Aerztin Doris Schopper: "Keine Situation ist total aussichtslos"
Die Geschicke der internationalen Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind jahrelang von einer Schweizerin massgeblich mitbestimmt worden. Jetzt hat die 44jährige Ärztin Doris Schopper die beiden Vorsitze von MSF-Schweiz und -International abgegeben - um im Hintergrund als Ehrenpräsidentin der wachsenden Organisaton weiterzuwirken.

Der 1971 in Frankreich gegründete und 1981 mit einer Schweizer Sektion verstärkte Verein Médecins Sans Frontières nicht zuletzt dank der 44jährigen Powerfrau zu einer professionellen und raschen Hilfsorganisation gemausert, die in den abgelegendsten oder gefährlichsten Weltgegenden ihre hohen ethischen Ansprüche wahrzunehmen versucht.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zollen Doris Schopper neidlos Respekt: Sie besitze grosse Sachkenntnisse, Erfahrung und diplomatisches Geschick und lasse eine ausgewogene Mischung aus Verstand und Gefühl walten. Zudem habe sie willensstark die Organisation mit demokratischem Gespür vor einer lähmenden Bürokratisierung oder Hierachisierung bewahrt und visionäre Strukturen geschaffen, mit denen auch die Anforderungen der Zukunft zu meistern seien.



"Wir helfen, wir beobachten und wir legen Zeugnis ab"

Interview mit Doris Schopper, Ehrenpräsidentin von "Ärzte ohne Grenzen"/"Médecins Sans Frontières"

Von Ruedi Suter

Die internationale Nothilfeorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) ist dem Tatendrang betroffener Doktorinnen und Doktoren der aufmüpfigen 68er-Generation entsprungen. Unterdessen ist MSF zu einer weltweit bedeutenden Organisation geworden. Ihren alten Idealen aber ist sie treugeblieben. Nicht zuletzt auch dank der Schweizerin Doris Schopper, die MSF als Präsidentin leitete und den Laden auf Vordermann brachte. Jetzt will die 44jährige Aerztin kürzer treten - als MSF-Ehrenpräsidentin. Ein Interview.


Reports: Frau Doktor Schopper, Sie treten nach jahrelangem Einsatz als Präsidentin von MSF-Schweiz (1991 bis 1998) und MSF-International (1995/1996, 1997/1998) zurück - haben Sie resigniert, angesichts der nie enden wollenden Kriege und Katastrophen auf dieser Welt?

Doris Schopper: Nein überhaupt nicht! Aber 16 Jahre MSF-Arbeit, die fast immer neben einem anderen beruflichen Einsatz einherging, waren eine rechte Belastung. Ich habe jetzt das Bedürfnis, mich professionell ohne den MSF-Nebenberuf auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich gehöre zur Dinosaurier-Generation (lacht hell heraus), und es ist Zeit, dass nun auch einmal andere Leute die Verantwortung übernehmen. Es braucht frisches Blut, neue Ideen, neue Kreativität.

Sie sagen dem Verein also ganz Adieu?

Doris Schopper: Nein, Ich bin aber noch Ehrenpräsidentin der MSF-Schweiz, so dass ich weiterhin im Namen von MSF-Schweiz sprechen kann. Das tue ich gerne - vor allem in der Deutschschweiz, wo MSF noch zuwenig Unterstützung hat. Ich trenne mich also nicht endgültig von MSF, ich nehme ein bisschen Distanz. Als amtierende Präsidentin wäre dies unmöglich. Denn zu den Aufgaben auf dem nationalen Niveau kommt noch die Arbeit im internationalen Netz von MSF, wo ich die Schweizer Sektion repräsentiere und den Austausch mit den anderen Kollegen pflege, um in Krisensituationen gemeinsame Entscheide zu treffen. Das hat in den letzten Jahren sehr zugenommen und erfordert sehr, sehr viel Zeit. Die ganze Organisation ist viel grösser und komplexer geworden. Fürs Privatleben bleibt da kaum mehr Zeit.

Sie sind also eine eine Karrierefrau...

Doris Schopper: Was ist eine Karriere? (Lacht). Ich habe immer das gemacht, wozu ich mich hingezogen fühlte, da war keine karrierebedingte Gradlinigkeit. Durch die Umstände und meine Persönlichkeit habe ich gewisse Verantwortung übernommen. Ich habe mir nie vorgestellt, Präsidentin von MSF Schweiz zu werden.

Bislang haben Sie auch auf eine Familie verzichtet...

Doris Schopper: Eine Familie war für mich nie so ein Traum wie für viele andere Frauen. Man kann nicht alles haben im Leben. Ich wollte Ärtztin werden und Menschen helfen, die in wirklicher Not sind. Mein Kindheitstraum war, Doktor im Dschungel zu werden. Albert Schweizer war mein Ideal.

Und dies gefiel Ihren Eltern?

Doris Schopper: Um Gotteswillen, nein, die waren überhaupt nicht glücklich darüber (lacht lange). Die waren ganz entsetzt. Dann habe ich Medizin studiert und überhaupt nichts mehr darüber gesagt. Nachher dachte ich, so, jetzt mache ich, was ich immer machen wollte. Und so kam es auch zum Glück. Es ist ja nicht vielen Menschen geschenkt, dass Sie immer das machen können, was sie sich gewünscht haben.

Wie sind Sie zu MSF gekommen?

Doris Schopper: 1981 begann ich Organisationen zu suchen, die eine sinnvolle Aufgabe wahrnahmen. Dabei bin ich in Paris in einem Untergeschoss auf das kleine Büro von Médecins Sans Frontières gestossen. Ich war bei vielen anderen Organisationen zuvor, doch hat mir diese am besten gefallen. Dachte; warum eigentlich nicht? Ich musste aber lange darum kämpfen, um mitmachen zu dürfen. MSF hatten damals wenig Projekte. Es war alles sehr französisch und man mochte diese kleine Schweizerin da zunächst nicht so ernstnehmen (lacht).

Sie leiteten MSF-Schweiz von 1991 bis 1998 und MSF-International von 1995 bis 1996 und von 1997 bis diesen Sommer. Was reizte Sie am Präsidium?

Doris Schopper: In der Schweizer Sektion bin ich ein historisches Überbleibsel, das einzige aus der Anfangszeit 1982/83. Dass ich dann den Vorsitz übernahm, war eigentlich vollkommen natürlich. 1987 bin ich weggegangen in die USA für ein Zusatzstudium in Public Health. Als ich dann zurückkam, übernahm ich 1991 die Präsidentschaft. Es hat sich natürlich so ergeben. Ich war ja am Aufbau beteiligt.

Was hat sich während Ihrer Schweizer Präsidentschaft denn verändert?

Doris Schopper: Ich war von Anfang bei MSF-Schweiz dabei. Alles begann zunächst ganz winzig. Ich habe auch meine Doktorarbeit in einem MSF-Projekt gemacht. Es war das erste Aids-Projekt in der Geschichte von MSF überhaupt, das ich in Uganda aufgezogen habe. Was sich in den letzten sieben Jahren unter meiner Ägide verändert hat? Das Ausmass der MSF-Arbeit. Ich denke da an den zweiten Golfkrieg, Bosnien und natürlich an die Ruandakrise. Das muss man auch sagen: MSF ist durch jede Krise stark gewachsen. Das ist furchtbar, aber es ist so.

Der Krieg als Motor des MSF-Wachstums...

Doris Schopper: Nun, der zweite Golfkrieg 1991 war der erste Anstoss für die MSF-Schweiz, das internationale Büro in Genf aufzumachen. Die dann folgenden Flüchtlingsströme der Kurden in die Türkei bedeuteten den ersten Gross-Einsatz für MSF. Und dann eben der Genozid in Ruanda 1994. Dieser führte zum zweiten grossen Wachstum, was nicht einfach verkraftet wurde. Es löste die erste grosse interne Krise aus.

Krise - wie drückte sich diese aus?

Doris Schopper: Die Kapazität des Genfer Büros war auf einmal viel zu klein für das Ausmass der Einsätze im Feld. Alle waren total überarbeitet und wir sind in eine richtige Managementkrise geschlittert. Zum Glück konnten wir die innerhalb von sechs Monaten überwinden. Danach folgte ein solides, stabilisiertes und besser ausgelotetes Wachstum. Dann haben wir das Büro in Zürich aufgemacht, dazwischen war eines in Bern, das nicht so richtig klappte. Das in Zürich funktioniert jetzt gut. Bei all dem habe ich stark mitgewirkt, als nationale und internationale Präsidentin.

Und die Zusammenarbeit der nationalen Sektionen?

Doris Schopper: Von dieser hat MSF-Schweiz schon viel profitiert. Wir haben jetzt auch ein internationales Emergency-Team, bei dem die Schweiz beteiligt ist. Eine gute Sache: Gross angelegten Aktionen werden nun zusammen gemacht. Einsätze wie jene in Liberia oder um die grossen Seen während der Ruanda-Krise hätten wir als Schweizer-Sektion nie alleine bewältigen können. Damals ist uns auch die Stärke des Zusammenhalts bewusst geworden.

Was dominiert nun - das Kollektive oder das Individuelle?

Doris Schopper: Einerseits ist es sehr gut, dass jede nationale MSF-Sekton ihre Besonderheiten entwickelt, auch selber Initiativen ergreift und dadurch Projekte voranbringt. Anderseits wollen wir auch, dass alle der zurzeit 20 Sektionen eine gemeinsame Linie haben. MSF allgemein verändert sich ja sehr schnell. Die eine Sektion gibt der anderen neue Impulse. Das ist sehr wichtig, da so jede nationale Sektion neue Ideen einbringen, realisieren und Erfahrungen machen kann, von denen dann wieder die anderen Sektionen profitieren können. Ich denke, MSF-Schweiz war vor allem bei bei der Bekämpfung von Aids wegweisend für die anderen Sektionen. Wir waren die erste Sektion überhaupt, was zuerst teils stark abgelehnt wurde - doch jetzt haben wir über 40 solcher längerfristigeren Projekte. Das erste derartige Projekt war das Aidsprogramm in Uganda, das ich ab1989 aufbaute und das erstmals aus dem rein medizinisch-klinischen Bereich herausführte.

Heute ist die Schweizer MSF-Sektion mit medizinischen Programmen in fast 20 Ländern engagiert: Afghanistan, Angola, Äthiopien, Bulgarien, Burundi, Kambodscha, Guatemala, Kasachstan, Laos, Liberia, Madagaskar, Mozambiqü, Nicaragua, Uganda, Philippinen, Südsudan, Thailand, Tibet. Wo liegen die zeitlichen Schwerpunkte?

Doris Schopper: Als nationale Sektion wird man natürlich auch von seiner nationalen Umgebung beeinflusst. Die Schweiz ist eher langzeitprojektorientiert. Wahrscheinlich versuchten wir auch deshalb von Anfang an, Projekte zu realisieren, die eine Langzeitkomponente aufweisen. Die Gründung von lokalen Organisationen vor Ort war für uns schon zu Beginn wichtig, was nicht der anfänglichen MSF-Philosophie des «Wir kommen, helfen und gehen weder» entsprach. Das sind alles Ansätze, die heute allgemein von MSF übernommen wurden.

Doch profiliert hat sich MSF mit medizinischen Feuerwehrsübungen in sehr abgelegenen oder gefährlichen Kriegs- oder Katastrophengebieten.

Doris Schopper: Ja, doch haben sich unterdessen die Aufgaben vervielfacht. MSF ist auch deshalb stark gewachsen. Und die Welt um uns hat sich stark verändert. Ende der 70er Jahre verursachten die Flüchtlingslager in Südostasien und dann in Afrika den ersten Wachstumsschub. Anfangs der 80er Jahre arbeitete ich in einem salvadorianischen Flüchtlingslager in Honduras. 1982/83 war ganz Zentralamerika voll von Flüchtlingslagern! Und heute gibt es dort keine mehr! Auch in Südostasien sind diese riesigen Flüchtlingslager verschwunden. Die gibt es nur noch in Afrika. Doch dort flüchten die Menschen innerhalb ihres eigenen Landes und nicht mehr ins Ausland. Das wiederum ist eine vollkommen andere Problematik.

Ab wann hat MSF dann länger dauernde Hilfe angeboten?

Doris Schopper: In den 80er Jahren, wo wir sehr profesionell geworden sind, haben wir die Soforteinsätze in den grossen Flüchtlingslagern und dann der Aufbau der Gesundheitsvorsorge und die teils jahrelangen Betreuung in den grossen Lagern gelernt. Das waren auch noch Notfallsituationen, aber sie bedingten einen langfristigen Einsatz. Die Flüchtlingslager haben immerhin besondere Ansätze und Strukturen. In einer Stadt zu arbeiten ist wieder etwas ganz anderes. Wir halfen aber auch, die Flüchtlinge in ihre Länder zurückzubringen, sind mitgegangen und haben beim Wiederaufbau mitgeholfen. Das waren alles wichtige Erfahrungen. Wir mussten auch mit der Geschichte dieser Länder mitgehen. Beim Wiederaufbau eines Gesundheitssystems haben wir wieder Erfahrungen bei mittelfristigen Projekten sammeln können. Obwohl die Grundprinzipien gleich wie in einem Flüchtlingslager sind, so sind Arbeit und Perspektiven doch völlig anders. In den Flüchtlingslagern lernten wir die Epidemien zu bekämpfen, besonders Cholera. Dass eine Epidemie das ganze Land und nicht einfach nur die Lager heimsuchen, haben wir letztes Jahr bei der Cholera in Ostafrika gesehen. Diese Epidemien trafen nicht mehr nur die Flüchtlinge, sie trafen die Städte, wo die Cholera wieder anders bekämpft werden muss. Die Meningitis-Epidemie in Nigeria war das gleiche. Sie wütete in den Städten, traf drei Millionen Menschen. Für solche Ausbrüche braucht man die nötigen Kapazitäten, um helfen zu können.

Warum sind Notfallinterventionen zur Ausnahme geworden?

Doris Schopper: Weil wir heute mehr Kapazitäten haben und die Probleme anders sind, haben wir auch die Projekte verlagert. Natürlich machen wir die Notfallinterventionen weiter, aber sie werden dieses Jahr nur noch etwa 20 Prozent unserer Einsätze ausmachen. 50 bis 60 Prozent verwendet MSF heute für den Aufbau der Gesundheitsstrukturen bei notleidenden Bevölkerungen. Ich muss natürlich auch sagen, dass sich gegenüber den 70er Jahren unser Auftritt geändert hat. Früher kamen wir, halfen und verschwanden wieder. Damit haben die Länder heute ihre liebe Mühe. Ueberdies konnten wir bei der letzten Choleraepidemie in Ostafrika nur so rasch reagieren, weil wir in diesen Ländern dauernd präsent sind, weil wir dort schon Verträge mit den Gesundheitsministerien haben, weil wir dort arbeiten und bekannt sind.

Und das ist positiv, obwohl doch auch Abhängigkeiten entstehen?

Doris Schopper: Das ist sehr positiv. Wir arbeiten zurzeit in etwa 80 Ländern und ich denke, der Ansatz sollte mehr sein: Wir haben in den Ländern Projekte über längere Zeit, die sich verändern können und die uns ermöglichen bei Notfallsituationen sofort effizient helfen zu können. Dies ermöglicht uns auch, neue Proleme frühzeitig zu erkennen. Nicht, dass das nun für alle Länder gilt, in denen wir arbeiten, aber sicher für jene, wo die Situation politisch, sozial und wirtschaftlich prekär bleibt. Und bei den Staaten, aus denen wir uns zurückziehen, möchten wir zu den nationalen Helferinnen und Helfern, die mit uns zusammenarbeiteten, die Kontakte weiterpflegen. Wenn dann wieder etwas passiert, können wir schneller handeln.

Doris Schopper: Die Rolle des Lückenfüllers behält MSF dennoch bei...

Die Idee von MSF ist, bei Notsituationen zu helfen, klar, dann aber auch dort, wo die Situation für die Bevölkerung prekär ist. Das kann Krieg sein, das kann aber auch die Lage der Slumbewohner in Manila, Bankok oder sonstwo sein. Wir sind also dort, wo die Bevölkerung am meisten benachteiligt wird, ohne Zugang zum Gesundheitssystem usw. Ich denke aber auch, wir werden dabei vermehrt Europa miteinbeziehen müssen. Wir dachten schon daran, in der Schweiz aktiv zu werden, kamen aber zum Schluss, das sei Sache der Regierung, für die wir keine Lücken füllen wollen, zumal sie die Mittel hat. Aber in Italien, Frankreich, Belgien, Spanien arbeitet MSF schon konkret mit Immigranten und Obdachlosen. Wir haben aber nicht im Sinn, den Regierungen mit unserem Einsatz die Verantwortung abzunehmen. Wir sind hier einfach Lückenfüller, die mit der Zeit von anderen gefüllt werden sollen. in Ländern wie Zaire, das unglaublich reich ist, die Bevölkerung jedoch in grösster Armut lebt, geht dies allerdings auch wieder nicht. Sie sehen, das alles sind schwierige Fragen...

… die innerhalb von MSF auch zu Spannungen führen. Nennen Sie uns doch ein konkretes Beispiel

Doris Schopper: Ja, zum Beispiel das heutige Burundi. Dieses ist einerseits ein Notfall, mit seinem Bürgerkrieg, wo vieles nicht funktioniert. Trotzdem: Ich war vor kurzem dort und sah, dass die Gesundheitsstrukturen relativ gut funktionieren. Hier stellt sich ganz stark die Frage, was soll die Regierung übernehmen? Und was soll MSF machen? Nur in Zonen arbeiten, wo wirklich Notfallsituationen sind? Bei Nordkorea, für das sehr viel Geld da ist, stellen wir uns die gleichen Fragen. Wir haben aber kaum direkten Zugang zur Bevölkerung und können nicht richtig beurteilen, was los ist. Sollen wir da weiterarbeiten? Die Bedürfnisse in der Bevölkerung sind gross, aber was wo genau gemacht werden kann, ist überhaupt nicht klar.

Und wo gibt es Richtungsdiskussionen innerhalb von MSF-Schweiz?

Doris Schopper: Dafür habe ich gerade kein Beispiel. Aber ein Projekt entsteht ja aus einem ganzen Prozess. Im Verlaufe des Prozesses, der in einem Gefüge von Projektkommissionen abläuft, gibt es dann Entscheidungen für oder gegen eine Idee. Die Konflikte sind eher innerhalb eines Projektes, also: Was ist der richtige Ansatz? Wo kann man weitermachen, wo besser nicht?

Steckt MSF-Schweiz in Geldproblemen?

Doris Schopper: Keineswegs. Das Schweizer Budget von MSF beträgt zurzeit 25 Millionen Franken. In Genf und Zürich arbeiten 44 Personen, im Feld mehr als 100. Und wir sind sehr darauf bedacht, ein kontrolliertes Wachstum zu haben. Durch die verschiedenen Krisen in der Welt ist MSF allgemein stark gewachsen. MSF-Schweiz wird vielleicht noch etwas wachsen, MSF-Belgien eher schrumpfen. Wir merken natürlich, dass es eine Art Idealgrösse gibt. Für die Schweiz brauchen wir etwas mehr Geld, aber das Problem ist ja auch, die Spendengelder zu halten. Diese decken 50 Prozent unserer Ausgaben. In der Deutschschweiz geschieht in Sachen Spenden immer noch zuwenig. Es gibt immer noch ein grosses Gefälle zwischen deutschsprachiger und französischsprachiger Schweiz. Aber wir erhalten heute viel mehr Spendengeld aus der deutschen Schweiz.

MSF ist schnell gewachsen. Wie hat sich dies auf die Flexibilität der Organisation ausgewirkt?

Doris Schopper: Das schnelle Handeln ist so Teil unserer Ethik und unseres Handelns, dass wir da keine Probleme haben. Ich würde sagen, Probleme macht uns eher, die Kreativität für Neues wachzuhalten und die individuelle Initiative zu entwickeln. Zudem werden an uns bei der Professionalität immer höhere Anforderungen gestellt. Ich meine, das, was bei allen Hilfsorganisationen in den 70er Jahren geschah, wäre nicht mehr denkbar. Da wurde doch sehr viel improvisiert. Zudem wollen wir heute auch junge Leute in unserer Reihe, die ausgebildet sind und bereits etwas Erfahrung mitbringen.

MSF möchte ja auch vermehrt nationale Mitarbeiter in den hilfsbedürftigen Ländern einsetzen?

Doris Schopper: Ja, das hat sich ja auch sehr geändert. Wir versuchen das, es sind zurzeit aber noch wenige. Wir müssen uns die Richtlinien erst noch überlegen, vor allem dort, wo wir keine nationale Sektion haben. Wir wollen aber keine Rotkreuz-Föderation werden, wir wollen einen starken Kern. MSF ist aus der 68er-Generation entstanden und ist eine europäische Organisation. Das, was uns trägt, ist auch in ein europäisches Wertesystem eingebettet.

MSF will sich vermehrt für Slumbewohner einsetzen: Auf der gleichen untersten Werteskala sind die Indigenen Völker angesiedelt.

Doris Schopper: Natürlich, auch da haben wir viele Projekte. Zum Beispiel bei den indigenen Völkern in Guatemala, Brasilien, Kolumbien, Laos etc.

Was unterscheidet denn MSF heute noch von den anderen Hilfswerken wie das IKRK oder die Föderation der Rotkreuz- und Halbmondgesellschaften?

Doris Schopper: Wir sind da für Notsituationen und Notfalleinsätze. Wir sind eine rein medizinische Organisation und bieten sozusagen Erste Hilfe im medizinischen Sinne. Und gleichzeitig legen wir auch Zeugnis ab. Wir sind an Ort und Stelle, um zu sehen, was da geschieht und berichten. Im Extremfall schreiten wir auch zur öffentlichen Anklage. Das steht jetzt auch in unseren Statuten. Medizinische Hilfe und Zeugnis ablegen, das sind die zwei tragenden Säulen unserer Organisation.

Die Organisation der Mediziner tritt als Anwältin der Entrechteten und Geschundenen auf...

Doris Schopper: Das war schon beim Kambodscha-Exodus so, dann 1984 in Äthiopien, wo MSF rausgeschmissen wurde, und schliesslich 1996 Ruanda: In der Kiwu-Region waren 1.2 Million Menschen gefangen zwischen den Kabila-Truppen und der anderen Seite. Das waren Hutu, und niemand hatte mehr Zugang zu diesen Menschen. Da sagten wir, in solchen Situtationen sterben unseren Erfahrungen nach viele Menschen an Epidemien und anderem. Uns ging es nur darum, darauf hinzuweisen. Für uns war es extrem schlimm, keinen Zugang zu diesen Menschen zu haben. Innerhalb von MSF kam es zu Konflikten bei der Frage, was zu tun sei. Klar war, hier durfte nicht geschwiegen werden, wussten wir doch durch unsere nationalen Helfer, was ungefähr geschah. Wenn man dann alle diese Sachen hört und weiss, kann man nicht einfach sagen, das habe ich nicht gehört. Wir traten deshalb an die Oeffentlichkeit...

...und forderten erstmals in der MSF-Geschichte eine internationale Militärintervention sowie die Errichtung von Sicherheitszonen.

Doris Schopper: Ja, leider ohne Erfolg, wie sich bald herausstellte. Zaire ist heute ein totales Desaster, und nicht einmal die UNO-Kommission konnte recherchieren, was genau geschehen ist. MSF hat aber nie aufgehört, in Zaire weiterzuarbeiten.

MSF musste aufgrund seiner kompromisslosen Informationspolitik auch schon seine Schützlinge verlassen, weshalb zum Beispiel das IKRK bislang lieber schwieg. Wer fällt bei MSF den heiklen Entscheid, an die Weltöffentlichkeit zu treten?

Doris Schopper: MSF als Ganzes. Da machen wir uns intern höchstens den Vorwurf, dass es aufgrund unserer Richtlinien manchmal zu lange dauert, bis wir Informationen rauslassen. Aber wir kämpfen ja auch gegen die Ignoranz und das schnelle Vergessen. Bei Notfallsituationen versuchen wir, die Medien auf dem Laufenden zu halten, auch dann, wenn sie sich die Dinge verbessern. Und wir selbst versuchen über unsere Berichterstattungen die Kontinuität zu wahren und die Medien auf Situationen aufmerksam zu machen, die bereits wieder vergessen sind. Aber das ist eine Knochenarbeit.

Kriegswirren, wie wir sie nun seit Jahren in Ruanda, Zaire, Sierra Leone, Kurdistan, Ex-Jugoslawien etc. haben, sind auf die Dauer unerträglich. Kommt die Feigheit der internationalen Gemeinschaft hinzu, die nichts gegen die Kriegstreiber unternimmt. Wäre es nicht besser gewesen, den Dingen ihren Lauf zu lassen und als MSF keine Hilfe zu leisten?

Doris Schopper: (Vehement) Das ist mit dem medizinischen Ethos nicht zu vereinbaren! Wenn es auf der Autobahn zu einer Riesenkarambolage mit vielen Verletzten kommt, mache ich ja auch nicht einfach nichts. Ich tue, was ich kann, und rette vielleicht Leute, die sonst sterben würden. Ich bin nicht Gott und kann nicht verhindern, dass ich heute einen Menschen kuriere, der morgen massakriert wird. Es geht doch darum, das zu tun, was überhaupt möglich ist in der jeweiligen Situation.

Also lieber lebendig in Schrecken als tot in Frieden?

Doris Schopper: Sehen Sie, wir haben das gerade wieder in Liberia erlebt: Die Situation war ja grauenvoll, mit diesen marodierenden Banden und Militärs, die kein Menschenrecht mehr respektierten. Und das ging jahrelang hin und her, und man hatte kaum Zugang zur terrorisierten Zivilbevölkerung. Doch jetzt ist das Land in Frieden, und es gibt viele Leute, die froh sind, dass wir geholfen haben, und sie nun weiterleben können. Klar, andere sind gestorben, aber so ist das Leben! Es ist absurd, solche Fragen zu stellen, denn im Notfall tut man, was man kann. Die einen sterben, die anderen leben weiter. Hinzu kommt, dass es ja verschiedene Parteien gibt in solchen Konflikten, Regierung, Banden und dann die Zivilbevölkerung. Wir versuchen einfach, den hilf- und machtlosen Menschen zu helfen, den Krieg zu überleben, damit sie nachher ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Das ist unser einziges Ziel, neben der Information.

Das tönt, als wären Sie eine grenzenlose Optimistin!

Doris Schopper: Nein, aber es ist doch keine Situation total aussichtslos! Es ist nie so, dass alle Menschen sterben! Es ist nie so, dass man gar nichts tun kann! Es gibt nur extreme Situationen, in denen man im Augenblick gerade nichts tun kann. Das Problem ist doch, dass Menschen, die solche Fragen stellen, noch nie eine solche Situation erlebt und Hilfe erhalten haben. Als unser MSF-Transport in Vukovar auf eine Mine fuhr und zwei Krankenschwestern schwer verletzt wurden und ich am Boden zerstört war und mit schweren Schuldgefühlen kämpfte, half mir eine Freundin aus dem Libanon, indem sie mir sagte: “Sei Dir bitte bewusst, wie wichtig das für uns damals im Libanon gewesen ist, nur schon zu wissen, dass MSF da war. Dass es Leute gibt, die uns beistehen. Das hat uns enorm Mut gemacht!“ Doch so etwas ist für die viele Schweizer Bürger schwierig zu verstehen, weil sie so eine Situation noch gar nie erlebten. Abgesehen davon: Sich in Sicherheit Fragen zum Sinn einer Hilfe zu stellen, ist sehr einfach.

Wie gehen MSF-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denn mit schrecklichen Erlebnissen um? Gibt es da Bewältigungshilfen?

Doris Schopper: Es gibt ganz schlimme Erlebnisse zu verarbeiten, obwohl MSF ja nicht nur furchtbare Dinge erlebt. Ich selbst habe nie so etwas erlebt, aber das Kibeho-Massaker war so eines, wo unsere Leute 24 Stunden lang in diesem ruandischen Lager miterleben mussten, wie die Menschen wie Hasen abgeschossen wurden. Und sie konnten nichts tun. Nichts! Sie haben einfach geguckt und gezählt. Das einzige, was sie nachher tun konnten, war Zeugnis abzulegen: "Die Regierung lügt, wir haben gezählt, und es wurden nicht 200, es wurden 3'000 Leute umgebracht." Das Team wurde dann evakuiert. Das sind furchtbare Erlebnisse. Die kann man zum Teil in der Gruppe aufarbeiten. Wir geben Betroffenen aber auch individuell psychische und psychiatrische Hilfestellung.

Wer wird nun neuer Präsident von MSF-Schweiz?

Doris Schopper: Olivier Dechevrens, ein Arzt, der mit MSF schon mehrmals im Feld war, bereits im MSF-Vorstand sitzt und Allgemeinpraktiker in Genf ist.

Und jetzt wird alles anders?

Doris Schopper: Nein, nein. Es ist nicht so, dass sich jetzt alles verändert, nur weil ich gehe. Ich habe immer mit dem ganzen Vorstand eng zusammengearbeitet. Ich bleibe ja auch im Kontakt, alleine schon als Ehrenpräsidentin, man kann mich also immer fragen. Der Kurs hängt von den Ereignissen ab. Das Schöne ist doch bei MSF, dass eben noch viel von der persönlichen Initiative abhängt.

Was machen Sie jetzt in Ihrem Leben?

Doris Schopper: Nichts! (Lacht) Ich muss schon sagen, die letzten Jahre waren doch sehr anstrengend. Ich brauche jetzt Zeit, um mich zu regeneriern und um nachzudenken. Kleinere Sachen mache ich noch für MSF, aber nichts mehr auf dem Verantwortungsniveau wie vorher.

Aber Sie haben doch sicher Wunschträume!

Doris Schopper: Ja, ja, (lacht). Mein Beruf war die medizinische Versorgung in den Entwicklungsländern. Ich werde sicher immer in meinem Leben für Menschen arbeiten, die benachteiligt sind und in prekären Situationen leben müssen. Wie ich das mache, ist noch nicht klar. Ich möchte jetzt auch wieder mehr als Medizinierin und weniger als Politikerin arbeiten. Wir haben jetzt bei MSF-Schweiz auch eine Ethische Kommission gegründet. Das wird einiges zu tun geben, vor allem die Erstellung der Richtlinien. Ich möchte aber auch gerne wieder mehr an der Uni unterrichten und in der Forschung mitarbeiten Und dann habe ich ja noch viele andere Interessen, über die ich jetzt nichts sagen will (schmunzelt vergnügt)...

10. September 1998

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(c) by Peter Knechtli