Genschutz-Initiative teilt die Forschungs-Stadt

In Basel, dem Foskus der Gen-Kontroverse, prallen Gegner und Befürworter aufeinander

Wenn Gen-Food, Deklarationen und Klon-Schaf "Dolly" in die Schlagzeilen geraten, reagiert Basel besonders empfindlich: Hier sitzen die pharmazeutischen Weltkonzerne und die renommierten Foschungsinstitute - aber auch die meisten Kritikerinnen und Kritiker der Neuen Technologien.

Von Basel ging, Anfang der siebziger Jahre, schon der Streit um die Atomenergie aus. Die Nordwestecke der Schweiz darf auch beim neuen grossen Glaubens-Thema der neunziger Jahre die Funktion des Debatten-Schrittmachers in Anspruch nehmen.

Die Parallelen sind interessant: Führende Atomkritikerinnen von damals wie die Münchensteiner Biologin Florianne Koechlin stehen heute auch mit an der Spitze der Gentech-Kritik - bei einem entscheidenden Unterschied: Die atomfreundlichen Elektrounternehmen sitzen nicht in Basel, wohl aber die globalen Konzerne der Pharmazie und die Forschungszentren mit Weltruf, bei denen eine möglichst freie Entfaltung der Gentechnik allerhöchste strategische Priorität geniesst.

Kein Wunder, ist die Meinung der Bevölkerung weniger fassbar als damals beim Aufbruch der Atomdebatte: Basel ist bezüglich Gentechnik eine geteilte Stadt.

Nicht einmal Beat Aellen, Leiter der Nahrungsmittel-Kampagne "Gut statt Gen", will sich auf die Stimmung in der Gentech-Metropole festlegen: "Ueber die Chancen der Genschutz-Initiative in Basel möchte ich keine Prognose abgeben."

Deutlicher sind die institutionellen Fronten in der Stadt, in der regelmässig Nobelpreisträger wie der Molekularbiologe Werner Arber ihre Meriten ernten: Kompromisslose Unterstützung der Gentechnik durch die Pharmakonzerne, die in Basel domiziliete Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften, die universitären Fachinstitute, bürgerlichen Parteien und die beinahe ungeteilte Kantonsregierung.

Einzig die sozialdemokratische Sanitätsdirektorin Veronica Schaller hat sich vor den Wahlen vergangenen November klar als Befürworterin der Genschutz-Initiative bekannt - und wurde trotzdem (oder gerade deshalb) mit zweitbestem Ergebnis gewählt. Dem neuen SP-Wirtschaftsminister Ralph Lewin geht die Initiative "zu weit", er hätte einen moderateren Gegenvorschlag durch das Parlament begrüsst.

Der Phalanx der Wissenschafter stehen auch kritische Stimmen gegenüber, doch sind sie mindestens in der Universität kaum zu vernehmen. Aktiv dagegen sind die Gruppen und Organisationen wie der "Basler Appell", "Gut statt Gen", "Keine Patente auf Leben" oder "Nogerete", die teilweise in Personalunion miteinander verbunden sind. In Liestal BL ist mit der grünen Nationalrätin Ruth Gonseth auch die Präsidentin der "Schweizerischen Arbeitsgruppe gegen Gentechnologie" domiziliert.

Diese Gruppen spüren Aufwind. Selbst das Klon-Schaf "Dolly" - obschon in keinem direkten Zusammenhang mit Gentechnik - hat laut "Appell"-Sekretärin Verena Soldati "die Oeffentlichkeit in gewisser Weise entsetzt über die neuen technischen Möglichkeiten, die sich eröffnen". Auch die weiteren Meldungen der jüngsten Zeit - Gen-Soja, Deklarationsstreit und Toblerone - haben sich laut Soldati "eher förderlich" auf die Genschutz-Initiative ausgewirkt.

Seither verspürt "Gut statt Gen" laut Kampagnen-Chef Aellen "eine deutliche Zunahme der Bestellungen von Unterlagen und Informationen". Vor allem Schulen und Verfasser(innen) von Semesterarbeiter verlangen Hintergründe zu Gen-Nahrung, Mais und Soja. Auch die von den Chemiekonzernen getragene Konkurrenz "Pharma-Information" bestätigt eine allgemein erhöhte Nachfrage nach Dokumentation.

"In Grenzen" hält sich dagegen der Zulauf zu jenen 450 Spitzenköchen, Bioläden und Reformhäusern, die genveränderte Nahrungsmittel ablehnen. Eine besondere Mobilisierung sei jedoch nicht geplant, die spektakulären Meldungen der letzten Wochen sprächen für sich, sagt Aellen: "Die Verunsicherung wächst von selbst."

Die klimatische Verschärfung wird auch deutlich, wenn sich Basler Universitätsprofessoren aktiv in den Kampf gegen die Genschutzinitiative einschalten und in Zusammenarbeit mit der "Pharma-Information" publizistisch oder an genfreundlichen Veranstaltungen ("Forschung rettet Leben") auftreten.

Der grüne Basler Grossrat und Arzt Guy Morin empfand es als stossend, dass Medizin-Professoren unter Nennung ihres staatlichen Arbeitsgebers klar Partei zugunsten der Gentechnik nehmen. In einem Vorstoss wollte er von der Regierung wissen, ob sie eine "Weisung über Verhaltensregeln bei der Beteiligung von hohen Staatsangestellten an Abstimmungskampagnen" erlassen habe.

Die Regierung liess in ihrer Antwort aber keinen Zweifel darüber offen, dass sie den Wissenschaftern ihrer Universität in Sachen Gentechnologie ein hohes Mass an Meinungsäusserungsfreiheit zugesteht und auch ein Auge zudrückt, wenn die Gelehrten ihre öffentlichen Auftritte auch mal mit der Insitution verbinden, die sie vertreten.

Manchmal kommen Basler Professoren sogar ohne ihr Einverständnis zu Ehren. Nachdem der Basler SP-Ständerat und Physikprofessor Gian-Reto Plattner im Ständerat eine von Chemie und Forschung kräftig applaudierte Rede gegen die "mit Sicherheit nicht euro-kompatible Genschutz-Initiative" gehalten hatte, durfte er nicht nur die Gratulation von Novartis-Kadermann und FdP-Nationalrat Johannes Randegger entgegennehmen. Ein Ausschnitt aus dem flammenden Plädoyer samt Konterfei landete flugs ungefragt in einem ganzseitigen Inserat der Kampagne "ForumGen".

Inwieweit Plattner von dieser genfreundlichen Gruppierung "missbraucht" wurde, wie die Basler Zeitung schrieb, muss allerdings offen bleiben. Jedenfalls lag liegt der Tenor der Anzeigenkampagne ganz auf der Generallinie des Basler Ständeherrn, wonach der technische Fortschritt nicht verboten werden könne und die Genschutz-Initiative eine "typisch schweizerische Sinnlosigkeit" sei.

Zwar war Plattner mit dieser Meinung innerhalb der SP-Bundeshausfraktion isoliert und auch die Basler SP ist formell noch unentschieden. "Es fand eine massive Diskussionsverhinderungstaktik statt, die Forschungslobby ist ganz stark", ärgert sich "Nogerete"-Gründungsmitglied und Nationalrätin Margrith von Felten über die Behandlung des delikaten Geschäfts in ihrer Partei. Doch stimmt die Plattner-Position in zentralen Punkten mit dem Positionspapier überein, das die Gewerkschaft Bau und und Industrie (GBI) der Branchenkonferenz der chemischen Industrie zur Beschlussfassung vorlegt.

Soviel lässt sich festhalten: Wer in Basel gentech-kritisch ist und gleichzeitig bei der Pharmaindustrie seinen Lohn bezieht, muss sich angesichts des latenten Stellenabbaus ebenso auf Schuldzuweisung und Rechtfertigungsdruck gefasst machen wie gewählte Politiker. Durch den Bau einer - heute freilich gar nicht gebrauchten - Gentech-Fabrik gleich hinter der Landesgrenze im elsässischen Huningue statuierte der jetzt zu Novartis fusionierte Chemiekonzern Ciba ein nachhaltiges Exempel dafür, wie Weltkonzerne mit lokaler Renitenz umgehen. Die Lust, für Auslagerung von Forschung und Produktion ins Ausland in die Pflicht genommen zu werden, hält sich unter Chemieangestellten wie mandatierten Politikern denn auch in engen Grenzen.

Die radikale Gentech-Kritikerin Margrith von Felten hat damit keine Mühe: "Das ist die alte Argumentationsfalle, denn Gentechnik ist letztlich ein Jobkiller."

In Gesprächen wird spürbar, dass berufliche oder politische Abhängigkeit die Identifikation mit den Strategien der Arbeitgeber fördert. Auf die Frage, ob er bezüglich Gentechnologie im eigenen materiellen Interesse keine andere Wahl habe als sie zu akzeptieren, reagierte ein Basler GBI-Funktionär und Gegner der Genschutz-Initiative enerviert: "Ich bin nicht käuflich!"

Der Gewerkschafter glaubt wirklich an die Zukunft der Technologie. Seine Ehefrau zählt zu den radikalen Kritikerinnen.

10. April 1997

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