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Foto Beat Stauffer

Als Algerien noch stolz war: Das Märtyrerdenkmal im Zentrum von Algier


Hunger nach Leben, Hunger nach Welt

Die algerische Hauptstadt erlebt trotz anhaltender Massaker einen Kulturfrühling

VON BEAT STAUFFER

Politisch befindet Algerien nach wie vor in einer Sackgasse. Die Revolte junger Berber, die seit zwei Monaten das Land erschüttert, ist Ausdruck eines tief sitzenden Malaises in der algerischen Gesellschaft. Die Reaktion der Behörden zeigt klar ihre Unfähigkeit, politische Lösungen für die bestehenden Probleme zu entwickeln. Doch im Kulturleben ist seit einiger Zeit eine Art Aufbruchstimmung spürbar; die Hauptstadt Algier ist aus ihrer Totenstarre erwacht. Künstler und Intellektuelle nehmen wieder aktiv am gesellschaftlichen Leben teil und wollen die Isolation durchbrechen, in die das Land in den neunziger Jahren geraten war.

Algier, wenige Tage vor dem Ausbruch der Revolte in der Kabylei. Das Stadtzentrum ist voller Menschen, die auf den breiten Boulevards flanieren, die Cafés sind bis auf den letzten Platz besetzt, und die Atmosphäre wirkt erstaunlich entspannt. Die Hauptstadt Algeriens wie auch die andern grösseren Städte des Landes gelten heute als sicher. Wüsste man nicht von den Autobomben, von der gezielten Ermordung prominenter Intellektueller vor nicht allzu langer Zeit, so fühlte man sich hier kaum anders als in irgendeiner Stadt im Maghreb. Doch dieses Wissen lässt sich so leicht nicht ausradieren, und so bleibt trotz allem eine gewisse Beklommenheit; die beiden Sicherheitskräfte, die den Journalisten auf Schritt und Tritt begleiten, tragen das Ihre dazu bei.

Jeder Anschein von Normalität wird allerdings sofort verwischt, wenn man sich einem staatlichen Gebäude oder einer ausländischen Botschaft nähert. Schwer bewachte Uniformierte sind vor allen Eingängen aufgestellt, ob es sich um ein Ministerium, die Hauptpost oder das Nationaltheater handelt. Noch stärker sind die Sicherheitsvorkehrungen am Abend: Jede grössere Strassenkreuzung wird von Militärs bewacht, und das Leben auf den Strassen kommt schon gegen zehn Uhr nachts zum Erliegen. Schlägt man dann am Morgen die Zeitung auf und erfährt, dass nur wenige Dutzend Kilometer von der Hauptstadt entfernt in einer Nacht insgesamt 26 Menschen brutal ermordet worden sind, so wird man sich bewusst, dass Algier zurzeit nichts anderes ist als eine schwer bewachte Insel inmitten eines immer noch von Terrorakten gezeichneten Landes.

Aufatmen trotz schrecklichen Ereignissen

Und dennoch hat sich in den letzten Jahren etwas getan, hat sich das Klima in der Hauptstadt merklich verändert. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Hauptstadt sagen es mit Nachdruck, die regelmässigen Besucher bestätigen es, und der Journalist, der 12 Jahre lang nicht mehr ins Land gekommen ist, glaubt es selbst zu spüren: Algier befindet sich in Aufbruchstimmung. Es ist, als gehe ein tiefes Aufatmen durch die von schrecklichen Ereignissen heimgesuchte Stadt.

Lichtjahre zurück scheinen die dunklen Zeiten zu liegen, in denen islamistische Killerkommandos prominente Intellektuelle und Künstlerinnen liquidiert hatten. Heute ist klar: Den Islamisten ist es nicht gelungen, das kulturelle Leben unter ihre Kontrolle zu bringen. Zwar haben nach 1994 zahlreiche Intellektuelle und Künstler das Land verlassen, und viele, welche nicht über die dazu notwendigen Mittel verfügten, haben sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen. Doch das weltoffene, mediterran und französisch geprägte Kulturleben der Hauptstadt haben sie damit nicht abtöten können. Im Stadtzentrum sind die Bars wieder in Betrieb, und auf den Flaniermeilen zeigen sich unbekümmert elegant gekleidet junge Frauen.

Wenig Interesse an positiven Ereignissen?

Die "Ecole des Beaux Arts" war eine der Institutionen, die Mitte der 90er Jahre ins Fadenkreuz der Islamisten geraten war. Im Sommer 1994 wurden der Direktor der Kunsthochschule und sein Sohn ermordet. Doch die Schule habe ihren Betrieb trotz diesen feigen Terrorakten nie eingestellt, erklärt der heutige Direktor, Mustapha Bouamama. Der promovierte Kunsthistoriker, beklagt sich darüber, dass man im Ausland nur die "tragischen, dramatischen Ereignisse" in Algerien wahrnehme. Dabei zeuge es doch von beachtlichem Mut, dass der Lehrbetrieb an der Kunstschule trotz aller Drohungen aufrecht erhalten worden sei. Die westlichen Medien, meint Bouamama, seien an den positiven Ereignissen in Algerien offenbar nicht interessiert.

Die Kunsthochschule in Algier scheint in der Tat einer dieser Orte zu sein, wo hoffnungsvolle, positive Energien wirken. Auf einem Rundgang fällt die entspannte, geradezu lockere Athmosphäre sofort auf. Während einer längeren Pause stehen die zumeist nach westlicher Mode gekleideten Studierenden in kleinen Gruppen zusammen, diskutieren, rauchen, scherzen in der Frühlingssonne. Der Besucher wähnt sich irgendwo in einer Stadt in Südeuropa. In den Unterrichtsräumen wird mit grossem Eifer gezeichnet, modelliert, gemalt. Dass für Aktzeichnen keine nackten Modelle in Frage kommen, ist selbstverständlich; dafür stehen die Studierenden gleich selber Modell.

Demokratisierung ist irreversibel

Abdelmalek Madjoubi gehört zu den Kulturschaffenden, die trotz dem Terror im Land geblieben sind. Madjoubi, Maler und Dozent für zeitgenössische Malerei an der Ecole des Beaux Arts, hat die unheimliche Spannung, ja die Angst noch deutlich vor Augen, die sich nach den Anschlägen unter Künstlern und Intellektuellen in der Hauptstadt breitmachte. Madjoubi hörte damals auf zu malen, konnte unter den gegebenen Umständen schlicht nicht mehr kreativ sein. Er zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, verkehrte nur noch im engsten Freundeskreis und in der Familie. Diese schlimme Phase habe ein, zwei Jahre gedauert. Doch heute, sagt Madjoubi, heute sei diese Phase endgültig vorbei. Künstler und Kulturschaffende fühlten sich längst wieder sicher und hätten ihre Aktivitäten wieder aufgenommen.

Madjoubi spricht von einem Frühling, einer Aufbruchstimmung, die Algerien erfasst habe, sowohl bezüglich des kulturellen Lebens als auch hinsichtlich der Entwicklung der gesamten Gesellschaft. Die Demokratisierung sei irreversibel, und für die zukünftigen Generationen sei er optimistisch. Er verhehlt allerdings nicht, dass die Situation für sein eigenes Fach, die zeitgenössische Malerei, auch in Zukunft recht problematisch sein werde. "Wir richten unseren Blick nach aussen, auf das, was in der internationalen Kunstszene geschieht", sagt Madjoubi. "Doch wir stellen uns immer die Frage: Braucht unsere Gesellschaft diese zeitgenössische Kunst wirklich?"

Neue Galerien und Rap in den Vorstädten

Die Einschätzungen von Madjoubi werden uns noch und noch bestätigt. Algerien sei in den letzten Jahren in Bewegung gekommen, in allen Bereichen der Gesellschaft tue sich was, überall sei kreative Energie zu spüren, sagt die Filmproduzentin Malika Laichour. Kurz: L'Algérie bouge! Algier will endlich vergessen, will wieder leben, will wieder Anschluss finden an die Welt, von der sie sich während Jahren ausgeschlossen fühlte. "Der Westen hat uns unter Quarantäne gesetzt", sagt Kamal El Korso, Professor für deutsche Sprache und Literatur, "er hat uns gleichsam bestraft für die politischen Probleme, mit denen wir konfrontiert waren". Diese Abschottung will man nun aufbrechen, koste was es wolle.

Vieles weist in der Tat auf eine Aufbruchstimmung hin. Im Herbst des vergangenen Jahres gab Khaled, der Weltstar des algerischen Rai, zum ersten Mal wieder ein Konzert in seinem Land. Es wurde zu einem Happening, wie es Algier noch nie erlebt hatte. In den armen Vorstadtquartieren der Hauptstadt wurde der Rap als neue musikalische Ausdrucksform entdeckt; er scheint dem Rai bereits den Rang abgelaufen zu haben. In den Innenstadt und in gewissen schicken Aussenquartieren sind zahlreiche Galerien eröffnet worden. Im grossen Saal des Kulturzentrums Riad El Fath finden Jazzkonzerte statt; undenkbar noch vor wenigen Jahren, weil Jazz als westlich-dekadentes Kulturgut verpönt war. Auch die algerische Filmbranche scheint zu florieren: Fünf Filme, mehr als je zuvor, seien gegenwärtig in Produktion, weiss die Filmproduzentin Malika Laichour. Das "Théatre National d'Alger", gibt praktisch täglich Vorstellungen, und die Cinématèque Nationale programmiert anspruchsvolle Filme. In Zusammenarbeit mit Pro Helvetia sollen schon bald Filme von Alain Tanner und Jean-Luc Godard gezeigt werden. Schliesslich haben zahlreiche ausländische Kulturinstitute, die Mitte der 90er Jahre ihre Tore geschlossen haben, ihre Aktivitäten wieder aufgenommen.

Die Schwerfälligkeit der Kulturbürokratie

Diesen Kulturfrühling in allzu blumigen Worten zu beschreiben, wäre allerdings vollkommen verfehlt. Denn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Algerien sind immer noch prekär, und die staatliche Kulturbürokratie hält das kulturelle Leben noch allzu häufig in ihrem Würgegriff. Der Staat wolle auch in diesem Bereich stets alles bis ins letzte Detail kontrollieren, gibt uns später eine Intellektuelle zu Protokoll, und das gelte bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form. Von einem extrem bürokratischen Betrieb, der allzu oft kulturelles Schaffen behndere oder gar ersticke, berichten andere, die damit ihre Erfahrungen gemacht haben. So soll eine Einladung eines algerischen Theaterschaffenden in die Schweiz kürzlich an derartigen Schikanen gescheitert sein.

Es sind denn auch vor allem private Initiativen, die Algiers Kulturleben zum Erblühen bringen. Die paar staatlichen Kulturprojekte, die wir besuchen, wirken mit wenigen Ausnahmen seltsam steril und ohne Leben. Die sogenannte Bastion 23, eine alte Festungsanlage aus türkischer Zeit, ist ein schlagendes Beispiel dafür. Es sieht so aus, als wüsste man von offizieller Seite nicht so recht, was man mit diesem neuen Kulturzentrum anfangen solle. Das mit grossem Aufwand restaurierte Bollwerk ist weitgehend leer. Eine Patchworkausstellung, die in einem kleinen Trakt Gastrecht erhalten hat, rührt ans Herz, vermag aber den eklatanten Mangel an Inhalten nicht zu überdecken.

Bewaffnete Sicherheitskräfte am Theatereingang

Etwas positivere Eindrücke hinterlässt der Besuch einer Nachmittagsvorstellung im algerischen Nationaltheater. Die mit Maschinenpistolen bewaffneten Sicherheitskräfte, die vor dem Theatereingang postiert sind, verursachen zwar ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube. Doch mit solchen Sensationen wird man in Alger mehrmals täglich konfrontiert, und mit der Zeit gewöhnt man sich fast daran. Im Zuschauerraum ist dann die Stimmung erstaunlich entspannt. Zahlreiche Familien mit Kindern nehmen an der Aufführung einer in Maghrebinisch-Arabisch gesprochenen Burleske teil. Das Publikum scheint sich köstlich zu amüsieren; man lacht wieder in Algier, will die schlimmen Jahre vergessen. An solchen Stücken fände das Publikum der Hauptstadt am meisten Gefallen, weiss unsere Begleiterin. Europäische Klassiker seien den Algeriern fremd; dazu kämen die nachvollziehbaren Ressentiments gegenüber der Kultur der ehemaligen Kolonialherren.

Es ist augenfällig: Kultur hat in diesem riesigen, an Ressourcen so reichen Land zurzeit keinen hohen Stellenwert. Das Budget des Kultur- und Informationsministerium beträgt angeblich nur einen Bruchteil desjenigen der Armee oder des Innenministeriums. Die Gründe dafür sind das Thema zahlreicher Gespräche im privaten Rahmen. Die eher kultur- und bildungsfeindliche Einstellung der algerischen Machtelite, welche bis heute stark vom Wertekodex der Armee geprägt sei, und die politisch schwierige Situation Algeriens werden als Hauptgründe genannt. Dazu kommt, dass die grosse Mehrzahl der Algerierinnen und Algerier derart mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt sind, dass sie für kulturelle Dinge schlicht kein Gehör haben dürften.

Orientierungslose offizielle Kulturpolitik

Die offizielle algerische Kulturpolitik wirkt auf jeden Fall reichlich orientierungslos. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: Mit dem Fall der Berliner Mauer ist der bisherigen Politik, welche der Kultur stets die Rolle als Wasserträgerin der nationalen Ideologie zuschrieb, schlicht der Boden entzogen worden. Doch eine neue Kulturpolitik, so meinten unsere Gesprächspartner übereinstimmend, sei noch nicht einmal in Umrissen zu erkennen. Und im staatlichen Fernsehprogramm, das für die breite Masse der Bevölkerung wohl bei weitem der wichtigste Zugang zu kulturellen Inhalten darstellt, würden die Leute wie bis anhin mit einer wohl dosierten Mischung von ägyptischen Seifenopern, konserativ-islamischen Filmen einheimischer Produktion und ungeniessbaren Nachrichtensendungen ruhiggestellt.

In diesem Bereich sei bis heute überhaupt keine Neuausrichtung festzustellen, meint die in Deutschland lebende Journalistin und Autorin Nacera Rech. Das staatliche Fernsehen enthalte den Zuschauern nicht nur das Ausmass der Massaker vor, sondern informiere auch kaum über die Aktivitäten der im Ausland lebenden algerischen Intellektuellen vor, sagt Nacera Rech. So sei die kürzliche Preisverleihung an die Schriftstellerin Assja Djebar dem staatlichen Fernsehen gerade mal eine Kurzmeldung wert gewesen. Dem halten andere Intellektuelle entgegen, dass die Medien für arabische Verhältnisse erstaunlich frei seien und auch nicht vor bissiger Kritik am Staatspräsidenten zurückschreckten.

Fest steht, dass der früher fast allmächtige Staat private Kulturinitiativen seit einigen Jahren immerhin zulässt. Auch soziale und karitative Vereine haben sich diese neuen Freiräume zunutze gemacht; in diesem Bereich ist ein eigentlicher Boom festzustellen.

Kein Platz für Repräsentationskultur

Die Frage bleibt allerdings, welche Rolle der Kultur in einem Land zukommen soll, das sich in der schwersten Krise seiner jüngsten Geschichte befindet und in dem immer noch zumeist unschuldige Menschen bestialisch ermordet werden. Klar ist: Für Repräsentationskultur ist in Algerien gegenwärtig kein Platz. Operngalas, gediegene Vernissagen, schräge Happenings sind schwer vorstellbar in diesem tief zerrissenen Land, das noch immer um seine Identität ringt.

Doch gerade die Kulturschaffenden könnten einen entscheidenden Beitrag leisten, um Algerien mit seiner unbewältigten Vergangenheit auszusöhnen, um die furchtbaren Geschehnisse der Gegenwart zu verarbeiten, um Grundlagen für eine menschlichere Zukunft zu legen. Die kulturellen Anlässe, die sich frontal den gegenwärtigen Problemen des Landes stellen, haben uns den weitaus stärksten Eindruck hinterlassen. Da war etwa die Vernissage eines Films über die Ermordung des Bischofs von Oran in der Cinématèque, einem Hort freien Denkens und Schaffens seit langen Jahren. Vor dem Filminstitut, das sich in einer quirligen Seitenstrasse befindet, herrscht Nervosität. Sicherheitsleute tigern auf der engen Strasse auf und ab. Der Erzbischof von Algier und andere Ehrengäste - darunter der Schweizer Botschafter, André von Graffenried, warten fast eine Stunde, bis der Film zur Vorführung bereit ist. Technische Probleme sind angeblich für die Verspätung verantwortlich. Auch die gesamte Einrichtung des Vorführraums wirkt reichlich verlottert; mit Erstaunen vernimmt man, dass der Kinosaal einer der besten der Hauptstadt sei. Vielleicht hatte der Kulturattaché tatsächlich recht, der anmerkte, in den Jahren des Terrors sei auch das Know-how in kulturellen Dingen etwas verloren gegangen.

Frauen wollen Massaker aufgeklärt haben

Doch die Intensität, die sich in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Raum einstellt, als der Film zu laufen beginnt, lassen dies alles sogleich vergessen. Man spürt: Hier geschieht etwas ganz Wesentliches, hier wird Trauerarbeit geleistet, ohne die das Land nicht vorwärts kommen wird. Dasselbe Gefühl stellt sich bei einem anderen, ähnlich gelagerten Anlass ein. Es handelt sich um eine Preisverleihung an Frauen, die sich aktiv um die Aufklärung von Massakern bemüht und mit unglaublichem Zivilcourage der tödlichen Bedrohung getrotzt haben. "Wir Frauen wissen genau, wer die Täter und wer die Opfer in diesem furchtbaren Drama sind!", ruft die Präsidentin der Vereinigung der demokratischen Frauen Algeriens in den vollbesetzten Saal und erntet brandenden Applaus. Der Staat müsse endlich die Opfer des Terrorismus anerkennen und entschädigen und nicht nur reumütige Terroristen rehabilitieren, fordert die Präsidentin in kämpferischem Tonfall. "Kampf gegen das Vergessen" ist das Motto dieser mutigen Frauen. Für uns war es die eindrücklichste Veranstaltung, an der wir in Algier teilnehmen konnten.

Der algerische Kulturfrühling, den gewisse Kulturschaffende so enthusiastisch feiern, steht in einem eklatanten Widerspruch zum fehlenden Erfolg des Projekts einer nationalen Aussöhnung und zu den jüngsten Berber-Revolten. Gewiss: Das kulturelle Leben in Algier ist eindrücklich, und die Athmosphäre hat sich spürbar verändert. Doch die gewaltigen gesellschaftlichen Probleme - Massenarbeitslosigkeit, eine dramatische Wohnungsnot und ein ungebremster Kaufkraftverlust - harren nach wie vor einer Lösung, setzen diesem "Frühling" sehr enge Grenzen. Nicht zu reden von den Folgen Terrorismus, der in den Menschen tiefe Wunden hinterlassen hat.

Hoffnung auf private Initiativen

Bewegt sich Algerien wirklich? Die Filmproduzentin Malika Laichour, die wortreich ausführt, weshalb der Aufschwung Algeriens unaufhaltsam sei, mag keinen Widerspruch in der immer noch blockierten politischen Situation des Landes sehen. So ein Land wie Algerien könne doch all diese gewaltigen Probleme nicht auf einmal lösen, sagt Laichour. Zwischen den Zeilen glaubt der Journalist zu verstehen, dass Laichour - wie viele algerische Intellektuelle - von der Politik eh nichts erwartet. Umso mehr Hoffnung setzt sie auf die privaten Initiativen im kulturellen und sozialen Bereich. Das könnten die Keime sein, die eine innerlich zerrissene und von teils archaischen Traditionen blockierte Gesellschaft aufweichen, vielleicht gar aufsprengen werden.

Manchmal hat diese Hoffnung etwas Forciertes, etwas Verzweifeltes an sich. Es wirkt, als klammerten sich die algerischen Kulturschaffenden an diesen Strohhalm, wohlwissend, dass ein Scheitern unweigerlich ein Absinken in eine kollektive Depression zur Folge hätte. Doch angesichts der Tatkraft und des Mutes, mit denen sich viele dieser gewaltigen Herausforderung stellen, ist man als Beobachter aus dem saturierten Mitteleuropa fast etwas beschämt. Und man wünscht Algerien, dass diese Hoffnung für einmal nicht unbegründet war.


BERBER-KONFLIKT
Hoffnung auf Aufbruch enttäuscht

bst. Hat sich die Revolte junger Berber aus der Kabylei, die sich mittlerweile in andere Regionen des riesigen Landes ausgebreitet und in der Hauptstadt zu Massenkundgebungen riesigen Ausmasses geführt hat, auf das Kulturleben des Landes ausgewirkt? Ist der neue Elan, der spürbare Optimismus dadurch zum Erliegen gekommen? Oder sind die Berber-Unruhen vielmehr das politische Pendant zu den zahlreichen Initiativen im Kulturbereich? Fest steht, dass die Kabylen mehrheitlich zum laizistischen, weltoffenen Teil der algerischen Gesellschaft zu zählen sind; einige von ihnen sind auch Opfer des islamistischen Terrors geworden. Dennoch lässt sich im Moment kaum eine Antwort geben; zu vieles ist im Fluss. Ein Künstler aus dem südalgerischen Tamanrasset, der Ende Juni in Basel zu Gast war, beschrieb allerdings die Stimmung unter den Kulturschaffenden als gedrückt. Einmal mehr, so sagte er gegenüber OnlineReports, sei die Hoffnung auf einen Aufbruch enttäuscht worden.



29. Juni 2001

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