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Tötung von drei Jungbären im Basler Zoo stösst auf massive Kritik

Weshalb Zoos nicht mehr nur die "heile Welt" ihrer Tiere zeigen können

VON RUEDI SUTER

Drei einjährige Bärchen mussten am 7. November im Basler Zoo ihr Leben lassen. Ein Aufschrei des Entsetzens hallte durch das Land. Dabei gehört das Töten selbst gesunder Tiere zum Alltag eines Zoos. Ein Tabu, das keines sein sollte, von vielen Zoos aber mit ihrer "Heile-Welt-Informationspolitik" betoniert wird. Sie und die Öffentlichkeit müssen lernen, mit Tod und Tötungen gefasster umzugehen.

Sie durften gerade ein Jahr lang leben. Bis in die frühen Morgenstunden des 7. November 2000 tollten sie noch munter herum und erfreuten sich - für alle Besucher und Besucherinnen des Basler Zoos auf Anhieb erkennbar - ihres Bärenkinderlebens, das ihnen ein Jahr zuvor Bärenmutter Lea geschenkt hatte. Doch dann mussten sie sterben, die drei putzigen Braunbärchen von Lea und Vater Van: Ein gelernter Metzger lud an diesem Morgen im Beisein eines Tierarztes seine Handfeuerwaffe, schraubte einen Schalldämpfer auf den Lauf, zielte und schoss. Liegen blieben drei tote Jungbären. Ihr noch zartes Fleisch stärkte später die Schneeleoparden und Wildhunde.

Die Erschiessung der kuscheligen Tiere entfachte einen Proteststurm sowie heftige Diskussionen über die Tierhaltung in Zoos. Ein kurzer Bericht im Gratisblatt "20 Minuten" über das schlimme Los der drei Jungbären hatte die Öffentlichkeit vor der Tötung alarmiert. Die Direktion des Basler Zoos - von der Basler Bevölkerung liebevoll "Zolli" genannt und mit über 6800 Tieren der grösste Zoo der Schweiz- wurde tagelang mit Telefonanrufen neugieriger Medienleute und aufgebrachter Tierfreunde in Atem gehalten.

Allgegenwärtiger Tod im Zoo

Namentlich Zollidirektor Peter Studer und Säugetier-Kurator Gerry Guldenschuh versuchten in Gesprächen und Medienauftritten der Öffentlichkeit klarzumachen, dass die Tiere nicht einfach aus reiner Tötungslust ihr Leben lassen mussten. Sie sahen sich gezwungen, Auskunft zu geben über etwas, das von den meisten Zoo-Besuchenden regelmässig verdrängt wird - und doch zum natürlichen Alltag eines Zoologischen Gartens gehört: die gezielte Tötung von Tieren.

Denn Zoos sind künstliche Lebensräume, in denen das meiste manipuliert wird. Der natürliche Kreislauf funktioniert hier bestenfalls noch bruchstückhaft. Alles, was in Zoos geschieht, wird vom Menschen bestimmt - Fressen und Gefressenwerden, Zeugung, Leben und Sterben. Der Mensch muss dauernd eingreifen, mit Lenkungsmassnahmen wie etwa das Zusammenführen oder Trennen von Männchen und Weibchen für die Fortpflanzung. Oder er muss Probleme lösen wie Übervölkerung oder Krankheiten - mit Schusswaffen oder Giftspritzen, die die Tiere für immer einschlafen lassen.

Zuwenig Platz, zuwenig bedroht

Die drei Basler Bärchen mussten aus Platzmangel sterben, verteidigte sich der Zolli. Zuviele Bären auf zu engem Raum sei qualvoll und entspreche in keiner Weise einer artgerechten Haltung. Und ein guter Platz ausserhalb des Zoos habe man beim besten Willen nicht auftreiben können, bedauerte Gerry Guldenschuh. Raumnot war der wichtigste Grund für das Todesverdikt. Aber es gab auch noch ein anderes Motiv: der Zucht-Aspekt. Diese Braunbären seien "keine bedrohte Bärenart" - und deshalb auch nicht dringend auf einen Zooplatz angewiesen.

Die drei letzten "Braunen" im Zolli, worunter auch Lea und Van, sind bereits 27 Jahre alt. Normalerweise werden diese Tiere kaum älter als 30. Die drei sollen "natürlich" sterben dürfen, dann will man in Basel eine neue Bärenanlage bauen. Und diese soll in frühestens vier Jahren einer der bedrohten Braunbär-Arten Unterschlupf bieten. Ob es syrische, iberische oder Abruzzenbären sein sollen, ist noch unklar. Jedenfalls wird die neue Zucht die ebenfalls bedrohten Brillen- und Malayenbären des Zollis ergänzen.

"Lieber kastrieren als töten"

Petze scheinen gemütliche Gesellen zu sein. Sie strahlen etwas Putziges aus, was ja auch zur Geburt des legendären Teddybären führte. Sie wecken Emotionen, die im richtigen Mass auch für eine gesunde Mensch-Tier-Beziehung ausschlaggebend sind. "Es ist eine Tragödie, dass der Zolli diese Jungtiere einfach abschiesst", beklagte die Präsidentin des Basler Tierschutzbundes, Irene Bärenzung, die Bärenexekution im Zolli. Zuerst betreibe man mit den drolligen Jungbären ungeniert Werbung für den Zoo, dann mache man sie tot. Auch die radikale PETA, nach eigenen Angaben die "weltweit grösste Tierrechtsorganisation", empörte sich über "die mehr als tierverachtende und skrupellose "Entsorgungs-Philosophie" am Rheinknie. Frank Höneck von PETA-Deutschland: "Die Tiere sind für Zoos reinste Objekte, die man nach menschlichem Belieben einfach austauscht, benutzt und anschliessend sang- und klanglos entsorgt." Aufgrund dieses Wissens mache sich jeder Zoobesucher "am Tod ihrer einstigen Lieblinge mitschuldig". Auch an ihren Händen "klebt das Blut der getöteten Bären".

"Mit Wut und Empörung" reagierte auch die Schweizerische Gesellschaft für Tierschutz/ProTier auf die Erschiessung der Tiere. Geschäftsführerin Rita Dubois bestätigte zwar die leider fehlenden Möglichkeiten, Braunbären noch irgendwo unterzubringen, kritisiert dann aber die "völlige Verantwortungslosigkeit, sie weiterhin als reine Publikumsmagnete zu züchten". Wenn schon geburtsfreudige Tierarten in Zoos gehalten würden, müssten sie zeugungsunfähig gemacht werden. So müsse man nicht später die Jungtiere umbringen. Rita Dubois, die Wildtieren grundsätzlich lieber in geschützten Naturlandschaften als in gefängnisartigen Zoo-Umgebungen erleben möchte: "Es gibt genügend Beispiele, dass auch kastrierte Zootiere ein gutes Leben führen."

Hilflos der menschlichen Interpretationsfähigkeit ausgeliefert

Doch hier prallen einmal mehr die Ansichten von engagierten Menschen aufeinander, die dem Tier auf unterschiedliche Weise im Guten begegnen möchten. Das zentrale Problem: Die betroffenen Tiere können sich selbst nicht äussern - sie sind relativ hilflos der menschlichen Interpretationsfähigkeit ausgesetzt. Wo und wie sich ein Petz beispielsweise wohl fühlt, könnte nur er selbst "sagen". Doch wer versteht die Tiersprachen? Die von Rita Dubois und Irene Bärenzung zum Wohle der gefangenen Wildtiere geforderte Sterilisierung wird von Gerry Guldenschuh und Verhaltensforscher Jörg Hess vehement abgelehnt - ebenfalls zum Wohle der Tiere.

Einem Wildtier wie dem Bären in Gefangenschaft solle auch die bestmögliche Lebensqualität zugute kommen, argumentiert Guldenschuh: "Das Kredo im Zolli heisst: Unsere Tiere haben ein Recht auf Fortpflanzung!" Bären solle also das Liebemachen ab und zu erlaubt sein und nicht mit einer Kastration für immer verwehrt werden. Auch wenn die gebärfreudigen Mütter jährlich 2 bis 3 Junge werfen könnten, von denen im Zoo alle, in der Natur aber bestenfalls nur 30 Prozent überleben.

"Tierkinder sind wichtig für die Tiergruppe"

Und Menschenaffen-Forscher Jörg Hess meint: "Tierkinder sind für die Tiergruppe als die besten Animatoren sozial unerhört wichtig. Keine Massnahme, die Menschen je treffen können, kommt an das heran, was Tierkinder bieten." Im Zolli wolle man einfach den Tieren eine lebenswerte Haltung schaffen, auf dass sie sich weitgehend wohl fühlen mögen. Hierzu gehören, neben temporärem Sexentzug oder Empfängnisverhütung, dann eben auch Tötungen. "Wer dies aber nicht akzeptieren kann, muss auf Zoos verzichten", folgert Hess. Ein Verzicht, den viele Bürgerinnen und Bürger nicht mit dem Niederreissen von Zoomauern, sondern still mit dem Fernbleiben von "diesen Tiergefängnissen" zum Ausdruck bringen.

Dass das in Gefangenschaft oft notwendige Umbringen von Tieren die Leute so zu erschüttern vermag, hängt auch mit der Naturentfremdung vor allem städtischer Menschen zusammen. Denn dort, wo das Sterben und der Tod von Lebewesen verdrängt wird, anonym bleibt und nicht mehr wahrgenommen werden kann, reagieren Leute besonders empört oder erschüttert.

Auch im Schlachthaus wird getötet

Wenn gestorben oder getötet wird, geraten auch die Grössenverhältnisse leicht durcheinander: Der geplante Tod dieser drei Jungbären löst einen Aufschrei der Empörung aus; der geplante Schlachttod von täglich Tausenden von Rindern, Schweinen, Lämmern und Hühnern für unsere Kochtöpfe brachte nicht einen Protestlaut hervor - einmal abgesehen von einer Handvoll konsequenter Tierliebenden, die "das Morden in den Schlachthäusern und bei Jagden" mit konsequenter Fleischverweigerung bekämpfen.

Dass Leben immer auch ein Ende hat oder mitunter beendigt werden muss, könnten Zoologische Gärten im Sinne einer kontinuierlichen Aufklärung ausgezeichnet vermitteln. Doch hier hapert es, wie beispielsweise auch die Informationspolitik des Basler Zoos verdeutlicht. Der meldet nur gerade den Tod der berühmtesten Tierpersönlichkeiten, da deren Fehlen schnell auffällt. Wen sonst das Zeitliche segnet, erfährt niemand.

Zoos müssten als Aufklärer wirken

Derweil der Zolli bei seinen regelmässigen Presseeinladungen geschickt auf die Wunder der lebenden Tierwelt aufmerksam zu machen weiss, werden die traurigen und brutalen Aspekte dieser gleichen Tierwelt höchstens am Rande oder gar nicht thematisiert: Aus der (nicht unbegründeten) Angst vor emotionalen Überreaktionen der Öffentlichkeit, die den Zoo-Verantwortlichen derart Angst machen, dass sie auch interessante Operationen an tierischen VIPs verheimlichen. Würde der Zolli offensiver und damit auch ehrlicher hin und wieder über die schwierigen Seiten einer Zoo-Realität informieren, würde sich das Publikum langsam daran gewöhnen können, dass zu einem Zoo eben auch Krankheit, Leid und Tod gehören.

Die jetzige Informationspraxis der "heilen Zoowelt" ist im Informationszeitalter ohnehin veraltet. Die geheim gehaltenen Geschehnisse dringen so oder so an die Öffentlichkeit. Beweis: Als man am 18. Januar 1999 im Basler Zoo die beiden letzten Tiger, den alten Seelöwen und eine Rappenantilope schlachtete, wurde darüber kein Sterbenswörtchen verloren. Auch nicht wenige Tage später - am betulichen Zolli-Apéro für die Medien.


KOMMENTAR

Foto OnlineReports

Der Basler Zolli müsste auch Trauriges kommunizieren

Das Entsetzen ist nachvollziehbar: Drei Braunbärchen müssen im Basler Zoo aus Platznot erschossen werden.

Ist die Aufregung aber auch gerechtfertigt? Im Zolli, der uns den Kontakt mit "wilden Tieren" ermöglicht, muss der Mensch über Leben und Sterben bestimmen. Die künstlich geschaffene Mini-Natur in diesem Betrieb erfordert ein von Emotionen freies Management. Ohne dieses würde der Zolli zur Folterkammer.

Jetzt sind die Bärchen tot - so tot wie das in unseren Wäldern totgeschossene Wild oder die weit über drei Millionen für unsere Teller umgebrachten "Schlachttiere". Doch diesen Kreaturen wird kaum eine Träne nachgeweint. Ein Verhältnisblödsinn, dem man nur mit der kontinuierlichen Thematisierung des Tier-Todes durch Menschengewalt begegnen kann.

So müsste der Zolli neben der idealistisch "schönen Tierwelt" auch mehr deren traurige Seiten offensiv thematisieren. Die Natur ist auch brutal, ungerecht und tödlich.

Das verdrängen wir gerne. Deswegen gibt es auch Zoos. Deswegen zerstören wir die Lebensgrundlagen, töten Mitmenschen, rotten die letzten Wildtiere aus. Und deswegen weinen wir so häufig - im falschen Augenblick.

Ruedi Suter

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8. November 2000

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