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Foto: OnlineReports

"Wir haben nicht geschlafen": Medienunternehmer Matthias Hagemann
Gesprächspartner Matthias Hagemann (38) ist seit Anfang 1997 als Nachfolger seines Vaters Hans-Rudolf Verwaltungsratspräsident der "Basler Mediengruppe" (BMG). Das Unternehmen mit über 2'000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von 520 Millionen Franken ist multimedial tätig. Besonders stark ausgeprägt ist der Printbereich. Zu den wichtigsten Titeln gehören die "Basler Zeitung" und die Gratiszeitung "Baslerstab" sowie "Beobachter", "Bilanz" und "Weltwoche" aus der von Beat Curti erworbenen Zürcher Jean-Frey-Gruppe. Matthias Hagemann ist promovierter Jurist und Vater zweier Kinder im Alter von sieben und neun Jahren.


"Die exklusive Vergabe ist ein Skandal"

Matthias Hagemann, Präsident der "Basler Mediengruppe", über die neue Pendlerzeitungs-Konkurrenz und andere Sorgen

VON PETER KNECHTLI

Der Konflikt um die Gratiszeitungs-Boxen an den Haltestellen der Baselland Transport AG (BLT) ist für Matthias Hagemann auch ein Ausdruck des sich verschärfenden Konkurrenzkampfes auf dem Medienplatz Basel. Im Interview mit OnlineReports begründet der Präsident der Basler Mediengruppe, weshalb er die exklusive Berücksichtigung von "20 Minuten" durch die BLT für einen Skandal hält, und weshalb er mit einem Auflagen-Einbruch bei der "Basler Zeitung" rechnet.

OnlineReports: Herr Hagemann, Sie sind derzeit gefordert wie kaum einer Ihrer Vorgänger.

Matthias Hagemann: Jetzt ist ein kritische Zeit, das stimmt. Mehr nicht.

OnlineReports: An mehreren Ecken brennt es: Das Jean-Frey-Engagement kostet Sie jährlich Millionen, die neue Pendlerzeitungs-Konkurrenz, das Millionenloch in der Pensionskasse. Keimen da nicht Nervosität und Gefühle der Überforderung?

Hagemann: Ich bin von Natur aus nicht nervös. Zudem hat die Entwicklung des Verlagshauses in Zürch auch positive Faktoren. Der "Beobachter" wird sein bestes Resultat einfahren, die "Bilanz" läuft sehr gut. Einzig die "Weltwoche" macht uns finanzielle Sorgen und die Liquidationskosten des "Sport" gehen in die Millionen. Was mich wirklich belastet hat, sind die 15 Millionen Franken Verluste unserer Pensionskasse.

OnlineReports: Wer ist nach Ihrer Meinung Schuld an diesem Debakel?

Hagemann: Wir haben Anzeige gegen Jürg Weiss, den früheren Finanzchef der Jean Frey AG in Zürich, bei der Bezirksanwaltschaft Zürich eingereicht. Wir haben Indizien, die diesen Schritt rechtfertigen. Es handelt sich bei Herrn Weiss vermutlich um einen Einzeltäter, der jetzt international ausgeschrieben ist. Alles Weitere ist Sache der Behörden.

OnlineReports: Aber Sie sind immerhin Präsident der Stiftung. Trifft Sie nicht auch einen Teil am Verschulden?

Hagemann: Ich glaube nicht, darf jedoch den Behörden nicht vorgreifen. Meine Verantwortung ist per Gesetz ganz klar definiert. Darüber, wie sie genau zu werten ist, haben wir zudem beim renommierten Zürcher Professor Dieter Zobl ein Gutachten in Auftrag gegeben.

OnlineReports: Werden Sie auch Ihren früheren CEO Peter Sigrist, von dem Sie sich nicht gerade in Minne getrennt haben, ins Recht fassen?

Hagemann: Ich gehe heute nicht davon aus, dass Peter Sigrist in die Affäre verwickelt ist.

OnlineReports: Anlässlich einer Mitarbeiterversammlung haben Sie diese Woche angekündigt, dass Ihre patronale Wohlfahrtsstiftung diese 15 Millionen Franken voll übernehmen wird. Wann wurde diese Stiftung gegründet, wer steht hinter ihr und was ist ihr Zweck?

Hagemann: Die Stiftung wurde 1979 gegründet. Ihr Zweck ist die Ausrichtung von Vorsorgeleistungen an Arbeitnehmer in besonderen Fällen, wie jenem, der uns eben passiert ist. Auch Zusatzrenten und Verbindlichkeiten bei vorzeitiger Pensionierung können daraus bezahlt werden. Bisher hatte diese Stiftung aber nur in ganz reduzierten Mass Verpflichtungen.

Es ist im Moment noch nicht genau abschätzbar, was da kommt.

OnlineReports: Wie begegnen Sie den Pendlerzeitungen "Metropol" und "20 Minuten", die neuerdings nach Basel drängen?

Hagemann: Es ist für mich im Moment noch nicht genau abschätzbar, was da kommt. Aber wir fühlen uns schon herausgefordert.

OnlineReports: Im Rennen um die besten Verteilplätze in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Basler Verkehrsbetriebe und der Baselland Transport AG (BLT) hat "20 Minuten" klar die Nase vorn. Haben Sie die Bedeutung der Verteilung unterschätzt?

Hagemann: Nein, ganz und gar nicht. Wir haben uns schon seit sehr langer Zeit und mit grosser Intensität mit dieser Frage beschäftigt.

OnlineReports: Warum haben Sie sich denn so masslos darüber geärgert, dass "20 Minuten" den exklusiven Zuschlag an den 120 BLT-Haltestellen erhielt?

Hagemann: Wir sind zu Recht ungehalten ob der Tatsache, dass das ortsansässige Medienunternehmen durch den BLT-Verwaltungsrat schlicht vom Wettbewerb ausgeschlossen wird. Es wirft auch rechtliche Fragen auf, wenn ein konzessioniertes Transportunternehmen Medienpolitik betreibt.

OnlineReports: Finden Sie es falsch, dass sich auch staatlich konzessionierte Unternehmen marktkonform verhalten, wie es von ihnen immer wieder verlangt wird?

Hagemann: Das ist keineswegs falsch, wenn das Unternehmen auch marktwirtschaftliche Kriterien anlegt. Aber wir meinen, dass hier rechtliche, wirtschafts- und medienpolitische Kriterien krass missachtet wurden.

OnlineReports: Auch in Zürich und bei den SBB haben sich Unternehmen solche Exklusivrechte gesichert.

Hagemann: Im Unterschied zu Zürich, wo die VBZ ihre Haltestellen allen drei Anbietern öffnet, lässt die BLT nur ein Unternehmen zu. Das kommt einem Ausschluss vom Wettbewerb gleich.

Ich weise den Eindruck zurück, dass wir uns nicht gekümmert hätten.

OnlineReports: Hinterher ist Ihre Unternehmensspitze bei der Baselbieter Regierungsrätin und BLT-Präsidentin Elsbeth Schneider massiv eingefahren und hat ultimativ die Rücknahme des Vergabeentscheids verlangt. Wog sich die "Basler Mediengruppe" aus Gewohnheit in falscher Sicherheit?

Hagemann: Ich weise den Eindruck zurück, dass wir uns nicht gekümmert hätten. Der "Baslerstab" nahm wöchentlich Kontakt mit der BLT auf, man telefonierte und versuchte, den Stand der Vergabe zu eruieren. Wir hörten lange nichts - und dann kam plötzlich dieser Entscheid.

OnlineReports: Während "20 Minuten" ein professionelles Dossier einreichte, habe es der "Baslerstab" gerade mal bei einer anderthalbseitigen Eingabe bewenden lassen. Es heisst, die "Basler Mediengruppe" habe auch das angebotene Gespräch mit der BLT nicht wahrgenommen.

Hagemann: Auch das weise ich klar zurück. Wenn die Offerte nicht genügt haben sollte, dann hätten in unseren Kontaktversuchen Nachbesserungen verlangt werden können.

OnlineReports: Haben zwei Jahrzehnte publizistischer Vorherrschaft zu unternehmerischer Trägheit geführt?

Hagemann: Wir waren sicher nicht grundsätzlich unternehmerisch träge. Das zeigt sich daran, wie wir uns in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben. Ich schliesse aber nicht aus, dass Wettbewerb belebend wirkt.

OnlineReports: Nun wollen Sie hinterher beim Zeitungsverlegerverband die rechtliche Lage abklären.

Hagemann: Wir wollen den Basler Rechtsprofessor Gerhard Schmid mit einem Gutachten zu den rechtlichen Aspekten beauftragen. Unsere medienpolitischen Bedenken habe ich am Dienstag in Oerlikon beim Verband "Schweizer Presse" deponiert. Die dritte Schiene, die wir fahren, ist die politische. Der Baselbieter Nationalrat Hans Rudolf Gysin* hat die Exklusivvergabe öffentlich als Skandal bezeichnet, da stimme ich ihm zu. Er will sich des Problemfalls aus genereller wirtschaftlicher Sicht annehmen. Motto: Wen trifft es als Nächsten?

Die redaktionelle Freiheit ist überhaupt kein Thema.

OnlineReports: Ihr Finanzchef soll gegenüber Regierungsrätin Schneider mehrfach mit dem Einsatz der publizistischen Waffe gedroht haben, falls sie den Entscheid nicht umstürze. Kann Regierungsrätin Schneider, wie sie es von Ihnen bereits verlangt hat, mit einer Entschuldigung rechnen?

Hagemann: Was unserem Finanzchef vorgeworfen wird, basiert auf einer sehr einseitigen Aktennotiz des BLT-Direktors. Ich habe durch meine Mitarbeiter eine ganz andere Schilderung des Gesprächsverlaufs gehört und keinen Grund, an dem zu zweifeln, was sie mir sagen. Alles andere sind Nebengeräusche und Manöver.

OnlineReports: Das sehen wir anders: Da wurde doch die Redaktion als Waffe und Druckmittel des Managements vorgeführt.

Hagemann: Die redaktionelle Freiheit ist überhaupt kein Thema.

OnlineReports: Ist der emotionale Ausbruch im Büro der Frau Regierungsrätin Ausdruck dafür, dass auf dem Presseplatz Basel künftig ein rauherer Wind weht?

Hagemann: Wenn ich schaue, was sich in Zürich abspielt, gehe ich davon aus.

OnlineReports: Was bedeutet es für die "Basler Mediengruppe", wenn plötzlich zwei kapitalstarke skandinavische Gratiszeitungen am Inseratekuchen knabbern?

Hagemann: Diese Konkurrenten peilen nationale Anzeigenkampagnen an und dazu müssen sie das Goldene Dreieck Zürich-Basel-Bern erschliessen. Sie können ohne Rücksicht auf Verluste Geld einsetzen. Für mich ist klar, dass man diese Konkurrenz sehr ernst nehmen muss. Auf der andern Seite hat eine abonnierte Tageszeitung eine bedeutend längere Lesedauer als so eine Schnelllese-Zeitung und das werden sich auch die Inserenten überlegen.

OnlineReports: Aber spurlos wird die neue Zeitungs-Flut nicht an Ihrem Unternehmen vorbei ziehen.

Hagemann: Ich befürchte in der Tat einen Auflagerückgang bei der "Basler Zeitung". Denn es tut sich jetzt eine neue Möglichkeit der Informationsbeschaffung auf, indem das Publikum den "Baslerstab" mit einem andern Gratis-Produkt ergänzen kann.

Wenn wir uns nicht kannibalisieren, machen es die andern.

OnlineReports: Dann hilft der "Baslerstab" mit, die "Basler Zeitung" zu kannibalisieren?

Hagemann: Wenn wir uns nicht kannibalisieren, machen es die andern. Darum formulierten wir den Anspruch, mit dem verstärkten "Baslerstab" weiterhin die Nummer eins der Gratiszeitungen auf dem Platz zu sein.

OnlineReports: Gibt es weitere Konkurrenten, die Ihr Mediengeschäft unter Druck setzen?

Hagemann: Die Wochenpresse und das Internet. Unsere Zürcher Titel spüren vor allem die Konkurrenz von "Facts", "SonntagsZeitung" und "Cash". Im Internet spüren wir mehr Handlungsbedarf als Konkurrenz. Die teilweise auch qualitativ guten Internet-Angebote in der Region konkurrenzieren uns redaktionell, kommerziell dagegen noch nicht.

Die 'Weltwoche' wird nicht verkauft.

OnlineReports: Wird die "Weltwoche" an die NZZ verkauft?

Hagemann: Die "Weltwoche" wird nicht verkauft.

OnlineReports: Hat die Basler Mediengruppe den Online-Bereich verschlafen?

Hagemann: Wir haben ganz klar lange gewartet. Aber schlimm ist das nicht. Wir müssen jetzt einfach nicht die Fehler der andern auch noch machen.

OnlineReports: Welche Online-Pläne haben Sie?

Hagemann: Wir haben im Frühling beschlossen, in den nächsten fünf Jahren 60 Millionen Franken ins Online-Geschäft zu investieren. Dabei geht es um "SwissClick", eine Finanzplattform auf der Basis der "Bilanz" und den Ausbau des "Beobachters" zum führenden Beratungs-Onlinedienst. Viertens soll die BaZ-Homepage mit einer eigenen Online-Redaktion zu einem regionale Portal ausgebaut werden. Und schliesslich betreiben wir mit "BlueBanana" eine der führenden Veranstaltungsplattformen der Schweiz.

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* Hans Rudolf Gysin ist Baselbieter FDP-Nationalrat, Gewerbedirektor und Verwaltungsrat der BMG-Tochter Birkhäuser.

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DIE 3 ANGEBOTE IM VERGLEICH

UMBAU-PLÄNE DER BASLER MEDIENGRUPPE (6. Mai 2001)
BASLER MEDIENGRUPPE VERKAUFT JEAN-FREY-VERLAG

25. September 2000

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