Basel erhält eine S-Bahn nach Europa

Am 1. Juni wird die Linie von Frick (CH) über Basel nach Mulhouse (F) eröffnet

Anfang Juni schreibt die Region Basel ein neues Kapitel Eisenbahngeschichte: Eröffnet wird die erste regionale S-Bahn-Linie nach "Europa" - aus dem aargauischen Fricktal über Basel in die oberelsässische Metropole Mulhouse.

Die Eröffnung der Bahnlinie "ist eine der herausragendsten konkreten Errungenschaften im Dreiländereck", freut sich Christian Haefliger, der Geschäftsführer der Regio Basiliensis. "Das ist unser ehrgeizigstes und utopischstes Projekt der letzten 25 Jahre." Die Freude ist berechtigt: Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Dreieckland war bisher für viele Bürgerinnen und Bürger kaum wahrnehmbar.

Jetzt wird das gern als "Modell-Europa" deklarierte Basel ansatzweise erlebbar: Ende Mai wird die S-Bahn Frick-Basel-Mulhouse in einem offiziellen Festakt eröffnet. Die Bahnlinie hat in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitenden Charakter: Die Einladung zu den Feierlichkeiten haben die Kantone Aargau, Baselland und Basel-Stadt sowie die Région Alsace unterschrieben, das Projekt ist in einem Staatsvertrag geregelt. Die vier Partner teilen sich auch in die Kosten von 14 Millionen Franken für den Umbau des Rollmaterials auf das Zwei-Strom-System und in die betrieblichen Mehrkosten von 2,5 Millionen Franken.

SNCF-Lokführer im Schweizer Regionalzug

Die sogenannte "grüne Linie" ist auch im Verständnis der Schweizer Behörden erst ein ganz kleiner Anfang dessen, was dereinst als intensiver grenzüberschreitender Regionalverkehr etabliert werden soll. Bedient werden in erster Linie das Fricktal und die Gemeinden Pratteln und Muttenz sowie der elsässische Grenzraum zwischen St. Louis und Mülhausen. Damit verkehren erstmals Schweizer Regionalzüge im Ausland - chauffiert von SNCF-Lokomotivführern.

Der von Basel-Stadt und den SBB in einen Personanbahnhof umgebaute Güterbahnhof St. Johann in unmittelbarer Umgebung von 30'000 Arbeitsplätzen, vor allem des Chemieriesen Novartis, macht deutlich, dass die Linie vor allem für die zahlenmässig stark ins Gewicht fallenden Berufspendler gedacht ist. Sie gelangen, ohne am SBB-Bahnhof zeitraubend ins Drämmli umsteigen zu müssen, dank dem neuen Bahnhof St. Johann direkt in die Nähe ihres Arbeitsplatzes. Die S-Bahn macht allerdings auch im fünf Kilometer entfernten regulären SBB-Bahnhof Halt.

Mitterrands Dezentralisierung wirksam

Was Regio-Geschäftsführer Christian Haefliger besonders freut, ist die Tatsache, dass das Elsass Vertragspartner der ersten S-Bahn-Linie ist. Grund dafür ist die von Mitterrand eingeleitete Dezentralisierung, die den Regionen unter anderem die Kompetenz über den öffentlichen Nahverkehr gibt.

Anerkennung zollen die Schweizer Behörden auch den französischen Zollverantwortlichen. Denn die Linie überquert nicht einfach nur Landesgrenzen, sondern die EU-Aussengrenze. Trotzdem wollen die französischen Zöllner die verkehrspolitische Durchlässigkeit nicht mit Schikanen beeinträchtigen, sondern sich auf Stichproben beschränken. Gestattet ist der Personenverkehr zwischen Frankreich und der Schweiz nur mit gültigen Ausweisen und "Waren im Rahmen der Toleranzen". Weil die Fahrzeit zwischen der Elsässer Grenzstadt St. Louis und dem Bahnhof St. Johann für Kontrollen zu knapp ist, soll im neueröffneten Schweizer Bahnhof ein zusätzlicher Stützpunkt für eine vereinfachte Grenzabfertigung errichtet werden.

Verbindung nach Deutschland folgt

Mit insgesamt acht Verbindungen - je vier in jede Richtung zu Anfang und Ende der Arbeitszeiten - ist das Angebot ist derzeit zwar noch äusserst bescheiden. Die rund 70 Kilometer lange Linie wird in fünfviertel Stunden absolviert.

Dennoch glauben die Schweizer Partner, dass sie mit der "grünen Linie" einen historischen Schritt tun werden. Denn mit denselben sechs "Kolibri"-Kompositionen könnte bereits ab 1999 ein Stundentakt betrieben werden. Später ist gar ein Halbstunden-Takt nicht ausgeschlossen. Die "grüne Linie" ist nämlich erst ein Fragment des trinationalen Nahverkehrskonzepts, das die Oberrheinkonferenz 1986 grundsätzlich guthiess, nachdem eine Arbeitsgruppe der drei Staatsbahnen SBB, DB und SNCF einen Planungsvorschlag vorgelegt hatte: Eine sternförmig über Basel angelegten Pilotvairante mit vier Durchmesserlinien.

Als nächstes dürfte die "rote Linie" aus dem Ergolztal in die badische Nachbarschaft vorangetrieben werden, mit der bereits ein Tarifverbund besteht. Das Ziel aber ist es, "das gesamte Regio-S-Bahn-Netz in einen geplanten grenzüberschreitenden Regio-Tarifverbund zu integrieren", wie es in einem Bericht der Basler Regierung heisst.

Schon zählt die Region Basel zu den grössten Tarifverbunds-Regionen der Schweiz, mit der Einführung des Umweltschutzabonnements Anfang der achtziger Jahre erbrachten die beiden Basel eine in ganz Europa beachtete Pionierleistung. Entsprechend wird auch die Eröffnung der "Euro-S-Bahn" am 31. Mai mit einem Volksfest und "Regio-Fest-Pass" zu fünf Franken gefeiert, der freie Fahrt im ganzen Dreiländereck ermöglicht.

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Die dritte S-Bahn

Mit der Basler Euro-Linie entsteht in der Schweiz die dritte S-Bahn. Das mit Abstand grösste S-Bahn-Netz mit 30 Linien und einer Länge von 380 Kilometern ist seit Mai 1990 im Kanton Zürich in Betrieb. Gestern Mittwoch wurde die 115. und letzte Doppelstock-Komposition in Betrieb genommen.

In Bern stehen derzeit zwei S-Bahn-Linien in Betrieb. Allerdings zeichnete sich anfänglich ein Debakel ab, weil die vor zwei Jahren eröffnete Einspur-Durchmesserlinie Schwarzenburg-Langnau in Konolfingen die Anschlüsse Richtung Thun und Burgdorf laufend verpasste. "Heute", sagt SBB-Sprecher Christian Kräuchi, "gibt es immer noch Anschlussbrüche, aber keine nennenswerte Beanstandungen mehr". Nächstes Jahr kommen in der Region Bern nochmals zwei Linien dazu, nämlich Biel-Bern-Gürbetal-Thun sowie Neuenburg/Murten-Bern-Burgdorf.

In Genf investierten die SBB stark in die Strecke vom Hauptbahnhof nach La Plaine an der schweizerisch-französischen Grenze. Es handelt sich aber nicht um eine S-Bahn im klassischen Sinn, die im allgemeinen als Zentrums-Durchmesserlinien konzipiert ist.

30. April 1997

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