Das Leben mit dem Stellen-Schock

Die Schweiz vor der Aufgabe, die Arbeit neu zu verteilen und den Erwerb neu zu definieren

Mit der Basler Pharma-Fusion hat der Stellen-Schock einen neuen Höhepnkt erreicht. Doch die zentrale gesellschaftliche Debatte über neue Jobs und Arbeitszeitmodelle lässt auf sich warten. Dabei bietet die Arbeitswelt auch vielversprechende neue Perspektiven.

Katja (13) aus Glarus möchte die Atomkraftwerke abstellen, Martina (12) aus dem bündnerischen Masein schwärmt von "weniger Strassen" und Yvonne (11) aus Baar wünscht sich ein Verbot von Tierversuchen: Blockhüttenromantik ist zentraler Inhalt der Zukunftsträume einer Schweizer von morgen, die Schüler zur 700-Jahr-Feier in Buchform verewigten.

Für Helvetias jubilierende Jugend war kein Thema, was heute ihre Mütter und Väter mehr als alles andere umtreibt: Nackte Existenzangst. Sie wird nicht nur zunehmend in Beratungsstellen und medizinischen Sprechstunden ruchbar, sondern in jüngster Zeit selbst in den Büros der Militärjustiz. Auf dem Tisch von Jürg van Wijnkoop, dem Oberauditor der Schweiz Armee, häufen sich die Verschiebungsgesuche von Wehrmännern, die fürchten, während ihrer dienstlichen Absenz den Arbeitspatz zu verlieren. Auch mehren sich die Fälle, in denen Dienstpflichtige aus dem gleichen Grund schon gar nicht mehr einrücken.

Die Depression der Werktätigen lässt sogar Gewerkschaftsbosse verzweifeln: Die organisierte Basis liess sich bisher partout nicht in Wallung bringen, an Streikfähigkeit ist schon gar nicht zu denken. An einer Urnenabstimmung über Kampfmassnahmen in der Basler Chemieindustie Anfang Jahr nahm nur gerade jeder Dritte teil.

Die Angst um den Arbeitsplatz erhielt in den letzten Tagen zwei neue Rechtfertigungen:

- Die neusten Wirtschaftszahlen dieser Woche zeigen: Der schrill beschworene Aufschwung begann bisher nicht im Kopf, sondern bloss auf Papier. Das Bruttoinlandprodukt kommt nicht auf Touren, es herrscht Konsumflaute, Wirtschaftsexperten rechnen erst in der zweiten Jahreshälfte mit einem Konjunkturanstieg.

- Der letzte Woche bekanntgegebene Zusammenschluss von Ciba und Sandoz zur Novartis zeigt erstmals in dramatischer Art, wie die Späne fliegen, wenn heute multinationale Konzerne umgeschichtet werden. Allein in der Schweiz wird die Pharmafusion in den kommenden Monaten über 3'000 Stellen kosten.

Dass weitere Multis diesem Beispiel folgen werden, ist viel eher wahrscheinlich als ausgeschlossen. "Es würde mich nicht verwundern, wenn der Bankverein in den nächsten Jahren mit der Bankgesellschaft zusammenginge", spekuliert ein SBV-Banker des mittleren Managements in der Gewissheit, dass Fusionen im Bankenbereich wegen stark überlappender Tätigkeit den Stellenkahlschlag noch stärker als bisher beschleunigen könnten.

Jahrelang hatten die Unternehmer ihre Arbeitnehmer zu mehr Flexibilität und Mobilität gedrängt. Jetzt wird deutlich, dass auch praktizierte Opferbreitschaft die Stelle nicht garantiert: Der Zusammenschluss von Weltkonzernen hat nur dann Sinn, wenn er die Produktivität erhöht und gleichzeitig massiv Kosten senkt - allen voran die Personalkosten.

Der Trend ist in den USA schon seit Jahren erkennbar: Durch Fusion, Vernetzung und verflachte Hierarchien trimmten sich zahlreiche Unternehmen fit. Diesem Trend folgen immer mehr Schweizer Firmen. Es ist, als fände der modische Körperkult in der Wirtschaftswelt sein Pendant: Wer zu spät zur Schlankheitskur antritt, bestraft das Leben.

Dabei zeigt sich die Dialektik von Arbeit und Kapital immer unbarmherziger: Der Jubel der Investoren ist das Elend der Arbeitenden. Je mehr Stellen wegoptimiert werden können, desto wilder explodieren die Aktienkurse. Der Novartis-Deal bescherte den Investoren innerhalb weniger Tage eine Wertsteigerung von 18 Milliarden Franken. Einem durchschnittlichen Kleinaktionär bescherte die Sensationsnachricht innert weniger Stunden einen theoretischen Gewinn von 100'000 Franken.

Die Lohnempfänger dagegen drückt die Last der Brötchengeber: Gefragt sind beliebige Verfügbarkeit, grössere zeitliche Einsatzbereitschaft und die Fähigkeit, dem immer brutaleren, von oben nach unten delegierten Ergebnisdruck standzuhalten - mit allen psychologischen Folgen. "Ich spüre, dass das Leben an mir vorbeigeht", schildert ein junger Bankprokurist und Vater zweier Kinder, wie die erhöhte Präsenzerwartung seine Möglichkeiten zum Familienleben immer stärker einschränkt.

Die Chrampfernation Schweiz nähert sich japanischen Verhältnissen, die soziale Balance schlägt aus: Das unerbittliche Diktat des Marktes erobert sich Vorrang vor den privat-familiären Ansprüchen.

Ganz ohnmächtig sind die Arbeitnehmer den folgenschweren Manövern der Wirtschaftsregierung nicht ausgeliefert. Die Chance auf einen sicheren Job steigt in dem Mass, wie sich Arbeitnehmer zur puren Selbstbehauptung das Flexibilitäts-Dogma ihrer Arbeitgeber zunutze machen.

Dem Erwartungsdruck kann nur noch standhalten - oder durch selbstbestimmte Neuorientierung ausweichen -, wer sein Erwerbsverständnis radikal ändert. Die Berufswahl als schicksalsträchtige Lebensentscheidung ist ebenso passé wie die lebenslängliche Firmentreue als ethischer Grundwert. Alusuisse-Lonza-Chef Theodor Tschopp sagte gegenüber dem Wirtschaftsmagazin "Bilanz", wohin die Reise geht: "Früher hat man Mitarbeiter ausgezeichnet, die 40 Jahre im gleichen Betrieb waren. Heute müsste man Unternehmer bestrafen, die Mitarbeiter 40 Jahre lang mit der gleichen Aufgabe betrauen."

Wie das Zappen vor dem Fernseher wird auch das Zappen von Job zu Job zum gesellschaftlich akzeptierten Normalfall. Gilbert Ambühl, Adjunkt der Abteilung Berufsbildung im Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga), sieht erst den Anfang einer neuen Entwicklung gekommen, in der alles fliesst: "In zehn bis zwanzig Jahren wird es die herkömmlichen Berufe nicht mehr geben. Es gibt dann vielmehr Tätigkeiten, in denen die Kompetenz angewendet hat, die man gelernt hat."

Laut Ambühl kamen Autofachlehrer im Rahmen eines Nachdiplomstudiums zum Schluss, dass in Handwerksberufen der technisch immer komplexeren Autobranche künftig vor allem Schlüsselqualifikationen und das Know-how zu vermitteln sei, wo spezifisches Fachwissen abgefragt werden könne.

Aus der starren Laufbahn wird in wechselnden Formen temporär ausgelebte Begabung. So wird der Feinmechaniker mit digitalem Flair dank Zusatzausbildung plötzlich als Techniker in einem Computerhaus stehen, die Bauzeichnerin plötzlich in einer Marketingabteilung, die Pädagogin in der Multimedia-Produktion.

Dass die Arbeitnehmer der Zukunft ihre Tätigkeit im Verkauf ihres Erwerbslebens drei- bis fünfmal wechseln und dabei die "Ausbildung wie ein Fundament" nutzen, hat für Klaus Wagner, Chef des baselstädtischen Amtes für Berufsberatung, klare Vorteile: "Die Tragweite des ersten Berufsentscheides wird vermindert." Eltern künftiger Lehrlinge sind heute angesichts der jährlich 30 bis 60 neuen oder veränderten Berufe zwar häufig ratlos, gleichzeitig aber entfällt die Belastung, möglicherweise einen Fehlentscheid getroffen zu haben. Wagner: "Wichtig ist, dass der Lehrling dort einsteigt, wo er sich wohlfühlt. Die Frage, welche Tätigkeit er später ausübt, ist sekundär."

Umso häufiger thematisiert in Einstellungsgesprächen Urs Stolz, Personaldirektor der Genossenschaft Migros Zürich, die grösstmögliche Anpassungsbereitschaft. Probleme schaffe dies nicht: "Zum Detailhandel gehört der rasche Wandel. Die Leute sind zu Mehrleistungen wie Wochenendarbeit oder Spezialeinsätzen hervorragend motiviert." Allerdings räumt Stolz ein, dass die Karriereplanung schwieriger geworden sei und sich auf einen Zeithorizont zwischen fünf und höchstens zehn Jahren beschränke.

Jetzt, wo Wetterleuchten weitere Job-Katastrophen ankündigen, sind weder Bund noch Kantone auf die neuen Herausforderungen vorbereitet. Es gibt keine ausführungsreifen Konzepte für eine sozialverträglichere Verteilung der Arbeit (derzeitige Arbeitslosenquote: 4,6 Prozent). Schon vor zwei Jahren legte die Gewerkschaft Bau und Industrie ein umfangreiches Dossier vor - ohne bemerkenswerte Reaktion.

Für Biga-Direktor Jean-Luc Nordmann ist es auch "nicht Aufgabe des Staates, der Geselschaft neue Arbeitszeitmodell aufzuzwingen". Vielmehr sei es, analog zum "Pakt für Arbeit" in Deutschland, Aufgabe der Sozialpartner, diese Diskussion zu führen. Der Staat müsse dazu bloss die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.

Ein Zugpferd der verspäteten Debatte könnte Novartis-Präsident Alexander Krauer werden: Er will über neue Teilzeitmodelle mit sich reden lassen und stellt zur Abfederung der Fusions-Folgen einen Fonds von 100 Millionen Franken zur Verfügung. Mit diesem Geld sollen auch Arbeitnehmer zur Gründung neuer Unternehmen motiviert werden.

Grosse Kombinate werden dabei nicht massenweise aus dem Boden schiessen. Aber für phantasievolle Nischenunternehmen ist Nährboden für Wertschöpfung vorhanden, nicht nur im Bereich der Spezialitätenchemie. Eine "Renaissance des Handwerks" als Folge der künftig auf Langlebigkeit angelegten Produkte prognostiziert der Unternehmensberater Willy Bierter. Auch die globalen ökologischen Herausforderungen - Klimaveränderung, Ressourcenverknappung, steigende Energie- und Entsorgungspreise - bieten nach Meinung von Fachleuten im postfossilen Zeitalter ein grosses Entwicklungspotential. Dazu gehören auch völlig neue Beratungsformen.

Ob gleich so viele Geld herausschaut wie bei McKinsey oder der Boston Consulting Group, muss sich erst noch zeigen. Hier dürfen international agierende, begabte Berater Mitte zwanzig mit 100'000 Franken Anfangs-Jahreslohn rechnen. Das ist freilich immer noch wenig im Vergleich zum Gewinn, den ein Glücklicher letzte Woche dank Kursexplosion mit Ciba-Call-Optionen realisierte: 1,9 Millionen Franken.

16. März 1996

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(c) by Peter Knechtli