Bahnschalter stehen vor dem digitalen Quantensprung

SBB testen neue Computer-Generation für die Verkaufsfront

Ein technischer Generationenwechsel kündigt sich an der SBB-Verkaufsfront an: Ab 1999 sollen an den Bahnschaltern wesentlich leistungsfähigere Computer eingesetzt werden. In Vorbereitung ist auch eine Studie über die Einführung eines elektronischen Fahrausweises.

Im Herbst 1995 hatten die SBB ein arges Problem: Nach der Einführung der Computer-Software "Prisma" stauten sich in den Schalterhallen die Warteschlangen, was dazu führte, dass Bahnbeamte mit Kundenkontakt aus Mitleid in Schalterhallen "Geduldsäpfel" auflegten. Grund: Die heute zwölfjährige Olivetti-Hardware war der damals neuen anspruchsvollen Software kaum gewachsen. Den SBB-Informatikern gelang es indes, die Wartezeiten zu verkürzen.

"Heute", so SBB-Sprecher Christian Kräuchi, "gibt es deswegen keine Reklamationen mehr an der Verkaufsfront". Dies bestätigt ein Basler Schalterbeamter. Ungeduld der Reisekunden aber sei aber immer noch spürbar, wenn sie mit den Fingern auf dem Verkaufskorpus trommeln.

Mit einem neuen Schub an leistungsfähiger Elektronik wollen die SBB sicherstellen, dass der Ticketkauf nie mehr zur Geduldsprobe wird. Die in diesen Tagen in Bern, Basel, Luzern und Lausanne als Pilotversuch aufgestellten neuen Billetautomaten, die auf Bildschirmberührung reagieren und 4'000 Relationen anbieten, sind nur der Anfang einer weitgehenden digitalen Erneuerungswelle.

Neues Computer-System

Zentraler Teil eines Kredits von fast 90 Millionen Franken, den der SBB-Verwaltungsrat letztes Jahr bewilligt hat, ist die komplette Erneuerung der Computer an den 575 Verkaufsstellen mit über 2'000 Arbeitsplätzen und 1'700 Billetdruckern. Nicht nur wird die antiquierte Hardware (Kräuchi: "eine eierlegende Wollmilchsau") ersetzt. In Vorbereitung ist auch eine Ablösung der Verkaufssoftware durch das Betriebssystem "Plattform 2001" und die Anwendungsprogramm "Prisma 2", einer SBB-Eigenentwicklung. Die Programmierung der zentralen Grunddaten stammt von der indischen Software-Firma TKS.

Laut Hans-Rudolf Bütikofer, Sektionschef der Direktion Informatik, sollen die Schweizer Bahnhöfe, allenfalls auch die 200 Privatbahn-Stationen, in den Jahren 1999 und 2000 umgerüstet werden. Kommenden Herbst soll auf dem SBB-Netzwerk ein Pilotversuch stattfinden, bei die Fuktion der Plattform ohne Kundenkontakt getestet wird. Ein Feldtest in mehreren mittelgrossen Bahnhöfen ist im Juli nächsten Jahres geplant. Welches die Test-Bahnhöfe sind, ist noch offen. Sie sollen sich aber in der grösseren Umgebung von Bern befinden.

Noch zurückhaltend reagiert Bütikofer auf die Frage, was sich für die Kunden spürbar ändere. Die Geschwindigkeit des Computers sei sicher ein Aspekt ("dieselben Probleme wie vorletzten Herbst nöchten wir nicht"). Weiter soll, wie Pressesprecher Kräuchi ergänzt, die heutige Gültigkeitsregelung vereinfacht und die bargeldlose Bezahlung ermöglicht werden. Auch sollen telefonisch bestellte Ausweise an einem beliebigen Schalter bezogen werden können. "Im Studium" befindet sich gar eine Auslieferung über Internet.

Gemäss Peter Lehmann, dem stellvertretenden Direktor Personenverkehr, wollen die SBB auch den heutigen Billet-Pluralismus auf drei Formate vereinfachen. So soll beispielsweise für internationale Fahrausweise das Boarding-Format der Luftfahrt übernommen werden.

Zukunftsmusk: Elektronischer Fahrausweis

Noch zukunftsgerichteter - und nicht ohne Auswirkungen auf das Verkaufspersonal - sind Pläne zur Einführung elektronischer Fahrausweise. Eine Gruppe, die noch diesen Monat bestimmt wird, soll ab Herbst eine Studie in Angriff nehmen. In welche Richtung die Forschung geht, ist gemäss Lehmann offen. Eine der Möglichkeiten seien eine Art Kreditkarten nach dem Vorbild der Telecom-Taxcard. Alle Vorschläge hätten das Ziel, "Kundennutzen zu generieren". Peter Lehrmann: "Die Billetbeschaffung für die Bahn muss so einfach werden wie die Benützung des Zündschlüssels für das Auto."

22. Juli 1997

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