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Basler "Pakt für Arbeit" will mehrere hundert Stellen schaffen

Gewerbedirektor Christoph Eymann will mit den Gewerkschaften näher zusammenrücken

Der Basler Gewerbedirektor Christoph Eymann verhält sich antizyklisch: Während landesweit die Sozialpartnerschaft in Gefahr steht, baut der liberale Nationalrat die Kontakte mit den Gewerkschaften aus. Ein Basler "Pakt für Arbeit" soll mehrere hundert neue Stellen schaffen - finanziert unter anderem aus dem Novartis-Fonds.

Hätten herkömmliche Welt-Werte noch ihre Gültigkeit, wäre es ein Bündnis mit dem Klassenfeind. Doch Christoph Eymann, der 45jährige Basler Gewerbedirektor, hält gar nichts von solch fixen Vorstellungen. Erst war es der "Mut zum Aufbruch", dann die grosse Pharma-Fusion von Novartis, die im liberalen Nationalrat die Ueberzeugung nährte: Die Globalisierung der Giganten treibt Gewerbe und Gewerkschaften näher zusammen.

Wenn nämlich deutsche Auto-Produzenten ihre Lieferanten unter gnadenlosen Preisdruck setzen und fusionierende Pharmafirmen wie Ciba und Sandoz über 10'000 Stellen abbauen, sind Gewerbetreibende und Arbeitnehmer gleichermassen betroffen. Vielen Klein- und Mittelbetrieben dämmert es angesichts der immensen Gewinnperspektivben der Kapitalmärkte - Beispiel Novartis - im Vergleich zum Wert handwerklicher Arbeit.

"Wahnsinnig harmoniebedürftig", wie er sich selbst einschätzt, arbeitet der Gewerbedirektor derzeit folgerichtig an einem lokalen Basler Experiment, "das anstelle der fortschreitenden Polarisierung ein neues Verhältnis von Geben und Nehmen zwischen den Sozialpartnern sucht".

Ausschlaggebend für Eymanns Kursbestimmung waren zu Jahresbeginn drei Tagungen des Basler Industriepfarramtes, als ihm ein Gewerkschafter den Satz entgegenschleuderte: "Lasst uns den Beweis erbringen, dass wir keine Unternehmenskiller sind." Eymanns Chef, der Fensterfabrikant Werner Oser, liess sich als Präsident des Basler Gewerbeverbandes nicht zweimal bitten: Er nahm das Angebot an. Denn der Zimmermeister und Chef von 20 Angestellten hält als Gewerbetreibender noch viel davon, "anständig mit unseren Leuten umzugehen".

Schon sechsmal trafen sich seither Gewerbetreibende und Gewerkschaften mit dem Ziel, gemeinsame Interessen zu koordinieren und "kreative Lösungen zur Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen zu suchen". Ziel ist ein Modell, das die Erhaltung des Arbeitsplatzes höher bewertet als die früheren Forderungen nach Lohnerhöhungen. Stichworte: Neue Arbeitszeitmodelle, Finanzierung von Weiterbildung durch vorzeitige Pensionierung, Nutzung der schweizerischen Flexibilität.

"Bis zu den Sommerferien sollen die Grundpfeiler dessen stehen, was wir überhaupt wollen", sagt Eymann und lässt durchblicken, in welche Richtung die Diskussion geht: So soll eine Clearingstelle geschaffen werden, die statt den Einsatz von Temporärstellen einen Arbeitskräfte-Austausch zum Auffangen von Arbeitsspitzen organisiert. Statt dass Maschinisten nebenbei Transporte fahren, könnten drei Firmen zusammenspannen und einen Chauffeur beschäftigen.

Innovative Möglichkeiten sieht Eymann aber auch in der Nutzung freiwerdender Arbeitskräfte aus der Novartis-Fusion: "Fliegende Administrations-Equipen" aus Personalabteilungen der Pharmakonzerne könnten zur Entlastung der Gewerbetreibenden eingesetzt werdern. Fachkräfte aus der Chemieindustrie mit ihrer hochentwickelten Erfahrung könnten Klein- und Mittelbetriebe mit Beratung in den Bereichen Energiesparen und Umwelttechnik beistehen. Eymann: "Ich rechne damit, dass wir bei gutem Willen mehrere hundert Stellen schaffen können."

Zur Finanzierung möchte der Gewerbedirektor zusammen mit den Gewerkschaften den von Novartis angebotenen Fonds von 100 Millionen Franken ebenso beanspruchen wie den staatlichen Energiesparfonds. Allerdings, lässt er durchblicken, könne in der neuen Tätigkeit nicht mehr mit dem hohen Lohnniveau der Chemie gerechnet werden.

Einfach ist dieses lokale Arbeits-Bündnis nicht zu bewerkstelligen. Denn bei seiner Umsetzung, die von den jeweiligen Sozialpartnern erst noch der Zustimmung bedarf, müssten die für 25 Branchen geltenden 12 Gesamtarbeitsverträge gebrochen werden - was allein schon die Kooperation mit den Gewerkschaften erforderlich macht. Entschieden wehrt sich Eymann dagegen, dass dieser Pakt unter Ausnützung des derzeitigen Stellendrucks einem verkapptem Lohnkürzungsprogramm gleichkomme: "Wenn es Lohnabbau gibt, dann höchstens mit Einverständnis der Arbeitnehmerschaft."

Wenn der Gewerbefunktionär und Diener vieler Herren gedankensprühend von der "Chance einer neuen Kultur im Umgang mit den Sozialpartnern" spricht, macht er gerade das Gegenteil dessen, was sich auf landesweiter Ebene in den Grossbetrieben abspielt. Dort haben die Hardliner Hochkonjunktur: Die Gewerkschaften stehen mit dem Rücken zur Wand, von Lohnverhandlungen werden sie ausgeschlossen, die Verträge werden mehr und mehr zur Disposition gestellt.

Dass Eymann die "neue Kultur" nicht zur verbal intensiv versprüht, sondern auch lebt, attestieren ihm auch die Sozialpartner. "Er sucht den Dialog, das kann ich bestätigen", sagt Corinne Panchaud, die Geschäftsleitende Sekretärin des Basler Gewerkschaftsbundes: "Eymann gehört zu den wenigen, die sich zur Sozialpartnerschaft bekennen und auch entsprechend handeln. Solche Leute wünschte ich mir mehr."

Berührungsängste sind dem smarten Liberalen fremd. Getragen von einem aufgeschlossenen 20köpfigen Vorstand machte er mit Grünen von "SonneSchweiz" um Martin Vosseler gemeinsame Sache unter dem Motto "Arbeit für das Gewerbe - Nutzen für die Umwelt". Für eine Drogenkontaktstelle bewilligte sein Verband 120'000 Franken. Vergangenes Jahr war Eymann ("Die Umwelt braucht neue Allianzen") Präsident des Patronatskomitees für das europäische Naturschutzjahr. Und im Streit um den Ausbau der Messe Basel half Eymanns Vermittlung mit dazu bei, dass Begrünung geschaffen und Sonnenenergie genutzt wird. Der Basler Gewerbeverband gehört - "Vorsprung durch Vorausdenken" - zur Trägerschaft des Regionalen Umweltschutzzentrums in Weil am Rhein. Christoph Eymann unterstützt den Tropenholzschützer Bruno Manser.

Mit seiner auffällig offenen und unabhängigen Art, die auch im links-grünen Lager unverholenen Respekt abverlangt, stösst der Verbandsdirektor bei seiner Basis nicht immer auf Verständnis. Das stört ihn nicht besonders, dann geht er hin und erklärt. "Andere Gewerbeverbände verstärken das lauteste Jammern. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, vorauszuschauen." Dabei beruft er sich auf die Statuten aus dem Jahre 1834, die ihn auf das "Wohl des Gewerbes" verpflichten.

Irgendwelchen Interessengruppen nach dem Mund zu reden, ist nicht sein Stil: "Durchschnittlich drei böse Briefe pro Monat" - auch mal vom Schweizer Gewerbeboss Pierre Triponez - sind der Preis, den der originelle Kopf für seine Linie bezahlt.

10. Mai 1996

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(c) by Peter Knechtli