Helmut Hubacher: "Der Willy Brandt der Schweizer Sozialdemokratie"

Ein Leben als Session: Der Grand Old Man der SPS tritt nach mehr als 34 Jahren aus dem Nationalrat zurück

Er zählt zu den profiliertesten Politikern der Schweizer Nachkriegsgeschichte. Seine träfe Sprache, seine Bürgernähe und seine Streitlust werden dem Bundes-Bern fehlen.

"Emotional", sagt er, "habe ich mich vom Bundeshaus längst verabschiedet". Faktisch hat er am Freitag, 19. Dezember, seinen Letzten: Helmut Hubacher nimmt Abschied vom Nationalrat.

Ueber 34 lange Jahre konnte er's nicht lassen: Politik, Kampf und begnadete Selbstdarstellung waren sein Ein und Alles. Unter der Bundeshauskuppel erlebte Helmut Hubacher einen ungewöhnlich reichhaltigen Bogen epochaler Geschichte - vom Kalten Krieg zum Fall der Mauer, von der Mirage-Affäre bis zur GSOA. Jetzt macht der amtsälteste Volksvertreter seiner Nachfolgerin, der Basler Juristin Christine Keller, Platz.

Der Grand Old Man

In seiner heutigen Rolle des Grand Old Man im Plenum und des "Papa" in der Fraktion wird er laut einem Parteikollegen "nicht ersetzbar" sein. Hubacher war im Bundeshaus vor allem ein Zuverlässigkeitssiegel für Widerstand gegen die offizielle EMD-Politik. Stolz bemerkt der einstige Soldat, der es nach eigenem Bekunden "vom Rekrut zum Füsilier gebracht" hat, heute gegenüber Freunden, dass sein Kampf gegen die heilige Kuh Militärausgaben Früchte trage und jetzt "Bürgerliche die Armee verkleinern". Wenn sich aber Regelverstösse ereignen wie damals beim Arbeitsgesetz oder jetzt eben mit Ebners Steuertricks, dann erhebt sich die Stimme des 71jährigen Volksvertreters in alter Frische: "Die Herrschaften in den Chefetagen haben jedes Mass verloren."

Eine ähnliche Tonlage herrschte nach der von der bürgerlichen Ratsmehrheit organisierten Wahl von Otto Stich in den Bundesrat an jenem denkwürdigen Parteitag vom Februar 1984 im Berner Kursaal, als die 3'000 Teilnehmenden entgegen der Meinung des Parteipräsidenten für den Verbleib der SP im Bundesrat votierten. Als Parteipräsident dürfe man verlieren, sagt Hubacher in der Rückschau, "aber keine Meinung zu haben, das geht nicht".

Mitglied der "Viererbande"

Die Sozialdemokraten hatten damals offiziell die Zürcher Nationalrätin Liliane Uchtenhagen nominiert. Sie zählte zusammen mit Helmut Hubacher, Andreas Gerwig und Walter Renschler zur gefürchteten "Viererbande" - jener linken Meinungselite, die in den siebziger Jahren autoritär den sozialdemokratischen Tarif durchgab, "gern und gut ass" (so Gerwig) und damit in der Fraktion nicht auf besondere Gegenliebe stiess. Dass der SPS-Vorsitzende im Juli 1982 anlässlich eines Politikertreffens in Ostberlin auch DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker die Hand schüttelte, wurde ihm nach dem Kollaps des Kommunismus von seinen politischen Gegnern genüsslich um die Ohren geschlagen.

"Doch Helmut", bilanziert der frühere Basler Nationalrat Andreas Gerweg, "wurde in seiner Arbeit immer besonnener und auch vom politischen Gegner immer stärker anerkannt". Seine Bücher erregten öffentlichen bundesrätlichen Tadel ("Schwarzbuch EMD") und entwickelten sich zu wahren Bestsellern ("Wohlfahrt - Talfahrt", "Tatort Bundeshaus").

In Basel, wohin er als gelernter SBB-Stationsbeamter versetzt wurde, startete Hubacher seine politische Karriere. Als Journalist bei der Parteizeitung "Basler AZ" fiel er im angeheizten Klassenkampf-Klima als ebenso ungehobelter wie engagierter Rechercheur auf. "Er war Politiker mit einer guten Feder, aber weniger Journalist mit politischem Gespür", erinnert sich ein Zeitgenosse daran, wie H.H., selbst stark im Einstecken, "Leute in die Pfanne haute". Sieben Prozesse trug ihm sein forscher Stil ein, "aber nur einen habe ich verloren".

Der im bernischen Krauchthal geborene Homo politicus, dem man mit Schirmmütze, Pfeife und einem Stapel Zeitungen (NZZ voran!) unter dem Arm häufig in der Umgebung von Bahnhöfen begegnete, schien den Baslern der geborene Volksvertreter. Ab 1956 sass er während zwölf Jahren im Basler Grossen Rat. 1963, kurz vor Kennedys Ermordung, rückte er in den Nationalrat nach. Aber der Sprung in die Kantonsregierung misslang dem Gewerkschaftssekretär, nachdem das Bürgertum gegen das "rote Tuch" Hubacher aufstand und einem wilden Sozi zur Wahl verhalf.

Kreativer Wortschöpfer

Das Fiasko von 1976 war wohl Hubachers grosses Glück: Als Nationalrat konnte er sich ungestört seinem Parteipräsidium hingeben, das er von 1975 bis 1990 dazu benützte, die SP von der straff organisierten Arbeiterpartei zur Volkspartei umzubauen, die auch Umwelt- und Frauenfragen thematisierte.

"Als Parteipräsident war er ein Segen", sagt sein Basler Parlamentskollege Remo Gysin stellvertretend für viele. "Er hat die Sozialdemokratie gefestigt, attraktiv und vernehmbar gemacht." Er sei sogar "der Willy Brandt der schweizerischen SP", schwärmen heute junge Genossen. Auch politischen Gegnern war es eine Freude, ihm während Medien-Auftritten beim Fechten mit bildhaften Wortschöpfungen ("geistige Achtungstellung") zuzuhören: Seine auf den Kern vereinfachte Sprache, die immer auch ein Stück Unterhaltung war, wurde vom Volk verstanden, sein allürenfreier Umgang geschätzt.

"Sauber", so heisst es, habe Helmut Hubacher auch das Präsidentenamt an Peter Bodenmann abgegeben. Bei seinem jetzigen Abschied aus dem Bundeshaus zeige er sich als ein "alter junggebliebener Sozi vom besten Holz".

Allerdings: "Nostalgie-Besuche im Bundeshaus mache ich sicher nicht", sagt der Polit-Pensionär und bekennt, er könnte "problemlos e fuule Siech" sein. Doch ganz hubacherlos wird die politische Schweiz nicht bleiben. Denn sein Sendungsbewusstsein ist ebenso intakt wie seine Schreiblust: Ab Januar veröffentlicht er aus seiner jurassischen Altersresidenz regelmässig Kolumnen - im "Eisenbahner", in der "Schweizer Illustrierten" und in der "Basler Zeitung".

17. Dezember 1997

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