Hier könnte eine attraktive BKB/KMU-Werbung stehen.
061 271 63 64




BKB-Chef Werner Sigg: "Es geht mir nie schnell genug"


Im Schnellboot aus dem Schlamassel

Der Chef der Basel Kantonalbank führt vor, wie Staatsbanken den Strukturumbruch nutzen können

Aus dem Schlamassel übernahm Werner Sigg die Basler Kantonalbank. Innerhalb weniger Jahre machte er das angeschlagene Institut zu einer schweizerisch anerkannten Vorzeigefirma.

Die 400 Flaschen Bordeaux, die in seinem Keller reifen, sind seine einzige wirkliche private Leidenschaft. "Mein wirkliches Hobby ist mein Beruf", sagt Werner Sigg, 59, seit 1. August 1993 Direktionspräsident der Basler Kantonalbank (BKB). Kein Wunder: Während andere Kantonalbanken zusammenbrachen, schufen die Basler Staatsbanker letztes Jahr bei einer Bilanzsumme von 10,5 Milliarden Franken einen Rekordgewinn von fast 40 Millionen Franken.

Solche Prachtszahlen haben keine lange Tradition. Noch 1992 diagnostizierten Troubleshooter: "Die Bank war morsch, ohne dass sie es wusste." Dem kommerziellen Wachstum war die BKB administrativ nicht mehr gewachsen, das Management von Direktionspräsident Hans-Jürg Gallusser und der Bankrat unter dem früheren Finanzdirektor Lukas Burckhardt hatte, so ein Branchenkenner, "auf der ganzen Linie versagt". Folge: Kreditverluste in Höhe von 200 Millionen Franken, demotivierte Angestellte, frustrierte Kundschaft.

Mit Sigg wendete sich das Blatt

Seit Werner Sigg, damaliger Generaldirektor der Volksbank, dem Ruf in seine Heimatstadt folgte, hat sich das Blatt gewendet. "Heute sind unsere Mitarbeiter stolz, bei der Basler Kantonalbank arbeiten zu dürfen", glaubt Sigg und streicht sich in seinem Büro, flankiert von Tinguely- und Le Corbusier-Lithografien, durchs weisse Haar.

Eine graue Maus aber ist er mitnichten. "Ich werde relativ schnell ungeduldig. Mir geht es nie rasch genug", sagt der Chef, der sich bei Stellenantritt mit Weisungsbefugnis austatten liess und praktisch die gesamte Geschäftsleitung nach seinem Gusto auswechselte. Sigg weiss, was zählt: "Nicht die Grossen fressen heute die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen", rezitiert er sein Kredo und handelt selbst danach. Notfalls schaufelt er Besprechungstermine innerhalb einer Viertelstunde frei: "Ich bin spontan und arbeite sehr situativ."

Volksbank-Seilschaften aktiviert

Dies machte der önologisch locker wirkende Banker am Rhein deutlich, als er sich mit der Eröffnung einer Vertretung für Private Banking zur Verblüffung der Branche ausgerechnet an die Limmat vorwagte. "Basler Kantonalbank in Zürich", meldet sich am Telefon die Stimme für die gehoben-aktive internationale Klientel, welche die Basler mit sehr schönen Kommissionserträgen füttert. Weniger als eineinhalb Jahre nach Eröffnung verwalten die 18 spezialisierten Zürcher Angestellten - zumeist ehemalige Volksbank-Profis - ein Anlagevermögen von 1,5 Milliarden Franken.

Nicht nur beim Aufbau dieses Geschäftszweigs auf fremdem Territorium nutzt Sigg sein immenses Beziehungsgeflecht und seine weitverzweigten Wurzeln zur Volksbank, wo seine Karriere mit einer Banklehre begann: Schon die Mehrheit seiner sechsköpfigen Geschäftsleitung besetzte er mit vertrauten Managern dieses in der CS aufgegangenen Geldinstituts. Das Sicherheitsnetz modernster Bauart spannt ein früherer Bankverein-Riskmanager.

"Wir sind ein kleines Schnellboot"

"Im Team" (so Sigg) wird dann geschmiedet, was später öffentlich Aufsehen erregt. Die Idee, über eine telefonische Hot Line Frauen durch Frauen beraten zu lassen ("Lady Consult"), hatte eine Kadermitarbeiterin des Kommerzbereichs eingebracht. Sigg zauderte nicht lange, prüfte und realisierte: "Das ist eine unserer Stärken: Wir sind agil wie ein kleines Schnellboot."

Mit ungewohnt frecher Werbung machte sich die Basler Staatsbank die UBS-Fusion zunutze: "Wir wachsen nicht durch Fusionen, sondern durch zufriedene Kunden", hämmerte es aus Anzeigen-Schlagzeilen.

Der erwünschte Effekt an der Marktfront liess nicht auf sich warten: Seit der UBS-Fusions-Ankündigung vergangenen Dezember verdoppelte sich in der BKB die Zahl der Netto-Neukunden, durchschnittlich über alle Bereiche gemessen. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres verhalfen 3'000 neue Lohnkonten zu klaren Marktanteilgewinnen - auf Kosten der Giganten, die KMU vernachlässigten.

Kernkundschaft KMU

Umso aufmerksamer nahm sich die Basler Universalbank ihrer Kernkundschaft an: Schlag auf Schlag schuf sie nachfragegerechte Angebote, die innovativ umsetzen, was die Branchenriesen verschmähten. So leistete Sigg bei einem Kapitalanteil von 40 Prozent Geburtshilfe beim Aufbau der Treuhand-Gesellschaft T. O. Advisco, die ab 1. Juli kleine und mittlere Unternehmen kostengünstig unterstützt.

"Weit über unseren Erwartungen entwickelt" (Sigg) hat sich auch das noch kleine Billig-Broker-Geschäft ("Discount direct") mit derzeit 3'000 Kunden: Der letztjährige Ertrag war in den ersten fünf Monaten dieses Jahres schon überschritten. Per Anfang 1999 bieten die Basler verzinste Euro-Konti für Firmen und Private - eine Konkurrenz, die Crédit Lyonnais und Deutsche Bank spüren dürften. Anders als andere Kantonalbanken, die laut "Weltwoche" 70 bis 90 Prozent ihrer Erträge aus Zinsen erwirtschaften, drosselte der Basler Nischenplayer diese konjunkturabhängige Sparte auf 43 Prozent.

Märkte nach Mass

Der neuen Geschäftsleitung, freut sich der Chef, sei es gelungen, "die Strategie zu entwickeln, die sich als goldrichtig erwiesen hat". Sigg mit dem Stolz des bestätigten Propheten: "Die Märkte entwickeln sich so, wie wir das antizipiert haben."

Unterstützt wird die operative Führung von einem aktiven Bankrat, dessen Präsident Willi Gerster - wie Sigg - "nichts anbrennen lässt". Gerster, einst Poch-Grossrat und heute Vorsteher des Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung Basel-Stadt, versteht sich mit dem parteilosen Sigg ("ein absoluter Glücksfall") ausgezeichnet - auch wenn der operative Chef "für seine Anliegen kämpft".

Sigg verlangt "Riesenfreude" auch von Angestellten

Anders als seine joviale Fassade vermuten lässt, ist Sigg unbänklerisch direkt: "Gegenüber den Mitarbeitern aller Stufen sage ich immer, was ich denke. Man muss bei mir nicht zwischen den Zeilen lesen." Bekannt ist auch sein unverholener Anspruch an die 600 Mitarbeiter, seine eigene "Riesenfreude an der Arbeit" bedingungslos zu teilen und neben der Pflicht- auch Küreinlagen zu bieten. "Wir zahlen sehr gute Löhne, also kann ich auch Höchstleistungen verlangen."

Dabei sind Sigg Entbehrungen nicht erspart geblieben. Mutter und Vater, "einfacher solider Mittelstand", sparten sich die Ausbildung der drei Söhne auch mal an den Ferien ab. Sein Stagiaire-Lohn in Paris deckte nur gerade die Zimmermiete. Das Elternhaus gab ihm die Empfehlung mit auf den Weg, "nur gerade das zu kaufen, was man auch zahlen kann". Damit ist Werner Sigg erfolgreicher Banker geworden: "Ich habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen darüber, wie gut es mir heute geht."

7. Juni 1998

Zurück zu Wirtschaft
Zurück zur Hauptseite

(c) by Peter Knechtli