenkarte für eine aufstrebende Stadt. Dennoch fanden auf dem Platz - neben dem öffentlichen Verkehr - auch der Individualverkehr, Velofahrer und sogar eine von einer Rasenfläche umgebene Wasserfläche Platz. Nach millionenteurem, schlecht koordiniertem Umbau sind Rasenfläche, Privatfahrzeuge und Velos weg. Viele Fussgänger, insbesondere gesetzteren Alters, fühlen sich nunmehr durch aus allen Himmelsrichtungen herannanhende Trams bedroht. Ein Veloweg scheint ursprünglich nicht eingeplant worden zu sein, sogar Taxifahrer dürfen den Platz nicht mehr überqueren, und um das neue Parkhaus zu füllen, darf mit dem Personenwagen noch nicht mal mehr zum Aussteigenlassen angehalten werden(!). Dazu kommt, dass sich infolge der überlangen Fussgängerstreifen die Autos in alle Richtungen tagsüber fast ununterbrochen stauen. All dies wurde sehenden Auges vom Baudepartement eingegangen, um dem Ziel der "Verkehrsdrehscheibe Bahnhof SBB" gerecht zu werden. Dutzende von Millionen dafür, dass auch die gelben Trams direkt an den Bahnhof fahren. Dazu das teuerste Veloparking der Welt, und ein Parkhaus, welches einen Preis für Platzverschwendung verdiente. Vergessen gingen die schönen Projekte, welche vor einigen Jahren ein von der Bank Sarasin gesponserter Wettbewerb hervorbrachte. Darunter ein Glasdach in acht Metern Höhe, welche eine ganzjährige Nutzbarkeit des Platzes ermöglicht und von etwas Mut gezeugt hätte (Burckhardt + Partner). Denn schlimm ist schlussendlich, dass der neue Platz eine weitere Anforderung nicht erfüllt: Er ist noch immer keine Visitenkarte, welche den Besuchern unserer Stadt etwas vom hiesigen Selbstverständnis erzählt und sie willkommen heisst. Der unterkühlte, nackte Platz, dessen Schmuck bisher Standardmasten und lächerliche Chromstahlkabäuschen sind, kann kein solches Gefühl entstehen lassen. Noch schlimmer wird es wohl durch die auf OnlineReports erwähnten, hilflosen Nachbesserungen. Für diese vielen Millionen hätte man als Basler bei der Abwesenheit von Funktionalität... wenigstens gutes Design erwarten dürfen.

Simon Wirth
Basel

 

"Die Planer müssten jetzt ihr Scheitern eingestehzen"

Das Beste und einzig Erlösende wäre, wenn die verantwortlichen Planer und Behörden jetzt endlich ihr offensichtliches Scheitern eingestehen und damit den Weg für unvoreingenommene, "einschenkende" Verbesserungen auf dem Bahnhofplatz freimachen würden. Mit Kosmetik ist dem Problem nämlich nicht beizukommen! Die nach wie vor unverändert kundenfeindliche Mentalität dieser Kreise lässt sich unter anderem an den neukreierten Plakaten mit dem einmal mehr sauglatten Slogan "Mir kömme anenand verby!" ablesen. Im Klartext besagt das: Wer will, kommt nicht unters Tram oder unter den Bus, die anderen sind selbst schuld! Nein, so lassen wir Fussgänger, Tram- und Bahnbenützer uns diese Fehlplanung am Bahnhofplatz nicht auf unsere Schultern abschieben. Jetzt muss dort, wie schon beim Kreisel am Riehenring und am Dorenbach oder beim neuen Tramhäusschen am Barfi, halt leider bereits vor der Fertigstellung schon grundsätzlich saniert werden! Auch wenn das den Planern einen Zacken aus der Krone bricht. Die Alternative sind Verletzte und eventuell Tote. Wie weltfremd diese Planung ist, lässt sich auch daraus erahnen, wie jetzt neulich die Zufahrt zum unterirdischen Veloparking auf der Strassenfläche markiert worden ist: Unfälle zwischen Velos, Taxis, dem Flughafenbus und den Tramlinien sind damit vorprogrammiert! Wo bleibt eigentlich die "Gruppe Bahnhof"? Sie versteht wohl - nomen est omen - nur ihren eigenen Namen...

Dieter Stumpf-Sachs
OeV-Benutzer
Basel


11. Dezember 2001

Zurück zu Politik
Zurück zur Hauptseite

© by Peter Knechtli