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Foto Reports/BaZ


Abgelöster BMG-Konzernchef Peter Sigrist (links), Nachfolger Beat Meyer: Blitz-Wechsel


Der keinvernehmliche Abschied

Peter Sigrist, der Architekt der Basler Mediengruppe, trennte sich Knall auf Fall von Verleger Matthias Hagemann

V
ON PETER KNECHTLI

Knall auf Fall ist Peter Sigrist, seit 14 Jahren der starke Mann an der Spitze der "Basler Mediengruppe" (BMG), zurückgetreten. Hinter dem angeblich "einvernehmlichen" Personalwechsel steht laut Recherchen der SonntagsZeitung und von ONLINE REPORTS der Wille von Verleger Matthias Hagemann, den Generationenwechsel in der operativen Leitung schneller zu vollziehen als früher geplant. Folge: Sigrist-Nachfolger Beat Meyer musste sich schneller auf den neuen Job vorbereiten als geplant.

Die Einladung zur Geschäftsleitungssitzung vom vergangenen Montagnachmittag, 14.30 Uhr, im Auditorium der "Basler Zeitung", war dringlich.

Erst erfuhren die 60 Kaderleute der Basler Mediengruppe (BMG, "Basler Zeitung", Jean Frey AG mit "Weltwoche", "Beobachter", "Bilanz" und "Sport") einige Zahlen zum Geschäftsjahr. Dann präsentierte Verwaltungsratspräsident Matthias Hagemann (36), Sohn und Nachfolger von Langzeit-Verleger Hans-Rudolf Hagemann, seinen überraschten Managern die Nachfolgeregelung des Jahrzehnts: Per sofort löst Beat Meyer (48), Direktor der Tochterfirma Birkhäuser+GBC AG, den langjährigen Steuermann und Verwaltungsrats-Delegierten Peter Sigrist (63) ab. Das Schlusswort hielt dann der Konzernchef, der in den letzten 14 Jahren aus dem peripheren Regionalverlag das drittgrösste Deutschweizer Print- und Verlags-Unternehmen machte und den Gruppenumsatz auf eine halbe Milliarde Franken verdreifachte.

Stolz erhoben, mit silberner Krawatte und dunklem Gilet - so erlebten die Geschäftsleiter zum letzten Mal ihren Boss, der im alltäglichen Geschäftsbetrieb immer wieder mal auf Tisch haute und gelegentlich nach Berner Art ("Fotzuhund", "Soucheib") allgemein verständlich den Tarif erklärte.

"Organischer Wechsel"

Am Dienstag hatte er sein Büro im fünften Stock des Hauptquartiers in Kleinbasel schon geräumt und die Akten übergeben. Gleichentags erfuhr die Leserschaft der "Basler Zeitung" (BaZ) in einer gewunden liebenswürdigen Haus-Mitteilung, Präsident Hagemann und CEO Sigrist seien "nach intensiven, in bestem Einvernehmen geführten Gesprächen im Rahmen der von langer Hand vorbereiteten Nachfolgeregelung" übereingekommen, "die notwendigen Schritte jetzt zu vollziehen".

"Wir haben nie ein lautes Wort gehabt", gab sich Sigrist gegenüber der SonntagsZeitung bedeckt, ohne sich zu den Hintergründen seines Knall-auf-Fall-Abgangs weiter zu äussern. BMG-Verwaltungsrat und Publicitas-Vize Fritz Schuhmacher ist gar voll des Lobes über Sigrist, Meyer und Hagemann: "Organischer konnte der Wechsel gar nicht sein."

Showdown unter vier Augen

Aus dem Umfeld des schnellen Abgängers tönt es ganz anders. "Die Emotionen gingen hoch, Tränen flossen, es war wie eine Scheidung." Zwischen Sigrist und Hagemann junior habe es "seit längerer Zeit gekriselt", der Steuermann im Hause "Basler Zeitung" habe allmählich gespürt, dass seine Gunst in Verwaltungsrat und Aktionariat am Sinken sei.

Zum entscheidenden Showdown kam es - stilstisch äusserst korrekt und tatsächlich ohne verbale Attacken - laut einer zuverlässigen Quelle am Mittwochabend voriger Woche in Sigrists privater Villa. In einem "lange dauernden, tiefschürfenden Gespräch unter vier Augen, bei dem es um Sigrists Nachfolge ging" (Hagemann), sei dem Konzernchef klar geworden, dass sich der Verwaltungsrat von ihm trennen wolle. Hagemann habe laut einem Insider "den raschen Generationenwechsel gewollt" und dabei auch eine abrupte Trennung vom ausgefuchsten Print-Profi in Kauf genommen.

Am Freitag, zwei Tage später, trat Sigrist mit sofortiger Wirkung von sämtlichen 20 Mandaten als Präsident und Mitglied von BMG-Verwaltungsräten zurück, so als Verwaltungsrats-Delegierter und Generaldirektor der Basler Mediengruppe, aber auch als Präsident, Delegierter und Geschäftsleitungsvorsitzender der Jean Frey AG. Formell scheidet Sigrist zwar erst Ende September aus, doch an seinen Arbeitsplatz wird er nie mehr zurückkehren. Präsident Hagemann zu Sigrists Instant-Demission: "Das hat mich nicht überrascht."

Hagemann stellte Bedingungen

"Vehement" widersprach Hagemann aber der Interpretation, er habe den Wechsel bewusst herbeiorchestriert, um ein deutliches Führungssignal zu setzen: "Nein, ich wollte kein Signal setzen. Das liegt mir überhaupt nicht."

Recherchen von OnlineReports unter Insidern und im Basler Medienumfeld ergaben: Sigrists Blitz-Abgang war kein spontaner Rausschmiss und keine Folge eines handfesten Hauskrachs. Hingegen bestand die keinvernehmliche Lösung in einem lautlosen Knall. Verleger Matthias Hagemann scheint sich mit zweieinhalbjähriger Präsidiums-Erfahrung so stark zu fühlen, dass er Sigrists künftige Stellung an personelle und hierarchische Bedingungen knüpfte, die dieser nicht akzeptieren konnte.

Laut langfristigen Verträgen hätte Sigrist bis zum Erreichen des 65. Altersjahrs im September 2000 den Konzern weiter geleitet und seinen Nachfolger intensiv in den komplexen Betrieb eingeführt. Anschliessend wäre während weiteren fünf Jahren ein reduziertes Verwaltungsrats-Pensum geplant gewesen.

Als diese Planung zu scheitern drohte, handelte Sigrist für einmal auch in eigener Sache knallhart: Sofortiger Rücktritt. Und sein Präsident hinderte ihn nicht im Geringsten daran.

Hagemann: "Ich war völlig offen"

Es sei nicht zutreffend, widerspricht Hagemann, dass er auf einen raschen Führungswechsel gedrängt habe: "Ich war völlig offen. Auf die jetzigen Schritte haben wir uns gemeinsam geeinigt." Auch hätten keine anderen Aktionäre auf eine Absetzung Sigrists gedrängt: "Wir hatten immer eine 100prozentig übereinstimmende Lagebeurteilung."

Dass Sigrists Bettelwurf bestenfalls scheinharmonisch, aber mitnichten organisch vonstatten ging, ist allein schon am Kontrast zwischen der betont freundlichen Verabschiedung in der Hauspresse und dem formlosen Blitz-Abtritt zu erkennen. Sigrist habe kaum noch Zeit gehabt, sich von seinen Kaderleuten zu verabschieden.

Noch bei der Uebernahme des Präsidiums hatte Hagemann gehofft, "dass sich unsere Beziehung so entwickelt, wie wir es vertraglich geplant haben." Die Entwicklung verlief anders: Hier aus feiner Basler Familie der sensibel-intellektuelle Jung-Verleger und promovierte Jurist - dort der nahezu dreissig Jahre ältere autokratische Drucker, Durchsetzungsstratege und Ferrari-Fahrer. Bei der Uebernahme des Präsidiums sprach Einsteiger Hagemann noch respektvoll von einem "gewissen Meister-Lehrlings-Verhältnis". Inzwischen dürfte sich die Liaison emanzipatorisch und teilweise schwierig, sicher aber nicht emotional-synergetisch entwickelt haben.

Meyer war Sigrists Kandidat

Dabei war es Sigrist gewesen, der den neuen Konzernchef Beat Meyer in die Basler Mediengruppe holte und ihn bald auch als seinen Nachfolger ins Visier nahm. Auch Hagemann und die Aktionäre schlossen sich dem Vorschlag an. Meyer: "Ich weiss seit etwa einem Jahr, dass ich Sigrists Nachfolger werden soll." Schon morgen Montag wird er das Chef-Büro beziehen: "Es ist das Ziel, dass kein Vakuum entsteht und Kontinuität gewahrt werden kann."

Der neue starke Mann im Hause BaZ, offensichtlich auf einen raschen Einstieg gefasst (Hagemann: "Er wusste, dass es so kommen könnte"), hat trotz des abrupten Abgangs "überhaupt keine Probleme" mit seinem Vorgänger: "Das Verhältnis hat sich etwas abgekühlt, aber wir können noch miteinander reden." Sigrist stehe dem Unternehmen "in jedem Fall noch für sämtliche Fragen zur Verfügung".

"Sorgenkinder" im Jean-Frey-Verlag

Vielleicht wird guter Rat bald teuer sein. Denn Sigrist hatte mit der mit der strategisch äusserst wichtigen Eroberung des Zürcher Jean-Frey-Verlags nicht nur mehrere nationale Prestige-Titel in das Basler Verlagshaus einverleibt, sondern auch einige "Sorgenkinder" (Meyer). Während sich "Beobachter" und "Bilanz" erfreulich entwickeln, fahren der "Sport" und die "Weltwoche" jährlich rund je fünf Millionen Franken Verluste ein. Eine rasche Erholung ist nicht in Sicht. Zwar zieht die "Weltwoche"-Auflage derzeit wieder an, aber die Anzeigenerträge bleiben unter den Erwartungen.

Dennoch wollen Hagemann und Meyer an diesem "absoluten Leader-Titel" unbeirrt festhalten. Wie lange dagegen der "Sport" noch Hoffnungen zu wecken vermag, ist ungewiss. Auch der Gratisanzeiger "Basler Woche" bleibt, redaktionellen Anstrengungen zum Trotz, ein schmerzliches Verlustgeschäft.

Fragen um Kompetenz-Vakuum

Gleichzeitig warten auf das erneuerte Leitungs-Duo konzeptionelle Aufgaben. Hagemann: "Wir wollen über die Führungs- und Unternehmensstruktur nachdenken und sie eventuell anpassen." Als erstes wird Beat Meyer in gut einer Woche zum Delegierten des Stammhauses und der Jean-Frey-Gruppe bestimmt. Matthias Hagemann möchte sich stärker um das Zürcher Engagement kümmen und sich auch zum Präsidenten der Jean Frey AG wählen lassen.

Die wichtigste Frage ist nur noch, ob mit dem in Verlagsfragen unerfahrenen neuen Konzernchef nicht ein riskantes Kompetenz-Vakuum entsteht. Hagemann hat keine Bedenken: Meyer sei "so gut vorbereitet, wie er in diesem Rahmen nur vorbereitet sein konnte". Den Rest lerne er pragmatisch "on the job".


Gute Noten für den neuen BaZ-Chef

Berner Drucker stehen an der Spitze der Basler Mediengruppe hoch im Kurs: Mit dem Emmentaler Beat Meyer steht zum dritten Mal in Serie ein Berner an der Spitze des Basler Druck- und Verlagshauses. Peter Sigrist stammt aus Sigriswil am Thunersee, auch sein Vorgänger Erich Reber war gebürtiger Berner Oberländer.

Beat Meyer, zuvor Geschäftsführer der Buri Druck AG in Bern, stiess Anfang 1997 als Direktor der Birkhäuser+GBC in Reinach BL (80 Millionen Franken Umsatz, 400 Mitarbeiter) zur Basler Mediengruppe. Als neuen Gruppen-Chef wählten Hagemann und Sigrist einen Print-Fachmann aus, weil das Druckgeschäft mit 300 Millionen Franken Umsatz mehr als die Hälfte zum Gruppenumsatz beisteuert.

Offensichtlich hat Meyer, Vater zweier erwachsener Töchter und wie sein Vorgänger Sigrist gelernter Buch- und Offsetdrucker, jene Führungseigenschaften, die dem Präsidenten gefallen. Hagemann: "Er ist auf sehr angenehme Art zurückhaltend, selbstbewusst und bescheiden. Er hat eine grosse innere Ruhe und Stärke."

Auch ein Verwaltungsrat einer BMG-Tochter hält viel auf Meyer: "Hochanständiger Typ, erstklassiger Fachmann, menschlich hervorragend." Vielleicht sei er für einen solchen Job "viel zu wenig schlitzohrig".

Meyer selbst sieht sich "als ziel- und resultateorientierter Team-Mensch": "Es können keine Alleingänge sein, sondern nur Team-Lösungen, die zum Erfolg führen."



Hagemann-Interview bei Uebernahme des Präsidiums

21. August 1999

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(c) by Peter Knechtli