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Foto Beat Stauffer

Muslime - hier in Marokko - gehen mit liberalen Vorstellungen unterschiedlich tolerant um


Muslime in der Schweiz sind sowohl Opfer wie auch Täter von Ausgrenzungen

Ein Tabu - bis weit in offizielle Stellen hinein: Der Islam im multikulturellen Kontext

VON BEAT STAUFFER

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) prangerte kürzlich die nach wie vor bestehende Diskriminierung von Muslimen und Musliminnen in der Schweiz an und erhob zu Recht eine Reihe von Forderungen gegen das "Feindbild Islam". Dennoch stellt sich die Frage, ob die Kommission Muslime nicht einseitig als Opfer dargestellt. Es gibt nämlich ernst zu nehmende Hinweise auf Ausgrenzungen und Diskriminierungen, bei denen Muslime selber als Täter auftreten.

Das Delikt, das die junge Frau begangen hat, scheint aus westlicher Perspektive keines: Sie hat einen Christen zum Mann genommen und damit gegen eine islamische Rechtsnorm verstossen. Doch die Konsequenzen, welche die Tunesierin mit Schweizer Pass zu ertragen hat, sind hart: Im islamischen Zentrum, das sie bis anhin besucht hat, weigert sich der Imam, ihr die Hand zu geben, andere Gläubige schneiden sie. Zohra (Name der Redaktion bekannt) erlebt dies als Ausgrenzung, ja als Diskriminierung, und sie weiss, dass viele andere arabische Frauen, die in der Schweiz leben, Ähnliches erfahren.

Dieses Beispiel mag gesucht erscheinen. Doch hier kommt eine Haltung zum Ausdruck, die auf einem buchstabengetreuen, rückwärts gerichteten Verständnis des Islams beruht und allen Anstrengungen in Richtung eines multikulturellen und multireligiösen Zusammenlebens krass zuwiderläuft. Auch die gläubige Muslimin Fatima P. wurde selbst schon mehrfach mit ausgrenzenden Tendenzen gewisser Glaubensgenossen konfrontiert. Weil sie sich nach eigenen Worten immer für einen toleranten Islam und den Dialog mit einsetzte, wurde sie wiederholt als "verwestlicht" oder gar als "ungläubig" abgekanzelt. Sie erhielt auch Drohbriefe von beiden Seiten - radikalen Islamgegnern christlicher Herkunft und Muslimen, die sich im Besitz der Wahrheit glauben.

"Exzessives Verständnis-Christentum"

Es steht ausser Zweifel, dass Muslime nicht nur Opfer religiöser Intoleranz, Ausgrenzung und Rassismus sind, sondern regelmässig auch in genau diesem Sinn selber wirken. Selbstverständlich darf dies kein Argument sein, die Diskriminierungen, welche Muslime erleiden müssen, zu verharmlosen. Doch sollte der Blick nicht eher darauf zielen, derartige Mechanismen zu denunzieren, wer immer der Urheber ist? Wer den muslimischen Anteil an Intoleranz und Abschottung ausblendet, läuft Gefahr, eine echt multireligiöse Gesellschaft auf sehr unsicherer Basis aufzubauen.

Der Islamwissenschafter und ETH-Dozent Hartmut Fähndrich ortet die Ursache für diese Einäugigkeit in einem "exzessiven Verständnis-Christentum", das immer noch von Schuldkomplexen belastet sei. Hier werde ein falscher Pfad beschritten, schreibt Fähndrich in seinem Beitrag im Bulletin "Tangram". Nicht Entschuldigungen für längst Vergangenes - etwa für das Verbrechen der Kreuzzüge - seien erforderlich, sondern Einsichten über Geschehenes, und dies auf beiden Seiten. Es brauche dringend einen offenen und ehrlichen Dialog mit Muslimen, der auch schwierige und problematische Aspekte nicht ausblende. Weder "liebliches Gesäusel" über das grosse Herz des Propheten gegenüber der gesamten Schöpfung noch böswillige Verzerrungen des islamischen Glaubens führten weiter.

Das bedeute aber auch, heikle und schwierige Punkte nicht a priori auszuklammern. "Wenn etwa ein prominenter islamischer Vertreter in Zürich die Fatwa gegen Salman Rusdhie öffentlich rechtfertigt", meinte Fähndrich gegenüber ONLINE REPORTS, "dann gehört dies öffentlich angeprangert". Eine Doppelbödigkeit könne man sich in diesem Dialog schlicht nicht leisten. Voraussetzung für diesen Dialog, so schreibt Fähndrich weiter, wäre aber ein Abbau vom dem, was er als "Überislamisierung" bezeichnet: Überislamisierung von Muslimen durch die hiesige Perspektive, aber auch vieler Muslime durch sich selber. Diese Überislamisierung bringe den Islam letztlich in Gefahr, "als retrograde Religion mit für hiesigen Verhältnisse unangemessenen Verhaltensweisen" abgelehnt zu werden.

Reaktionäres Bild des Islams

Es ist keine Frage, dass in zahlreichen der mittlerweile über das ganze Land verstreuten Moscheen, Gebetsräumen und islamischen Zentren solche reaktionären Auffassungen des Islams vermittelt und gepredigt werden. Einige dieser Zentren sind auch bekannt dafür, Treffpunkte von Muslimen islamistischer Ausrichtung zu sein. Aus sprachlichen und anderen Gründen dringt im Allgemeinen nicht viel von dem, was in diesen Zentren gepredigt wird und in Form von Traktaten und Videokassetten zirkuliert, an die Öffentlichkeit. Doch glaubwürdige Informanten berichten von klar antisemitischen Äusserungen und auch von Hasstiraden auf den Westen.

In Deutschland, so Fähndrich, habe sich die Forschung diesem Phänomen angenommen und die entsprechenden Texte übersetzt und analysiert. Dort gibt es zudem radikale Gruppierungen - etwa die Gruppe um den selbsternannten "Kalifen" Metin Kaplan, die ihre Forderungen auch in deutscher Sprache der Öffentlichkeit präsentieren. In der Schweiz verhalten sich die islamistischen Zentren hingegen eher diskret, und die Aktivitäten entziehen sich den Augen einer breiteren Öffentlichkeit. Doch zweifellos wirken auch hierzulande Muslime, die einen radikal politisierten Islam propagieren. Es wäre laut Fähndrich dringend nötig, die Inhalte von Predigten, Traktaten und Videokassetten aus gewissen als radikal bekannten Zentren wissenschaftlich zu analysieren. Es sei ein Skandal, dass in der Schweiz mit ihrer grossen Anzahl von Menschen aus der Türkei kein Lehrstuhl für Türkisch existiere. Dies wäre wohl eine Voraussetzung dafür, um derart anspruchsvolle Textanalysen durchführen zu können.

Auch Samia Osman, Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, sieht sich ausserstande, zu Bedeutung und Umfang des radikalen Islamismus in der Schweiz Stellung zu beziehen. Da sie diese Zentren selber nicht besuche und persönlich ein völlig anderes Islambild vertrete, könne sie dazu nichts sagen. Osman erachtet es aber als wichtig, das Thema aufzugreifen, denn die Umtriebe dieser "Extremisten" - den Begriff Muslim möchte sie in diesem Zusammenhang nicht verwenden - schadeten der ganzen islamischen Gemeinschaft in der Schweiz.

Islamistisches Gedankengut offengelegt

Auch die Bundespolizei verfügt nach eigenen Aussagen nur über einen beschränkten Kenntnisstand bezüglich der Inhalte, welche in den als islamistisch bekannten Zentren vermittelt werden. Aus rechtlichen Gründen sei die dauerende Ueberwachung dieser Orte nur in ganz klar definierten Fällen möglich. Es gibt allerdings eine andere Möglichkeit, sich über das Gedankengut islamistischer Kreise zu informieren. Sie besteht darin, die veröffentlichten Äusserungen islamistischer Parteien und Gruppierungen in den Herkunftsländern der hier lebenden Muslime zu untersuchen. In Marokko bekämpfen beispielsweise die Islamisten der einzigen legal zugelassenen religiösen Partei - sie nennt sich Partei für Fortschritt und Gerechtigkeit - zusammen mit anderen reaktionären Kräften das Projekt der Regierung für einen neuen Rechtsstatus für Frauen. Was in den marokkanischen Medien von islamistischer Seite gegen diese vernünftige Gesetzes-revision vorgebracht wird, die etwa das Heiratsalter von Mädchen von 15 auf 18 Jahre erhöhen oder die Verstossung von Ehefrauen verbieten will, lässt nicht nur Feministinnen die Haare zu Berge stehen. Dabei zählt diese islamistische Partei noch zu den gemässigten. In der Schweiz leben zahlreiche Islamisten, die weit radikalere Positionen vertreten.

Weder Dramatisierung noch Verharmlosung

Dass solches Gedankengut unvereinbar ist mit dem Konzept einer offenen, auf Gleichberechtigung aller Ideologien und Religionen angelegten Gesellschaft, die zunehmend multikulturell wird, leuchtet ein. Sowohl extremistische wie auch bloss rückwärts gewandte, auf Abschottung bedachte Muslime (und Christen!) stellen einen Fremdkörper dar in einer solchen Gesellschaft, die von ihrem Mitgliedern ein minimales Mass an Offenheit und Toleranz verlangen muss. Doch stellen diese Muslime nicht bloss eine winzige Minderheit dar? Zum heutigen Zeitpunkt weiss wohl niemand genau, wie viele der rund 200'000 in der Schweiz lebenden Muslime solchen Richtungen anhängen. Zweifellos ist es eine kleine Minderheit, doch ihre Aktivität in gewissen Zentren ist unübersehbar. Zur Dramatisierung besteht kein Anlass, doch auch nicht zur Verharmlosung. Denn zahlreiche Beobachtungen lassen vermuten, dass die Ausstrahlung dieses Gedankengutes gerade auf junge Muslime der zweiten Generation sehr wohl vorhanden ist. Gewisse Parallelen mit dem Anwachsen rechtspopulistischer und gar rechtsextremen Gedankenguts unter jungen Schweizern sind wohl nicht zufällig.

Problematische Aspekte ausgeblendet?

Sowohl die neuliche Stellungnahme der EKR wie auch das jüngste Bulletin "Tangram", das dem Thema "Muslime in der Schweiz" gewidmet ist, blendet die hier erwähnten Aspekte leider weitgehend aus. Neben einzelnen sehr lesenswerten Beiträgen - etwa dem erwähnten von Hartmut Fähndrich - behandeln die andern Artikel diese "heissen Punkte", über die unbedingt eine Debatte geführt werden müsste, gar nicht oder handeln sie nur am Rande ab. Es stellt sich die Frage, ob dies längerfristig eine sinnvolle Strategie ist, um einen offenen Dialog mit hier lebenden Muslimen zu führen.


"Unser primäres Beobachtungsfeld ist der Grossraum Gesellschaft Schweiz"

Interview mit Professor Georg Kreis, Präsident der Eigenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR), über die "Diskriminierung von Muslimen in der Schweiz"

ONLINE REPORTS: Die Eidgenösssiche Kommission gegen Rassismus zeigte sich kürzlich besorgt über Diskriminierungen, denen Muslime in der Schweiz ausgesetzt sind. Menschen islamischen Glaubens werden dabei aber konsequent nur als Opfer von Diskriminierung und Rassismus dargestellt. Ist dies nicht eine einseitige Optik?

Georg Kreis: Man kann diese Optik als einseitig empfinden. Es ist aber eigentlich unsere Aufgabe, die Diskriminierungen, die durch die Mehrheitsgesellschaft gegenüber Minderheiten praktiziert wird, zu thematisieren. Selbstverständlich gibt es auch die Repression innerhalb von Minderheiten, die sich in der Regel im Privatbereich abspielt. Darauf soll man ohne Weiteres auch hinweisen. Hingegen gehört das nicht zu unserem primären Aufgabenbereich.

ONLINE REPORTS: Es gibt aber zahlreiche Hinweise darauf, dass verschiedene Formen von Ausgrenzungen und Diskriminierungen gerade in Moscheen und Gebetsräumen, also ausserhalb des privaten Bereich, stattfinden. Müsste sich die EKR damit nicht auch beschäftigen?

Kreis: Ich möchte nicht ausschliessen, dass dies zu unserem Themenbereich gehört. Aber wir sollten die Proportionen der Thematik nicht aus den Augen verlieren. Ich sehe dabei die folgende Gefahr: Leute, die nicht mögen, dass wir uns mit dieser Thematik beschäftigen, weisen sogleich auf Randphänomene hin und stellen diese im Übrigen grösser dar als sie es sind, um das Andere nicht gelten zu lassen. Ich halte es nicht für richtig, dass man die Thematisierung, die wir vorgenommen haben, sogleich bekämpft, indem man auf durchaus ernstzunehmende andere Probleme hinweist und sagt, das sei jetzt das Wichtige.

ONLINE REPORTS: Die Dimensionen des erwähnten Problems sind zweifellos bescheidener. Dennoch bleibt der Eindruck, man habe diesen Aspekt ausgeblendet.

Kreis: Ich glaube es ist wichtig zu unterscheiden zwischen öffentlichen Räumen, in denen man leben muss und zwischen mehr oder weniger privaten Räumen. Diskrimierung in einem öffentlichen Raum, dem man nicht entrinnen kann, hat doch eine ganz andere Qualität als Diskriminierung in Gemeinschaften, die man irgendwie wählt. Ich will damit nicht bagatellisieren, dass auch da Spannungen entstehen, weil diese halbprivaten Gemeinschaften ja auch den Anspruch haben, die Wahrheit und den richtigen Glauben zu vertreten, und sofern man daran partizipieren will ist man einem Druck ausgesetzt. Aber es ist doch ein wesentlicher Unterschied ob man hier sich in einem privaten Kleinraum bewegt oder in dem öffentlichen Raum. Unser primäres Beobachtungsfeld und Aktionsgebiet ist der öffentliche Grossraum "Gesellschaft Schweiz" im weitesten Sinn.

ONLINE REPORTS: Es gibt zahlreiche Indizien, wonach in verschiedenen islamischen Zentren Predigten mit antisemitischem Inhalt gehalten werden.

Kreis: Wir wollen das ernst nehmen soweit es öffentlichen Charakter hat. Wir wollen es gleichzeitig prüfen in Bezug auf die Proportionen. Denn was wir nicht wollen, ist, dass nun einmal mehr über solche Hinweise ein stereotypisierendes Bild von den islamischen, muslimischen Menschen gezeichnet wird. Genau diese Gefangennahme in einem Klischee müssen wir bekämpfen.

ONLINE REPORTS: Die EKR hat sich den Inhalten von Predigten in islamischen Zentren, von Traktaten und Videokassetten somit noch nie angenommen?

Kreis: Dies ist nicht Gegenstand unserer Tagung im Januar gewesen, aber wir haben uns natürlich intern schon mit diesem Phänomen auseinander gesetzt.

ONLINE REPORTS: In der Schweiz leben hunderte von muslimischen Frauen, die mit Christen verheiratet sind. Da gemäss traditioneller islamischer Rechtssprechung eine solche Beziehung unstatthaft, geraten diese Frauen häufig ins Visier von selbsternannten Tugendwächtern. Diese Frauen fühlen sich diskriminiert und müssen ihre Beziehung oft vor ihrer eigenen Familie geheimhalten. Wie stellt sich die EKR zu diesem Problem?

Kreis: Ich muss mich wiederholen: Die EKR kann solche Fragen nicht als ihre zentrale Aufgabe betrachten. Aber selbstverständlich beschäftigen uns solche Probleme. Wir haben ein umfassendes Diskriminierungsverständnis, und es überbrückt diese Gegenüberstellungen, von denen Sie ausgehen.

ONLINE REPORTS: Aus der Präsenz des Islams in den westlichen Gesellschaften ergeben sich Reibungsflächen und Probleme, die thematisiert werden sollten. Dazu gehört das Verbot, den muslimischen Glauben aufzugeben, welches im klaren Gegensatz zu der von der Schweizerischen Verfassung garantierten Glaubens- und Gewissensfreiheit steht. Sieht die EKR darin kein Problem?

Kreis: Wir wehren uns gegen pauschale Urteile über den Islam. Es gibt Varianten in der Doktrin, und es gibt noch mehr Varianten in der Praxis. Vielleicht hat man inzwischen zum Beispiel in protestantischen Gebieten auch eingesehen, dass es den Katholizismus nicht gibt. Wir möchten eher dazu beitragen, dass man sagt: Auch in der Welt der Muslime gibt es Varianten, und ich meine eigentlich auch in Bezug auf diese Frage, die Sie angesprochen haben.

ONLINE REPORTS: Gemäss EKR bietet ein laizistischer Staat die besten Voraussetzungen für die Ausübung der individuellen Religionsfreiheit und der Sicherung des öffentlichen Friedens. Zahlreiche islamische Organisationen lehnen das laizistische Konzept aber ab. Wie geht die EKR damit um? Gibt es Versuche, dieses Konzept und ganz allgemein den Standpunkt der EKR den Moscheevereinen in den jeweiligen Sprachen zu kommunizieren?

Kreis: Es kann nicht unsere Aufgabe sein, bestimmte Religionsgemeinschaften von ihren Standpunkten abzubringen. Wir sind auch nicht die Missionare des laizistischen Staates. Das ganze Problem ruht ja nicht einzig auf den Schultern dieser Kommission; es gibt zahlreiche staatliche und nichtstaatliche Organisationen, die in dieser Richtung arbeiten.

ONLINE REPORTS: Eine ihrer konkreten Forderungen bezieht sich auf den islamischen Religionsunterricht in der Schweiz, der von verschiedener Seite immer wieder bemängelt wird. Was fordern Sie genau?

Kreis: Ich muss zwei Dinge voraussetzen. Wir haben ein Problem mit der gegenwärtigen Ordnung, die vorsieht, dass nur Geistliche, welche vom Staat des Herkunftslandes eine Genehmigung haben, hier zugelassen werden. Wenn man Religion als Privatsache erklärt, dann ist es folgerichtig, Religionslehrer als Privatpersonen zu betrachten. Es gibt aber ein übergeordnetes gesellschaftliches Interesse. Es besteht darin, dass diese Religionslehrer faktisch auch Anweisungen geben zur Bewältigung des Alltagslebens, dass sie damit einen Beitrag zur Integration leisten und nicht die wachsende Segregation fördern sollen. Daher unsere Forderung nach Sprach- und Landeskenntnissen der islamischen Religionslehrer. Diese Lehrer müssen dann auch öffentlich anerkannt sein.

Interview: Beat Stauffer



Muslime in der Schweiz

Die neuste Nummer von "Tangram", dem Bulletin der Eigenössischen Kommission gegen Rassismus ist dem Thema "Muslime in der Schweiz" gewidmet. Die über 100seitige Schrift enthält Beiträge unterschiedlichster Art von Musliminnen und Nicht-Muslimen. Samia Osman und Hartmut Fähndrich, aber auch die Basler Ethnologin Rebekka Ehret, die Verfasserin des Integrationsleitbilds Basel-Stadt kommen darin u.a. zu Wort. Die dreisprachige Schrift ist gratis zu beziehen bei der EKR, 3003 Bern, Tel 031/ 324 12 83 Fax 322 44 37



REPORTS KOMMENTAR MUSLIME

Foto Online Reports

Kritische Solidarität mit Muslimen ist gefragt
Auch unter Muslimen in der Schweiz gibt es Menschen, die andere ausgrenzen, unter Druck setzen und diskriminieren. Die Eidgenössische Rassismuskommission blendet diesen Aspekt aus - mit guten Gründen, wie sie meint. Dies ist allerdings längerfristig eine schlechte Strategie. Denn auch eine Minderheit, die immer noch unter zahlreichen Vorurteilen zu leiden hat, muss sich an die selben Spielregeln halten wie die sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Wer die Augen verschliesst gegenüber denjenigen Muslimen, die sich abschotten oder extremistische Haltungen vertreten, schadet mit Sicherheit längerfristig dem friedlichen Zusammenleben in unserer längst multikulturell gewordenen Gesellschaft. Die Probleme müssen vielmehr auf den Tisch gelegt und ohne Tabus diskutiert werden. Etwa die Frage, wie sich die von unserer Verfassung garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit mit dem Verbot verträgt, als Muslim seine Religion zu wechseln. Musliminnen und Muslime brauchen unsere kritische Solidarität und keine gut gemeinte Umarmung, welche die Augen verschliesst vor real existierenden Problemen.

Beat Stauffer

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REPORTS ECHO MUSLIME
REPORTS-Interview mit Professor Georg Kreis
Es ist sehr schade, daß in unserer Gesellschaft der Islam weiter derart irrational ausgegrenzt wird, da nicht übersehen werden kann, wieviele Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft inzwischen bei uns leben. Man sollte sicher nicht die Islamisten in den Topf der Islamischen Mitbürger stecken, dann könnte man extreme christliche Sekten ebenso direkt mit dem Christentum gleichsetzen.

Vor diesem Hintergrund verstehe ich die Vorsicht des Interviewten. Gleichzeitig bin ich jedoch entsetzt, wie hier offiziell die Augen vor sehr realen Problemen verschlossen werden und damit letztlich einer echten Integration dieser Gruppe entgegen gearbeitet wird.

Ich fühle mich in dem Interview ein wenig an die älteren Vertreter der klassischen Psychoanalyse erinnert, die sich ebenfalls beharrlich zu weigern versuchten, neurotische Störungen des Individuums unter anderem als Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte zu erklären und damit lebensnahe Lösungsideen anzubieten.

Genau so sinnlos dürfte die Arbeit einer EKR sein, wenn sie aus definitionstechnischen Gründen ein derart großes Spannungsfeld einfach außen vor läßt. Dies hat Herr Staufer sehr schön mit seinem Interview herausgearbeitet.

Rainer Bachmann
D-86911 Diessen

 

Das Interview mit dem "Antirassismus-Papst" hat wieder einmal bestätigt, welches einseitige, realitätsferne Weltbild dieser Herr hat, und wie er einfach nicht sehen will, was nicht in sein Weltbild passt. Ich brauche bewusst das Wort "Papst", weil Herr Kreis in all seinen Aeusserungen immer wieder den Eindruck erweckt, dass er sich in seiner Meinung zu diesem Thema für "unfehlbar" hält.

Der aufschlussreiche Artikel von Beat Stauffer über die Tätigkeit der radikalen Islamisten in der Schweiz, die Kreis im Interview verniedlicht, zeigt deutlich seine einäugige Betrachtungsweise. Die Repression innerhalb von Minderheiten, das heisst die Unterdrückung der Frauen und die Bekämpfung anderer Ansichten über die Kultur, durch radikale Islamisten verweist er dann in den Privatbereich, ausserhalb der Zuständigkeit seiner Kommission. Für die Opfer dieser Unterdrückung, die ja in dieser Umgebung leben müssen und oft keine Chancen eines "Ausbruchs" haben, findet die Unterdrückung aber auch in ihrem
öffentlichen Leben statt.

Ich habe mit meiner Familie jahrelang in Ländern mit fremden Kulturen gelebt und nie Probleme gehabt, weil wir uns jeweils den lokalen Gegebenheiten und Befindlichkeiten entsprechend angepasst haben. Wir haben uns aber immer selber bemüht, die lokale Mentalität zu verstehen und ohne Aufgabe der eigenen Kultur uns an die lokalen Regeln des Zusammenlebens zu halten. Uns wäre nie in den Sinn gekommen, vom Gaststaat zu verlangen, uns den Sprachunterricht gratis zu offerieren, oder uns Land für Kirchen und Grabstätten gratis abzutreten.

Nur in Europa und vor allem in der Schweiz glauben gewisse Leute, vor allem solche, die nie in anderen Kulturen gelebt haben, dass wir für Minderheiten aus anderen Kulturen mehr tun müssten als für die Schweizer und noch alles selber bezahlen müssten. Wir sollten sogar unsere Kultur und Traditionen verändern, um uns den neuen Minderheiten anzupassen. Wenn gewisse Kreise die Schweizer gesamthaft als geldgierige Scheusale darstellten, dann ging das die Antirassismuskommission natürlich nichts an, denn es ist ja gerichtlich bestätigt, dass die Schweizer keine Rasse sind, und dass man sie also pauschal verunglimpfen kann.

Wir haben sehr viele gute Freunde aus anderen Kulturen und ich habe auch viel Verständnis für andere Traditionen, Religionen und Lebensarten. Anderseits glaube ich aber, dass sich Leute aus anderen Kulturen eben auch ohne Aufgabe ihrer eigenen Kultur an die Umstände im Gastland anpassen sollten. Toleranz funktioniert nur, wenn beide Seiten sie ausüben. Alles andere wird früher oder später zur Ausnützung degenerieren.

Sicher gilt es rassistische Auswüchse zu bekämpfen. Das erreicht man aber nicht dadurch, dass man die Mehrheit verteufelt und die Minderheiten idealisiert und ihre Fehler und Probleme einfach übersieht und ihnen ausserdem Rechte zugesteht, die der normale Bürger nicht hat. Etwas mehr Selbstkritik und die offene Anerkennung von bestehenden Problemen würde den selbsternannten "Experten" gut anstehen. (19. April 2000)

Walter E. Haefliger
Binningen


20. März 2000

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