Keine Buh-Rufe im Streichkonzert

Basel, mit "Synergien" erfahren, reagiert kühl auf Roche-Stellenabbau

Die Ankündigung des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche, weltweit gegen 5'000 Stellen abzubauen, ist in Basel auf eine kühle Reaktion gestossen.

Als Roche-Präsident Fritz Gerber Ende Mai bei der Bekanntgabe der Uebernahme des Diagnostikkonzerns Boehringer Mannheim und des amerikanischen Orthopädieunternehmens DePuy über den erwarteten Stellenabbau befragt wurde, antwortete er ausweichend. Er sagte einzig, dass es sicher zu "Synergien" kommen werde. Jetzt ist das Ausmass bekannt: Weltweit 4'000 bis 5'000 Stellen soll die Uebernahme innerhalb von drei Jahren kosten.

Noch vor wenigen Jahren hätte ein Stellenabbau dieser Grössenordnung einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, die Unternehmensspitze wäre an ihre soziale Verantwortung erinnert und die Regierung zum Handeln aufgefordert worden. Heute nichts dergleichen: Am Tag nach der Abbau-Ankündigung durch Roche blieb die Reaktion in Basel zurückhaltend.

Der Hauptgrund dürfte sein, dass die Region Basel von den Konsequenzen zwar keineswegs verschont bleibt - insbesondere der Diagnostika-Standort Kaiseraugst dürfte einige hundert Stellen verlieren -, die Uebernahme aus der Optik des Konzerns aber insgesamt den Werk- und Forschungsplatz Basel festigen wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass die ausländischen Pharma- und Diagnostikbereiche gesamthaft stärker von der Restrukturierung betroffen sein werden als jene in Basel.

Zudem kommt die Ankündigung nicht gänzlich überraschend: Schon kurz nach der Bekanntgabe der Uebernahme hatten die Gewerkschaften das in Arbeitsplätzen ausgedrückte Ausmass der Milliarden-Einsparung auf eine Grössenordnung von gegen 4'000 Stellen beziffert. Die jüngsten Roche-Angaben sind im wesentlichen also nichts mehr als die Bestätigung der seit Monaten gehegten Vermutungen.

An unsicheren Arbeitsplatz gewöhnt

Es kommt dazu, dass sich die Roche-Angestellten bezüglich Sicherheit des Arbeitsplatzes "an Kummer gewöhnt sind", wie sich ein Gewerkschaftsfunktionär ausdrückte: Der interne Restrukturierungsprozess als Daueraufgabe verstärkt Erwartungshaltung und Leistungsdruck ebenso wie ein Klima des "disponiblen Arbeitpatzes".

Der Stellenabbau in der von globaler Konzentration gekennzeichneten Pharmabranche hat bereits eine gewisse Tradition: Schon die Uebernahme des amerikanischen Multis Syntex vor gut drei Jahren, als sich Roche mit einem Schlag von Platz zwölf auf Platz vier der Weltrangliste katapultierte, kam es zu einem Abbau von 5'000 Stellen. Im Vergleich zum Boehringer-Kauf war der damalige Mega-Deal für die Roche-Beschäftigten der Region Basel wohl schmerzhafter als das, was jetzt bevorsteht. Damals wurden einzelne Teile von Forschung und Entwicklung regelrecht amputiert. Dafür - so der Trost der Ungekündigten - hatte sich Roche als eines jener Grossunternehmen positioniert, die aus dem führenden halben Dutzend überlebensfähiger Pharma-Firmen der Welt nicht mehr wegzudenken sind.

Aehnliche Motive mit ähnlichen beschäftigungspolitischen Konsequenzen hatte die im März 1996 angekündigte Elefantenfusion von Ciba und Sandoz zu Novartis: 10'000 Stellen weltweit, davon 3'000 in Schweiz, waren als synergetische Einsparung prognostiziert worden. Die Hausverbände stellten eigens eine Anwältin zur Milderung der Härtefälle ein. Nur: Der Stellenabbau verlief, wie versprochen, "sozialverträglich", die befürchtete Entlassungswelle blieb aus, die Anwältin konnte ihren Dienst guten Gewissens und ohne Pendenzen quittieren.

Kein Anstieg der Arbeitslosigkeit

Novartis hat nicht nur natürliche Abgänge ausgenützt, sondern ist den wirklichen und potentiellen Stellenopfern mit sehr grosszügigen Angeboten zur vorzeitigen Pensionierung entgegengekommen. In der Arbeitslosenstatistik des Chemie-Kantons Basel-Stadt hat sich die grösste Industrie-Fusion der Wirtschaftsgeschichte bis jetzt erstaunlicherweise in keiner Weise niedergeschlagen - im Gegenteil: Heute ist die Arbeitslosigkeit mit 4,6 Prozent noch leicht tiefer als im turbulenten März letzten Jahres (4,7 Prozent).

Den betroffenen Roche-Mitarbeitern bleibt die einzige Hoffnung, dass ihr Management das Stellen-Streichkonzert mit soviel Feingefühl orchestriert, wie es Branchen-Partner Novartis vordemonstrierte.


28. Oktober 1997

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