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Kann sich keinen weiteren Fehltritt leisten: Ciba-Konzernchef Rolf A. Meyer


Ein Firmen-Kurs wie die Flugbahn eines Schmetterlings

Vertrauens-Talfahrt an der Börse: Rolf A. Meyer, Chef der Ciba Spezialitätenchemie, steht unter starkem Druck

VON PETER KNECHTLI

Die Spezialitätenchemie-Konzerne sind derzeit alles andere als "sexy". So wollen es die abstrusen Reditevorgaben der phantasiebeladenen Trend-Unternehmen und die immer stärker auf die öffentliche Stimmung drückende Börsenbewertung. Dennoch fällt auf, dass die stolze Basler Ciba Spezialitätenchemie im Schatten ihrer Konkurrenz Clariant liegt und dass Chef Rolf A. Meyer die Dynamik fehlt, dem Konzern seinen möglichen Glanz zu verleihen.

Eigentlich dürfte Rolf A. Meyer, 56, Präsident und Konzernchef der Ciba Spezialitätenchemie, zufrieden sein. Seine kürzliche Präsentation der letztjährigen Ergebnisse löste wohlwollendes öffentliches Echo aus: Der Schmetterling - so das Ciba-Firmensignet - "lernt wieder fliegen", das Unternehmen sei "auf dem Weg der Besserung" und habe dank Restrukturierungen "die Talsohle durchschritten". Die Börse habe mit einem Plus von 3,2 Prozent "wieder Vertrauen geschöpft", hiess es noch Ende Februar.

Doch im Betrieb hält sich nach Informationen von ONLINE REPORTS die Meinung, die Positiv-Bilanz sei zwar nicht generell unbegründet, wohl aber mitbeeinflusst durch kunstvolle Interpretation der Ermessensspielräume. Postwendend mussten nämlich zahlreiche Ciba-Aktionäre, die mit 150 oder 180 Franken in den vermeintlich sicheren Wert eingestiegen waren, frustriert zur Kenntnis nehmen, dass die Vertrauens-Referenz der Börse nicht mehr als ein Strohfeuer war.

Ciba-Aktie verlor in eineinhalb Jahren die Hälfte ihres Werts

Vom Wertezerfall im Sommer 1998 waren zwar alle grossen Industrieunternehmen betroffen - auch die aus dem ehemaligen Sandoz-Konzern ausgegliederte Spezialitätenchemie-Gruppe Clariant. Doch den Schmetterlingskonzern traf die Erosion besonders stark. Seit dem Höchststand vor knapp zwei Jahren verlor die Ciba-Aktie mit derzeit 102,5 Franken mehr als die Hälfte ihres Werts - ein Debakel für ein Unternehmen, das "Werte schaffen" und "Effekte erzielen" zum Grundsatz erhoben hat.

Ein Vertrauensbeweis jedenfalls ist die Kursentwicklung nicht. "Man erwartet von Ciba jetzt den Nachweis, dass ihr Optimismus gerechtfertigt ist", entgegnet Firmensprecher Thomas Gerlach unter Berufung auf die diesjährig gesteckte Ebitda-Marge von 16 bis 17 Prozent. Gerlach ist guten Mutes: "Es gibt keinen Grund, dieses Ziel öffentlich zu revidieren."

Nummer zwei als Konstante

Die Analysten sind weit weniger zuversichtlich. Sie raten derzeit von Ciba ab und setzen dafür auf Clariant. Rolf Frey, Chefanalyst von "Rüd, Blass", sieht die Ciba-Valoren noch mit 100 Franken zu hoch bewertet, der Clariant-Aktie (derzeit bei 636 Franken) dagegen billigt er einen Wert um 760 Franken zu.

Der mehrjährige Kursverlauf macht deutlich, welche der beiden grössten einheimischen Spezialchemiefirmen die Zwei auf dem Rücken trägt. Nach der gescheiterten Fusion im Spätherbst 1998 behauptete sich Clariant in der neu erlangten Selbständigkeit besser als Ciba, dem Spin-off der technischen Divisionen der früheren Ciba-Geigy.

Clariant-Chef Rolf Schweizer ist, wie es ein langjähriger Weggefährte ausdrückt, bekannt für seine "holzschnittartigen, aber klaren Worte" darüber, wohin die Richtung gehe: "Er lässt weder Mitarbeiter noch Aktionäre im Unklaren." Sein Management sei "putzaggressiv", urteilen Analysten. Wer aber vereinbarte Leistungen nicht liefere, bekomme mit dem 70jährigen Patron ein Problem.

Restanzen aus dem Diskussions-Zeitalter

Anders die Kultur bei Ciba, wo sich laut einem andern Beobachter "eine gewisse Unverbindlichkeit mit der Ueberambitioniertheit der Zielsetzungen vermengt". Im Ciba-Management sei noch immer das "Diskussions-Zeitalter" des ehemaligen Mutterhauses spürbar - und darauf sei das Unternehmen noch immer genauso stolz wie auf sein Produkte-Portfolio, das laut einem Insider "zu den Besten überhaupt gehört".

Anders als der Clariant-Chef, der erst in einem Kraftakt für 4,6 Milliarden Franken die Spezialchemikalien von Hoechst und jüngst für stolze 3,3 Milliarden Franken den britischen BTP-Konzern übernahm und die Produktionsstandorte streng ertragsstrategisch ordnete, wirkt der Ciba-Chef Meyer defensiv. Auch wenn er Unwägbarkeiten nach eigenem Bekunden "sportlich" wegsteckt, ist der als "menschlich sehr angenehme und fachlich stark zahlenorientierte" Betriebswirtschafter und Ex-Controller intern nicht unbestritten. Mathias Bonert, Sekretär der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), weiss von einem Senior Management Symposium vergangenen Sommer, wo der Chef unter Beschuss geriet: "Er war eine Zeitlang im eigenen Management kaum mehr getragen."

Früherer Ciba-Chef Vodicka als Bauernopfer

Hielt sich der Clariant-Boss an der gescheiterten Fusion schadlos, so blieb an Meyer eine schmerzliche personelle Hypothek hängen: Weil er selbst CEO und Rolf Schweizer Präsident des Plan-Konglomerats geworden wäre, brachte er mit dem damaligen Ciba-CEO Hermann Vodicka ein Bauernopfer. Der Österreicher war schlicht überzählig und den Retourgang mochte er nach Abbruch der Fusions-Uebung nicht einlegen.

Zudem ist es Meyer bisher nicht gelungen, seinem Konzern durch überzeugende Entscheide eine klare Wachstums-Richtung vorzugeben. Der Kurs, so heisst es, gleiche zuweilen der Flugbahn eines Schmetterlings. Die bisher einzige wuchtige Akquisition stiess Analysten wie Branchenkennern sauer auf: Mit 3,6 Milliarden Franken, so die verbreitete Meinung, habe er im April 1998 das britische Wasserbehandlungs-Unternehmen Allied Colloids massiv überzahlt.

Diese "totale Fehlinvestition" (so Analyst Rolf Frey) wirkt "heute noch nach". Denn das als zukunftsträchtige Ertragsperle zugekaufte Unternehmen lief ertragsmässig so aus dem Ruder lief, dass erst mal gleich 26 Top-Manager ausgewechselt werden mussten. Das Geschäft, räumt Sprecher Gerlach ein, müsse sich dieses Jahr "deutlich verbessern". Die Aussichten seien dank des jungen, aus eigenen Beständen nachgezogenen Managements insbesondere in Asien jedoch "vielversprechend".

"Doppelte Grössenordnung nötig"

Ein ehemaliger Ciba-Top-Kadermann betrachtet die Basis des Konzerns mit seinen neun Milliarden Franken Umsatz und 23'000 Mitarbeitern trotzdem noch immer als zu schmal: "Mit Blick auf die aufrüstende Weltkonkurrenz sollte Ciba etwa das Doppelte des heutigen Grössenordnung aufweisen."

Auch der kürzliche Verkauf des Polymer-Geschäfts an die Deutsche-Bank-Tochter Morgan Grenfell zum Preis von 1,85 Milliarden Franken stiess nicht nur unter Gewerkschaften auf Kritik: 16 Monate lang war das Sorgenkind zum Kauf feil - psychologisch nicht die geschickte Art, einen optimalen Preis zu lösen. Laut Ciba-Mann Gerlach lag der Preis "im oberen Teil der Bandbreite, die Analysten vorgaben".

Weitere Hypotheken sind Altlasten im wörtlichen Sinn: Ökologische Sünden - von Toms River in den USA bis hin zur ehemaligen Chemiedeponie im jurassischen Bonfol, um deren nachhaltige Sanierung zu Kosten in dreistelliger Millionenhöhe noch heute gestritten wird. Als ungelöste Probleme bezeichnen Firmeninsider zudem übermässig geerbte Gebäulichkeiten und Anlagen ebenso wie gewisse weiterhin bestehende Verwicklungen mit dem Novartis-Unternehmen.

Wenig Druck aus dem Verwaltungsrat

Wie stark der Druck auf Rolf Meyer zunimmt, hängt davon ab, wie geduldig die einflussreichsten Aktionäre dem Sinkflug noch zuschauen mögen. Dass der Verwaltungsrat in seiner aktuellen und im Vergleich zu Clariant wenig industrielastigen Zusammensetzung seinem Präsidenten und CEO die Sporen gibt, wird eher nicht erwartet: Trotz der Baisse scheint Meyer um seinen Posten nicht bangen zu müssen. Es sei denn, ein Raider oder eine Investorengruppe nehme Ciba SC für eine nicht ganz freundliche Übernahme ins Visier. Die Börsenkapitalisierung von gerade noch sieben Milliarden Franken allein böte jedenfalls kein ernsthaftes Hindernis.

Von derartigen Szenarien will Sprecher Thomas Gerlach nichts wissen: Vielmehr glaubt er an weitere Good News schon bei der Präsentation des ersten Quartalsberichts. Ob allerdings das Belegschafts-Sommer-Picknick im Riehener Wenkenpark - mittlerweile zum inoffiziellen Erfolgsbarometer hochstilisiert - nach dem resultatbedingten letztjährigen Ausfall dieses Jahr wieder drin liegt, ist laut Gerlach derzeit "noch offen".


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30. März 2000

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